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Lšndliche Gedichte

Vergil: Lšndliche Gedichte - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
titleLandbau
authorVergil
translatorJohann Heinrich VoŖ
yearca. 1927
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
pages43
created20020430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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Ob du dem Hügel die Rebe vertraun sollst oder dem Blachfeld,
Forsche zuvor. Wenn Äcker der fruchtbaren Eb'ne du abteilst,

275  Dicht sie bepflanzt; auch in dichtem Gedräng' nicht träger ist Bacchus.
Wählst du des schrägen Gefild's Anhöh'n und Hügelgelände,
Gib den Ordnungen Raum. Nicht minder auch füge genau sich
Rings den gemessenen Bäumen der Gang mit kreuzendem QuergangDie Linien sollen sich genau ins Geviert fügen, in ihren End- oder Durchschnittspunkten genau zusammentreffen. Die Bäume oder Reben wurden in der Gestalt des quincunx gepflanzt, welche ein doppeltes V (quinque) bildet:
*   *   *   *   *
  *   *   *   *
*   *   *   *   *
,
Wie wenn zu schrecklichem Streite die Legion die Kohorten
280  Lang ausdehnt, und geordnet in offener Eb'ne der Heerzug
Steht, und die Kampfreihn streckt, dann weit umher von des Erzes
Blinkendem Glanz aufwallet die Flur, noch Schlachtengewühl nicht
Tobt, und der schwankende Mars noch irrt in der Mitte der Heere.
Ringsum gleich sei alles verteilt durch Zahlen der Gänge,
285  Nicht daß dem Geist nur biete der Anblick nichtige Nahrung,
Nein, weil sonst nicht alle mit gleicher Stärke das Erdreich
Nährt, noch empor ins Freie den Wuchs ausbreiten die Äste.

Jetzo wie tief man grabe den Pflanzungen, forschest du etwa.
Herzhaft möcht' ich die Reb' auch der flacheren Furche vertrauen.

290  Aber der Baum wird tiefer hinab in die Erde gesenket,
Jupiters Eiche zumal, die, soweit ihr Haupt zu des Äthers
Lüften sie hebt, gleichweit in den Tartarus strecket die Wurzel.
Darum vermag kein Winter, kein Sturm noch Regenerguß sie
Auszudrehn; sie steht unbewegt, und viele der Enkel,
295  Viel hinrollende Leben besiegt ausdauernd ihr Alter:
So kraftvollen Gezweigs, so weithin streckend die Arme
Ringsum, wirft in der Mitte sie selbst den unendlichen Schatten.

Nicht sei dir abhängig zur sinkenden Sonne der Weinberg,
Nicht zur Reben die HaselDie Haselstaude hat einen starken Laubwuchs, und durch ihre zahlreichen und weitverzweigten Wurzeln schadet sie dem Weinstock. Vergil betrachtet die Haselstaude immer als wildwachsend. gepflanzt; nicht schwankender Reiser

300  Oberstes nimm, noch schere vom obersten Baume den Setzling:
So sehr liebt er die Erde. Auch nicht mit gestumpfetem Eisen
Kränke den Sproß, noch misch' ihm des Ölbaums waldige StämmeVergil warnt vor der Sitte, auf den wilden Ölbaum den zahmen zu pfropfen, weil der neue Baum leicht wieder ausartet. .
Denn nicht selten entsank unachtsamen HirtenDa nämlich die großen Baumpflanzungen auch Korn tragen mußten, weideten die Hirten auf den etwaigen Brachen ihre Rinder und Schafe und zündeten sich zuweilen ein Feuer an, das dann leicht die Pflanzung in Brand stecken konnte. ein Funke,
Welcher anfangs geheim, von der öligen Rinde genähret,
305  Glomm und das Holz angriff, dann hoch in die Äste sich schwingend,
Himmelan mit Getös' aufprasselte, und immer weiter
Rings siegreich die Zweige beherrscht, rings luftige Wipfel
Ganz in Glut einhüllet die Pflanzungen, und aus der pechschwarz
Qualmenden Nacht gen Himmel die dunkele Wolke hinaufwälzt:
310  Wenn zumal noch Sturmes Gewalt hochher in den Rebhain
Niederstürzt und zuckend im Schwall fortdrängt die Entflammung.
Ist das, nimmer geneset der Stamm, noch kehrt die beschnitt'ne
Rebe zurück und entgrünt mit ähnlichen Ranken dem Erdreich:
Heillos erhebt sein bitteres Laub der wildernde Ölbaum.

