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Land aus Feuer und Wasser

Hans Dominik: Land aus Feuer und Wasser - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleLand aus Feuer und Wasser
publisherv. Hase & Koehler
printrun79.-100. Tausend
year1939
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150806
projectid016c82bc
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Politische Folgen eines Experimentes

Mehrere Stunden hindurch hatte ›St 25‹ sich in einer Höhe von 6 Kilometern gehalten. Aus sicherer Entfernung hatte man vom Flugschiff aus die weitere Entwicklung der Dinge auf der Insel beobachtet. Jetzt schien Ruhe eingetreten zu sein. Die Wolkenbank nahm nicht weiter an Umfang zu, an einigen Stellen war bereits ein Zurückweichen erkennbar. An eine Landung auf der Insel selbst war freilich vorläufig noch nicht zu denken; man wäre dabei unrettbar in einen undurchdringlichen Nebel gestoßen. Aber es bot keine Gefahr mehr, außerhalb der Nebelzone auf die See niederzugehen, und, um Brennstoff zu sparen, entschloß sich Professor Eggerth von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. In langsamem Gleitflug kam ›St 25‹ aus seiner Höhe hinab. Schimmernd und leicht wie ein Schwan schwamm das Stratosphärenschiff auf dem Weltmeer, kaum merklich von der Dünung hin und her gewiegt. – – –

Auf seiner Suche nach Professor Eggerth stieß der lange Schmidt auf allerlei Hindernisse. Zuerst versperrte ihm in einem der Gänge von ›St 25‹ Dr. Wille den Weg und versuchte, ihn in ein wissenschaftliches Gespräch zu verwickeln. Vergeblich versuchte er, sich freizumachen; nach einem oft bewährter Rezept hielt Wille ihn am obersten Rockknopf fest, und wenn Dr. Schmidt den Knopf nicht opfern wollte, mußte er wohl oder übel eine Weile stillhalten.

»Was ist mit Professor Eggerth eigentlich los?« fragte Wille ziemlich aufgeregt, »er wollte eben von mir etwas über die Auswurfsmengen von Vulkanen erfahren. Da steckt was dahinter. Wissen Sie etwas darüber?«

»Keine Ahnung, Herr Doktor. Ich weiß nichts.« Der lange Schmidt versuchte, seinen Knopf aus Willes Händen zu befreien, aber vergeblich.

»Ich bitte Sie, Herr Kollege«, fuhr Wille eindringlicher fort, »wir hatten bis jetzt nie Geheimnisse voreinander. Ich habe den Eindruck, daß der Professor Versuche geophysikalischer Art vorhat, und daß Sie etwas davon wissen. Wollen Sie mir nicht sagen, worum es sich handelt?«

Der lange Schmidt biß sich auf die Lippen. Mit Gewalt unterdrückte er die Neigung, mit Dr. Wille eine Diskussion über die nach seiner Meinung gänzlich verfehlten Theorien von Professor Eggerth zu beginnen.

»Mir ist nichts Derartiges bekannt, Herr Dr. Wille«, sagte er in Erinnerung an das Versprechen der Verschwiegenheit, daß Professor Eggerth ihm abgenommen hatte. Doch so schroff und abweisend er es auch vorbrachte, Wille ließ sich nicht täuschen.

»Sie müssen etwas wissen, Herr Kollege«, drang er von neuem in ihn. »Sie waren lange mit ihm in seiner Kabine zusammen, bevor ›St 21‹ ankam. Ich habe beobachtet, wie ›St 25‹ mit seinen Gefriermaschinen gearbeitet hat. Wo ist die Eisbombe geblieben, die das Schiff mit deren Hilfe hergestellt hat? Sie müssen doch darüber etwas wissen ...«

Vergeblich wand sich Dr. Schmidt unter einem Feuer von Kreuz- und Querfragen hin und her, vergeblich beteuerte er, nichts über diese Dinge zu wissen, er wäre doch nicht losgekommen, wenn nicht in diesem Moment die Nähfäden seines Knopfes unter dem drehenden Zug von Willes Händen nachgegeben hätten. So glückte es ihm endlich, sich mit einem Sprung in Sicherheit zu bringen. Während Dr. Wille noch lebhaft gestikulierend allerlei hinter ihm her rief, eilte er den Gang entlang, kam in den Mittelraum und wurde von neuem aufgehalten.

»Hallo, Mister Doktor!« rief Smith ihn an und trat ihm in den Weg, als er nicht gutwillig stehenblieb.

»Einen Moment, bitte, Mister Doktor! Ich wollte Sie nur fragen: lebt der alte Mann in Waltershausen noch?«

»Welcher alte Mann?« fragte Dr. Schmidt, dessen Gedanken ganz woanders waren.

»Ich meine den alten Herrn Rat ... den Herrn Forstrat Schmidt in Waltershausen«, erklärte sich Smith näher.

»Forstrat Schmidt ... Waltershausen? ...« Nur allmählich kamen die Gedanken von Dr. Schmidt in ein anderes Fahrwasser. »Ach, Sie sprechen von meinem Vater. Natürlich lebt er noch. Ist ja eben erst Siebzig. Noch sehr frisch und rüstig.«

»Aber wohl ein altes Blockhead,« platzte Smith in Yankeemanier raus.

»Wie kommen Sie zu der Meinung?« fragte der lange Schmidt und setzte dabei seine abweisendste Miene auf.

»Weil der alte Mann meinem Dad niemals auf seine Briefe geantwortet hat, Mister Doktor. Ich hab's Ihnen ja schon erzählt. Dad ging von Haus weg, weil er Zank mit dem Alten hatte. Ist in USA etwas geworden; hat dann nach Hause geschrieben. Öfter als einmal, Sir; ist ihm aber ähnlich damit gegangen wie dem Apostel Paulus. Hat niemals eine Antwort darauf bekommen. Hat's dann schließlich aufgegeben.«

Dr. Schmidt setzte zu einer Antwort an, öffnete die Lippen, brachte nur einen Seufzer hervor und schwieg wieder. Hatte es einen Zweck zu dem jungen Menschen, der da munter und frisch wie das ewige Leben vor ihm stand, von dem tyrannischen Alten zu sprechen, dessen Starrköpfigkeit ihm selbst seine besten Jahre verbittert hatte. Öfter als einmal hatte er in jenen vergangenen Zeiten den Bruder beneidet, der sich der Unterdrückung kurzerhand durch seine Auswanderung entzogen hatte. Gewiß, er selber hatte schließlich auch seinen Weg gemacht. In zäher, jahrelanger Arbeit hatte er sich von dem Brotstudium her, das der Alte ihm aufzwang, den Weg zur freien Wissenschaft erzwungen, der nun einmal sein ganzes Herz gehörte. Aber Nerven und unsägliche Arbeit hatte das gekostet; ein stiller in sich verschlossener Mann war er darüber geworden. Für einen Sonderling hielten ihn viele, die von seinen Kämpfen und Entsagungen nichts wußten. Sollte er dem Sohn seines glücklicheren Bruders, den ein wunderlicher Zufall ihm hier in den Weg führte, davon sprechen, daß der alte Forstrat in Waltershausen sogar mit ihm, der sich heut Doktor und Ministerialrat nennen durfte, immer noch unzufrieden war?

Mr. Smith dauerte die Pause, die Dr. Schmidt machte, zu lange. »Der alte Mann ist also noch rüstig beieinander, Mister Doktor?« meinte er.

»Noch sehr rüstig, noch sehr energisch«, erwiderte Dr. Schmidt, aus seinem Nachsinnen erwachend.

»Well, Sir, ich habe eine Idee«, sagte Mr. Smith. »Sie gehen doch mit Ihrem Flugschiff nach Deutschland zurück. Ich möchte mitkommen und den alten Mann besuchen.«

Deutlich malte sich in den Zügen des Doktors das Erschrecken, das der Vorschlag ihm verursachte. Smith bemerkte es und lachte.

