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Landfahrer und Abenteurer

Franz Blei: Landfahrer und Abenteurer - Kapitel 7
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typeessay
authorFranz Blei
titleLandfahrer und Abenteurer
publisherGeorg Müller
year1913
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John Nelson

Sein Vater war Salineninspektor in Malden in Virginien und kommandierte ein paar hundert Negersklaven mit der Peitsche, die auch nicht zu selten auf den zwölfjährigen John Nelson, den Sohn, niederfiel. Die Neger gaben dem Jungen heimlich die Schläge wieder, die sie vom Inspektor bekommen hatten. In dieser Hölle lebte John mit seinem Freunde, einem Hund, den er auf die Schwarzen dressiert hatte. Er fand das Tier eines Tages im kochenden Wasser. Da lief er aus dem Hause und wurde ein Deserteur du monde, welches dichterische Wort von Leibniz stammt. Er lief dem Westen zu, wo er wusste, dass »die grosse Wüste« lag, wie man damals, in den dreissiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, die amerikanische Prärie nannte, die vom Missouri bis zum Felsengebirge reicht, kaum von wenigen Weissen noch betreten war an ihrem Rande, das unbekannte Jagdrevier des Büffels und der Rothaut, der gefürchteten, grausamen. Jahre brauchte der Knabe für den Weg, dessen Ziel nur eine Sehnsucht ahnte und das die grosse Leere war, die Verlassenheit im Raume, das Vergessensein in der Zeit, der Verlust der Menschenwelt und der Gewinn einer Erschütterung, wie sie dem ganz Einsamen die schweigende Nähe Gottes gibt im Einton des Meeres, der Wüste, des Eises, in den Felsen, auf der Steppe.

John Nelson gewann sein Brot mit Arbeit, wie sie ein Junge seines Alters verrichten kann. Er war Geschirrwäscher am Ohio und Hühnerdieb im Dienste eines Flössers, Bodenkehrer auf einem Mississippischiff, Jäger in Kansas und Viehhirt in Missouri. Lebte, ein guter, stiller Junge, in Frieden mit seinem Herrn und verliess ihn, wenn es ihm passte. Fast schien es, als sollte er bei seinem Onkel bleiben, dessen Ranch am Rande lag, wo kein Zaun die von der Pflugschar aufgeworfene Erde grenzte, sondern die letzte gebrochene Scholle ins hohe Gras der Prärie fiel, bis zu deren Ende noch keiner je gegangen war. Stellen gab es, bestimmte Orte kannte man, wo die kleinen Karawanen abenteuernder Weisser mit den Rothäuten zusammenkamen, um Steinflinten, Glasperlen und Schnaps gegen Büffelleder und Biberpelze zu tauschen.

John Nelson war sechzehn Jahre alt, ein guter Schütze und vortrefflicher Reiter, als er seines Onkels Herde hütete und sich langweilte. Da schwankte aus der Ferne ein Zug heran, der gegen den Westen unterwegs war. Noch Anfänger im Handel, denn die Leute wussten weder Weg noch Ort, die Indianer zu treffen. John ging mit ihnen bis zur Nacht, und als sie ihm vorschlugen, bei ihnen zu bleiben, zitterte sein Herz. Am andern Morgen sattelte er sein Pferd und zog mit den Leuten dem Abenteuer entgegen, das für ihn nicht die Rothäute waren und nicht die Büffel, sondern die Wüste. Erst war er enttäuscht. Denn das Land, durch das man kam, glich mit seinen Bäumen und ruhigen Wassern einem Parke, wie er ihn in Virginien gesehen hatte. Das war nicht das Land, das er suchte. Doch da blieben die Bäume zurück, kein Bach lief mehr neben dem Weg, den man zog, und da lag es, endlos, leblos, flach wie eine Hand, in grünlichen, rötlichen Wellen kaum bewegt, vor ihm, das Land, das er als seine Heimat suchte: die grosse Prärie. Und er stürzte sich in die grosse Öde »wie besessen« und sonderte sich alsogleich von den Leuten des Zuges, so dass er nichts sonst sah, als den unbelebten Horizont, und er sagte sich: »Ich bin der König von all dem, was ich sehe.« Des Nachts lag er weitab vom Lager der andern, allein unter den Sternen und schlief ein, fiebernd vor Glück. In solcher Nacht schwur er dem Rausche seiner Einsamkeit die Treue: dass nie ein festes Dach ihn decken und keine Tätigkeit der Väter ihn je wieder in Gewalt bekommen solle.

