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Land aus Feuer und Wasser

Hans Dominik: Land aus Feuer und Wasser - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleLand aus Feuer und Wasser
publisherv. Hase & Koehler
printrun79.-100. Tausend
year1939
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150806
projectid016c82bc
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›St 25‹ auf großer Fahrt

Der Minister Schröter legte ein Schriftstück aus der Hand und wandte sich zu seinem Besucher. »Sie wollen die neueste Type Ihrer Stratosphärenflugzeuge noch auf Nonstop-Flügen um unsern alten Globus herum erproben, bevor Sie Ihre Maschinen für die neuen transozeanischen Linien zur Verfügung stellen?«

»Das ist meine Absicht, Herr Minister«, beantwortete der Inhaber der großen Flugzeugwerke in Bitterfeld, Professor Eggerth, die Frage. »Ich möchte die neue Type erst aus der Hand geben, nachdem sie auch die letzte Prüfung einwandfrei bestanden hat.«

»Wieviel Zeit wird das noch kosten?« fragte Minister Schröter.

Professor Eggerth deutete auf das auf dem Tisch liegende Schriftstück. »Wie Sie aus meinem Exposé ersehen, habe ich die neue Type für die Probeflüge mit Reservetanks ausrüsten lassen, so daß die Maschinen die 40 000 Kilometer um den Erdball herum ohne Zwischenlandung durchführen können. Ich denke, in acht bis zehn Tagen mit allen Prüfungen zu Ende zu kommen.«

Der Minister nickte. »Ich habe die Einzelheiten darüber in Ihrer Denkschrift gelesen. Für die Probeflüge sind Zusatztanks ein brauchbares Aushilfsmittel; im regelrechten Flugverkehr brauchen wir die Tragkraft der neuen Schiffe besser für Nutzlast. In Ihrem Exposé kommen Sie, Herr Professor, zu dem Ergebnis, daß ein Treibstoffvorrat für eine Strecke von 8000 Kilometern das verkehrswirtschaftliche Optimum ergibt.«

»Ganz recht, Herr Minister«, bestätigte Professor Eggerth die Worte Schröters. »Für diese Strecke sind auch die bleibenden Tanks bemessen, die Zusatztanks würde ich vor der Übergabe der Schiffe an die Verkehrsgesellschaften entfernen lassen.«

Die Unterredung schien zu Ende zu gehen, und Professor Eggerth machte Anstalten, sich zu erheben, aber der Minister hatte noch etwas anderes auf dem Herzen. Mit einer Bewegung lud er ihn ein, noch zu bleiben, überlegte eine Weile und begann dann langsam, fast stockend und jedes Wort abwägend zu sprechen ...

»Die neuen transozeanischen Linien, die wir planen, werden ausschließlich auf fremde Stützpunkte angewiesen sein ...« Professor Eggerth zuckte die Achseln, wollte etwas sagen und setzte zum Sprechen an, als Schröter bereits fortfuhr: »Ich weiß, was Sie sagen wollen, Herr Professor. Bei dem augenblicklichen Stand der Dinge ist das nun einmal so, aber es braucht nicht unbedingt so zu bleiben.«

Wieder wollte Professor Eggerth etwas entgegnen, und wieder unterließ er es, um den Gedankengang des Ministers nicht zu stören.

»Ich hätte einen Auftrag ... besser vielleicht gesagt ... eine Mission für Sie, Herr Professor. Eine Mission, die viel diplomatischen Takt und eine glückliche Hand erfordert. Nach dem, was Sie uns bereits früher geleistet haben, wüßte ich keinen besseren Mann dafür als Sie ...«

Professor Eggerth quittierte das Kompliment mit einer leichten Verneigung, und der Minister fuhr fort, seine Gedanken zu entwickeln.

»Sie werden bei den beabsichtigten Probeflügen den Erdball mehrmals umkreisen. Vielleicht gelingt es Ihnen dabei, hier oder dort noch irgendein herrenloses Stückchen Land zu entdecken, das wir in Besitz nehmen und als Stützpunkt für unsere Fluglinien einrichten können. Meine Anregung für Sie geht dahin, in diesem Sinn unterwegs Ausschau zu halten.«

Der Minister hatte geendet, Professor Eggerth antwortete nicht sofort. Den Kopf in die Hand gestützt saß er nachdenklich da, geduldig wartete Schröter, bis er zu sprechen begann.

»Die Aufgabe, die Sie mir stellen, ist nicht leicht, Herr Minister. Es wäre ein besonderer Glückszufall, wenn wir auf unseren Flügen ein Fleckchen fänden, das noch nicht von irgendeiner andern Macht in Besitz genommen ist.«

»Das weiß ich«, bestätigte Minister Schröter den Einwurf des Professors. »Die Aussicht, noch etwas Derartiges zu entdecken, ist so gering, daß sich nicht einmal die Kosten einer besonderen Expedition dafür rechtfertigen ließen. Da Sie nun aber doch einmal auf die Reise gehen, wollte ich Sie bitten, diese Mission für uns mit zu übernehmen. Wenn Sie nichts Geeignetes entdecken, dann mein verehrter Herr Professor, müssen wir uns beide mit dem Gedanken trösten, wenigstens das Beste für unser Land gewollt zu haben.«

Professor Eggerth strich sich über die Stirn, als ob er lästige Gedanken fortwischen wolle, sprach in lebhafterem Ton. »Zum Resignieren bleibt später immer noch Zeit. Nehmen wir zunächst einmal an, das Unwahrscheinliche würde doch Wirklichkeit, wie gedenken Sie dann zu handeln?«

»In einem solchen Fall müßten wir blitzartig schnell handeln. Die Funkeinrichtungen Ihrer Schiffe setzen Sie instand, jederzeit mit uns in Verbindung zu treten. Unmittelbar nachdem Sie ein passendes Objekt entdeckt haben, müßte es auch bereits offiziell von uns in Besitz genommen werden. Sie wissen ...« ein leichtes Lächeln ging über die Züge Schröters, während er weiter sprach, »ein sogenanntes fait accompli kann bisweilen recht nützlich sein. Wir haben es vor Jahren in der Antarktis gemerkt.«

»Gestatten Sie eine Zwischenfrage, Herr Minister?« Schröter sah den Professor ein wenig befremdet an, als der fortfuhr. »Wo stecken eigentlich zur Zeit meine alten Freunde Wille und Schmidt?«

Ein Zug des Verstehens ging über das Gesicht Schröters, während er wieder das Wort nahm.

»Wollen Sie die beiden Herren mitnehmen? Der Gedanke wäre gar nicht übel. Da hätten Sie für alle Fälle gleich einen ehemaligen Reichskommissar und seinen Ministerialrat an Bord.«

»Daran dachte ich, Herr Minister. Fragt sich nur, ob die beiden zur Zeit abkömmlich sind?«

»Ich denke, sie sind es, Herr Professor. Dr. Wille, Reichskommissar im einstweiligen Ruhestand, arbeitet gegenwärtig in seinem Privatlaboratorium. Wir können jederzeit über ihn verfügen. Etwas anders liegt die Angelegenheit mit Dr. Schmidt. Er hat auf seine Pension als Ministerialrat verzichtet, dafür aber eine etatsmäßige Stellung in unserem magnetischen Observatorium bei Potsdam angenommen. Wie ich ihn kenne, wird er sich vielleicht sträuben, aber ich denke, wir werden ihn ebenfalls abkommandieren können.«

»Ich verstehe, Herr Minister«, jetzt war die Reihe zu lächeln bei Professor Eggerth. »Mein Freund, der lange Schmidt, wird sich möglicherweise ein wenig sperren ... ein edler Kern, aber eine ziemlich rauhe Schale. Ich denke, Sie werden auch mit ihm fertig werden.«

»Bestimmt, Herr Professor.«

Der Minister griff zu einem Schreibblock, um sich in Sachen Dr. Wille und Dr. Schmidt ein paar Notizen zu machen, als Professor Eggerth von neuem das Wort ergriff.

