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Landfahrer und Abenteurer

Franz Blei: Landfahrer und Abenteurer - Kapitel 11
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typeessay
authorFranz Blei
titleLandfahrer und Abenteurer
publisherGeorg Müller
year1913
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David Lazzaretti

An einem guten Tage kann man von der Sieneser Porta Tufi aus, wo sich das toskanische Land hügelig nach dem Süden breitet, den bläulich-grauen Dom des Monte Amiata sehen, »la Montagna«, wie ihn die Bewohner dieser schönen Landschaft einfach nennen, die auch jetzt noch wenig besucht wird, wo die Eisenbahn, welche von Siena über Montalcino nach Grosseto in den Maremmen führt, bei einem Häuschen hält, dem Stationsgebäude Monte Amiata. Von da aus hat man aber noch gute zwei Wegstunden, um nach Castel del Piano zu gelangen, einem der halbdutzend Orte, die um den Berg mit dem beschwingten Namen liegen, der auffliegt wie eine Lerche in den Morgenhimmel. Eigentümlich schön ist diese Landschaft um den Berg und gesondert in Sitten und Traditionen vom übrigen Toskana, und auch die Sprache ist nicht mehr ganz das anmutig-leise Sienesisch, aber auch noch nicht ganz das breite Römisch. Die Städtchen haben Häuser und Burgen aus der guten Zeit, als Siena noch bedeutete, eine Zeit weit zurück, und Santafiora, die ghibelliniscbe Hochburg, deren Verfall Dante beklagte in einem ironischen, bitteren Verse, freut sich noch vielen Schmuckes der Della Robbias. Die Polenda bereitet sich das arme, aber nicht dürftige Volk der Gegend nicht nur aus dem türkischen Weizen, sondern lieber aus Kastanien, deren helle Wälder den Berg hinaufziehen, der einmal ein Vulkan war. Zinnober und Quecksilber holt man heute aus seinem Innern und manchen Orts bricht man aus ihm alte schwarze Lava, die wenigbefahrenen Strassen zu schottern. Vor vierzig Jahren, als man vom Monte Amiata in Europa sprach, lebte das Bauernvolk des geliebten Berges von der Welt kaum viel abgeschiedener als heute; die Bahn hat wenig geändert und nichts die Politik in Rom, weder die des Monte Citorio, noch die des Vatikans. Man besorgt Wald und Feld und Vieh und wehrt der Not des Lebens ohne grossen Eifer und mit mässiger Mühe. Man liebt den Berg und das Heimweh treibt die Fernlustigen immer bald wieder zurück, wo die Älteren die Wiederkehr des Propheten erwarten, dass er das Reich errichte, von dem er durch Gott die Kunde hatte. Die Jungen, die in der Fremde, in Mailand etwa, waren oder gar in Tripoli, lachen nicht, wenn die Alten vom Propheten sprechen: denn wenn sie auch nicht ganz so fest wie jene an seine Wiederkunft glauben, so doch an seine Heiligkeit; und dann war er einer der Ihren, einer della Montagna.

David Lazzaretti aus Arcidosso am Monte Amiata war von Beruf ein Fuhrmann und diente bei Castelfidardo 1860 in der italienischen Armee. Schon in früher Jugend hatte er Visionen. Einmal sandte ihn Gott noch Rom, den Papst zu sehen. Dann wieder wies ihn Gott in die Einsamkeit nach Subiaco. Hier wurde ihm die göttliche Botschaft, dass er eine Mission zu erfüllen habe, und er machte sich auf in seine Heimat. Als er nach Monte Amiata kam, war ihm die Kunde von seinen Begegnungen mit Gott schon vorausgeeilt, und es überraschte die Bergler nicht, als er ihnen predigte. Der italienische Landklerus, und nicht er nur, kommt ja zu seinem Amt nicht aus Berufung, sondern aus Berufswahl; er übt das, was er im inneren Auftrag tun sollte, als ein erlerntes Geschäft, von dem man gerade lebt, nicht anders als der Maurer oder der Hufschmied, von denen niemand die innere Begeisterung verlangen wird. Der kirchliche Kultus wird ein gegen Bezahlung geleistetes geschäftsmässiges Erledigen von Formen, die so um ihren Geist gebracht werden; der nur kirchlich gekleidete Mann ist ein Gleicher in einem nur andern Gewerbe, ohne die göttliche Autorität, die man von ihm erwartet und die man so sehr an ihm vermisst, dass sogar seine menschliche Autorität darunter zerfällt. Der Laie, der unter solchen Verhältnissen aufsteht als ein Berufener, wird immer die Bereitschaft in der nicht gespeisten Gemeinde finden. Sehr schnell fällt ihm das Priesteramt zu und mit Rechten. Man kann es aus der Geschichte vielfach aufzeigen, wie wesentlich das Zeugnis der Laienwelt für den Glauben nicht nur, sondern auch für die Kirche war. Die Fides implicita, welche die Ecclesia docens an ihr Wort verlangt, wird immer bei den Gebildeten die Gleichgültigkeit, bei den Ungebildeten den Aberglauben hervorrufen und die Kirche würde so verfallen, in sich selber vertrocknen, käme nicht aus der Laienwelt immer wieder das alte frische Blut in ihren Kreis. »Religion ist immer gleichbedeutend mit Offenbarung. Sie ist nie eine Ableitung dessen, was wir wissen; sie war stets eine Behauptung dessen, was wir glauben sollen, eine Botschaft, oder eine Geschichte, oder eine Vision.« (Newman.) So ist die Häresie ein notwendiger Bestandteil des lebendigen Glaubens, eine fast automatisch einsetzende Vivifizierung dessen, was zu erstarren droht: der Ecclesia docens. Und dann: Die Offenbarung ist kein Buchstabe; sie setzt nicht das Lesen-können voraus.