Man war endlich auf ein grosses Siouxlager gestossen und handelte die Tauschwaren vierzehn Tage lang. Als sich der Zug eines Morgens weiter nach dem Westen in Bewegung setzte, fehlte ein Mann. Man wartete nicht auf ihn. Man hätte auch vergeblich gewartet. John Nelson blieb bei den Indianern, in deren Lager er sich die Nacht vorher begeben hatte. War da in ein Zelt eingetreten und hatte sich wortlos auf den Boden gesetzt; wie einer, der entschlossen ist, nicht mehr wegzugehen. Beim Schein des Feuers sah er einen Häuptling und fünf Frauen. Der Mann schnitzte an einem Bogen, die Frauen nähten farbige Perlen an Lederschuhe. Alle blickten ihn erstaunt an. Er sah zur Decke und lächelte. Die andern tauschten Blicke, sahen den Eindringling wieder an. Der sass und lächelte. Da beachteten ihn die Zeltbewohner nicht weiter und schnitzten und nähten. Nach einer Weile sagte John durch Zeichen, dass ihn hungere. Die Frauen brachten ihm eiligst von dem trocknen Fleische, davon ein kleiner Berg in der Ecke des Zeltes lag. Er ass, der Häuptling werkte an seinem Bogen, die Frauen stickten. Stunden vergingen so. Bis die Indianer der Meinung wurden, sie hätten nun genug ihre Haupttugend, sich von nichts verblüffen zu lassen, gezeigt, und die Frauen mit Gesten dem Fremden die Tür zeigten. Der tat, als merkte er nicht, was man von ihm wolle. Eine setzte sich neben ihn, sah ihn an, dass auch er sie ansehen musste, dann stand sie auf, ging zur Tür, und er sollte folgen. Er rührte sich nicht und gab auch nicht nach, als ihn die Frauen ein wenig am Ärmel zogen. Die Frauen sahen erschreckt auf ihren Gatten. Alle sahen erschreckt auf den Fremden, der so ganz ohne Verstand und Manieren war. Der Häuptling gab nach. Er befahl seinen Frauen, dem Manne ein Lager zu bereiten, der sich alsbald in ein Büffelfell gehüllt ans Feuer rollte und einschlief. Das Gleiche taten die Roten. Bei den schlechten Erfahrungen, die Nelson bei den Menschen seiner Farbe gemacht hatte, war er geneigt, die wahre Menschlichkeit bei den Wilden zu finden, weil die höflicher waren als er und ihm unter Umständen Gastfreundschaft gewährten, die er nirgend sonst bei Menschen seinesgleichen gefunden hätte. Es gab einen Augenblick, den Anfang seines Lebens bei den Indianern, wo seine Flucht vor der Menschenwelt etwas romantisch sich in eine Flucht vor der Zivilisation verkleinerte. Aber er fand seine Sehnsucht bald wieder, um derentwillen allein ich von diesem Leben erzähle.

Andern Tages zeigte Nelson seinen Gastgebern die in der Ferne verschwindende Karawane und machte ihnen deutlich, dass sie ihn bei sich behalten müssten. Der Stamm war noch wenig mit Weissen in Berührung gekommen und so noch nicht misstrauisch. Sondern, wie Nelson ein bisschen schwärmerisch sagt, ganz im Stande der natürlichen Rechtlichkeit, den sie erst durch die Weissen verloren hätten. »Bevor die Weissen zu den Indianern kamen und ihnen das Lügen, das Stehlen, das Spielen und das Trinken beibrachten, gab es auf der Welt kein glücklicheres und besseres Volk. Das moralische Niveau der Indianer war ausserordentlich hoch.« Nelson verachtet alle Kultur, die allein durch das zustande kommt, was der Mensch über das ihm natürliche Mass hinaus tut. Die Bösheit, die der weisse Mensch sich über das Tier hinaus leistet, gibt ihm eine höhere Menschlichkeit, die sich im Niedrigsten wie im Sublimsten manifestiert, im Meuchelmorde sowohl wie in Rembrandts Kunst. Wer den Mord verabscheut, der hebt auch Rembrandt für seine Existenz auf. Das Paradies differenziert sich aus der Hölle. Nelson aber war für die Leere der Welt. Dass eine unschuldige Herde sie sporadisch bevölkere, war seine einzige Konzession. Dass die Schafherde der Indianer unter das Schermesser der Weissen kam, das war sein Schmerz. Damit waren ihm auch die letzten möglichen Menschen aus der Welt genommen, und er hetzte sich von Stund' an ab, den Ort in der Welt zu finden, der ohne Menschen war.

Er bekam ein Zelt. Er bekam die Worte gelehrt. Und er bekam das Wissen, dass, was er für die leere Wüste hielt, voller Leben sei. Er erkannte die Spuren des Wildes, horchte mit dem Ohr auf dem Boden auf den Galopp der Büffelherden und sein scharfer Blick sah die Antilope, die sich in einer Faltung des welligen Landes versteckte. Und er wuchs in diesem Leben und wurde stärker. Er war kein Träumer mehr, der unter den Schauern der Einsamkeit in namenlosen Gefühlen zusammenbrach. Er teilte alles Leben mit seinen neuen Genossen, deren menschliche Tüchtigkeit er in ihrem natürlichen Zustand primitiver Unschuld wurzelnd fand, ohne dass ihm deshalb der rote Mann zu einem Idyll verblasste, wie es das achtzehnte Jahrhundert aus den Wilden sich imaginierte. Ihn schauderte oft die Grausamkeit, mit der sich dieses Volk zu dem erzog, was es als den vollkommenen Menschen erkannte, und welche Grausamkeit es am Feinde wie ganz selbstverständlich übte. Da Nelson auch den Verfall des roten Volkes erlebte, der dann eintrat, als es in intime Berührung mit den Weissen kam, so gibt Nelson diesen die Schuld daran, dass der Indianer, der nüchtern war, ein Trinker wurde, der Ehrliche unehrlich, der Treue untreu, der um Geld und Gut nicht Besorgte geldgierig.

