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Landfahrer und Abenteurer

Franz Blei: Landfahrer und Abenteurer - Kapitel 3
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typeessay
authorFranz Blei
titleLandfahrer und Abenteurer
publisherGeorg Müller
year1913
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Buck Whaley

Thomas Whaley war das, was man im England des achtzehnten Jahrhunderts einen Buck nannte, und er trieb diese Tätigkeit mit solchem Erfolg und in solcher hoher Vollendung, dass er bis auf den heutigen Tag schlechtweg Buck Whaley heisst, wenn man ihn nicht nach seinem auffallendsten Abenteuer den Jerusalem Whaley nennt. Ein Buck aber war ein junger Mann der besseren Stände, der sein oder seiner Gläubiger Geld auf extravagante Weise ausgab und mehr auf einen überraschenden, als auf einen moralischen Lebenswandel bedacht war. Ein Buck war der junge Mann, der zur Leichenfeier seines Vaters aus den Fontänen seines Schlosses Tinte laufen liess. Ein Buck war der andere junge Herr, der in einem Wirtshaus einen Kellner totschlug und diese Sache einfach damit regelte, dass er den Toten mit fünfzig Pfund Sterling auf die Rechnung verlangte. Seiner Bucks wegen sah ganz Europa auf Dublin, das stolz auf sie war, so unleidlich diese Bravados auch oft den braven Bürgern dieser Stadt das Leben machten. Ein Buck war Thomas Whaley, nichts mehr und nichts weniger. Dass er über Zeiten seines Lebens Aufzeichnungen niedergeschrieben hat, die ein Zufall hundert Jahre nach seinem 1802 erfolgten Hingang zutag brachte, dies macht ihn nicht etwa zu einem Schriftsteller, so gut sein fragmentarisches Tagebuch auch geschrieben ist. Das Schreiben des Buck war ihm nicht irgend innere Not gewesen und auch nicht dilettantische Eitelkeit, sondern ihm von Umständen aufgezwungen, die ganz mit seinem eigentlichen Beruf, dem Buckisme, zusammenhingen. Seine Aufzeichnungen mussten ihm als Beweis für eine gewonnene Wette dienen, die ihn über Dublin hinaus berühmt gemacht hat und der wir die Kenntnis eines solchen Heldenlebens verdanken.

Als Thomas Whaley sechzehn Jahre alt geworden war, fand es seine sehr junge Mutter an der Zeit, das letzte für seine Bildung zu tun: ihn nach Frankreich zu schicken. In einem Offizier, der Schulden halber sein Patent hatte verkaufen müssen, war der passende Hofmeister gefunden, der es sich angelegen sein liess, seinem Schützling nach Kräften dabei zu helfen, ein sehr bedeutendes Vermögen gegen gute Erfahrungen einzutauschen. Schon am ersten Abend in Paris verstanden sich Lehrer und Schüler in diesem Punkte vortrefflich, und es passierte auch im weiteren Verlauf der wechselvollen Bildungsreise nichts, die Eintracht der beiden zu trüben. An diesem ersten Abend verzichtete der Junge auf die ihm von seinem Hofmeister vorgeschlagene Oper, und als der um Mitternacht aus dem Theater kam, fand er seinen Zögling in nicht zweifelhafter Gesellschaft. Als die am andern Morgen darüber erwarteten Vorwürfe des Hofmeisters nicht nur ausblieben, sondern der ihm würdevoll erklärte, wie unschicklich es sei, dass er sich wegen einer solchen Bagatelle aufrege, da hatte Whaley in seinem Präzeptor einen Freund gefunden nach seinem Herzen. Der Mentor verstand sich auf Spitzbuben, aber er dachte nicht daran, seine Kenntnis darauf zu verwenden, seinen Schüler vor ihnen zu bewahren, sondern er führte sie ihm zu, da der Mensch ja nur durch Erfahrung klug wird, und der Lehrer seine Aufgabe ernst nahm. Wenn auch Whaley in seinen Memoiren nie einen solchen Verdacht ausspricht, so muss man es doch wohl aus allerlei Indizien glauben, dass der verkrachte Ex-Offizier an dem Gewinn der Falschspieler nicht ganz unbeteiligt war, die seinem Schüler das Geld abnahmen; der übrigens als der reizende Junge, der er war, darüber lachte, düpiert zu werden, etwas erstaunt, etwas beschämt, wenn er darauf kam, aber doch nie aus der Haltung gebracht.

