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Landfahrer und Abenteurer

Franz Blei: Landfahrer und Abenteurer - Kapitel 8
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typeessay
authorFranz Blei
titleLandfahrer und Abenteurer
publisherGeorg Müller
year1913
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Herzog von Praslin

Das abenteuerliche Leben des Herzogs von Praslin begann an dem Tage, da er starb. Da er offiziell starb. Und endete mit seinem wirklichen Tode, der vierundzwanzig Jahre später eintrat.

Im Jahre 1824 heirate Theobald Charles Laure von Choiseul, Herzog von Praslin und Pair von Frankreich, die Tochter des berühmten Marschalls Sebastiani, Fanny Rosalba Altarice, Enkelin der Marquise von Coigny, berühmt durch ihre Liebschaft mit Lauzun. Der Gatte war neunzehn, seine Frau siebzehn Jahre alt: man war jung, schön und sehr reich. Der Herzog war etwas kühl und liess sich von seiner sehr dazu geneigten Frau anbeten. Sie bekam in fünfzehn Jahren neun Kinder von ihm. Sie verlor die Figur, sie wurde unförmlich dick; ihre Zärtlichkeit wuchs mit. Über die Vierzigjährige kam die Eifersucht. Miss Henriette Delucy, eine junge Engländerin, war als Erzieherin der Kinder ins Haus gekommen: blond, prachtvolle Zähne, die Stimme weich in der Kehle, langsam aus der Schiefe blickende Augen, lässig in festen Nerven, ohne Worte für Gefühle, ganz das kühle Gegenteil der lebhaft schmachtenden Gebärerin, der kugelrunden Frau mit dem Gefühlsüberschwang, der sich ausreden und ausweinen muss, bevor er sich in der brutalen Umarmung wieder zurechtfindet bis zum andern Mal. Sie machte immer grosse Ouvertüre für eine kleine Oper: die zapplige Exaltation der unsinnlichen Frau. Viel Wesen um etwas, das bei ihr nichts als ein Befruchtungsakt war. Vielleicht hatte sie sich aus der kühlen Art des Herzogs auf diese Strategie eingerichtet. Und er war zufrieden damit, Funktion zu sein. So war er treu. Bis die Engländerin ins Haus kam. Da erhitzte sich seine Kühle an der grösseren Kühle der Miss Delucy. Vielleicht war er ein schwieriger Mann, der verführt werden musste und auf besondere Art. Und war bisher nur treu geblieben, weil keine sich die Mühe genommen hatte, sich für den besonderen Fall dieses Mannes einzurichten, dem man nicht damit kommen konnte, dass man es ihm so bequem machte wie seine eigene Frau. Die wortreichen Gefühle, die ihn mit achtunddreissig Jahren neunmal zum Vater gemacht hatten, der Absturz dieser Engelhaftigkeit in die stummstöhnende Trivialität einer der Empfängnis entgegentranspirierenden dicken Frau: das hatte er bisher mit dem geduldigen Anstand ertragen, zu dem ihn sein Name verpflichtete. Nun kam zu Gestus und Vokabel der verliebten Vergötterung die jeden Ausdruck noch steigernde Eifersucht. Das vertrieb ihn für immer aus dem Schlafzimmer der Gattin. Er spricht kaum noch mit ihr: und sie schreibt, klage- und redebedürftig, Tagebücher und Briefe an ihn. »Lieber Theobald, ich mache mir mehr Vorwürfe als du ahnst. Ich will mich zusammennehmen, aber ein Zustand der Verzweiflung, den ich nicht ertragen kann, treibt mich, Dinge zu tun, die ich selbst verurteile ... ich werde spitz und böse ... Wenn du wüsstest, wie schwer es mich trifft, dich so unglücklich zu machen! Aber ich habe meinen Kopf nicht mehr.« Er droht mit Ehescheidung. Natürlich lügt er, sie hätte nicht den geringsten Grund zur Eifersucht. Auch Henriette lügt das. Die Frau schreibt: »Ich weiss, ich fühle sehr wohl, dass ich ohne Grund traurig und unglücklich bin ... aber du führst ein Leben, wohl fähig, und das schwöre ich dir, die ruhigste gleichgültigste Frau eifersüchtig zu machen!« ... »Deine Frau«, heisst es in einem andern der zahllosen Briefe, »hat kein anderes Glück, keine andere Liebe, keine andere Familie, keinen andern Anhalt als dich ... Sei nicht taub für meine Bitten! Du stösst mich zurück wie eine Schuldige, deine Frau wagt es nicht, sich vor deinen Augen zu zeigen, dir ihr Herz zu öffnen, dich zu bitten. Du hast sie aus deinem Bette und aus deinem Herzen gejagt, könntest du Schlimmeres machen, wenn sie dir untreu wäre? Sie weint Tag und Nacht; sie wartet an deiner Türe und traut sich nicht einzutreten, denn am andern Morgen würdest du es ihr vielleicht vorwerfen.« Die arme Frau spricht wahrscheinlich mit ihren Kindern über ihr Unglück. Der Gatte trennt sie von ihnen. Verbietet den Kindern, mit der Mutter zu sprechen. Sie schreibt an ihren Vater, und vom alten Sebastiani trifft ein sehr energischer Brief an den Herzog ein: »Herr Herzog, Sie gehen nach Schloss Praslin in der Absicht, Fräulein Delucy zu behalten und meiner Tochter die gemeinste Erniedrigung und widerlichste Beleidigung anzutun. Fünf Jahre dauert das jetzt. Die Pariser Presse hat die ganze Welt über Ihre Ehe informiert und Sie sind der Gegenstand skandalöser Unterhaltungen. Eine verhängnisvolle Leidenschaft hat Sie blind gemacht ...« Er verlangt die Entfernung der Gouvernante, und der Herzog gibt nach. Vier Wochen später wurde die Herzogin ermordet.