Drei Monate war Nelson im Lager gewesen, als der Stamm beschloss, ihn zu adoptieren. Zu der Feier musste er von dem gerösteten Hund essen, bekam sechs Pferde und einen Sattel, einen Bogen und Pfeile: so wurde er ein Sioux und nannte sich Schaschascha-Oppogeo. Er war ganz glücklich. Da rief ihn eines Morgens der grosse Häuptling Gefleckter Schweif in sein Zelt und sagte zu ihm: »Schaschascha-Oppogeo, ich glaube, es ist Zeit, dass du ein Weib nimmst.« Nelson fiel etwas aus seinem glücklichen Himmel, denn die roten Frauen waren gar nicht nach seinem Geschmacke, und er gab eine abschlägige Antwort. Aber der Gefleckte Schweif gab nicht nach: »Ich habe mit meinen Frauen und meinen Freunden gesprochen und wir haben entschieden, dass eine Frau eine gute Sache für dich wäre. Du gehörst nun zu unserm Volke. Du brauchst jemanden, der sich um dein Haus kümmert und dir deine Küche besorgt.« – »Ich will noch warten, bis ich älter und gescheiter werde, mein Freund.« – »Nein, mein Sohn, wir haben beschlossen, dass eine Frau eine gute Sache für dich wäre, und du wirst eine Frau haben.« Der Häuptling hatte die Frau auch schon ausgesucht: es war eine Nichte des Alten und nannte sich Gelbes Elen. Ob diese oder eine andere: da es sein musste, machte Nelson keine Schwierigkeiten in der Wahl; die eine war ihm so recht wie die andere, da er im Grunde keine wollte. Der Gefleckte Schweif gab ihm Unterricht, wie er es anstellen müsse, die Gunst vom Gelben Elen zu erlangen: »Du gehst bei Einbruch der Nacht an den Fluss. Du setzest dich da nieder und wartest, bis meine Nichte Wasser holen kommt. Du wirst da andere junge Leute in gleichem Erwarten treffen, und es ist möglich, dass einer oder der andere von ihnen schnell aufspringt und ihr seine Decke über den Kopf wirft und zu ihr spricht. Wenn sie aber nun den ersten wegschickt und dann auch den zweiten, vielleicht auch den dritten, dann versuchst du dein Glück. Ich glaube, du wirst Erfolg haben. Wenn du ihr dann die Decke über den Kopf geworfen hast und du deinen selbst darunter gesteckt hast, so sprichst du und sie wird dich anhören. Du kannst ihr sagen, dass du sie liebst, dass du sie bewunderst, und dass du ihr, wenn sie dich heiratet, alles mögliche geben wirst; mit einem Wort, du sagst ihr allen den Unsinn, den junge Männer jungen Mädchen sagen, wenn sie sie heiraten wollen. Das wiederholst du an zehn Nächten und sagst immer die gleichen Worte, und dann kommst du und sagst mir das Ergebnis. Und nun geh, mein Sohn. Ich will von der Sache vor Ablauf der zehn Tage nicht sprechen. Und habe die Güte, darauf auch nicht anzuspielen.« Nelson fand seine Gelbe Elenhindin nicht hässlich von Angesicht, aber für ihre dreizehn Jahre etwas reichlich fett, sie mochte, schätzte er, hundertfünfundzwanzig Pfund wiegen, als er die beste seiner Decken über den Kopf des Mädchens warf und seine Liebesrede begann. Er bekam keine andere Antwort als das immer wiederholte »Ich weiss nicht... ich weiss nicht«. Und der Werber wurde traurig, dass die kleine Rothaut ihm nicht vor Entzücken, einen weissen Mann zu bekommen, um den Hals geflogen war. Er fand sie dumm. Neun Nächte hörte er nichts anderes von dem Mädchen als das »Ich weiss nicht«. Aber in der letzten Nacht sagte sie: »Ich nehme dich zum Mann, wenn Mutter es erlaubt.« Und am nächsten Morgen befahl der Gefleckte Schweif dem Bräutigam, dass er »so viel Pferde nehme als im Verhältnis zur Grösse seiner Liebe stünden« und sie an das Zelt der Gelben Elenhindin binde. Die zwei Pferde, seine einzigen, wurden ihm nicht zurückgeschickt: die Mutter gab ihre Zustimmung. Am andern Morgen fand er in seinem Zelt einen grossen Weidenkorb, was das Ehebett war, und einen andern Korb mit Frauenkleidern und zwischen beiden hockend die bräutlich bemalte Gelbe Elenhindin, die nun eine Kuh wurde und blieb. Nie mehr sagte sie etwas anderes als »Ich weiss nicht«, und Nelson verwünschte jene zehnte Nacht, wo sie einmal etwas anderes gesagt hatte. Als er sich bei der Schwiegermutter über die Einförmigkeit der Unterhaltung beklagte, bekam er die Antwort, seine Frau täte nur ihre Pflicht. Darauf ging er mit den Leichtsinnigen des Stammes und kümmerte sich um seine stille Frau gar nicht. Die ertrug es eine Weile. Dann begann sie ein bisschen zu zanken, ganz schüchtern; er tat, als hörte er nicht. Nun blickte sie traurig. Da nahm er ihren Kopf und streichelte das Kind, das ganz in Zärtlichkeit zerfloss. Da ging es ihm auf, dass die intelligente Frau nur ein Vorurteil seiner Zivilisation sei und dass es den Beruf der Frau vollkommen erfülle, wenn sie die drei Geschäfte recht besorge: im Haus, am Herd, im Bett. Und er begann seine Gelbe Kuh zu lieben. Der Flüchtling der Welt war wieder auf dem Wege der Domestizierung, als ihn ein Ereignis, das er mitnichten erwartet hatte, auf den ihm bestimmten Weg warf, den aus der Welt heraus. Nach einem grossen Jagdausflug, der ihn mit seinen jungen Stammesgenossen länger als eine Woche vom Lager entfernt gehalten hatte, kam er heim, mit einem perlenbestickten neuen Hirschfellkleid für seine Frau und Freude im Herzen, sie wiederzusehen. Da standen von seinem Zelt nur die vier Pfähle, – alles andere war verschwunden: Zelt und Pferd und Hab und Gut und Frau. Die Indianer lachten. »Wo ist sie?« – »Sie ist fort.« – »Wo?« – »Oh, dort,« und sie zeigten auf die Prärie. Ein berühmter Sioux-Don-Juan hatte sie entführt. Dass er ihm nicht nachjagte, die Frau und den Skalp dem Entführer nehme, missfiel den Indianern sehr. Aber Nelson setzte sich zwischen seinen vier Pfählen auf einen Stein und fand alles so in Ordnung. Was war ihm die Gelbe Elenhindin? Und der Alte kam, der Onkel mit seinem gutgemeinten Trost: »Es fehlt nicht an Fischen im Fluss, mein Sohn, noch an jungen Mädchen.« Da schwiegen die andern, die zur Rache gehetzt hatten.

