Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Berthold Auerbach >

Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
Schließen

Navigation:

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Es steht eine Tanne am Waldesrand, ihre Krone ist gebeugt; die Einen sagen, von einem Blitzschlag getroffen, die Anderen, es habe sich der Rabe so oft auf die Spitze gesetzt und mit seiner Wucht und seinen umklammernden Fängen den graden Aufwuchs gebrochen; die Tanne aber auf ihrem festen Wurzelgrunde wächst weiter.

Ist das Haus Landolins solch ein Baum, vom Blitz getroffen und von der schwarzen Sorge gebeugt und wird es doch weiter gedeihen?

Thoma stand auf der Straße und schaute sich um, wie wenn sie zum ersten Male sehe, daß der Himmel blau und die Bäume und Felder grün; sie mußte sich besinnen, was und wohin sie eigentlich wollte.

»Ach ja,« seufzte sie und ging fürbaß.

Es führt ein näherer Fußweg über den Hügel und dann steil bergab nach der Stadt; man muß freilich am Hause der Schaubkäther vorüber; aber warum soll man das meiden? Dennoch konnte die vordem so starke und muthige Thoma sich eines Bangens nicht erwehren, als ob sie, wie die Kinder im Märchen, an einem Drachen und Ungeheuer, der vor seiner Felsenhöhle kauert, vorüber müsse. Thoma ist freilich viel stärker, als das alte dürftige Weiblein, aber es wäre schon hart genug, die Lauernde besiegen zu müssen. Oder ist es vielleicht möglich, der Armen beizustehen, die doch noch mehr leiden muß als wir? Läßt sich ihr vielleicht abnehmen, daß sie bei ihrem bittern Harme nicht auch noch für das tägliche Brot zu sorgen hat?

Richtig! Da sitzt die Schaubkäther auf der Steinschwelle vor ihrem Häuschen, sie hält beide Fäuste an die Schläfen gedrückt und ist ganz in sich zusammen gekrümmt, das rothe Kopftuch ruht fast auf den Knieen.

Wußte diese Arme auch, daß heute der Tag des Gerichts? Sie schien zu schlafen und Thoma ging leise, den Athem anhaltend, weiter. Als sie aber ganz nahe gekommen war, erhob die Alte plötzlich ihren Kopf, ihre Augen flimmerten und sie rief:

»Du, Du, heut ist der Zahltag.«

»Darf man gut mit Euch reden?«

»Gut? Mit mir? Du? Geh, oder –« Sie zog ein Taschenmesser hervor, öffnete es und schrie: »Ich kann auch morden. Du bist sein Kind, und er war meines. Geh.«

Thoma ging zitternd davon, und neben ihr nieder fiel das offene Messer, das ihr die Alte nachgeworfen hatte. Wie? Wenn die Alte in dieser Stunde dasselbe begangen hätte, wie der Vater damals? Thoma eilte bergab, und hinter sich drein hörte sie jämmerliches Klagen und Schreien, bis sie in den Wald kam.

Die Schaubkäther war von Haus aus ein lustiges Weiblein gewesen, eines Flickschneiders Tochter, eines Flickschneiders Frau, man könnte fast sagen, ihr Leben setzte sich aus lauter kleinen bunten Lappen zusammen, wie ihre Schauben; jedenfalls war sie eines jener still dankbaren Gemüther gewesen, die, für jede Gabe des Schicksals besonders erkenntlich, nie daran denken, warum sie nicht auch so aus dem Vollen leben können, wie die Großbauern; wenn sie ihren Cichorienkaffee getrunken hatte, sang sie bei der Arbeit so still vor sich hin wie eine Amsel, und es schien beinahe als ob von ihrer Leichtigkeit, die Last des Lebens zu tragen, auch etwas in ihre Schauben übergegangen wäre, wenigstens galt in der Gegend als ausgemacht, daß ihre Arbeit die lindeste war. Die Schaubkäther schien ihre traurige Herkunft ganz vergessen zu haben. Nun war über dieses Weiblein ein schweres Schicksal hereingebrochen, das Letzte und Einzige war ihr genommen, und Angst, Bitterkeit, Haß, und alle bösen Geister erwachten in ihr; sie ward ihres elenden Lebens inne, und sie haßte Alle, die in Wohlstand lebten und sich ihrer Kinder erfreuten, vor Allem haßte sie den Mörder ihres Sohnes und die Seinen; ihr einziges Denken und Sinnen war, wie der Mörder und die Seinen leiden und zu Grunde gehen müßten.

Das arme Weiblein trug schwer an der Last des Lebens und des Hasses, das Dasein war ihr verleidet und sie wollte nur noch bleiben, bis sie die Rache aufgehen sah am Hause Landolins. Darum war sie so stumm und scheu seit dem Tode ihres Sohnes, Haß und Zorn und Elend wuchsen still in ihr und verwandelten ihr heiteres, gutmüthiges Herz in ein trauriges und böses.

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.