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Landfahrer und Abenteurer

Franz Blei: Landfahrer und Abenteurer - Kapitel 6
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authorFranz Blei
titleLandfahrer und Abenteurer
publisherGeorg Müller
year1913
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Nikodem von Nifen

Als ich dem Sultan von Sansibar drei meiner abgenütztesten Freundinnen verkaufte, versprach ich ihnen, sie nach einigen Wochen auf eine romantische Weise zu befreien. Als ich in Dar-es-Salam war, verständigte ich also Schillings – wie? Nicht diese Töne, o Freunde? Dann will ich euch erzählen, wie ich von Omaha aus diese sehr rentable Religion gründete, zu der sich heute siebzehn Millionen, und rechne ich die Anhänger der ebenfalls von mir gegründeten Gegenreligion dazu, zweiundzwanzig Millionen bekennen, – oder von der alten Dame, der ich bei Pedrucchi in Padua einredete, dass sie eine Bourbonin sei, worauf die bekannte Verschwörung, – nein, auch dieses nicht, da ich die geschäfthafte Nüchternheit all dieser Dinge nicht für passend halte in diesen ernsten Zeiten, die erheitert werden müssen, damit sich der Ernst verdichte zu irgendeinem Faktum, so oder so. Also anderes.

Ich will euch erzählen, wie ich zwei portugiesische Klöster besuchte, zu einer Zeit, da noch kein kleiner König dieses Landes mit dem Münchner Barkeeper Melchior darüber sich unterhielt, ob er glaube, dass die Republik sich halten würde. Es war viel früher, als ich diese Reise mit dem Prior von San Vincente de Fora verabredete, der auch richtig eines späten Morgens in seiner Dormeuse vor meiner Quinta San Jose hielt, von der man die schiffbedeckte Mündung des Tajo übersehen kann. Der dicke Prior wollte nicht das Kleinste seiner gewohnten Behaglichkeit aufgeben und hatte ausser seinem vertrauten Sekretär und seinen Lieblingspferden einen Tross von Stallknechten, Ferradores, das sind Hufschmiede, und Maultiertreibern mitgebracht. Mit meinen und meines Freundes, des deutschen Arztes, Leuten war es eine Karawane, die selbst auf der Strasse nach Mekka keine schlechte Figur gespielt haben würde. Was aber die Dormeuse betrifft, so war sie dem Prior von dessen Bruder, dem uralten Marquis von Marialva, geliehen worden und war aus den Zeiten von Donna Ines. Sie war geräumig genug, dass Franchi, des Priors italienischer Musikus, sein Ladenklavier darauf unterbringen konnte. Und der Arzt seinen Medizinkasten.

Wir sassen beim Abschiedsmahl auf der Veranda, als ein heftiger Lärm am Ufer uns aufschreckte. Der Raum von meinem Landhause bis zum Gestade war vollkommen gesperrt, indem die halbe Bevölkerung von Belem herbeigelaufen war, um unsere Abreise mitanzusehen. Die Kutscher der Packwagen fluchten und schlugen mit den Peitschen den Leuten auf die Köpfe, die Gäule wieherten, die Maultiere schlugen nach allen Seiten aus, und eine meiner zarten englischen Stuten wollte vor der Annäherung eines von des Priors wohlgefütterten Dormeusepferden ausreissen. Wir beeilten uns. Was nicht beritten war, setzte sich in das Reiseungeheuer des Priors, dieser aber sich in meine elegantere Chaise, die, von sechs starken Maultieren gezogen, in einem raschen Trab die Spitze nahm auf der Strasse nach Nossa Senhora de Luz zu.

Wir machten Rast in Lumiares, einem Landhaus des Marquis von Anjeja, an das er tolle Summen verschwendet hatte, da er gar keinen Geschmack, aber den Glauben besass, er hätte ihn. Die Alleen waren mit Kieseln in rot, schwarz und blau gepflastert, was den Augen so angenehm war wie den Füssen; ein Dutzend Behälter für Goldfische waren in den absurdesten Farben bemalt, vor denen die Fische vor Schrecken starben; und überall im Parke gab es Mauern zu keinem anderen Zwecke, als um schmale Marmortreppen anzulegen, die nur miteinander selbst in Verbindung standen und nirgends hinführten, als zu sich selber.

Es war dunkel, als wir nach Tojal kamen, wo wir die Nacht über zu bleiben beschlossen. Die paar Mönche, die hier hausten, hatten für den besten Empfang gesorgt.

Als man andern Morgens bei einem vortrefflichen Frühstück, wobei es delikate Fische gab, vom Parke in Lumiares sprach, war da einer der Mönche als Missionar in China gewesen und erzählte, dass er in Peking mitten im Winter einen ganzen grossen Garten gesehen habe, von einem milden wohlriechenden Duft erwärmt. Alle Bäume seien mit seidenen Blättern und künstlichen Blumen bedeckt gewesen und auf einem Teiche, klar und durchsichtig wie der Himmel, der sich darin spiegelte, seien Hunderte von buntemaillierten Enten geschwommen, die aus Metall waren, durch einen Mechanismus ihre Schnäbel öffneten, schnatterten und das Futter verzehrten, das Eunuchen ihnen zuwarfen, und es auch dem Anscheine nach wohlverdaut wieder von sich gaben. Und dabei stand die ganze Zeit, über der Kaiser, lachte über mein Erstaunen und hielt sich für eine Inkarnation des Fo.