Nelson hatte die Frau nach seinem Vorurteile des Weissen erfahren und abgetan. Jetzt wurde er auch mit dem zweiten Vorurteil der Zivilisation fertig: dem Eigentum. Die Indianer kannten es nicht: sie nahmen und gaben, sie brauchten, aber sie besassen nicht. Sie sagten nicht: das ist mein und ich will es vererben. Sie verstanden Nelson nicht, als er sich über den Diebstahl seiner Habe beklagte. Aber er begriff auf einmal, wie sinnlos seine Klage war, und ging noch tiefer unter diese Menschen, die wie Baum, Fluss und Wiese waren: die weisse Hautfarbe seiner Seele verschwand.

Er bekam ein Zelt, er nahm eine andere Frau und deren beide Schwestern dazu, war streng zu ihnen wie ein roter Mann, gewann sich Achtung und »in seinem Zelte herrschte eine wunderbare entzückende Eintracht«. Fünf Jahre waren vergangen, seit er sich von jener Händlerkarawane geschieden hatte in das Siouxlager, und er erstaunte, dass es erst fünf Jahre waren, so abgetan und vergessen war der weisse Mann in ihm. Aber das Leben stellt seine Zufälle wie Fallen.

Eines Tages meldeten die Lagerwachen die Nähe weisser Männer, die keine Händler seien. Damals war Kalifornien noch nicht das Goldland, und kein Weisser zog über die Prärie und durch die Schluchten des Felsengebirges an die Küste des Stillen Ozeans. Seit fünf Jahren hatte Nelson keinen von seiner Farbe gesehen, und ihn packte die Neugierde, ob er von denen Kunde aus der Heimat bekäme. Der Häuptling erlaubte ihm, dass er die weissen Männer besuche, die ganz nah ihr Lager aufschlugen. Er bepackte seine Weiber mit Fellen und Mokassins, die er denen zum Kauf anbieten wollte; und es kam eine Menge und drängte sich um seine Waren. »Wir ziehen ins Gelobte Land,« sagten sie ihm, als er sie um ihre Reise fragte, und »wir sind die Heiligen des Jüngsten Tages,« stellten sie sich vor, »das auserwählte Volk des Herrn.« Und einer sagte: »Ich bin der Löwe des Herrn.« Nelson erfuhr später, dass er Brigham Young heisse. »Ich hielt sie alle für Narren und sagte mir, je schneller ich mit meinen Squaws wieder zu Hause bin, so besser.« Er war auf die Vorgarde der mit Kanonen aus ihrer Stadt Nauvoo in Illinois vertriebenen Mormonen gestossen, von denen er nie gehört hatte, und Brigham Young schlug ihm vor, er solle ihr Führer bis zum Felsengebirge sein. Der Gefleckte Schweif riet ab; die Leute gefielen ihm nicht. Auch Nelson fand, dass sich seine Landsleute in seiner Abwesenheit nicht zu ihrem Vorteil verändert hatten, aber er nahm den Vorschlag an, er wusste selbst nicht warum. Er sagt, er habe Mitleid mit diesen in der Prärie verlorenen Leuten gehabt. An einem Sommerabend des Jahres 1847 verliess er das Lager und hörte auf, Schaschascha-Oppogeo, Sioux aus Wahl zu sein. Das Leben nahm ihn wie eine hochgehende See und warf ihn, ein Stück Holz, von Welle zu Welle. Er wurde ein Abenteurer, Beute aller Zufälle, und fand den Frieden, den Weg zum Frieden nicht mehr wieder. Der Häuptling sprach zum Abschied: »Gut, mein Sohn. Tu wie es dir gefällt. Kommst du nicht wieder, geh' ich dich suchen. Tun diese dir ein Leid an, so mach' ich meine Rechnung mit den weissen Männern.« Und die drei Frauen freuten sich beim Abschied, denn er versprach ihnen, mit vielen Geschenken wiederzukommen.

