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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Die Tage, die Wochen kamen und gingen, das Wachsthum des Feldes gedieh stetig, und die Arbeit ging unter der Leitung von Tobias und Peter in guter Ordnung weiter; man hatte einen neuen Knecht angenommen, denn Fidelis hatte selber den Dienst aufgesagt und war bei Titus eingetreten. Die Jahresschosse an den Tannen waren gestreckt, Roggen und Frühgerste wurden schnittreif, das Heu ward eingethan, und Thoma war in jeglicher Arbeit die fleißigste gewesen, nur sprach sie mit Niemand ein Wort und schaute verwundert auf, wenn Knechte und Mägde sangen; ihre Mienen sagten: die können singen, sie haben keinen Vater im Gefängniß.

Es war an einem hellen Sommermorgen, die Bäuerin war schon vor Tag aufgewesen, denn sie wollte Tobias und Peter sehen, die nach der Kreisstadt fuhren. Als die daheim verbliebenen Knechte und Mägde gegessen hatten und abgeräumt war, saß die Bäuerin noch hinter dem Tische in der sogenannten Herrgottsecke, sie hatte die Hände auf dem Tische ineinander gefaltet und starrte müd und traurig drein.

Auf der Bank am großen Ofen, der heute ausnahmsweise nicht geheizt war, saß Thoma und spann an einem Spinnrad; man hörte nichts, als das leise Rollen des Rades und das Ticken der Wanduhr.

»Thoma,« begann die Mutter endlich, »ist recht, daß Du heute nicht ins Feld bist; ich mein', die Füße seien mir gebrochen. Sag', ist heut' Mittwoch oder Donnerstag? Ich weiß gar nicht mehr –«

»Mutter, heute ist Donnerstag, der zehnte Juli.«

»Und da steht er vor Gericht, auf Tod und Leben angeklagt. Sieh einmal nach, was ist denn heut für ein Heiliger?«

»Der Kalender hängt hinter Euch.«

Die Bäuerin schien aber nicht sich umwenden und nachsehen zu wollen, sie strich hastig mit beiden Händen über den Kopf, daß sich die Haare nicht aufsträuben mögen, und fast nur vor sich hin sagte sie.

»O, so viel Menschen! Ich sehe sie alle, Kopf an Kopf. wie damals, ich bin noch ein klein' Kind gewesen, wo sie drunten bei der Stadt auf der Maiwiese den Laurian geköpft haben.«

»Mutter! Redet doch nicht so. Wir müssen uns fassen, mag's werden, wie es will, so oder so.«

»Was wird? kann's denn auch anders werden?«

»Wer weiß, dafür ist Schwurgericht.«

»Es sind auch mitleidige und gerechte Menschen dabei, die ein Einsehen haben. Es giebt freilich Viele . . .die sich über unser Unglück freuen, aber auch Andere, die es gut meinen und die sind mehr, und Dein Anton sagt gut aus für den Vater und setzt sein Ehrenzeichen für ihn zum Pfand ein.«

»Noch mehr,« fügte Thoma hinzu, sie erklärte aber nicht, was sie meine. Wird Anton dabei bleiben, daß er das gesehen, was der Vater ihm vorgesagt? Glaubt er wirklich, daß er das gesehen, oder verdirbt er sein Leben, um ein anderes zu retten? Sie preßte die Lippen zusammen, sie meinte, sie müsse aufschreien vor Wehe.

Die Mutter aber mußte ihre Gedanken laut werden lassen, und halb vor sich hin murmelte sie wieder:

»Was nur die Dienstboten heut untereinander reden mögen? Man schämt sich vor ihnen und wagt nicht, einem ein Wort zu sagen, es kann Schimpf und Schand' drauf heraus geben. Hab's gehört, aus dem ganzen Thal sind heut die Menschen nach der Kreisstadt, sie wollen sehen, wie der Landolin auf der Armesünderbank sitzt; ja, da sitzt er jetzt und muß sich ins Gesicht hinein sagen lassen, Alles was die Herren vom Gericht aufstöbern, und Alle da freuen sich und sind doch selber . . . O, lieber Gott, verzeih' mir! Ja, so ist's, wenn man selber was an sich hat, muß man an Anderen auch was suchen. Da steht Dein Armstuhl, wer weiß, ob Du noch je wieder drin sitzen wirst und Deine braven Arme aufstützen und Deine guten Händ'! Wann geht die Thüre wieder auf und Du kommst herein? Still! Horch, Thoma! Hörst Du nichts? Es ist Jemand an der Thür, ich höre schnaufen, es kann die Schaubkäther sein, oder wär's gar . . . Mach' auf!«

Auch Thoma konnte sich der Furcht nicht erwehren, aber entschlossen öffnete sie und rief erleichtert: »So? Du bist's, Racker?«

»Komm' her zu mir,« lockte die Mutter den Hund, »spürst Du's auch, was heut mit Deinem Herrn ist und ob er Dich noch je sehen und seine Hand auf Deinen Kopf legen wird? Ja, ja, sieh mich nur so barmherzig an, ja, wenn die Menschen so barmherzig wären wie Du –«

»Da habt Ihr recht, Mutter,« preßte endlich Thoma hervor. »Seht, Mutter! Alle, die ins Feld gehen, füllen heute ihre Krüge an unserem Brunnen da drüben, wie wenn sonst nirgends Wasser wäre; sie schauen so schadenfroh nach dem Haus. Ich möcht' den Brunnen vergiften, daß sie Alle dran sterben; die ganze Welt möcht' ich vergiften.«

Die Mutter hätte ihre Tochter gern beruhigt, aber sie wagte es nicht; sie war schon dankbar, daß Thoma wenigstens sprach und nicht so stumm und starr drein sah. Und da Thoma einmal zu reden begonnen hatte, sagte sie:

»Mutter! Ich möcht' gern nach der Stadt.«

»Du willst auch fort von mir?«

Thoma erklärte, daß sie bald wiederkommen werde, sie wolle nur ein Telegramm an Peter senden, daß er das Erkenntniß sofort berichte, und auf dem Amte angeben, daß man die Antwort dem Telegraphenboten, dem Bruder des Galloppküblers, einhändigen solle, der heute die ganze Nacht drauf warten müsse.

Die Mutter willigte ein, holte ihr Gebetbuch und sagte: »Geh nur und übereil' Dich nicht.«

»Komm mit!« rief Thoma dem Hunde zu und eilte mit ihm ins Freie.

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