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Land aus Feuer und Wasser

Hans Dominik: Land aus Feuer und Wasser - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleLand aus Feuer und Wasser
publisherv. Hase & Koehler
printrun79.-100. Tausend
year1939
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150806
projectid016c82bc
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Entfesselte Gewalten

Die Uhr des Verwaltungsgebäudes kündete die zehnte Abendstunde. Ihre Schläge klangen auch bis in den Raum, in dem die Deutschen noch vor nicht allzulanger Zeit mit James Garrison gespeist hatten. Der Amerikaner schwebte nun schon irgendwo in weiter Ferne über dem endlosen Weltmeer, und auf seinem Stuhl saß jetzt Hein Eggerth, der es bis zum Abflug Garrisons vorgezogen hatte, unsichtbar zu bleiben. Der Platz Willes war leer.

Professor Eggerth war dabei, mit seinem Sohn und Georg Berkoff die Dispositionen für die nächsten Arbeiten zu besprechen.

»Notiere es dir, Hein«, sagte er eben, »sobald wir eine Kolonne aus dem Stollen herausnehmen können, wollen wir den Zement aus ›St 19‹ und ›St 20‹ ausladen und zu der Mischmaschine hinschaffen lassen.«

»Wann wird das sein können?« fragte sein Sohn.

»Es wird von der nächsten Meldung Dr. Willes abhängen, Hein. Er ist noch einmal in den Stollen eingefahren, um neue Ortsbestimmungen zu machen. Ich erwarte ihn jeden Augenblick zurück. Es ist nicht ausgeschlossen, daß wir schon in dieser Nacht damit beginnen können.«

Hein Eggerth legte den Bleistift aus der Hand. »Während Ihr hier mit Mr. Garrison zu Tisch waret, habe ich die Ladungen von ›St 19‹ und ›St 20‹ geprüft«, begann er. »Es ist ein erstklassiger Zement, aber warum hast du einen ausgesprochenen Heißbinder gewählt. Die Arbeit damit wird nicht einfach sein. Wenn nicht alles auf die Minute klappt, kann uns der Beton schon auf dem Wege von der Mischmaschine bis zum Schacht hart werden.«

Professor Eggerth lehnte sich in seinen Sessel zurück und verschränkte die Arme über der Brust. »Ich hatte meine Gründe dafür, mein lieber Hein«, sagte er in seiner bedachtsamen Art, »bei der Benutzung von normalem Zement würde es wenigstens acht Tage dauern, bis der Schachtverschluß genügend erhärtet wäre. Acht Tage, die uns möglicherweise nicht zur Verfügung stehen. Du hast recht, wir werden sehr schnell arbeiten müssen, dafür aber spätestens zwei Stunden nach dem Einbringen des Betons in den Schachtmund einen widerstandsfähigen Verschlußpfropfen haben. Ich verlasse mich auf dich und auch auf Sie, Herr Berkoff, daß die Betonierungsarbeiten präzis klappen.«

Georg Berkoff wollte dazu etwas sagen, als Dr. Wille in den Raum zurückkam.

»Nun, wie steht's, Herr Doktor?« fragte Professor Eggerth. Wille war etwas außer Atem und offensichtlich erregt.

»Es war gut, daß ich die Ortsbestimmungen noch einmal genau kontrolliert habe«, begann er, »wir sind schon bis auf 12 Meter an den Lavaschlauch heran. Eben haben wir noch eine gewöhnliche Sprengung vor Ort gemacht. Sie wird noch einmal 4 Meter Gestein wegnehmen. Dann heißt es, die Bohrungen für die große Schlußsprengung herauszustellen und dann ... ja dann wären wir ja soweit, meine Herren.«

»Wie steht es mit dem Stollen zur Seeseite?« wollte Professor Eggerth noch wissen.

»Dieselbe Sache, wie auf der Bergseite, Herr Professor«, berichtete Dr. Wille weiter. »Auch dort kann noch heut nacht die Ladung für die letzte Sprengung gesetzt werden, die dem Meer den Weg in den Stollen freimachen wird.«

Professor Eggerth blätterte in einer vor ihm liegenden Tabelle. »Demnach wird die Frühschicht im Stollen nicht mehr gebraucht, Herr Doktor?« wandte er sich an Wille. Der schüttelte den Kopf.

»Ich denke, nein, Herr Professor.«

»Sehr gut! Dann also bitte«, er sprach zu Berkoff und seinem Sohn weiter, »laßt die Morgenschicht gleich jetzt antreten und mit dem Ausladen des Zementes beginnen. Wir kommen schneller voran, als ich annahm ...« Er stockte ... sprach dann weiter. »Ich möchte wissen, wo Dr. Schmidt bleibt? Weiß der Himmel, was er so lange an der Südspitze zu kramen hat?«

Er hatte den Satz noch kaum beendet, als sich die Tür auftat. Als ob sein Stichwort gefallen wäre, erschien der lange Schmidt auf der Szene. »Wenn man vom Wolf spricht ...« murmelte Berkoff vor sich hin. »Gut, daß der Yankee den Doktor nicht mehr zu Gesicht bekommen hat«, raunte er Hein Eggerth zu. »Hoffentlich hat Schmidt inzwischen auch seinen Zorn auf Mr. Garrison verrauchen lassen. Ein Spaziergang von zwei Meilen soll ganz gut dafür sein.«

»Halt die Luft an, Georg«, flüsterte Hein Eggerth ihm zu.

»Guten Abend, meine Herren«, begrüßte Dr. Schmidt die Anwesenden und ließ sich in einen Sessel fallen.

»War wohl eine etwas anstrengende Landpartie?« meinte Dr. Wille. »Sechzehn Stunden unterwegs ... mehr als 20 Kilometer Marsch ... ja wir sind nicht mehr die Jüngsten, Herr Kollege.«

Kaum hatte Dr. Wille es gesagt, als der lange Schmidt sich mit einem Ruck wieder kerzengerade in seinem Sessel aufrichtete. Er war müde und spürte den langen Marsch in allen Knochen, aber es wurmte ihn, daß Dr. Wille es gemerkt hatte.