Der Hofmeister meinte nach einigen Monaten in Paris, dass Auch in den Pyrenäen, wo er einmal gewesen war, die feinste Stadt Frankreichs sei, wo man französisch fechten und tanzen am besten lerne. Also begab man sich nach Auch, wo Whaley ein »elegantes Haus« mietete, ein anderes in Cauterets, eines in Tarbes, eines in Bagnères. »Alle diese Häuser waren nicht weit voneinander, und in jedem trug ich dafür Sorge, dass eine Favoritin die Honneurs machte. Mein Präzeptor wollte meinem Beispiel folgen: er nahm auch seinerseits eine Schöne in Schutz und zog von einem Haus zum andern. Aber so sehr auch unser Geschmack und unser Penchant, was das schöne Geschlecht betrifft, gleich waren, glaubte ich doch zu bemerken, dass wir uns besser von weitem verstanden als in der Nähe, und von dem Augenblick an war sein Besuch in einer meiner Residenzen für mich immer das Signal, mich in eine andere zu begeben.« Ein Schüler kann seinen Lehrer nicht mit grösserem Respekt behandeln.

Während dieses Jahres in den Pyrenäen hatte man ausser mit Mädchen und Spielern auch noch Umgang mit Leuten, deren Namen man sich merkt und aufzeichnet, so mit dem Bischof von Tarbes oder mit Prinz und Prinzessin Rohan, die den reichen jungen Irländer gern mit ihrer Tochter verheiratet hätten; woraus nichts wurde, da die strenggläubig protestantische Mrs. Whaley ihre Einwilligung nicht gab. Nicht darum befragt wurde sie vom Sohne, als er darauf ein Verhältnis mit einer sehr katholischen Comtesse anfing, welches die unangenehmen Folgen hatte, dass Whaley den Abbé, seinen Sprachlehrer, öffentlich verprügeln musste, weil der ihn bei den Eltern der Dame denunziert hatte. Er kam dafür ins Gefängnis, aber nur für ein paar Wochen, da der geprügelte Abbé ein falscher Abbé gewesen war. Aber Auch musste man verlassen, und man begab sich erst nach Marseille, dann nach Lyon, wo schon zwei Freunde von Distinktion auf Thomas Whaley warteten, die zu keinem andern Zwecke herbeigeeilt waren, als um ihm ein Spiel vorzuschlagen, bei dem er sofort Tausende verlor. Als ein Spieler, dem man auf ganz ungefährliche Weise die höchsten Summen abnehmen konnte, war Whaley in Europa eine Berühmtheit geworden. Er machte, wie er mit einer charmanten Ironie schreibt, die distinguiertesten Bekanntschaften, so weibliche wie männliche, die allsofort immer verschwunden sind, wenn er gerade meint, nun sei die Reihe zu gewinnen an ihm. In Paris, erzählt er gerührt, lernt er eine ausserordentlich feine Dame kennen, deren Gatte bei Hofe angestellt ist, welche Stelle er, wie sie ihm nach acht Tagen erzählt, verlieren müsse, wenn sie nicht sofort fünfhundert Pfund hätte. Whaley bringt, was er hat: achthundert Pfund. Die Dame begnügt sich mit sechshundert, und ist für immer verschwunden. Wahrscheinlich mit dem Hofmeister, denn seiner geschieht von nun ab keine Erwähnung mehr in den Memoiren. Wahrscheinlich mit dem Hofmeister, der ganz den gleichen Geschmack in weiblichen Dingen hatte wie sein Schüler.

