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Landolin von Reutershöfen

Berthold Auerbach: Landolin von Reutershöfen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleLandolin von Reutershöfen
authorBerthold Auerbach
year1878
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
titleLandolin von Reutershöfen
pages1-322
created20040708
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Elftes Kapitel.

Die Brautleute kamen in den Wald, der Landolin gehörte; am Rande desselben, dort wo die Sonne kräftiger eindringen kann, war den mächtigen Tannen die Rinde aufgerissen, und rings umher standen Kufen, in welche das Harz aus den Bäumen tropfte.

»Schad' um die schönen Stämme,« sagte Anton, »Dein Vater muß künftighin solche sägbare Stämme nicht mehr anreißen, sondern mir überlassen.«

Thoma bat, ja recht behutsam mit ihrem Vater umzugehen, denn er lasse sich nicht gern etwas drein reden.

»Ich weiß nicht . . .« fügte sie hinzu, »ich mein', mein Vater ist heut so . . . so aufbrausig. Ich weiß nicht warum?«

»Aber ich weiß. Er ist ärgerlich, daß er Dich hergeben muß. Gieb acht, denk' dran, in tausend Wochen bin ich auch so. Aber zum Großvater werden muß man –«

»O, Du!« unterbrach ihn Thoma, und hell leuchtete ihr Antlitz.

Sie gingen tiefer in den Wald, und vom Wege ab, unter einer breitästigen Tanne setzten sie sich nieder ins weiche schwellende Moos.

»Jetzt ist genug geküßt, jetzt laß mich ein wenig ausruhen, ich bin müde,« sagte Thoma, sich an den Stamm lehnend, und sie lächelte, da Anton schnell seine Jacke zusammenrollte und ihr ein Rückenkissen daraus bereitete.

Zu ihren Füßen blühten Maiblumen, Anton brach eine ab und streichelte Thoma damit Stirn und Wange, indem er dabei leise allerlei Kinderlieder und Heilsprüche sang:

»Ich wünsch' Dir eine ruhsame Nacht,
Von Rosen das Dach,
Von Maiblumen das Nest,
Schlaf' wohl, schlaf' wohl und fest.«

Wo zwei Liebende im Waldesgrunde beisammen sitzen, da tönt und klingt aus dem Brodem, der der Erde entsteigt, und in dem Säuseln und Rauschen, das durch die Wipfel zieht, all jener Zauber von Wonne und Kindlichkeit, der im Liede klingt und im Märchen hin und her huscht und Baum und Gras und Waldgethier reden macht.

»Horch! Der Fink!« sagte Anton. »Kennst Du die Geschichte vom Fink?«

»Nein, erzähl'.«

»Es geht einmal ein Bursch über Feld, um seinen Schatz zu besuchen, da ruft der Fink: »Wip! Wip!« (weib'! weib'!) Das will ich ja, sagt der Bursch, und wie er wieder heimkehrt, ruft der Fink: »Besinn' Di' wohl! Besinn' Di' wohl!« – Jetzt wir, liebe Thoma, haben uns besonnen. Flieg' weiter, Fink, wir sind schon im Reinen. Wip! Wip!«

Thoma lächelte, dann schloß sie die Augen und war bald entschlummert. Anton betrachtete die Schlafende, sie war neu schön, aber sie mußte mit einem trotzigen Gedanken eingeschlafen sein, denn ihre Mienen hatten einen herben Ausdruck.

Von einem Findlingsfelsen in der Nähe schauten Eidechsen mit klugen hellen Augen auf die Schlummernde und ihren Hüter, sie huschten leise davon, und bald kamen andere, sich auch das Wunder zu betrachten, goldgrüne Libellen flogen durch die Luft, stießen einander an und wischten davon, ein bunter Schmetterling setzte sich auf das Haupthaar Thoma's, just inmitten der Stirn und haftete da lange wie ein Diadem; ein Grünspecht klopfte oben am Wipfel der Tanne aufkletternd, jetzt drehte er den Kopf, sah die Schlummernde und flog rasch davon. Ein Kukuk kam geflogen und schon im Niederlassen ließ er seinen Ruf erschallen, Thoma erwachte und sah staunend um.

»Guten Morgen, Schatz!« rief Anton, »jetzt bist Du schon meine Braut von gestern.«

»Hab' ich lang geschlafen?« fragte sie.

»Nein, Du mußt aber 'was Besonderes geträumt haben. Was war's?«

»Ich erzähl' keinen Traum, ich halt' nichts drauf. Komm, jetzt wollen wir heim.«

Sie gingen weiter, waldaus.

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