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Ländliche Gedichte

Vergil: Ländliche Gedichte - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
titleLandbau
authorVergil
translatorJohann Heinrich Voß
yearca. 1927
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
pages43
created20020430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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Zweiter Gesang

Inhalt die Baumpflanzung. 1. Anrufung des Bacchus 4. I. Entstehung der Bäume und Sträucher. a) Natürliche: von selbst 10, aus Samen 14, aus der Wurzel 17. b) Künstliche: durch abgestochene Wurzelschößlinge 23, aus Satzhölzern 24, Senkern 26, Schnittlingen 28, Klötzen und Scheitern 30, durch Impfen 32 bis 34. II. Anbau von beiden. a) Einleitung 35, Anrufung des Mäcenas 39. b) Veredelung natürlicher 47. c) Erziehung künstlicher 61, besonders durch Äugeln und Impfen 73 bis 82. III. Verschiedenheit der Bäume und Gesträuche. a) Nach den Gattungen der Geschlechter 83. b) Nach Boden und Lage 109. c) Nach der Weltgegend 114. d) Italiens Lob 136 bis 176. IV. Vom Erdreich. a) Dienlichkeit für Ölbäume 179, Weinstöcke 184, Vieh 195, Getreide 203, für nichts 212, für alles 217. b) Prüfung, ob locker oder dicht 266, salzig und bitter 238, fett 248, feucht 251, schwer oder leicht 254, schwarz 255, kaltgründig 256 bis 258. V. Weinbau. a) Zur Pflanzung gehört: Graben 259, Pflanzschule 265, Einsetzen 269, wie dicht 273, wie tief 288, andere Vorsicht 298, Zeit des Einsetzens 315, Lob des Frühlings 323, Pflege der Setzlinge 346. b) Nach der Pflanzung wird aufgelockert 354, gepfählt 358, abgelaubt und geschneitelt 362. c) Verzäunung 371; besonder gegen den Bock, der dem Bacchus geopfert wird 380. d) Nie endende Wartung 397 bis 419. VI. Leichtere Pflege anderer Gewächse. a) der Ölbäume 420. b) Der Obstbäume 426. c) Wilder Gesträuche und Bäume 429. d) Vorzug dieser vor dem verführerischen Weinstock 454 bis 457. VII. Glückseligkeit des Landlebens. a) Vorzüge der Stadt 361. b) Des Dichters Wunsch, ein Weiser zu sein 475, oder ein frommer, genügsamer Landmann 483, der auch Weisheit übt 495, im Gegensatz zum unruhigen Städter 503. c) Des Landmanns Ruhe 513, Überfluß 516, unschuldige Freuden 523, alte Sitten 532. d) Beschluß des Gesangs 541 bis 542.

 

So weit über der Saat Anbau und des Himmels Gestirnen.
Nun dich, BacchusBacchus ist nicht bloß der Gott des Weins und seiner Kultur, sondern auch der Bäume und Baumfrüchte. Besonders aber wird er in diesem Gesange, der von der Baumzucht handelt, angerufen, weil auch die Rede von den Reben ist. Lenäus (V. 4) heißt er als Gott der Kelter. , besing' ich, mit dir auch waldiger Wildnis
Junges Gesproß, und die Pflanzung des langsam wachsenden Ölbaums.
Hierher, Vater Lenäus! erfüllt ist alles mit deinem

5  Ehrengeschenk; dir prangt vom traubigen Herbst in Weinlaub
Blühend die Flur, dir schäumt vollauf in den Kufen die Lese.
Hierher, Vater Lenäus, o komm, und tauch' in den frischen
Most mit mir, des Kothurns entkleidet, die nackenden Füße.

Erstlich erwachsen die Bäum' aus mannigfaltiger Zeugung.