In der Glorie, die am Ende des Ancien Régime recht bedeutende Zahl der kontinentalen Freibeuter der Liebe und des Spieles gegen sich in heftige Bewegung gebracht zu haben, mit dem Ruhme bedeckt, in fünf Jahren ein ungeheures Vermögen bis auf einen kleinen Rest vertan zu haben, kam Thomas Whaley nach Dublin zurück, der selbstverständliche Head-Master des Hell-Fire-Club, dessen Mitglieder bei herabgelassenen Jalousien tagten, die nur aufgezogen wurden, wenn man einen allzu ungeschickten Falschspieler zum Fenster hinauswerfen musste. Man sprach wochenlang von dem Sprung, den Whaley zu Pferd vom zweiten Stockwerk des Hauses über eine hochbepackte Diligence weg tat. Man bestaunte das Mädchen, das er sich hatte von London kommen lassen. Aber seinem lebhaften Geiste war dies alles tatenloses Leben. Also liess er sich ein Schiff bauen, auf dem er losfahren wollte. Als ihn die Hell-Fire-Genossen nach seinem Reiseziel fragten, und er aus einem plötzlichen Einfall »Jerusalem« sagte, gab es ein grosses Gelächter; die einen meinten, Jerusalem, das gäbe es nicht, die andern, es sei nicht zu finden, wenn es Jerusalem auch schon gäbe, und das Ende war: man wettete, zwanzigtausend Pfund, wenn Whaley nach zwei Jahren aus diesem Jerusalem nach Dublin zurückkäme. Whaley ging zu Schiff. Das war schon etwas ganz anderes als der Sprung über die Diligence oder die Londoner Geliebte. Wie die Balladen bezeugen, die man auf Whaleys Jerusalemer Reise dichtete, zu singen etwa nach der Melodie von »Rutland Gigg«:

Buck Whaley war sehr knapp im Geld,
Da überraschte er die Welt,
Und wettet viele Tausend Pfund,
Es waren zwanzigtausend rund,
Er fahre nach Jerusalem.

Und so weiter in endlosen Strophen, die den Zug zu Schiff beschreiben, den Abschied, das Reisegepäck der Würfel und Karten, Tränen der Mädchen und Glockengeläut. Da Whaley sein eigenes Schiff umständehalber hatte verkaufen müssen, – sein Onkel half ihm nur aus einer Klemme unter der Bedingung, das Schiff oder die Geliebte aufzugeben, – segelte man auf des Kapitän Moore »London« ab, welcher Moore auch seinerseits ein Journal der berühmten Reise führte, welches der Wahrheitsliebe des Buck das beste Zeugnis ausstellt.

Die Reise ging über Gibraltar, die griechischen Inseln, Kleinasien, Konstantinopel, das Heilige Land, und zurück über Cypern, Kreta, Italien nach Genua. Wie alle Reisenden der Zeit machte auch Whaley ausgiebigen Gebrauch von vorhandenen Beschreibungen, aber was er selber sah und erlebte, das erzählt er in seiner heiteren anspruchslosen Manier, wovon ein Beispiel geben möge, wie er in Cypern eine kleine Freundin kauft: »Nie werde ich meine zärtliche, treue und charmante Teresina vergessen, wie ich sie von ihren Eltern gekauft habe. Als ich sie zum ersten Male sah, sass sie vor ihrer Haustür. Die Schönheit ihrer Haut, die Regelmässigkeit ihrer Züge, aber besonders die unschuldige und bescheidene Einfachheit ihres Ausdruckes machten einen tiefen Eindruck auf mich. Als ihre Eltern das sahen, beschlossen sie sofort, daraus ihren Profit zu ziehen. Eine Viertelstunde später war der Handel geschlossen, ich hatte ungefähr hundertdreissig Pfund bezahlt und Teresina gehörte mir. So merkwürdig es auch scheinen mag: ich war der Einzige, der über diese seltsame Transaktion erstaunt war. Teresina weinte ja ein ganz klein wenig, als sie ihre Eltern verliess, aber die paar Tränen waren bald getrocknet, als ich ihr die teuersten Kleider gekauft hatte, die in der Stadt zu haben waren. Sie war in ihrer neuen Situation vollkommen glücklich. Dreizehn Jahre hatte sie nur, aber ihre Seele entsprach auf die wunderbarste Weise der herrlichsten Symmetrie ihres Leibes. Höflich und nett zu jedermann, ohne Klage über das Vergangene, ohne Sorge um die Zukunft war ihre einzige Beschäftigung, sich um das Wohlbefinden dessen zu kümmern, den sie als einen Herrn und Wohltäter betrachtete. Als ich am Ende meiner Reise war, sah ich ein, dass es sowohl meine Pflicht als meine Neigung war, das Los des himmlischen Kindes zu sichern; und da ich überzeugt war, dass sie gegen die vorzüglichen Qualitäten meines Dieners Paolo nicht unempfindlich sein konnte, welcher Paolo in seine armenische Heimat zurückkehren wollte, so schlug ich ihnen vor, sich zu heiraten, was mit Dankbarkeit anzunehmen sie sich beeilten. Ich überlasse es unsern modernen Philosophen, die glückliche Simplizität zu kommentieren. Was mich betrifft, so schäme ich mich nicht, die unterwürfige Passivität und weise Unphilosophie meiner teuren Teresina zu bewundern, wohingegen ich keine Worte stark genug finde für den interessierten Egoismus ihrer Eltern.«

