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Landfahrer und Abenteurer

Franz Blei: Landfahrer und Abenteurer - Kapitel 4
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typeessay
authorFranz Blei
titleLandfahrer und Abenteurer
publisherGeorg Müller
year1913
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Baron Ripperda

Aus Zeiten, wo die Politik nichts als Besorgung der Geschäfte herrschender Familien war, hoher und höchster Herrschaften, ist ihr wohl die Bezeichnung hohe Politik geblieben. Das dem gemeinen Verstande immer Unverstehbare, der niederen Not ganz Ferne drückt sich darin aus, respektverlangend, herrisch, gemeiner Deutung verschlossen. Ereignisse wie Aufstände und Revolutionen sind ungebildete Einbrüche in das Allerheiligste, wo Verträge um ein königliches Beilager geschlossen werden, entscheidend für Völkerschicksale. Seitdem man aber einem Könige in einer Staatsaktion den Kopf abgeschlagen und damit das Königtum tatsächlich abgeschafft hat, ist, was man die hohe Politik nennt, im Verfall. Die Diplomaten kommen allzuoft post festum facti und blamieren sich. Der kleinste Zeitungsschreiber ist klüger als sie. Die hohe Politik war eine royale und feudale Angelegenheit: die Royalität ist, wo es so viele stellenlose Könige gibt, eine geduldete Fiktion geworden, und die Feudalität braut Schnaps und ist zur Börse bekehrt. Denn das Allerheiligste der heutigen Politik heisst Börse. Vielleicht hiess es ja immer so, unter andern Namen. Sind alle diese dynastischen Interessen, welche die hohe Politik zu verfolgen wähnte, nicht blosser Vordergrund, Dekorationsstück, Kostüm? Alle diese schlechtberatenen Könige, diese intriganten Minister, diese einflussreichen Mätressen, diese Allianzen und Negocen, – ist das wirklich die Geschichte eines Volkes, wie uns die Schulbücher glauben machen wollen, deren Verfasser ihre eigenen Vorurteile der Geschichte unterschieben? Immer macht doch die Leidenschaft der Soldaten den Krieg, nicht der Feldherr. Immer gibt das Volk dem Herrscher die Macht, nicht der Herrscher sie dem Volke. Wirkliche Macht braucht den Pomp nicht. Napoleon legte sein einfaches Soldatengewand erst ab und nahm den Purpur um die Schultern, als er daran dachte, seiner Macht eine dauernde Nachfolge zu geben. England schenkt seinem Könige, der ein Narr, ein Kranker, ein Idiot sein kann, den prunkhaften Aufzug, weil das englische Volk in diesem Prunk ein sichtbares Symbol seiner eigenen Macht zeigen will. Du bist mächtig, weil du ein König bist, sagt hier das Volk und gibt den Purpur. Ich bin ein König, weil ich mächtig bin, sagte Napoleon und setzte sich die Krone aufs Haupt.

In der hohen Politik taucht manchmal einer auf, der mit grosser Kunst die Volte dieses für Ernst gegebenen Spieles schlägt, Fäden hält und Fäden zieht, Geld, Titel und Ehren dafür kassiert, und den ein Zufall als einen Schwindler offenbart, wo er nichts mehr, aber auch nichts weniger war als ein sehr geschickter, auf seinen Vorteil bedachter Mann, der den verlangten Ernst mit einigem Genie parodierte. Ein solcher Mann war der Baron Ripperda. Nur ein Zufall bewahrt sein Gedächtnis als das eines Schwindlers und nicht als das eines Staatsmannes.

Zwischen Philipp dem Fünften und Karl dem Sechsten bestand der Plan, durch eine Verheiratung des Don Carlos mit der habsburgischen Thronerbin Maria Theresia das Reich Karls des Fünften, in dem die Sonne nicht unterging, wiederherzustellen. Die Stuarts sollten in England restauriert, Frankreich kräftig amputiert, der englische Handel durch ein Konkurrenzgeschäft, die Kompanie in Ostende, ruiniert werden. Erfinder und Mittelsmann dieses Planes war der Baron Ripperda, Premierminister in Spanien, der es für englische Erfindung und Machenschaft ausgab, als sein Plan dem französischen Kabinett bekannt wurde.

