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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Dreißigstes Kapitel.

Das Einglas des Staatsanwalts glänzte und flimmerte unruhig, aber seine Rede war ruhig und schlicht, er schien jede Heftigkeit nieder zu halten. Er begann mit einer scharfen Darlegung von der Ungeberdigkeit und Anmaßung der heutigen Dienstboten, zu der oft auch wie im vorliegenden Fall Untreue hinzukäme. Die Geschworenen nickten einverständlich. Nun aber fügte er hinzu, daß leider die Schuld des Angeklagten mit Händen zu greifen sei; den Einwand der Nothwehr entkräftete er, indem er so behutsam als bestimmt aufzeigte, daß man diesen Ausweg erst nach Umhertasten nach anderen ausgemacht habe; es bleibe mehr als auffällig, daß man den von Landolin geworfenen Stein, der blutig und kenntlich war, alsbald beseitigt hatte, den vermeintlich von Vetturi geworfenen habe man freilich gefunden, weil er offenbar absichtlich hingelegt war.

Landolin schüttelte heftig den Kopf bei diesen Worten. Der Staatsanwalt machte eine Pause, dann fuhr er ruhig fort, und da nur Gerechtigkeit walten solle, beantragte er: Schuldig des Todtschlags mit mildernden Umständen.

Als er geendet, wollte Landolin seinem Vertheidiger etwas sagen, dieser aber erwiderte, er möge warten, und begann mit hinreißender Beredsamkeit die volle Unschuld des Angeklagten darzulegen, und wie er nun die Bedeutung und Ehrenhaftigkeit Landolins schilderte, schlug dieser selber die Augen nieder. Einen mächtigen Eindruck machte es, da der Vertheidiger mit erhobener Stimme rief. »Meine Herren Geschworenen! Der Angeklagte war selber zum Geschworenen ernannt für diese Gerichtssitzung; er sollte unter Ihnen sitzen und nicht hier, und ich erwarte von Ihrer schlichten Geradheit, daß er bald wieder Schulter an Schulter bei Ihnen, er gehört zu Ihnen. Wer von Ihnen sich frei fühlt von jeder Zorneswallung, die ohne sein Zuthun einem unglücklichen Zufall begegnen konnte, wer sich frei fühlt von jedem natürlichen Fehltritt, der hebe den Stein auf, das steinigende Wort Schuldig. Im Einverständniß mit dem Angeklagten verwerfe ich die mildernden Umstände, denn das ist nur eine Umwickelung des tödtlichen Steinwurfs. Ich verlange den Wahrspruch: Unschuldig!«

Eine murmelnde Bewegung ging durch die Zuhörerschaft, so daß der Vorsitzende drohte, er werde den Zuhörerraum schließen lassen, wenn noch einmal solche Unruhe sich laut mache. Unter allgemeiner Stille faßte nun der Vorsitzende das Für und Wider zusammen und legte es in die Wagschalen. Als er geschlossen hatte, fragte er Landolin, ob er noch etwas zu sagen habe.

Landolin erhob sich und nickte, er schärfte sich die trockenen Lippen und begann:

»Meine Herren Richter! Meine Herren Geschworenen! Ich . . . ich bin schuldig . . .«

Wieder toste ein Murmeln durch den Saal, aber der Vorsitzende wiederholte seine Drohung nicht, er war selber zu sehr ergriffen von diesem Worte, und selbst der Vertheidiger konnte nicht umhin, die Arme wie verzweifelnd auszustrecken; das Einglas des Staatsanwalts schien höher zu glänzen, und sein Gesicht hatte einen frohlockenden Ausdruck. Als wieder Ruhe eingetreten war, fuhr Landolin fort:

»Ja, ich bin schuldig, ich verdiene Strafe, gerechte Strafe, aber nicht für das, worauf ich hier angeklagt bin, mir gehört eine Strafe, weil ich so weichmüthig, so mitleidig gewesen bin und den elenden Burschen nicht bei Gericht angezeigt wegen seines erwiesenen Diebstahls. Meine Herren Geschworenen! Ihr zwölf Männer! Es ist grausam hart, daß solche Männer wie Ihr mitten aus der Ernte heraus hier einen ganzen heißen Tag sitzen müssen, und warum? Wegen eines elenden Knechtes, dessen Leben nicht solche zwölf Stunden von zwölf Ehrenmännern werth gewesen ist. Ich will von mir nicht reden, daß ich so dastehen muß; ich sage nur, ich hätte nicht so weichherzig sein sollen, ich bin dadurch mit daran schuld, daß es mit den Dienstleuten nicht mehr auszuhalten ist. Dafür verdiene ich Strafe, für sonst aber nichts. Hätt' ich mich von ihm auch noch sollen umbringen lassen? Und ich, der ihn so geschont hat, ich soll ihn getödtet haben? Ich soll mich und meine Frau und meine Kinder, meine Ehre, Haus und Hof auf's Spiel gesetzt haben für so einen, ich will ihn nicht schimpfen, er ist todt.« Die Stimme Landolins bebte, er schien nicht weiter reden zu können; der Verteidiger raunte ihm leise zu: »Schließt nicht damit! Wiederholt noch einmal, daß ihr schuldig seid,« und Landolin rief nochmals: »Ich bin schuldig, den Dieb nicht angegeben zu haben. Dafür bin ich schuldig. Weiter nicht.«

Landolin setzte sich und bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen, er schien zu weinen.

Der Vorsitzende übergab dem Obmann der Geschworenen den Fragebogen, Alles erhob sich, Landolin wurde in das Zimmer der Angeklagten geführt. Unterwegs drückte ihm sein Sohn die Hand, sie konnten beide kaum ein Wort hervorbringen.

»Herr Gerichtsbote,« fragte Peter, »darf ich jetzt zu meinem Vater?«

»Ja wohl!«

»Aber ich will allein sein!« entgegnete Landolin herb. Die Thüre schloß sich hinter ihm.

Die Thoma hätt' er zu sich gelassen, mich will er nicht dachte Peter und schlimme Gedanken ketteten sich daran und machten seine Zähne knirschen.

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