Die paar Mönche schienen die Geschichte zu kennen; dem Prior entlockte sie auch keine bessere Bemerkung, als dass er dem chinesischen Kaiser Nebukadnezars Schicksal wünsche; und der Missionar wusste von Peking sonst nichts weiter Bemerkenswertes. So brachen wir gleich nach dem Frühstück auf. Sie können mir glauben, sagte der Missionar beim Abschied, dass ich mein möglichstes getan habe, den Kaiser zu bekehren. Der Prior hatte schon einen Fuss auf dem Trittbrett, als er antwortete: Hoffentlich gelingt es Ihnen das nächste Mal besser.

Es war ein elender Weg bis nach Cadafaes, wo wir endlich wieder die grosse Heerstrasse nach Caldas erreichten. Wir assen zu Mittag in einem reinlichen Hause. Die Fussböden mit Matten belegt, die Tische mit feinstem Linnen, und in hellglänzenden Karaffen aus venezianischem Glase standen Nelken, wie ich sie selbst in Genua in den Durazzoschen Gärten nicht schöner gesehen habe.

Als man unsern Zug vom Kloster aus erblickt hatte, läutete man alle Glocken. Die dreihundert Mönche standen, mit dem Grossprior an der Spitze, auf der weiten Plattform zu unserer Begrüssung. Dann trat man in die dunkle Kirche. Die paar Lampen verbreiteten ein höchst religiöses Licht. Ich suchte die Kapelle, wo Peter der Gerechte und seine geliebte Ines begraben liegen. Ich merkte gar nicht, dass draussen die Orgel nicht mehr dröhnte, als ich plötzlich in der Romantik meiner Gefühle vom Klosterabt und meinem Prior unterbrochen wurde, die in die Kapelle getreten waren. Nach der Küche! riefen sie.

Der Aufforderung der beiden wohlbeleibten Männer war nicht zu widerstehen. Und die Küche war in der Tat eine Kathedrale der Gourmandise. Nie sah ich einen den Zwecken des Gaumens gewidmeten Raum, der grösser und würdiger gewesen wäre. Durch die ungeheure Halle mit einer schöngerippten Decke floss ein munterer Bach des klarsten Wassers, der durch hölzerne Behälter ging, die mit Fischen jeder Art gefüllt waren. Auf einer Seite waren Berge von Wildbret gehäuft, da Früchte, da Gemüse. In Truhen das weisseste Mehl. Felsengebirge von Zucker, Krüge wie Brunnen, voll Öl. Eine Schar von Laienbrüdern walkte an einem riesigen Pastetenteig. Wozu sie sangen wie die Lerchen in einem Kornfelde. Man rüstete wie zur Kananäischen Hochzeit. »Wir werden nicht Hungers sterben,« sagte der hochwürdige Abt, »Gottes Güte ist gross, wir müssen uns ihrer dankbar erweisen, indem wir sie geniessen. In einer Stunde wird das Essen fertig sein. Erlauben Sie mir, dass ich Sie einstweilen in Ihre Wohnung führe. Sie hat indes nur kahle Wände, denn wir erfuhren heute morgen zu spät Ihre Ankunft, um unsere schönen Tapeten aufzuhängen.«

Ich fand meine Wohnung, die aus einem Vorraum, einem Salon und einem Schlafzimmer bestand, hoch und angenehm. Die Wände waren kahler Kalk, aber der Boden mit vortrefflichen Teppichen bedeckt und die Tische mit schweren Samten. Wasserkannen und Becken waren aus getriebenem Silber, das Linnen grob, aber mit alten barocken Spitzen. Es war ein seltsames Gemisch von Pracht und Einfachheit. Ich liess mir im Alkoven mein eigenes Bett aufschlagen, was den Mönch, der mich bediente, verwunderte oder verstimmte. Ich badete unbekümmert in der rasch entfalteten Wanne und ging sehr erfrischt in das Refektorium, als der Dienende sagte, es wäre nun so weit. Wir holten Franchi ab, der vor seinem Klaviere sass und Monteverdi spielte.

Es gab vortreffliche Würstchen, eingemachte Neunaugen, einige brasilianische Gerichte, andere aus China, die ein Laienbruder aus Macao eingeführt hatte. Die Konfitüren und Früchte warteten in einem Nebenraume auf uns, in den man sich nach dem Mahle zurückzog, um den Gerüchen der Speisen und Brühen zu entgehen. Schon während der Mahlzeit waren einige junge Burschen mit Kassoletten von Filigran aus Goa herumgegangen, aus denen der gewürzige Duft des Kalambak, wie man die feinste Art des Aloeholzes nennt, emporstieg.