Blättert man die armselig gedruckten Heftchen, die in Prosa und in Poemen enthalten, was Lazzaretti zu künden hatte, so wird deutlich, was auch sein weiteres Leben durchaus bestätigt: er hat das mystische, das übermenschliche Erlebnis gehabt, das ihn über seine menschliche Existenz hinausriss und von ihr im Gefühle durchaus befreite. Die Worte dieses Propheten zeigen keinerlei andere Bildung als die eines einfachen Mannes, der ausser den heiligen Schriften dies und das noch gelesen hat; die Schwungkraft seiner Rede ist gering; irgendwelche Aestheten, die sich von Bildhaftigkeit erregen lassen wollen, werden nicht auf die Kosten ihrer Mühe kommen. Auch die Psychologen und Pathologen nicht; denn Lazzaretti gibt keinerlei Bekenntnis seiner Erweckung; er erzählt nicht, wie er von aussen nach innen kam und das »Hier und Jetzt« überwand. Was er zu sagen hat, ist ganz unpersönlich, er redet mittelbar, er ruft auf und gibt keine ekstatische Konfession. Aber man zweifelt nie: dieses arme Gefäss ist von Gott erfüllt. Und er geht daran, das Implizite explizit zu machen, so gut er kann, so schlecht er kann.

Der mystische Weg ist Ein Weg, so vielfach und wechselnd auch die Worte sind, die ihn begleiten, so mannigfach auch die Aussicht ist, die er dem Wandelnden zeigt. Ein plötzlicher, nie zuvor erfahrener Zustand stärkster Bewegtheit, ein Elan vital sondergleichen gibt ein Gefühl ausserordentlicher penetrierender Kraft und durchflutet das Bewusstsein. Das Leben ist auf einmal in einen höheren Grad der Spannung gehoben und von gleicher Spannung erfüllt wird das, was ist: die Realität. Die Mystiker alle eignet eine zärtliche Liebe zu dem, was ist, über alle Maassen. Es ist, als ob sich die Qualität ihrer Aufmerksamkeit auf das Leben änderte. Die Regeneration ihres eigenen Lebens regeneriert das Umleben, aus dem sie neue Botschaften von Wunder und Schönheit empfangen. So beginnt der Weg, der nach diesem Erlebnis des Ganz-erschüttert-seins in das Stadium des Purgatoriums führt: der Mystiker soll ein Mittler werden und muss, damit er es werde, abtun, was ihn noch ans Falsche bindet, an sich selber und die bestimmten Zufälle seiner Existenz. In diesem Stadium wird der Mystiker ein Asket, was ein Mittel ist und nie Zweck war, ein Mittel des Trainings nicht anders als das Training eines Reiters oder eines Boxers. Der Mystiker muss in Peinen und Mühen das werden, was er ist, indem er ganz das zu sein aufhört, was er vor dem mystischen Erlebnis war. Das Ende des Weges ist die vollkommene Einung, aus der das neue geistige Leben geboren wird. Im Purgatorium wird der Mystiker immer erfahren, was Richard von St. Victor, che a considerar fu più che viro, im einundachtzigsten Kapitel des Benjamin Minor geschrieben hat: »Selbst wenn du denkst, du sähest Christus in der Transfiguration, so beeile dich nicht zu sehr zu glauben, was immer du in Ihm sehen oder hören magst, es sei denn, dass Moses und Elias zu Ihm eilen. Mir ist verdächtig alle Wahrheit, die nicht mit der Schrift übereinstimmt, noch empfange ich Christus in Seiner Glorie, ausser Moses und Elias sprechen mit Ihm.« Der Mystiker ist, populär gesprochen, weit davon, so individuell zu sein, dass er das was war als zu lastend abwürfe. Er steht immer im Ganzen und trägt es mit. Es sind ja, nebenbei, nicht die Theologie und die Naturwissenschaft, die miteinander streiten, sondern der Theologe und der Naturforscher tun das. Der Mystiker steht im Glauben, der nicht durch Auskunftsmittel ersetzbar ist. Er stellt nicht als ein armseliger Antagonist des Besserwissens eine unsichtbare Kirche gegen eine so sichtbare Welt. Er sperrt sich nicht mit dem Gott für sich in eine Narrenzelle. Er hat an seiner eigenen Person und ihrem Funde keine stärkere Anteilnahme als an irgendwas sonst in der Welt: er weiss seine Wahrheit ganz unpersönlich; er argumentiert nicht, denn er kommt gar nicht in Betracht, und nur wer sich noch in Betracht kommt, ist auf Recht- oder Unrechthaben eingestellt. Der Mystiker ist, kurz gesagt, so wenig wie der Atheismus auf bloss intellektuellem Wege zu widerlegen.