Erfahrungen, die der Buck in seinem bisherigen Leben gemacht hat, werden erweitert: ob und wie die fremden Frauen schön sind, welche Laster man treibt, was für Weine man trinkt, das wird vor allem festgestellt und aufgeschrieben. Die Historie der besuchten Orte beschäftigt ihn gar nicht, ganz wenig auch nur ihre landschaftliche Besonderheit. Hie und da notiert er eine kuriose Inschrift, zitiert, gebildet wie er war, einen alten Autor. Aber eigentlich hat er nur einen Gedanken: die grosse Wette. Was er auch selber ganz freimütig zugibt. Beim ersten Anblick Jerusalems ist er bewegt, nicht von der heiligen Geschichte, deren Stätte vor ihm liegt, sondern von der »glänzenden Perspektive, bald seine Expedition zu enden und sich auf den Heimweg nach Dublin zu begeben«. Er war ja weder ein frommer Pilger, noch ein neugieriger Tourist, sondern ein Buck, der eine Wette gemacht hatte, ein Mann, der sich kopfüber in ein Abenteuer stürzte, mit keinem andern Zwecke als das Abenteuer selber. Von der Geliebten, die er sich aus London nach Dublin kommen liess, sagte er: »Ich hatte kein anderes Motiv, gerade sie kommen zu lassen, als dass sie exotisch war; sie besass weder Witz noch Schönheit.« Und an einer andern Stelle: »Ich bin ganz gewiss kein Philosoph, und habe doch genügend Einbildung, mich nicht für einen Narren zu halten; sollte ich aber meine Meinung darüber abgeben, wer von den beiden geeigneter zu einem glücklichen Leben sei, so würde mir die Entscheidung zugunsten des Narren nicht schwerfallen.«

Die Fahrt nach Jerusalem hatte nur einen Moment, wo sich Whaley ihres Zweckes ein bisschen schämte, und das war, als er den Superior Archangelus vom Kloster in Nazareth um eine schriftliche Bestätigung seines Aufenthaltes am Heiligen Grabe bat und auch das Zertifikat bekam, dass er »religionis causa« Jerusalem besucht habe. »Ich war wirklich erfreut über die gute Meinung, welche der würdige Mann von mir hatte, fühlte aber doch inwendig etwas Scham in dem Bewusstsein, die gute Meinung in dieser Hinsicht nicht zu verdienen.«