Ripperda war ein Holländer dunkler Herkunft, der Sprachen und der Geschäftsintrigen Europas kundig. Seine Kenntnisse weckten seinen Ehrgeiz weniger als seine Abenteurerlust, Menschen in jene Kombination zu bringen, die auf den Augen seiner geschickten Würfel standen. Er traute sich alles zu, weil er sich vielmals klüger sah als die Menschen, mit denen er es je auf seinem Felde zu tun haben konnte. Er teilte nur ein Vorurteil der Zeit: dass man alles ausrechnen könne, weil alles auf dem Kopf der Menschen stünde. Das war nicht nur sein Irrtum und war das Verhängnis der Zeit, der eine andere siebzig Jahre später den allzu selbstvertrauenden Kopf abschlug. Diesen fünfunddreissigjährigen Ripperda schickten die Generalstaaten als Gesandten nach Madrid. Das war im Jahre 1715, und auf dem spanischen Thron agierten Figuranten an den Schnüren, die Alberoni hielt. Philipp der Fünfte, ein Greis von vierzig Jahren, versunken und verschwunden in den Rockfalten seiner Königin, der Elisabeth Farnese, Intrigantin aus Angst, beim Tode ihres Gemahls von ihrem Stiefsohn, dem sechsten Ferdinand, nach Italien heimgejagt zu werden, und um nichts als darum besorgt, aus ihrem Ältesten einen schon zu Lebzeiten ihres Gemahls unabhängigen Souverän zu machen, in dessen Schutz sie sich nach des Gatten Tode begeben könne. Wobei ihr Alberoni, der ungeheuer dicke Italiener mit dem klugen feinen Köpfchen, half – was ihn 1719 seine spanische Stellung kostete, ohne dass Elisabeths beide Söhne aus erster Ehe nach ihrem Wunsche versorgt gewesen wären, denn weder Carlos noch Philipp kamen in das Parmesaner Erbe der Farnese, das Philipp erst viel später erhalten sollte.

In das Schlafzimmer dieser Heiratspolitik trat Ripperda, im spanischen Kostüm, das er sofort angelegt hatte, für das holländische, am galanten Degengefäss einen Rosenkranz auffällig befestigt, denn auch sein Katholizismus war nicht älter als sein Kleid. Er horchte an den Türen, guckte durch die Schlüssellöcher und rapportierte was er sah und hörte Alberoni. Er hat eine kleine Affäre, da er nicht für ihn bestimmte Gelder behielt, aber schon hatte er sich unentbehrlich gemacht, so sehr, dass er beim Sturze Alberonis aufrecht bleibt. Der hatte Ausserordentliches für das Land getan: Grund genug, dass es ihn im Stich liess; Ripperda hatte nichts getan, als etwas Geld unterschlagen: er war also der kommende Mann.

Die hohe Politik in den Händen der Frau heisst Kinder haben, um durch deren Versippung mit Kindern anderer Häuser das Geschäft instand zu halten und vorwärtszubringen. Wie man heute noch bei Familien mit dominierenden Geschäftsinteressen »ins Geschäft hineinheiratet«. Keine bessere Politik als diese hausväterlich friedlich auf Erweiterung des Grundbesitzes bedachte durch Verheiratung der Nachbarkinder, keine bessere zu Zeiten, wo der Bürger ein Untertan, der Bauer ein Leibeigener war. Eine Hochzeit auszurichten ist billiger, als auf Raub einfallen. Der Herrscher war dem Volke so fern, dass es den Beherrschten ganz gleichgültig war, wie er hiess, solange man ruhig sein Feld bestellen, sein Zeug handeln konnte. Die Nase des Herrn interessiert immer erst dann, wenn er sie zu neugierig in das Geschäft seiner Untertanen steckt. Dann kann er, der sonst allen Gleichgültige, sehr populär oder sehr unpopulär werden, Joseph der Zweite oder Ludwig der Sechzehnte.