An dem, was Lazzaretti seinen Zuhörern zu verkünden hatte, an diesem unbeholfenen Zusammengelesenen und -gedachten, konnte die Wirkung, die er auf diese Bergbewohner ausübte, nicht liegen und nicht der grosse Einfluss, den er bald auf sie gewann. Was von dem Propheten ausging und was ihm von jenen entgegenkam und antwortete, war ein nicht weiter beschreibbarer oder gar erklärbarer religiöser Vorgang, ein Akt, dem rationell nicht beizukommen ist oder der, wenn es versucht wird, alsobald dadurch gefälscht ist. Man glaubte ihm die Mission, an die er glaubte: sie hätte in ihrem Texte auch ganz anders lauten können als sie lautete und es wäre dasselbe gewesen, denn man glaubte ihm nicht seines Textes wegen. Lazzaretti prophezeite ein schreckliches Strafgericht, das kommen würde, und Änderung der Welt. Giobertis neowelfische Theorie vom italienischen Staatenbund unter päpstlicher Hegemonie weitete er zu einer universellen Theokratie mit dem Papst, als dem geistigen Prinzipe, an der Spitze; die Gesellschaft reorganisiert er auf einer halb sozialistischen Basis. Diesem Kommenden den Weg zu bereiten, gründete der Prophet des Berges religiöse Gemeinschaften – immer ganz im Rahmen der Kirche – die kommunistisch lebten und sehr bald zugrunde gingen, ohne dass dem Propheten dadurch auch nur ein einziger seiner Anhänger untreu geworden wäre, unter denen es nicht wenige ganz wohlhabende Bauern gab, die durch die naive kommunistische Wirtschaft, die ganz konsumtiv war, sicher Einbusse an ihrer Habe erlitten. Dass sich in diese christlichen Erhebungen aus dem Volke sehr häufig – und immer häufiger so, seit an die Stelle menschlicher Gemeinschaft die bürgerliche Gesellschaft getreten ist, also seit dem Ende des vierzehnten Jahrhunderts etwa – kommunistische Absichten und Versuche wirken, das hat die flinken Soziologen veranlasst, in dieser Nebenerscheinung die Hauptursache und das Hauptziel jener Erhebungen zu sehen, nämlich die Aufhebung der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Nichtbesitzenden durch Kollektivierung des Besitzes und der Produktion. Die einen fügen noch hinzu, dass die religiöse »Färbung«, die dieser nichts als ökonomische Aufstand manchmal annehme, nur in restrikten Gegenden vorkomme, die eben noch abergläubisch seien. Andere wieder erinnern an den Kommunismus bei den Urchristen, wozu dann die Pathetiker einer ganzen Partei kommen, die Jesus Christus schlankweg einen Sozialisten nennen, wie ihn auch andere, Nietzsche z. B., zu erkennen glauben und sein Evangelium als eine Ressentimentmoral des Pöbels verurteilen. Je ausschliesslicher die Tatsache des Reichtums bei den Reichen zum Inbegriff des Lebenswertes, zum einzigen Wert überhaupt wird, um so bereiter ist man natürlich von dieser Seite aus, in jedem Streben, das von dieser Wertung weg will, nichts als einen Versuch, einen oft kaschierten, zu erblicken, an diesem Werte teilzuhaben, wenn nicht gar, ihn für sich zu erobern. Ganz allgemein sei bemerkt, dass die geistige Gütergemeinschaft des Christentums die leibliche mindest sehr nahelegt. Dass aber auch die bürgerliche auf dem Besitz begründete Ressentimentmoral nicht ohne Einfluss auf die christlichen moralischen Wertungen geblieben ist, dass die Armut faktisch durch