Man hatte um Mitternacht Schreien im Appartement der Herzogin gehört. Die Dienerschaft fand verschlossene Türen. Man drang durch einen Toilettenraum in das Schlafzimmer. Die Herzogin lag halbentkleidet auf dem Boden in einer grossen Blutlache, den Leib von Messerstichen durchbohrt. Umgestürzte Möbel, eine abgerissene Klingelschnur, verknäulte Teppiche und Decken zeigten einen Kampf des Opfers mit seinem Mörder. Die Amtspersonen konstatierten, dass nichts gestohlen wurde. Der Herzog von Praslin im schwarzsamtnen Schlafrock, bleich und bebend, weiss nichts zu sagen. Er habe das Schreien gehört, sei mit der Dienerschaft eingedrungen ... Aber er hat Blutflecke an seinem Rock, Blutflecke sind auf dem Teppich, der zwischen seinen Räumen und dem Zimmer der Gemordeten liegt. Und zwischen den verkrallten Fingern der Toten findet man Haare. Des Herzogs Haare. Er leugnet nicht mehr; er gesteht nicht; er schweigt.

Dass die Gouvernante an dem Morde, wenn auch nur darum wissend, beteiligt war, dafür konnte kein Beweis erbracht werden. Nach einigen Wochen entliess man sie aus der Haft. Da der Herzog Pair von Frankreich war, durfte man ihn nicht vor Einberufung des Gerichtes ins Gefängnis bringen; er blieb bewacht in seinem Palais. Zehn Tage nach dem Morde erschien er vor den Richtern, als ein Sterbender. Er hatte Arsenik genommen und das Verhör musste vertagt werden. Drei Tage später starb der Herzog, nachdem er sein Testament gemacht und die Sakramente empfangen hatte, ohne Geständnis. Dem Kanzler Pasquier blieb nichts mehr zu tun, als vor dem versammelten Gericht eine Rede zu halten, in der er den Herzog den Mörder nannte, den der Arm der irdischen Gerechtigkeit nicht mehr habe strafen können, da er über sich selbst geurteilt und sich verurteilt habe. Der Tote wird in den Sarg gelegt, den ein Kommissär von der Justizbehörde versiegelt. Um Mitternacht wird er auf den Südfriedhof gebracht und begraben; kein Stein bezeichnete die Stätte.

Das ist die Mordgeschichte des Herzogs von Praslin, die man je nach Geschmack mysteriös oder gewöhnlich finden kann. Es bestünde kein Grund, sie zu erzählen, wenn sie nicht die Vorgeschichte von des Herzogs zweitem Leben wäre, das mit seinem Begräbnis auf dem Südfriedhof begann.

In der Morgenfrühe, da man die Erde über sein Grab schaufelte, traf der Herzog von Praslin in Dover ein und zu Mittag frühstückte er in London. Nicht mit Miss Delucy. Er hütete sich, und nicht der äusseren Gefahr willen. Die Gemordete war ihm durch seinen zivilen Tod immer schon gegenwärtig genug, als dass er in der Gegenwart seiner Geliebten diese Pointierung hätte mit der Gesammeltheit ertragen können, welche seine fatale Lage von ihm verlangte. Er brauchte, weiss Gott, seine Nerven und musste damit haushalten. Er wäre gewiss auch an Miss Delucy zum Mörder geworden, früher oder später. (Und das Schicksal hatte es ganz anders mit ihr vor. Sie ging nach Amerika, wo sie einen Pastor heiratete und, als sie 1875 starb, von den Zeitungen die lobreichsten Nekrologe bekam, als ein Muster hausmütterlicher Tugend und christlicher Nächstenliebe.)