315 

Nicht auch laß dich verleiten vom klügelnden Rat des Belehrers,
Daß bei Boreas' Hauch die erstarrete Erde du pflügest.
Frostig schließt dann Kälte die Flur und wehret dem Sprößling,
Eingesenkt in das Land, die haftende Wurzel zu schmiegen.
Weinhöh'n werden am besten gepflanzt, wenn im purpurnen Frühling

320  Kam der weißliche VogelDer Storch macht sich durch Wegfangen der Schlangen (auch die giftige Kreuzotter überwindet er leicht), Mäuse und Maulwürfe sehr nützlich; dagegen ist er der Niederjagd sehr schädlich. , das Graun langwindender Schlangen,
Auch in der herbstlichen Kühl' Annäherung, wenn mit Gewalt Sol
Winterwärts schon treibt das Gespann, und der Sommer dahin ist.

Frühling zumal macht grün die Pflanzungen, Frühling die Wälder;
Frühling schwellet die Erd', und zeugende Samen verlangt sie.

325  Doch der allmächtige Vater mit fruchtbarem Regen, der Äther,
Senkt in den Schoß sich herab der lüsternen Gattin und nähret
Alles Geschlecht, der Große zum großen Leibe gesellet.
Jetzo erschallt entlegnes Gebüsch von melodischen Vögeln,
Und es begehen die Herden das jährige Fest der Vermählung.
330  Nährender Acker gebiert, und der Zephire mildem Gesäusel
Öffnen die Felder den Schoß; es berauscht sich alles in Wachstum.
Sicher auch wagen nun mehr der verjüngeten Sonne die Knospen
Sich zu vertraun, nicht scheut aufsteigende Süde das Weinlaub,
Noch vor gewaltigem Nord ansausende Güsse des Regens.
335  Ringsum drängt es die Keime und grünt mit entfalteten Blättern.
Daß nicht andere Tag' im Beginn der erwachsenden Schöpfung
Angeleuchtet die Welt, noch andere Folge bewahret,
Glaub' ich gern. Lenz blühet' allein, Lenz feiert der große
Weltumfang, und es hemmte den frostigen Atem der Eurus;
340  Als zuerst Lichtströme die Herd' einsog, und der Männer
ErdengeschlechtDaß die Menschen aus der Erde entstanden seien, war eine uralte Meinung. aufstreckte das Haupt aus harten Gefilden,
Als Waldtier' in die Forst', und Sterne eilten am HimmelDie Sterne wurden von den Alten für lebende Wesen gehalten, die gleichsam am Himmel weideten. Nach der Lehre der Stoiker war der Himmel »voll von göttlichen Körpern, die man Sterne zu nennen pflegt«; so auch Ovid (Verwandlungen I, 72ff.; Fasten III, 111) und Cicero (Vom Wesen der Götter II, 42). .
Schwerlich ertrug auch die zarte Natur das Toben des Jahres,
Wenn nicht ruhige Milde, von Frost und Hitze gesondert,
345  Herrschte, der neuen Erde ein freundlicher Himmel sich annahm.

Übrigens, welcherlei Sprosse du einsenkst in die Gefilde,
Streue labenden Dung und deck' ihn reichlich mit Erde.
Grab auch schlürfende Kiesel umher und schleimige MuschelnMuscheln werden an den Rebstöcken noch heute eingegraben in der Nähe der Stadt Trani in Italien, um einen würzigen Muskateller zu erzielen. ,
Daß sich dadurch einschmiege die Näss', und leise der Windhauch

350  Abwärts dring' und die Pflanzen ermutige. Manche sogar sind,
Die mit Gestein von oben und aufgehügelten Scherben
Lasteten; dies beut Schutz vor ergossenen Regengewittern,
Dies, wenn der feurige Hund die lechzenden Fluren zerspaltet.

