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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Neunzehntes Kapitel.

Noch spät in der Nacht öffnete sich das Fenster der Kammer, in welcher Thoma schlafen sollte; ihre Wangen glühten, aber es kam nicht der Geliebte, mit dem sie in linder Frühlingsnacht plaudern, küssen und herzen sollte. Vom Walde herauf schallte der Sang der Nachtigall, und vom Berge hinter dem Hause suchte eine andere sie zu übertönen; Thoma hörte sie nicht, sie sprach, sie rang mit einem Dämon in der Nacht.

Thoma war eine wohlerzogene Großbauerntochter, sie war in der Volksschule eine der ersten gewesen, und daheim lernte sie, daß man fleißig und ehrenhaft sein müsse, und das war sie geworden. Sie war stolz und herrschsüchtig wie ihr Vater, der sie schon von früh an bevorzugte und, da die Mutter gar nichts von der Welt draußen wollte, sie auf allerlei Lustfahrten mitnahm und seine Freude an ihrer Entschlossenheit hatte und vor Allem ihren Stolz nährte. Thoma hatte an des Oberbauern Tochter eine Gespiele gehabt, aber eigentlich war ihr Vater ihr einziger Vertrauter. Als Großbauerntochter wollte Thoma nichts von einer Liebschaft wissen, das schickt sich für die minderen Leute, sie aber muß einen Großbauern heirathen, der reich und angesehen ist. Nun war Anton freilich nicht ganz ebenbürtig, aber er war doch ein Bauernprinz, wenn auch von einem kleineren Hofe; er wurde begehrt von allen Töchtern der Landschaft, und es ist doch auch schön, wenn eine Prinzessin geliebt wird, und gewiß ist keine je höher geliebt worden, als Thoma von Anton.

Wie war das nun geworden?

Der Stolz, den Landolin in seinem Kinde übermächtig groß gezogen, wendete sich nun gegen ihn und gegen Alles.

Die Fäuste Thomas ballten sich, sie will sich von Niemand begnadigen und beschenken lassen, auch vom Verlobten nicht, er darf nicht kommen und sagen, ja, nur merken lassen, Du hast nun Deine Familienehre verloren, Du bist die Tochter eines Mörders, aber ich bin doch gut und treu an Dir . . . Nein . . . vorbei. Die Fäuste Thoma's krampften sich noch schärfer zusammen, da sie an ihren Vater dachte. Wie konnte er sich zu solcher That hinreißen lassen? Kleine Leute, Dienstleute, Bettelleute dürfen nun hineinsehen in das Leben hier, darüber sprechen und aburtheilen, und es steht in ihrem Belieben, wie viel Ehrerbietung sie erweisen wollen, sie werden thun, als ob man sich besonders zu bedanken habe, wenn sie noch grüßen.

Mit einer Schnelligkeit, die Alles auf Einmal vergegenwärtigt, eilten die Gedanken Thoma's von Hof zu Hof, die Töchter höhnten oder bemitleideten sie, bevor sie einschliefen; sie konnten ruhig schlafen, nicht aber die Thoma . . .

Wie wenn das Gift von einem Natternbisse einen vollsaftigen Körper durchdringt, in den Adern gerinnt, rasend macht, aufbäumen macht, niederwirft, nach Ausgängen drängt, wo keine sind, den Hilferuf erstickt und alles Leben bannt – so war's, da Thoma in der Nacht still ingrimmig die Fäuste ballte. Ein Denken, ein Grübeln war über sie gekommen, von dem sie bisher keine Ahnung gehabt, sie wollte es verscheuchen wie einen bösen Feind; es wich nicht.

Gefängniß, Zuchthaus, Todesstrafe, das sind Dinge, die arme Leute was angehen, aber Reiche, Angesehene, für solche ist Derartiges nicht da, hatte Thoma bisher gedacht, oder eigentlich kaum klar gedacht, denn es verstand sich von selbst. Nun aber – bekennt der Vater, was er gethan, so bricht ewige Schande herein; bekennt er nicht, ewiger Fluch, Lüge, Heucheln, Zittern vor jeder Stunde, scheues Abwenden vor jedem Blick, gewaltsames Lächeln, wenn von Verbrechern die Rede ist.

Thoma stöhnte auf, wie wenn ein Schlag sie aufs Hirn getroffen. Und jetzt wendeten sich ihre Gedanken zu Mitleid: O der Vater! Er sitzt im Gefängnisse, und kein Schlaf erbarmt sich seiner. Dieser einzige Tag muß ihm wie viele Jahre, wie ein ganzes Leben erscheinen. Wer kann helfen? Wer? Wer kann Todte lebendig machen, die Sündenschuld aus der Seele tilgen?

Thoma schaute auf zu den Sternen, sie stehen still und glitzern und flimmern über Millionen Schlafenden, über Millionen Wachenden in Krankheit und Kummer und Noth, und keines ist elender als du . . .

Thränen drangen Thoma ins Auge, sie zerdrückte sie unwillig. Nur nicht schwachmütig werden, nicht jammern, nur kein Mitleid, von Niemand, . . . stolz, stolz. Ja wohin ist Euer Stolz? Verflogen. Dort drüben liegt ein Todter, ein Getödteter.

Thoma sah den Vetturi ganz deutlich, wie wenn er mit blutendem Haupte vor ihr stände; sie schrie laut auf, das Schreckensbild wich nicht. Sie warf sich auf die Kissen, aber lauschend erhob sie den Kopf wieder. Der Hahn krähte. Im beginnenden Halbschlaf, während ihre Augen sich zitternd schlossen, verwandelte sich ihr noch der Bibelspruch: wenn der Hahn kräht, wirst Du verleugnen . . . im Gefängniß kräht kein Hahn . . .

Thoma hüllte sich tief in die Kissen, ein Regen rauschte nieder, sie schlief ein.

Die Thoma, die heute erwachte, war eine andere, als die gestern am Brautmorgen, und bald hörte sie das von Fremden; denn die ehemalige Gespiele, mit der sie sich entzweit hatte, kam und sagte, wie verändert sie aussehe; sie müßten aber jetzt wieder gut mit einander sein. Thoma zeigte sofort, daß sie nicht weichmüthig geworden und kein Mitleid annehme; sie wies die Unehrbare schroff ab.

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