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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Siebzehntes Kapitel.

Thoma setzte sich und legte die Hände in den Schooß, sie schaute nicht auf.

»Sie können als Kind jedes Zeugniß verweigern,« belehrte Sie der Richter in freundlichem Tone.

Jetzt erhob Thoma das Haupt so mühsam, als wäre es zentnerschwer. »Vater! Was kann ich sagen?«

»Was Du gesehen hast.«

Sie starrte in das Antlitz ihres Vaters, sie sah, wie er gewaltsam die Augen offen hielt, und doch zuckten die Augenlider, als müßten sie sich schließen vor ihrem Blick. Mit einer harten Kopfbewegung sich abwendend und die Faust auf den Tisch stemmend, sagte Thoma:

»Herr Kreisgerichtsrath, . . . ich sag' . . . ich . . . ich verweigere jede Aussage.«

Landolin stöhnte leise, er ahnte, was in der Seele seiner Tochter vorging. Sie erhob sich und verließ die Stube, ohne noch einen Blick oder ein Wort an Jemand zu richten. Lautlos schauten ihr Alle nach.

Der Richter fragte nun Landolin, ob Niemand von den Knechten im Hof das Ereigniß mit angesehen. Nur zögernd antwortete Landolin, daß er das nicht wissen könne; er habe sich weiter nicht umgesehen, aber Tobias und Fidelis seien daheim gewesen. Mit Schrecken gewahrte er, daß sein Schicksal von Anderen abhängig war.

Der Richter fragte auch nach dem Sohne Peter; Landolin zuckte die Achseln. Ob Peter daheim war oder nicht, darum kümmerte man sich nicht; er war ein verstockter, gering angesehener Bursch. Und doch war Peter, ohne daß man's wußte, in dieser Stunde wichtig geworden. Niemand ahnte, daß das Schiebfensterchen, das von der Stube in die Küche ging, halb geöffnet war, und hinter demselben hatte Peter lauernd gestanden. Als er die Aussage des Vaters gehört hatte, zog er rasch die Stiefel aus und huschte ungehört die Treppe hinab in den Stall zu Tobias und sagte: »Jetzt wissen wir, wie es gewesen ist; der Vetturi ist nicht vom Stein getroffen umgefallen. Hörst Du es auch, Du?« wendete er sich zu dem Pferdeknecht Fidelis. Tobias hatte einverständlich genickt, Fidelis dagegen hatte keinerlei Zeichen gegeben, und es konnte nichts weiter verhandelt werden, da die beiden Knechte in die Stube gerufen wurden. Bevor Tobias den Hof verließ, schleuderte er einen Stein in die Nähe des Hofthores.

Tobias erhielt zuerst einen Verweis, weil er die Blutspuren weggekehrt hatte; er ließ sich das still gefallen und sagte nun mit fester Stimme, wie er deutlich gesehen habe, daß Vetturi, der immer zitterig gewesen sei, vom Steine nicht getroffen, sondern von selber umgefallen sei auf die Pflastersteine. Landolin hatte, als der Oberknecht zu reden anfing, zuerst die Augen niedergeschlagen, jetzt schaute er triumphirend auf. Er stützte die Ellbogen auf die Stuhllehne, er hielt aber die Hand vor den Mund und preßte unter der vorgehaltenen Hand die Lippen zusammen, da Tobias weiter aussagte: »Der Stein, den Vetturi geworfen hat, liegt noch drunten, kaum ein Schritt davon, wo der Meister gestanden.«

Landolin richtete sich hoch auf. Das ist das rechte! Nothwehr! Darauf hin richtest du deine Vertheidigung. Wie ein mit den Wellen Ringender, dem ein Rettungsseil zugeworfen worden, so umklammerte Landolin die Stuhllehne, und wenn es in der Seele Etwas geben könnte, das so umfaßte, wie die Hand, so hielt er in Gedanken das Wort Nothwehr fest.

Fidelis sagte eben so bestimmt, daß er gesehen habe, wie der Meister mit beiden Händen einen Pflasterstein aufgenommen, sich zum Ausholen ein wenig rückwärts gelegt und geworfen habe, der Stein sei dem Vetturi an den Kopf gefahren, von einem Wurfe Vetturi's sei nichts zu sehen gewesen.

Landolin schrie empört dazwischen; er wurde zur Ruhe verwiesen, und der Richter sagte aufstehend, offenbar mit erzwungener Ruhe, es thäte ihm leid, aber er sehe sich genöthigt, um jede Verdunkelung des Thatbestandes zu vermeiden, Landolin in vorläufige Haft nehmen zu müssen.

Der Stuhl rückte und polterte wieder, und Landolin rief:

»Herr Kreisgerichtsrath, ich bin der Landolin von Reutershöfen, das da ist mein Haus, da draußen sind meine Aecker, meine Wiesen, mein Wald; ich bin kein Hergelaufener und werde doch wegen so einem Bettel, der mich nichts angeht, nicht davonlaufen.«

Der Richter zuckte die Achseln und fügte hinzu, man werde ihn wol nach wenigen Tagen entlassen können.

Der Aktuar legte die Papiere zusammen, er warf einen begehrlichen Blick auf den eingeschenkten Wein, es blieb ihm aber nichts, als einige Dintenflecke von den Fingern abzulecken.

»Darf ich meinem Manne nicht ein Bett mitgeben?« fragte die Bäuerin; es war das erste Wort, das sie sprach, und mitleidig lächelnd erwiderte der Richter, daß das nicht nöthig sei.

Landolin faßte nach ihrer Hand, und seit vielen Jahren zum ersten Male sagte er in herzlich bewegtem Tone:

»Liebe Johanne!« Das Gesicht der Bäuerin wurde verklärt, wie wenn ein Wunder an ihr geschehe, und Landolin fuhr fort: »Sei nur ruhig, es geschieht mir nichts.«

»Darf er mich nicht mitnehmen?« fragte die Bäuerin den Richter.

»Thut mir leid.«

Die Bäuerin schickte schnell eine Magd nach Thoma, aber Landolin wehrte ab und sagte zum Richter:

»Ich gehe ohne Widerrede mit.«

Als Landolin eingestiegen war, setzte sich ein Landjäger, der vor dem Hause Wache gehalten hatte, auf den Bock zum Kutscher. Die Bäuerin brachte noch den Mantel ihres Mannes herbei, er hüllte sich drein, ihn fröstelte, und die Luft war doch so lind, er drückte den Hut tief in die Stirn und es war doch Nacht.

Der Wagen rollte davon, der Hund bellte hinterdrein, man hörte noch lange das Bellen des Hundes, das Rollen des Wagens auf der Hochebene, bis Alles verklungen und ringsum Stille war.

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