Die Heiligen des Jüngsten Tages waren keine Augenverdreher, sondern ganz unheimlich wilde Burschen, die würfelten, tranken und tanzten. Der Löwe des Herrn bändigte sie in den allabendlichen drei Stunden, da sie sich in der Runde um ihn setzen mussten und seine Predigt anhören. Das entspannte ihre Lüste, die jene des Pöbels der Städte waren. »Ohne diese nicht enden wollenden Gottesdienste, glaub' ich, hätte es jeden Tag einen Umgebrachten gegeben. Mich hätten sie mit gleich kaltem Blut ermordet, wie einen der Ihren.«

Man kam an das Felsengebirge: jenseits liege das Gelobte Land, hatte der grosse Rat der Apostel gesagt, und alle, auch Nelson, packte das Fieber der Erwartung, das gleiche Fieber, das allen den nordischen Völkern den Sinn verwirrte, die vor der Mauer der Alpen standen und jenseits das Land ihres Traumes ahnten. Man erklomm die Höhe, und da lag das Kanaan. Der grosse Salzsee breitete sich im Lichte, und alles staunte schweigend eine Stunde lang. Man prüfte das Land nach dem Maasse des Traumes, ob es gut oder schlecht sei, fett oder mager, ob es Bäume habe oder keine. Es war elf Uhr morgens, als man die Zelte am Ufer des Sees aufschlug, dort, wo jetzt Saltlake City von siebzigtausend Menschen voll ist. Young predigte zwei Stunden lang, und man betete und festierte den übrigen Tag. Der Vortruppe folgten bald andere Züge, Tag für Tag, und es gab Feste eine Woche lang, die Nelson ausgelassen nennt, ohne sie damit zu verurteilen. Aber der Lärm der Menschen weckte das Heimweh in ihm nach der Prärie. Er packte seinem Pferd den Sack mit dem klingenden Führerlohn auf und ritt im Galopp aus dem Lager.

Der Winter kam und verging, bevor er seinen Siouxstamm wiederfand. Mit kanadischen Jägern zog er eine Zeit, mit andern Indianerstämmen, die ihm die Spur wiesen. Endlich fand er sein Lager, und das Herz schlug ihm im Halse vor Freude. Er trat zuerst bei dem Onkel seiner drei Frauen ein, der im Zelt unter seinen Weibern sass und rauchte. Er hiess ihn sich setzen und sagte ruhig: »Bruder, ich habe schlimme Neuigkeiten für dich. Deine Frauen sind fort. Ein Krieger hat sie genommen.« – »Einer hat alle drei genommen?« – »Ja.« – »Wo ist er?« – »Hier im Lager. Aber mach' dir nichts daraus. Ich gebe dir andere Frauen, genau so gute, wenn nicht bessere. Ich habe dein Zelt und deine Pferde. Ich habe ihnen nicht erlaubt, dass sie etwas von dem Deinen nehmen.« Hierauf betrank sich der Onkel an dem Whisky, den der Neffe mitgebracht hatte. Er schlief den Rausch aus und liess Nelson rufen: »Hier, mein Bruder, hast du eine Frau, du sollst nicht ohne Frau sein.« Und Nelson sagte: »Gut. Geh du und ordne mein Zelt.« Die fünfte Frau Nelsons war achtzehn Jahre alt und schon einmal verheiratet gewesen. »Ich konnte im Augenblick nichts Besseres finden,« sagte der Onkel Elenhirsch, den sie ein Pferd gekostet hatte. »Du brauchst ihr nicht den Hof zu machen. Ich richte das schon für dich. Sie gehört dir. Jetzt geh und nimm sie.« Nelson begab sich ins Zelt.

Die neue Frau war nicht sehr liebenswürdig. Aber da verlor sie nach einigen Wochen einen Verwandten durch den Tod, und da sie viel auf richtiges Benehmen hielt, gab sie sich ganz ihrem Schmerze hin nach allen rituellen Vorschriften. Erst heulte sie ununterbrochen drei Tage und drei Nächte lang. Am vierten Tage begann sie dem vor dem Zelte versammelten Stamm ihre und ihres Mannes Habe zu verteilen, wie es die Siouxtrauer vorschreibt: Pferde und Sattelzeug, Kleider und Fallen waren schon in fremden Händen, als Nelson dazukam. Einer bekam gerade das Zelt, und seine Büchse war in den Händen eines alten Weibes. Die Büchse nahm er zu sich. Nachdem alles verschenkt war, schnitt sich die Trauernde das Haar ab. Dann schlitzte sie ihr Kleid auf bis über die Knie und kerbte sich mit dem Messer das Fleisch auf vom Knöchel bis zum Oberschenkel. Dann die Arme. Blutend und brüllend lief sie durch das Lager, hinter ihr her ein heulender Trupp alter Weiber. Da nahm Nelson seine Flinte und verliess das Lager. Auf einer Anhöhe liess er sich nieder und dachte.

