Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Blei >

Landfahrer und Abenteurer

Franz Blei: Landfahrer und Abenteurer - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/blei/landfahr/landfahr.xml
typeessay
authorFranz Blei
titleLandfahrer und Abenteurer
publisherGeorg Müller
year1913
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130202
projectid792ef708
Schließen

Navigation:

Lord Seymour

Lord Seymour: das ist eine Legende aus den Tagen des bürgerlichen Königs Louis Philippe. Der, den man so nannte und der nicht so hiess, verzweifelte über diese hartnäckige Verwechslung ebenso, wie der andere, der so hiess und den man nicht so nannte, darüber wütend war, dass man ihn durchaus für jenen hielt. Der eine grämte sich bis an den Tod, dass er unter einem falschen Namen, dem eines andern, berühmt war, und der andere war über den lächerlichen Ruhm wütend, der sich an seinen ganz unschuldigen Namen hing. Beide, der echte und der bloss so genannte Lord Seymour protestierten, und beide protestierten vergeblich. Die Legende, welche diese beiden Existenzen in eine dritte Existenz zusammengeschweisst hatte, erwies sich stärker als aller Einspruch der beiden Beteiligten, ja stärker als der Tod: die sich an jene Zeit später erinnerten, verwechselten den einen mit dem andern immer noch, wo keiner der beiden mehr sein irdisches Teil auf dem Boulevard spazierenführte. Nie hatten die zwei wider Willen vertauschten Existenzen miteinander gesprochen, – wenn sie sich trafen, sahen sie einander nur an: verzweifelt wütend der eine, wütend verzweifelt der andere, komisch und traurig beide.

Man erwarte nichts Grosses. Nichts Heldenhaftes. Kaum Menschliches. Die Geschichte begab sich nämlich in der Biedermeierzeit und hat deren miniature Ausmasse. Die kleinen Narrheiten eines ungespannten Lebens grosser Blutleere – nach den napoleonischen Abzapfungen – bekamen lächerliche Bedeutung in einer erschöpften Zeit, die sich nicht orientieren konnte. Jetzt zum ersten Male wurde die Mode eine Wichtigkeit, denn die heraufgekommenen Bürger wollten sich mit ihr distinguieren, und die Mode kam aus England. Man fuhr im »Tilbury« in den »Klub«, unterhielt sich vom »Sport«, hatte den »Spleen« – die Worte werden kontinentaler Sprachbesitz –, fand gelbe Handschuhe »fashionabel«, rauchte spanische Zigaretten mit den Gesten einer sakralen Handlung, und die Konfiserien fabrizierten »Cakes« und »spice gingerbread«. Man fuhr zu den Pferderennen nach Chantilly und tat alles, was dazu gehört, aber keiner dieser Pariser Sportsmen ritt je selber eine Steeplechase, – wozu sich unnützen Gefahren aussetzen? fragt La Mode von 1843. Genau so liebten diese jungen melancholisch aussehenden Herrn mit der Wespentaille, den sentimentalen Stirnlocken und den frauenhaft gerundeten Schultern alle andern Sporte: man fand es sehr »chik«, davon zu sprechen und so zu tun, aber ganz ernsthaft fragt der Dr. Veron in den Erinnerungen eines Pariser Bürgers, ob der Mensch überhaupt zum Gehen geboren sei. Das Äusserste körperlicher Leistungen blieb ein bisschen Fechten wegen der so poetischen Duelle. Als der Lord Seymour in einem Fechtsaal auch das Boxen einführte, waren alle Pariser Anglomanen, also alles was etwas auf sich hielt, sehr davon entzückt, aber eigentlich fanden es die zarten Herren höchst ordinär für einen Gentleman von solchem Namen, von dessen Bizeps ein Chronikeur der Zeit mit Abscheu und Grauen berichtet, dass er zweiundfünfzig Zentimeter, also so viel wie eine gewöhnliche Mädchentaille, im Umfange gemessen habe.