Jubelnd empfing Dublin seinen würdigen Sohn. Ungern zahlten die Zweifler, was sie verloren hatten. Und Whaley blieben nach Abzug aller seiner Reisekosten siebentausend Pfund: »das erste Mal in meinem bisherigen Leben, dass eines meiner Unternehmen zu meinem Vorteil ausschlug« wie er bemerkt. Wenig Geld für einen Buck und in einer Stadt, wo jede Art durch eine Arbeit Geld zu verdienen als gemein galt. Was ein irischer Herr war, der hatte Geld oder nahm es den andern im Spiel ab. Also fing Whaley wieder zu spielen an. Und wieder mit Unglück wie bisher. Aber er liess sich nicht mehr so ohne weiteres von jedem Schnapphahn betrügen. Er fühlte sich immerhin ein Mann, der etwas geleistet hatte, und eine Frau lebte mit ihm, als seine Gattin nicht, aber als seine Gefährtin, um die er mit grosser Liebe sorgte und die er in den schwierigsten Situationen nicht im Stiche liess. Für diese Frau und die zwei Kinder, die er von ihr hatte, spielte er nun, und die hundert und allzuwenigen Seiten, in denen er von diesem Leben berichtet, sind sehr seltsam in ihrer bizarren Mischung von zärtlichem Gefühl, moralischem Urteil über sich selber und Abenteurerei des berufsmässigen Spielers. Wozu der Ort noch das seine tut, wo sich dieses Leben begibt: Paris zur Zeit der Revolution.

Man malt den Teufel sehr schwarz und vergisst, dass die Bücher über ihn alle vom lieben Gott geschrieben sind. Man denkt Paris 1793 als eine tobende See der politischen Leidenschaften, aber nach Whaleys Erinnerungen gab es nie eine lustigere, frivolere Stadt als Paris zu dieser Zeit. Man mag dagegen Whaley einwenden, den Spieler, der auch während der Zerstörung von Karthago den stillen Platz gefunden hätte, um den Würfelbecher zu stürzen. Einer, der auf den Ruinen des salomonischen Tempels Pharao gespielt hatte, der fand leicht auch in Paris das Palais-Royal, oder in der alten Chancellerie der Rue de Valois eine Spielhölle, während dem sechzehnten Ludwig der Prozess gemacht wurde und Dantons Stimme über die Seine weg donnerte. Aber Whaley fand seine Leute nicht nur in dem dafür altberühmten Palais-Royal, wo Gironde und Berg keine andere Gegnerschaft als die der Karten kannten, er traf sie überall in Paris, die Spieler sowohl, als die gefälligen Frauen, aristokratische, wie bourgeoise, royalistische, wie Sansculotten. Der Freiheit war nicht eine Gasse gegeben, sondern die Gassen. Es gab keine heimlichen Orte mehr, wo sich das Laster versteckte, das man aufsuchen wollte, sondern man schuf sich jeden Ort dafür, der einem gerade passte. Eine der wichtigsten Taten der französischen Revolution war die Eroberung der Strasse. Was die Historie als das pathetische Drama aufschreibt, war eine Volksbelustigung. Als man die königliche Familie aus Varennes zurückbrachte, trat Whaley aus dem Pavillon de Hanovre für einen Augenblick auf die Strasse, sich das anzusehn, nur für einen Augenblick, denn drinnen wurden die Spieler über diese Unterbrechung im Bassette ungeduldig. Ein Tag vor der Hinrichtung des Königs waren in den Raum, wo man beim Rouge et Noir sass, drei Männer mit Säbeln und Äxten hereingestürzt und hatten gerufen: »Wer den König retten will, der folge uns!« Die Spieler schauten nicht für einen Augenblick von ihren Karten auf. Als Whaley vor der Tür des Pavillon de Hanovre stand und die Karosse von Varennes mit dem König vorbeifuhr, zog er, gegen den Befehl, seinen Hut mehr höflich als royalistisch, und nur ein Offizier rettete ihn, der den Sansculotten sagte, man möge den Mann lassen, er sei ein irländischer Narr. Am Morgen der Hinrichtung zog er sich wie ein richtiger Sansculotte an und war schon frühzeitig auf der Place de la Révolution, wo er sich bis dicht unter das Schafott durchdrängte. Whaley sagt, dass ihn da der Mut verlassen habe, aber er wird sich wohl ein Gewissen daraus gemacht haben, so als Maulaffe seine Zeit zu verlieren, wo er für Weib und Kinder zu sorgen hatte. Denn er begab sich zum Spiel ins Café de Foy zurück, wo er sich dann alles, wie es war und herging, erzählen liess von zwei Engländern, die dabei gewesen waren und ihre Taschentücher in das königliche Blut getaucht hatten. Whaley protestierte heftig gegen eine solche schamlose Unsauberkeit, durch die man ausserdem in seiner Aufmerksamkeit für das Bassette gestört werde. Und noch dazu Landsleute, Engländer, die so taktlos sind!