Während wir in dem Nebensälchen das weisse Fleisch der Ciremoio aus ihrer stachligen Haut schälten, wurde der grosse Saal ausgeräumt, und ich dachte schon, wo man die Tänzerinnen hernehmen werde zu dem erwarteten Fandango oder der Fofa, diesem züchtigsten Tanze beredten Bauches und leidvoller Augen. Da trat eine Schar Klarinetten- und Gitarrenspieler ein, in seidene Dominos gekleidet wie die Abendmusikanten in den italienischen Possen, und ihnen folgten junge Mönche, gekleidet wie junge Herren in weltlichen Anzügen, in denen sie sich etwas ungeschickt bewegten, und man tanzte eine endlose Reihe von Menuetten, nichts weiter. Der Abt schien unglücklich, meinen Geschmack nicht getroffen zu haben, der gar nicht nach Menuett tanzenden jungen Klerikern stand. Es sollte besseres kommen. Nämlich nichts geringeres als eine Theateraufführung. Es trat nämlich ein gelblicher Herr herein, näherte sich uns mit abgemessenen Schritten, blieb vor uns stehen und schlug mit der einen Hand langsam und feierlich auf eine Pergamentrolle, die er in der andern hielt. Diese war das Stück, der Herr der Dichter. Nicht vielmehr das Stück als sein Theaterzettel, worauf in Karmin und Gold zu lesen war, dass heute abend und mit besonderer Erlaubnis des Abtes von Alcobaça aufgeführt werden würde: die rührende Tragödie der Donna Ines de Castro und der grausame Mord dieser liebenswürdigen Dame und ihrer zwei unschuldigen Kinder, wobei der Senhor Agostinho Jose die Rolle der Ines spielen werde. »Aber die Kinder entgingen doch den Klauen des Tyrannen,« bemerkte ich. »Allerdings,« sagte der Abt, »aber der Dichter ist ein italienischer Herr, der seit Jahren unsere Gastfreundschaft geniesst, und da er ein Fremder ist, kann man nicht verlangen, dass er das zarte Gefühl für die kostbaren Kinder habe wie ein geborener Portugiese. Er bat mich um die Erlaubnis, sie umbringen zu dürfen, weil das die Katastrophe wirksamer mache. Ich wollte dem ausgezeichneten Talente, das mein Freund ist, nicht zuwider sein. Er wollte sie durch den Dolch der eigenen wahnsinnig gewordenen Mutter beseitigen, aber das wäre doch zu weit gegangen gewesen, meinen Sie nicht?«

Ich wandte mich an den Dichter und lobte seine weitgehenden Bemühungen im tragischen Fach, worauf er, einen Kenner in mir vermutend, lebhaft sagte: »Geben Sie mir noch einige Jahre und ich vertilge Ihnen auf meine Art die Hälfte der königlichen Personen in der portugiesischen Geschichte. Grossartig auf dem Schlachtfelde, auch wenn sie an der Gicht in ihrem Seidenbette gestorben sind, auf dem Ozean, auch wenn sie nie ihren Fuss auf ein Schiff gesetzt, ja, ich lasse sie vom Teufel selber holen, auch wenn sie in ihrem Leben nicht einer Fliege ein Bein ausgerissen haben. Das ist die Tragödie, mein Herr!« Der Abt schauderte ein bisschen mit den Schultern und flüsterte mir zu: »Esto doedo, esto doedo«, als ob er damit, dass er den Mann toll nannte, etwas anderes sagte, als dass er eben ein Dichter sei. Aber mein dicker Prior, mein Reisegefährte, erklärte, er vertrüge keinerlei Rührung auf blutige Weise, und entfernte sich, so schnell es seine Körperfülle ihm erlaubte. Der deutsche Arzt sagte, ihm mache keinerlei Blutverlust etwas, und Franchi sagte gar nichts, wie immer Musiker in solchen Fällen. Man verfügte sich also mit vielen Lichtern in den Theatersaal, durch Korridore und Hallen, über kleine Gärtchen und Höfe, wobei unser Nahen eine Menge junger Kleriker vertrieb, die entweder auf der Mundtrommel bliesen oder mit kleinen Kugeln spielten, und einer sass auf dem Boden und sprach mit einem Flamingo, der aufmerksam zuhörte.

Quer vor das Ende des grossen Zimmers war ein grüner Vorhang gespannt, auf den das Klosterwappen lebhaft gestickt war. Davor standen Kirchenbänke aus glattgescheuertem Eichenholz, zumeist schon von etwa hundert ehrwürdigen Vätern besetzt, die in feierlicher Ruhe warteten, als ob sie einem ökumenischen Konzil beiwohnten. Es roch nach Klostergewohnheiten und Klosterkleidern nicht zum besten. Der Abt sah meiner Nase wohl etwas an, denn er flüsterte einem Mönche etwas zu, und nach einer Weile roch es angenehm nach verbranntem Lawendel.

Es gab einige Musik, nach deren Beschluss ich das Auffliegen des Vorhanges erwartete. Dem war aber nicht so. Wohl aber hörte ich die laute Stimme Franchis auf der Bühne, der, wie ich späterhin fand, die Donna Ines zu bewegen suchte, ein ungeheures Paar klimpernder Ohrgehänge abzulegen und eine gewaltige Schleppe zu verkürzen, über die der Lümmel von Ines bei jedem Schritt stolperte. Aber Ines drohte mit Weinkrämpfen, und das entschied die Sache. Franchi gab nach, und der Vorhang ging auf.