»Ich will selbst an die beiden Herren schreiben oder noch besser, ich werde sie gleich aufsuchen und ihnen die Forschungsmöglichkeiten bei den Probeflügen in verlockenden Farben schildern. Ich hoffe, auf die Weise beide dazu zu bringen, daß sie freiwillig mitkommen. Dadurch würden sich behördliche Anordnungen von Ihrer Seite erübrigen.«

»Sehr gut, Herr Professor; wenn Sie das erreichen können, entheben Sie mich einer unerwünschten Notwendigkeit.«

»Ich möchte es auch noch aus einem anderen Grunde, Herr Minister. Wenn die beiden Herren unsere Expedition als freie Wissenschaftler begleiten, ist es vorläufig nicht nötig, sie in unsere letzten Absichten einzuweihen. Es würde genügen, wenn Sie mir Vollmachten für Herrn Dr. Wille mitgeben, nach denen er gegebenen Falles zu handeln hätte.«

Minister Schröter nickte zustimmend. »Ich werde Ihnen die Vollmachten ausstellen lassen. Wenn es erforderlich ist, treten Sie damit hervor, wenn Sie nichts Passendes finden ... was ich leider für das Wahrscheinlichere halte ... dann braucht überhaupt kein Dritter davon zu erfahren, daß wir uns getäuscht haben.«

»Sehr wohl, Herr Minister. Ich gedenke in fünf Tagen zum ersten Flug zu starten. Darf ich bis dahin auf den Eingang der besagten Papiere rechnen?«

»Sie werden sie in drei Tagen haben«, sagte Minister Schröter.

Ein Händedruck und ein kurzer Abschied. Professor Eggerth verließ das Ministerium, um sich mit seinen alten Freunden Wille und Schmidt in Verbindung zu setzen.

*

›St 25‹, das neueste Stratosphärenschiff der Eggerth-Werke war auf großer Fahrt. Gleichmäßig wie Uhrwerke arbeiteten seine mächtigen Pumpen und saugten in klingendem Kolbenspiel die dünne eisige Außenluft an, um sie auf Atmosphärendruck komprimiert und durch die Kompression gleichzeitig erwärmt in das Innere des druckfesten Schiffskörpers zu werfen. In rastlosem Wirbel drehten sich die Propeller und rissen den schimmernden Metallbau mit derjenigen Geschwindigkeit durch die Stratosphäre, die man nach der Rechnung erwarten durfte und nun auch praktisch verwirklicht sah.

Durch zollstarke Kristallscheiben fiel das Sonnenlicht von oben her in den Mittelraum des Flugschiffes, und wurde in hundert Reflexen von dem glänzenden Leichtmetall widergespiegelt, aus dem Wände und Mobiliar bestanden. In das dunkle, fast schon stählerne Blau eines wolkenlosen Himmels stieß der Blick durch die Seitenfenster des Raumes. Viele Kilometer unter dem dahinstürmenden Schiff, aus solcher Höhe in Einzelheiten nicht mehr zu erkennen, dehnte sich in lichterem Blau die endlose Fläche der Südsee.

Zwei Männer, beide kaum über die Mitte der Zwanzig hinaus, saßen im Mittelraum des Schiffes vor einem Tisch, dessen Platte zum größten Teil von einer Seekarte eingenommen wurde, Hein Eggerth, der Sohn des Erbauers von ›St 25‹, und Georg Berkoff, in gleicher Weise als Pilot bewährt und als Ingenieur.

Georg Berkoff beugte sich über die Karte und begann mit Bleistift und Lineal zu arbeiten. Kleine Kreuze auf ihr, Standortaufnahmen der letzten Stunden verband er durch gerade Linien, um so den Kurs des Stratosphärenschiffes deutlicher zu machen; rechnete danach ein wenig, verglich Zeiten, ließ den Bleistift fallen und wandte sich an seinen Gefährten.

»Großartig, Hein! ›St 25‹ hat die 2000-Stunden-Kilometer erreicht, steht im Begriff, sie zu überschreiten.« Er warf einen Blick auf die Wanduhr. »Schon wieder eine Stunde vorüber. Zeit, daß die nächste Ortsaufnahme kommt. Wenn es so weiter geht, werden wir mit ›St 25‹ einen neuen Weltrekord aufstellen.«

Auch Hein Eggerth schaute auf, aber sein Blick galt weniger der Uhr als dem Höhenzeiger neben ihr. »Alle Wetter, Georg!« Er deutete, während er es sagte, mit der Hand auf das Meßinstrument. »Mehr als 30 Kilometer Höhe, auch das gibt einen neuen Rekord. So hoch ist bisher noch kein Schiff in die Stratosphäre gestiegen.«

Georg Berkoff beobachtete eine Weile den Zeiger des Höhenmessers, der um die Zahl ›32‹ herum spielte. »Das würde unsere Geschwindigkeit erklären«, meinte er nachdenklich, »aber ... aber ...«

»Du meinst, mein alter Herr riskiert mal wieder allerhand«, fiel ihm Hein Eggerth ins Wort.

»Das will ich nicht gesagt haben, Hein, obwohl ... immerhin ...«

»Du willst sagen, Georg, daß man für ›St 25‹ zunächst nur eine Flughöhe von 25 Kilometern vorgesehen hat, und daß wir jetzt 7 Kilometer höher stehen. Ich sehe keine Gefahr dabei. Es ist lediglich eine Frage der Kompressoren. So lange sie den Atmosphärendruck im Schiffskörper halten, können wir unbesorgt steigen.«

»Was ja inzwischen schon wieder geschehen ist«, fiel Berkoff ein und wies auf den Höhenmesser, dessen Zeiger bei ›33‹ stand. In seine letzten Worte klang das Klappen der Tür, die von der Schiffszentrale zum Mittelraum führte. Eine Gestalt erschien in der Türöffnung. Auf langen Beinen ein langer, hagerer Rumpf; darüber ein schmales von zahllosen Fältchen durchzogenes Gesicht mit ein paar klugen Augen, das wohl sympathisch wirken konnte, wenn nicht ein abweisender, säuerlicher Zug um die schmalen zusammengekniffenen Lippen gestört hätte.

»Der lange Schmidt! Er bringt das neue Besteck«, konnte Hein Eggerth seinem Freunde Berkoff eben noch zuraunen. Dann trat der Ankömmling schon mit merkwürdig eckigen Bewegungen an den Tisch heran und legte ein mit einigen Zahlen beschriebenes Blatt auf die Seekarte.

»Die letzte Ortsaufnahme, Herr Eggerth. Wollen Sie die Güte haben, Ihre Eintragungen danach zu vervollständigen?«

»Sofort, Herr Ministerialrat«, erwiderte Eggerth. Er griff nach dem Blatt und las die Zahlen ab. »20 Grad 15 Minuten südlicher Breite, 151 Grad 24 Minuten westlicher Länge.«

Während Herr Dr. Schmidt, zur Zeit Ministerialrat im einstweiligen Ruhestand, aber von Hein Eggerth und Georg Berkoff privatim kurz und respektlos der lange Schmidt genannt, den Raum verließ, um sich wieder zu der Kommandozentrale im Vorderschiff zu begeben, griff Berkoff zum Bleistift. Einige Sekunden ging sein Blick suchend über die Karte. Dann trug er ein neues Kreuz ein. Wiederholte dabei mehr für sich die eben von Hein Eggerth genannten Werte, fuhr dann zu dem gewandt lauter fort:

»Die Gegend kommt mir verflucht bekannt vor, Hein. Weißt du noch damals? Die Robinson-Insel? Da müssen wir ja ziemlich nah dran sein ... Schade, daß es unsern Freunden aus Amerika da nicht besser gefallen hat. Die beiden Yankees hätten sich manchen Kummer ersparen können, wenn sie etwas länger auf dem idyllischen Eiland ausgehalten hätten.«

Hein Eggerth warf erst einen Blick nach der Tür, durch die Dr. Schmidt verschwunden war, bevor er antwortete.