»Danke, es geht«, sagte er in seiner bekannten abweisenden Art, um sich dann an Professor Eggerth zu wenden. »Ich habe heut zu meiner unangenehmer Überraschung feststellen müssen, Herr Professor, daß an der Südspitze ...«

»... ein fremdes Flugzeug gelandet ist, Herr Doktor«, vollendete Professor Eggerth den Satz. »Wir hörten bereits davon.« Der lange Schmidt schüttelte unwirsch den Kopf.

»Daß sich auch an der Südspitze vulkanische Kräfte zu regen beginnen, Herr Professor.«

Die wenigen kurz hingeworfenen Worte ließen die Anwesenden aufhorchen.

»Oh, oh!« murmelte Wille tiefsinnig vor sich hin.

»Was haben Sie festgestellt, Herr Doktor?« fragte Professor Eggerth.

Schmidt machte es sich erst wieder in seinem Sessel bequem, bevor er seinen Bericht begann.

»Als ich den Amerikaner heut nachmittag nach dem Nordstrand expediert hatte ...«

»Expediert habe ich ihn mit ›St 25‹«, raunte Hein Eggerth Berkoff zu. Der Professor warf ihm einen mißbilligenden Blick zu, der ihn verstummen ließ. Dr. Schmidt fuhr fort. »Danach also begab ich mich noch einmal in die Höhle am Südkap. Ich überlegte, ob wir hier einigermaßen erträglich übernachten könnten, als ich ein dumpfes Dröhnen hörte. Im ersten Augenblick glaubte ich, daß das amerikanische Flugzeug noch einmal zurückgekommen wäre, aber ich konnte schnell feststellen, daß das nicht der Fall war ...«

›Herr Gott, macht Schmidt heut mal wieder einen langweiligen Verzähl'‹, dachte Hein Eggerth bei sich, aber er hütete sich seine Gedanken auszusprechen.

»Draußen war nichts zu hören«, berichtete Dr. Schmidt weiter, »aber sobald ich in die Höhle zurückkam, war das Grollen und Dröhnen wieder da. Ich legte das Ohr an die Höhlenwand, da wurde es noch stärker vernehmbar und dann spürte ich ganz unverkennbar einen Erdbebenstoß, dem eine Reihe weiterer folgten ...«

»Und was geschah danach?« warf Professor Eggerth ungeduldig ein.

»Ich machte schleunigst, daß ich aus der Höhle raus kam, denn der ganze Berg war in Bewegung. Ich mußte fürchten, daß sie zusammenbrach und ich eingeschlossen würde. Etwa eine Stunde lang habe ich die Erscheinung noch von draußen beobachtet. Man hätte das ganze vielleicht für ein leichtes tektonisches Beben halten können, wenn dies unheimliche aus der Tiefe kommende Geräusch nicht mit unverminderter Stärke angehalten hätte ...«

»Hm, hm, das ist nicht gerade erfreulich, Herr Kollege, was Sie uns da berichten«, meinte Dr. Wille.

»Aber leider Tatsache, Herr Doktor. Sie können es sich von Hagemann bestätigen lassen, der mit mir zusammen in der Höhle war. An ein Übernachten an der Südspitze war nicht mehr zu denken. Ich zog es vor, sofort aufzubrechen, um Ihnen Bericht zu geben.«

»Da haben wir den Salat«, flüsterte Berkoff Hein Eggerth zu. Der schüttelte den Kopf und zog es vor, zu schweigen.

»Ja, hm!« Der Professor räusperte sich ein paarmal. »Wie beurteilen Sie die Lage, Herr Dr. Schmidt?« Der Doktor zuckte die Achseln. »Es ist unmöglich, etwas Bestimmtes vorauszusagen. Für ausgeschlossen halte ich es nicht, daß es morgen, oder auch vielleicht schon heute nacht an der Südspitze genau so losgeht, wie es vor ein paar Monaten hier am Nordstrand losgebrochen ist. Vulkanische Kräfte sind unberechenbar. Daß sie sich an der Südspitze kräftig regen, darüber besteht kein Zweifel.«

Dr. Schmidt war mit seinem Bericht zu Ende. Wille warf dem Professor einen unsicheren Blick zu.

»Wollen Sie sich zu der Sache bitte äußern, Herr Dr. Wille?« fragte ihn der Professor.

»Ich fürchte«, begann Wille zögernd, »daß dies unerwartete Naturereignis unsern Plan gefährden kann. Ein neuer Ausbruch an der Südspitze könnte den Druck, unter dem die Lava in dem Vulkan hier steht, in einer unerwünschten Weise verringern.«

Professor Eggerth stützte den Kopf in beide Hände, nachdenklich, mehr zu sich selber als zu den anderen sprechend, begann er.

»Es könnte in der Tat der Fall sein, aber es muß nicht so sein. Es könnte auch ... ja es könnte auch recht wohl möglich sein, daß dieser neue Vulkanismus unsern Plänen förderlich wäre ... ja meine Herren, wir dürfen den Mut nicht sinken lassen. Jetzt werden die Stunden kostbar ...« Er richtete sich wieder auf. »Los Hein! Vorwärts, Herr Berkoff! Sofort den Zement ausladen. Scharfen Sand vom Strand her zu der Mischmaschine ankarren ... ja meine Herren, auf die Nachtruhe werden wir heut verzichten müssen. Sie, Herr Dr. Wille, möchte ich bitten, die beiden Durchbruchssprengungen vorzubereiten.«

»Das könnte ich auch machen, Herr Professor« warf Dr. Schmidt ein wenig empfindlich ein, weil er sich übergangen fühlte.

»Für uns beide bleibt noch genug anderes zu tun, Herr Doktor«, beschwichtigte ihn Professor Eggerth. »Wir müssen uns um die Anlage der Zeitzündungen an den beiden Stollenenden kümmern. Sie wissen, daß die beiden Schlußsprengungen zur gleichen Sekunde erfolgen müssen, wenn das Ganze glücken soll. – – –

Der Professor behielt recht mit seiner Bemerkung, daß es mit dem Schlaf nichts werden würde. Eine arbeitsheiße Nacht kam für Werkleute und Ingenieure.