Über den Arm meines gewichtigen Lehnstuhles sagte Hochwürden der Abt leise zu mir: »Hätten Sie Agostinhos Stimme vor zwei Monaten gehört, so würden Sie entzückt gewesen sein. Jetzt ist er im Stimmbruch. Er wird ein guter Bariton werden.« Ich wollte gerade etwas Liebenswürdiges erwidern, als mich der Abt unterbrach: »Still! Hören Sie nicht Donna Ines?« Nun, ich hörte und muss sagen, keine Kuh, der man ihr letztes Kalb genommen, kann kläglichere Töne von sich geben, und sie nahmen an Greulichkeit zu, als Ines an die Rampe vorstürzte mit Blicken, darauf berechnet, unsere Gefühle bis auf den letzten Fetzen zu zerreissen. Dann gab es einige hundert Verse, die Ines etwas gleichförmiger rezitierte, aber mit solcher Emphase, dass der entzückte Dichter das Soufflierbuch weglegte und rief .»Nun, was sagen Sie dazu?« »E boa, e boa,« erwiderte der Abt, und die ganze Versammlung vor und auf der Bühne wiederholte: »E boa, e boa.« Diese allgemeine Ermunterung verfehlte auch nicht ihre Wirkung auf Donna Ines, und fast in zu hohem Grade, denn die höheren Töne ihres Halbdiskants bekamen nun das Übergewicht. Ich hätte viel für einige Baumwolle gegeben. Aber es gab gleich etwas Ruhe im zweiten Akt, der gänzlich mit den Plänen und Anstalten des Königs und seiner Räte ausgefüllt war, guter und nachgiebiger Leute. Im dritten Akt bemerkte ich verwundert, dass Seine Majestät mit dem kleinen Umstande, dass Ines seinen ungeratenen Sohn mit einem Paar von Kindern erfreut hatte, gänzlich unvertraut war. Als der erste Rat ihm das eröffnete, fragte er mit einer hinterlistigen Kälte: »Wie sehen sie aus?« »Wie Tauben,« sagte der mit aller Süsse, die solche Tierchen verlangen, wenn man von ihnen spricht. »Das ist mir gleich« (der König) »ich will ihr Herz durchbohren, sie müssen sterben.« Damit verlässt er die Bühne und wiederholte: »Sie müssen sterben« noch ein paarmal, wie mir erst schien, aber sie wurden von einer Leiter herab wiederholt von einem alten ehrwürdigen Mönche, der, da er zu sehr den Anstand liebte und zu schüchtern war, um öffentlich auf den Brettern zu erscheinen, die Rolle des Echos übernommen hatte und ganz vortrefflich spielte. Der vierte Aufzug bot nichts Besonderes, aber im fünften stiegen alle Schauder aufs höchste. Man hatte zwei entschlossene Meuchelmörder gedungen – aus ihren Blicken sprach der Mord – die Kinder liefen davon, die Mörder nach, gellende Schreie am äussersten Ende des Theaters; und die Zuschauer standen auf und reckten die Hälse wie eine Herde ungeduldiger, unruhiger Truthähne. Die Kinder wurden beim Haare auf die Bühne geschleift und einige geschickt fallende Tropfen Blut aus einem Behälter machten Täuschung zur Wirklichkeit. Ines erschien und rief alle Gestirne zur Rache in hohen und tiefen Tönen, bis sie über den Leibern der Kinder drei Dolchstösse erfuhr. Dann kam der König und sagte: »Ich bin zufrieden.« Das war der Schluss. Der Abt sagte: »Nun lassen Sie uns unsere Tränen trocknen und noch einen kleinen Trunk tun zur Beruhigung unseres ergriffenen Gemütes.« Ich verabschiedete mich höflich dankend und liess mich in meine Zimmer führen.

Es war früh am Morgen, als ich in einen weissblau strahlenden Himmel hinein erwachte. »Wir wollen einen Ritt in die Wüste tun,« sagte ich meiner weissen arabischen Stute. »Du wirst an deine heimatliche Wildnis denken und ich an die meinige.«

Die fruchtbaren Wiesen und Gehege lagen bald hinter mir. Der Ritt ging durch Kastanienwälder nun eine leichte Höhe hinan zu einem verfallenen maurischen Kastell. Frauen und Männer schnitten die andere Seite des Hügels hinab die Trauben von den Weinstöcken, welche den milden Aljuborrata geben. Dann weiterhin lag eine kleine Ebene, sandig, bestellt in Büscheln von staubgrauem Lawendel, die wie kleine Inseln im Sande lagen. Waldstreifen schlossen nach Süden, und darüber ragte wie ein zackiger Felsen die Kathedrale des Klosters von Batalha.

