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Landfahrer und Abenteurer

Franz Blei: Landfahrer und Abenteurer - Kapitel 9
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typeessay
authorFranz Blei
titleLandfahrer und Abenteurer
publisherGeorg Müller
year1913
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William Lithgow

Wenn diese ethnographische Ungenauigkeit erlaubt ist, kann man sagen, der Schotte William Lithgow war der erste englische Schneider, der den Kontinent bereiste. Sonst war er noch das, was der deutsche Sprachgebrauch einen ekelhaften Menschen nennt und darunter einen versteht, der das Talent hat, sich durchaus unbeliebt zu machen. In der Nacht, da man sich in London zum erstenmal an dem Stücke Antonius und Cleopatra ergötzte, stand der blonde schottische Schneider sehr verliebt bei einer Dorfschönen, als ihn deren vier Brüder überfielen und ihm die Ohren abschnitten. Der also Betroffene spricht nur von einer »desaströsen Injurie«, die er unverdient erlitten und »in deren Detail er nicht eingehen wolle« und umschreibt in Vers und Prosa die Unbill, wie »die verbrecherischen Hände vierer blutdürstiger Wölfe ein unschuldiges Lamm verschlungen und in Stücke gerissen« haben. Das Mädchen muss Helene geheissen haben, denn wo ihm auf seinen Reisen eine mehr oder weniger historische Helene unterkommt, vor Troja etwa, beginnt er ausserordentlich auf die so benamte Dame zu fluchen.

Denn nach diesem Schimpf litt es ihn nicht länger im Lande und die Sehnsucht trieb ihn dorthin, wo man unauffällig und selbstverständlich einen Turban trägt, denn nur notdürftig deckten die darübergekämmten Haare die Ohren, die nicht da waren. Lithgow hat in der Tat kein Motiv für seine weiten Reisen und erklärt zu der ersten, dass er »zu seinem Unternehmen weder vom Ehrgeiz, noch von der Neugierde getrieben worden sei, noch weil er etwa das Renommée des Weitgereisten suche«. Zu seiner zweiten Reise Ursachen sagt er, er behielte die für sich, denn »sie gingen niemand etwas an, und was die andern darüber dächten, das sei ihm vollkommen gleichgültig«. Ein durchaus unliebenswürdiger Bursche, ganz das Gegenteil seines Zeitgenossen, des vergnügt-kindlichen, immer erstaunten Thomas Corryat, der auf seinen berühmten doppelsohligen Stiefeln um dieselbe Zeit durch Italien, Deutschland, die Schweiz gewandert war als ein entzückter Dichter. Hätten die beiden einander getroffen, so besässen wir aus Corryats Feder ein freundliches Bild – und das einzige bei ihm! – des Schotten, der über Corryat sicher ein gutes Dutzend verärgerte Schmähungen aufgeschrieben hätte, wie dass er den Wein und die Frauen liebt. Denn der Schneider schien zum Sich-ärgern und Geärgert-werden auf die Welt gekommen. Wann er starb, weiss man nicht, aber dass es an einem Neurisma der Galle war, möchte man für sicher behaupten.

Seit Petrarca, dem ersten, der um des Reisens willen reiste, bis zum Ausgang der Renaissance haben die Reisebücher eine ausserordentliche Frische und Anschaulichkeit daraus, dass der Reisende in seinen Beschreibungen, die er sehr gewissenhaft gibt, immer als Person vorhanden ist und naiv sein Gesicht zeigt. So erfährt man Zustände und Dinge, aber aus den unbekümmert darüber geäusserten Meinungen auch einen Menschen. Das verlor sich, als der Entdeckungen wegen gereist wurde oder der Schriftstellerei willen, wie im achtzehnten Jahrhundert, wo man »empfindsam« reiste, das heisst auf der Suche nach sich selber. Der Heutige gar hat sowohl das Reisen wie auch die Reisebeschreibung verlernt: er reist mit aller Bequemlichkeit, hat einen Koffer voll vorgefasster Meinungen und kontrolliert im übrigen den Baedeker; seine Gelangweiltheit füllt er mit lyrischen Passagen aus. Es gibt heute nur einen, der reisen und beschreiben kann: André Suarès.