Er dachte mit seinem geringen Verstande seine verwirrten Gefühle durch. Er hatte sie, ohne Ahnung vom ersten Dogmatiker der Lehre, um den natürlichen Menschen geordnet gehabt, und nun löste sich diese Ordnung auf. Als der Weltflüchtling den ersten roten Mann sah, kam ihm der vor wie ein kaum vom Ganzen dieser Natur abgehobenes Stück. Dieser Menschen Atmen war das Atmen der Prärie, was sie dachten, war ohne Historie, was sie glaubten, war Ehrfurcht vor den Toten, was sie taten, hinterliess rasch verwischte Spuren. Hier zählte man die Zeit nicht, man mass den Baum nicht, man hatte die Freiheit. Der weisse Mann auf dem Steine wägte das Opfer, das die Freiheit verlangt, und er fand es zu gross; es war über seine Kraft. Immer wieder wird sich in allen kommenden Zeiten das klagende rote Weib die Haut aufschlitzen; man wird auf die Jagd gehen; wird den Lagerplatz wechseln. Wo ist die Gefahr? Wo ist das Unerwartete? Wo der Kampf? Vor Wochen, da er von den Mormonen weggeritten war, hatte er im Gebirge kanadische Jäger getroffen und war von ihnen ausgelacht worden, da er das Skalpieren noch nicht kannte. Er hatte sich nicht geschämt deswegen, aber doch einem Indianer die Kopfhaut abgetrennt. »Ich war nicht gerade besonders davon angeekelt, aber ich muss sagen, es geschah ohne Vergnügen. Das Ergebnis konnte man erwarten. Ich machte aus meinem ersten Subjekt ein abscheuliches Kuddelmuddel. Es gibt da nämlich einen bestimmten Handgriff.« Nelson meinte, die Indianer hätten sich seit seiner ersten Bekanntschaft mit ihnen zu ihrem Nachteil geändert durch die Berührung mit den Weissen, die im Westen immer häufiger wurden. Das mochte sein. Aber sicher hatte auch er sich geändert. Der romantische Europäer war in ihm aufgewacht, und er vertrug die Ruhe dieses alten Volkes nicht mehr, mit dem er sieben Jahre lang gelebt hatte.

Da kam die Enkelin des Elenhirsches auf ihn zu und sagte, der Vater wünsche ihn zu sprechen.

»Setz dich, mein Sohn,« sagte der Alte und zündete zwei Pfeifen an. »Du scheinst niedergeschlagen, mein Sohn. Fass Mut. Bald scheint die Sonne wieder. Es gibt Zeiten, wo wir uns unglücklich fühlen, aber der Grosse Geist da oben sieht und er kümmert sich um uns. Er nährt die Vögel und die Tiere der Prärie und er wird über dich wachen. Dein Weib hat deine Pferde und alles andere hergeschenkt, aber mach' dir nichts daraus: es wird dir mehr wiedergegeben werden. Ich gebe dir das isabellenfarbene Pferd aus meiner Herde. Geh, nimm es. Und wenn du andere brauchst, so nimm sie aus meiner Herde. Nimm alle die, welche dir gefallen, nur nicht die der Kinder.« Nelson nahm das Pferd und sagte, er würde nach dem Fort Laramie reiten. »Gut, mein Sohn. Geh, aber komm bald wieder, du würdest mir fehlen.«

Am Nachmittag ritt Nelson feierlich aus dem Lager.

Kanadische Händler warben ihn für fünfundsiebzig Dollar im Monat als Dolmetsch. Sie nahmen ihm das Geld wieder ab, da sie ihm die Lebensmittel verkauften. Am Schlusse des Monates war er den Leuten Geld schuldig. Nelson verstand von Geschäften nichts, und es kam zu Streit. Er flüchtete zu den Sioux: man empfing ihn misstrauisch. Die Indianerpolitik der amerikanischen Regierung hatte begonnen. Die Rothäute mussten Land abtreten gegen Schnaps, Lebensmittel, Glasperlen, Decken, Munition. Die es an die Stämme verteilen sollten, unterschlugen alles bis auf den Schnaps. Man schickte die Stämme in wildentblösste Gegenden. Sie starben Hungers. Nelson erzählt: »Einmal waren wir drei Monate ohne Fleisch, hatten nichts zu essen als ein paar Fässer mit Schweinsknochen, von denen man alles Fleisch genommen hatte. Das Ende war eine Hungersnot, und die Indianer mussten ihre Hunde töten. Die Regierung hatte keine Ahnung. Man bewilligte jedes Jahr eine beträchtliche Summe für die Erhaltung der Indianer, aber das Geld hatte durch viele Hände zu gehen und zu uns kamen nur die genannten Knochen.« Der Krieg musste kommen. Ein ganz geringfügiger Umstand gab den Anlass, und die Prärie wurde zum Schlachtfeld, auf dem ein Volk unterging. Nelson konnte nicht länger bei den Indianern bleiben. In der Nähe eines amerikanischen Forts war eine kleine Stadt entstanden, wo es vor ein paar Monaten nur einige Hütten gab. Nelson wollte nicht umsonst von den kanadischen Jägern um sein Geld gebracht worden sein. So gut wie die andern, dachte er, würde er es auch treffen. Er machte mit einem andern Jäger eine Kneipe auf, die sie, damit jeder gleich Bescheid wisse, mit dem Schilde »Zum Diebsnest« versahen. Vorne trank man, rückwärts spielte man. Ein Croupier wurde gegen Lohn aufgenommen; er hielt die Bank, und die gewann immer. Weil man hier nicht wie in den andern Kneipen betrog, sondern ganz ehrlich raubte, hatte Nelsons Lokal grossen Zulauf, und die Konkurrenten mussten zusperren. Fast wäre Nelson Bürgermeister des Ortes geworden, wären die Sitten und Bräuche der Gäste weniger heftig gewesen. Sie schossen zu viel mit dem Revolver. Hinter der Kneipe musste man einen Friedhof anlegen. Die Wirte bekamen genug davon und verkauften ihr Etablissement. Und verspielten sofort das Kaufgeld bei dem neuen Wirt, der die alte Tradition aufrechterhielt und dem Schilde keine Unehre machen wollte. Nelson verliess die Stadt ohne einen Pfennig und etwas beunruhigt über sein verlorenes Talent für die weisse Gesellschaft. Da fiel ihm die neue Gesellschaft ein, deren Pioniere er an den Salzsee geführt hatte. Eine grosse blühende Stadt solle da erstanden sein, war ihm zu Ohren gekommen. Er machte sich auf den Weg. Gastfreundlich in einem Mormonendorf beherbergt bekam er vom Wirt ein Empfehlungsschreiben an den Schwiegervater, den Priester Josua, der in der Hauptstadt lebte. Josua und sein Weib nahmen ihn freundlich auf und versprachen, für ihn zu sorgen, unter der einen Bedingung, dass er Mormone würde. Nelson zögerte. Nicht, dass ihm die Religion nicht gepasst hätte. Diese war ihm so gleichgültig wie jede andere. Aber die Polygamie erregte seine Bedenken. »Ich war ja gewiss nicht besonders heikel in diesem Punkte, wie meine Erfahrungen mit meinen Squaws beweisen; aber was man allenfalls mit einer Indianerin dulden kann, wird doch schwierig mit einer Weissen. So ist wenigstens mein Gefühl.« Er versuchte, sein Brot zu verdienen, ohne Mormone zu werden: vergebens. Er bettelte, hungerte, und war am Ende. Josua sagte ihm, er wisse eine vortreffliche Stelle für ihn, wenn er das Bekenntnis ablege – und am andern Morgen bei Sonnenaufgang sprang Bruder Nelson an der Hand des Bruders Josua in ein wassergefülltes Loch am Walde, und der Priester tauchte ihm den Kopf unter. Nelson war getauft.