Soweit ihm der Ernst seines Lebens Zeit liess, kümmerte er sich auch um die Komik des Lebens der andern. Er besuchte manchmal den Konvent, wo er »nichts von dieser nüchternen Würde entdecken konnte, die von den Repräsentanten einer grossen Nation zu erwarten war«. Schlimmer noch fand er es im Jakobinerklub, aus welchem »Pandämonium« er floh, um wieder »die Orte der Menschen aufzusuchen. Ich wurde bald in eine Gesellschaft ganz anderer Art eingeführt, wo ich angenehme Damen, vortreffliches Essen und hohes Spiel traf«. Nachdem das hohe Spiel ein sehr tiefes Loch in seinen Beutel gemacht hat, kommt Whaley darauf, dass es eine Gesellschaft von Spitzbuben war, aber eine mit den vortrefflichsten Manieren, die er so sehr bei den Jakobinern vermisst hatte. Und er macht die Bemerkung: »Bei den Franzosen sind die Manieren alles; ist etwas nur mit Wahrung aller feinen Form getan, so ist das Getane selbst von ganz nebensächlicher Bedeutung. Ein Franzose bietet dir sein Haus, seinen Tisch, seine Pferde, ja, sogar sein Weib an; aber bloss den letzten Artikel, meint er, sollst du wirklich annehmen.«

Das Pariser Leben hatte seine Schwierigkeiten. Whaley holte des öftern sein gutes englisches Geld aus Dublin und zahlte damit, wenn er, wie meist, verlor. Gewann er, so blieb man ihm schuldig oder zahlte in Assignaten, die im Augenblick, wo man sie in die Tasche steckte, nur mehr die Hälfte wert waren. Blieb aber er schuldig, so hatte er sofort eine Meute hinter sich, die ihm keine ruhige Stunde liess. Ein guter Freund, Spieler ausser Dienst wegen vollkommenem Mangel jeder Fonds, hatte ihm auseinandergesetzt, dass er ein Esel sei, immer nur zu spielen, aber nie die Bank zu halten. Das tat er nun mit Glück, aber man blieb ihm schuldig. »In Frankreich«, sagte ihm der weise Freund, »spielen jetzt nur Spitzbuben; es ist nicht wie in England, wo Gentlemen am Tisch sitzen.« Worauf Whaley sich beim Herzog von Orleans seinen Pass holte.

In Calais, wo er die Rückkehr seiner Freundin aus England erwartete, traf er einen »französischen Herzog«, der sich auffallend um seine Freundschaft bewarb, aber so heftige demokratische Ansichten äusserte, dass Whaley »so schnell als möglich und ohne die Höflichkeit zu verletzen«, von ihm loszukommen suchte. Da klopfte eines Nachts der Herzog an die Tür und eröffnete, dass er und seine Freunde nur so republikanisch täten, sie seien treue Royalisten. Und ob Whaley gegen eine Entschädigung von tausend Louis sich sofort nach Paris begeben und einer gewissen Person, deren Namen ein Geheimnis bleiben müsse, wichtigste Papiere überbringen wolle. Whaley entschuldigte sich, dass er sich noch einige Tage in Calais aufhalten müsse, dann aber bereit sei. »Eine Verzögerung von ein paar Stunden genügt, um ein grosses Projekt unausführbar zu machen,« sagte der geheimnisvolle Herzog. Hatte der den kleinen Ludwig bei sich, der später als Naundorff auftauchen sollte? Dass Whaley im Augenblick genug in der Tasche hatte, um ihn auf die gebotenen tausend Louisdor verzichten zu lassen, änderte den Lauf der Weltgeschichte. Von dem Herzog und seinen Papieren hat der nie mehr etwas gehört, der sich im Augenblick auch viel mehr als für die französische Politik für seine englische Politik als Bankhalter beim Rouge et Noir interessierte.