Cutlugged Lithgow ärgert sich auch einmal über Homer, weil der die Fahrten des Odysseus so besonders fand, wo sie doch »kaum den fünfzehnten Teil« der von Lithgow gemachten Reise betrügen. Siebzehn Jahre lang, rühmt er sich, habe er auf drei Reisen alle Arten Königreiche, Inseln und Kontinente besucht, mehr als sechsunddreissigtausend Meilen abgelaufen, was fast zweimal so viel sei als der Umfang der ganzen Erde. Für seine dritte Reise gibt er zwar Zweck und Ziel an: er will sich den »berühmten Priester Johannes in seinem Abessinien ansehen«, aber eigentlich war wohl der ganze Sinn seiner Fahrten, den Rekord des Weitestgereisten aufzustellen. Ganz wie die heutigen Fassroller und Karrenschieber um die Welt liess er sich jeden Aufenthalt in ein dickes Buch, seinen kostbarsten Schatz, bestätigen. Wilhelm Ohneohren, wie man ihn daheim nannte, hatte zwei Gründe, nämlich die beiden fehlenden Ohren, dass es ihn in diesem Daheim nicht litt, aber sein Länderbereisen war närrisch. Höchst peinvoll nennt er seine Reisen, und sie waren es, ganz abgesehen von den persönlichen Malheuren, die er zu erleiden hatte, und ganz und gar abgesehen davon, dass er nirgends seine Ohren wiederfand. Er war nämlich für das Reisen vollkommen unbegabt und seiner Natur nach ein ausgemachter Ofenhocker. Es gefiel ihm nicht nur absolut gar nicht, was er sah und traf, sondern es missfiel ihm alles. Es wechseln nur die Gründe seines Ärgers und Widerwillens, die Gefühle selber verlassen ihn nicht mehr von dem Augenblick an, da er den Fuss aus seinem Dorf setzt. Das gibt eine oft sehr ergötzliche Lektüre seines Reisebuches, das er mit dem Titel: »Der vollkommene Diskurs seltener Abenteuer und leidvoller Wanderungen in neunzehn Jahre langen Reisen von Schottland zu den berühmtesten Königreichen in Europa, Asien und Afrika« im Jahre 1632 in Druck gab. Paris ist ihm ein »Diebsnest und ein spektakulöser Ort«, die französischen Provinzstädte hasst er, weil ihn des Nachts die Holzschuhe der Einwohner in der Herberge aufwecken, die – auch der Schneider war der Renaissance teilhaftig – »einen Lärm machen wie des Ulysses Pferd, das in das unglückliche Troja gezogen wird«. Rom wäre die elendeste Stadt Italiens ohne »den dreifachen Wurm des Klerus, der Juden und der Huren, welche die Bevölkerung ausmachen«. Padua ist die melancholischste Stadt Europas, wo die Studenten den Fremden mit dem Messer anfallen. In Neapel, Venedig, Bologna, Ferrara, Genua und Parma, ja im kleinsten Dorfe treibe man das Laster der Sodomie, wozu noch eine monströse Unsauberkeit käme. Und unter solchen grauenvollen Umständen vergnüge sich das Volk damit, zu singen und Sonette zu machen! In Griechenland ruiniert er sich in dem felsigen Terrain Brust und Beine. Konstantinopel ist eine stinkende, angemalte Hure. Die Heiligtümer in Jerusalem sind lächerlich, zweifelhaft oder sicherer Schwindel. Wien ist ihm zu klein und zu arm. Scheusslicher noch als die den Teufel anbetenden Turkomanen sind die bestialischen Iren. Die Türken ärgern ihn mit der Art ihres Sitzens, weil er daran eine schamlose Verhöhnung der ehrsamen Schneidergewohnheit sieht. Wo ihn die Dinge, die er sieht, nicht oder nicht genug ärgern, da findet seine reiche Phantasie schnell Gründe genug. Seine Galligkeit ist unersättlich; sie verspeist Freunde und Wohltäter. Schenkt ihm einer was, wie der Bischof von Kreta, so mindert er den ganz persönlichen Akt sofort damit, dass er erklärt, das Schenken sei eine Landessitte. Ein armenischer Karawanenführer in Syrien nimmt sich mit grosser Sorgfalt und Liebe seiner an, was für Lithgow nur ein Zeichen für die Geldgier des Armeniers ist. Den Leser seines Reisebuches fährt er gleich im Vorwort an: »Solltest du ein Lump, ein Gauner, ein Momus, ein Bedienter, ein Kritiker, ein Narr, ein dummer Esel oder ein mit neidischen Lippen nagender Wurm sein, so rufe ich für dich die Vergeltung des Henkers an, dass ein hänfener Strick bald deiner höhnenden Medisance ein Ende mache und meine leidvollen Reisen, wie auch die schmerzhafte Arbeit dieses meines Buches von dem tödlichen Gifte deiner Verleumdung befreie. Geh hin und häng dich auf: ich pfeife sowohl auf deine Liebe wie auf deinen Hass!«

