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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Im Sommergarten des Wirthshauses zum Schwert blühten die Linden, die Bienen kamen, tranken und flogen davon und fragten nicht nach der Zeche, dafür sangen auch die Finken ohne Bezahlung, und die Schwalben schwirrten darüber wie tanzend in der Luft und haschten nur manchmal eine Biene mitsammt ihrem Honig; Alles erlustigt sich eben, wie es mag und kann. Es war ein Morgen so voll Frische, voll satter Lebenslust und Fülle, daß man gar nicht dran denken mochte, es gäbe auch Elend in der Welt.

Ein Reiter kam im Trab an den Gartenzaun geritten, hielt an, stieg ab, übergab sein Pferd dem Hausknecht, sagte ihm, er solle es heimführen und der Frau sagen, sie möge hierher schicken, wenn man nach ihm frage, er käme indeß bald.

»Guten Morgen, Herr Kreisphysikus,« rief die Schwertwirthin vom Balkon, »Sie kommen grade geschickt, es wird eben frisch angestochen.«

Der Arzt vernahm bereits jene erquicklichen Locktöne, jenen tiefen, wie der Hahn ins Faß eingetrieben und den hellen, wie der Spunden oben gelockert wird. Die Wirthin brachte das erste Glas, und der Arzt ließ die Sonne leuchten durch das emporgehobene braune Getränk und trank mit Behagen.

»Ich mußte heute vor Tag heraus und komme schon von Höchenbrand,« sagte der Doctor, trank den Rest aus und bat. »Noch eins! Für meinen Zwilling.« Als das zweite Glas gekommen war, erzählte er, er habe heute schon ein Zwillingspaar, zwei stramme Bursche, zur Welt befördert, und es sei wunderlich, dem Wälderjörgli geschehe immer 'was Besonderes, sein erstes Urenkelchen sei gleich ein Zwilling; es sei indeß eine Freude, daß das starke und ehrenfeste Geschlecht sich so fortpflanze, die Menschen da oben seien Gestalten wie aus der urgermanischen Zeit, so biederherzig.

»Sie sind aber auch pfiffig,« schaltete die Wirthin ein, und der Arzt legte in guter Laune dar, welche durchtriebene Schelme gewiß auch die Urgermanen waren, denn alles Wilde sei zugleich schlau.

»Uebrigens, wo ist der Schwertwirth?« schloß er.

»Natürlich auch beim Schwurgericht. Heute ist eine wahre Wallfahrt. Schon um halb vier Morgens haben wir ein ganzes Faß Bier ausgeschenkt; die Zeugen sind mit dem Eilzug davongefahren. Von Berstingen, von Bieringen, von Zusmarsleiten, von überall her sind Männer und Frauen dabei gewesen, die die Sache gar nichts angeht, aber sie sind neugierig und wollen den Landolin vor Gericht sehen. Der Bahnmeister meint, wenn man die Todesstrafe abschafft, da drängen sich die Leute dazu, einen Nebenmenschen in Angst und abgeurtheilt zu sehen; um Schadenfreude zu genießen, sei den Menschen weder Geld noch Mühe zu viel; der Herr Bezirksförster aber meint, die Menschen gingen mehr, um einmal 'was zu erleben und den langweiligen Alltag los zu werden.«

Als behutsame Wirthin gab sie mehr Bericht und keinen Entscheid, erst als der Arzt sagte: »Es ist Beides zugleich,« rief sie:

»Das freut mich. Wenn unser eins ein Hausmittel anwendet und der Doctor kommt und sagt, das war das Beste, das hätt' ich auch verordnet, das thut wohl. Ich möchte Sie aber noch fragen –«

»Was?«

»Halten Sie es auch für möglich, daß der Landolin freigesprochen wird?«

»Bei Gott und den Geschworenen ist Alles möglich.«

»Ja, wer hat aber dann den Vetturi getödtet? Er ist doch todt!«

»Diese Frage steht nicht auf dem Fragebogen.«

Die Wirthin erzählte weiter, wie Tobias, der Oberknecht Landolins, heut in der Frühe das große Wort geführt und die Leute schlau unterwiesen habe, daneben habe er auch unter Lachen vorgebracht, das Leben eines solchen Menschen wie der Vetturi sei nicht so viel werth, daß ein Mann wie der Altschultheiß eine Stunde dafür im Gefängniß sitze; Tobias habe auch für Alle die Zeche bezahlen wollen, aber – und noch im Erzählen wurde die Wirthin flammroth – sie habe erklärt, jeder Einzelne müsse ihr befehlen, daß sie von Tobias Bezahlung für ihn annehme, dann wisse man auch, was man von ihm zu halten habe und was später wol folge. Mancher sei doch erschrocken über diese Hindeutung.