Man könnte das zweite Leben des Herzogs auf der Pariser öffentlichen Meinung errichten, für welche die Umstände des Mordes, des Selbstmordes und des nächtlichen Begräbnisses zu aufregend waren, als dass sie sich mit den Tatsachen hätte zufriedengeben können. Der spannende Roman war zu kurz, und man fühlte sich mit dem Schluss betrogen. Die Februarrevolution drängte die erregte Phantasie in andere Bahnen. Aber die Affäre war nur beiseite gestellt, nicht vergessen. In beruhigteren Zeiten kamen zu Sachlichkeiten verdichtet die Gerüchte wieder, und bis zum grossen Kriege und noch darüber hinaus meldeten sich Zeugenschaften für des Herzogs zweites Leben, die zusammengefasst das Folgende geben: Begraben wurde an Stelle des Herzogs, dessen Flucht man begünstigte, ein Kadaver aus dem Spital. Die Vergiftung war eine inszenierte Komödie. Die den Herzog in seinen letzten Tagen sahen, sprachen von seinem verfallenen Aussehen; aber die beiden Ärzte, die den Leichnam sezierten, gratulierten einander zu dem »schönen athletischen Kadaver«. Ein durchaus respektabler Priester bekommt von dem durchaus glaubwürdigen General Montesquiou-Fezensac gesagt: »Die Geschichte war Louis Philippe sehr peinlich; er liess den Mörder heimlich nach England bringen, und man erfand den Giftmord. Es fielen aber nur sehr wenige darauf herein.« Eine alte Gouvernante des Herzogs erkennt in dem Leichnam ihren Herrn nicht wieder. Im Testament des Herzogs bestimmt eine Klausel, dass jede Tochter jährlich eine gewisse Summe an eine Person in England zu schicken habe, deren Name nicht genannt ist. Der General Gramont, der eine Tochter Praslins geheiratet hat, spricht zu einem Freunde von den Ausgaben, die sein Budget belasten, und ruft zum Schluss, unwillkürlich vielleicht, aus: »Und die Pension für den Schwiegervater!« Auch Montalembert, ein anderer Schwiegersohn, zahlte die Pension ungern. Die alten Diener wussten, dass der Herzog lebe. Einer sah ihn in Brüssel, ein anderer auf dem Montmartre. Und einer war dabei, als der Herzog in England im Jahre 1871 starb. Im selben Jahre wurde jener Tote auf dem Südfriedhof ausgegraben und im Familiengrabe der Praslin auf dem Schlosse Vaux beigesetzt: auf dem Wege dahin vertauschte man den falschen toten Praslin mit dem echten. Als im Jahre 1873 das Schloss verkauft wurde, brachte man die toten Choiseuls und Praslins und Montalemberts auf den Friedhof von Maincy, wo ihnen eine Grabkapelle errichtet wurde. Dem Herzog gab man nicht, wie den andern, eine Nische; er liegt unter dem Altar und ein vielfach versiegelter Stein ohne Aufschrift deckt den toten Herzog und den toten Mann irgendeines Namens, der auch der Herzog war.

Dem Verbrecher schenkt das Gericht vierundzwanzig Stunden vom Urteilsspruch bis zur Hinrichtung, damit er mit seiner Seele in Ordnung komme. Heutige Menschen, die mit dem Bauche leben und nur für den Bauch sorgen, nennen diese Wohltat eine Grausamkeit und meinen, den sein Schicksal nicht wissenden Verbrecher soll, wenn überhaupt, ahnungslos der Tod treffen: beim Frühstück fällt ihm ein Beil auf den Kopf, der gerade dachte, was es am nächsten Tage zum Frühstück geben werde. Vierundzwanzig Jahre dauerte die Zeit für den Herzog von der Stunde seines Urteils ab bis zu seiner Abberufung. Hat er diese Zeit nicht als zu viel befunden? Hat er mit diesem seinem zweiten Leben für seine Tat nicht grössere Sühne getan, als wenn er die Strafe der irdischen Gerechtigkeit erlitten hätte? Was lebte er? Fuhr er zum Pferderennen nach Epsom oder stand er gottverlassen am Fenster und schaute verloren in den grauen Nachmittagsregen? Lebte er mit seiner Schuld oder mit einer Geliebten? Was hielt ihn am Leben? Die stumpfsinnige Angst vor dem körperlichen Tode oder die Busse, die er mit diesem zweiten Leben auf sich nahm? Diesem Leben, das er im Versteck führen musste, mit sich und seiner Tat eingeschlossen. Der Märtyrer geht in den Tod um eine Sünde, von der niemand weiss, die er nicht anders bekennt als mit der Sühne seines Todes. Er ist mitnichten ein Eigensinniger seines Glaubens, der um eigenen Heiles willen andere durch seinen Trotz zur Sünde verleitet. Er ist ein Schuldiger einer ungestandenen Schuld. Die Kraft zur Busse muss in dem Herzog ungeheuer stark gewesen sein, dass er sich ein Leben gab, an dessen jedem Tage er tausendfach den Tod erlitt, dem er einmal entgangen war, weil damit nur im sozialen Sinne ein Verbrechen gesühnt gewesen wäre; denn die Todesstrafe ist ganz utilitarisch: sie verhindert, dass in den von dem Mörder Betroffenen das Gift des Ressentiments ausschwäre und ihnen das Leben verwirre und verbittere. Dies ist viel, aber mehr noch ist die Busse. Die Last dieses zweiten Lebens macht die Last des Fallbeiles leicht wie einen Flaum erscheinen, wie immer auch der Herzog sein zweites Leben geführt haben mochte. Er war ein lebender Toter, und im Augenblick jeder glücklichen Stunde, die vergessen zu haben glaubte, stand alles verschattend die dunkle Erinnerung auf an ein Furchtbares.

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