Der reiche Bruder Nathanael musste in Mormonengeschäften nach England reisen für drei Jahre. Er brauchte einen, der seinem Hause vorstände in dieser Zeit, auf die Frauen achtgebe, auf Vieh und Gesinde, so in den Dingen des leiblichen wie des geistigen Wohles. Nelson wurde Nathanaels Stellvertreter. Frau Josua gab ihm Anleitung und gute Lehre, deren wichtigste war, dass er sich bei den Nathanaelschen Frauen beliebt machen müsse. Davon hinge sein Glück für jetzt und künftig ab. Sähe man die Frauen zufrieden, so würde die mormonische Welt eine hohe Meinung von seinen Fähigkeiten bekommen und ihn hoher Stellen würdig finden. Es läge nur an ihm, sich das Paradies auf Erden zu schaffen.

Nathanaels waren drei Frauen. Die älteste war Rebekka, nah der fünfzig und mit zwei Töchtern gesegnet. Gutmütig, aber melancholisch aus einem freudlosen oder anders erwarteten Leben. Die zweite war Mary, vierundzwanzigjährige Mutter eines kleinen Kindes, verärgert und böslaunig. Die dritte aber war Annie, eine achtzehnjährige Engländerin, süss und noch ein Kind. Die drei Damen bewohnten je einen Raum, dessen Türe auf einen Korridor ging, der in des Wächters Nelson Zimmer mündete. Jede Woche führte eine andere der Reihe nach die Wirtschaft. Man ging mit Nelson spazieren, man gab Feste, Bälle. Er erlaubte alles. Man durfte kaufen, was man wollte. Er war ein Tänzer ohne Ermüden. Rebekka vergass ihren Kummer, Mary konnte auf einmal lachen und Annie war einfach selig. Man hatte die schönste Zeit und wünschte Nathanael für ewig dorthin, wo der Pfeffer wächst, und Nelson ihm das Grab im Ozean, denn er hatte sich zum erstenmal verliebt. Darüber wurde die alte Rebekka wieder melancholisch und machte bei Tisch eine beleidigende Bemerkung über die glückliche Annie. Der ritterliche Nelson konnte das nicht dulden: »›Schwester Rebekka, Sie dürfen nicht so zu Ihrer Schwester Annie sprechen. Ich finde das nicht richtig, und ich bin sicher, dass Bruder Nathanael, wäre er hier, sehr ungehalten darüber wäre. Ich betrachte diese kritischen Bemerkungen über Ihre Schwester als unentschuldbar und unpassend.‹ Meine im frömmsten Tone gehaltene Rede wurde hier plötzlich von Annie unterbrochen. Sie warf mir einen zärtlichen Blick zu, neigte sich zu Schwester Rebekka und bearbeitete sie mit beiden Händen. Ich schaute eine Weile zu. Dann fiel mir ein, dass ich den Bruder Nathanael autoritativ zu vertreten hatte, und ich sagte zu Schwerter Mary, sie möge mir helfen, die beiden zu trennen. Das gelang nach einem langen Kampf, aber erst nachdem Schwester Rebekka ein paar Locken und einige Vorderzähne verloren hatte.« Nelson sah seine Stellung gegenüber Nathanael in Gefahr und sagte darum zu Rebekka: »Sie sind töricht, meine Schwester. Ich tat mein Bestes, um Sie glücklich zu machen, und Sie danken mir es damit, dass Sie alles tun, um mich zu verlieren. Ich gehe. Und wenn ich fort bin, werden Sie Ihre Dummheit einsehen.« Rebekka weinte reuevoll, Mary bekam einen hysterischen Anfall und Annie stöhnte verzweifelt. Nelson schnürte währenddem sein Bündel und ging davon; in Angst vor Brigham Youngs Racheengeln, den Daviditen, welche die Renegaten verfolgten und töteten. Als er aus der Stadt war, schwor er feierlich seinen Mormonenglauben ab und begann zu laufen – bis er die Prärie erreicht hatte, die er mit einer Liebe liebte, die nur zu romantisch-bürgerlich war, als dass er sich in ihre Bedingungen ganz hätte ergeben können. Er war sieben Jahre lang immer nur ein geschminkter Indianer gewesen. Und konnte doch auch zu dem Weissen nicht zurückfinden, der er nie recht gewesen war und den er vergessen hatte. Er war wahrhaft ein Deserteur aus der Welt und fand keinen Platz mehr in ihr. Er hatte kein »Zurück«. Er hatte vergessen, woher er kam, und er wusste nicht wohin. Er vagabondierte. Das Schuhzeug der Weissen tat ihm weh. Einer verkaufte ihm eine goldene Uhr – sie war aus Kupfer. Ein anderer stahl ihm sein Reisebündel, einer sein Geld. Einem musste er eine Kugel in den Leib jagen, denn der wollte ihm ans Leben. Alles das traf ihn auf dem Wege nach dem Osten, wo er seine Heimat wusste, traf ihn auf dem ersten Viertel seines Weges, und er kehrte um, zurück in die Prärie. An der Strasse, die durch die Ebene führte, gab er sich in einer Herberge als Knecht zu Dienst. Es war geringe Arbeit und der Patron ein lustiger Mann, allein »nach drei Monaten fühlte ich, dass das nicht dauern könne. Ich brachte meine Zeit damit hin, über die Prärie zu schauen, und in dem Verlangen, dort zu sein, in ihr. Wie ein hinkendes Pferd war ich angebunden. Schliesslich ertrug ich es nicht länger und sagte Ackley, dass ich ihn verlassen müsse; dass ich verrückt würde, wenn ich länger bliebe.« Der wollte ihn zurückhalten. »Nein, Ackley. Sie sind gut zu mir gewesen, und Sie sind mir der liebste Mensch auf der Welt. Aber ich muss gehen, denn mein Leben ist dort (ich wies auf die Prärie). Wie ich zu Ihnen kam, glaubte ich, hier könnte ich bleiben; aber das alte Gefühl ist wieder in mich gekommen, ich muss gehen.«

