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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Landolin saß still und betrachtete seine Hände, sie waren weich und weiß geworden im Gefängniß. Nur wenn ein neuer Zeuge aufgerufen wurde, erhob er den Blick und starrte den Aussagenden an.

Die Entlastungszeugen sprachen unsicher, sie hatten den Vetturi auf den Haufen der Pflastersteine fallen sehen, aber ob der geworfene Stein über ihn weggeflogen war, konnten sie nicht mit Bestimmtheit behaupten, nur der Schmied vom obern Dorfe wollte das ganz deutlich wahrgenommen haben.

»Nehmt Euch in Acht vor dem Meineid!« rief der Staatsanwalt, und der Vertheidiger erhob heftig und entschieden Einsprache gegen diese Einschüchterung des Zeugen; auch die Geschworenen steckten die Köpfe zusammen und sprachen leise mit einander. Der Vorsitzende ersuchte in höflicher Redewendung, aber in sachlicher Strenge den jugendlichen Staatsanwalt, derartiges ihm zu überlassen. Der Vertheidiger ließ sich aber diesen Zwischenfall nicht entgehen und setzte einen großen Trumpf drauf. Es dauerte eine Weile, bis die Verhandlung wieder in ruhigen Gang kam, und als eben Anton vorgerufen wurde, bat der Vertheidiger, den angekommenen Kreisarzt, der wieder abreisen müsse, zuerst zu vernehmen. Die Aussage des Arztes war indeß ganz ohne Belang. Nun wurde Anton vorgerufen. Die Blicke Aller spannten sich.

Das eiserne Kreuz auf der Brust Antons hob und senkte sich, denn er athmete tief und schnell.

Bei der Vorfrage nach der Verwandtschaft sagte Anton mit bewegter Stimme, er sei damals, als das Unglück sich ereignete, der Bräutigam von der Tochter des Angeklagten gewesen. Der Staatsanwalt beantragte hierauf, daß Anton nicht vereidigt werde, der Vertheidiger aber bestand darauf. Der Gerichtshof zog sich zur Entscheidung zurück, kam indeß bald wieder, und der Vorsitzende verkündete, daß Anton Armbruster nicht zu vereidigen sei; der Vorsitzende fügte indeß mit eindringlichen Worten hinzu, daß man von Anton mit Zuversicht erwarte, er werde, seiner besondern Ehre eingedenk, mit reinem Gewissen die volle und ganze Wahrheit sagen.

»Das werde ich,« sagte Anton. Alles hielt den Athem an, und Landolin klammerte seine beiden Hände fest um die Brüstung vor seinem Sitze. Schlicht und geläufig sagte nun Anton, daß es seine Ueberzeugung sei, Landolin habe den Vetturi nicht tödten wollen; er könne indeß nicht sagen, daß er den Vorgang deutlich gesehen, er sei mit seiner Braut an der Hand unter das Hofthor getreten und habe für nichts anderes ein Auge gehabt. Er hielt schwer aufathmend inne, und der Vertheidiger fragte, ob er sich nicht erinnere, was er bei der Rückkehr aus dem Hause des Verunglückten am Brunnen zu Landolin gesagt. Anton entgegnete, er habe nicht gesprochen, sondern Landolin.

Mit soldatischer Bestimmtheit gab Anton auf jede Frage die Antwort und schloß, es sei nicht denkbar, daß ein Mann wie Landolin, daß ein Vater am Verlobungstage seiner Tochter einen Menschen tödten wollte.

Ohne nach Landolin aufzuschauen, kehrte Anton auf seinen Platz zurück, und auch dort sah er nicht auf, seine Wangen glühten und sein Auge glänzte.

Als Tobias aufgerufen wurde, ging er breitspurigen Schrittes dahin, grüßte den Gerichtshof, die Geschworenen und am längsten seinen Herrn. Mit großer Sicherheit legte er nun dar, daß er nie geglaubt hätte, der armselige Vetturi, der zu faul gewesen sei, eine Garbe zu lupfen, hätte einen solchen Stein werfen können; zum Glück sei der Stein just vor den Füßen des Meisters niedergefallen, sonst säße Vetturi da oben und der Meister liege im Grab.

Der Staatsanwalt suchte Tobias durch Fragen in die Enge zu treiben, aber dieser schien auf Alles gefaßt und gab lächelnd Antwort, ja, er sagte zuletzt keck, wer dabei gewesen sei, müsse es doch besser wissen, als der Herr Staatsanwalt.

Fidelis wurde aufgerufen, es gab eine Vorverhandlung, ob er vereidigt werden könne, weil er zur Zeit Knecht Landolins gewesen war. Es machte einen guten Eindruck, als Landolin sagte, Fidelis sei ein ordentlicher Mensch gewesen und werde nichts aus Haß gegen ihn aussagen. Von diesen Worten des Meisters war Fidelis einen Augenblick verwirrt, dann aber gab er rund und bündig seine Aussage: Vetturi habe sich nicht gebückt und keinen Stein aufgehoben, aber der Meister habe geworfen, und es sei ihm gewesen, wie wenn der Stein ihm selber an den Kopf fliege.

Der Vertheidiger fragte, ob Niemand mit dem Zeugen über das, was er gesehen haben wolle, gesprochen habe, worauf der Staatsanwalt erwiderte, wenn solche Fragen aufs neue gestellt würden, so werde er fragen, ob nicht Tobias dem Fidelis habe einreden wollen, er habe Anderes gesehen.

»Muß ich darauf antworten?« fragte Fidelis. Der Vorsitzende entgegnete, er habe weder auf dieses noch auf jenes zu antworten.

Die Zeugenverhöre waren geschlossen, es trat eine Pause ein, und es war wie letztes Waffenrüsten im Heerlager der Anklage und Verteidigung.

Es war dunkel geworden, die Lichter wurden angezündet im Saale, zuerst erschien die Richterbank erkennbar, dann die Geschworenen, der Vertheidiger und Landolin, zuletzt die Zuhörer, es schien keiner zu fehlen, ja ihre Zahl schien sich noch vermehrt zu haben. Es war dumpf und schwül im Saal. Der Kampf begann.

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