Um die dritte Morgenstunde befand sich Dr. Wille in dem zum Vulkan hinführenden Stollen vor Ort. Um ihn herum waren Werkleute beschäftigt, die Bohrmaschinen zum Abtransport aus dem Stollen bereitzumachen. Trotz des mit dieser Arbeit unvermeidlich verbundenen Lärmes war das dumpfe Brausen und Grollen aus der Tiefe deutlich vernehmbar. Viel stärker war es seit dem gestrigen Abend geworden. Lag das daran, daß jetzt nur noch eine Gesteinswand von kaum 10 Metern zwischen dem Ort und dem Lavaschlauch stand oder ... waren die Gewalten der Tiefe überhaupt stärker am Arbeiten? Hing es mit jenen anderen Vorkommnissen an der Südspitze der Insel zusammen, von denen Schmidt berichtet hatte? Das waren Fragen, die Dr. Wille beschäftigten, während er das Einbringen der Ladungen für die letzte große Schlußsprengung überwachte.

Anders ging es dabei zu, als bei den früheren für den einfachen Stollenvortrieb gesetzten Schüssen. Nicht einfache Bohrlöcher hatte man diesmal in das Gestein vorgetrieben, sondern geräumige Sprengkammern aus dem Fels herausgearbeitet, in die nun Sprenggelatine im Gewicht nicht mehr von Kilogrammen, sondern von Tonnen eingebracht wurde. Eine gewaltige Ladung, die nach der Rechnung die noch vor Ort stehende Wand im Augenblick der Detonation bis zu dem Lavaschlauch hin aufreißen und zerschmettern mußte.

Fest vollgepackt waren die Kammern mit dem Sprengstoff, Zündkapseln wurden aufgesetzt, die Leitungen von innen her herausgeführt und locker an der Stollenwand verlegt. Dann rollten die ersten Loren mit dem frisch gemischten Beton heran, und in Windeseile wurden die Kammerausgänge nach dem Ort zu dicht verschlossen. Fast noch unter den letzten glättenden Kellenstrichen erstarrte die eben noch plastische Masse zu hartem Fels.

Ebenso wie hier ging es auch vor Ort an der Seeseite zu. Noch eine gute Stunde, bevor die Sonne den neuen Tag heraufbrachte, waren alle Ladungen für die Schlußsprengungen fertig. Vier Kabel wurden durch den Schacht nach oben geführt und über Tage weitergeleitet, während die Werkleute im Schachtmund bereits die Holzverschalung für den Verschluß zu wölben begannen. Und als der Sonnenball dann im Osten über die Kimme hinaufkam, als die nächtliche Dunkelheit in wenigen Minuten der vollen Tageshelle wich, da wurde schon vom Schachtrand her eine Lorenladung Beton nach der anderen auf dies Zimmerwerk gestürzt. Lore um Lore, bis ein 20 Meter langer Betonpfropf den Schacht nach oben verschloß.

Dr. Wille stand dabei, ein Schriftstück mit Berechnungen in der Hand. Längst hatte er es aufgegeben, die unermüdlich heranrollenden Loren zu zählen. Nur die Berechnung und ihr Ergebnis interessierten ihn noch. Immer wieder überflog er die Zahlen, die auf dem Papier standen, und die Schlußfolgerungen, welche die Ingenieure, die dies Projekt ausarbeiteten, daraus gezogen hatten. Mochten die vulkanischen Kräfte auch über jedes Maß anwachsen, niemals würde es ihnen gelingen, diesen zwanzigmal mit dem gewachsenen Fels der Umgebung verzahnten Betonklotz herauszureißen, ihn etwa wie ein Projektil aus dem Schacht zum Firmament emporzuschleudern. Viel eher schon würde der Lavadruck ... oder der Dampfdruck ... oder der Druck aufquellenden Gesteins dann die ganze Umgebung des Schachtes mit emporreißen müssen.

Als die letzte Lore ausgekippt worden war, verließ Dr. Wille den Platz mit dem Bewußtsein, daß er für seinen Teil gute Arbeit geleistet hätte. Aber er fühlte auch, was er getan hatte, verspürte einen kräftigen Appetit, mußte plötzlich an einen gutgedeckten Kaffeetisch denken und machte sich auf den Weg zum Verwaltungsgebäude.

Als er näher kam, fielen seine Blicke auf einen Funkmast, der dort am letzten Abend noch nicht gestanden hatte. Ein großer Tisch war daneben aufgestellt, Kästen und kastenartige Geräte bedeckten seine Platte, in denen er unschwer Verstärker und eine Empfangsapparatur für Hertzsche Wellen erkannte. Darüber gebeugt beobachtete der lange Schmidt die Uhr in der Hand das Spiel einer kleinen Lampe, die in regelmäßigen Abständen aufleuchtete und wieder erlosch.

Wille sah Dr. Schmidt zu einem Telefon greifen, von dem eine behelfsmäßige Leitung nach ›St 25‹ führte. Er bezwang seinen Kaffeedurst und trat heran, um sich zu erkundigen, doch bevor er etwas sagen konnte, kam ihm der lange Schmidt schon mit einer Frage zuvor.

»Ist bei Ihnen alles in Ordnung, Herr Doktor?«

»Alles klar zum Gefecht, Herr Kollege. Wie steht es bei Ihnen?«

»Es klappt tadellos. So oft der Professor von ›St 25‹ die Sprengdepesche funkt, leuchtet die Lampe auf.« Er reichte Wille das Telefon hin. »Wollen Sie Professor Eggerth vielleicht auch über Ihre Arbeit berichten?«

Wille nickte und griff nach dem Telefon, das Schmidt ihm hinhielt. »Hallo, Herr Professor Eggerth«, rief er in das Mikrophon. »Der Schacht ist abgeschlossen. Die Leute führen jetzt die Zündkabel vom Stollen und vom Krater bis zum Empfänger neben dem neuen Funkmast hin.«

Was der Professor antwortete, konnte Schmidt nicht hören, erst wieder die Antwort Willes vernahm er.

»Selbstverständlich, Herr Professor! Die Kabelenden sind zuverlässig verschlossen. Das wäre ja nicht auszudenken, wenn vorzeitig Strom auf die Ladungen käme. Sehr recht, wir treffen uns im Verwaltungsgebäude am Kaffeetisch.« – – –

Im Funkraum von ›St 25‹ schob Professor Eggerth einen Schutzkasten über eine elektrische Apparatur, sicherte ihn durch ein Vorhängeschloß und verwahrte den Schlüssel sorgfältig in seiner Geldtasche.