Die sehr energische Mutter Farnese wollte für ihre beiden Jungen zwei österreichische Erzherzoginnen. Das war schwierig; aber Ripperda erklärte: ich mache es. Und fing es so an: er verlangte die beiden Mädchen ohne Mitgift und ohne Zessionen an die spanische Krone. Nichts als den Myrtenkranz sollten sie nach Madrid bringen. Dass der spanische Thronerbe Ferdinand aus Philipps erster Ehe ein Trottel und ein Krüppel sei, brauchte er nicht zu beweisen, das sah und wusste man. Die Hoffnung, die Ripperda erweckte, dass Carlos aus der Farnese auf den spanischen Thron steigen würde, schien plausibel. Und nicht weniger plausibel, dass Carlos, mit einer Österreicherin verheiratet, Kaiser in Wien würde, falls der Kaiser ohne männliche Nachkommen stürbe. Aber Carlos sollte erst viel später und in einer andern als Ripperdas Kombination die Hoffnungen erfüllen, die seine Mutter auf ihn setzte, als sie mit ihm niederkam. Im Augenblick wandte man in Wien ein, dass ja bereits Fräulein von Beaujolais ein Heiratsversprechen von dem Don Carlos besitze. Das sei nur ein diplomatischer Scherz gewesen, erklärte Ripperda, und zudem hätte Philipp der Fünfte dreissig Theologen konsultiert, die gegen dieses Verlöbnis gewahrsagt hätten. Die Vorteile, die Österreich aus einer Verbindung mit Spanien hätte, verstand Ripperda, sich seines Holland erinnernd, sehr mit dem Hinweis auf den habsburgischen Besitz in Holland und den Seehandel herauszustreichen. In Wien war man für eine Allianz ohne Heirat. Die vielleicht später. Töchter gibt man nicht für einen Pappenstiel. Ripperda liess mit sich reden; österreichisches Geld war nicht schlechter als spanisches, sogar etwas besser schon damals; er gab das Heiraten auf und verhandelte mit dem Minister Sinzendorf einen defensiven Friedens- und Allianzvertrag. Nach Madrid aber log er der besorgten Mutter, man wünsche in Wien keine anderen Schwiegersöhne als die spanischen Buben. Da traf mitten in die Freude eine Postsendung aus Paris ein: die zwölfjährige Infantin, dem fünfzehnten Ludwig verlobt und in Versailles erzogen, wurde ihren Eltern in Madrid zugestellt: der König könne nicht so lange warten, bis die Kleine in das heiratsfähige Alter käme. Das war eine Ohrfeige für die armen Eltern, die alsofort den französischen Gesandten und die Konsuln heimjagten. Dem in Wien so erfolgreich verheiratenden Ripperda aber trug man auf, auch für den dritten Sohn, den zur Zeit zehnjährigen Ferdinand, Fürsten von Asturien, eine Erzherzogin zu besorgen. An Erzherzoginnen hätte es dem Kaiser in Wien nicht gefehlt, aber solcher verwandtschaftlicher Bande mit nichts als Spanien schienen ihm schon zweie zu viel. Immerhin schrieb Ripperda nach Madrid, die dritte Österreicherin sei so gut wie sicher. Ganz andere Dinge faszinierten ihn, als dieses kleine Trinkgeld, das für ihn als dreifacher Brautwerber abfallen konnte. Er drängte zur Erweiterung der spanisch-österreichischen Allianz und empfahl den Krieg mit Frankreich, dem er nur den Elsass, die drei Bistümer, Burgund und Flandern wegnehmen wollte. Aber die schwerfällige Wiener Kanzlei tat ihm nicht den Gefallen, die europäischen Wasser zu trüben, damit er darin fischen könne, und Ripperda musste bei diesem gefährlichen Spiel froh sein, dass am 30. April 1725 der einfache Allianz- und Handelsvertrag zustande kam, der auch ein paar schöne Versprechungen enthielt, was die spanischen Jungen betraf: die farnesischen Herzogtümer in Italien, Gibraltar und Port Mahon, – das billige Weihwasser aus der Hofkirche. Im Handelsvertrag gab Österreich die Protektionskosten der Ostender Kompanie Spanien zu tragen, dessen Staatskasse leer war seit hundertfünfzig Jahren, und sicherte sich im übrigen alle Vorteile. Doch genügte dieser Vertrag, England und Frankreich zu beunruhigen, und auf ihre Veranlassung wurde in Hannover die Gegenallianz zwischen England, Frankreich und Preussen gegründet, um »das europäische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten«.