Lächelnd entgegnete der Arzt, wie der reiche Bauer auch bei ihm geglaubt habe, mit Geld ließe sich Alles machen, der Sohn Peter habe – gewiß auf Anstiften des Vaters – den schönen Rappen um ein Drittel des Werthes verkaufen wollen, als Trinkgeld sollte nur ein Zeugniß gegeben werden, daß der Vetturi, der freilich von Kindheit an an schweren Krankheiten litt, hinfällig und verletzlich gewesen sei, so daß er durch einen Sturz auf ebenem Boden todt sein konnte.

»Mich dauert nur die Thoma,« nahm die Wirthin auf, »das war ein so stattliches kernfrisches Mädchen, und wie schön paßte sie zusammen mit dem Müller-Anton. Der war heut in der Frühe auch da, er ist ja auch Zeuge, aber er blieb im Garten und schaute oft auf das Ehrenzeichen an seiner Brust. Glauben Sie, daß die Verhandlung an Einem Tage zu Ende geht?«

Der Arzt konnte keine Muthmaßung äußern, und die Schwertwirthin fuhr fort:

»Unsere seelengute Frau Räthin hat heute auf Landolins Hof gehen und an dem schweren Tag bei der Frau und Thoma sein wollen. Ich habe ihr abgerathen. Man wird sie schon noch nöthig haben. Ja, solch eine reine Seele giebt's vielleicht nicht zum zweitenmal auf der Welt; in einem Menschen wie Landolin sieht sie noch ein verborgenes Reines. Unsere Frau Räthin ist ein Menschenkind wie aus den Apostelzeiten.«

»Bravo!« rief der Arzt, »nun habe ich einmal das Seltenste gehört: eine Frau, die eine andere ohne Abzug lobt.«

»Ja, wer kann die Frau Räthin kennen und sie nicht loben? Sie verlangt aber kein Lob und keinen Dank von den Menschen.«

»Das braucht sie nicht. Wer von Natur das Glück solcher Gutherzigkeit hat, der hat damit schon alles Beste.«

Der Telegraphenbote kam in den Garten und ging auf den Arzt zu.

»Da haben wir's,« rief der Arzt, nachdem er die Botschaft gelesen. »Bis wann geht der nächste Eilzug?«

»In sieben Minuten.«

Der Arzt erzählte schnell, daß der Vertheidiger nun doch noch mündliches Gutachten von ihm verlange. Er ließ seiner Frau Bescheid sagen, daß er abreise und eilte davon.

Auf dem Bahnhofe traf er die eben herbei kommende Thoma.

»Willst Du auch noch mit?« fragte er.

»Nein, ich will nur meinem Bruder zu wissen thun, er solle den Richterspruch gleich telegraphiren.«

»Das will ich ausrichten.«

Der Zug eilte davon. Thoma gab dem Telegraphenboten, den Auftrag, die ganze Nacht zu warten und das ankommende Telegramm ihr gleich zu bringen.

Thoma ging heimwärts. Vom Berge aus sah sie noch einmal den Bahnzug in der Ferne.

Der Bahnzug, in dem der Arzt saß, brauste an Dörfern und kleinen Städten vorüber, an den Wiesen, in denen gemäht, an den Kartoffelfeldern, in denen gehäufelt wurde. Die Reisenden sprachen von den Ueberschwemmungen, die in der Schweiz so viel Schaden angerichtet, dann von den Welthändeln, vom Kampfe mit Rom; der Arzt hörte Alles wie im Traum. Es war ihm peinlich, daß er nun doch noch über Landolin und seine Sache zu sprechen hatte. Wie konnte der Vertheidiger noch hiervon etwas hoffen?

Der Zug hielt an der Kreisstadt, ein Gerichtsbote stand mit einem Wagen im Bahnhof, der Arzt fuhr nach dem Gerichtsgebäude, er kam in eine schwüle, dumpfe Luft.

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