Dieser Bizeps von zweiundfünfzig ist der des echten Lord Seymour. Der jenes andern, den man so nannte, war nicht weniger stark. Denn auch dieser andere boxte. Aber sportlich erst in seinen späteren Tagen. Im Anfang tat er es gewissermassen aus Beruf, denn er war da ein ganz gewöhnlicher Strizzi. Seine Geschichte will ich nun erzählen, soweit sie aus schwierigen Untersuchungen deutlich wird: es ist ein hagiographischer Scharfsinn darauf verwandt worden, wie man ihn nur in des Pater Hippolyte Delahayes Heiligenstudien findet.

In den Tagen Louis Philippes lebte der maskierte Karneval noch auf den Strassen; später erst zog er sich in die Ballhäuser zurück, wo er in der Zeit des zweiten Kaiserreiches verstarb. Aber in jenen dreissiger Jahren waren der Faschingssonntag und der ihm folgende Montag eine öffentliche Lustbarkeit, die keinen einzigen Zuschauer, sondern nur Beteiligte hatte; das kostümierte Volk füllte zu Fuss die Gassen, die feinen Leute oder die dafür gelten wollten, fuhren in Wagen, und die ganz feinen Leute warfen von den Balkonen der Klubhäuser ihre mehlgefüllten Eier in die Menge; die ganze Stadt war mit grosser Hingebung ausgelassen. Und vier Jahre hintereinander hatten diese beiden Tage ihre grosse Sensation, die sich schon von weitem mit dem lautesten Spektakel ankündigte: drei Piköre zu Pferd, fackeltragend, wenn es zu dunkeln begann, und dahinter ein à la Daumont bespannter Wagen, beritten von blasenden Postillonen, umbrüllt von der Menge und gefüllt mit Maskierten, unter denen ein vor Erregung blaurotes Gesicht das des beliebten Mannes war, dem das Volk von Paris zujubelte: »Vive Mylord Seymour!« Aus dem Wagen regnete es Blumen, Orangen, Konfetti und Sousstücke. Und manchmal sprang der Lord heraus und boxte in aller Freundschaft mit irgendeinem Strizzi-Pierrot. Dieser Lord Seymour inkarnierte den Fasching, der für jedermann zu Ende war, wenn Wagen, Piköre und Postillone hinter den Höhen von Belleville verschwanden.

Aber während das Volk auf den Boulevards dem Lord Seymour zujubelte, sass der, welcher wirklich so hiess und wirklich dieser Lord war, zu Hause und schrieb wütende Erklärungen an die Zeitungen, dass er keineswegs der Narr sei, für den man ihn halte, und dass er dieses Faschingstreiben überhaupt, weil es ihm greulich sei, nie mitmache. Er erklärte das jedes Jahr ein paar Dutzend Mal und ganz ohne Erfolg. Und der falsche Mylord liess stundenlang seinen sechsspännigen Wagen vor seinem Palais halten, damit man doch sehe, dass er ihm und nicht dem Lord Seymour gehöre, aber ganz ohne Erfolg. Und der echte musste sich gegen den falschen noch wehren, als dieser schon lange tot und ihm die Verwechslung, über die er sich so gegrämt hatte, vollkommen gleichgültig war.