Ich liess mein Pferd den Hügel hinabklettern und ritt im Trabe nach Alcobaça zurück. Man ging zum Frühstück, als ich ankam. Der Prior von San Vincente teilte mir mit, dass mein französischer Koch Simonet eine Omelette à la Provençale gebacken habe und keine Zeit zu verlieren sei. Der Doktor kam von einem Besuche des Krankenhauses, das die Brüder unterhielten. Die Medikamente seien, erzählte er, weder der Art noch der Zahl nach in einem Verhältnis zu den Krankheiten, für deren Erleichterung sie bestimmt waren. Aber mit den Krankheiten war er sehr zufrieden. Namentlich bot ein Geschwür von gewaltiger Grösse alle Launen dar, welche die Mutter Natur bei solchen Gelegenheiten nur auslassen könne. Nämlich Eiterung an dem einen Ende und Verhärtung an dem andern. Er sprach mit Entzücken davon. Seine Begeisterung aber kannte keine Grenzen, als er an die Beschreibung eines höchst angenehm perennierenden Geschwürs kam, das seit einer Reihe von Jahren, wie der Ozean, seine Ebbe und Flut hatte. Hier fing er, der sonst Deutsch geredet hatte, da er des Portugiesischen nicht mächtig war, an Lateinisch zu sprechen und wandte sich dabei geradezu an den Prior. Seine Hochwürden, der ganz der Omelette hingegeben war und solchen medizinischen Gegenstand weder sonst noch gar bei der Tafel liebte, Seine Hochwürden antwortete kühl, dass er es sich zur Regel mache, wo möglich nie ausserhalb der Kirche Lateinisch zu reden oder zu hören. Der Doktor schwieg, da er einsah, dass weder das eine noch das andere Geschwür die Aufmerksamkeit finden würden, die sie in seiner Meinung verdienten. Er schwieg und trank viel. Franchi, der gar nichts verstanden und nur den Enthusiasmus des Doktors gesehen hatte, wandte sich an diesen und sagte: »Nein, nein, und was Sie auch sagen mögen, – es gibt nur eine Musik, und die ist italienisch.« Der Abt brachte das Gespräch damit wieder in das Gleise, dass er von meinem Koch sprach und in einer Art, dass ich fürchtete, ich würde diese Perle ihm überlassen müssen.

Ich wollte die Siesta nicht halten. Ich wollte in die brütende Hitze hinaus, die um die Steine zitterte und in der Luft hing wie ein Spinnweb. Ich wollte durch das Dorf in den Wald gehen, um fliessendes Wasser zu sehen. In einem Gange traf ich den Knaben mit dem Flamingo in einer tiefen Fensternische Schatten hocken. Er sollte mir den kurzen Weg zum Dorfe zeigen. So führte er mich durch leere Höfe, in denen ein gelbes Gras wuchs, zu einem letzten und schlug hier in einer modrig riechenden Ecke eine kleine Tür auf, die über ein paar Stufen ins Freie führte. Er wies schweigend mit der Hand die Richtung eines kaum merklichen Pfades durch Busch und Grün und wandte sich zurück zu dem Vogel, der stelzend nachgestiegen war. Ich schlenderte durch das kleine Gehölz etwas krüppliger Bäume, kam zwischen lange Reihen ockergelber Gartenmauern, über die das ledrige Grün von Feigenbäumen hing. Manchmal war eine Tür in der Wand, die sich dann höhte und weiter oben ein vergittertes Fenster zeigte. Ich liess meine Schritte leiser werden, so zwingend war die Stille. Und blieb manchmal stehen, tastete die Mauer ab, die warm war wie die rauhe Haut eines lebenden, atmenden, schlafenden Wesens. Es roch nach Steinen, Bux und Gartenerde.

Da schlug mein Herz erschrocken, als es etwas wie ein Singen auf einmal von einem Fenster nieder über mir hörte, und den Klang einer ganz leise geschlagenen Gitarre dazu. Es waren die Kadenzen einer Brasileira. Ich sah zu dem vergitterten Fenster auf, das eben von einem schönen weissen Arm geöffnet wurde. Den Arm kannte ich, weiss Gott! »Sind Sie es, Donna Francisca? Wie kommen Sie hierher? Was hat Sie veranlasst, die Ajuda gegen dieses öde Nest zu vertauschen?« – »Steigen Sie die Stufen herauf, und ich will es Ihnen erzählen. Aber Sie dürfen nicht länger als zehn Minuten weilen. Nicht eine Sekunde länger.« – »Da ist keine Zeit zu verlieren« und ich eilte.

Aber nicht Donna Francisca, das beliebteste Kind der Ajuda und von Queluz empfing mich, sondern ihre ernste aber nachsichtige Mutter. »Ich weiss, wen Sie suchen,« sagte die bärtige Matrone, »aber es ist vergebens. Sie haben Francisca gehört, dürfen sie aber nicht sehen. Sie ist nicht mehr das leichtsinnige Kind, mit dem Sie tanzten. Ihr Herz hat sich gewendet. Machen Sie nicht das Gesicht. Zu Gott hat sich ihr Herz gewendet. Ein gottseliger Mann, ein wahrer Heiliger, ein wahrer Spiegel der Heiligkeit für seine Jahre, er ist, denken Sie nur, erst fünfzig, hat diese gesegnete Veränderung hervorgebracht. Sie erinnern sich, wie der Beichtvater der österreichischen Gesandtin sagte, es sei schändlich, wie hinreissend mein Kind die Kastagnetten schlüge und beim Tanzen ihren Kopf zurück und alle übrigen Teile ihrer kleinen Person vorbeuge, – so sagte dieser alte Wüstling. Da begab es sich also, dass der Abt von Alcobaça nach der Hauptstadt kam, in Begleitung eben des unschätzbaren Mannes, von dem ich Ihnen erzählt habe. Der sah sie und sagte, dass unter dem Schleier aller dieser Leichtfertigkeit doch noch die Saat der Gnade verborgen sei und dass er sie zum Keimen bringe wolle. Und daran machte er sich. Francisca wandelte sich. Und als der Abt nach zwei Monaten wieder in das Kloster zurückkehrte und mit ihm unser heiliger Mann, da war für Francisca alles andere vergessen, und wir müssen sterben, sagte sie, wenn wir dem heiligen Manne nicht folgen. So taten wir. Mieteten dieses Haus und diesen Garten, – sehen Sie nur die schönen gelben Nelken, – und sind hier sehr glücklich und haben uns ganz der Frömmigkeit hingegeben, so streng auch unser Herr und Leiter ist und die Geissel nicht schont. Aber auch sonst lässt er es uns an nichts fehlen. Eben erst schickte er diesen herrlichen Schinken von Melgazo.«

