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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Einundzwanzigstes Kapitel.

Die Bäuerin hatte im Beisein des Untersuchungsrichters ihren Mann oft besucht, auch Peter hatte die Mutter mehrmals begleitet, nur Thoma kam nicht, und der Vater war stolz genug, nicht nach ihr zu fragen und nach dem Grund ihres Ausbleibens. Vielleicht mißbilligte Thoma den Eigensinn des Vaters, der im Gefängniß blieb, vielleicht auch billigte sie seinen Stolz. Denn Landolin hatte dem Richter erklärt:

»Ich will nicht vorläufig mit dem Strick um den Hals herum laufen, und der Eine kann zu seinem Spaß zuziehen und ein bisle würgen; und der Andere gnädig aufnesteln. Ganz frei will ich sein, und Sie sagen ja, daß ich schon in den Julitagen vors Schwurgericht komme.«

So blieb er im Gefängniß und brauchte Niemand zu sehen, als seine Frau und seinen Sohn und den Untersuchungsrichter und den Rechtsanwalt. Aber noch in ein Augenpaar sah er, das ihn freundlicher anblickte, als das Auge eines Kindes oder einer Schwester. Der Frau des Kreisgerichtsraths war es verstattet, die Gefangenen zu besuchen, und es mußten hart verstockte Herzen sein, die nicht eine Erquickung empfanden, wenn die Frau in die Zelle eintrat.

Frau Pfann – so ließ sich die Kreisgerichtsräthin kurzweg nennen – lebte in einer überaus glücklichen Ehe; wenn auch ihr Mann nicht unterließ, von Zeit zu Zeit über ihren Missionseifer zu scherzen, ließ er sie im Uebrigen doch frei gewähren; er freute sich über manchen Erfolg, den sie erzielte, vor Allem aber über die unerschütterliche Treue, mit welcher sie die einmal übernommene Pflicht vollführte.

Sie hatten einen wohlgediehenen einzigen Sohn, der im Juli 1870 sofort als Freiwilliger ins Heer eingetreten, vor dem Feinde zum Lieutenant ernannt, Soldat verblieben war.

Frau Pfann hatte nicht auf die große Zeit gewartet, um sich zu bethätigen – und sie that das mit einem allgemein anerkannten Eifer – sie hatte schon vor Jahren in der Arbeit der Menschenliebe begonnen. Sie war die Tochter eines Gymnasial-Professors der Hauptstadt, und wiederholte gern, sie verdanke die Fähigkeit zu ihren Leistungen dem einfach edlen Wesen ihres Vaters.

Sie wußte, daß man ihr Thun überspannt und sentimental nannte; sie kümmerte sich nicht darum.

Aus alten Zeiten berichtet die Sage, daß man auf dem Wege zu Heldenthaten mit Riesen und Unholden zu kämpfen habe. Frau Pfann hatte mit einem edelsten Geiste zu kämpfen gehabt, denn sie erinnerte sich des spöttischen Ausspruches von Goethe, daß die Welt aller Schönheit bar werde und zuletzt nur noch Einer des Andern barmherziger Bruder sei. Die Verehrung gegen unsern großen Dichter war ein Familienerbe ihres elterlichen Hauses gewesen, Frau Pfann gelangte aber zu jener Freiheit, die sich durch keine absolute Verehrung binden läßt; sie war der Ueberzeugung, daß auch ein Goethe nicht für alle Zeiten Lehren geben kann; unsere Zeit hat die Solidarität Aller zu ihrem Gesetze gemacht und duldet kein blos ästhetisches Selbstleben mehr, ja aus diesem Leben für das Allgemeine wird eine neue Schönheit des Daseins emporwachsen.

Frau Pfann hatte harte Proben zu bestehen, denn sie begegnete oft einer Rohheit der Gesinnung, die sich gar nicht vorahnen ließ; aber sie blieb standhaft.

Bei ihren Besuchen in dem Gefängnisse lehnte sie jedes Eingreifen in den Gang der gerichtlichen Untersuchung ab; sie wollte nur den Gefangenen in sich zu beruhigen oder zu klären suchen, vor Allem aber wollte sie den Angehörigen der Angeklagten helfen, die daheim in Kummer lebten. Auch hierbei machte sie traurige Erfahrungen; es gab Schelme, die sie zum Narren hatten und sich daran erlustigten, sie vergebliche Wege zu schicken.

Sie kannte die Gemeinheit und den Schmutz und hielt den Glauben an die Hoheit und Reinheit dennoch fest.