den Reichtum und dessen kulturelle Macht stärker auf sich aufmerksam und das Verhalten der Armen zur Armut in und aus dem Geiste der bürgerlichen Moral modifiziert wurde, soll nicht geleugnet sein. Seitdem sich diese bürgerliche Moral im Sozialismus und im Monismus so etwas wie eine »Weltanschauung« gegeben hat, die mit religiösem Anspruch auftritt, mag mancher verwirrende Einfluss auch auf das Christentum davon geübt worden sein. Aber es muss sich in dieser religiös verlangten Aufhebung des Einzelbesitzes, des Reichtums des Einzelnen, durchaus nicht ein ganz unchristliches Verlangen nach nicht als Wohlleben auf dieser Erde aussprechen, nicht einmal als ein ganz kleiner Teil des auf das Himmelreich eingestellten Willens. Das Verlangen nach dem Kommunismus muss keineswegs nur der Wunsch sein, dass »es einem auf Erden gut gehe«. Der Reichtum und die Armut: beide können in die ganz gleiche seelische Not bringen, indem sie die Sorge um das nie zu leugnende Gut des Lebens so vorherrschend machen, dass kein Raum mehr bleibt für die andern Güter. Der Reichtum kann sich zum Alleinherrscher über den Menschen genau so machen, wie die Armut, die nicht weiss, wovon sich nähren, sich kleiden und wo ruhen. Die Sorge des Reichtums und die Sorge der Armut frisst den Menschen ganz gleich schnell auf. Reichtum und Armut machen in ganz gleicher Weise auf das Leben überaufmerksam und rücken den Tod als das Nicht-mehr-sein in die gefürchtete Nähe; denn wo aller Wert das Leben ist, ist aller Nichtwert der Tod. Auch der »Erlöser Tod« des Armen ist konstante Todesnähe aus dem einzigen gekannten und anerkannten Wert: Leben. Da aber die Todesfurcht aus überstarker Lebensliebe die Vitalität, ein Gut, selber vermindert, so ist unsorgender Gleichmut gegen das Leben, wie Max Scheler sagt; ein vital wertvoller Gemütszustand. Die christliche Lehre ist weder für die Armut, noch gegen den Reichtum, sie ist gegen die Not, die ganz gleich aus beiden kommt. So ist das Gleichnis von den Lilien auf dem Felde zu verstehn: werte die Arbeit um deines Lebens Notdurft nicht als ein hohes Gut, das dir erst Würde gibt, sondern werte sie für das, was sie ist: dir den Leib zu erhalten bestimmt, in dem deine göttliche Seele wohnt, die dich auf das Göttliche richtet. Zwinge deine Seele nicht in die Fron deines Leibes, sondern den Leib in deinen Seelendienst. Es liegt nicht an dieser Wahrheit, dass man sie platt findet, heute, wo man über der ganz hübschen, aber wesentlich unbedeutenden Tatsache des Aeroplans ganz die Menschen vergessen hat, die in diesen Dingerchen fahren oder fahren sollen. Alles was man soziale Frage nennt, lag Christus vollkommen fern, lag tief unter seiner hohen Aufgabe, welche die Urwerte der Menschen betraf, nicht ihre Geldwerte. Alles was in diesen christlichen Aufständen sozial ist, liegt entweder als ein ganz Nebensächliches in ihnen oder ist ihnen aus der fatalen Existenz einer christlich-bürgerlichen Moral aufgezwungen. Der Begriff Christlich-Sozial ist ein vollkommener Aberwitz, denn der christliche Glaube ist auf das, was man die soziale Frage nennt, nur anwendbar, wenn man diesen Glauben um sein Wesentliches beraubt – woran man allerdings seit dem fünfzehnten Jahrhundert mit solchem Erfolg am Werke ist, dass es die Kirche selber (die ja zur einen Hälfte menschlich ist) nicht merkt, wie sehr sie ihr Gesicht verloren hat. Eine soziale Frage gibt es für den christlichen Bürger, Steuerzahler, Tischlergesellen, nicht aber gibt es eine für den christgläubigen Menschen. Es tagen ja wohl in den protestantischen Gotteshäusern weltliche Versammlungen zur Ordnung weltlicher Dinge. Wir Katholiken aber haben eine Kirche.