»Georg, Menschenkind! Ich bitte dich, sei vorsichtig. Wenn der lange Schmidt dich eben gehört hätte! Ich glaube, er wäre glatt durch die Decke gegangen.«

»Ah, bah, Hein!« Berkoff lachte leicht auf, »die Decke über uns besteht aus starkem Duralumin und dreizölligem Quarzglas. Er wird sich's überlegen, da durchzufahren ... Außerdem liegt die Geschichte ja schon drei Jahre zurück. Sie ist längst verjährt.«

»Für uns vielleicht, Georg, aber für unsern Freund Schmidt noch längst nicht. Der Mann ist zähe und ausdauernd. Nicht nur als Wissenschaftler, wo er sehr löblich und anerkennenswert ist, sondern auch in seinen privaten Zu- und Abneigungen. Für unsere munteren Streiche hat er kein Verständnis.«

»Ist eigentlich schade um den Mann«, meinte Berkoff mit leichtem Bedauern. »Ein Wissenschaftler von Weltruf und dabei ein Gebaren ... das Gesicht, als er dir eben das Besteck gab, die Milch konnte davon sauer werden. Hein, Junge, Junge! Wenn ich denke, daß wir in der nächsten Stunde vielleicht über die Insel fliegen, auf der wir die Herren Garrison und Bolton damals in einem reichlich benebelten Zustand aus ›St 8‹ ausbooteten ... es juckt mich in allen Fingerspitzen, dem langen Schmidt bei der Gelegenheit doch den einen oder anderen Brocken von der Geschichte hinzuwerfen.«

»Laß es lieber bleiben, Georg«, wehrte Hein Eggerth ab. »Es würde nur unersprießliche Erörterungen zwischen Schmidt und meinem alten Herrn geben, bei denen wir die Leidtragenden wären.«

»Wie du willst«, sagte Berkoff resigniert, beugte sich wieder über seine Karte und begann auf ihr zu suchen. »Das ist doch ganz verrückt!« meinte er nach kurzer Zeit. »Ich kann unsere Insel von damals auf der Karte nicht finden.«

»Was, Georg? Die Insel nicht auf der Karte? Ein Eiland von gut und gern 15 Quadratkilometern? Die müßte doch eingetragen sein.«

»Ist aber nicht drauf, Hein.«

»Dann taugt die Karte nichts, Georg. Ich werde nach vorn gehen und eine bessere holen.«

Er verließ den Raum und kehrte nach kurzem mit einer anderen Seekarte zurück, die er auf dem Tisch über der ersten ausbreitete. Während Hein Eggerth und Georg Berkoff sich darüber beugten und von neuem zu suchen begannen, klappte die Tür zum Vordergang zum zweiten Male. Dr. Schmidt kam zurück und machte es sich in einem Sessel bequem. Dabei entging es ihm nicht, daß die beiden die Köpfe zusammensteckten und miteinander flüsterten. Der lange Schmidt begann die Ohren zu spitzen und wurde neugierig.

»Was suchen Sie?« fragte er und trat zu ihnen.

»Eine Insel, Herr Ministerialrat«, antwortete Berkoff. »Ein Inselchen von immerhin 10 Kilometer Länge und etwa 3 Kilometer Breite. Hier müßte es liegen.« Er legte den Finger auf die Karte. »Aber es ist nicht eingetragen. Keine Spur von einer Insel, nicht einmal eine Untiefe ist an der Stelle verzeichnet.«

»Wenn sie nicht eingetragen ist, dann existiert sie nicht«, erklärte der lange Schmidt apodiktisch.

»Verzeihung, Herr Ministerialrat«, widersprach Hein Eggerth. »Die Insel existiert doch. Wir sind früher einmal auf ihr gelandet und haben eine genaue Ortsbestimmung gemacht. Hier muß sie liegen. Das lasse ich mir nicht nehmen.«

Dr. Schmidt wollte den Mund zu einer Erwiderung öffnen, als ein kurzer metallischer Klang durch den Raum dröhnte. Fast wie ein Schlag hatte es geklungen, etwa als ob jemand mit einem Hammer gegen den Schiffsrumpf geschlagen habe.

»Was war das? Haben Sie es gehört?« fragte Berkoff, sah die anderen an und schwieg. Nur das gleichmäßige Spiel der Kompressoren und der Propellermotoren drang gedämpft durch den Raum.

»Die Maschinenanlage ist in Ordnung«, stellte Hein Eggerth nach kurzer Pause fest. »Das Geräusch muß durch eine Einwirkung von außen her hervorgerufen sein.«

Der lange Schmidt griff den Ball, den ihm Hein Eggerth mit dieser Frage zuwarf, willig auf. Er richtete sich in seinem Sessel auf und begann zu dozieren, als ob er auf dem Katheder säße.

»Das sind die Gefahren der Stratosphäre. Ich habe Ihrem Vater meine Bedenken nicht verhehlt, Herr Eggerth, als er sich entschloß, über die vorgesehenen 25 Kilometer hinauszugehen. In dieser Höhe fehlt bereits ein beträchtlicher Teil des soliden Luftpolsters, das uns in der dichteren Atmosphäre schützt. Es treiben sich eben doch mehr Vagabunden, allerlei Brocken verschiedenster Größe im Weltraum umher, als man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist. Hier oben ist ihre Geschwindigkeit gegen die Erdbewegung noch nicht genügend abgebremst. Der Luftverkehr sieht sich deshalb hier unberechenbaren Gefahren gegenüber.«

Während Dr. Schmidt sich weiter in langatmigen Ausführungen erging, wandten Georg Berkoff und Hein Eggerts ihre Aufmerksamkeit wieder der Seekarte zu und ließen ihn reden.

»Die Meteoritengefahr dürfte für die Stratosphärenschiffahrt ungefähr das gleiche bedeuten, was die Eisberge für die Seeschiffahrt sind«, hatte der eben gesagt, als er plötzlich abbrach, ein paar schnelle Atemzüge tat und sich wie von einer Schwäche befallen in den Sessel zurücksinken ließ.

»Ist Ihnen nicht wohl, Herr Doktor?« Noch während Hein Eggerth die Frage stellte, spürte er selbst ein unangenehmes Knacken in den Ohren. Während er den Mund öffnete und durch Verschlucken von Luft der störenden Empfindung Herr zu werden versuchte, ging sein Blick zu dem Barometer an der Wand, das den Luftdruck im Innern des Stratosphärenschiffes anzeigte. Noch vor kurzem hatte es, wie es ja auch sein sollte, einen Luftdruck von 760 Millimetern Quecksilbersäule gewiesen. In wenigen Minuten war es um 200 Millimeter gefallen und sank noch ständig weiter.

»Zum Teufel! Was ist das? Eine Undichtigkeit im Schiffsrumpf?« Georg Berkoff sagte es mit einem fragenden Blick auf Hein Eggerth. Der nickte nur kurz. Er war aufgesprungen und wollte eben die Tür zu dem vorderen Gang öffnen, als sie ihm aus der Hand genommen wurde. Professor Eggerth kam in den Mittelraum, gefolgt von Dr. Wille.