»So, mein lieber Lorenzen«, wandte er sich dann an den Funker, »alles, was auf dem Tisch hier steht, ist tabu. Sie haften mir dafür, daß niemand herankommt. Vergessen Sie es nicht, die Kabine abzuschließen, wenn Sie herausgehen.«

»Herr Professor können sich auf mich verlassen«, versicherte Lorenzen, »ich werde hier keinen reinlassen.« – – –

In dem kleinen Speiseraum des Verwaltungsgebäudes fanden sich allmählich alle die Männer zusammen, die während der Nacht auf verschiedenen Posten verantwortungsvolle Arbeit geleistet hatten. Als Professor Eggerth in das Zimmer trat, saß Dr. Wille bereits mit Hein Eggerth vor einem extra starken Mokka, und kurz nach dem Professor kamen auch Dr. Schmidt und Georg Berkoff.

Die durchwachte Nacht war allen anzumerken, aber nicht so sehr in Form einer Ermüdung, als in einer gewissen fieberhaften Erregtheit machte sie sich fühlbar. Wußten doch alle, daß man sich jetzt schnell dem dramatischen Schluß des in wochenlanger Arbeit vorbereiteten Unternehmens näherte; daß vielleicht in wenigen Stunden schon auf dem jetzt noch so friedlich daliegenden Eiland entfesselte Naturgewalten von unberechenbarer Größe gegeneinander kämpfen würden.

Professor Eggerth breitete einen Arbeitsplan vor sich aus und begann wie ein Regisseur die Rollen für das, was nun weiter gespielt werden sollte, zu verteilen.

»Wie weit bist du, Hein?« fragte er seinen Sohn.

»Alles programmmäßig erledigt, Vater. Die Ladungen oben am Krater sind zum Zünden fertig, die Kabel bis zum Funkmast geführt. Die Geräte, soweit es vorgesehen war, in den Schiffen verstaut. Alle Leute der Flotte frühstücken jetzt, sollen sich dann ausschlafen.«

»Wie steht's mit Ihnen, Berkoff?« fragte der Professor weiter.

»Alle wertvollen Maschinen an Bord gebracht, Herr Professor. Verwaltungsgebäude zum größten Teil ausgeräumt. Alle Mannschaften sind ebenfalls an Bord, haben bis auf weiteres Freischicht.«

»Gut, Herrschaften.« Professor Eggerth sah erst auf die Uhr und dann auf seinen Arbeitsplan. »Es ist acht Uhr dreißig, um neun Uhr starten alle Schiffe bis auf ›St 25‹ nach Deutschland. Ihr beiden bleibt hier und kommt später mit auf ›St 25‹. Wir drei«, er wandte sich an Wille und Schmidt, »machen um neun Uhr die Schaltung zu den Zündkabeln fertig. Um zehn Uhr gehen wir alle an Bord von ›St 25‹.« – – –

Dröhnend setzte mit dem neunten Glockenschlag auf dem Liegeplatz der Flotte das Propellerspiel ein. Eins der mächtigen Schiffe nach dem anderen löste sich vom Boden und stieg in die Höhe. Eben noch eine Reihe schimmernder Metallbauten, dann schnell kleiner werdend glich die Flotte eben nur noch einer Kette ziehender Wildgänse und wurde schließlich zu einem Strich flimmernder Punkte, der nach Nordosten hin im Blau des Firmamentes verschwand.

Und dann kam die letzte Arbeit. Die Schaltung am Funkmast war zu machen, die Verbindung mit dem Empfangsgerät, den von den Sprengladungen bis hierher geführten Kabeln und einer starken neben dem Mast aufgebauten Sammelbatterie herzustellen. Der lange Schmidt schob Dr. Wille zurück.

»Lassen Sie mich das lieber machen«, meinte er dabei. »Eine Fehlschaltung jetzt, und wir haben die schönsten Aussichten für eine sofortige Himmelfahrt.«

Bereitwillig fügte sich Wille diesmal der Aufforderung Schmidts. Er fühlte selbst, daß seine Hände zitterten. Ruhig, gelassen und hölzern wie immer, schloß der lange Schmidt die letzten Drähte an, durch welche Batterie und Zündkabel in Verbindung kamen. Nur noch ein feines Relais unterbrach den Stromkreis. Schlug seine schwache Zunge um 2 Millimeter aus der Ruhestellung in die Kontaktstellung über, dann war dem Strom der Weg durch die Kabel hindurch freigegeben, hinab in die Tiefe des Stollens zu den Sprengladungen und hinauf zum Krater zu anderen Ladungen, die dessen Wand ringförmig umgaben.

»So! Das wäre auch getan«, sagte Professor Eggerth, nachdem Dr. Schmidt die letzte Schraube festgezogen hatte, »jetzt wollen wir zu ›St 25‹ gehen.«

Langsam schritten sie über den schwellenden Rasen auf den Liegeplatz zu, auf dem jetzt nur noch der Bau von ›St 25‹ in den Strahlen der Morgensonne glänzte, als Dr. Wille stehenblieb und zurückschaute.

»Kommen Sie, Herr Doktor. Wir haben keine Zeit zu verlieren«, suchte ihn Professor Eggerth zu ermuntern.

»Nur eine Minute, Herr Professor.« Wille eilte wieder zurück, bis zu dem Mast vor dem Verwaltungsgebäude, von dessen Spitze sich die deutsche Flagge in einer leichten Brise blähte. Sie sahen, wie er sich an den Leinen zu schaffen machte und das Fahnentuch langsam herunterkam. Er löste es von der Schnur, faltete es zusammen und lief dann zu den anderen, die ihn ungeduldig erwarteten.

»Warum haben Sie das Tuch von der Stange genommen?« fragte Professor Eggerth. Er mußte die Frage wiederholen, bevor er eine Antwort erhielt. Dr. Wille schien in Gedanken versunken und bewegt zu sein.

»Es ist das Symbol unseres Landes ... unseres Volkes«, sagte er, während er das Tuch fester an sich preßte. »Wir wissen nicht, was hier geschehen wird. Die Flagge könnte dabei zu Schaden kommen, vielleicht zerfetzt, beschmutzt oder verbrannt werden. Es ist meine Pflicht, sie davor zu bewahren.«

»Sie haben recht, Herr Doktor«, war alles, was Professor Eggerth darauf erwiderte.