10  Einige, wenn auch nimmer ein Mensch sie nötiget, selber
Kommen sie willig hervor und beherrschen die Tal' und des Flusses
Krummen Rand: wie die Weide des SumpfsOb unter siler eine Art Bach- oder Sumpfweide zu verstehen ist, ist zweifelhaft; einige denken an eine Staude, deren Same zur Arznei diente und wovon der Landmann Stäbe gegen die Schlangen trug. und biegsame GinsterGenesta, ein Binsenpfriemenkraut (spartium iunceum), in Italien und Griechenland heimisch, wird in Italiens Gärten wegen seiner schönen und wohlriechenden Blüten gezogen und auch als Umzäunung benutzt. Die Zweige dieser Pflanze geben, wenn sie wie Hanf behandelt werden, zähe Fasern für Seile usw., doch werden sie wohl selten dazu benutzt. Die Blüten liefern den Bienen Honigsaft. ,
PappelgebüschGemeint ist entweder die Schwarzpappel (populus nigra) oder die Silberpappel (populus alba), an die Zitterpappel (populus tremula), welche im nördlichen Italien nur hier und da vorkommt, ist nicht zu denken. , und ergrauend mit bläulichem Laube das Weidicht.
Andere steigen empor aus gefallenem Samen; der hohe
15  Baum der KastanieDie Kastanie (fagus castanea) bildet, soweit der Boden kalkfrei ist, auf den griechischen und italienischen Bergen große Wälder, wird auch vielfach absichtlich angepflanzt. – Die Speiseeiche (quercus aesculus) ist in Italien jetzt noch häufig; sie war, wie alle Eichen, dem Jupiter heilig, und aus dem Rauschen der Eichen verkündeten die Priester, z. B. zu Dodona, den Willen der Gottheit. und Eichen, die über Jupiters Haine
Wachsen heraus und der Griechen orakelredende Wipfel.
Anderen sproßt aus der Wurzel die dicht aufsteigende Waldung,
Wie KirschbäumenNach Zerstörung der Stadt Cerasus im Pontus brachte Lucullus den Kirschbaum mit, welcher nach jener Stadt benannt wurde. Übrigens wuchsen in Italien auch schon vor der Zeit des Lucullus Kirschen, aber harte. und Ulmen; ja selbst der parnassische LorbeerDie schönsten Lorbeerbäume fanden sich auf dem Parnaß. Berühmt war der Lorbeerhain von Delphi am Fuße dieses Berges.
Hebt sich, ein winziges Reis, im gewaltigen Schatten der Mutter.
20  Diese Vermehrung gab die Natur erst, diesen entgrünet
All der Wälder und Stauden Geschlecht und der heiligen Haine.

Andere Weisen entdeckte auf eigener Bahn die Erfahrung.
Dieser pflanzt das Gesproß, vom zarten Leibe der Mutter
Abgelöst, in die Furche; der stampfet sich Äst' in die Äcker,

25  Und vierspaltige Schaft' und spitzige Pfähle von Kernholz.
Andere Waldung erharrt aus niedergebogenen Senkern
Junges Geschlecht, und es lebt im eigenen Boden der Nachwuchs.
Selbst der Wurzel entbehren noch andere; oben vom Wipfel
Waget der Erd' herbringend den Schoß zu vertrauen der Schneitler.
30  Ja, dem zerschnittenen Strumpfe sogar, o wunderbar klingend,
Dringt aus trockenem Holze hervor die Wurzel des Ölbaums.
Oft auch sehn wir die Zweige des anderen Baums in des andern
Ungestraft ausarten, daß eingepfropfet der Birnbaum
Äpfel trägt und mit Pflaumen die Steinkornelle sich rötet.

35 

Drum wohlan, und vernehmet der Arten besondere Pflege,
Männer der Flur, arbeitet die herberen Früchte zu mildern;
Und nicht träg' daliege das Land. Es ist schön, mit dem Festwein
Ismarus'Ismarus, ein Berg in Thrazien; Taburnus, ein Bergzug zwischen Samnium und Kampanien, der zum Teil wegen seiner Ölpflanzungen berühmt war. Höh'n zu bepflanzen, mit Öl den hohen Taburnus.

Aber o komm und vollende mit mir die begonnene Laufbahn,

40  Du mein Stolz, du billig der bessere Teil mir des Ruhmes;
Huldreich gib, o Mäcenas, dem offenen Meere die Segel.
Zwar nicht alles mit meinem Gesang zu umfassen begehr' ich;
Nein, wenn auch hundert Zungen ich hätt', und hundert der Kehlen,
Eiserne Stimm'. Komm, streife den Bord nur des nahen Gestades,
45  Nah ist uns ja das Land. Nicht soll hier eitele Dichtung,
Noch umschweifender Prunk dich verziehn, und Länge des Eingangs.