Hast du die Pflanzen gereiht, dann trennt die Erd' auseinander

355  Oft um die Stämm' und schwinge mit Macht zweizahnige Karste,
Oder durchackre den Grund mit lastender Pflugschar, und selber
Zwischen das Rebengehölz lenk' hin arbeitende Stiere.
Jetzt glattstämmiges Rohr und geschälete Stäbe des Reisigs
Füg', und eschene Pfähle daran und Gabeln der Weide,
360  Deren Kraft aufstreben sie lehr' und Winde verachten,
Bis sie den Wipfel der Ulm' auf ästigen Stufen erklettern.

Wenn zuerst aufgrünete der Reblinge jugendlich Alter,
Werde der zarten geschont; auch wenn sich fröhlich zur Luft auf-
Schwinget das Reis, durch die Lüfte geschnellt mit verhängetem Zügel,

365  Werde sie selbst noch nicht von schneidender Hippe versuchet,
Nein, mit gekrümmetem Finger pflück ab auslesend die Sprossen.
Aber sobald sie, die Ulme mit rüstigen Stämmen umwindend,
Hoch aufstieg, dann scher' ihr das Haar, dann stutze die Arme.
Früher verzagt dem Eisen ihr Mut, dann übe der Herrschaft
370  Strenges Gebot und zähme die wild ausschweifenden Ranken.

Flicht auch Zäune zur Wehr dem ganzen Viehe, besonders
Wenn noch zärtliches Laub sie ist, unkundig der Drangsal,
Daß nicht, bei des Sturms Unfug und der mächtigen Sonne
Büffel der Waldungen auch rastlos und gierige Rehe

375  Treiben ihr Spiel, abnasche das Schaf und die lüsterne Milchkuh.
Nie auch hat so Kälte, mit graulichem Reife gefrierend,
Oder den sonnigen Fels anprallende Schwüle des Sommers,
Ihr ein Verderb wie die Herde gebracht, und des grausamen Zahnes
Gift, und die Narb' umher im benageten Stamme gezeichnet.

380 

Nicht ob anderer Schuld muß allwärts auf den Altären
Bluten dem Bacchus ein Bock, und der Chor durchziehet nach alter
Sitte die Bühne; dem Witz weiht auf Kreuzwegen in Dörfern
Theseus' Geschlecht ihn zum Lohn, und lustvoll unter den Bechern
Auf sanftrasigen Au'n durchsprangen sie ölige Schläuche.

385  Auch, die Troja gesandt, der ausonischen Fluren Bewohner,
Feiern mit rohem Gesang' ihr Fest und lustigem Lachen,
Und abscheuliche Larven gehöhleter Rinde sich nehmend,
Rufen sie dich, o Bacchus, in fröhlichen Liedern und hängen
Dir an ragender Fichte herab die beweglichen Bilder.
390  Davon erblüht ringsum mit reichlicher Lese der Weinberg,
Vollgedrängt sind Buchten des Tals und gewundene Anhöh'n,
Und wohin nur der Gott hinwendet sein strahlendes Antlitz.
Laßt denn nach heiligem Brauch sein Lob hochtönen dem Bacchus
In der Väter Gesang und tragt ihm Fladen und Schüsseln;
395  Steht auch am Horne geführt der verschuldete Bock vor dem Altar,
Daß sein fettes Gekrös' am haselnen Spieße wir braten.

Noch wird andere Mühe geheischt zur Pflege des Weinstocks,
Und nie ruht vollendet das Werk. Ganz werde dir jährlich
Dreimal und viermal der Grund durchschnitten vom Pflug', und die Scholle