Wenige Minuten später sprangen auch die Motoren von ›St 25‹ an und hoben das Stratosphärenschiff in den Äther. Einsam und verlassen lag das Eiland wieder im endlosen Ozean. Nur ein paar Bauten zeugten davon, daß Menschen auf ihm geweilt und geschafft hatten.

 

Es war ein sehr langer und ungemein kräftiger Fluch, den Captain Dryden vom Stapel ließ, als er den neuen Funkspruch Garrisons erhielt. Wieder einmal den Kurs wenden, noch einmal zu dieser dreimal verwünschten Insel zurückkehren, auf der es nach der Meinung des Captains wirklich nichts Vernünftiges zu holen gab. Von allen guten Geistern schien der sonst sehr ehrenwerte Sekretär des Carnegie-Instituts verlassen zu sein, der ihm das zumutete.

Eine kurze Weile dachte Captain Dryden an offene Auflehnung, aber schnell ließ er den Gedanken wieder fahren, denn allzu sehr war er auf die finanzielle Unterstützung des Instituts angewiesen, und James Garrison war der Mann, aus dessen Händen sie ihm zufloß. Ihn erzürnen hieß sich selber mutwillig eine reichlich fließende Geldquelle verstopfen. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als den Empfang des Radiogramms zu bestätigen und den Bug der › Berenice‹ wieder nach Süden zu richten. Captain Dryden tat es und ging in seine Kabine, um seinen Ärger in einigen Gläsern Whisky zu ertränken.

Er war nicht lange bei dieser Beschäftigung, als schon wieder ein neuer Funkspruch einlief, der ihn kategorisch anwies, jedes Stück Leinewand zu setzen und außerdem auch noch den Motor mit voller Kraft laufen zu lassen. Ein weiteres Hin- und Herfunken folgte danach. Der Captain hielt es für angebracht, sofort die Sonderkosten, die diese neue Fahrt verursachen würde, anzumelden. Er war überrascht, als Mr. Garrison ihm alle Forderungen glatt bewilligte und nochmals schnellst mögliche Fahrt verlangte.

›Mag der Teufel wissen, was der verrückte Kerl auf der verdammten Insel verloren hat?‹ fluchte Captain Dryden vor sich hin, während die › Berenice‹ mit höchster Motorkraft große Fahrt auf Südkurs machte. Ein guter Nordwind kam dabei zu Hilfe; straffgespannt standen die Pardunen, und prall gefüllt waren die Segel. Eine hohe Bugwelle warf die › Berenice‹ vor sich auf, während ihr Rumpf im Takte der Motorzylinder vibrierte. Bis aus 20 Knoten kam das Schiff dabei, und trotz allem Ärger sah Captain Dryden doch mit stiller Freude, was das Log anzeigte. ›Es wird gehörig Treibstoff kosten, aber das Institut wird alles bezahlen‹, tröstete er sich, während er seinen Liegestuhl auf dem Achterdeck wieder aufsuchte.

Und dann kam anderes Motorgeräusch auf. Das Flugzeug Garrisons kam heran, kreiste über der › Berenice‹, ließ neue Anweisungen aus seiner Antenne spritzen und ging auf das Wasser nieder. Neue Flüche fielen aus Captain Drydens Mund, als er Garrisons Anweisungen ausführen ließ. Die › Berenice‹ mußte abstoppen, und ein Deckkran wurde ausgeschwungen, der das Flugzeug aus dem Wasser hob und auf dem Achterdeck absetzte. Gerade im letzten Augenblick noch konnte der Captain seinen bequemen Stuhl vor dem Zerdrücktwerden retten. Mit dem dolce far niente auf dem Achterdeck war es vorbei, solange die massige Maschine Garrisons den Platz für sich beanspruchte. Doch das war nun nicht zu ändern, und der Captain entschloß sich, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

»Darf ich fragen, Mr. Garrison«, sagte er nach einer kurzen Begrüßung, »warum wir so schnell nach der deutschen Insel zurück müssen?«

Garrison hielt es nicht für zweckmäßig, seine Karten vor dem Captain aufzudecken.

»Ich wurde von den Deutschen sehr herzlich eingeladen«, sagte er ausweichend, »es gibt mancherlei auch für uns Wichtiges auf der Insel zu sehen. Deshalb hielt ich es für richtig, die Einladung anzunehmen.«

Captain Dryden wußte nichts von jenem anderen Besuch, den Garrison soeben erst der Insel abgestattet hatte und nahm an, daß diese deutsche Einladung, von der Garrison sprach, durch Funkspruch erfolgt sei.

»Aber mußte die › Berenice‹ deswegen noch einmal die Insel ansteuern? Sie hätten sie im Flugzeug schneller erreicht«, fragte er vorsichtig. Garrison mußte vor sich selber zugeben, daß die Frage berechtigt war und suchte nach einer passenden Ausflucht.

»Ich hielt es der Würde unseres Landes für angemessener, mit einem repräsentativen Schiff, wie die › Berenice‹ es ist, bei den Deutschen zu erscheinen, als mit einem einfachen Flugzeug. Es wirkt besser; es hebt unser Ansehen. Ich denke, Sie werden es verstehen ...«

Er brauchte nicht weiter zu sprechen, das Lob, das er der › Berenice‹ spendete, ging dem Captain glatt ein.

» All right, Sir«, pflichtete er Garrison bei, »unsere › Berenice‹ ist ein stattliches Schiff, das dem Sternenbanner keine Unehre macht. Wir können uns überall mit ihr sehen lassen. Nur ein bißchen mehr Farbe wäre wünschenswert. Wenn ich Ihre Absichten vierundzwanzig Stunden früher gekannt hätte, hätte ich noch manches neu malen lassen können ... Farbe, Mr. Garrison ... wir sind etwas knapp damit an Bord. Es wäre kein Fehler, wenn ich die Vorräte bald ergänzen könnte.«

James Garrison merkte den Kurs, den Captain Dryden steuerte.

»Wir können später darüber reden, Captain«, wich er aus, »vorläufig muß es auch so gehen ...«

»Land voraus!« klang ein Ruf von der Kommandobrücke her in seine letzten Worte.

»Kommen Sie mit auf die Brücke, Captain«, forderte er Dryden auf. »Wir haben die Insel schon in Sicht.«

›Schade!‹ dachte der Captain bei sich, während er Garrison auf die Brücke folgte. Diesmal war die Gelegenheit, noch einen Extraposten für einen neuen Anstrich seines Schiffes herauszuholen, verpaßt.

