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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Sechzehntes Kapitel.

Landolin ging vom Brunnen am Wege nach dem Hofe, dort stand er wieder eine Weile an der Hundehütte und sagte fast laut: »an der Kett'! an der Kett'!«

Er nestelte den Hund los, der ihm in die Stube folgte. Niemand war da. Landolin setzte sich in den Lehnstuhl, griff ängstlich tastend nach den Armlehnen und strich daran hin und her, wie sich beruhigend, daß die Armlehnen noch da sind; dann zog er die lockeren Stiefelschäfte herauf, als müßte er sich zu einem Gange rüsten. Er erhob sich, ging aber nur bis an den Tisch, er strich wiederholt mit der Hand über den Tisch, als wollte er etwas wegwischen. Mit befehlender Stimme rief er nun, man solle das Essen bringen. Das Essen kam, die Frau setzte sich zu ihm, sie redete kein Wort, sie schien beruhigt, ja fast erfreut, daß ihr Mann essen wolle, und sie zwang sich, selber zu essen. Landolin befahl der Magd, sie solle Thoma und Anton zum Essen rufen. Die Magd kam mit dem Bescheid, Anton sei fort und Thoma ließe sagen, sie käme nicht. Da faßte Landolin die Gabel, und stieß sie durch das Linnen in den harten Tisch, daß sie fest stecken blieb. Die Lippen zusammenpressend, stand die Frau auf und schaute scheu auf den Tisch, ob nicht Blut herausfließe, da ihr Mann so Entsetzliches an dem Familientisch gethan.

Die Gabel steckte noch im Tische, als ein Fuhrwerk vor dem Hause hielt, und bald traten der Kreisgerichtsrath und der Aktuar ein. Die Bäuerin hatte Fassung genug, rasch die Gabel aus dem Tische zu ziehen.

Landolin wollte die Hand zum Willkomm reichen, der Kreisgerichtsrath schien es nicht zu bemerken und keine Hand frei zu haben. Landolin dankte nun mit fester Stimme dem Richter, daß er so rasch gekommen sei, um den Thatbestand der unglücklichen Geschichte gleich ins Reine zu bringen.

»Setzen Sie sich, Herr Kreisgerichtsrath, und Sie auch, Herr Aktuar,« sagte er zuvorkommend, schenkte von dem Weine, der auf dem Tische stand, drei Gläser ein, faßte das eine und stieß die anderen an, zum Zeichen, daß die Herren trinken sollten.

Der Kreisgerichtsrath aber sagte kurz: »Danke,« faßte das Glas nicht an und lehnte sich zurück, während der Aktuar ein Papier auf den Tisch breitete.

»Setzen Sie sich,« sagte er zu Landolin, dieser aber erwiderte: »Ich stehe schon gut,« und faßte die Lehne des Stuhles vor ihm; er trommelte mit den Fingern auf die Stuhllehne und sah gewaltsam ruhig drein. »Wollen Sie mich fragen, oder soll ich reden?«

»Reden Sie vorerst.«

»Herr Kreisgerichtsrath! Der Wein da ist sauber, ich hab' ihn selber vom Kaiserstuhl geholt, von der Kufe weg, aber ich meine, des Schwertwirths Wein ist nicht ganz sauber, und wenn ich am Tag trinke und viel schwätze dabei, das bringt mich ganz außer mir; der Schreck über das Unglück hat mich aber wieder zu mir gebracht.«

»Sie waren also bei dem . . . bei dem Unglück betrunken?« fragte der Kreisgerichtsrath.

Landolin erschrak. Das ist kein Mann, mit dem man sich unterhält, das ist ein Richter, und jetzt ein Richter über dich. Halt! Was kann das Betrunkensein helfen? Schnell besonnen und fast lächelnd sagte Landolin: »So betrunken, daß ich nicht weiß, was ich thue, das kommt bei mir nicht vor; ich kann Gottlob was vertragen.«

Er unterbrach sich mit einem zutraulichen Lächeln gegen den Richter. Als aber die Mienen des Richters unverändert ernst blieben, zuckte Landolin die Achseln über den Mann, der seine Zutraulichkeit nicht achtete, und er fuhr mit trotziger Bestimmtheit fort: »Ich kann's beweisen. daß dem armseligen Bursch von mir aus kein Schade geschehen ist.«

»Haben Sie?« wendete sich der Oberamtsrichter zum Aktuar, und dieser erwiderte: »Ich stenographire.«

Der Stuhl in der Hand Landolins rückte, denn Landolin erschrak doch, daß seine schwankenden Aussagen bereits protokollirt waren. Er wartete nun die Fragen ab, und der Richter begann nach einer Weile:

»Sie hatten heute auch bereits einen heftigen Streit mit dem einhändigen Wenzel von Altenkirchen?«

»Das wissen Sie auch schon?«

»Ja. Wollen Sie mir den Hergang erzählen?«

»Hergang? Die Sache ist kurz bei einander. Der Wenzel ist vor mehr als dreißig Jahren für mich als Soldat eingestanden. Mein Vater selig, man hat ihn gekannt, er ist Redmeister gewesen, fragen Sie nur den Wälderjörgli, was er war, wir sind das älteste Ehrengeschlecht in der Gegend –«

»Bitte, wie ist das mit dem Wenzel?«

»Ja so! Ja. Mein Vater hat dem Wenzel viel Geld gegeben und Kleider, und seiner Mutter auch, und jetzt will der Wenzel immer noch Blutegel an mir sein.«

»Haben Sie gedroht, daß Sie ihn kalt machen, wenn er Sie nochmals vor Leuten anspricht?«

»Kann sein, kann auch nicht sein, daß ich das gesagt hab'. Man kann so was im Zorn sagen, aber ernst ist es mir nicht gewesen. Bin ich denn jetzt auf einmal der Mann, der Jeden todtschlägt, der mir in den Weg kommt? Bin ich denn ein Hergelaufner, den man nicht kennt?«

Landolin wartete vergebens auf Antwort, denn der Richter ging auf die Hauptsache zurück und fragte:

»Haben Sie Zeugen über den Vorgang mit Vetturi?«

»Ja wohl, mein zukünftiger Schwiegersohn, Sie kennen ihn ja, der Anton Armbruster und meine Tochter.«

Der Kreisgerichtsrath wünschte, daß Beide hereingerufen werden; es wurde ihm gesagt, daß Anton nicht mehr da sei, aber bald trat Thoma ein.

Der Kreisgerichtsrath stand auf, rückte ihr einen Stuhl, damit sie sich ihm gegenüber setze.

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