Welche Gewächse von selbst in die strahlende Luft sich erheben,
Fruchtlos steigen sie zwar, doch froh und mutiger Stärke.
Denn sie treibt im Boden Natur. Doch auch diese, wofern du

50  Einimpfst, aber verwandelt in lockere Gruben sie bergest,
Legen sie ab die wildere Art, und durch emsige Wartung
Folgen sie nicht halsstarrig, in welcherlei Zucht du sie rufest.
Auch der verödete Sproß, der den Stämmen entsprießet,
Tut dies gern, sobald du in freieres Feld ihn verteilest:
55  Jetzo verdumpft hochschattend mit Laub' und Gezweig' ihn die Mutter,
Raubet des Wachstums Trieb und dörret die Kraft des Ertrages.
Endlich der Baum, der selbst aus gestreueten Samen emporstieg,
Strebt mit langsamer Mühe, dem späteren Enkel zu schatten,
Auch entartet sein Obst, der vorigen Säfte vergessend,
60  Und dem Gevögel zum Raub umhängt der Herling den Weinstock.

Siehe, bei allen bedarf's anhaltenden Fleißes, bei allen,
Daß du in Furchen sie reihst und mit großer Mühe sie pflegest.
Aber aus Kloben gedeiht dir der Ölbaum besser, aus Senkern
Rebanwachs, aus festem Gehölz die paphische MyrteDie Myrte war der Venus heilig, die besonders in Paphos auf Zypern verehrt wurde. .

65  Kindlich sproßt um die Mutter die steinige Hasel, die hohe
Esche des Hains, und der Baum herkulischer SilberbekränzungDie Pappel war dem Herkules heilig. ,
Samt des chaonischen Zeus Eichbaum; auch die luftige Palme
Sproßt alt Kind, und die Tanne, bedroht von Gefahren des Meeres.
Eingeimpft mit dem Reise der Nuß wird der struppige Hagbaum,
70  Oft auch die öde Platane gebar vollhangende Äpfel.
Hell von Kastanien blüht die Buch', und die Orn' in des Birnbaums
Prangender Weiß'; und die Eichel zermalmeten Säu' in dem Ulmwald.

Nicht einfach ist die Art zu pfropfen und Augen zu legen.
Denn wo aus ebener Rinde der knospende Keim sich hervordrängt,

75  Und sein zartes Gewebe durchbricht, werd' enge gehöhlet
Grad' in den Knoten ein Spalt; hier schließ des anderen Baumes
Aug' hinein und lehr' es in saftiger Schale verwachsen.
Doch unknotige Geäst werd' abgesägt und mit Keilen
Tief ein Weg in die Härte gebahnt; dann füge des Obstes
80  Schwangeres Reis in den Spalt; nicht lange dauert's und mächtig
Schwingt sich empor zum Himmel ein Baum mit fröhlichen Zweigen,
Selber das neue Gesproß und nicht eigene Früchte bewundernd.

Ferner sind nicht eines Geschlechts die mächtigen Ulmen,
Nicht die Weid', und der LotusDer cyrenäische Lotus ist am häufigsten und schönsten in der Nähe der Syrten in Afrika, auch in Italien, wenn auch ausgeartet, sehr häufig. – Die Zypresse war besonders auf dem kretischen Idaberge heimisch. und nicht die Zypresse vom Ida.