Der König des Karnevals hiess La Battut und war das Kind einer emigrierten Französin und eines verheirateten sehr reichen englischen Apothekers. Der Vater fand für eine beträchtliche Summe Geldes den bretonischen Grafen de la Battut bereit, den Jungen zu adoptieren, der sich also Charles Graf de la Battut zu nennen das Recht hatte, wenn auch nicht das Blut. Der Adoptivvater hatte wenig Beschwer mit seinem Sohn, den der richtige Vater in ein Institut steckte, und dessen Ferien der Kleine in England beim Apotheker verbrachte. Mit sechzehn Jahren kam der Junge als Externist ins Collège Bourbon mit einem sehr bescheidenen Monatsgelde, und das tat nicht gut. Er trieb sich in der Gesellschaft von Zuhältern und Frauenzimmern herum, wo er sich durch mancherlei Eigenschaften sehr beliebt machte: er war lustig, hübsch, ein kräftiger Bursche und konnte, was er in England gelernt hatte, brillant boxen. Das ging so ein paar Jahre und La Battut wurde ein perfekter Zuhälter. Da starb sein natürlicher Vater und hinterliess ihm eine Jahresrente von hunderttausend Franken. Das deroutierte den beliebten Strizzi vollkommen: er wollte von nun ab zur grossen Welt gehören und ein Mann comme il faut werden. Er tat sich in einer grossartigen Wohnung auf dem Boulevard des Capucines auf und besuchte die Pferderennen in seinem eigenen Wagen. Bei Tilbury, dem berühmten Pferdehändler, machte er die Bekanntschaft des elegantesten Mannes von Paris, des Grafen d'Orsay, – und da hatte der kleine La Battut seinen Musterhelden gefunden, dem es gleichzutun von Stund' an sein Ehrgeiz wurde. Es waren da nur gewisse Schwierigkeiten. Die Lehrjahre bei Idalie, der Zuhälterkneipe in der Opernpassage, waren zu eindrucksvoll gewesen. Die gräflichen Manieren La Battuts waren nicht ganz sicher. Sprach er zum Scherz Argot, so klang es zu natürlich, um als Affektation zu gelten; es gelang ihm nicht genügend schlecht, sondern allzu gut. Ebenso war es mit dem Boxen: er gebrauchte seine vortreffliche Muskulatur, die für einen Herrn comme il faut zu gut entwickelt war. Man trug den Hut schief: der seine schien sich nur durch ein Wunder auf dem linken Ohr zu halten. Seine schwarze Redingote war immer noch kürzer als es die Mode verlangte und seine Weste noch bunter. Aber das wäre alles noch hingegangen und hätte ihn bloss als einen etwas exzentrischen eleganten Herrn in Ruf gebracht, wenn sich in seinem hübschen und ganz feinen Gesicht nicht oft etwas vom Lausbuben und vom Strizzi gezeigt hätte, der das grosse Los in der Lotterie gewonnen hat. So öffnete ihm sein goldener Schlüssel keine der Türen, durch die er so gerne getreten wäre. Im Karneval fanden sich wohl junge Leute der Gesellschaft zu ihm, aber, war der Fasching aus, so kannten sie ihn nicht mehr, und der arme Junge war auf ein paar Reste angewiesen, die ihm nur durch das Geld, das er lieh, erhalten blieben. Und kam noch der grösste Schmerz dazu, dass er in der Glorie seiner gesuchten und berühmten Tage für einen Andern gehalten wurde. La Battut war er nur für seine Dienerschaft, der er nicht imponierte und der zu imponieren er auch keinen Grund fand, da er mit ihr en canaille verkehrte, Volk aus dem Volk, das er war. Und zeigte er sich mit allen seinen Exzentrizitäten, auf die er so stolz war, so hielt man ihn für einen Andern. Es ist das eine durchaus tragische Situation. Deren komische Seite der Mann zeigt, der zu Hause ohnmächtig die Welt beschwört, er sei nicht der andere. Dieser echte Lord Seymour war das Orakel der Anglomanen von Paris, also eine notorische Persönlichkeit, die Gäste empfing, Besuche machte, das Zigarettenrauchen einführte und four in hand kutschierte. Er trieb das alles mit grosser Ernsthaftigkeit, die keine Miene verzieht. Man würde seiner nicht gedenken, hätte nicht La Battut gegen seinen Willen und gegen den eigenen für sein Gedächtnis gesorgt. Die Legende, die aus zwei Menschen einen machte, bewahrte die Erinnerung an beide, von denen keiner für sich und was er tat nennenswert wäre. Obzwar dem falschen Lord eine Tat zufällt, deren Wirkung er weder absah noch erlebte. Er brachte nämlich den Cancan, den man nur in den Vorortkneipen tanzte, in die Mitte der Stadt und machte ihn gesellschaftsfähig. Das war auf dem Bal des Variétés im Jahre 1832, denkwürdiges Datum auch durch diesen andern Umstand, dass hier infolge einer Wette zum erstenmal eine Dame erschien, die nichts sonst an hatte als ihre Handschuhe und ihre Boa. Was damals einen grossen Skandal erregte. Auf diesen Ball kam La Battut mit seiner ganzen Bande und alsbald mussten die Sergents de Ville einschreiten, denn La Battut tanzte den Cancan.