400  Stets mit gewendetem Karste zermalmt; auch vom Laube gereinigt
Ganz der Hain. So kehret des Landmanns kreisende Arbeit
Und in sich selbst rollt immer durch eigene Spuren das Jahr um.
Schon vorlängst, wenn herbstlich der Weinberg senkte die Blätter,
Und kaltatmender Nord dem Gehölz entraffte die Schönheit,
405  Dann schon dehnet die Sorg' in das kommende Jahr der Besteller
Eifrig, und mit gezahnter SaturnusklingeSaturn wurde als Gott der Anpflanzungen mit einer gekrümmten Hippe, die von der vorgebogenen Spitze dens (Zahn) heißt, in der Hand dargestellt. verfolgt er
Scherend verödete Reben umher und bildet sie schneitelnd.
Grabe zuerst das Gefilde, zuerst auch brenne das Reisig
Abgeführt, und zuerst verwahre die Pfähle im Obdach;
410  Weinles' ernte zuletzt. Zweimal drängt Schatten den Weinstock,
Zweimal sproßt Fruchthainen in stickender Geile das Unkraut.
Hart ist beiderlei Müh'. Du lob' unermeßliche Felder,
Aber das kleine bestell'. Auch wird des gestachelten Brusches
Zähes Band in dem Wald', und am Flußgestade das Röhricht
415  Abgehaun; auch Sorge der wildernden Weide beschäftigt.
Schon ist gebunden der Wein, schon scheidet die Hippe vom Ulmhain,
Schon singt der Winzer, ans Ende der Rebenpflanzung gekommen,
Dennoch stör' aufs neue die Flur und rege den Staub auf.
Ja der reifen Traub' ist Jupiters Wetter noch furchtbar.

420 

Keiner Pfleg' hingegen bedarf die Oliv' und erwartet
Nicht die gebogene Hippe von uns noch reißende Karste,
Hat einmal sie gehaftet im Feld' und die Lüfte ertragen.
Selbst schon bietet die Erde, vom hakigen Zahne geöffnet,
Saft den Sprößlingen dar, und gepflügt, vollhangende Früchte.

425  Darum pflanz' dir den fetten, dem Frieden geheiligten Ölbaum.

Ferner das Obst, sobald es die Macht erst fühlte des Stammes,
Und selbständige Stärke gewann, eilfertig zum Himmel
Strebt's durch eigene Kraft, nicht unserer Hilfe begehrend.

Auch nicht minder indes hängt fruchtschwer jegliche Waldung.

430  Blutig von Beeren erglühet die einsame Vogelbehausung.
Zytisuslaub schert man, Kienfeuerung spendet der Bergforst,
Daß die nächtliche Flamme sich nährt und Leuchtung umhergießt.
[Und doch säumet der Mensch, auf Pflanzungen Sorge zu wenden!]
Soll ich das Größre durchgehn? Schon Weid' und niedrige Ginster,
435  Jetzo dem Vieh gewähren sie Laub, jetzt Hirten des Schattens
Kühlungen, jetzt auch Gehege der Saat und dem Honige Nahrung,
Und er erfreut, dort wallend von Buxus zu schaun den CytorusBerg und Stadt in Paphlagonien. Noch jetzt sind dort die ausgedehnten Wälder von Eichen, Buchen, Nadelholz und Kastanien. ,
Dort des narycischen Peches GehölzDie opuntischen Lokrer aus Naryx gründeten die Kolonie Lokri in Bruttium, deren Bewohner sich besonders mit der Gewinnung des Pechs beschäftigten, das die Pechföhre des großen Bergwaldes Sila reichlich lieferte. und den Segen der Äcker,
Die nichts menschlichem Karst, nichts einiger Sorge verdanken.
440  Selbst auf des Kaukasus Scheitel die fruchtlos grünenden Wälder,
Welche des Ostes Orkan' ohn' Ende durchwehn und zerschmettern,
Geben verschiednen Ertrag; sie geben uns nützliches Bauholz,
Fichtene Masten für Schiff' und Zypress' und Zeder den Häusern,
Dorther Speichen ins Rad, und dorther Rollen der Lastfuhr,
445  Rundet der ländliche Mann und bäuchige Kiele den Schiffen.
Fruchtbar an biegsamem Reis ist die Weid', an Laube der Ulmbaum,
Aber die Myrt' an tüchtigem Speerholz, samt der Kornelle
Krieg'rischem Stamm, auch krümmt ituräischeDie Ituräer, die heutigen Drusen in Syrien, waren berühmte Bogenschützen. Bogen der Taxus.
Nicht glattädrige Linde, noch Meißelung liebender BuchsbaumDer Buchsbaum, im nördlichen Griechenland heimisch, wuchs in Italien wild, fand sich aber auch häufig in Gärten und Parkanlagen. ,
450  Sträubt sich Gestalt zu empfahn und scharfem Stahl sich zu fügen.
Gern auch schwimmt leichtwallend die Erd' in des reißenden Padus
Vollem Erguß, und gerne verkriechen sich Schwärme der Bienen
In umwölbender Rind' und der Steineich' fauligem Schoße.