85  Auch den fetten OlivenVon den zahlreichen Olivenarten nennt Vergil nur drei vorzügliche: die ölreichste (Orchas), von eirunder Gestalt, die längliche, dem Weberschiffe ähnliche (Radius) und fleischigste und schmackhafteste (Pausia), aus welcher indessen, auch wenn sie noch unreif war, wo sie noch bittern Geschmack hatte, Öl gepreßt wurde. erwächst nicht einerlei Gattung,
Eirund hier, dort länglich, und dick mit herberer Beere,
Ungleich Obst in dem Hain des AlkinousDer Obstgarten des Phäakenkönigs Alkinoos (s. Homer, Odyssee VII, 114ff.) war sprichwörtlich geworden zur Bezeichnung fruchtbarer Obstbäume. ; nicht auch erglüht gleich
Syriens und CrustumiumsCrustumium (Crustumeria, Crustumerium), eine sabinische Stadt nördlich von Rom und Fidenä, unfern vom linken Tiberufer, heute Monte rotondo. – Die syrische Birne war eine Art Bergamotte und wuchs besonders in der Gegend von Tarent. Birn', und die lastende Faustbirn'.
Nicht dieselbige Traub' entschwebt hier unseren Bäumen,
90  Welche der Lesbier pflückt von mehymnäischenMethymna, die nördlichste und nächst Mytilene bedeutendste Stadt der Insel Lesbos, mit vortrefflichem Wein. Reben.
Gibt es doch thasischeThasos und Lesbos, Inseln des Ägäischen Meeres. – An dem unterägyptischen See Mareotis (heute Mariuth) lag die Stadt Marea, von welcher der See den Namen hatte, und die zugleich Hauptstadt der anliegenden Landschaft war, welche reich an Palmen und Papyrus, aber auch reich an Weinen war, von denen der weiße besonders geschätzt war. Er war süß und mit scharfem, nicht astringierendem Bukett. Weine und mareotische weiße,
Diese dem fetteren Grunde bequem, dem leichteren jene;
Psithische Kraft»Psithische Kraft« und »feiner Lageos« sind Namen zweier griechischer Weine. Die folgenden Namen bezeichnen teils italische, teils griechische, teils asiatische Weine. , aus Rosinen gepreßt, auch feiner Lageos,
Einst den Fuß zu lähmen bestimmt und die Zunge zu fesseln;
95  Purpurwein und precischer Most; und wie rühmt mein Gesang dich,
Rhätiker? doch nicht drum mit falernischen Zellen geeifert.
Auch aminäische Reben verleihn hochaltenden Kraftwein,
Welchem der Tmolier selbst nachsteht und der König Phanäus;
Dann Argitis die kleine, womit kein' andere streitet,
100  Weder so voll zu strömen, noch gleich viel Jahre zu dauern.
Auch dich, Rhodier, nicht, den Göttern wert und dem Nachtisch,
Übergeh' ich, noch dich, mit geschwollenen Trauben, Bumastus.
Aber wie reich an Arten sie sind, und an Namen wie vielfach,
Fehlet die Zahl, und nicht ja, in Zahl sie zu fassen, verlohnt es.
105  Wer sie zu zählen begehrt, der begehrt auch der libyschen Eb'ne
Sandgewühl zu erforschen, wie viel im Weste gewälzt wird;
Oder, stürmt in die Segel die Wut des gewaltigen Eurus,
Alle Gewog' um den Strand der ionischen Wasser zu zählen.

Doch vermag nicht jedes ein jeder Boden zu tragen,

110  Weiden umsprossen den Bach, es entsteigt die Erle des Sumpfes
Dickem Schlamm, und dem Felsengebirg' unfruchtbare Eschen;
Ufer grünen von Myrten am fröhlichsten, endlich der Weingott
Liebt die offenen Hügel, den Nord und die Fröste der TaxusDie Eibe (taxus baccata) kommt auf den Bergen Norditaliens noch an vielen Stellen vor. .