»Was hat es gegeben, Vater?« Nur mühsam brachte Hein Eggerth die Worte hervor, die verdünnte Luft erschwerte auch ihm das Sprechen. Professor Eggerth ließ sich in einen Sessel fallen und deutete schweigend auf die Meßinstrumente an der Querwand des Raumes. Der Höhenzeiger, der noch vor wenigen Minuten auf 33 Kilometer wies, war bis auf 25 abgesunken und fiel jäh weiter. In steilem Gleitflug, der fast schon zum Sturzflug wurde, ging ›St 25‹ aus der Stratosphäre nach unten in dichtere Luftschichten hinab. Auf 10 Kilometer kam der Zeiger, ging über die 5, um schließlich leicht pendelnd bei der 3 stehenzubleiben. In 3000 Meter Höhe strich das Flugschiff dahin. Langsam, aber stetig begann jenes andere Meßinstrument wieder zu steigen, das den Luftdruck im Innern des Schiffes anzeigte. Hier in dieser tieferen Schicht der Atmosphäre wirkte sich die Arbeit der mächtigen Kompressoren wieder aus. Ihre Kolben vermochten jetzt genügend Luft in den Schiffsraum zu schleudern, um den vollen Atmosphärendruck aufrechtzuerhalten. Kräftig setzte das trommelnde Spiel der Propellermotoren wieder ein und allmählich wich auch die Benommenheit, welche die Insassen von ›St 25‹ infolge der plötzlichen Druckverminderung befallen hatte.

Nach ein paar kräftigen Atemzügen brach Professor Eggerth das Schweigen. »Wir haben einen Riß im Schiffsrumpf, Hein. Im Fluge können wir ihn nicht reparieren. Wir müssen einen passenden Landungsort suchen.«

Georg Berkoff hatte sich über die Karte gebeugt. »Wie denken Sie über die Gesellschaftsinseln, Herr Professor?« fragte er. »Es sind nur ein paar hundert Kilometer von hier. Auf Tahiti gibt es meines Wissens eins Flugschiffwerft mit allen Hilfsmitteln.«

Professor Eggerth machte eine abwehrende Bewegung. »Ausgeschlossen, mein lieber Berkoff! Wo denken Sie hin? Mit ›St 25‹ in eine fremde Werft gehen, damit die liebe Konkurrenz uns recht schön alles abgucken kann? Das gerade Gegenteil davon brauchen wir. Irgendeine unbewohnte Insel, auf der wir vor neugierigen Augen sicher sind. So einsam und abgelegen wie nur möglich. Fremde Hilfe brauchen wir nicht. Unsere Bordmittel genügen vollkommen. Sie hatten ja die gute Idee, Herr Berkoff, einen Schweißapparat mit auf den Flug zu nehmen. Fragt sich nur noch, wo wir möglichst in der Nähe ein für unsere Zwecke geeignetes Plätzchen finden ...«

»Ja! Wo, Herr Professor?« meinte Berkoff und fuhr mit den Fingern suchend über die Karte.

»Gehen wir doch auf unsere Robinson-Insel«, raunte Hein Eggerth ihm halblaut zu,.

»Ja, zum Teufel, Hein, die steht doch nicht auf der Karte«, widersprach ihm Berkoff. »Hier an der Stelle müßte sie liegen, aber sie ist doch nicht da.«

»Ist ja Quatsch, Georg! Wir sind doch beide auf ihr gewesen. Einen Augenblick mal, Vater«, er zog den Professor mit sich auf den Gang hinaus.

»Warum so geheimnisvoll, Hein?« fragte der verwundert.

»Weil Dr. Schmidt nicht zu hören braucht, was ich dir zu sagen habe. Wir befinden uns ganz in der Nähe der Insel, auf der wir damals die beiden Amerikaner ausgesetzt haben ...« Professor Eggerth lächelte.

»Aha, ich begreife! Alte Sünden, von denen unser Freund Schmidt immer noch nichts wissen darf.«

»Ganz recht, Vater. Diese Insel ist für unsere Zwecke wie geschaffen. Unbewohnt! Eine große ebene Wiese bietet einen vorzüglichen Landungsplatz ...«

»Gut, Hein! Da wollen wir landen.«

»Gewiß, Vater ... aber ...«

»Was gibts dabei noch für ein Aber?« unterbrach ihn der Professor.

»Die Insel ist auf unseren Karten nicht eingetragen. Ich habe mit Berkoff schon vergeblich danach gesucht.«

Professor Eggerth wiegte den Kopf nachdenklich hin und her. »Auf der Karte nicht eingetragen? Wie willst du sie dann finden?«

»Ich habe die Zahlen unserer damaligen Ortsbestimmung genau im Gedächtnis, und Berkoff weiß sie ebenfalls noch. Ein Irrtum ist ausgeschlossen.«

»Dann wollen wir sie ansteuern. Die Hauptsache bleibt, daß ihr den genauen Ort kennt. Geh' in die Zentrale und laß den Kurs setzen. Bitte bei der Gelegenheit gleich Dr. Wille zu mir in den Mittelraum zu kommen.«

Während Hein Eggerth nach vorn ging, kehrte der Professor in den Mittelraum zurück. Kurz darauf kam auch Dr. Wille, ein Wissenschaftler von gleicher Gründlichkeit und gleichem Ansehen wie Schmidt, aber sonst in fast allen Dingen das gerade Gegenteil des langen Doktors.

Ein reichliches Jahrzehnt hatten diese beiden Forscher früher zusammen gearbeitet. Groß und unbestreitbar waren die Erfolge, die sie besonders auf dem Gebiet des Erdmagnetismus in gemeinsamer Tätigkeit erreicht hatten, aber fast als ein Wunder mußte es gelten, daß sie sich bei ihren wissenschaftlichen Meinungsverschiedenheiten, die nur allzuhäufig in einen Streit auszuarten drohten, doch niemals ernstlich verkracht hatten. Daß dem so war, lag zweifellos weniger am langen Schmidt als an Dr. Wille, der es durch sein konziliantes Wesen immer wieder vermochte, ihre Debatten und Disputationen im entscheidenden Augenblick in ein ruhigeres Fahrwasser zurückzuleiten.

»Nun, Herr Kollege, was sagen Sie zu unserm Zwischenfall?« begrüßte Wille seinen alten Freund und Widersacher.

»Ich habe mich bereits darüber ausgesprochen«, erwiderte der lange Schmidt säuerlich. »Wir sind zu hoch in die Stratosphäre gegangen. Es war nichts anderes zu erwarten.«

»Aha, Kollege, Ihre alte Meteoritentheorie! Sie glauben ein verirrtes Steinchen aus dem Weltraum hätte ›St 25‹ leck geschlagen.«

»Das meine ich in der Tat, Herr Doktor Wille«, vertrat Schmidt seine Meinung.

»Ja, dann müßte aber eine Beule, irgendeine Eindellung am Schiffskörper sein. Die haben wir trotz sorgfältigen Untersuchens nicht feststellen können. Wir, das heißt Professor Eggerth und ich, vermuten eine andere Ursache für den Riß und haben uns auch bereits eine bestimmte Ansicht darüber gebildet.«

»Ich muß trotzdem meine Hypothese aufrecht erhalten«, widersprach Dr. Schmidt, und schon entwickelte sich zwischen den beiden gelehrten Häusern wieder eine jener Streitereien, die man seit langem an ihnen gewohnt war. Professor Eggerth ließ sie gewähren und wandte sich mit Berkoff der Seekarte auf dem Tisch zu.

