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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Früh vor Tag hatte es aus der Gefängnißzelle des Altschultheißen Landolin heftig geklingelt. Der Gefängnißwärter, der das hörte, beeilte sich aber keineswegs.

»Du kannst warten,« sagte er vor sich hin und kleidete sich in Ruhe vollständig an. Er war ein großer breitschulteriger Mann von überaus stattlichem und achtunggebietendem Ansehen; er hatte den guten Posten als Lohn für Auszeichnung im Kriege erhalten, und er vertrat die ganze Würde des öffentlichen Gerichts; er war barsch, konnte aber auch höflich und herablassend sein, wenn er wollte, und gegen Landolin war er höflich, er wußte warum. Er fragte nun, seine starke Stimme möglichst abmildernd, was denn Landolin schon so früh wünsche; es sei ja kaum Tag. Landolin sah ihn wirren Blickes an und sagte:

»Ich habe den Frühzug pfeifen gehört. Jetzt sind die Leute aus meinem Dorf da. Geh ins Ritter-Wirthshaus, bring' mir meinen Oberknecht den Tobias her. Es soll Dein Schade nicht sein.«

»Thut mir leid, darf das nicht, seid ja selber Schultheiß gewesen, wißt, was Rechtens ist.«

»So ruf' meinen Vertheidiger!«

»Es ist noch so früh.«

»Es ist nicht zu früh. Ich habe das Recht, zu jeder Stunde meinen Vertheidiger zu verlangen.«

»Gut, werde ihn holen, rathe Euch aber, heute ruhiger zu sein, mit solchem Aufbegehren seid Ihr selber Belastungszeuge gegen Euch.«

Landolin sah den Gerichtsboten an, wie wenn er ihn niederwerfen wollte, aber er blieb ruhig und der ganze Kampf, der in dem einst so eigenmächtigen Manne seit Wochen, vor Allem aber in der letzten Nacht, gerast hatte, prägte sich in seinen Mienen aus. Er hatte sich noch gestern den Vollbart abnehmen lassen, der im Gefängnisse gewachsen war, und es zeigte sich, daß er im Gefängnisse sehr gealtert hatte; die Spannkraft war wie weggeschält zugleich mit der braunen kräftigen Farbe, die Züge waren welk und schlaff.

Vor dem vergitterten Fenster flogen Schwalben aus und ein und zwitscherten, Landolin pfiff auch ein lustiges Lied, und er pfiff fort, als sich bereits der Schlüssel in der Thüre drehte und der Vertheidiger eintrat.

»Schon so lustig!« rief der Vertheidiger. »Aber ich kenne Euch ja kaum mehr. Warum habt Ihr Euch den Bart abnehmen lassen?«

»Warum? Damit mich die Geschworenen wieder erkennen.«

»Gut, ist recht. Was wünscht Ihr nun?«

Der Vertheidiger hatte mit keiner Silbe der so frühen Stunde erwähnt, er verhielt sich zu einem Angeklagten wie ein Arzt zu einem Kranken. Landolin fühlte aber doch, daß er sich vor seinem Beistande entschuldigen müsse und er that's, indem er bat, daß ihm die Liste der Geschworenen vorgelegt werde, damit er sehe, wen er ablehnen und wen er festhalten wolle. Gleich, dem Alphabet nach, war der Sägmüller Armbruster, der als Ersatz-Geschworener für Landolin einberufen war, der Erste. Der Vertheidiger sagte, der Mann habe gebeten, abgelehnt zu werden.

»Hoho!« rief Landolin. »just den halte ich fest; er soll schuldig über mich sagen, wenn er kann; verwandt sind wir nicht, und unsere Kinder sind nicht mehr verlobt.«

Der Zweite war der Holzhändler Dietler.

»Der möchte auch frei sein,« erklärte der Vertheidiger.

»Er möchte frei sein? Ich will auch frei sein.«

»Er wird aber grimmzornig über uns werden.«

»So machen Sie, daß der Staatsanwalt ihn nicht freigiebt, dann haben wir ihn und gegen den Staatsanwalt; er kennt mich von lang, hätte fast gesagt, von Langholz her –«

Landolin lachte, und auch der Vertheidiger lächelte und sah verwundert in die schlaue Miene Landolins, der nach und nach alle Städter und höher Gebildeten ablehnte, denn er wollte von Bauern abgeurtheilt werden; nur den Ritterwirth aus der Stadt, einen redegewandten Mann, ließ er sich gern gefallen.

»Den Baron Discher lehn' ich ab.«

»Warum? Er ist ein gerechter Mann.«

»Kann sein, aber er ist mir feind, weil ich ihn bei der Waldversteigerung überboten hab'. Geben Sie acht,« schloß Landolin, »der Titus wird Obmann, er ist erst recht mein Feind, aber ich kenn' ihn doch, um dem Dienstboten-Pack den Daumen aufs Aug' zu setzen und um seinen Stolz an mir auslassen und mir zeigen zu können, wie groß er dasteht, wird er nichtschuldig sagen und die Anderen auch herumbringen.«

Der Vertheidiger hütete sich wohl, Landolins Zuversicht irgend zu erschüttern, und er selber gewann neues Vertrauen zu günstigem Ausgang. Als er sich nun verabschieden wollte, fragte Landolin und fuhr sich dabei mit der flachen Hand über Stirn und Augen:

»Ist die da . . . die Mutter von Dem auch geladen?«

»Der Staatsanwalt hat auf ihr Zeugniß verzichtet. Das wundert mich, ist mir aber ein gutes Zeichen, daß er Euch nicht hineinreiten will; denn so ein armseliges, verlassenes Mütterlein macht immer schlimmen Eindruck auf die Geschworenen. Der Staatsanwalt ist kein böser Mann, er ist ja, wie Sie wissen, ein Bruder Ihrer Kreisräthin.«

»Das hilft mir nichts.«

»Ich glaub',« nahm der Vertheidiger wieder auf, »ich glaub', der Staatsanwalt wird selber auf mildernde Umstände antragen.«

»Ich will aber keine mildernden Umstände,« rief Landolin, sein ganzes Gesicht röthete sich. »Verwerfen Sie in meinem Namen, in meinem Auftrag mildernde Umstände. Ich kenne das. Die Geschworenen sagen leicht schuldig, wenn sie mildernde Umstände anhängen dürfen; aber wenn's an Kopf und Kragen geht, da besinnen sie sich zweimal und dreimal.«

»Landolin! Wir spielen ein hohes Spiel!«

»Sei es.«

»Wollen Sie selber am Schlusse noch das Wort nehmen?«

»Ich weiß noch nicht. Ich fürcht', ich verderb' 'was.«

»Sie können mir Ihren Entschluß noch im Saal mittheilen. Sie haben Redegabe.«

»Hab's früher nie gewußt, ist vielleicht im Gefängniß so bei mir gewachsen. Wenn ich wieder auf die Welt käm', möcht' ich auch Advokat werden.«

Der Vertheidiger ermahnte Landolin schließlich, er solle suchen, noch etwas zu schlafen, es sei heute ein schwerer Tag und da müsse man ausgeruhte Kraft haben; er wolle selber trachten, daß er frisch und stark sei.

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