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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Den Blick zu Boden gewendet und bedächtig schreitend, kam Landolin in den Saal, er schien nach der Geschworenenbank gehen zu wollen, aber der Gerichtsbote faßte ihn am Arm und bedeutete ihn nach der Bank der Angeklagten.

Als Landolin oben stand. richtete er sich gewaltsam auf und schaute frei umher; er mochte es aber doch wie einen Schleier vor seinen Augen fühlen, denn er fuhr wiederholt mit der Hand über die Augen. Er sah seinen Sohn Peter, der ihm zunickte, nur mit einer leisen Kopfbewegung gab Landolin zu verstehen, daß er ihn gesehen habe. Er erkannte die Männer und Frauen aus seinem Dorfe und aus den Nachbardörfern, das rothe Kopftuch der Schaubkäther war nicht zu sehen.

Mit scharfem Blick musterte Landolin nun die Geschworenen; er kannte sie alle, sie sahen ihn starr an, keiner gab ihm auch nur mit einem Augenzwinkern zu verstehen: ich kenne Dich und werde gut gegen Dich sein.

Der Sägmüller war nicht unter den Geschworenen.

Wer ist Obmann?

Titus. Er hat eine weiß und roth gesprenkelte Nelke vor sich auf dem Pulte liegen, jetzt nimmt er sie auf und drückt sie an seine große Nase; der Tollhofbauer, genannt der Scheckennarr, der neben ihm sitzt, hält ihm die offene Dose hin und sagt etwas, offenbar: der Landolin sieht verändert aus – Titus nickt scharf, schnupft und niest laut; der Ritterwirth in der vordern Bank wendet sich und sagt wol: zur Gesundheit, und flüstert dem Holzhändler Dietler etwas ins Ohr. Wer weiß, ob der geschmeidige Wirth jetzt nicht dem Titus hofirt und den Landolin als todten Mann aufgiebt. Die anderen Geschworenen, meist behäbige Bauern, darunter auch der Sohn des Wälderjörgli in der alten Tracht mit der rothen Weste, haben die schweren Hände auf die Pulte gelegt und schauen vor sich nieder.

Die immer ergreifende feierliche Beeidigung ist vorüber, die Zeugen werden aus dem Saale geschickt, die Anklage wird verlesen. Während der Verlesung trommelt der Staatsanwalt mit einem großen Bleistift auf die Akten, wahrscheinlich spielt sich ihm leise eine Melodie, denn es geht ganz im Takte. Der Staatsanwalt war ein junger Mann mit mächtigem Schnurr- und Knebelbart, die er zur Abwechslung glättet und ein uneingerahmtes Glas, das an einem breiten schwarzen Halsbande hängt, in das linke Auge kneift. Es ist etwas soldatisch Angriffslustiges im Wesen des Staatsanwalts, der in der That auch Landwehr-Offizier ist. Der Blick aus dem Einglas, das seltsam funkelt, ist oft auf Landolin gerichtet, und Landolin ist es unheimlich dabei, er möchte gern sagen: bitte, thun Sie das Glas weg – aber er darf nicht.

Der vor Landolin sitzende Vertheidiger hatte sich aufgestellt und lehnte sich, die Hände in beiden Hosentaschen, an die Brüstung der Angeklagten-Bank, manchmal den Kopf wendend und rasche Worte an Landolin richtend.

Die Anklage lautete auf Körperverletzung mit tödtlichem Ausgang.

Die Zeugen wurden eingerufen, und bevor der erste erschien, erklärte der Vertheidiger, daß er den Kreisphysikus zu sachverständlichem Gutachten über die Hinfälligkeit Vetturi's telegraphisch berufen habe.

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