In den Strahlen der Frühsonne hob sich im Süden die Silhouette der Insel über die Kimme, stieg höher empor und wurde immer deutlicher, je näher die › Berenice‹ herankam.

Geraume Zeit schaute Garrison durch sein Glas, dann setzte er es kopfschüttelnd ab.

»Sehen Sie etwas Besonderes?« fragte Dryden.

»Ich vermisse die deutsche Flagge«, erwiderte Garrison, während er ihm das Glas hinreichte.

»In der Tat, Sir, der Flaggstock ist leer«, bestätigte ihm der Captain seine Beobachtung. »Wundert mich bei den Deutschen. Geht doch sonst alles nach der Uhr bei ihnen. Bei Sonnenaufgang hissen und bei Sonnenuntergang einholen der Flagge. Anders habe ich's nie bei ihnen gesehen.«

Er hätte sich noch weiter über seine Erfahrungen mit den Deutschen verbreitet, wenn die Navigation der › Berenice‹ jetzt nicht seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte. Von früheren Fahrten wußte er, daß auf Seekarten hier kein Verlaß war. Jetzt hieß es ständig loten und die Geschwindigkeit des Schiffes verringern, sobald das Lot Grund erreichte. Stück um Stück wurden die Segel gerefft, nur noch mit gedrosseltem Motor laufend schob sich die › Berenice‹ in langsamer Fahrt näher an das Land heran. Schnell folgten sich die Rufe der am Bug stehenden Lotgäste, immer kleinere Zahlen schrien sie zur Brücke hinauf. Noch reichlich drei Kilometer war das Schiff vom Ufer entfernt, als auf ein Kommando Captain Drydens die Ankerkette rasselnd aus der Klüse lief. Die Grenze, bis zu der die › Berenice‹ sich vorwagen durfte, ohne eine Bodenberührung zu riskieren, war erreicht.

James Garrison brannte darauf, schnell an Land zu kommen, aber Captain Dryden schüttelte den Kopf, als er ihn ersuchte, die Motorpinasse zu Wasser zu lassen.

»Ausgeschlossen, Sir!« lehnte er das Ansinnen ab, »bin schon selber mal damit aufgeschrammt. Sie müssen das Dingi nehmen. Es ist die einzige Möglichkeit, mit trockenen Schuhen bis ans Ufer zu kommen.«

James Garrison war über diese Auskunft nicht sonderlich erfreut. Das Dingi war ein leichtes, sehr flachgehendes Ruderboot, das höchstens sechs Personen aufnehmen konnte. Er selbst hatte wenig Lust zu den Riemen zu greifen und die lange Strecke zu rudern. So entschloß er sich, O'Brien mitzunehmen und erbat sich von der Schiffsmannschaft noch Jeffris und Robertson dazu. Nach kurzem Hin und Her stellte Dryden sie ihm zur Verfügung; mit etwas langen Gesichtern legten die Genannten auf den Befehl des Captains die Riemen in die Dollen, während Garrison den Platz am Steuer einnahm.

»Hoffentlich haben Sie nicht zu schwer geladen, Mr. Garrison«, rief ihm Dryden nach, als das Boot von der › Berenice‹ abstieß und Kurs auf das Land zu nahm. Der Captain stand an der Reling und blickte ihm nach. Er sah, wie es, von kräftigen Ruderschlägen getrieben, vorankam, jetzt schon mehrere hundert Meter, und bald einen Kilometer von der › Berenice‹ entfernt war.

›Bin neugierig, ob die trocken hinkommen werden‹, dachte er gerade, als er angerufen wurde.

» Please, Captain!« Er wandte sich um. Vor ihm stand ein Matrose und reichte ihm einen eben eingegangenen Funkspruch. Captain Dryden las ihn einmal, zweimal und noch ein drittes Mal und griff sich dann an die Stirn.

›Rufen Sie Ihr Boot zurück! Entfernen Sie sich mit Ihrem Schiff sofort aus der Nähe der Insel! Gefahr im Verzug! St 25.‹

›St 25‹? Captain Dryden besann sich. Das war dies deutsche Stratosphärenschiff, das schon einmal seine Pinasse in den Krallen hatte ... Rufen Sie Ihr Boot zurück ... leicht gesagt, aber schwer getan. Wie sollte er das Dingi zurückrufen, das jetzt schon gut zwei Kilometer entfernt war. Einen Versuch wenigstens wollte er machen und rief einen seiner Leute heran, der in der USA-Flotte als Winker ausgebildet worden war. Gab ihm den Auftrag, durch Flaggensignale das Boot zurückzurufen, obwohl er sich selber davon wenig versprach. Die drei Mann an den Riemen, die das Schiff in ihrem Blickfeld hatten, würden die Signale vielleicht ... selbst das war unsicher ... bemerken, aber verstehen würden sie sie kaum, und selbst wenn sie sie verstanden, blieb es noch mehr als zweifelhaft, ob Garrison darauf reagieren und wirklich umkehren würde. – – –

›St 25‹ kreiste in 15 Kilometer Höhe in der Stratosphäre. Im Funkraum stand Professor Eggerth vor einem Sender, in der Linken seine Taschenuhr, die Rechte an einem Schalthebel. Seine Blicke folgten dem Gang des Sekundenzeigers. Noch eine halbe Minute, dann wollte er den Schalter umlegen. Ein winziger Elektromotor würde anlaufen, ein Kontaktrad würde sich drehen und in einem bestimmten Rhythmus eine Reihe kurzer und langer Stromstöße auf den Sender geben. Im gleichen Rhythmus würden Wellenzüge aus der Antenne von ›St 25‹ in den Äther fliegen und auf die Empfangsanlage wirken, die von dem Stratosphärenschiff aus kaum noch erkennbar dort unten auf der Insel stand. Relais würden dort auf die Stromstöße ansprechen, würden zu arbeiten und zu schalten beginnen und würden schließlich dem Batteriestrom den Weg zu den Sprengladungen frei geben ...

»Fünfzig Sekunden ... einundfünfzig Sekunden ... zweiundfünfzig ...« zahlte Professor Eggerth vor sich hin, als Lorenzen ihn anrief.