Sie wollte gerade eine damastne Decke von dem Melgazoer Schinken zurückschlagen, als von der Gasse her dreimal kräftig gehustet wurde. Die Alte lief auf den Balkon und rief: »Jesus und Joseph, er kommt, er kommt!«

Hätte sie statt eines lebendigen Mönches einen Geist gesehen, sie hätte nicht mehr erschrecken können, und deutlicher als ihre Geste zeigte mir ihr verstörter Blick die Tür, so dass ich im Augenblick hinaus war. Es wäre auch gotteslästerlich gewesen, hätte ich auch nur einen Augenblick länger gezögert.

Das Kloster war mit heissen Gesichtern aufgewacht, als ich zurückkam. Ich hatte den Wunsch ausgesprochen, gegen Sonnenuntergang nach dem Kloster Batalha zu reiten, um da die Nacht zu verbringen, und fand alles zur Reise vorbereitet. Zwei mit Lebensmitteln beladene Maultiere und mein ungarischer Hengst standen im Geschirr.

Das violette Braun der Dämmerung lag über der Erde, als wir vor dem Kloster ankamen und der Maultiertreiber eine Fackel anzündete. Ein junger Laienbruder nahm mein Pferd, streichelte seine Mähne und küsste in kindlicher Freude seinen Hals. Ich selbst wurde, wenngleich auch nicht mit solchem Enthusiasmus, doch mit grosser Herzlichkeit von dem schlanken Abt begrüsst, der in den Torweg getreten war und mich in einen kahlweissen Raum führte, wo ein einfaches Mahl gerichtet war. Als von den Hungerleidern sprachen die Mönche von Alcobaça von denen in Batalha, mit einer gutmütigen Verachtung. Es gab Früchte, Brot und Wein. Aber der schlanke Abt machte den Wirt wie ein Weltmann, der zu Haifischflossen und Salanganen geladen hat. Er goss den Wein ein, seine Finger waren fein und lang und gar nicht diese dicken gelblichen Mönchswürstchen mit Haaren darauf und eingekrümmten Nägeln. Auch schob er die Hände nie, die Finger verschränkend, ineinander, wie Kleriker und ganz alte Leute es tun, sondern liess sie dort ruhen, wo sie gerade lagen, sich selbst überlassen. Diese Hände liessen mich manches glauben, was man mir in Alcobaça von diesem Abte erzählt hatte. Er war erst spät in den Orden getreten, der unter der Regel Benedicti stand, und nach einem Leben, das ihn dem Teufel näher brachte als dem lieben Gott. »Meinen Glauben«, sagte er im Gespräche, »habe ich mir aus der Tiefe der Hölle heraufgeholt, – er hat davon etwas lebhaftere als die üblichen Farben bekommen.«