Wenn die Enten im Stall eingesperrt sind, sagt der Fuchs: das europäische Gleichgewicht ist hergestellt; fliegen sie auf, so sagt er: es ist gestört.

Der Vertrag von Hannover enthielt eine geschickt im undeutlichen gelassene Opposition gegen die österreichische Heirat des Don Carlos und gegen die Ostender Kompanie, – und Österreich bekam einen Schrecken, der Ripperda die Kraft zu seiner höchsten Kühnheit gab. »Ich werde diesen Canaillen schon zeigen, Verträge machen!« sagte er, wie ein grosser Staatsmann, und bekam vom Kaiser ein neues diplomatisches Instrument, etiam conubia complectens. Die drei Wiener Mädchen konnten ihren Brautstaat rüsten und Frankreich sich zum Kriege, in dem ihm zu dem früheren auch noch ein paar Provinzen abgenommen werden sollten. Und der Seekrieg mit England war die weiter erwogene Eventualität.

Aber dieses neue Instrument war ein Schwindel. Der Kaiser dachte gar nicht an Krieg und behielt es sich vor, über die Hand seiner Tochter Maria Theresia zu verfügen, wenn sie »heiratsfähig geworden«, das heisst, Carlos sollte sie nie kriegen. Die Vertrottelung des spanischen Königs erlaubte diesen Scherz, bei dem Ripperda erreichte, was er wollte: er wurde reich, spanischer Grande, Herzog, Reichsfürst, Premier-, Kriegs- und Finanzminister, sein zwanzigjähriger Sohn Gesandter in Wien.

Diese Herrlichkeit dauerte nur fünf Monate: Ripperda vertrug sie nicht. Der Erfolg hatte ihn dumm gemacht. Den Abenteurer verlässt sein guter Genius in dem Augenblicke, da er ihn an sein letztes mögliches Ziel gebracht hat. Des Abenteurers Leben ist ganz in der Bewegung, nicht in der satten Ruhe: da verkommt er. Er kann nicht von Zinsen leben. Ripperda vergass auf einmal, die Türen zu schliessen, und redete eitel vor aller Welt. Sagte zum englischen Gesandten: »Ein grosser Teil der Welt hält mich für einen Narren oder einen Verräter.« Er trug öffentlich die gestohlenen Ringe. Er traute seinen Kleidern mehr als seinem Kopf. Er nahm sich ernst und wurde komische Oper. Jeden Tag sagte er zu jedem: »Wir werden die spanischen Fahnen nach Paris tragen. Wir werden den Stuart nach England begleiten. Wir jagen mit einer Schlacht den englischen und den preussischen König aus ihren Staaten.« Er sprach von spanischen Regimentern, die nicht vorhanden waren, vom Staatsschatz, der leer war, von Munition, die man vor hundert Jahren verschossen hatte. »In einem Jahre wird man merken, dass ich in Spanien bin.« Man merkte es jetzt schon: er erhöhte den Nennwert des Geldes, schickte imaginäre Kanonen an die Grenze, rüstete in Cadix Schiffe der Phantasie, erfand Verbündete in Russland, in Schweden, in Polen. Liess Frankreich sagen, dass Deutsche, Moskowiter und Polen es überschwemmen würden, Horden nicht weniger schrecklich als die Hunnen und Vandalen.