Schaue den Erdkreis auch, wo die äußersten Pflanzer ihn anbaun,

115  Östliche Hütten der Araberstämm' und bunte GelonerDie sarmatische Völkerschaft der Gelonen, welche um den Borysthenes (Dniepr) ihre Wohnsitze hatten, pflegten sich zu tätowieren, wie auch die Agathyrsen, ebenfalls ein sarmatisches Volk (Äneide IV, 146). Diese Sitte war bei den barbarischen Völkern ziemlich weit verbreitet. ;
Abgeteilt ist Bäumen ihr Land. Nur in Indien dunkelt
EbenholzDieses von jeher beliebte, schwarze, schwere, feste, eine herrliche Politur annehmende Holz kommt aus Ostindien, auch aus Afrika. – Über Saba s. zu I, 57., nur Saba gebiert die Zweige des Weihrauchs.
Was verkünde ich noch wohlriechendem Holze entquollne
BalsameDer Balsamstrauch war in Judäa heimisch. ? was dir die Beeren des immergrünen AkanthusDer Akanthus (mimosa nilotica) ist ein mittelgroßer Baum Oberägyptens mit Dornen, welcher, wie mehrere andere afrikanische und indische Mimosen, das gummi arabicum liefert. ,
120  Äthiopiens Haine, mit weicher Wolle beschimmert,
Und wie das zarte Gespinst von dem Laubabkämme der SererNach der Vorstellung der Alten kämmten die Serer, ein indischer Volksstamm, das Gespinst der Seidenraupe, das dort oft ganze Waldungen bedecken sollte, von den Blättern der Bäume ab und bereiteten so Seide. Eine richtige Vorstellung von der Lebensweise der Seidenraupe erhielten die Römer erst, als die ersten Seidenraupen unter Kaiser Justinian nach Rom kamen. Übrigens haben die Chinesen schon zur Zeit des Kaisers Yao, also 2700 Jahre vor Christus, Seidenzucht betrieben. ?
Oder was India sonst, dem Oceanus näher, für Waldung
Trägt, die äußerste Bucht? wo über die luftigen Wipfel
Nimmer ein Pfeil von der Senne hinaufzustreben vermochte,
125  Und nicht kraftlos spielt doch jenes Geschlecht mit dem Köcher.
Medien zeugt den widrigen Saft und dauernden Nachschmack
Ihrem gesegneten ApfelWahrscheinlich die Pomeranze oder Zitrone, deren Saft hier als Gegengift gerühmt wird. , vor dem kein schnelleres Labsal,
Wenn stiefmütterlich einst Unholdinnen Becher des Todes
Würzten und Kraut einmischten und nicht unschädliche Worte,
130  Rettend kommt, und verjagt das dunkele Gift aus den Gliedern.
Hochauf raget der Baum und gleich an Wuchse dem Lorbeer;
Ja, wenn nicht ein andres Gedüft er streuete ringsum,
Lorbeer selbst; hinfällig in keinem Winde die Blätter,
Lang' ausdauernd die Blume, womit sich der Meder den Atem
135  Frischt und des Mundes Geruch und heilt schweratmendes Alter.

Aber nicht auch der Meder waldreiches und wallendes Fruchtland,
Noch selbst Ganges der schön' und der goldgetrübete Hermus,
Wäg' um Italiens Ruhm Wettkampf, nicht Baktra, noch Inder,
Und PanchaïaEine fabelhafte, durch ihre üppige Fruchtbarkeit berühmte Insel unweit der Küste des glücklichen Arabiens. ganz mit des Weihrauchs fetten Gefilden.