Was das bedeutet, diesen Tanz aus den Pariser Bastringuen an einem Ort zu exekutieren, wo sich die dichtmaskierten Damen der Gesellschaft mit den Rastignacs und Rubemprées trafen, mag man aus Heines Pariser Briefen ermessen, der noch 1842 schreibt: »Der Cancan ist ein Tanz, der nie in ordentlicher Gesellschaft getanzt wird, sondern nur auf gemeinen Tanzböden, wo derjenige, der ihn tanzt, oder diejenige, die ihn tanzt, von einem Polizeiagenten ergriffen und unverzüglich zur Tür hinausgeschleppt wird.« La Battuts Beispiel begeisterte den ganzen Saal, der alsbald alle Beine in der Luft hatte. Den Helden und seine Gefolgschaft entfernte die Polizei: nach zehn Minuten war er wieder da und mit ihm der Cancan. Am nächsten Morgen fand sich Armand Dartois, der Direktor der Variétés, in eigener Person bei La Battut ein, um ihn zum nächsten Ball zu bitten, mit der Versicherung, dass der Cancan nichts mehr von der Polizei zu fürchten habe. Der endgültige Sieg über die Polizei war noch nicht errungen, auch zehn Jahre später noch nicht, aber der Anfang war gemacht und La Battuts Werk. Er hatte etwas geleistet und konnte abtreten. Erst aber trat er noch in die Literatur: als Prince Rodolphe lebte er von Eugène Sues Gnaden lange in den Träumen der Ladenmädchen und Kommis als das Muster dessen, was man einen »Löwen« nannte, und um sich in der Eleganz zu vollenden, liest noch Herr von Cisy in Flauberts Education Sentimentale die »Geheimnisse von Paris« et il tirait, comme le Prince Rodolphe, de sa poche un brule-gueule, rudoyait les domestiques, buvait extremement.

Der echte Lord Seymour wurde ein schlechter Mensch: dafür, dass er die witzigsten Arten erdulden musste, mit denen man ihm etwas von seinem ungeheuerlichen Reichtum nahm, der sich dadurch fast um nichts verringerte, dafür rächte er sich durch eine giftige Menschenverachtung, mit der er sich das eigene Leben verdarb. Er regalierte ahnungslose Gäste mit kantharidierten Limonaden, beschenkte Schuljungen mit purgativen Bonbons, bestellte eine Freundin an sein Bett, damit sie über seinen Schlaf wache, und fuhr als verkleideter Omnibuskutscher die Fahrgäste über Stock und Stein nach Gegenden, wo sie gar nicht hinwollten und wo überhaupt keine Gegend war. 1859 begrub man den Narren auf dem Père-Lachaise. Vierundzwanzig Jahre vorher hatte sich La Battut aus dem Leben gezogen, das er doch nicht für sich lebte, und das dann der, für den er sich gemüht hatte, übernahm und weiterführte. Es war wie eine Rache des armen Burschen, dass der, dessen Namen man ihm immer gegeben hatte, nun so wie er weiterleben und an der Legende weiterschaffen musste. La Battut verschwindet im Jahre 1835 aus Paris und stirbt bald darauf ungekannt in Neapel. Sein bisschen Seele fährt in den echten Lord Henry Seymour.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.