Die menschliche Hälfte der Kirche sollte Lazzaretti bald kennen lernen. Die Jahre 1867 und 1872, zwischen Mentana und Porta Pia, waren eine aufgeregte Zeit in Italien, dessen staatliche Autoritäten auf Monte Amiata aufmerksam wurden, da sie Lazzaretti in Verdacht hatten, dass er mit der klerikalen Partei konspiriere. Er wurde einige Male verhaftet und angeklagt, aber immer wieder freigelassen: dem theokratischen Schwärmer lag jede Politik, klerikale oder andere, ganz fern. Erst die Massnahmen der Regierung machten den Klerikalen Lazzaretti bemerklich und sie schickten den Priester Taramelli zu ihm, der Einfluss auf ihn gewann und einige seiner Schriften in einem klerikalen Sinn revidierte. Zweimal ging der Prophet nach Paris, wo sich die damals – es war 1873 und 74 – gerade sehr aktive legitimistisch-klerikale Partei seiner bemächtigte und ihn finanzierte. Das klingt komisch im Zusammenhang mit dem Gottgesandten, aber Lazzaretti war ein einfacher innerlicher Mann und nichts weniger als ein politischer Kopf. Was er wollte, was ihm zu tun aufgetragen war, stand so hoch über der Erde, änderte sie von so hoch oben her, dass er irdische Faktoren gar nicht in sein Kalkül zog. Er war aus seinem Sinn heraus für die Weltherrschaft des Papstes, des Herrn im Geistigen, dem darum auch alle weltliche Macht von selber gehöre, und für diese ihm vollkommen nebensächliche Angelegenheit der italienischen Einheit, die auf Kosten des Kirchenstaates zustande kam, hatte er gar keinen Verstand. Was sollte das, wo doch bald die viel höhere Einheit käme? Ganz erfüllt von einer göttlichen Mission glaubte er den französischen Klerikalen unbedingt, wenn die ihm sagten, dass sie mit dem, was sie täten, nur ihm helfen wollten. Natürlich war er nichts als ein Werkzeug, mit dem in Händen man der italienischen Regierung und noch mehr der einheimischen des Herrn Jules Simon unangenehm werden konnte. Die französischen Klerikalen brauchten des Prestige wegen einen italienischen Bundesgenossen mit Popularität, die sie mit allen Mitteln noch zu steigern versuchten. Also auch mit Geld. Oberhalb Arcidosso, auf dem Monte Labbro, bauten sich die Lazzarettisten eine Stadt und eine Kirche, die richtig vom Bischof eingeweiht wurde. Der Prophet aber hauste in einer einsamen Hütte, einem Eremo, wo er die Pilger empfing, die nicht nur aus allen Gegenden Italiens kamen, sondern auch von weither, aus Schweden, aus England, sogar aus Amerika. Der Lärm verwirrte und täuschte ihn. Er glaubte die Zeit der Vollfüllung gekommen und erhob sich. Nannte sich vor seinen Jüngern »Christi Richter und Feldherrn, den Löwen Juda, den Gesalbten des Herrn«, und seine Kirche die Chiesa Guirisdavidica, und schrieb deren Regeln und Glauben in zwei Schriften auf, dem Simbolo della nuova Riforma dello Spirito Santo und dem Credo. Er organisierte seine Anhänger, gab ihnen Uniformen und Banner. Er hatte Militi delle Sante Milizie und teilte sie in Legionen. Es gab von ihm noch einmal geweihte Eremitenpriester und Legionsführer und Schüler und Musikanten und Krankenschwestern und Fromme Mädchen und Singekinder, alle in eigenen Uniformen, die Männer in roten Garibaldihemden, die Frauen in Tuniken, auf der Brust ein G und ein C um ein Kreuz.