»Nun, Mister Doktor, fressen wird der Alte seinen Großsohn nicht. Mehr als rauswerfen kann er mich auch nicht. Daraufhin möchte ich's riskieren.«

»Ich fürchte ... ich fürchte, mein lieber Smith ...«, Dr. Schmidt suchte nach passenden Worten, »allzu freundlich wird der Empfang nicht werden, wenn der alte Herr Sie überhaupt empfängt.«

»Könnten Sie mir nicht eine kleine Empfehlung mitgeben?« fragte der Amerikaner. »Vielleicht Ihre Besuchskarte mit ein paar einführenden Zeilen, damit der Herr Forstrat gleich weiß, wer zu ihm kommt.«

Mit beiden Händen winkte Dr. Schmidt ab. »Das wäre total verkehrt, mein Lieber. Wenn Sie's schon machen wollen, müssen Sie's auf dem Wege der Überrumpelung versuchen.«

»Auch gut«, nickte Frederic Smith. »Machen wir also eine surprise party. Erst mal in Waltershausen sein, dann wird sich das Weitere finden.«

Und nun, nachdem auch tiefe Unterhaltung beendet war, konnte Dr. Schmidt endlich seinen Weg zu Professor Eggerth fortsetzen. Er traf ihn in seiner Kabine.

»Gut, daß Sie kommen, Herr Dr. Schmidt«, begrüßte ihn der Professor. »Ich überlege eben unsere nächsten Maßnahmen. Gewisse Nachrichten, die ich aus Deutschland erwartete, sind leider noch nicht eingetroffen. Auf der Insel hier ist im Augenblick wenig zu machen. Wir müssen abwarten, bis die Dampfschwaden sich verzogen haben. Ich gedachte die Zeit zu benutzen, um unsere beiden amerikanischen Gäste abzusetzen.«

»Wo wollen Sie sie hinbringen?« fragte Dr. Schmidt.

»Ich möchte sie Captain Dryden übergeben. Er ist mit dem Auftrag hierhergekommen, sie abzuholen. Wenn er sie an Bord nimmt, ersparen wir uns einen Abstecher nach USA, der uns unnötig Zeit und Brennstoff kosten würde. Sie machen ein Gesicht, mein lieber Doktor, als ob Sie nicht ganz damit einverstanden wären. Was für Bedenken haben Sie?«

Dr. Schmidt mußte seine Gedanken erst sammeln, bevor er seine Einwände vorzubringen vermochte. »Captain Dryden treibt sich mit der › Berenice‹ ziemlich ziellos in der Südsee herum«, begann er zögernd. »Es kann unter Umständen lange dauern, bis er Gelegenheit findet, die beiden auf einen Dampfer nach USA zu setzen.«

»Das braucht nicht unsere Sorge zu sein«, wehrte Professor Eggerth ab. »Damit mußten die beiden auf jeden Fall rechnen.«

»Außerdem, Herr Professor«, fuhr Dr. Schmidt fort, »ist einer von ihnen Deutschamerikaner. Er sprach mir gegenüber vor kurzen den Wunsch aus, mit nach Deutschland genommen zu werden Er hat wohl die Absicht, dort Verwandte aufzusuchen ...«

Professor Eggerth warf dem langen Doktor einen verstohlenen Blick zu. Durch seinen Sohn war er von dem zufälligen Zusammentreffen von Oheim und Neffen unterrichtet worden, hatte aber bisher Dr. Schmidt gegenüber ebenso darüber geschwiegen wie über manches andere, was er von dessen Familienverhältnissen wußte.

»Sie meinen, Herr Doktor, daß man Mr. Smith seinen Wunsch erfüllen sollte?« fragte er leichthin.

»Ich denke ja, Herr Professor.«

»Meinetwegen, Herr Doktor. Nehmen wir ihn also nach Deutschland mit. Den andern könnten wir aber doch an die › Berenice‹ abgeben. Ich habe vor kurzem Funkverbindung mit Dryden aufgenommen. Wir kennen den Standort seines Schiffes und können in einer knappen Stunde bei ihm sein.«

»Wie Sie meinen, Herr Professor. Ich glaube allerdings, daß es auch Mr. O'Brien angenehmer sein würde, von ›St 25‹ mit nach Deutschland genommen zu werden. Von Hamburg kommt er auf alle Fälle schneller nach Neuyork als von irgendeinem Hafen in der Südsee.«

»Sie verstehen für Ihre Freunde zu plädieren«, meinte Professor Eggerth lächelnd. »So unrecht haben Sie nicht. Nehmen wir also in Gottes Namen auch den andern mit nach Deutschland. Ich werde an Captain Dryden funken lassen, daß wir uns anders besonnen haben.« Er griff nach dem Telefon und rief die Funkerkabine an. Dr. Schmidt hörte ihn sprechen.

»So?! Ein langes verschlüsseltes Telegramm aus Berlin? Schicken Sie es mir bitte hierher.« Er gab Lorenzen noch Anweisungen für den neuen Funkspruch an Captain Dryden und legte eben wieder den Hörer auf, als ein Mann der Besatzung ihm die von Lorenzen angekündigte Depesche brachte. Unverzüglich machte er sich an die Entschlüsselung. Dr. Schmidt wollte dabei nicht stören und schickte sich an, den Raum zu verlassen.

»Einen Augenblick, Herr Doktor«, hielt ihn der Professor zurück. »Würden Sie die Güte haben, Herrn Dr. Wille aufzusuchen und mit ihm in etwa zehn Minuten zu mir zu kommen.«

Dr. Schmidt ging, um den Auftrag auszuführen.– – –

»Sie wünschen mich zu sprechen, Herr Professor«, sagte Wille, als er mit Dr. Schmidt zusammen in die Kabine kam. Professor Eggerth nickte. »Nehmen Sie bitte Platz, Herr Doktor.« Er reichte ihm das dechiffrierte Radiogramm hin. »Wollen Sie sich das bitte einmal ansehen.«

Dr. Wille griff nach den Blättern und begann zu lesen. Schon nach den ersten Zeilen stutzte er, und je weiter er kam, um so stärker malten sich Überraschung, Staunen und schließlich maßlose Verblüffung in seinen Zügen. Tief aufatmend legte er die Blätter zurück und suchte sich zu sammeln.

»Nun, was sagen Sie dazu, Herr Reichskommissar?« fragte Professor Eggerth.

»Das verstehe wer kann!« brachte Wille immer noch fassungslos hervor. »Die Insel hier von uns für Deutschland schon vor einer Woche in Besitz genommen?! ... Bedingungslose Anerkennung unserer Erwerbung durch USA ... durch Frankreich ... England ... ich selbst wieder aus dem Ruhestand zurückgerufen ... zum Kommissar für die Neuerwerbung ernannt ... Das Ganze kommt mir wie ein Traum vor. Ich würde es für eine Mystifikation halten, Herr Professor, wenn ich diese Blätter nicht aus Ihrer Hand erhalten hätte.

»Es ist Wahrheit, Herr Dr. Wille. Die Insel dort drüben ist international anerkanntes deutsches Gebiet. Nur freilich können wir im Augenblick mit unserm Besitz noch nicht viel anfangen. Es wird noch einige Tage währen, bis die Nebel sich verzogen haben. Wir werden die Zeit benutzen, um mit voller Maschinenkraft nach Deutschland zurückzukehren und im Auswärtigen Amt die nächsten Maßnahmen zu besprechen. Dort wird man Ihnen, Herr Wille, und auch Ihnen, Herr Schmidt, Ihre neuen Bestallungsurkunden überreichen.«

Dr. Schmidt saß eine Weile stumm da und machte Kieferbewegungen, als ob er auf etwas kaute. »Ja aber, Herr Professor«, kam er danach mit seinem Einwand heraus, »wie wollen wir später beweisen, daß das hier wirklich unsere Insel ist, wenn wir jetzt wieder weggehen.«

»Ich bitte Sie, Herr Kollege«, versuchte ihn Wille zu belehren, »die Ortsbestimmung steht fest, die Anerkennung der anderen liegt vor. Wer sollte uns unsern Besitz streitig machen?«

»Sie haben recht, Herr Wille. Aber auch der Einwurf unseres Freundes Schmidt ist nicht unberechtigt«, meinte Professor Eggerth. »Jene Handlung, welche so recht eigentlich die Besitznahme symbolisiert und manifestiert, haben wir bisher noch nicht ausgeführt. Ich meine die Hissung der deutschen Flagge auf dem von uns besetzten Gebiet.«

»Hm, ja allerdings! Das haben wir versäumt«, sagte Wille, während der lange Schmidt durch das Fenster zu der wogenden Nebelmasse hinüberblickte, in der die Insel verborgen lag.