»Es ist mir unbegreiflich, daß die Insel nicht eingetragen ist«, meinte Berkoff. »Ein Stück Land von der Größe ist doch schließlich nicht zu übersehen.«

»O doch, Herr Berkoff! Vergessen Sie nicht die endlose Weite der Südsee, in der die Inseln nur verlorene Punkte sind. Es ist wohl denkbar, daß manche von ihnen noch von keines Menschen Auge gesehen und von keines Menschen Fuß betreten wurden ...«

»Für unsere Insel kann das aber nicht zutreffen, Herr Professor. Wir sahen damals Ziegen und Tauben auf ihr; die müssen doch unbedingt einmal von einem Schiff dorthin gebracht worden sein.«

»Zweifellos, mein lieber Herr Berkoff. Daß sie sich auf der Insel von selbst aus dem Urschleim gebildet haben, ist kaum anzunehmen.« Professor Eggerth konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, während er fortfuhr, »aber die Vorfahren dieser Ziegen können schon vor hundert oder hundertfünfzig Jahren ausgesetzt worden sein, und in der Zwischenzeit ist die Insel längst wieder in Vergessenheit geraten. Übrigens meine Herren ...«, er wandte sich an Wille und Schmidt, die ihren Disput gerade durch eine kurze Atempause unterbrachen, »das ist eine Tatsache, aus der man vielleicht einige nicht unwichtige juristische Schlüsse und Folgerungen ziehen könnte.«

»Juristische Schlüsse, Herr Professor? Ich bin neugierig, was Sie folgern wollen«, meinte Dr. Wille.

»Ich ziehe den einzig möglichen Schluß, Herr Doktor. Diese Insel ist, wie die Juristen sagen, eine › res nullius‹, das heißt, eine Sache, die niemandem gehört. Der erste, der sie in Besitz nimmt, ist ihr rechtmäßiger Eigentümer.«

»Theoretisch vielleicht, meine Herren ... aber praktisch? ...« Dr. Schmidt schüttelte halb zweifelnd, halb mißbilligend den Kopf. »Da würden am Ende doch wohl allerlei andere Leute kommen und unter Berufung auf ihre Interessensphären protestieren ... würden ältere Ansprüche geltend machen ... man weiß aus der Kolonialgeschichte zur Genüge, wie es in solchen Fällen zugeht. Vor hundert Jahren mag so etwas wohl noch möglich gewesen sein, aber in unserer Zeit halte ich es für ausgeschlossen. Sie werden mir darin Recht geben müssen.«

Dr. Schmidt blickte die anderen Zustimmung heischend an.

»Ich glaube, Herr Kollege, daß Sie mit Ihrer Meinung Recht haben könnten«, pflichtete ihm Dr. Wille nach kurzem Nachdenken bei.

»Wir streiten um des Kaisers Bart, meine Herren«, meinte Professor Eggerth, »weder wir noch irgendwelche anderen Staaten haben an diesem weltverlassenen Flecken ein Interesse. Selbst wenn das Eiland bewohnt wäre, hätte es wenig Wert; es liegt viel zu weit abseits von den Kopralinien, die den Verkehr mit den größeren Inselgruppen vermitteln. Glauben Sie mir, es hat schon seine guten Gründe, daß sich bisher kein Liebhaber dafür gefunden hat.«

Dr. Schmidt wollte noch einen Einwand machen, als Hein Eggerth in den Mittelraum zurückkam. »Geht alles in Ordnung, Hein?« fragte der Professor. »Ist das Land schon in Sicht?«

Er stockte, als er in das Gesicht seines Sohnes blickte, stutzte noch mehr, als der, ohne die Frage direkt zu beantworten, ihn bat, mit nach vorn in den Pilotenraum zu kommen.

*

Von Georg Berkoff und seinem Sohn gefolgt kam Professor Eggerth in den Pilotenraum, in dem große Kristallscheiben einen freien Ausblick nach vorn erlaubten. Mehr als zollstark war das Glas, um während des Fluges in der Stratosphäre den Überdruck im Schiffsinnern sicher aufzunehmen; aber so vollkommen farblos war es und so genau plan geschliffen, daß es die Sicht trotz seiner Stärke nicht behinderte.

Der Professor trat an das Mittelfenster heran. In endloser Weite dehnte sich vor seinen Blicken die See. Etwas dunkler gesättigter erschien ihr Blau jetzt als vorher aus der Höhe der Stratosphäre. Ungefähr 10 Kilometer voraus erhob sich die Silhouette einer Insel aus der Flut und gewann an Form und Farbe, während ›St 25‹ mit gedrosselten Motoren darauf zu flog. Noch betrachtete der Professor sie schweigend, als Bert Roege, der zweite Pilot des Flugschiffes, ein Blatt von seinem Schreibblock riß und es Hein Eggerth reichte.

»Die neue Ortsbestimmung, Hein.« Der warf einen kurzen Blick darauf, sah die Zahlen und griff sich an die Stirn.

»Bei Gott, Georg. Nach der Ortsbestimmung muß sie es sein ... und doch ... es ist alles so anders.«

Professor Eggerth wandte sich zu dem Sprechenden hin. »Was ist anders, Hein?« fragte er.

»Der Berg zur Linken, Vater. Damals lag dort ein bewaldetes Plateau, nach meiner Erinnerung kaum höher als 500 Meter. Anstatt dessen ragt jetzt ein mächtiger Bergkegel in die Höhe. Ohne Baum und Strauch, vollkommen kahl. Nach dem Besteck hier muß es ja unsere alte Insel sein, aber wiedererkannt hätte ich sie nicht, und Roege ging es ebenso wie mir. Auch er war im Zweifel. Deshalb bat ich dich in den Kommandoraum.«

Während Hein Eggerth sprach, nickte der Professor ein paarmal leicht vor sich hin. Jetzt nahm er das Wort. »Ich kann es verstehen, Hein, daß ihr eure alte Insel nicht wiedererkennt. Es hat wohl in der Zwischenzeit hier einen Vulkanausbruch gegeben. Der neue Kegel dort ... ich schätze seine Höhe auf 2000 Meter ... hat das Bild natürlich von Grund auf verändert. Allzulange kann der Ausbruch übrigens nicht zurückliegen, sonst müßten sich wenigstens Spuren einer Vegetation auf den Berghängen zeigen.«

Er griff nach einem scharfen Glas, beobachtete den neuen Berg eine Weile und reichte es dann seinem Sohn, während er weiter sprach.

»Erloschen ist der Vulkan noch nicht. Durch das Glas kannst du einen schwachen Dunst über dem Gipfel bemerken. Hoffen wir, daß er Ruhe hält, bis wir unsern Schaden ausgebessert haben und uns wieder in die Stratosphäre zurückziehen können. Unsern Landeplatz wollen wir auf jeden Fall in einiger Entfernung von ihm wählen. Besser bewahrt als beklagt.«

Während seiner letzten Worte waren auch Dr. Wille und Schmidt hinzugekommen und hatten die letzten Worte von Professor Eggerth noch gehört, Dr. Schmidt kniff die Lider zusammen, um schärfer sehen zu können und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin.

»Wie meinten Sie, Herr Ministerialrat?« fragte ihn Berkoff in der stillen Hoffnung, den langen Schmidt in Harnisch zu bringen und sich an ihm reiben zu können. Aber der war so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er die Frage überhörte. Er griff in die Tasche, zog ein Notizbuch heraus, blätterte darin, schien endlich gefunden zu haben, was er suchte, nickte ein paarmal für sich, während er Notizen überlas und steckte das Buch dann wieder fort. Berkoff wollte zum zweitenmal fragen, als Dr. Schmidt ihm zuvor kam.