Was so würdigen Ruhms hat baccische Gabe gewähret?

455  Bacchus gab auch zu Schuld Anreizungen, er bezwang auch
Tolles ZentaurengeschlechtDie dem Weine ergebenen thessalischen Zentauren lebten in fortwährendem Hader. Bei der Hochzeitsfeier des Lapithen Pirithous wollten sie in der Trunkenheit die Braut Hippodamia entführen und wurden in dem darüber entstandenen Streit getötet. durch Mord, und Rhötus und Tholus,
Und, der des Mischkrugs Last auf Lapithen erhob, den Hyläus.

Wahrlich, allzu beglückt, wenn eigenes Wohl er erkennte,
Wäre der ländliche Mann, dem, fern von Waffen der Zwietracht,

460  Willig den leichten Bedarf darbeut die gerechteste Erde.
Wenn kein hoher Palast ihm gedrängt durch prangende Pforten
Frühe den Schwall der BegrüßerDie Schützlinge oder Klienten pflegten am Morgen ihren Schutzherrn oder Patronen Ihren Morgengruß darzubringen und ihre Aufwartung zu machen. aus ganzen Sälen hervorströmt;
Nicht nach Pfosten er giert von schöngesprenkeltem Schildpatt,
Oder nach goldgesticktem Gewand und ephyrischem ErzeEphyra war der alte Name für Korinth. Künstliche Gefäße aus korinthischem Erz wurden bei den Römern höher als goldene und silberne geschätzt. Das korinthische Erz war eine Mischung von Kupfer, Gold und Silber. ,
465  Nicht schneefarbige Woll' in Assyrierbeize sich schminket,
Noch von Zimt der Gebrauch des lauteren Öles gefälscht wird;
Doch behagliche Ruh', und ein truglos gleitendes Leben,
Reich an mancherlei Gut, doch Muß' bei geräumigen Feldern,
Grotten und lebende Teich', ein Kühlung atmendes Tempe,
470  Rindergebrüll, und im Wehen des Baums sanftwiegender Schlummer
Fehlen ihm nicht. Bergwälder sind dort und Lager des Wildes,
Dort, unermüdet zum Werk, bei wenigen fröhliche Jugend,
Heilige Götterfest', und ein Alter in Ehren; zuletzt noch
Hat die Gerechtigkeit dort, von der Erd' abscheidend, gewandelt.

475 

O daß mich doch zuerst die vor allem geliebtesten Musen,
Deren Priester ich bin, durchbebt von entzückender Inbrunst,
Weiheten, daß sie Gestirn' und ätherische Pfade mir zeigten,
Mannigfalt'ge Verdunklung der Sonn' und des ringenden Mondes;
Was Erdbeben erregt, was flutende Meere gewaltsam

480  Über die Dämm' aufschwellt und zurück die flutenden senket;
Warum winternde Sonne so rasch zum Oceanus nieder
Taucht und welcher Verzug die säumigen Nächte so aufhält.

Doch wenn diesem Gebiet der Natur annahen zu können,
Etwa frostiges Blut in des Herzens Pulsen mich hindert,

485  Sein mir Felder erwünscht und wässernde Flüss' in den Tälern,
Lieb' ich Bäch' und Gehölz' auch ruhmlos. Oh, in Spercheos'
Ebenen, und wo Taygetos hallt von laconischer Jungfrau'n
Bacchustanz, oh, wer leitet in kühlende Täler des Hämus
Meinen Gang, mich zu decken in mächtiger Schattenbelaubung?

490 

Selig, wem es gelang, der Ding' Ursprung zu ergründen,
Und wer jegliche Furcht und das unerbittliche Schicksal
Niedertrat, das Getöse des gierigen Acheron höhnend.
Aber beglückt auch der, der ländliche Götter erkennet,
Pan, und Silvanus den Greis, und die Schwesterchöre der Nymphen.