»Ausgeschlossen, da eine Flagge zu hissen«, sagte er in seiner wortkargen Manier.

»Vielleicht wird es doch gehen, meine Herren«, meinte Professor Eggerth. »Erinnern Sie sich, auf welche Weise in vergangenen Jahrzehnten die ersten Überflieger der Erdpole ihre Entdeckungen markiert haben?«

Dr. Wille nickte. »Sie warfen einfach eine Flagge ihrer Nation vom Flugzeug aus ab. Ich muß sagen«, fügte er bedachtsam hinzu, »daß ich das für kein sehr beweiskräftiges Mittel halte. Diese Flaggen wurden ja doch mit dem wandernden Eis später Gott weiß wohin vertrieben. Sollte man nicht doch lieber hier bleiben, bis der Nebel sich gelichtet hat und dann eine ordnungsgemäße Flaggenhissung vornehmen?«

»Dazu haben wir keine Zeit«, widersprach Professor Eggerth. »Es muß sofort geschehen. Aber ich denke, wir werden es so machen, daß es trotz allem die richtige Form und volle Gültigkeit hat.«

»Bin neugierig, wie das möglich wäre?« brummte Dr. Schmidt.

»Sie werden es sehr bald sehen, Herr Doktor«, sagte der Professor, griff zum Telefon und sprach mit dem Kommandoraum.

Wenige Minuten später brüllten die Motoren von ›St 25‹ auf. Das Flugschiff hob sich von der Seefläche ab, stieg auf etwa 1500 Meter Höhe und schob sich langsam vorwärts, bis es ziemlich genau über der Mitte der Nebelbank stand.

»Wollen Sie mich bitte in den Kielraum begleiten?« lud Professor Eggerth die Herren Wille und Schmidt ein, und als sie dorthin kamen, sahen sie, daß von Hein Eggerth und Berkoff schon Verschiedenes vorbereitet war. Ein etwa 20 Meter langer Flaggenmast aus gediegenem Mannesmannstahlrohr lag dort bereit. An seinem oberen Ende war die Reichsflagge befestigt, das untere Ende lief in eine scharfe Spitze aus und trug kurz darüber eine mit dem Rohr fest verbundene Bleilast von mehreren Zentnern.

Auf einen Wink des Professors öffnete sich dicht neben dem Kiel eine breite Luke. Ein kräftiger Flaschenzug, von Hein Eggerth und Berkoff bedient, packte den Mast, hob ihn an, zog ihn ein Stück vorwärts und ließ ihn durch die Luke langsam hinausgleiten. Frei hing er jetzt senkrecht unter dem Flugschiff in der Luft. Ein neues Kommando aus dem Mund des Professors, ein Ruck an einem feinen Drahtseil, die Klemme, die das Rohr bis dahin gehalten hatte, öffnete sich und gab den Mast frei. Pfeilgerade und senkrecht stürzte er jäh in die Tiefe; kurze Sekunden hindurch sahen die fünf im Kielraum noch die Flagge an seiner Spitze flattern. Dann tauchte er in die Nebelbank und entschwand ihren Blicken. Dröhnend schloß die Luke sich wieder.

»Nun und?« fragte Dr. Wille nach einer Pause des Schweigens.

»Ich nehme an, Herr Doktor«, antwortete Professor Eggerth, »daß der Mast die Wiese, auf der wir mit ›St 25‹ gelegen haben, treffen und sich etwa zwei Meter in den Boden einbohren wird. Dort mag er stehen und für uns zeugen, bis wir wieder hierher zurückkommen. Jetzt mit vollem Dampf nach Deutschland.«

*

Der Rückflug von ›St 25‹ verlief ohne Zwischenfall. In einer Rekordzeit von wenig mehr als zwölf Stunden umkreiste das Schiff auf dem Wege zur fernen Heimat den halben Erdball. Ungesehen und ungehört jagte es in der eisigen Stratosphäre über Ozeane und Kontinente dahin, schneller auf seiner Bahn als die Sonne, die hinter ihm im Osten zurückblieb. Noch eine kurze Besprechung gab es auf dem Heimflug zwischen Wille und Schmidt auf der einen und Professor Eggerth auf der anderen Seite.

»Nun sagen Sie mir bitte um alles in der Welt«, fragte Dr. Wille, »wie das Reich dazukommt, gerade dieses gottvergessene Inselchen in Besitz zu nehmen? Es sind kaum mehr als 15 Quadratkilometer, von denen sich gut gerechnet drei Viertel urbar machen lassen dürften. Was wollen Sie mit dem bißchen Land anfangen? Allenfalls ließen sich ein paar hundert Menschen darauf ansiedeln, aber lohnt sich deswegen eine solche Haupt- und Staatsaktion.«

Noch ehe der Professor die Fragen Dr. Willes beantworten konnte, nahm der lange Schmidt das Wort. Seine Ausführungen bewegten sich mehr auf wissenschaftlichem Gebiet, denn er hatte den Bericht der Carnegie-Expedition sehr genau gelesen und holte aus ihm die Gründe für sein Urteil über die Insel, das nicht weniger absprechend war, wie dasjenige Dr. Willes.

»Obwohl die amerikanische Expedition ihre Arbeiten vorzeitig abbrechen mußte«, schloß er seine Ausführungen, »geht doch aus ihren Aufzeichnungen mit Sicherheit hervor, daß weder die Fauna noch die Flora dieser Insel noch auch ihre geophysikalischen Verhältnisse irgend etwas Besonderes bieten. Ich vermag deshalb ebensowenig wie Herr Dr. Wille einen Grund für diese Erwerbung zu finden, oder ...« ein plötzlicher Einfall schien dem langen Doktor zu kommen, »vermuten Sie etwa irgendwelche Bodenschätze besonderer Art auf diesem Fleckchen Erde, Herr Professor? Dann müßte ich freilich an Hand der erdmagnetischen Messungen der Carnegie-Expedition sagen, daß ich etwas Derartiges für durchaus unwahrscheinlich halte.«

Professor Eggerth hatte sich gleich beim Beginn der Unterredung eine Zigarre angezündet, blies behaglich Rauchringe in die Luft und ließ die beiden Doktoren ruhig reden.

»Sind Sie jetzt fertig, Herr Doktor?« fragte er geruhsam, als der lange Schmidt in seinem Diskurs eine Pause machte.

»Ich bin fertig, Herr Professor«, sagte Schmidt.

»Gut, meine Herren; ich verstehe Ihre Einwände vollkommen zu würdigen. Wenn mit der Insel alles so bleiben sollte, wie es jetzt ist, hätte die Erwerbung in der Tat wenig Wert. Ich hoffe aber, daß es nicht so bleiben wird.«

Professor Eggerth lehnte sich zurück und blies einen Rauchring von sich. Wille und Schmidt sahen sich gegenseitig fragend an, während der Professor sich im stillen über ihre Ratlosigkeit belustigte.

»Wollen Sie sich nicht etwas näher erklären, Herr Professor?« fragte Dr. Wille stockend.

»Leider kann ich Ihnen diesen Wunsch nicht erfüllen, meine Herren«, meinte Professor Eggerth. »Ich möchte über meine Absichten und Pläne erst mit Ihnen sprechen, wenn sie die Billigung unserer Regierung gefunden haben. Ich hoffe aber ... ja ich möchte sagen, ich bin fest überzeugt, daß das der Fall sein wird, und dann werden Sie alles erfahren. Ja, noch mehr, meine Herren, ich rechne dann fest mit Ihrer Mitarbeit, denn ich denke, wir werden in den kommenden Wochen und Monaten auf dieser Insel reichlich zu tun haben.«

»Auf unsere Mitarbeit, Herr Professor?« Wille schüttelte zweifelnd den Kopf. »Ich sehe noch nicht, wie das werden soll. Vorläufig bin ich ein Kommissar für ein unbewohntes Stückchen Erde, ein König ohne Untertanen, wenn Sie so wollen.«

Professor Eggerth lachte. »Doch nicht so ganz, mein lieber Herr Dr. Wille. Immerhin haben Sie schon Ihren getreuen Dr. Schmidt wieder ...«

Der lange Schmidt zog eine essigsaure Miene. Er schien sich in der Rolle als einziger Untertan von Dr. Wille nicht zu gefallen. Aber er blickte etwas versöhnlicher, als Professor Eggerth fortfuhr.