»Herr Professor, da unten sind Menschen! ... Ein Schiff, ein Boot fährt zur Insel.«

Der Professor zog die Rechte von dem Schalter zurück und blickte in die Richtung, die Lorenzen ihm wies. Er griff zu seinem Glas, um sich besser zu vergewissern und erkannte die › Berenice‹, sah ein Ruderboot, das jetzt schon den halben Weg vom Schiff bis zum Ufer zurückgelegt hatte. Eine Sekunde später hämmerte seine Hand auf der Morsetaste und jagte jenen Funkspruch aus der Antenne, der gleich darauf Captain Dryden aus seiner beschaulichen Stellung an der Reling der › Berenice‹ aufscheuchen sollte.

Durch sein scharfes Glas verfolgte Professor Eggerth weiter, was sich zwei Meilen unter ›St 25‹ abspielte. Er konnte sehen, wie von der › Berenice‹ aus ein Matrose mit zwei Winkerflaggen Signale gab und mußte dann das gleiche feststellen wie Captain Dryden. Die Besatzung des Ruderbootes bemerkte diese Signale nicht oder kümmerte sich doch zum mindesten nicht darum. Mit unverminderter Fahrt verfolgte das Boot seinen Kurs und war jetzt schon dicht am Ufer.

Und dann mußte der Funker Lorenzen sich schwer über Professor Eggerth wundern. Er glaubte erst, seinen Sinnen nicht trauen zu dürfen, als er den Professor zornig mit dem Fuß aufstampfen sah und deutlich die Worte vernahm. »Der Teufel soll die Yankees holen.«

Einen solchen Ausbruch hatte er während der zehn Jahre, die er nun schon mit Professor Eggerth zusammen arbeitete, noch niemals vernommen. Er wollte seinerseits etwas dazu sagen, aber da hatte der Professor bereits den Funkraum verlassen und war hinüber in den Kommandoraum geeilt.

Georg Berkoff saß hier am Steuer. Die Navigation von ›St 25‹ nahm ihn kaum in Anspruch, denn das Schiff zog in mäßiger Fahrt weite Kreise. Die Blicke Berkoffs gingen abwechselnd zu einer Uhr an der Apparatenwand und zu der Insel in der Tiefe. Soviel er darüber wußte, mußte die Sprengdepesche schon seit Minuten aus der Antenne von ›St 25‹ heraus sein und erwartungsvoll harrte er der Dinge, die sich danach auf der Insel ereignen sollten. Er blickte auf, als Professor Eggerth hineinkam und ihm zurief.

»Sturzflug auf die Insel!« Er merkte das Staunen Berkoffs und fügte erklärend hinzu. »Wir können noch nicht sprengen, die Amerikaner treiben sich wieder bei der Insel herum. Wir müssen sie erst wegjagen.«

Der Anweisung Professor Eggerths entsprechend stellte Berkoff die Steuerung ein. In jähem Sturzflug schoß ›St 25‹ wie ein Meteor aus seiner Höhe nach unten. – – –

Das Boot der › Berenice‹ stieß scharrend auf das sandige Ufer, mit einem Satz war Garrison draußen. Er bedeutete Jeffris und Robertson, bei dem Boot zu bleiben und schritt nur von O'Brien gefolgt auf die Wiese zu. Merkwürdig öde und verlassen kam ihm hier alles vor. Daß die Flagge nicht gehißt war, hatten sie schon von Bord der › Berenice‹ aus festgestellt, aber jetzt sah er erst, daß kein Stratosphärenschiff mehr auf dem Liegeplatz ruhte. Auch der Schacht, neben dem bei seinem letzten Besuch reges Treiben herrschte, lag einsam und trug auch kein Fördergestell mehr. Weil und breit war nichts Lebendiges zu sehen.

Garrison befahl O'Brien zurückzubleiben und machte sich auf den Weg zum Verwaltungsgebäude, um festzustellen, was eigentlich los war. Nur eine kurze Weile blickte ihm O'Brien nach, dann wandte er sich nach der Seite hin, wo nur wenige Meter entfernt ein Funkmast stand. Eine elektrische Apparatur, die dort aufgebaut stand, erregte sein Interesse. Mit einer Empfangsanlage schien das etwas zu tun zu haben, was er hier erblickte. Dafür sprachen die Verstärkerröhren und die Abstimmknöpfe. Aber dann wurde der Ire doch wieder in seiner Meinung schwankend, denn er sah auch noch eine lange Reihe von Relais, deren Zusammenhang mit einem Empfänger oder Sender er sich nicht recht vorstellen konnte. Neugierig trat er näher an den Tisch heran und beugte sich über die blinkenden Apparate. Nur in automatischen Telefonzentralen hatte er bisher etwas Ähnliches gesehen. Während er sich noch fragte, was wohl die Deutschen hier mit dieser Apparatur bezwecken konnten, ließ er die Finger seiner Rechten spielerisch darüber hingleiten, betastete die Magnetwicklungen und berührte jetzt eine Relaiszunge. Unter dem schwachen Druck seiner Fingerkuppe gab die feine Metall-Lamelle ein wenig nach. Im gleichen Augenblick schlug ein scharfes Knacken an sein Ohr. Ein kräftiges Starkstromrelais, von der feinen Zunge jenes anderen gesteuert, hatte ebenfalls angesprochen. Erschrocken zog er die Hand zurück, verharrte einen Augenblick regungslos und dann weiteten sich seine Augen.

Eben noch stand der Vulkankegel scharf und klar gegen den tiefblauen Himmel. Jetzt ging ein Zucken durch das Gesteinsmassiv. Für einen Moment schien sich der oberste Teil des Berges von seiner Unterlage loslösen zu wollen. Dann stürzte der kreisförmige Kraterrand von allen Seiten her nach innen ein, im Laufe weniger Sekunden verlor der Vulkan 200 Meter von seiner Höhe. Mehrere Millionen Kubikmeter Fels waren durch die gleichzeitige Explosion von hundert schweren Sprengladungen in Bewegung gesetzt und auf den Lavasee im Kraterinneren geworfen worden.