140  Hier ward nicht von Stieren, die Glut ausschnoben, das Erdreich
Umgepflügt und mit Zähnen besät der entsetzliche Hyder,
Daß von Helmen und Lanzen gedrängt aufstarrte die Mannsaat.
Doch schwerhangende Frücht' und massischer Trank des Lyäus
Füllten es; ringsum blühn Ölbäum' und fröhliche Herden.
145  Hier erhebt sich das streitbare Roß hochragend ins Schlachtfeld,
Herden von hier, schneeweiß, und der Stier, o ClitumnusKleiner Fluß in Umbrien (heute Clituno), an dessen Ufern man vorherrschend weiße Rinderherden sah. , der Opfer
Größestes, oft in deinem geheiligten Strome gebadet,
Führeten Roms Triumphe hinauf zu der Himmlischen Tempeln.
Hier ist ewiger Lenz, und in späten Monden noch Sommer;
150  Zweimal trächtig das Vieh, zweimal auch ergiebig der Obstbaum.
Aber zerreißende Tiger sind fern, und grausamer Leuen
Schreckliche Brut, kein GiftkrautAkonit, Eisenhut, eine schöne, aber giftige Pflanze, die auf den Höhen der norditalischen Berge und Schweizer Alpen wächst. betrog unglückliche Sammler;
Nicht unermeßliche Kreise bewegt durch den Staub, noch versammelt
Sich so mächtigen Zuges die schuppige Schlang' in Geringel.
155  Dazu prangender Städte so viel, und kunstvolle Werke,
Festungen kühn mit der Hand auf Felsabhängen gebauet,
Und hinwallende Ströme durch altertümliche Mauern.
Ob ich des Meers dort oben gedenk', und das unten heranspültDas Adriatische und Tyrrhenische Meere. ?
Ob so gewaltiger Seen? dein, großer Larius, dein auch,
160  Der du mit Wogen des Meers und Gebraus' aufsteigst, Benacus?
Ob ich der Häfen gedenk' und des eingezwängten LucrinusDer Lucrinus, ein salziger See in Unteritalien, war durch einen Damm vom Meerbusen von Cumä geschieden. Der nördlich davon gelegene Avernussee wurde mit dem Lucrinus verbunden und dadurch ein vom Meere aus zugänglicher Kriegshafen, der Portus Julius, von Augustus angelegt. ,
Und wie den Damm unbändig die zürnende Brandung umdonnert,
Dort wo die julische Flut von des Meers anstürzenden Wassern
Hallt, und Tyrrhenergewog' in den Sund eindringt dem Avernus?
165  Silberne Bäch' auch zeigte das Land und des Erzes Metalle
Hier in der Schachte Geäder und floß mit goldenem Reichtum.
Dieses erzog zu Helden der MarserEin kriegerisches Volk in Latium am Fucinersee. – Sabeller ist ein älterer und dichterischer Name für Sabiner. – Die Volsker in Latium am Liris; die Ligurer waren ein Volk gallischer Abkunft im heutigen Bezirk von Genua. Geschlecht und Sabeller.
Ligurer, trotzend der Not, und Speere schwingende Volsker;
DecierDer ältere Publius Decius opferte sich 340 v. Chr. in der Schlacht am Vesuv (Livius VIII, 9), der Sohn in der Schlacht bei Sentinum 295 v. Chr. (Livius X, 28). Cicero (Gespräche in Tusculum I, 37) läßt sogar noch den Enkel bei Asculum Apulum sich dem Tode weihen. – Marius, der Überwinder des Jugurtha und der Zimbern. – Furius Camillus, der Besieger der Vejenter (396) und Gallier (390; 367). – Die Scipionen sind vornehmlich der ältere Afrikanus, Besieger des Hannibal, sein Bruder Scipio Asiatikus und der jüngere, der Zerstörer von Karthago. dies, und Marierkraft, und einen Camillus,
170  Streitbare Scipionen, und dich, o erhabener Cäsar,
Der du jetzt als Sieger an Asiens äußersten Küsten
Ferne von Roms Berghöhen den zagenden Indier scheuchest.
Heil dir, Mutter der Frücht', o saturnische Erde, der Männer
Pflegerin! dir, du Hohe, beginn' ich Werke von alter
175  Würd' und Kunst, aufschließend die heiligen Borne mit Kühnheit,
Und AskräergesangD. h. das Lied des Hesiod, welcher aus Askra in Böotien stammte und in seinem Gedichte »Werke und Tage« auch Landwirtschaftliches besingt. durch römische Städte verbreit' ich.

Jetzo gilt's die Naturen des Erdreichs: welcherlei Vorzug
Jeglichem, welcherlei Farb' und Kraft der Befruchtung verliehn sei.
Unwillfährige Fluren zuerst und neidische Hügel,