»Sie werden auch Bürger in Ihrem Reich haben, Herr Dr. Wille. Menschen in Hülle und Fülle; wenn es so geht, wie ich es hoffe, wird Ihr Reich nicht so klein bleiben wie ...«, er brach jäh ab, als hätte er schon zuviel gesagt.

»Sie spannen uns auf die Folter, Herr Professor«, rief Dr. Wille ungeduldig. »Sie machen geheimnisvolle Andeutungen und geben uns Rätsel auf. Ich bitte Sie, sagen Sie uns doch endlich, was Sie vorhaben.«

»Später, meine Herren«, lehnte Professor Eggerth die Forderung Willes ab. »Sowie ich in Berlin meinen Plan vorgetragen habe, sollen Sie alles erfahren. Bis dahin bitte ich Sie, sich zu gedulden.«

Vergeblich bemühten sich Wille und Schmidt, Professor Eggerth umzustimmen. Er zog es vor, zu schweigen.

In Spannung und Erwartung zählten die beiden Doktoren die Stunden, während ›St 25‹ mit unverminderter Maschinenkraft seinen Weg durch die Stratosphäre verfolgte. – – –

Kurz vor Mitternacht setzte ›St 25‹ auf dem Gelände der Eggerth-Werke bei Bitterfeld auf. Schon am nächsten Morgen ließ sich Professor Eggerth bei Minister Schröter melden.

Er wurde kühler empfangen als bei früheren Besuchen. Es gehörte keine besondere Menschenkenntnis dazu, um dem Minister anzusehen, daß er in keiner rosigen Laune war. Zurückhaltender als sonst, bat er den Professor, Platz zu nehmen und spielte nervös mit einem Brieföffner. Professor Eggerth fühlte die veränderte Stimmung recht wohl, aber er ließ sich nichts anmerken.

»Ich habe um diese Unterredung gebeten, Herr Minister«, begann er, »um mit Ihnen die Zukunft unserer neuen Erwerbung zu besprechen.«

Schröter saß steif in seinem Sessel und nickte nur unmerklich, ohne ein Wort zu erwidern.

»In der jetzigen Form hätte die Insel begreiflicherweise nur einen geringeren Wert für uns«, fuhr Professor Eggerth fort.

»Was verstehen Sie unter der jetzigen Form?« warf Schröter kurz dazwischen.

Professor Eggerth griff nach seiner Aktentasche und zog einen Plan der Insel heraus. »Ich meine in dieser Form, Herr Minister, in der sie jetzt da liegt. 15 Quadratkilometer ... das wäre in der Tat sehr wenig; aber ich denke, man wird das ändern können ...«

»Wann haben Sie die Insel zuletzt gesehen?« unterbrach ihn Schröter zum zweiten Male.

»Vor nicht ganz 24 Stunden, Herr Minister.«

Schröter schüttelte den Kopf. »Ich verstehe Sie nicht, Herr Professor. Dann müßten Sie doch wissen, daß die Insel nicht mehr vorhanden ist ... daß ein zweiter Vulkanausbruch sie vor wenigen Tagen vernichtet hat.«

»Zweifellos, Herr Minister! Das müßte ich wohl wissen, wenn es der Fall wäre, aber ich kann Ihnen mit gutem Gewissen versichern, daß es nicht der Fall ist.«

»So!? Hm ...« Schröter wurde unsicher ... er suchte unter den Papieren auf seinem Tisch und holte ein Blatt hervor.

»Was sagen Sie zu dieser Meldung, Herr Professor?« fragte er, während er es Professor Eggerth überreichte. Der warf nur einen kurzen Blick darauf.

»Ich kenne den Funkspruch schon seit einigen Tagen, Herr Minister. Er stammt von dem amerikanischen Kapitän Dryden, der mit seinem Schiff, der › Berenice‹, die Insel gerade ansteuerte, als ich mir die Freiheit nahm, sie durch einen Vorversuch ein wenig zu vernebeln. Von der Insel hat der Mann überhaupt nichts mehr sehen können, aber sein Schiff ist auf ein paar Klippen geschrammt, als er es leichtsinnigerweise versuchte, in den Nebel hineinzusteuern. Mit einiger Mühe kam er wieder los und hat dann nach Yankeemanier eine Sensationsdepesche in die Welt gefunkt.

Sie war in erster Linie für das Carnegie-Institut bestimmt, das ihm einen ständigen Zuschuß für seine Expedition gibt. Der Captain wollte doch für das Geld auch etwas tun. Aber ich sehe, Herr Minister«, der Professor nahm das Blatt wieder zur Hand, »daß die Meldung inzwischen ganz hübsch weiter aufgebauscht und ausgeschmückt worden ist. Für unsere Absichten ist das übrigens nicht ungünstig. Je mehr die andern davon überzeugt sind, daß die Insel durch einen zweiten Ausbruch zerstört ... sozusagen wieder von der Bildfläche verschwunden ist, desto weniger brauchen wir mit Neugierigen zu rechnen, die uns während der nächsten Monate wenig willkommen wären.«

Stück um Stück fiel, während Professor Eggerth sprach, von Minister Schröter die Zurückhaltung und Steifheit ab. Zusehends wurde er wieder der alte, so wie ihn Professor Eggerth von früheren Besprechungen her kannte.

»Das sind Neuigkeiten, von denen wir hier nichts wissen konnten«, sagte er lebhaft. »Ich bin gespannt, Genaueres von Ihnen zu erfahren. Sie sprechen von einem Versuch, durch den Sie die Insel vernebelt haben? Was haben Sie gemacht?«

»Es war nur ein kleiner Vorversuch, Herr Minister. Ich habe dem neuen Vulkan eine Eispille zu schlucken gegeben, und er hat so darauf reagiert, wie ich es erwartete, er hat sofort kräftig gespien.«

»Und der Nebel, Herr Professor? Sie sprachen von einer Vernebelung der Insel?«

»Das war nur eine Nebenerscheinung, Herr Minister. Wenn glutflüssige Lava in die See strömt, gibt es Dampf. Wenn viel Lava hineinfließt, gibt es viel Dampf. Ich ziehe aus der Größe der Nebelbank den Schluß, daß unser Inselchen durch diesen Vorversuch schon ein Stückchen gewachsen ist. Captain Dryden hat davon schon etwas zu kosten bekommen, als er auf Klippen traf, wo früher tiefe See war. Möglicherweise sind aus unseren 15 Quadratkilometern inzwischen schon 30 geworden.«

Gespannt war Schröter den Ausführungen Professor Eggerths gefolgt.

»Ah! das wird interessant, Herr Professor«, meinte er jetzt. »Was beabsichtigen Sie weiter zu unternehmen?«

»Ich will das Experiment in etwas veränderter Form noch einmal unternehmen, Herr Minister, aber diesmal in einem viel größeren Maßstabe. Wir riskieren etwas dabei, das darf ich nicht verhehlen. Die Möglichkeit ist vorhanden, daß die durch den neuen Versuch entfesselten Kräfte der Tiefe zu gewaltig werden und daß die Insel bei einem dritten Ausbruch, den der Versuch notwendigerweise zur Folge haben muß, wirklich zum Teufel geht. Die Gefahr müssen wir laufen. Wenn es aber so geht, wie ich zu hoffen wage, dann wird der Erfolg unserer Unternehmung eine Vervielfachung des vorhandenen Areals sein. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wie groß der Gewinn an Neuland sein wird, aber ich möchte ihn ziemlich hoch einschätzen.«

Minister Schröter räusperte sich ein paarmal. »Also doch ein nicht ganz ungefährliches Unternehmen, Herr Professor?«

»Ich deutete das bereits an, Herr Minister.«

»Können Menschenleben dabei verlorengehen?«

»Das ist nach menschlichem Ermessen so gut wie ausgeschlossen. In dem Augenblick, in dem dieser neue Versuch die Kräfte der Tiefe entfesselt, werden sich die Werkleute, die ihn vorbereitet haben, längst an Bord unserer Flugschiffe in der Stratosphäre und damit in Sicherheit befinden.«

Minister Schröter nickte. »Das erleichtert mir die Entscheidung, Herr Professor. Würden Sie die Güte haben, mir Genaueres über Ihren Plan mitzuteilen?«

Wieder griff der Professor nach seiner Aktentasche und entnahm ihr ein ziemlich umfangreiches Schriftstück. »Ich habe hier eine Denkschrift über meinen Plan aufgesetzt«, begann er, »in der Sie, Herr Minister, alles Nähere über die erforderlichen Arbeiten und Hilfsmittel finden und außerdem eine ausführliche Darstellung der physikalischen Überlegungen, auf die hin ich zu dem ganzen Plan gekommen bin ...«

Während Professor Eggerth sprach, hatte Minister Schröter bereits begonnen, in der Denkschrift zu blättern. Jetzt ließ er sie wieder sinken und blickte sein Gegenüber prüfend an.