Es waren ja in der Tat schmerzhafte Reisen, auch anders noch, als dass er, von einer »Dalila betrogen«, Kummer mitnahm, durch die fehlenden Ohren immer daran erinnert, und hässlichen Gemütes jeden Umstand des Reisens hasste und sich selber viel zu sehr imponierte, als dass irgend etwas sonst hätte Eindruck auf ihn machen können. Denn sie waren auch in diesem Verstande schmerzhaft, dass er fortwährend geprügelt, ums Leben bedroht und bestohlen wurde – und doch das Reisen nicht aufgab, sondern recht eigentlich als seinen Beruf ansah, wenn er auch nicht das Geringste dafür mitbrachte. Er gibt keinen Aufschluss darüber, woher er das Geld nahm, das er reichlich ausgibt gegen seinen Willen und über dessen Herkommen er selber erstaunt ist. Vielleicht hat er geschneidert. Einmal denunziert er eine Räuberbande. Reisebekanntschaften beerbt er, und des öftern lässt er sich von den Behörden wirklich oder angeblich gestohlenes Gut und Geld ersetzen. In Sizilien bringt ihn der Zufall zu Duellanten, die sich wechselseitig totstechen – »worauf ich mich beeilte, ihre Taschen zu durchsuchen, worin ich zwei dicke Börsen gefüllt mit spanischen Pistolen fand, worüber mein Herz vor Freude einen Sprung tat. Dann zog ich noch fünf Ringe von ihren vier Händen. Worauf ich die Leichname begrub. Ob das, was ich tat, berechtigt war oder nicht, darüber nachzudenken hielt ich mich nicht auf«. Hauptsächlich wird er doch geschneidert und davon gelebt haben. Und dachte sich, daheim beim guten König Jakob und dessen Kavalieren ein Geschäft mit den Reliquien zu machen, die er in sein Köfferchen sammelte, als sehr eifriger Protestant und wütender Antipapist nur solche der alten Zeit, etwa Steinchen vom Labyrinth des Theseus, vom Palast des Priamus, von den Säulen, die Samson umgeschmissen hat, Wasser vom Jordanfluss. Mit solchen Kostbarkeiten trieb er schon unterwegs einen kleinen Handel.

Lithgow schwindelt in seiner Reisebeschreibung gewiss eine Menge zusammen in der Absicht, sich besonders zu machen und den oft bezweifelten Schneidermut zu restituieren. Er bekam etliche dreissig Male Prügel, deren Umstände immer die gleichen bleiben, ob die Sache nun in Flandern oder in Afrika passierte; seine Phantasie ist darin nicht sehr fruchtbar. Aber man darf daraus nicht auf die Wahrhaftigkeit seiner Reisen selber schliessen, deren Beschreibung voll genauester und sehr interessanter Details ist. Da es seinem ungeselligen und selbstbewussten Wesen eine besondere Freude macht, andern, die vor ihm die Gegenden beschrieben, zu widersprechen, beobachtet er sehr genau und unterrichtet sich vielfach. Und da der ekelhafte Schneider sich auch sein eigenes Englisch in Prosa und Versen schneidert, das bei allem Schwulste sehr treffsicher sitzt, so ist sein Bericht eine über das blosse historische Interesse und das an der drolligen Figur des giftigen Autors hinausgehende anziehende Lektüre.

Auf der dritten Ausfahrt sollte den ungeselligen Lithgow die Strafe dafür ereilen, dass er fremde Orte und fremde Menschen aufsuchte mit keiner andern Leidenschaft als der eines böswilligen Herzens. Der von seinen Reisen sagte, dass sie aus nichts bestanden als aus Missgeschicken, Ermüdungen, Ärger und Langweile, der sollte auf seiner letzten Reise einen guten Grund für seine Klage bekommen. Dieses Mal hatte er sich einen Reisezweck gesetzt: er wollte den »Grossen Priester Johannes in Abessinien« sehen, sah aber weder Land noch Priester. Denn er wurde unterwegs in Malaga als vermeintlicher englischer Spion für mehrere Monate eingesperrt und reichlich gefoltert, bis sich der englische Gesandte in Madrid seiner annahm und ihn heimbefördern liess. Da zeigte er seine »gemarterte Anatomie« dem Hofe »vom König bis zum Koch« und explorierte das Mitleid, das seine geschundenen Knochen erregten. Der König schickte ihn auf seine Kosten nach Bath, später ins Gefängnis, weil der arme Teufel den spanischen Gesandten etwas zu lebhaft an die Versprechungen der spanischen Regierung, ihm die Tortur zu entschädigen, erinnert hatte. Nach einem Jahr bekam er seine Freiheit wieder, um siebzehn Wochen lang täglich dem House of Lords eine neue Bill of grievance zu überreichen, ohne jeden Erfolg. Da lässt er die ganze Geschichte seines spanischen Unglücks drucken und wandert dafür samt dem Drucker ins Gefängnis, aus dem er neue Klage hinausschickt. Auf sein feierliches Versprechen, nie mehr wieder »mit dem Spanier anzubinden, trotzdem seine höchst lamentablen Übel unrepariert blieben«, wird er frei. Damit verschwindet er für die Historie. Man weiss nicht, wann der Mann gestorben ist, dem zwei abgeschnittene Ohren ein seltsam verbittertes Leben wiesen.

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