180  Wo nur magerer Ton und Kies im Dornengefild' ist,
Liebt der Baum der Minerva, der lange lebende Ölbaum.
Dies bezeugt Oleandergehölz, das in selbiger Gegend
Dicht aufsproßt und die Felder mit wildernden Beeren bedecket.
Aber ein Grund, der fett und froh ist süßer Befeuchtung,
185  Dort, in Kräuter gehüllt, das segensschwangere Blachfeld,
Wie wir's oft im Gebirg' im gehöhleten Tale bewundernd
Überschaun, wo hinab von den Felshöh'n schmelzende Bäche
Glücklichen Schlamm mitführen, und dort, das erhoben am Südwind
Farnkraut zum Verdruß des gekrümmten Pfluges ernähret,
190  Dieses beschatten dir einst großmächtige Reben, von Bacchus'
Feuergeiste durchströmt, dies prangt mit geschwollenen Trauben,
Dieses mit Trank, dergleichen in Schalen wir weihn und in Golde,
Wenn der feiste TyrrhenerZum Opferdienste wurden Tyrrhener (Etrusker) verwendet, die von den Opfermahlzeiten fett wurden; sie bliesen die elfenbeinerne Flöte. die elfenbeinerne Flöte
Bläst vor dem Altar, und Opfergeweide dampft in den Schüsseln.
195  Doch wenn Rinder vielmehr du begehrst und Pflege der Kälber,
Oder der Schaf' Anwachs und den Pflanzungen feindliche Ziegen,
Bergwaldung und Fernen gesucht, wie des satten Tarentum,
Und ein Gefild', wie's traurig die duldende MantuaBekanntlich wurde nach der Besiegung des Brutus und Cassius ein großer Teil von Oberitalien an die Veteranen verteilt. Vergil erhielt durch Vermittlung des Asinius Pollion sein ihm genommenes Gut bei Mantua wieder. einbüßt,
Das schneefarbene Schwän' im grasigen Flusse bewirtet,
200  Nie an lauteren Quellen gebricht's, noch an Weide der Herden,
Und so viel abrupfen am langen Tage die Rinder,
Gleichviel wird in kurzem erneut vom kühlenden Nachttau.

Dunkeles meist und dem Drucke der Schar fettscholliges Erdreich,
Und von lockerem Mulm (denn Lockerung ahmet der Pflug nach),

205  Dient dem Getreide mit Lust; aus keiner Ebene siehst du
Mehr Lastwagen nach Haus' abziehn mit langsamen Stieren.
Oder, woher unwillig den Wald abführte der Pflüger
Und die Gehölz' aufwühlte, die lang' untätig gerastet,
Und mit der Wurzel hervor die alte Behausung der Vögel
210  Störete: hochaufflogen die Schwärm' aus verlassenen Nestern;
Aber das rohe Gefild' erglänzte von furchender Pflugschar.
Denn der magere Kies des gehügelten Feldes gewährt kaum
Rosmarin und niedrige CassiablumenNach Lenz ist an unserer Stelle und IV, 30 an daphne cneorum zu denken, eine Pflanze, die in Italien wild wächst, aber auch wegen ihrer schönen, wohlriechenden Blumen in Gärten gezogen wird. den Bienen;
Auch der schartige TuffUnter Tuff(stein) versteht man lockere oder feste, poröse oder dichte Gesteinsmassen, die sich aus fließendem Wasser abgesetzt haben, oder ähnliche, die dadurch entstanden sind, daß erdige Massen und Gesteinsbrocken vom Wasser zusammengeschwemmt wurden und dann durch eine im Wasser aufgelöste Mineralmasse zusammengekittet wurden. Tuff- und Kreideboden gewährten den Schlangen Nahrung und Aufenthalt. und von schwärzlichen Nattern zernagte
215  Kreide behaupten mit Stolz, daß sonst kein Acker den Schlangen
Trage so leckere Weid' und gewundene Höhlungen biete.
Welches Land den Dunst aushaucht und flüchtige Nebel,
Gern die Feuchtigkeit trinkt und gern aus sich selber zurückgibt;
Welches dabei, stets grün, mit eigenem Grase sich kleidet,
220  Und kein Eisen durch Rost und salzige Schärfe verletzet,
Dieses umwebt dir die Ulmen mit freudigem Rebengewimmel;
Dies ist fruchtbar an Öl; dies findest du unter dem Anbau
So willfährig als Vieh, als mild der zackigen Pflugschar.
Solches bestellt reichblühend sich Capua, und des Vesuves
225  Nachbargefild' und der Clanis, nicht hold dem öden Acerrä.