»Selbstverständlich ist der Vulkan neu, Herr Berkoff. Er war noch nicht vorhanden, als Sie die Insel das letztemal besuchten.« Kurz und knapp, nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung kamen die Worte von seinen Lippen. Ohne auf die bejahende Antwort Berkoffs zu achten, fuhr er zu Dr. Wille und Professor Eggerth gewandt fort: »Der Berg ist zwölf Wochen und drei Tage alt ...«

Der Professor blickte erstaunt auf. »Wie wollen Sie das so genau wissen, Herr Dr. Schmidt? Mein Sohn und Herr Berkoff waren vor ungefähr drei Jahren hier. Seitdem dürfte kein Mensch wieder die Insel betreten haben.«

»Trotzdem bleibe ich bei meiner Behauptung, Herr Professor. Die Entstehung dieses Vulkans hängt zweifellos mit dem großen Seebeben vom 12. Februar dieses Jahres zusammen. Sie erinnern sich an den Bericht in der › Geophysical Research‹, Herr Dr. Wille? Ich sandte Ihnen das betreffende Heft vor einigen Wochen zu.«

»Gewiß, Herr Kollege«, bestätigte Dr. Wille die Frage. »Ich habe den Bericht gelesen und zu meinen Akten genommen. Es war ein klassischer Beweis für die Atkinsonsche Theorie über die unterirdischen Zusammenhänge vulkanischer Tätigkeit.«

»Eine grauenvolle Naturkatastrophe war es«, Professor Eggerth sagte es mehr zu sich als zu den anderen, »über zehntausend und mehr Kilometer hin wurde damals unsere alte Erdrinde lebendig. Von den japanischen Inseln bis zu den Alpen Südamerikas hin begannen Vulkane, darunter auch welche, die man für längst erloschen hielt, wieder Asche und Flammen zu speien. In der Südsee hier ist in jenen kritischen Tagen wahrscheinlich manches Eiland in die Tiefe gesunken, vielleicht auch manches neue, von dem man heut noch nichts weiß, aus den Fluten emporgetaucht ...«, er brach ab, um anzuhören, was die Herren Schmidt und Wille sich zu sagen hatten.

Wieder einmal waren die beiden in einen wissenschaftlichen Disput geraten. Dr. Wille verfocht die Theorie eines über Tausende von Kilometern zusammenhängenden feurig-flüssigen Magmas und konnte sich dabei auf die bei jenem letzten großen Seebeben an weit voneinander entfernten Orten gleichzeitig beobachteten Vulkanausbrüche stützen. Dr. Schmidt dagegen vertrat eine andere These, welche Vulkanausbrüche als rein lokale Ereignisse zu werten versucht. Nicht ohne Geschick holte er seine Gründe aus der Theorie der kontinentalen Verschiebungen, der zufolge Vulkane und Vulkanausbrüche immer nur dort auftreten, wo die treibenden Kontinentalschollen das plastische Magma vor sich her aus der Tiefe emporpressen, und als nebensächlich tat er den Einwand Wittes ab, daß einzelne Vulkane bei einem einzigen Ausbruch plötzlich Hunderte von Kubikkilometern glutflüssiger Lava ausgespien hätten. Vielleicht hätte dieser Disput der beiden Forscher noch länger gedauert, wenn die Notwendigkeit, jetzt einen passenden Landungsplatz für ›St 25‹ zu suchen, ihm nicht ein Ende bereitet hätte.

Schon hatten sich die großen Klappen im Oberteil des Schiffsrumpfes zurückgeschoben, schon reckten sich die gewaltigen Hubschrauben empor und begannen schnell und immer schneller zu rotieren. Nun hing das Gewicht des Flugschiffes sicher an ihnen, und nur noch ganz langsam trieb der glänzende Metallbau durch die Luft dahin. Schon überschritt er die Küstenlinie und stand über dem Lande.

Hein Eggerth deutete nach Steuerbord, wo sich vom Strand aus eine ebene Wiese ziemlich weit landeinwärts erstreckte und schlug vor, dort niederzugehen. Professor Eggerth nickte.

»Der Platz scheint gut zu sein, Hein. Wir wollen ihn für unsere Landung ins Auge fassen, aber erst möchte ich mir den neuen Vulkan aus der Nähe ansehen.«

Er gab Bert Roege, der wieder das Steuer genommen hatte, eine Weisung. Etwas kräftiger trommelten die Propellermotoren, ein wenig schneller schwebte das Schiff auf einem etwas veränderten Kurs dahin. Immer näher kam es dem Vulkankegel. Deutlich war jetzt zu erkennen, daß die Hänge des Berges aus feiner Asche und gröberen Brocken eines tiefbraunen lavaähnlichen Gesteins bestanden. Unverkennbar war jetzt auch eine zitternde Dunstwolke über der Kegelspitze.

Ein neues Kommando gab der Professor, und kräftiger arbeiteten die Hubschrauben und rissen das Schiff weiter empor, so daß es über die Höhe der Wolke hinaus kam. Und dann trieb es über den Kraterrand dahin.

Ein Anblick bot sich den Männern in ›St 25‹, der ihnen für Minuten die Sprache verschlug. Hell weißglühend und brodelnd stand ein Lavasee im Kraterinneren. Wie von leichten Stößen bewegt wogte die feurige Masse ständig auf und nieder. An das Atmen eines schlafenden Riesen erinnerte die Bewegung. ›Wehe, wenn dieser Riese erwacht‹, war der Gedanke, der alle beseelte, während ›St 25‹ den Krater überflog und langsam nach der anderen Seite hin abtrieb. Der neue Vulkan war weit davon entfernt, erloschen zu sein. Das hatte die kurze Beobachtung zur Genüge gezeigt.

»Wir wollen landen«, die Stimme des Professors brach das Schweigen, »auf dem Platz, Hein, den wir dafür in Aussicht genommen hatten.«

In mäßiger Fahrt schob sich ›St 25‹ von dem verdächtigen Berge fort und folgte der Uferlinie einige Kilometer in westlicher Richtung. Ein Hebelgriff und die Propellermotoren standen still. Eine zweite Hebelbewegung und auch die Hubschrauben verlangsamten ihren Lauf. Ganz allmählich sank das Schiff nach unten, bis es leicht und stoßfrei auf schwellendem grünen Rasen aufsetzte.

Verschraubungen wurden gelöst, Türflügel geöffnet. Treppen und Leitern aus blinkendem Leichtmetall herausgeschoben. Froh, sich nach so langem Flug einmal wieder die Beine auf festem Land vertreten zu können, schickte die Besatzung sich an, das Schiff zu verlassen, als Professor Eggerth dazwischen trat. Mit etwas betrübter Miene fügte sich Bert Roege seiner Anordnung, mit zwei Maschinisten als Bordwache zurückzubleiben und die Hubschrauben in ständiger Startbereitschaft zu halten. Er hätte sich lieber draußen ins Gras gelegt. Erst als Professor Eggerth zu ihm sagte: »Das Wohl und Wehe von uns allen hängt von Ihrer Wachsamkeit und Bereitschaft ab, Herr Roege«, fügte er sich.

»Ihr anderen«, wandte sich Professor Eggerth weiter an seinen Sohn und Berkoff, »macht euch an die Reparatur. Sie, Herr Schmieden, sind dabei behilflich. Sehen Sie zu, daß Sie möglichst bald damit klar kommen. Soviel ich gesehen habe, wird sich der Riß ohne Schwierigkeit schweißen lassen.«

»Ja, dann wollen wir mal, Georg!« sagte Hein Eggerth zu Berkoff. Gemeinsam steckten sie aus Leichtmetallrohren gefertigte Leiterstücke zu zwei längeren Leitern zusammen und lehnten diese gegen das vordere Drittel des Flugschiffkörpers, wo die Zylinder der Kompressormotoren durch die Schiffswandung ins Freie traten.