»Ein gewagtes Unternehmen, Herr Professor Eggerth, das Sie sich vorgenommen haben. Es wird auch nicht ganz wohlfeil werden..

»Den Einsatz muß man wagen, wenn man gewinnen will, Herr Minister. Ich rechne mit einer Mannschaft von etwa fünfzig Köpfen. Es müßten tüchtige Bergleute sein, die im Stollenbau Erfahrung haben und mit Sprengungen Bescheid wissen. Die technische Leitung der Arbeiten würde ich mit meinen Ingenieuren selber übernehmen. Auch die für den Transport erforderlichen Stratosphärenschiffe würde mein Werk in Bitterfeld zur Verfügung stellen.«

»Und die Zeit, Herr Professor? Mit welcher Arbeitsdauer rechnen Sie?«

Professor Eggerth griff nach der Denkschrift und blätterte darin. »Sie finden hier einen detaillierten Arbeitsplan, Herr Minister. Ich beabsichtige in vier Schichten zu je sechs Stunden arbeiten zu lassen. Bei einer derartigen Organisation würde man es in zehn bis zwölf Wochen schaffen können.«

Der Minister warf ein paar Zahlen aufs Papier und machte eine überschlägige Rechnung auf. Professor Eggerth lächelte. »Sie finden das alles auf Seite achtundsiebzig der Denkschrift. Ich habe dort einen Kostenüberschlag eingesetzt, auf den folgenden Seiten sind die Maschinen, in der Hauptsache Gesteinsbohrmaschinen, angegeben, die Sie für die kurze Zeit wohl aus den Beständen der staatlichen Bergwerkbetriebe zur Verfügung stellen könnten. Auf Seite neunundachtzig meiner Aufstellung ist der voraussichtliche Sprengstoffverbrauch angegeben. Weiter finden Sie dann eine Generalaufstellung der Kosten und auf Seite hundert einen Überschlag des Gewinnes, den das Unternehmen im Falle des Gelingens bringen könnte.«

Während Professor Eggerth noch sprach, hatte sich Minister Schröter schon wieder in die Denkschrift vertieft. Mit Gewalt machte er sich jetzt von dieser Lektüre, die ihn ungemein zu fesseln schien, frei und schöpfte tief Atem.

»Wie stellen Sie sich zu meinem Vorschlag, Herr Minister«, fragte Professor Eggerth.

»Mein lieber Herr Professor«, der Minister legte seine Hand auf die Denkschrift, »ich bin schon jetzt für Ihren Plan eingenommen. Selbstverständlich muß ich Ihr Exposé noch gründlich studieren, aber ich denke, daß dies Studium mich in meiner Überzeugung bekräftigen wird. Ich muß die Angelegenheit danach in einem Ministerrat vortragen. Ich hoffe sie dort durchzubringen, und dann werden wir schnell handeln. Halt, Herr Professor!« Minister Schröter lachte. »Ich sehe es Ihnen schon am Gesicht an, was Sie jetzt fragen wollen. Kommen Sie in vier Tagen wieder zu mir. Ich werde Ihnen dann Bescheid ... hoffentlich einen günstigen Bescheid geben können.«

Professor Eggerth erhob sich und nahm seine Aktentasche an sich.

»Ich verlasse mich auf Ihr Wort, Herr Minister«, sagte er zum Abschied. »In vier Tagen werde ich wieder bei Ihnen sein. Jetzt fahre ich nach Bitterfeld zurück, um die Flugschiffe bereitzustellen.«

*

Die › Berenice‹ machte unter dem Druck einer schwachen Brise langsame Fahrt nach Norden. Gegen Nachmittag schlief der Wind jedoch fast völlig ein. Wenn man nicht auf der Stelle treiben wollte, wäre es nötig geworden, den Motor einzuschalten, aber dazu hatte Captain Dryden wenig Lust. Als erfahrener Seemann zog er es vor, sparsam mit seinem Treibstoff umzugehen. Den durch die Windstille verursachten Aufenthalt benutzten die beiden Zoologen, die an Bord der › Berenice‹ waren, dazu, um ein Tiefseenetz auszulassen. Schon seit länger als einer Stunde lief jetzt das Drahtseil, das mit dem Netz verbunden war, von einer Deckwinde ab. Eine Tiefe von 4000 Metern hatte es bereits erreicht, als der Zug am Seil plötzlich nachließ, ein Zeichen dafür, daß das Netz auf dem Meeresgrunde lag.

»Weiter geht's nicht, Gentlemen«, sagte Captain Dryden, der neben dem auslaufenden Seil an der Reling lehnte. »Haben hier 4 Kilometer Wasser unter uns; keinen Meter mehr und keinen weniger.«

»Also wollen wir das Netz wieder anhieven«, meinte Professor Brown, der ältere der beiden Zoologen, und rief dem Mann an der Winde einen Befehl zu.

Schnurrend lief der Elektromotor der Winde wieder an, während Captain Dryden, die Hände tief in die Hosentaschen versenkt, über das sonnenbeschienene Deck nach vorn schlenderte. Hier auf den Planken seines Schiffes fühlte er sich so recht in seinem Element. Ohne ein festes Ziel über die Weltmeere bummeln, hin und wieder auch einmal, wenn die Gelegenheit es so mit sich brachte, ein Abenteuer mit in Kauf nehmen und im übrigen nur sich selbst und dem lieben Herrgott verantwortlich sein, das war ein Leben nach Captain Drydens Geschmack.

Durch das halbe Dutzend Forscher und Wissenschaftler, das er an Bord hatte, ließ er sich nicht sonderlich stören. Er hatte diese Leute mitgenommen, um die Finanzierung seiner Reise durch das Carnegie-Institut zu erreichen, betrachtete sie mehr oder weniger als ein notwendiges Übel und amüsierte sich bisweilen königlich über ihr Tun und Treiben. Die Hauptsache blieb, daß sie ihm nicht allzuoft mit Sonderwünschen in die Quere kamen und Funksprüche des Carnegie-Instituts veranlaßten, die der Captain durchaus nicht liebte.

Seine gute Laune sank beträchtlich, als ihm jetzt ein Matrose nacheilte und ihm ein soeben aufgenommenes Radiogramm überreichte. Er warf einen Blick auf die Unterschrift und zog die Stirn in Falten. ›James Garrison‹ war der Funkspruch unterzeichnet. James Garrison, das war der Mann, mit dem er im Carnegie-Institut die Verhandlungen wegen der Subvention für seine Reise geführt hatte. Ein Wissenschaftler und schon deshalb nach Captain Drydens Meinung mit Vorsicht zu genießen. Außerdem aber auch ein zäher Kaufmann, der den Captain weidlich geplagt und vielerlei Forderungen für das Institut herausgeschlagen hatte, bevor er ihm die Subvention bewilligte.

Was wollte der Mann jetzt schon wieder? Captain Dryden las die Depesche. ›Kehret zu der von Deutschland annektierten Insel zurück. Stellt fest, was dort geschieht.‹ Ein kurzer Text nur, aber für den Captain der Grund zu einem großen Ärger. Wütend knüllte er das Papier zusammen und schob es in seine Hosentasche. An die 250 Seemeilen war die › Berenice‹ jetzt von der Insel entfernt. Tage würde er bei den ungünstigen Windverhältnissen gebrauchen, um dorthin zu kommen. Weitere Tage, um danach seinen jetzigen Standort wieder zu erreichen. Wer bezahlte ihm die Zeit und den Treibstoff? Das mußte vor allen Dingen erst einmal festgestellt werden.