Aber mehr als solche allgemeine Andeutungen über sein früheres Leben gab er nicht, soviel ich mich auch bemühte, mit Erzählungen vom Abte von Alcobaça, der meinen Koch wolle, und vom Beichtvater der Donna Francisca das Gespräch auf Persönliches zu bringen. Dieser teuflische Mann war unverrückbar. Was immer er gelebt und erlebt haben mochte, es war vollkommen in den idealsten Gleichgewichtszustand seines seelischen Wesens eingegangen. Diese geistige Isoliertheit, die sich weder in Verzweiflung noch in Verachtung von dem abwendet, was die Menschen sind und treiben, war bei diesem Abte ohne die schwache Seite, welche bei den Religiösen fast immer festzustellen ist, indem sie die niederdrückende Bedeutung der geistigen und moralischen Welt nicht in deren innere Wesenheit legen, sondern einfach auf ihr Verhalten zur Alternative Himmel und Hölle. »Um Gott zu lieben, müssen wir den Teufel lieben wie ihn,« sagte er, und: »Wir lieben den Teufel um Gottes willen, denn Gott würde ohne den Teufel zu existieren aufhören.« Dann wieder: »Das Inferno ist ein so wichtiger Teil in der Divina Commedia wie das Paradiso. Wer die Menschen als schlecht verachtet oder als böse an ihnen verzweifelt, der ist grausam wie Pascal, der eine Hölle, aber kein Paradies geschrieben hat. So müssen wir also auch den Begriff des Bösen mit unserer Liebe umfassen.« »Aber Pascal«, sagte ich, »hat das Paradies gelebt, denn er war gütig wie Keiner, immer hilfsbereit, grossmütig, heiter, liebenswürdig, ein Weltmann, voll Scherz und Laune, erfand den Omnibus ...« »Alles das war er omnibus,« unterbrach mich der Mönch, »aber ein Verzweifelter war er mit sich allein, einer, den das ewige Schweigen der Unendlichkeit erschreckte. Pascals Christentum war nicht mehr eine das menschliche Leben formende, sondern auslöschende Kraft.« – »Aber«, sagte ich, »er hatte eine Stimme, die aus dem Dunkel kam und aus Stürmen heraus, wie keiner mächtiger je den Menschengeist überfiel, und tauben Sinnes oder in Sinnlichkeit verstumpft ist der, der diese Stimme nicht hört.« Als ich das gesagt hatte, stand der Abt von Batalha auf und trat ans Fenster, so dass er mir den Rücken kehrte, der sich für Augenblicke leicht krümmte. Lachte er leise? Sein Gesicht war regungslos, als er sich umwandte und Pascals Worte wiederholte: »Nur ein Heiliger kann die Heiligkeit verstehen.« Als ich schwieg, kam er an den Tisch zurück, lehnte sich an meinen Stuhl und erzählte: »Ich war in Rom eine Zeitlang im Amte der Heiligsprechungen. Als Advocatus Dei hatte ich einmal diesen Fall: in Paris lebte ein Jude, der ein leidenschaftlicher Katholik und auch, was man einen grossen Sünder nennt, war. Er wucherte, er betrog, er verführte Kinder, er verdarb Frauen, wobei ihn sein grosser Reichtum vor den irdischen Unannehmlichkeiten schützte. Und sein katholischer Glauben vor den jenseitigen. Er nahm es, wie er glaubte, sehr ernst damit. Wollte es aber auch mit seinen Lastern ernst nehmen. Und hatte so den Ausweg gefunden, dass er seine Taufe auf den Augenblick seines Sterbens verschob: da erst wollte er sich taufen lassen und rein wie ein Kind, auch von der Erbsünde losgesprochen, direkt in den Himmel fahren. Da überraschte ihn der Tod des Nachts in einer üblen Gasse, ein Schlaganfall warf ihn zu Boden. In seiner grossen Not packte er ein vorbeistreichendes Freudenmädchen am Kleid, dass die Hure ihn taufe. Er sprach ihr die Formel vor und das Mädchen, das gerade vom Lande gekommen und fromm war, sprach die Formel und goss Wasser über ihn, das sie aus der Gosse genommen hatte. Es war ein Wagenstand in der Nähe und das Rinnsal voll Pferdeurin. Der Mann starb als Christ. In seinem Heimatdorf wurde er, wie er es wünschte, begraben. Er hatte dem Ort auch sein sehr grosses Vermögen vermacht. Die verlangte Grabkapelle bekam er auch.« Als er schwieg, fragte ich, wie der Mann vor die Advokaten gekommen sei. »Der kleine Ort wollte einen Heiligen haben. Des Geschäftes wegen, das ein Heiliger mit sich bringt. Wunderzeichen gab es eine Menge. Die Polizisten, die den Toten auf die Station brachten, hatten einen wundervollen Geruch an dem Kadaver gemerkt, den Sarg umgab ein weisses Leuchten, auf dem Grabhügel, der ihn deckte, bis die Kapelle fertig war, blühten Lilien, ohne dass man sie gepflanzt hatte, – der grösste Teil unserer Heiligen und ihrer Wunder ist nicht anders, wie gute Hagiographen nachweisen.« – »Haben wir also einen heiligen Löwy?« fragte ich. – »Der Advocatus Diaboli ging nicht in die Tiefe, und so fuhr der fromme Mann zum Teufel und die Kirche hat einen Heiligen weniger,« sagte der Abt und lachte; dann fügte er rasch hinzu: »Übrigens hat auch die Hölle ihre Heiligen.« Wollte mich der Abt zum besten halten? Ich liess alle Höflichkeit beiseite und fragte ihn: »Wie können Sie mit solchen häretischen Ansichten nicht nur in der Kirche bleiben, sondern sogar in einem katholischen Orden?« – »So wie die Hölle beim Himmel bleibt, so wie der Böse der Fürst der Finsternis heisst, aber auch Luzifer. Wo anders als in der Kirche sollen die sein, die Sie Häretiker nennen? Wer die Kirche moralisch betrachtet, wird sich immer über sie täuschen. Die meisten Sünden sind, wie die meisten Tugenden, nur menschliche Torheiten. Es gibt Tugenden der Väter, die bestraft werden bis ins dritte und vierte Glied. Und es gibt Sünden, die zu begehen unumgänglich nötig ist, wenn wir überhaupt leben sollen. Und die Kardinalfrage, die eigentlich nur ein Embryo stellen kann, ob es sich nämlich zu leben lohne, diese Frage werden Sie, der Sie leben, doch nicht stellen wollen. Da wir leben, dürfen wir unsere Tage nicht wie Wasser durch ein Sieb laufen lassen, – sündhaft, tugendhaft, wie wir es zum Leben, zu diesem und jenem Leben brauchen. Jede Entfaltung des Lebens ist ein gutes Werk, ob uns nun Gott oder der Teufel dafür belohnt. Haben Sie Angst? Ich mache Ihnen doch die Hölle sehr komfortabel.«

Er geleitete mich selber in die Zelle, die mich die wenigen Nachtstunden, die noch blieben, beherbergen sollte. Als ich das Fenster öffnete, stand draussen die Nacht im Erbleichen, und die Vögel wachten auf. Ich löschte das Licht und stand auf einmal in der grauen Dämmerung, die wie mit einem Schwung in das weissgetünchte Gemach flog. Lauter wurden draussen die Vögel. Ich warf mich aufs Bett. Im Traum erschien mir der Abt von Batalha als der inkarnierte Paraklet.