Und er verschwand wieder in der Prärie und wieder bei den Sioux, bei diesen aus Not des Lebens, das den Einsamen nicht duldet. Er nahm wieder Frauen, die ihn verliessen, bis auf eine, die ihm in das amerikanische Fort folgte, wohin man den verwundeten Mann gebracht hatte. Es war in einer Wirtshausgeschichte, dass einer ihm die Kugel ins Bein schoss. Die braune Frau kam zu ihrem Mann und beider bemächtigte sich der Pastor, der ihre Seelen retten wollte. Dass sie nicht richtig protestantisch verheiratet waren, skandalisierte den Mann, den der Fieberkranke an seinem Bett sah, sooft er die Augen aufschlug. Nelson gab nach. »Also machen Sie, was Sie wollen, vorausgesetzt dass es mir nicht wehe tut. Es ist eine Komödie, denn Jennie wird kein Wort verstehen.« Die beiden wurden auf einen Wagen geladen und rechts- und kirchengültig getraut. Erst als er nach seiner Heilung das Fort verliess, kam ihm die fatale Situation zu Bewusstsein. Nach seinen Erfahrungen musste ihm Jennie eines Tages davonlaufen, aber er blieb ihr Gatte und die blonden weissen Annies zählten nicht mehr für ihn. Doch Jennie verliess ihn nicht; er fand sie immer in seinem Zelt, auf wie lange immer er es auch verliess; und bekam Kinder von ihr.

Immer noch nicht hatte Nelson seinen Platz in der Welt gefunden, und die Zeit drängte: er war fünfzig Jahre alt geworden, ein alter Landstreicher. Bei den Landstreichern sollte er seinen Platz finden: er wurde Polizeikommandant in Sidney, einer neuen Stadt im Westen. Keinem, den er fing, legte er Fesseln an: er liebte die Kerle, denn was sie getan hatten, das hatte er auch getan. Er sperrte seine Leute in einem Gefängnis ein, dessen Mauern aus Holz und Ziegelbrocken gefügt waren. »Und wenn ich sie am Morgen aufsuchte, da hatten sie sich mit dem Messer ein Loch in die Wand gemacht und waren davon. Persönlich war ich darüber nicht böse, denn sie waren so klug, mir weit aus dem Gesicht zu gehen und nicht mehr wiederzukommen. Und das ersparte mir viel Unannehmlichkeiten.« Sidney hatte aber doch kein Verständnis für seinen aufgeklärten Polizeikommandanten; er musste seinen Abschied nehmen. Die Prärie wartete auf ihn.

Nelson hat sein Leben aufgeschrieben; er schliesst seinen Bericht also: »Ich bin jetzt zweiundsechzig Jahre alt. Ich habe nichts erworben. Ich besitze nicht einen Pfennig. Ich erkenne, dass ich mich getäuscht und mein Leben vertan habe. Niemanden fordere ich auf, es mir nachzumachen. Aber ich habe unter die Füsse eine Erde getreten, auf der ich kommen und leben konnte nach meiner Laune, die fetteste Weide suchen und zu meiner Seele und Gewissen sagen: ›Alles was du siehst, gehört dir.‹ Ich weiss nicht, wann ich stillstehen werde. Der unruhige Geist meiner Jugend ist immer in mir und solange ich die Kraft habe, werde ich gehen. Der Beschluss dieser Seiten wird dem Leser ohne Interesse erscheinen, aber er ist wichtig für mich: ich bin noch am Leben.«

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