Er kehrte in seine Kabine zurück und setzte eine Rückfrage an das Institut zu Händen des Mr. Garrison auf, in der er die Dinge noch um ein Beträchtliches übertrieb. Dann ging er damit zum Funkerraum und sorgte dafür, daß sein Elaborat auch richtig abgesandt wurde. Mißmutig warf er sich danach auf Deck in einen Liegestuhl und beobachtete mit halb geschlossenen Augen seine beiden Zoologen, die begierig auf das Auftauchen ihres Tiefseenetzes lauerten. Einstweilen war ihm die Flaute ganz recht. Er konnte mit seinem Schiff auf der Stelle liegen bleiben und ruhig abwarten, wie sich die Dinge weiter entwickeln würden.

Allzulange brauchte er nicht zu harren. Die Sonne hatte den Westhorizont noch nicht erreicht, als ein Läufer ihm die Antwort auf seinen Funkspruch brachte. ›Auftrag ist wichtig und umgehend auszuführen. Unkosten trägt Institut. Erwarten Bericht und Liquidation. James Garrison.‹

Captain Dryden schmunzelte, als er das zweite Telegramm in seine Tasche schob. Er war entschlossen, unter Segeln zu dieser niederträchtigen Insel zurückzukehren, dem Institut aber eine Rechnung über verbrauchten Treibstoff zu schreiben, deren Betrag es ihm gestatten würde, seine Ölbunker im nächsten großen Hafen bis zum Überlaufen zu füllen.

Zum Segeln brauchte man allerdings Wind, und der war im Augenblick nicht vorhanden. Aber der Captain hatte ja reichlich Zeit. Nicht ohne eine bestimmte Absicht hatte er in seinem Funkspruch an das Carnegie-Institut die Entfernung der › Berenice‹ von der Insel viermal so groß angegeben, wie sie wirklich war. Dieser Umstand kam ihm jetzt zugute.

An das Institut ließ er einen neuen Funkspruch los. ›Allright, habe Kurs auf Insel gesetzt. Captain Dryden.‹

Danach mischte er sich einen Soda-Whisky und beschloß in Ruhe abzuwarten, wann der Himmel ihm einen guten Segelwind schicken würde. – – –

Minister Schröter hielt, was er versprochen hatte. Vier Tage nach jenem ersten Besuch teilte er Professor Eggerth mit, daß die Reichsregierung die Vorschläge seiner Denkschrift angenommen hätte und ihm alles für die Ausführung Erforderliche zur Verfügung stellte. Ein reges Treiben setzte fast unmittelbar danach auf dem weiten Werkhof der Bitterfelder Werke ein, auf dem bereits eine Flotte von fünfundzwanzig Stratosphärenschiffen startbereit lag. Eine stattliche Luftflotte, deren Flaggschiff ›St 25‹ für Professor Eggerth und seinen Mitarbeiterstab bestimmt war.

Von allen Seiten rollten in den folgenden Tag- und Nachtstunden schwere Kraftfahrzeuge auf den Werkhof, die Menschen und Maschinen heranbrachten. Schnell wurden sie entladen, fast ebenso schnell wurde ihre Fracht in den Laderäumen der Flugschiffe verstaut. Schon dröhnten Motoren auf; schon hob sich ein schimmernder Metallrumpf vom Boden ab, während die Maschinen des nächsten Schiffes ihr donnerndes Lied zu singen begannen. Ein blinkender Vogel nach dem anderen flog im Morgendämmern von dem Werkhof ab, stieg und kreiste, bis er den Blicken der Nachschauenden entschwand, und begann dann in den eisigen Höhen der Stratosphäre den Flug um den halben Erdball.

Nur noch zwei Schiffe lagen auf dem Werkhof, als die ersten Strahlen der Morgensonne ihn beschienen. ›St 25‹ und ›St 30‹, dessen Führung Georg Berkoff übernommen hatte. Wieder kamen Kraftwagen auf den Werkhof, doch viel langsamer und vorsichtiger als die früheren fuhren sie und eine besondere Flagge führten sie, ein warnendes Zeichen für ihre Umgebung, daß diese Fahrzeuge Sprengstoff transportierten.

Vorsichtig entnahmen ihnen Schießmeister, die mit den Gefahren der Explosivstoffe vertraut waren, Kiste um Kiste, behutsam trugen sie sie in den Bauch von ›St 30‹ und lagerten sie dort stoß- und erschütterungsfrei ein, bis die letzte Kiste an ihrem Platz war. Dann schlossen sich die Luken von ›St 30‹ hermetisch und das Schiff stieg auf. Fast unmittelbar folgte ihm ›St 25‹. Die erste Expedition eines kühnen, bisher noch nie versuchten Unternehmens, dessen Ausgang man wohl vermuten, aber doch nicht mit voller Sicherheit voraus berechnen konnte, war auf dem Wege zu ihrem Ziel.

Mit äußerster Maschinenkraft jagte ›St 25‹ durch die Stratosphäre. Bis in früher nie erreichte Höhen ging das Schiff hinauf, um die Vorteile geringsten Luftwiderstandes voll ausnützen zu können. Einen der tief unter ihm dahinschwebenden glitzernden Punkt nach dem anderen überholte es, bis es nach sechs Stunden an der Spitze der Luftflotte stand.

Im Mittelraum des Schiffes saß Professor Eggerth mit Wille, Schmidt und seinem Sohn an dem runden Tisch über Karten und Zeichnungen gebeugt und erläuterte ihnen seine Pläne und den Gang der kommenden Arbeiten.

»Hier, meine Herren«, erklärte er, den Finger auf eine Dispositionszeichnung legend, »kommt unsere Maschinenstation hin. Schnellaufende Dieselmaschinen, mit ihren Elektrogeneratoren direkt gekuppelt.«

»Das sind zwanzigtausend Pferde, Herr Professor«, sagte Dr. Wille mit einem Blick auf die in die Zeichnung eingeschriebenen Zahlen.

»Ganz recht, Herr Doktor. Es ist der Kraftbedarf, der sich für den Betrieb der Stoßbohrmaschinen und der Fördereinrichtungen errechnet. Hier setzen wir die ersten Arbeitsstellen an.« Der Professor zog einen anderen Plan heran und deutete auf eine mit einem Kreuz markierte Stelle, die sich ziemlich dicht am Ufer dort befand, wo der Vulkan der See am nächsten lag. »Hier werden wir erst einen etwa 40 bis 50 Meter tiefen Schacht anlegen und von dem aus nach zwei Seiten hin unsere Stollen vortreiben. Auf der einen Seite zur See hin, auf der anderen zum Vulkan hin ...«

Dr. Wille lehnte sich in seinen Stuhl zurück und bedeckte die Augen mit den Händen.

»Was ist Ihnen, Herr Doktor«, fragte Professor Eggerth, »sind Sie mit dem, was ich sagte, nicht einverstanden?«

Dr. Wille stöhnte gepreßt auf. »Herr Professor, das, was Sie jetzt planen, das heißt Gott versuchen«, brachte er gequält hervor. »Sie werden mit Ihrem Unterfangen das ganze Magma unter der Südsee in Aufruhr bringen. Nicht nur diese Unglücksinsel wird in die Luft geblasen werden; auch weithin nach West und nach Ost werden schwere Erdbebenkatastrophen und Vulkanausbrüche die Folge sein.«

»Ich glaube es nicht, Herr Doktor. Ich hoffe etwas Besseres davon«, erwiderte Professor Eggerth.

»Etwas Besseres?!« Der lange Schmidt sagte es, kniff die Lippen zusammen, kaute und schluckte ein wenig und sprach dann weiter. »Darin stimme ich Ihnen bei, Herr Dr. Wille. Die Insel wird natürlich explodieren. Sie wird selbstverständlich mit allem, was drum und drauf ist, in die Wolken geschleudert werden. Das hat man schon an anderen Orten erlebt, wo die See und das flüssige Magma zusammentrafen. Aber weiter wird sich nichts ereignen. Weder im Osten noch im Westen, meine Herren. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.«

»Tun Sie es lieber nicht, Herr Doktor«, sagte Professor Eggerth. »Sie könnten sich dabei die Finger verbrennen.«

Mit einem Ruck warf sich der lange Schmidt in seinen Sessel zurück.

