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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Landolin suchte in der That noch zu ruhen, aber er sprang bald wieder vom Lager auf; daheim kann man noch ruhen, so viel man will, jetzt darf man keine Minute versäumen. Er klingelte wieder und sagte sehr unterwürfig dem Gerichtsboten, er möge seinen Sohn Peter aufsuchen, um von ihm zu erfahren, ob die Mutter mitgekommen sei.

»Welche Mutter?«

»O Du! Da die Mutter von . . . von . . . von dem armen Schelm. Frag' geradezu, ob die Schaubkäther da sei. Und sag' meinem Sohn, er soll Dir die zwanzig Mark geben für den Heiligenpfleger.«

»Für den Heiligenpfleger? Wo ist der?«

»Bist Du so einfältig oder stellst Du Dich nur so? Der Heiligenpfleger steckt da in Deinem Rock.«

Der strenge Gerichtsbote schmunzelte und dachte in sich hinein: Da sagt man, die Bauern seien einfältig!

Der Gerichtsbote kam bald wieder und sagte: »Die Mutter des Verunglückten ist nicht da, aber –«

»Was aber? Doch nicht meine Frau und meine Tochter? Ich hab's ja ausdrücklich verboten.«

»Nein, nicht die; aber sonst das halbe Dorf.«

»Hat der Heiligenpfleger was bekommen?«

»Ja,« schmunzelte der Gerichtsbote; er hatte heute gute Ernte, nicht nur von denen, die sich durch seine Vermittlung bei Vertheidiger und Staatsanwalt aus der Geschworenenliste abweisen lassen, sondern auch von den Leuten aus den Dörfern, denen er versprochen hatte, sie zuerst einzulassen.

Landolin war wieder allein; er dachte hinaus in die Wirthshäuser der Stadt, in den Wirthsgarten beim Bahnhof und er meinte zu hören, wie dort alle reden und es nicht erwarten können, bis sie ihn auf der Armesünderbank sehen; die ganze Welt hat heute nichts Anderes im Sinne, als das, ob der Landolin zum Tode, zu vieljährigem Zuchthaus verurtheilt oder freigesprochen wird.

Etwas wie ein Gebet ging ihm durch die Seele, aber er kam nicht dazu, er mußte denken, wie die Schaubkäther heute um gerechte Strafe zu Gott betet; er stürzte zurück, es war ihm, wie wenn er leibhaftig auf die Schaubkäther aufrannte.

Das Gefängniß wurde aufgeschlossen, Landolin wurde durch einen langen Flur nach dem Zimmer der Angeklagten gebracht; die Thüre des weiten Gerichtssaales, die Fenster waren offen, heller Sonnenschein drang herein, der Saal war leer, bald wird er sich füllen, Kopf an Kopf. Die beiden Gerichtsboten gingen hüben und drüben neben Landolin, drunten vor dem Hause hörte man lautes Durcheinanderreden und auch Lachen. Wer weiß, was für einen Scherz sie gemacht. Die Menschen können lachen, wenn hier oben Einer ist, dem das Herz still stehen will. Landolins Auge funkelte, er sagte sich: ich habe doch recht gehabt, daß ich die ganze Welt verachtete.

In dem Zimmer, in das er nun eingeschlossen war, lauschte er an der Thüre, er hörte Getrappel von Schritten auf dem langen Flur, er hätte gern aus den Schritten erkundet, wer denn Alles da sei; Stimmen wirrten durcheinander, und jetzt hörte er laut sagen: »Mein Vater!« Das war die Stimme Peters, offenbar hat er so laut gesprochen, damit der Vater es höre; diesem aber war's, als wäre er lebendig begraben, hörte Stimmen und könnte nicht antworten. Ihm wurde so schwindlig, daß er sich an die Thürpfoste lehnen mußte.

Die Thüre wurde aufgeschlossen, Landolin wurde in den Gerichtssaal geführt.

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