Jetzt, wie du jegliches Land auskundigen mögest, erklär' ich.
Fragst du, ob locker es sei, ob mehr als gewöhnliches Land, fest,
Weil der Saat das eine gefällt, das andre dem Bacchus,
Dichteres mehr der Ceres, das lockerste mehr dem Lyäus –

230  Wähle zuvor umschauend den Ort und heiße des Bodens
Feste dir tief aushöhlen; zurück nun schaufle das Erdreich
All' in die Grub' und ebne den oberen Sand mit dem Fuße.
Mangelt es, dann ist locker, dem Vieh und der labenden Rebe
Besser geartet der Grund; doch sträubt sich wiederzukehren
235  Einiges und umragt Erdreich die gefüllete Höhlung,
Zäh ist dort das Gefild, hartnäckige Schollen und grobe
Rücken erwart' und brich mit kräftigen Stieren den Acker.
Aber ein salziges LandDer Salzboden enthält leicht lösliche, nicht absorptiv gebundene Salze. Gewöhnlich versteht man unter Salzboden nur die kochsalzhaltigen Böden; hierher gehören aber auch die alaunhaltigen, eisenvitriolhaltigen, soda- und salpeterhaltigen Böden; ebenso die Gipsböden, aus denen Gips oft »ausglüht« (einen weißen Überzug auf dem Boden bildend) bzw. sich im Boden in großen Kristallen ausscheidet. Auf salzigem und bitterem Boden gedeiht keine Feldfrucht, und Wein und Obst entarten. , und das man bitter dir nennet,
Jeglicher Frucht abhold; denn nicht vom Pfluge gezähmt wird's,
240  Nicht dem Bacchus erhält es die Art, noch dem Obste die Namen,
Prüft sich bei solchem Versuch. Den Korb aus verdichtetem Reisig
Nimm und des Kelterers Durchschlag herab von der rußigen DeckeKörbe und Gefäße sowie alle Geräte des Ackerbaus wurden zum Schutz vor Feuchtigkeit unter den Dächern, wohin der Rauch Zutritt hatte und wo es trocken war, aufbewahrt. .
Drein den tückischen Grund mit süß aufwallender Quellflut
Fest dir gestampft bis zur Fülle: hervor dringt all das Gewässer,
245  Siehe, und groß nun gehn aus der weidenen Flechte die Tropfen,
Offenbar dann zeuget der herbe Geschmack, und empfindlich
Zerrt die bittere Schärfe des Kostenden mürrisches Antlitz.
Wo auch fett sei irgendein Land, das lehret uns endlich
Dieser Erfolg: nie wird es vom Wurf in den Händen zerkrümeln,
250  Sondern es klebt wie Pech, wenn du drückest, zäh an den Fingern.
Feuchtes ernährt hochschossendes Kraut, und bläht sich in geiler
Üppigkeit. Ach, nie müsse zu fruchtbar jenes mir wuchern,
Noch unmäßige Kraft in die grasigen Halme vergeuden!
Schweres Land wird durch eignes Gewicht stillschweigend sich kundtun;
255  Leichteres auch. Schon flüchtig erkennt dein Auge, was schwarz sei,
Oder wie jedes gefärbt. Doch schädliche Kälte zu finden,
Fordert Müh'; nur Kiefergehölz und schädlicher Taxus
Manchmal öffnen die Spur, und schwärzlich rankender Efeu.

Hast du solches bemerkt, wohlan, erst lange das Erdreich

260  Ausgekocht und mit Gräben die mächtigen Berge durchzogen,
Lang' erst rücklings dem Norde die liegenden Schollen gebreitet,
Ehe du fröhliche Reben hineinsenkst. Besseres Land ist
Mürberes; dazu macht es der Wind und Strenge des Reifes
Und der erschütterte Hufen mit Macht aufwuchtende Gräber.
265  Aber ein Mann, der nichts von wachsamer Sorge versäumet,
Wählt gleichartigen Boden zuvor, wo des jungen Gebüsches
Saat aufsproßt und wohin sie bald auseinander verpflanzt wird,
Daß die veränderte Mutter nicht scheu mißkenne der Schößling.
Wird doch des Himmels Gegend sogar an die Rinde gezeichnet;
270  Jeglicher dann, wie er stand, auf welchem Teil er des Südes
Brand ertrug, und wo er dem Pol zuwandte den Rücken,
Wiedergestellt; so viel heißt zarterer Jugend Gewöhnung.
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