495  Nicht Machtstäbe des Volks, nicht Purpur der Könige rührt ihn,
Nicht Zwietracht, die zum Kampf aufregt treulose Gebrüder,
Noch ob der Dacier Schar vom verschworenen Ister herabsteigt,
Nicht romanische Mächt' und zerfallene Größen, und niemals
Kümmerten ihn Verarmte mit Gram noch Reiche mit Scheelsucht.
500  Was sein Baum ihm an Frucht, was selbst sein williger Acker
Gerne gebracht, das pflückt' er; er sah nicht eiserne Rechte
Oder den tobenden Markt und des Volks urkundenden Tempel.

Andere stören mit Rudern des Meers Heimtück', in den Mordstahl
Rennen sie oder durchdringen die Schwellen und Höfe der Fürsten.

505  Dieser droht Zerstörung der Stadt und den armen Penaten,
Daß er trink' aus Juwelen und schlaf' in sarranischemD. i. tyrischer Purpur. Der alte Name von Tyrus war Sar, woraus bei den Römern Sarra wurde. Purpur.
Gut häuft jener und liegt auf vergrabenem Schatz des Goldes,
Dieser starrt vor der Bühne des Redenden; jener im Schauplatz
Gafft dem Geklatsch, (zwiefach ja erscholl's, von dem Volk und den Vätern)
510  Tieferstaunt. Man freut sich, besprengt mit dem Blute der Brüder,
Und landflüchtig vertauscht man das Haus und die süßen Gemächer,
Suchend ein Vaterland, das andere Sonnen beleuchten.

Aber der Landmann furcht mit gebogenem Pfluge das Erdreich:
Dieses die Jahrarbeit; so nährt er sein Land und die kleinen

515  Enkelchen, so die Herde der Küh' und den würdigen Pflugstier.
Nie auch rastet das Jahr, ihn bald mit Obst zu beglücken,
Bald mit Segen der Trift, bald körnigen Garben der Ceres,
Daß von Erträgen belastet die Flur und der Speicher bedrückt wird.
Nahte der Frost, dann preßt er das Öl sekyonischer Beeren;
520  Fröhlich kehren die Säu' aus der Eichmast; Arbutusreiser
Bietet der Wald, und es häufet der Herbst vielfarbige Früchte,
Und hoch reifet die Traube, gereift an sonniger Felswand.
Schmeichelnd hangen indes um Vaterküsse die Kindlein;
Keuschheit wahret das züchtige Haus, milchschwellende Euter
525  Senken die Kühe herab, und fett in fröhlicher Grasung
Kämpfen mit angestrengtem Gehörn wetteifernde Böcklein.
Feste ordnet er selbst; gelagert auf rasigem Anger,
Wo um den flammenden Herd den Krug die Genossen bekränzen,
Sprenget er dir, Lenäus, und fleht, und den Hirten der Walddrift
530  Hängt er des hurtigen Speers Kampfspreis' an den ragenden Ulmbaum,
Und zum ländlichen Ringen entblößen sie stämmige Glieder.

Solch ein Leben führten vordem die alten Sabiner,
Solches der Rhea Geschlecht, so wuchs Etruria machtvoll;
Siehe, und herrlich erhub sich des Weltalls Königin Roma,

535  Sieben Höhen sich selbst mit vereinender Mauer umschließend.
Eh' auch das Zepter empfing der diktäische KönigJupiter war der Sage nach in der diktäischen Grotte auf Kreta geboren und seine Regierung folgte auf das goldene Zeitalter des Saturnus. , und ehe
Noch ein Frevlergeschlecht geschwelgt in geschlachteten StierenDas Rind stand in der ältesten Zeit in so hoher Ehre, daß es ein ebenso großes Verbrechen war, ein Rind, wie einen Menschen zu töten. Übrigens sagt Aratus, daß man schon im ehernen Zeitalter anfing, das Fleisch der Pflugstiere zu genießen. ,
Führete solch ein Leben die Welt des goldnen Saturnus.
Nicht auch hörete man, wie das Kriegshorn schmetterte, nie auch
540  Daß von Hammergedröhn auf dem Amboß klirrten die Schwerter.

Doch unermeßliche Räum' hat uns vollendet die Laufbahn;
Zeit schon ist es, der Ross' aufdampfenden Nacken zu lösen.

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