Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Berthold Auerbach >

Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel.

Droben, wo der Wald endete und das Ackerland begann, sahen sie die Schaubkäther mit ihrem rothen Kopftuch vor einem jungen Manne stehen, der am Wegraine saß, sie reichte ihm eine Bretzel dar, er aber lehnte sie ab.

»Schau,« sagte Thoma, »das ist die Schaubkäther mit ihrem Vetturi, sie verkindelt den nichtsnutzigen Bursch; er ist Knecht bei uns gewesen, wir sind aber dahinter gekommen, daß er, wer weiß wie lang, Hafer gestohlen hat, und da hat ihn mein Vater natürlich fortgejagt.«

»Der arme Kerl sieht arg verkommen aus.«

»Er ist nicht nur arm, er ist auch schlecht. Quält der Bursch meinen Vater, der die Sache nicht bei Gericht angeben mag, er solle ihm noch Lohn herausgeben.«

Die Verlobten kamen bei dem am Wege Sitzenden an; der Bursch stand plötzlich auf, er war hager von Gestalt, schwarz bläuliche Haare fielen ihm wild in die Stirne, die dunkeln, müde dreinschauenden Augen hatten einen menschenscheuen Blick. Er zog einen zerrissenen Strohhut ab und verbeugte sich mehrmals vor Anton; ein Wort schien er nicht hervorbringen zu können.

»Nicht wahr, Vetturi heißt Du?« sagte Anton. »Komm her! Willst was haben?«

»Ich nehm keine Bettelgabe, lieber schlag' ich meinen Mund auf einen Stein auf,« erwiderte Vetturi mit heiserer Stimme, und wie einem Widerspruch sich entgegenstellend, rief er, zur Schaubkäther gewendet: »Mutter! Ich leid's nicht, daß Ihr was annehmt.« Mit ganz veränderter Stimme sagte er dann zu Thoma: »Darf ich Dir Glück wünschen?«

»Nein, das darfst Du nicht. Wer überall herum so unehrerbietig von meinem Vater redet, der darf mir nicht Glück wünschen. Gesteh' ein, daß Du gestohlen hast, und wenn Du's eingestehst, dann will ich selber bei meinem Vater gut für Dich reden.«

»Ich gesteh' nichts ein.«

»Dann schimpf auf mich und nicht auf meinen Vater. Mein Vater hätte Dir vielleicht nachgegeben, aber ich leid's nicht, so lang Du lügst.«

»Aber ich wünsch' Dir Glück, Anton,« rief die Schaubkäther. »Ich wünsch', daß Deine Frau werde wie Deine Mutter gewesen. Das war eine Gutthäterin, wie keine mehr in der ganzen Gegend. Ich bin in Deinem Haus gewesen, wie Du auf die Welt gekommen bist, Du bist grad acht Tage älter, als meine älteste Tochter jetzt wär'! Jetzt mach', daß Dein Schwiegervater meinen Vetturi wieder annimmt und Alles ausebnet. Wir sind arme Leut', wir wollen keine Händel mit so einem mächtigen Bauern, er soll uns aber auch nicht drücken, daß das Blut unter den Nägeln hervorquillt.«

»Komm mit fort,« rief Thoma, Anton am Arm fassend, »laß die da nicht so an Dich hinreden.«

Sie ging voran, Anton folgte ihr nicht, sondern sagte zu Vetturi, er wolle ihn als Holzschläger droben im Walde annehmen.

»Das kann mein Vetturi nicht,« fiel die Mutter ein, »er kann nicht so vom Montag früh bis Samstag Abend da droben schaffen und kein rechtes Essen und kein rechtes Lager haben.

»Komm, komm doch!« drängte Thoma von ferne. Anton ging, und hinter ihnen rief Vetturi noch allerlei Verwünschungen gegen Landolin.

Die Brauen tief hereinziehend und mit vorwurfsvollem Tone sagte Thoma: »Der Vetturi ist doch kein Kamerad von Dir, und Du hältst Dich doch bei ihm auf? Das will mir nicht von Dir gefallen. Du bist nicht stolz genug. Solche Menschen dürfen mit unser einem gar nicht reden, ehe man sie fragt.«

Anton sah sie betroffen an, sie hatte eine Herbheit in Wort und Stimme, die ihn überraschte; sie mochte das merken, denn mit entzückendem Lächeln fuhr sie fort: »Schau, ich bin stolz auf Dich, und Du mußt selber auch stolz auf Dich sein; so ein Mensch wie Du, mit dem dürfen die Leute nur mit dem Hut in der Hand reden. Ich sag' einem schlechten Menschen nicht guten Tag, und Du sollst es auch nicht. Du meinst vielleicht, ich sei bös? Denk' das nur keinen Augenblick. Ich hab' nur kein Mitleid mit einem Lügner. Mag einer gethan haben, was es sei, wenn er eingesteht, kann man ihm helfen, aber einem Lügner, einem Heuchler –«

»Ja, liebe Thoma,« unterbrach Anton, »zum Schlechtsein gehört eben auch, daß man lügt; wer stehlen kann, muß auch lügen können und –«

»Ich versteh' Alles schon zum ersten Male, brauchst mir nicht Alles zwei Mal erklären. Ich bleib' dabei, einen Lügner und Heuchler könnt' ich vor meinen Augen verschmachten sehen, und thät ihm nicht helfen, bis er –«

»Oho! Du bist wild.«

»Ja, wenn ich auf den Punkt komme, bin ich's. Aber genug! Was gehen uns die Häuslersleute an? Schau, da ist's gewesen, da bei dem Birnbaum, wo Du damals Abschied genommen hast, wie Du in den Krieg gezogen bist. Schau, es ist der bestgewachsene Baum, und jetzt sieht er aus wie ein Blumenstrauß am Stiel.«

»Und eh' die Blüthen Birnen sind, bist Du mein.«

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.