»Habt ihr die Stelle?« fragte Professor Eggerth, als die beiden oben standen.

»Jawohl, Vater. Ist ein tüchtiger Riß, reichlich einen halben Meter lang. Kein Wunder, daß der Innendruck in ›St 25‹ sofort abfiel. Ist wieder die gleiche Stelle, mit der wir schon einmal Schwierigkeiten hatten. Wir werden klarstellen müssen, was die Ursache ist. Berkoff führt es auf Ermüdungserscheinungen des Metalles durch die Motorschwingungen zurück. Ich denke, es können auch Wärmespannungen gewesen sein.«

»Du hast recht, Hein. Das wird noch gründlich untersucht werden müssen«, stimmte ihm der Professor bei, während er sein Notizbuch herauszog. Dort hatte er den Riß, soweit er sich während des Fluges von innen feststellen ließ, bereits aufgezeichnet, und die in der Nähe befindlichen Motorenteile skizziert. Jetzt fügte er noch einige Notizen hinzu und steckte das Buch wieder in die Tasche.

»Macht euch mit den Schweißapparaten darüber her«, fuhr er fort ... »Zu Hause im Werk werden wir weiter sehen, was zu tun ist.«

Während am Rumpf von ›St 25‹ die Blaubrenner des Schweißapparates zu zischen begannen, wandte sich Professor Eggerth um und ging über die Wiese zu Dr. Wille und Schmidt, die er in einiger Entfernung lebhaft miteinander debattierend und gestikulierend stehen sah. Schon von weitem fing er einige Brocken ihrer Unterhaltung auf. Sie waren schon wieder in eine Debatte über die verschiedenen Theorien des Vulkanismus verwickelt. ›Unverbesserliche Streithähne‹ dachte er, während er näher trat.

»Meine Herren, Sie glauben alles zu wissen«, mischte er sich in ihre Unterhaltung, »und ich sage Ihnen, wir wissen gar nichts oder doch wenigstens so gut wie gar nichts über die wirklichen Vorgänge bei den vulkanischen Erscheinungen.«

Professor Eggerth hatte mit seiner Bemerkung in ein Wespennest gestochen. Im Augenblick waren die eben noch Streitenden sich einig und fielen gemeinsam über ihn her. Ein Weilchen ließ er sie gewähren, dann verschaffte er sich wieder Gehör.

»Ich will Ihnen berichten«, begann er, »was ich selbst in der Solfatare von Pozzuoli bei Neapel erlebt und mit meinen eigenen Augen gesehen habe. Wenn Sie mir das erklären können, dann will ich meine Behauptung zurücknehmen. Aber ich sage Ihnen gleich, daß die zünftige Wissenschaft es bisher noch nicht erklären kann, sondern nach wie vor vor einem Rätsel steht.«

»Schießen Sie los, Herr Professor«, sagte Wille, der froh war, daß sein Disput mit dem langen Schmidt eine Unterbrechung erfuhr.

»Also gut, meine Herren. Stellen Sie sich die Szenerie vor. Die Solfatare ist ein ehemaliger Vulkan. Eine kreisrunde Fläche von etwa 200 Metern im Durchmesser wird von einem durchschnittlich 100 Meter hohen bewaldeten Ringgebirge umgeben. In der Mitte dieser Fläche befindet sich die Fumarole, ein kleiner mit siedendheißem brodelnden Schlamm gefüllter See. Man kann bis auf wenige Meter an ihn herangehen, aber verdächtig hohl klingt der Boden, über den man schreitet. Kaum stärker als einen Meter ist die feste Schicht, die den Wanderer von den in der Tiefe befindlichen heißen Schlammassen trennt. Auch an anderen Stellen dieser alten Kraterfläche strömen aus Spalten und Ritzen ständig heiße Gase. An einigen Punkten ist der heiße trockene Sand stets in einer wirbelnden Bewegung. Unheimlich deutlich und greifbar nahe fühlt man die vulkanischen Kräfte arbeiten.

Und nun, meine Herren, kommt das Wunder, von dem ich Ihnen berichten will. Der Führer, mit dem ich die Solfatare besuchte, hatte ein kleines Bündel dürren Reisigs mitgenommen. Mit einem Streichholz zündete er es an, ließ es einige Sekunden brennen und löschte es durch ein schnelles Schwenken wieder aus. Dann aber schlug er mit dem noch leicht glimmenden Reisig ein paarmal leicht auf den Boden, und ich glaubte zu träumen, als ich sah, was nun geschah.

Unmittelbar danach begann die große Fumarole in der Mitte der alten Kraterfläche viel stärker zu arbeiten und ließ gewaltige Dampfwolken aufsteigen. Auch an zahlreichen anderen Stellen der Kraterfläche stiegen sofort Dampfwölkchen auf. Das Wunderbarste aber war, daß auch an den bewaldeten Hängen des Randgebirges bis zu größeren Höhen hinauf und weit mehr als 100 Meter von der Stelle, auf der wir standen, entfernt an zahllosen Punkten dicker Qualm aufstieg ...«

»Und das alles nur deshalb, weil Ihr Führer mit ein paar glimmenden Reisern auf den Boden getupft hat«, unterbrach Dr. Schmidt den Professor, »das ist doch absurd.«

»So schien es mir auch, Herr Doktor Schmidt. Ich konnte, ich wollte es nicht glauben. Ich habe das Reisigbündel selber genommen und habe den Versuch wiederholt, bis das letzte Stückchen verbrannt war. Wieder und immer wieder zeigte sich diese unerklärliche Reaktion, aber nur dann, wenn die Reiserenden noch ein wenig glimmten. War das nicht der Fall, dann rührten sich die unterirdischen Kräfte nicht. So, meine Herren! Das ist meine Geschichte. Nun geben Sie mir dafür eine Erklärung, wenn Sie dazu imstande sind.«

Dr. Schmidt bewegte die Lippen, öffnete den Mund und schloß ihn wieder, ohne etwas zu sagen. Auch Dr. Wille mußte erst einige Zeit nach Worten suchen.

»Ich kenne Sie als einen exakten Wissenschaftler, Herr Professor«, begann er schließlich zögernd, »konnten Sie feststellen, mit welcher Geschwindigkeit sich diese rätselhafte Erscheinung ausbreitete?«

Professor Eggerth nickte. »Jawohl, Herr Dr. Wille. Ich habe meine Beobachtungen mit dem Chronometer in der Hand angestellt und später auch die Entfernungen gemessen. Eine halbe Sekunde, nachdem ich den Sandboden mit dem glimmenden Reisig berührt hatte, dampfte es an einer 150 Meter entfernten Stelle auf. Die Wirkung pflanzte sich mit 300 Metern in der Sekunde fort.«

»Merkwürdig! In der Tat unerklärlich! Ich habe noch niemals etwas von dieser eigenartigen Erscheinung gehört«, murmelte Dr. Wille kopfschüttelnd vor sich hin.

»Ich auch nicht«, sekundierte ihm der lange Schmidt.