Inzwischen stand König Philipp zitternd vor dem Gemach, in dem die Königin mit einem weiteren Sohne niederkam, den es nie zu verheiraten geben sollte, denn es kam tot auf die Welt und fuhr gegen alle spanische Etikette in die Hölle. Aber diese schreckliche Warnung liess die Mutter ihre österreichischen Heiratspläne nicht aufgeben, um die sie jeden von Ripperda gewünschten Krieg geführt hätte. Diese mütterliche Leidenschaft war die Stütze von Ripperdas Macht. Man versprach dem Kaiser Geld, und man nahm es in Wien gerne: um die Truppen in den Niederlanden zu vermehren, die Lager in Schlesien zur Überwachung Preussens zu unterhalten, Geld für Schweden, Geld für Polen, Geld, um einige Mitglieder der Generalstaaten, ein paar vom vierzehnten Ludwig darin verwöhnte Kurfürsten zu kaufen. Ripperda versprach, der König suche Geld aufzutreiben, die westindischen Galionen seien unterwegs, und dann hätten es die deutschen Herrschaften überhaupt ein bisschen eilig auf »los fondos«, der Krieg sei ja noch gar nicht erklärt! Worauf die Herrschaften sagten, wenn es nicht gleich Geld gäbe, schlügen sie sich auf die andere Seite. Was man denn von ihnen denke?

Da bekam Ripperda öfters einen heissen Kopf. Er log, was er konnte, aber die Situation wurde für ihn kritisch: die spanische Politik hatte keinen Kredit mehr. Jetzt wagte er das Äusserste,– und war unzureichend. Er wagte es, die Lüge auf ihren grössten Stil zu bringen, und versagte. Wäre es gelungen, nennte man ihn heute einen grossen Politiker; es gelang nicht, und er blieb der Abenteurer. In der Politik entscheidet mehr als irgend sonst der Erfolg: er bestimmt den moralischen Wert. Der Misserfolg verabschiedet einen gemeinen Betrüger. Der Erfolg trägt ein Genie auf die Nachwelt. Ripperda hatte nicht für genügende Stützpunkte gesorgt, – die Wochenbette der Königin, das war nicht hinreichend. Die langten für den anfänglichen kleinen Zwischenhändler, nicht für den Herrn der Regierung, der Ripperda nun war. Der spanische Adel hasste ihn, weil er ihm keine Sinekuren gab; die Offiziere, die jeden Tag auf den berühmten Krieg warteten, bekamen keinen Sold und bettelten vor den Klostertüren; die Soldaten plünderten bei den Bauern, die der Adel und die Regierung ins Elend drückten; die Richter funktionierten nicht, weil sie keinen Gehalt bekamen. Und der König selber wusste nicht, ob er es mit einem Narren oder einem Spitzbuben zu tun hatte. Nur eine Mutter mit dem Ehrgeiz guter Partien für ihre Kinder glaubte an ihn. Das Land hasste ihn. Darum musste er das hohe Spiel verlieren, das er nun begann. Er log, aber kein Volk konnte sagen, er hat für uns gelogen, und ihm danken. Er log, und nicht einmal die Königin konnte sagen, er hatte für die Dynastie gelogen, und ihm danken. Er log, und nicht einmal er selber konnte zu sich sagen: du lügst für die Altersrente aus in Sicherheit gebrachten Geldern.