Diese Politik war erst nicht ganz glücklich. Er traf wohl seine »Eurydike« wieder, zugleich aber einen hartnäckigen Gläubiger, der ihn in den Schuldturm stecken liess. Sein Schwager, der irische Lord-Kanzler, half ihm heraus, aber London war ihm dadurch verleidet, und mit dem ernsten Entschlusse, zu gewinnen oder zu fallen, begab er sich nach Dublin. Er fiel. Es war der komplette Ruin. Er musste sogar den Schmuck seiner Freundin verkaufen. Und notiert das Fazit: »Im Laufe weniger Jahre habe ich ein Vermögen von nahezu vierhunderttausend Pfund verschwendet, und um dreissigtausend Pfund mehr Schulden kontrahiert, ohne mir je damit Zufriedenheit oder eine einzige Stunde wahren Glückes zu erkaufen.« Mit dieser Moral zog er sich auf die Insel Man zurück, wo er seine Kinder unterrichtete, seine Memoiren schrieb und ein kleines Stück Land bebaute. Er ging in Sack und Asche, und schlösse hier sein Leben, könnte man es als eindrucksvolles Beispiel eines bekehrten Sünders in eine Moralfibel aufnehmen. Aber er beschloss hier nur seine Memoiren und lebte weiter. Nicht in der Bahn der guten Vorsätze, die er in der Not gewonnen hatte. Es war ein falsches Totenbett, auf dem ihm die Reue kam.

Die Isle of Man war ein bei all denen beliebter Aufenthaltsort, die dem Konstablier entronnen immer noch jene gewisse Abneigung gegen diese Amtspersonen bewahrt haben, deren Gegenwart sie so schwer ertragen, auch wenn kein besonderer Grund zur Aufregung vorhanden ist. Whaley muss in Anbetracht seiner grossen Verluste viel Ansehn unter den Pensionären der Insel genossen haben, die wohl kaum um Erbsen spielten. Denn gespielt wurde. Man bekam Besuch, denn man war renommiert. Und Whaley war glänzend verschwägert und aus einer der ersten Familien Irlands. Überrascht erfährt man, dass er sich auf der Insel ein Schloss baute, das er Fort Anne nannte und mit grossem Luxus einrichtete. Und das Geld kam dem Reumütigen aus dem Spiel, dessen Opfer er von nun ab nicht mehr war. Er gewann es gegen Georg den Vierten, der noch Prinz von Wales war, gewann dem königlichen Partner nicht nur das Geld, sondern bei einem grand coup auch eine Favoritin Seiner Königlichen Hoheit ab, die ihr ungalanter Protektor in der Verzweiflung über seine Verluste als einzigen Wertgegenstand gesetzt hatte. Um sie übrigens wieder teuer zurückzukaufen, denn wie dem Spiel, so blieb Whaley auch seiner Freundin, die er nie heiratete, treu, solange sie lebte. Vor 1800 muss sie gestorben sein, denn in diesem Jahre heiratete Whaley des ersten Lord Cloncurry Tochter Mary Catherine, – und wurde im November desselben Jahres von einem Mädchen aus Eifersucht erstochen. Und dieses Mädchen war Sally Jenkinson, die der Buck dem König abgewonnen und wieder zurückgegeben hatte.

In Fort Anne, Whaleys erspieltem Schloss, kann man heute wohnen, denn es hat sich darin eine Pension eingerichtet. Die Mahagonitüren haben noch die schönsten Chippendaleeinlagen und im Readingroom kann man einen vortrefflichen Kamin aus carrarischem Marmor sehen, den zwei Medaillons schmücken: das Bildnis der Freundin wohl, verwischt, in einem griechischen Stil, und Whaleys, des Buck knabenhaft trotziges Gesicht in Locken, mit vorgedrängten Lippen, die sehr schön rot gewesen sein müssen.

Die Besitzerin der Pension Fort Anne ehrt das Andenken an den Erbauer wenig: sie duldet nicht, dass gespielt wird.

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