Ein blendendes Sonnenlicht erfüllte die Zelle, als ich die Augen aufschlug, vom Eintritt des jungen Bruders geweckt, der mein Pferd geküsst hatte und der lächelnd an meinem Lager stand. Ob es mein Wunsch wäre, fragte er, das Denkmal des Dom Emanuel zu besichtigen. Es sei zwar in einem sehr schlechten Geschmacke entworfen, habe aber den Vorzug, unvollendet zu sein, – vollendet wäre es noch viel hässlicher geworden. So sprach der kleine Mönch, während er mir eine heisse Schokolade reichte. Mir war noch nie bisher ein Führer begegnet, der seine Sehenswürdigkeiten in weniger spannender Weise empfohlen und gepriesen hätte. Da ich aus seinem ganzen Wesen nicht annehmen konnte, dass es blosse Faulheit war, den vielleicht vom Abt befohlenen Führer zu machen, erklärte ich, dass ich seinem guten Urteil vertraue und auf das Mausoleum um so lieber verzichte, da es ja in Batalha kaum etwas Schöneres geben könne, als die im reinsten Geschmack des vierzehnten Jahrhunderts erbaute Kathedrale, die im Morgenlicht zu sehen ich mich sogleich erheben würde. Dann müsse ich, sagte der Knabe, noch eine Nacht in Batalha bleiben, denn es sei Nachmittag. Weshalb er sich auch mich zu wecken erlaubt habe. Ich sprang aus dem Bette.

Ich hatte den Abt nicht mehr gesehen, als ich eine halbe Stunde später das Kloster verliess. Ich liess ihm durch den kleinen Mönch meinen Dank und Gruss bestellen.

Era gia l'ora, es war die angenehme, die feierliche Stunde des müde abrüstenden Tages, als ich vor Alcobaça eintraf, auf dessen weiter Plattform der Gross-Prior des Klosters mit seinen Gästen auf und ab ging, so die frischende Abendluft genoss und, wie alle zu versichern beliebten, mit grosser Angst meine Rückkehr erwartete. Man bangte, ich wäre in Batalha vor Hunger gestorben. »Wir selbst sind die Glücklichsten der Glücklichen gewesen,« sagte der Abt, »Ihr grosser Simonet hat selbst meine Erwartungen übertroffen. Jetzt aber zu einem neuen Beweise seiner ausgezeichneten Geschicklichkeit, – zum Abendessen.«

Man kann nach diesem Erfolge meines Koches die Klage ermessen, die sich erhob, als die Stunde unserer Abreise gekommen war. Es war eine schwere Trennung. Der Künstler selbst, der nicht nur eine geschickte Hand, sondern auch ein fühlendes Herz besass, war nichts weniger als abgehärtet gegen das Entzücken eines so feinen Schmeckers, als es der Oberhirt von Alcobaça war. Er war vom Lobe sichtbar bewegt, mehr aber wohl von den grossmütigen Geschenken, die er, wie ich vermute, empfangen hatte. Er sah es mit grossem Mitleiden, wie sehr nahe dem Abt seine Abreise ging. Das Mitleid bewegt, wie man weiss, das Herz zur Liebe und die Liebe oft zur Frömmigkeit. Als wir uns alle aufmachten, um vor der Abreise eine Abschiedsmesse zu hören, da schlug Simonet, bei sonst geringem Hang zu sichtbarer Frömmigkeit, so heftig an seine Brust, dass ich, als wir aus der Kirche kamen, mich nicht enthalten konnte, zu ihm zu sagen: »Simonet, der hochwürdige Abt scheint dich ganz umgekehrt zu haben, – du bist erstaunlich religiös geworden.« Worauf mein Koch sagte: »Ah, Monsieur, on le sera à moins, Monseigneur rend la réligion si aimable.« Hatte etwas Ähnliches von seinen Bemühungen um die Religion nicht auch der Abt von Batalha gesagt?

Alle Glocken läuteten, als Ross und Tross sich in Bewegung setzten. –

Ihr werdet nun, liebe Freunde, sagen, dass des Abenteuers Abenteuer ein kalvinistischer »Auserwählter« gewesen sei, der ein katholischer Abt war. Aber ich meine wirklich, dieser Abt war der Heilige. Es lag die Welt des Tuns so weit unter seiner seelischen Durchdringung, dass er auch das Böse tun konnte, nicht anders, als wäre es das Gute. Er nahm daran nicht mehr teil. Das Tun ist ein Zeitliches und so ist auch die Wertung des Tuns ein Zeitliches. Aus seinem Tun ist der Mensch religiös nicht bestimmbar. Die Mystiker, die sich mit dem Worte mitteilen, sind sie nicht Verräter oder solche, die noch nicht mitteninne stehen? Christus schrieb kein Evangelium, und erst die Brüder schrieben auf, was Franciscus in der Ergriffenheit gesungen hatte. Der Heilige ist nicht erst an seinen Werken zu erkennen, denn er ist in Wahrheit ohne Werk, was nicht heisst, dass er ohne Wirken sei.

Aber ich sehe, ich hätte euch doch besser die Geschichte erzählen sollen, wie Schillings, Blei und ich dem Sultan von Sansibar die Frauen raubten, die wir ihm vier Wochen früher verkauft hatten, – oder die Geschichte von Friedrich von Schennis und der Gräfin d'Agould, wie sie zu Weimar vor dem ungarischen Musik-Abbé – aber es ist Zeit zu frühstücken.

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