Lazzaretti verspätete sich um sechs Jahre. Rom und die klerikale Partei von 1878 war schon anderer Meinung als 1872. Man war schon sehr dabei, sich auf den ganz akademischen Protest gegen die Aufhebung der weltlichen Macht einzurichten und hatte schon um diese Zeit einiges Unbehagen vor der Möglichkeit, dass dieser Protest praktischen Erfolg haben könnte. Die Kurie stellte sich schon auf diese Politik ein, die aus der angeblichen Gefangenschaft des Papstes ein Machtmittel schafft, viel brauchbarer, als es je die Freiheit des auch weltlich herrschenden Papstes gewesen ist. Die Macht, die sich unter anderm auch darin äusserte, dass man im Vatikan katholischen Monarchen nicht erlaubte, den König von Italien in Rom zu besuchen, war weit wertvoller, als es die biedermeierliche Restitution eines kleines Staates mit ein paar Regimentern und Kanonen gewesen wäre. Man hatte sich in Rom auf bessere Traditionen besonnen, die nicht mehr bei den Gewaltpäpsten lagen, die den Harnisch über das Messgewand zogen. Die Politik im Samtpantoffel kann schwierigere Wege gehen als die im eisenbeschienten Fuss. Dieser Prophet vom Berge wurde sehr lästig. Er nahm das einfache Christentum ganz ernst in dem Augenblick, wo man daraus gerade ein sehr kompliziertes politisches Instrument machte. Lazzaretti wurde von Rom aus verwarnt, dann vorgeladen. Man sagte ihm, dass er teuflischen Täuschungen unterlegen sei, und setzte seine Schriften auf den Index. Der Prophet ging heim und seine Anhänger empfingen ihn mit Jubel. Er sagte ihnen, die Kirche in Rom sei dem Bösen verfallen und die bisher so papsttreuen Bergler traten aus der Kirche aus. Da kündete der Prophet, am 18. August würde er herniederkommen und sich dem Volke manifestieren. Tausende strömten nach Arcidosso, die ganze Maremma stand auf und kam zum Berg und wartete auf das Wunder, an das alle glaubten. Die Nacht vor dem Niederstieg verbrachte der Prophet und seine Schüler in Gebet und Betrachtung. Und früh am andern Tage kam der phantastisch gekleidete Zug langsam singend talwärts gen Arcidosso, Männer, Frauen und Kinder jauchzten ihm entgegen. Die klerikale Partei war seinerzeit durch die italienischen Behörden auf Lazzaretti gekommen, jetzt bedankte sie sich für diese Gefälligkeit damit, dass sie ihrerseits die italienischen Behörden, die gerade durch eine lebhaftere sozialistische Agitation nervös geworden waren, auf den Propheten aufmerksam machte. Man quittierte die Gefälligkeit, indem man einen Polizeikapitän mit ein paar Carabinieri nach Arcidosso schickte, der Lazzaretti an diesem hohen Morgen aufforderte, zurückzugehen, und die Prozession, sich zu zerstreuen. Der Prophet sagte natürlich: »Ich werde vorwärts gehen im Namen des rechten Gesetzes und Christi des Richters.« Und die Anhänger riefen: »Viva la Republica!« – was die geistige, nicht die politische Republik meinte – und warfen Steine auf die Soldaten. Die legten an und schossen. Unter denen, die fielen, war David Lazzaretti, der Prophet.

Die davidische Stadt und Kirche liegt in Ruinen unter Kastanien, aber die Lazzarettisten gibt es noch um Monte Amiata und bis in die Maremma hinunter. Politische Bewegungen kommen und gehen mit den Schlagworten. Das davidische Gottesreich war ganz unpolitisch eine Faltung der nie aussetzenden Bewegung zu Gott hin. Die Lazzarettisten glauben heute noch an die Wiederkehr des Propheten – jeder Prophet kehrt immer wieder, immer derselbe Prophet, wie er auch vom Zufall benamt sei – und an das Geistige Reich, das kommen wird. Die Kirche betreten sie nicht. Die toleranten stillen, ihr Land liebenden Leute kommen in eines jeden Hause zusammen und wenden sich Gott zu in herzlicher Einkehr. Sie schwören nie, reden nicht laut und hüten sich, zornig zu werden. Ein Priester Imperiazzi, ein ehemaliger Anhänger, der zur Kirche zurückkehrte, kam 1904 nach der Montagna, um dem davidischen Glauben ein stärkeres Leben zu geben. Er wurde sofort von Rom a divinis suspendiert und die konform handelnde Behörde befahl ihm, die Gegend zu verlassen. Der Monte Amiata träumt weiter im mystischen Schlaf, bis wieder der Erwecker kommt, aus der von der Not gestachelten Sehnsucht des italienischen Landvolkes geboren.

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