›Wie ein störrischer Ochse, der sich gegen das Joch stemmt‹, ging es Hein Eggerth durch den Sinn, als er die plötzliche Bewegung sah.

»Denken Sie an das, was auf der Insel Isschia geschah, Herr Professor; denken Sie an das Unheil, was der Mont Pelée anrichtete, als sich Magma und Wasser in seinem Innern trafen. In wenigen Minuten kamen damals dreißigtausend Menschen um«, verteidigte Dr. Schmidt seine Meinung, »und Sie werden mir recht geben müssen. Es heißt, die Hölle frei machen, wenn man den Ozean mit der Glut des Erdinneren in Berührung bringt.«

»Nach Ihrer Theorie dürfte man auch keinen Dampfkessel bauen«, warf Professor Eggerth dazwischen.

»Auch Dampfkessel sind schon explodiert«, wies Dr. Schmidt den Einwand zurück.

»Aber nur dann, mein Verehrtester Herr Doktor, wenn man die Kräfte des Feuers und des Wassers nicht richtig gegeneinander abwog. Sie dürfen versichert sein, daß ich mir alles sehr genau überlegt und auch berechnet habe, soweit die Rechnung dabei helfen konnte. Nach den Resultaten, die ich erhielt, glaube ich, daß wir es wagen können.«

Dr. Wille, der mit gekrauster Stirn dem Disput der beiden anderen gefolgt war, hielt es jetzt an der Zeit, sich einzumischen.

»Auf jeden Fall werden wir gut tun«, meinte er, »uns mit der Flotte möglichst hoch in die Stratosphäre zu begeben, bevor wir die feindlichen Kräfte gegeneinander loslassen. Je weiter wir vom Schuß ab sind, um so besser wird es für uns sein.«

Der lange Schmidt zuckte die Achseln. »Was heißt hier Stratosphäre, meine Herren? Bei der Katastrophe des Krakatau wurde die Asche 100 Kilometer in die Höhe geschleudert. Wir werden auch in unsern Stratosphärenschiffen vor den Folgen dieses Wagnisses nicht sicher sein.«

Professor Eggerth verlor allmählich die Geduld. »Unsere Dispositionen sehen es vor, Herr Doktor«, bemerkte er kühl, »daß mehrere Schiffe unserer Flotte im Verlauf der Arbeiten nach Deutschland zurückkehren. Sie können gern mitfliegen, wenn Sie Ihre Sicherheit hier für gefährdet halten.«

Der lange Schmidt zuckte zusammen, als wäre er auf eine Schlange getreten. »Ich denke gar nicht daran, Herr Professor«, fuhr er viel lebhafter, als es sonst seine Gewohnheit war, los. »Selbstverständlich will ich dabei sein, obwohl ich ...«, sein altes säuerliches Wesen brach wieder durch, »dies Experiment für ein verfehltes halten muß.«

»Na, also, Herr Doktor«, Professor Eggerth schlug ihm lachend auf die Schulter, »Sie wollen doch mitmachen. Da waren wir ja vorläufig mal wieder einig. Über alles andere können wir nachher reden, wenn der Versuch gemacht ist.«

In seine letzten Worte klingelte das Tischtelefon hinein. Er griff zum Hörer und stand dann auf. »Meine Herren, die Insel ist in Sicht. Wollen wir jetzt in den Kommandoraum gehen?«

Von den anderen gefolgt, begab sich Professor Eggerth nach vorn. ›St 25‹ hatte bereits seinen Abstieg aus der Stratosphäre begonnen. Es flog nur noch in wenig mehr als 10 Kilometer Höhe und ging von Sekunde zu Sekunde tiefer. Etwa 20 Kilometer voraus erhob sich aus der blauen Flut des Südmeeres die Silhouette der Insel. Verschwunden war die Wolkenbank, die den Insassen des Stratosphärenschiffes noch vor wenigen Tagen ihren Anblick verhüllte. Immer näher kam ›St 25‹ seinem Ziel. Schon ließen sich grüne Wälder, ein weißer Strandstreifen und der Kegel des Vulkans unterscheiden. Kaum etwas schien sich, soweit man es aus der Entfernung erkennen konnte, verändert zu haben. Nur ein wenig massiger und zackiger vielleicht sah das Vulkanmassiv aus. Eine Fehlmeldung war es, die Captain Dryden über die Zerstörung der Insel nach USA gefunkt hatte.

Nun kreiste ›St 25‹, nur noch 1000 Meter hoch, über dem Eiland, und jetzt ließ sich etwas erkennen, was sich vorher der Beobachtung entzogen hatte. Nach Norden zu, wo der Lavastrom seinen Weg ins Meer nahm, war Neuland in beträchtlichem Umfang entstanden. Wohl einen reichlichen Kilometer breiter als früher schob sich hier der Strand in die See vor. Als ein kahles felsiges Gelände bot er sich den Blicken von oben dar, und in einiger Entfernung vom Lande verrieten unregelmäßige Brandungsstreifen, daß die Lava noch weiter in die See vorgedrungen war. Regellose Klippen und schließlich noch eine langgestreckte Barre hatte sie hier gebildet. Zwar lag das alles mehrere Meter unter dem Seespiegel, aber aus 1000 Meter Höhe von oben betrachtet, ließ es sich deutlich erkennen. Das mochte wohl die Gegend sein, in der Captain Dryden mit seinem Schiff auf ein Felsriff stieß und schleunigst wieder aus dem gefährlichen Nebel herausflüchtete.

Grün und üppig wie früher auch dehnte sich die weite Wiese unter dem Schiff. Ein Mast erhob sich auf dem Rasen, an dessen Spitze, von einer leichten Brise bewegt, die Reichsflagge wehte.

»Sehen Sie, meine Herren«, lachte Professor Eggerth. »Wir haben damals doch richtig in die Nebelsuppe hineingezielt. Unsere Flagge steht da, wo sie stehen sollte. Wenn in unserer Abwesenheit ein Schiff vorübergekommen ist, dürfte sie ihm kaum entgangen sein.«

Noch einmal gingen die Horizontalpropeller des Flugschiffes an. In leichter Schräge wieder steigend, steuerte es nach Osten zu den Vulkan an. Und nun, als es über ihn hinwegschwebte, wurde es deutlich sichtbar, daß die Kraterwand nach der Seeseite zu beträchtlich an Stärke gewonnen hatte. Wo sie damals bei ihrem letzten Besuch noch Wald und Wiese zwischen dem Berg und der See fanden, dehnte sich jetzt ein wüstes Lavafeld. Im Innern des Kraters aber, das zeigte ihnen ein Blick, als das Schiff über ihn hinwegglitt, brodelte nach wie vor die flüssige Lava in greller Weißglut. Professor Eggerth nickte befriedigt, als er es sah.

»Das Feuer ist noch da, meine Herren«, sagte er zu Wille und Schmidt. »Für das Wasser werden wir sorgen. Jetzt wollen wir landen.«

In langsamer Fahrt glitt das Schiff wieder nach Westen zurück, hing an seinen Hubschrauben und senkte sich langsam nach unten. Ein leichtes Schlittern, und es setzte dicht neben dem Flaggenmast auf dem Rasen auf.

Während seine Besatzung noch dabei war, Verschraubungen zu lösen und die Luken des Metallrumpfes zu öffnen, trommelte es in den Lüften. Ein glänzender Punkt kam aus der blauen Höhe, sank tiefer und wurde größer. Ein Schwesterschiff landete dicht neben ›St 25‹. Und schon wieder kam Motordröhnen auf. Ein drittes, ein viertes und gleich danach ein fünftes Schiff gingen auf der Wiese nieder. Kaum eine Stunde war verstrichen, seitdem ›St 25‹ als erstes Stratosphärenschiff den Boden berührt hatte, da lagen auch die andern vierundzwanzig Einheiten der Flotte im Kreise um ihr Flaggschiff versammelt auf dem Rasen. Überall öffneten sich Luken, Brücken wurden hinausgeschoben. Kräne rollten ins Freie, reckten ihre Arme aus und packten mit ihren Greifern die Fracht, schwenkten sie heraus und rollten mit dem, was sie gegriffen hatten, als ob ein einziger Befehl sie alle lenkte, zu dem gleichen Punkte hin.