Mit der Zeit hatte sich eine Methode bei ihren Besuchen herausgebildet. Sie forschte zuerst nach dem Jugendleben der Gefangenen, sie mußte das Mißtrauen überwinden, daß daraus eine Schuld entnommen werden könnte, auch die Schelmerei, daß man ihr Lügnerisches vorbrachte, mußte sie beseitigen; oft aber brachte sie auch die Verhärmtesten zur innern Einkehr, so daß sie mit bewegter Stimme von dem Paradies der Jugendunschuld berichteten.

Als Frau Pfann den gefangenen Landolin besuchte, hatte sie es leichter als sonst; sie kannte diesen Mann und sein Haus von lange her. Landolin gab indeß sofort zu verstehen, er schlage diesen Besuch nicht hoch an, da die Frau ja auch den niedrigsten damit beehre. Er lauerte, was sie darauf sagen würde, er war nicht überrascht, da sie lächelnd erwiderte:

»Ich kann zu Euch nicht doppelt kommen, aber öfter, wenn's Euch recht ist.«

Nun geschah, was oft schon erfolgt war; die Gefangenen sahen den Besuch wenigstens als Zeitvertreib an, und das war ein guter erster Schritt.

»Ist der Titus auch schon dagewesen und hat sich den Thurm betrachtet, wo ich sitze, und hat er vielleicht gar mich auch besuchen wollen? Ich nehm' ihn nicht an. Das sag' ich im Voraus,« polterte Landolin ärgerlich.

Frau Pfann erkannte, wie sich das Denken des Gefangenen besonders eifrig auf seinen Wettbewerber in der allgemeinen Geltung richtete. Sie ließ sich darüber aus, daß Niemand schadenfroh über das Geschick des Andern sein dürfe, denn jeder Mensch habe seinen geheimen Schaden.

Landolin bezog diese Worte auf Titus.

»Hat er was? Ist was auf ihn auskommen?« fragte er gierig.

Die Frau verneinte und lenkte ihn nun auch auf seine Jugendzeit.

Er erzählte von seinen lustigen Streichen, freute sich derselben und doch klagte er seinen Vater an, der ihm Alles nachgegeben habe, nur eins nicht, daß er die Schwester des Galoppküblers heirathe, die er gern gehabt. Er klagte sogar, daß seine Frau ihm in Allem nachgegeben habe; er sei der dankbarste Mensch, wenn man ihn von gewalttätigen Streichen abhalte, wenn er sich auch Anfangs wild dagegen wehre. Er hielt an, weil er fürchtete, sich verrathen zu haben, und betheuerte hoch und heilig, daß er am Tode Vetturi's unschuldig sei.

»Ich möchte nichts bei mir haben als meinen Hund,« sagte Landolin.

Die Frau versprach dafür Sorge zu tragen, erkannte aber bald, daß der eigentliche tiefste Kummer und Aerger Landolins darüber war, daß Thoma nicht zu ihm kam. Sie ging daher nach Reutershöfen und ließ sich von der Bäuerin darüber vorklagen, wie ganz anders das Leben sei, wenn der Hut des Mannes nicht mehr am Nagel in der Stube hängt; sie mußte lange warten, bis Thoma kam. Die menschenfreundliche Frau war betroffen von ihrem Anblicke und sagte, sie begreife ihren Kummer, da sie in Einem Tage aus dem höchsten Glück in tiefe Trauer versetzt wurde.

Thoma erzitterte. So nahe hatte sie sich die Ereignisse noch nie zusammen gerückt.

Frau Pfann fühlte, daß ihre erste Anfassung ungeschickt gewesen, und suchte allmälig beruhigend einzulenken, indem sie ihre Zuversicht aussprach, den zeitweiligen Zerfall mit Anton wieder ausgleichen zu können, da Anton besonderes Vertrauen zu ihr habe.

Die Mienen Thoma's wurden ruhiger, aber sie verhielt sich schweigend.

Frau Pfann redete ihr innig zu, dem Vater die Gefangenschaft zu erleichtern, indem sie ihn besuche.

»Sie meinen's gut«, erwiderte Thoma, »Sie sind so gut, aber ich kann nicht; ich kann nicht die Straße hinab und die Gefängnißtreppe hinauf gehen, und ich wäre meinem Vater auch kein Trost, im Gegentheil. Es ist besser so.«

»Es ist nicht besser, nur bequemer, nur leichter für Dich, Du willst Dich nicht bezwingen.«

Thoma schwieg, und Frau Pfann bewirkte nur, daß Tobias seinem Herrn einmal den Hund brachte.

Frau Pfann suchte nun auch die Schaubkäther auf, diese aber verriegelte die Thür und Frau Pfann ging still heimwärts.

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