Er fing geheime Unterhandlungen mit Frankreich und England an, um die beiden auseinanderzubringen; er fing mit Holland an; und während er in Versailles Spanien versprach, sagte er dem englischen Gesandten: »Ich will Ihnen was sagen, was ich nicht einmal meinem Beichtvater sage: England und Holland haben gar keinen Grund, sich mit den Geheimklauseln der Wiener Verträge und den Hochzeiten zu beschäftigen: es ist nicht ein wahres Wort daran.« Und zwei Monate später zu Stanhope wieder das Gegenteil. Sogar im beteiligten Wien fand man ihn extravagant, während Stanhope englisch sagte: »Er hat die Tramontana verloren und lebt von einem Tag zum andern.«

Die Mutter erwartete die Bräute und empfing statt ihrer den kaiserlichen Gesandten Königsegg in geheimer Sitzung. Der Wiener musste schliesslich seine diplomatische aufregende Undeutlichkeit aufgeben und erklärte in ganz menschlich gewöhnlichen Worten: man denke in Wien nicht daran, die gewünschten Prinzessinnen zu schicken. Worauf Ripperda seine Demission gab.

Der König nahm sie an, liess ihm seine Titel und schenkte ihm dreitausend Pistolen Jahrgehalt. Es schien ein ganz ehrenvoller Abgang, aber der Pensionierte zog es doch vor, in die englische Gesandtschaft zu flüchten, von wo aus er den König um seine Pässe bat. Dem Engländer verriet er noch schnell die Geheimklauseln des Wiener Vertrages, als er auf Befehl des Königs verhaftet und in das feste Schloss von Segovia gebracht wurde. Wo es ihn kaum getröstet haben wird, dass dieselbe Zelle einmal Franz den Ersten als Gefangenen beherbergt hatte. Nach zwei Jahren halfen ihm eine Dienerin des Gouverneurs und ein Korporal zur Flucht. In seinem Bett liess er einen Bedienten zurück; aber die Dienerin nahm er mit. Zuerst nach Lissabon, von da nach Holland, wo er sich langweilte; die soliden und misstrauischen Pfahlbürger waren nicht nach seinem Geschmack und er nicht nach ihrem. Im Haag lernte er einen Spanier kennen, der sich zum holländischen Gesandten beim Sultan von Marokko gemacht hatte; man verstand sich sehr schnell. Ripperda bot Muley Abdallah, der mit Spanien im Kriege lag, sein Schwert an und bekam wirklich den Befehl über eine Kompagnie. Der Hass gegen Spanien war aber nicht so gross wie seine Abneigung gegen sein Blutvergiessen. Wo es Ernst wurde, bekam der spanisch-holländische Muselmann einen Gichtanfall. Er war in der Diplomatie weitaus stärker. Als der Baron Neuhoff sich zum König Theodor dem Ersten von Korsika machte und die Anerkennung Marokkos suchte, konnte er keinen besseren Agenten finden als den Granden Ripperda. Aber es waren das korsikanische Königreich und sein Gründer selber so ganz Gelächter und komische Oper, dass der Buffo Ripperda darin keine Wirkung tat. Seine beste Zeit hatte er gehabt, als er sein Lachen hinter einem ernsten Gesicht verbergen konnte. Das hatte er verlernt. Er hatte sein Lachen verloren. Und über seinen Ernst lachten nur die andern. Als der ehemals so begabte Mime sich vom grossen Welttheater in die letzte Schmiere verkommen sah, fing er ein anderes Geschäft an: er gründete aus den drei ihm geläufigen Religionen, der christlichen, mohammedanischen und jüdischen, eine neue und predigte sie in Fez.

Es gibt keine neue Religion, die nicht Anhänger fände, denn das Bedürfnis der Menschen, das Unerfassliche zu fassen, das Unnahbare sich nah zu bringen, ist mächtiger als jede Dummheit des Mittels, die der Verstand einsieht. Ripperda starb in den Armen seiner Jünger als ein Prophet: er war es, da sie an ihn glaubten, mag er verkündet haben was immer. Der zum Religionsstifter geboren war, musste als Heiratsvermittler versagen. Denn das ist schwerer.

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