Zu einer Stelle der Wiese, wo Professor Eggerth auf einem leichten Feldstuhl an einem Tisch saß und Pläne und Skizzen vor sich ausbreitete. So völlig eben war hier das Gelände, als hätte nicht die Natur es so geschaffen, sondern Menschenhand es geglättet. Nur durch eine Rinne wurde es unterbrochen. Wenige Meter von der Stelle entfernt, an der Professor Eggerth sich niedergelassen hatte, floß in ihr ein breiter Bach dahin, der von den Bergen aus dem Innern der Insel kam und der See zuströmte.

Und dann standen Werkmeister und Monteure in bunter Schar um den Professor herum, erhielten Pläne aus seiner Hand und Anweisungen aus seinem Munde. Fragten und bekamen Antwort und eilten davon, ihre Aufträge auszuführen.

Hammerschläge klangen über das weite Feld hin, Stäbe wurden in den Rasen getrieben, Meßketten wurden ausgelegt, und neue Stäbe danach gesetzt. Kaum standen sie, als auch schon hier und dort ein Krahn herankeuchte, der ein Baustück in seinen Klauen hielt. Langsam ließen die Kranketten nach, und schon faßten Dutzende von Werkleuten zu. In dem Augenblick, in dem der Krahn seine Beute losließ, wurde sie bereits von Menschenhänden weiterbewegt. Schon begannen die einzelnen Bautafeln sich zu sauberen, festen Wänden zusammenzufügen, die bereits Türen und Fenster enthielten.

Wie ein Märchenspiel mußte das Ganze einem Beobachter erscheinen, der nicht wußte, nach welchem Plan hier geschafft wurde, sondern nur sah, was geschah. Mit einer fast zauberhaften Schnelle stiegen die Wände in die Höhe und trugen ein festes Dach, bevor die Sonne auf ihrem Weg an dem stahlblauen Firmament ein merkliches Stück weitergekommen war.

»Ihr künftiger Amts- und Wohnsitz, Herr Doktor«, sagte Professor Eggerth zu Wille mit einer Handbewegung nach dem fertigen Gebäude hin, »und dort ...«, er deutete auf einen Platz dicht neben dem Bach, wo sich ein anderer Bau zu erheben begann, »wird unsere Maschinenstation stehen. Wir setzen sie dorthin, um gleich das nötige Kühlwasser für unsere Dieselmaschinen bei der Hand zu haben.«

Vorzüglich bewährte sich auch hier in den Tropen jene Bauweise aus fertigvorbereiteten Tafeln, die Professor Eggerth vor Jahren entwickelt hatte, um einer deutschen Expedition in der unwirtlichen Antarktis ein wetterfestes, behagliches Heim zu schaffen. Noch war die Sonne über dem Horizont, als in dem Maschinenhaus, dessen letzte Dachtafeln eben eingesetzt wurden, bereits die Motoren ihr Spiel begannen. Strom floß durch Leitungen, und Lampen flammten in dem Hauptgebäude auf, dessen Räume inzwischen auch mit Möbeln versehen und wohnlich eingerichtet worden waren. Und eine andere Leitung führte nach einem anderen Punkt des weiten Gefildes, der die Baustelle für die kommenden Arbeiten abgeben sollte.

Als die Sonne in die See versank, als nach kurzer Dämmerung die Tropennacht hereinbrach, da leuchteten an diesem Platz Starklichtlampen auf, in deren Schein die erste Schicht an ihr Werk ging. Hacken und Spaten fraßen sich in den Rasen. Kranbagger griffen nach und hoben das Erdreich aus. Ein kreisförmiges Loch, etwa zehn Meter im Durchmesser haltend, entstand, das schnell tiefer wurde, bis dann der sandige Boden zu Ende war, und die stählernen Krallen der Bagger funkenwerfend über harten Fels scharrten.

Da wurden die Bagger durch schwere Stoßbohrmaschinen abgelöst. In rasendem Spiel schleuderte elektrische Energie die schweren stählernen Meißel drehend und stoßend gegen den Fels. Tief fraßen die Bohrer sich in das Gestein. Einen Meter ... zwei Meter ... drei Meter tief drangen sie ein, während ein kräftiger Wasserstrom das Bohrmehl aus den entstehenden Löchern spülte.

Länger als eine Stunde währte das ohrenbetäubende Rasseln und Hämmern der Bohrmaschinen; dann verstummte es auf einen Schlag. Schon griffen wieder Kräne zu, hoben die Bohrmaschinen aus der Grube und schafften sie beiseite, während Schießmeister ihre Arbeit begannen. Sie füllten die Löcher mit Explosivstoff, fügten Zünder und Leitungen hinzu, dämmten jedes Loch schließlich fest ab und stiegen danach aus der Grube heraus. Atembeklemmende Stille danach. Eine Minute, zwei Minuten ... ein Druck dann auf eine Taste, die den Zündstrom schloß. Wie der Donner eines schweren Tropengewitters krachte es aus der Tiefe. Die erste Sprengung war geschehen.

Ventilatoren bliesen Frischluft in die Grube und vertrieben die giftigen Gasschwaden. Kranbagger fuhren wieder heran und hoben die Gesteinsbrocken heraus, welche die Gewalt der Explosion losgerissen hatte. Bald war der Boden der Grube von allen Trümmern geräumt, und drei Meter tiefer als vorher setzte das donnernde Spiel der Bohrmaschinen wieder ein. – – –

Es ging so die ganze Nacht hindurch, während nach je sechs Stunden eine neue Mannschaft die alte ablöste; so ging es den nächsten Tag und so ging es in ununterbrochener Arbeit die folgenden Tage und Nächte weiter. Schon stand über dem Schacht, der sich in die Tiefe fraß, ein Förderhaspel, um das geschossene Gestein zutage zu bringen. Wie ein weithin sichtbares Wahrzeichen ragte sein stählernes Gestell in die Luft mit dem sich ständig drehenden Rad an der Spitze. Nur noch Stunden konnte es währen, dann würde die Teufe von 50 Metern erreicht sein, die der Plan von Professor Eggerth für den Schacht vorsah. Und dann würde man vom Schachtgrund aus zwei Stollen vortreiben, den einen nach unten fallend auf den Vulkan zu nach jener glutflüssigen Ader hin, die den Lavasee in seinem Krater mit dem Magma der Tiefe verband. Den anderen Stollen leicht ansteigend zur Seeseite hin. – – –

Das war der Stand der Arbeiten, als über der Seekimme im Norden etwas Weißes auftauchte. Ein undeutlicher Fleck zunächst und noch von niemand auf der Insel bemerkt. Doch schon eine halbe Stunde später war dies Weiße viel größer und deutlicher geworden, und als Dr. Schmidt sein Fernglas darauf richtete, konnte er Masten, Rahen und Segel unterscheiden und bald auch die Takelage eines Seglers erkennen.

Ein Schiff?! Schon eine Seltenheit in diesem so wenig befahrenen Teil der Südsee, ein Segler ...? Der lange Schmidt stellte sein Glas noch schärfer ein und kniff die Lider zusammen. Drei Masten ... die › Berenice‹ Captain Drydens konnte das sein, jenes alten Ozeanbummlers, der sich ... darüber war Dr. Schmidt unterrichtet ... mit seinem Schiff in dieser Gegend der Südsee umhertrieb. Schon einmal war der hier gewesen, damals als Dampf und Nebel die Insel verhüllten. Was wollte er jetzt wieder? Ein Zweifel, daß das Schiff geraden Kurs auf die Insel zu hielt, war kaum noch möglich. Kurz entschlossen schob Dr. Schmidt sein Fernrohr zusammen, klemmte es sich unter den Arm und eilte zu ›St 25‹, um Professor Eggerth von dem voraussichtlichen Besuch zu benachrichtigen.

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