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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Erstes Kapitel.

Der Frühling ist wieder gekommen über Berg und Thal unserer Heimat. Der Tag erwacht, ein Luftstrom zieht herbkräftig über die Wälder, als müßte er die widerwillige Nacht mit fortnehmen; die Vögel beginnen zu zwitschern, und da und dort wagt ein Buchfink bereits seinen vollen Schlag. Durch die Tannen mit ihren frischgrünen Jahresschossen säuselt und flüstert es. Der Sonnenball ist über den Bergeskamm heraufgekommen und leuchtet in das Thal; die Wiesen und Saatfelder glitzern im Thau, die Kirschbäume strömen ihren Duft aus und Schwarzdornhecken, die in der Nacht aufgebrochen sind, freuen sich des ersten Sonnenstrahls, der bis in den Grund der Blüthenkelche dringt.

Drunten im Thal, wo die Flöße aus geschälten Stämmen und gesägten Brettern rasch dahingleiten, dort bei der Sägemühle, wo das Wehr braust, das Wasser über das Rad spritzt und die Säge schrill tönt, steht ein junger Mann mit weißer Stirn und braunen Wangen an dem oben geöffneten Kammerfenster und schaut hinaus und nickt froh, als grüßte er den erwachenden Tag. Bald tritt der junge Mann ins Freie, er breitet die Arme aus, als müßte er etwas umfangen; er lächelt, als schaute er in ein freudiges liebendes Antlitz. Er nimmt die Soldatenmütze vom Kopf und hält sie weiter schreitend in der Hand; sein Gang ist fest, seine Haltung stramm, und die lautere Redlichkeit und Gradheit schaut aus seinem Gesichte. Er geht durch die Wiesen bergauf die Waldeshöhe hinan, erst hoch oben am Bergeskamm steht er still und schaut weit hinaus; sein Blick haftet an einer Rauchsäule, die in weiter Ferne gradauf zum wolkenlosen Himmel aufsteigt.

»Guten Morgen, Thoma! Du schläfst wohl noch? Wach auf! Unser Tag ist da!« sagte er laut vor sich hin, er hatte eine tief anmuthende, männlich volle Stimme.

Jetzt sprang er in übermüthigen Sätzen wieder bergab, er mäßigte aber bald seinen Schritt und jodelte in die Welt hinein, daß das Echo widertönte, die Vögel rings umher sangen mit. Er war wieder beim elterlichen Hause angelangt, unter der Hausthüre stand der Vater und brockelte den Hühnern Brot vor.

»Guten Morgen, Vater!« rief der junge Mann.

Der Alte, ein langgestreckter, hagerer Mann, schaute verwundert auf und erwiderte: »Ei, Du bist schon auf, Anton? Wo bist denn schon gewesen?«

»Ich? Wo? Ueberall. Im Himmel und auf der schönen Welt hier unten. Vater! Es ist mir oft im Sinn gelegen, als erlebte ich den Tag nicht, als müßte ich vorher sterben oder es geschieht sonst was. Jetzt ist der Tag da!«

Der Alte wischte sich mit der flachen Hand über den Mund zweimal, dreimal, denn er hatte sagen wollen: so ist deine Mutter auch gewesen, so zaghaft und wieder so herzfrisch. Aber er schob die Worte weg, er wollte die Glückseligkeit seines Sohnes nicht stören, und endlich sagte er:

»Ja, ja, so ist's, so ist Jungsein. Sag Anton, bist denn im Krieg auch so gewesen, so unruhig und so . . .«

»Nein, Vater, da ist's ganz anders hergegangen . . . Vater, ich meine immer, Ihr hättet nicht die volle Freude an der Thoma.«

»Ich bin eben nicht verliebt wie Du.«

»Nein, ihr habt was.«

»Ich hab' just nichts, aber sie ist mir fast zu –«

»Zu reich, meinet Ihr?«

»Das hab' ich nicht gemeint. Es giebt kein Mädchen, das zu reich ist für einen rechten Bursch. Ich hab' nur gemeint, sie ist zu schön. Ja. lach nur, eine gar so schöne Frau ist eine mühsame Sach. Aber ich glaub', Du kommst damit zurecht, und sie scheint mir der Mutter nachzuarten und nicht dem Landolin in seiner Gewalttätigkeit. Freilich, etwas von seinem Hochmuth hat sie auch, aber ich hoffe, nichts von seinem Unband. In alten Geschichten berichten sie von grimmbösen Riesen, so einer hätt' der Landolin werden können. Es ist nur gut, daß wir in anderen Zeiten leben.«

»Aber Vater! Ihr machet's zu arg, und meine Thoma –«

»Ja, ja, sie hat eine gute Art von der Mutter her. Ich hab' drüber gedacht, ich bin doch, genau gerechnet, fünfzehn Mal in Rotterdam gewesen; in Holland drunten giebt's gar keine so unbändige Menschen, wie der Landolin.«

»Vater, kann sein, weil sie auch in Holland keine Bergbäche haben, lauter ruhige Kanäle.«

»Schau, schau, was die heutigen jungen Leute nicht Alles wissen! Ich hab' nichts Böses über die Thoma sagen wollen.«

»Das werdet Ihr nie können, Vater. Sie hat eins, was Euch besonders freuen wird; es ist noch nie ein unwahres Wort über ihre Lippen gekommen und wird nie.«

»Das sollte eigentlich wenig sein, ist aber viel in der Welt. Aber genug jetzt, Du bist der Mann dazu, der schon Meister werden kann. Ich hab' Dir das Alles nur gesagt, damit Du recht gefaßt bist. Jetzt aber genug! Es giebt Gottlob heut' einen prächtigen Tag.«

»Ja gewiß, prächtig,« entgegnete Anton, er meinte aber nicht das Wetter.

Heute sollte auf dem Frühjahrsmarkt in der Amtsstadt der Verspruch des Sägemüllers Anton mit Thoma (Thomasia), der Tochter des Altschultheißen und Großbauern Landolin von Reutershöfen gehalten werden.

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