Noch stand O'Brien wie zu einer Statue erstarrt, als der Donner der Explosionen ihn erreichte, ein scharfes Krachen zuerst, ein langes Rollen und Grollen danach, das ihn zwang, sich die Ohren zuzuhalten. – – –

Auch Captain Dryden sah von der › Berenice‹ aus die Spitze des Vulkans in sich zusammenbrechen, aber er sah außerdem noch etwas anderes, was dem Iren entging, weil er mit dem Rücken nach der See zugewandt stand. Der Captain sah etwa 500 Meter von der Küste entfernt plötzlich aus der Wasserfläche einen riesigen Strudel emporschießen. Wie von einer unwiderstehlichen Kraft gepackt, wurde das Meer dort an die hundert Meter hoch in die Höhe geschleudert. Einen Moment schienen seine Fluten über der Ausbruchsstelle in der Luft zu schweben, dann stürzten sie dumpf brausend, laut aufklatschend zurück, beim Niederfallen eine mächtige Welle erzeugend, die nach allen Seiten über die eben noch fast spiegelglatte Seefläche lief. Sich Überschlagend brandete sie gegen das Ufer der Insel. Auch die › Berenice‹ wurde von ihr getroffen und zerrte bald schlingernd, bald stampfend, an ihrer Ankerkette.

Dem Captain kam das Radiogramm von ›St 25‹ wieder in die Erinnerung. ›Gefahr im Verzug‹ hatte das Stratosphärenschiff gefunkt. Er hielt es nicht für angebracht, sein Schiff noch weiter manövrierunfähig vor Anker liegen zu lassen. Schon ging auf sein Kommando eine Deckwinde an und holte den Anker ein, während gleichzeitig der Motor der › Berenice‹ ansprang. Das Schiff bekam Fahrt und entfernte sich langsam weiter von der Insel.

Hätte Captain Dryden von anderen Erwägungen unbeschwert seinem eigensten Gefühl folgen können, er wäre mit voller Maschinenkraft davongefahren, bis diese unheimliche Insel außer Sicht war. Aber James Garrison war ja dort noch an Land, der Sekretär des Carnegie-Instituts, den Captain Dryden aus mehr als einem Grund nicht im Stich lassen durfte. So gab er schon nach kurzer Fahrt den Befehl wieder beizudrehen, um aus einer, wie er glaubte, sicheren Entfernung zu beobachten, was weiter geschehen würde. – – –

James Garrison hatte die Tür zum Verwaltungsgebäude unverschlossen gefunden und war in das Haus eingetreten. Er stutzte, als er aus dem Vorflur in den Empfangsraum kam. Wo er vor kurzem noch Bilder an den Wänden, Teppiche auf dem Estrich und schwere Sessel gesehen hatte, war alles kahl und leer. Noch stand er kopfschüttelnd in dem ausgeräumten Saal, unschlüssig, ob er weitergehen oder wieder umkehren solle, als ein donnerndes Getöse ihn erschreckte ... ein Gewitter?! Aus heiterem Himmel und in solcher Stärke? Er eilte zu einem Fenster und sah eben noch die letzten Reste des Kraterkranzes zusammenstürzen; im nächsten Moment wußte er, daß es sich hier um eine Sprengung handelte. Er hatte ja selbst bei seinem letzten Besuch die Bohrmaschinen dort oben an der Bergwand gesehen, aber was die Deutschen eigentlich mit ihren Arbeiten bezwecken mochten, war ihm nicht klar.

Nur dessen glaubte er jetzt sicher zu sein, daß sie die Insel verlassen hatten, und daß es für ihn vorteilhaft wäre, ihrem Beispiel zu folgen.

Während er sich der Tür zuwandte, hatte er ein Gefühl, als ob der Boden unter ihm wankte. Ein Erdbeben?! Ausgeschlossen war es auf diesem vulkanischen Boden nicht.

›Raus ins Freie! Sich nicht unter den Trümmern eines einstürzenden Hauses begraben lassen!‹ waren die Gedanken, die ihn beherrschten, während er mit unsicheren Schritten dem Ausgang zustrebte.

Immer stärker wurde in den wenigen Sekunden, die er dafür benötigte, die Bewegung des Fußbodens. Schon klafften hier und dort Risse in dem Estrich, schon zeigten sich Sprünge in den Wänden des massiven Betonbaues. Er atmete erleichtert auf, als er durch die Tür, die er bei seinem Eintritt halb offen gelassen hatte, wieder ins Freie kam. Die schlimmste Gefahr schien damit überwunden zu sein.

Er blieb stehen und schaute sich um. Der Vulkan dort drüben war vollkommen ruhig. Selbst die leichte Rauchwolke, die früher über ihm schwebte, war nach dem Einsturz des oberen Kraterteiles verschwunden. Es machte den Eindruck, als ob die durch die Sprengung in den Kessel geschleuderten riesenhaften Gesteinsmassen den vulkanischen Kräften der Tiefe jeden Ausweg nach oben hermetisch abriegelten.

Starr und unbewegt reckte sich der Vulkankegel in die Höhe, aber um so bewegter war die Rasenfläche, auf der James Garrison stand. So stark wogte sie jetzt hin und her daß er Mühe hatte, sich auf den Füßen zu halten. In Wellenform liefen die Erdstöße über sie hin, daß sie fast einem vom Winde bewegten See glich. Hier und dort vermochte der Boden der Bewegung nicht zu folgen und riß in Spalten auseinander. Jetzt bildete sich ein Riß vor seinen Füßen und zwang ihn, sich mit einem Sprung in Sicherheit zu bringen. Erschreckend wurde ihm klar, daß er auch hier draußen bedroht war.

So gut es auf dem bebenden Boden möglich war, setzte er sich in Lauf und strebte der Uferstelle zu, an der sein Boot lag. Hielt jäh wieder inne, als er sah, wie auch dort alles verändert war. Taumelte dann weiter, bis er sein Ziel erreicht und brockenweise von seinen verstörten Leuten Jeffris und Robertson erfuhr, was sich hier ereignet hatte.

Eine schwere Flutwelle war gegen das Ufer gerollt, hatte das Boot, in dem die beiden saßen, in die Höhe gehoben, 50 Meter landeinwärts mit sich genommen und dann, während die Woge sich selbst überschlug und zurückbrandete, mit dem Kiel nach oben auf den Boden geschleudert. Wie durch ein Wunder waren Jeffris und Robertson ohne ernstliche Verletzungen davongekommen. Bis auf die Haut durchnäßt, standen sie neben dem leckgeschlagenen Boot, als Garrison zu ihnen kam. Jede Möglichkeit, mit diesem Wrack zur › Berenice‹ zurückzukehren, war ausgeschlossen.

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