»Das Phänomen wird jedem Besucher der Solfatare gezeigt, meine Herren«, meinte Professor Eggerth. »Sollte Ihr Weg Sie nach Neapel führen, so versäumen Sie nicht, es sich vorführen zu lassen. Auch empfehle ich Ihnen in diesem Fall einen Besuch des Observatoriums am Vesuv. Die dortigen Kollegen können Ihnen hochinteressante Dinge über den Zusammenhang des Vesuvs mit der Solfatare erzählen. Beide Vulkane wechseln sich in einem regelmäßigen Rhythmus in ihrer Tätigkeit ab. Einer der Herren äußerte mir gegenüber geradezu die Befürchtung, daß die Solfatare urplötzlich wieder zu einem feuerspeienden Berg werden und Neapel bedrohen könnte.«

Während Professor Eggerth seinen Begleitern berichtete, was er sonst noch in dem Observatorium erfahren hatte, gingen sie zu dritt langsam weiter. Ein Baum, der vereinzelt auf der weiten Rasenfläche stand, erregte die Aufmerksamkeit Dr. Willes, er steuerte darauf zu, blieb davor stehen und betrachtete aufmerksam den Stamm.

»Ein gut gewachsenes Exemplar der Adamsonia digitata, Herr Doktor«, sagte Professor Eggerth, der zu ihm getreten war. »Zu deutsch ein Affenbrotbaum. Sehen Sie die Früchte in seiner Krone. Sie sind nahrhaft und schmackhaft; zu verhungern braucht man hier nicht.«

Dr. Wille warf nur einen flüchtigen Blick nach oben, dann wandte sich seine Aufmerksamkeit wieder dem Stamm zu.

»Sehen Sie das hier, Herr Professor. Diese eigenartigen Querfurchen in gleichen Abständen und unter sich fast genau parallel. Ich zerbreche mir den Kopf, wie das zustande gekommen ist. Ich dachte erst an irgendein Stück Wild, das an der Rinde seine Zähne gewetzt oder sein Geweih geschabt haben könnte. Aber so etwas gibt es doch auf der Insel nicht.«

Während Dr. Wille sprach, hatte sich der lange Schmidt dicht über die Furchen in der Rinde gebeugt und sie genau betrachtet.

»Das stammt von Menschenhand«, sagte er, als er sich wieder aufrichtete. »Zweifellos ist es mit einem scharfen Werkzeug in die Rinde gekerbt. Eigenartig ... ich zähle fünfundvierzig Einkerbungen. Wer mag sich das sonderbare Vergnügen gemacht haben, den Stamm hier in Kerbschnittmanier zu bearbeiten?«

»Wenn die Spuren, wie Sie behaupten, Herr Kollege, von Menschenhand herrühren«, griff Dr. Wille die Bemerkung des langen Schmidt auf, »dann könnte man an Schiffbrüchige denken, die auf die Insel verschlagen wurden und sich nach dem Vorbild von Robinson Crusoe an dem Stamm einen Kalender angelegt haben. Man könnte dann vielleicht weiter schließen, daß sie sich 45 Tage hier aufgehalten und danach die Insel wieder verlassen haben.«

Mit reichlich gemischten Gefühlen hörte Professor Eggerth die Schlußfolgerungen an, die Dr. Wille aus diesen Kerbzeichen zog. »Ich glaube, Herr Doktor, Ihre Phantasie verführt Sie zu allzu kühnen Schlüssen«, versuchte er abzulenken.

»Gewiß, Herr Professor, es ist nur eine vage Vermutung von mir«, gab Dr. Wille zu.

»Aber eine Vermutung, die sehr viel für sich hat«, hakte der lange Schmidt wieder ein. »Wenn aber Menschen anderthalb Monate hier gewesen sind, dann müßte man auch noch andere Spuren von ihnen finden können. Feuerstellen vielleicht oder sonst dergleichen ...«

Vergeblich bemühte sich Professor Eggerth, Dr. Schmidt zur Rückkehr zu ›St 25‹ zu veranlassen.

»Wenn das hier ihr Kalender war, müssen sie hier in nächster Nähe gehaust haben«, erklärte der Doktor und machte sich daran, die Umgebung abzusuchen. Wohl oder übel blieb Professor Eggerth und Dr. Wille nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

Über schwellendes Gras ging der Weg landeinwärts zum Waldrand, wo Dr. Schmidt etwas Auffälliges zu sehen glaubte, das sich beim Näherkommen als ein Gewirr von verrotteten wollenen Decken und Kleidungsstücken entpuppte. Dr. Schmidt machte sich darüber her und begann die Sachen auseinanderzuräumen, und da zeigte es sich schnell, daß sie es mit einem nur primitiv aus drei Stämmen und einigen Wolldecken errichteten Zelt zu tun hatten, das wohl schon vor längerer Zeit verlassen und später zusammengebrochen war.

Aber nicht natürliche allmähliche Verwitterung, sondern eine plötzliche gewaltsame Einwirkung von außen hatte diese Zerstörung hervorgerufen, und zweifellos hing sie mit der Bildung des neuen Vulkans zusammen. Das wurde offensichtlich, als Schmidt jetzt eine der Decken beiseite schob und darunter zwischen zersplittertem Holz einen Lavabrocken entdeckte, der gut und gern ein Gewicht von einem halben Zentner haben mochte.

Ein bräunlicher glasiger Stein war es, ähnlich jenen anderen, die sie vor kurzem von ›St 25‹ aus an den Hängen des Vulkans liegen sahen. Mit großer Gewalt mußten die entfesselten Eruptivkräfte ihn aus dem Krater geschleudert haben, so daß er erst an dieser Stelle, eine halbe Meile von dem Vulkan entfernt, wieder zur Erde stürzte. Nur mit einiger Anstrengung vermochte Dr. Schmidt ihn beiseite zu rollen. Dann ließen sich ein paar andere Decken ohne Schwierigkeit aufnehmen, und unter ihnen kam eine Kiste zum Vorschein, die allerlei Werkzeuge enthielt. Ein paar Handbeile, eine Axt, Sägen und Stemmeisen. Das Eisen war stark vom Rost angegriffen, aber klar und deutlich war auf den hölzernen Griffen noch ein eingebrannter Stempel zu erkennen. Mit ›St 8‹ waren alle diese Werkzeuge gezeichnet.

Der lange Schmidt sah es und stutzte. Ein unbestimmter Verdacht schien in ihm aufzusteigen.

»Werkzeuge von ›St 8‹, Herr Professor?« fragte er nachdenklich, während er ein Handbeil ergriff und sich den Stempel noch einmal besah. »Das ist eigenartig.«

Im stillen verwünschte Professor Eggerth Dr. Schmidt mit seinen neugierigen Fragen. Äußerlich ließ er sich nichts anmerken und erwiderte gelassen:

»›St 8‹ ist vor Jahren einmal auf dieser Insel gewesen. Ich nehme an, daß das Werkzeug von unsern Leuten vergessen wurde. Möglicherweise haben Schiffbrüchige es später gefunden und wahrscheinlich ist es ihnen ein wertvolles Hilfsmittel gewesen. Vielleicht konnten sie sich damit ein Boot zimmern und die Insel wieder verlassen.«

»Das könnte so gewesen sein«, meinte Dr. Schmidt, aber an dem Ton, mit dem er es sagte, war unschwer zu merken, daß er selber nicht daran glaubte.

»Ich werde nachher Berkoff und meinen Sohn danach fragen«, fuhr der Professor fort. »Gestatten Sie, Herr Doktor«, er nahm Schmidt das Beil aus der Hand und schlug mit dem stumpfen Ende einige Stückchen von dem Lavabrocken ab.

»Ein paar Proben, Herr Dr. Schmidt«, fügte er erklärend hinzu, als er dessen fragende Miene bemerkte. »Ich möchte das Gestein untersuchen. Wir wollen jetzt zum Schiff zurückkehren. Ich denke, unsere Leute dürften inzwischen mit der Reparatur fertig sein.«

»Ja, gehen wir«, stimmte ihm Dr. Wille bei und wischte sich die Stirn. »Ich schlage vor, daß wir möglichst lange im Schatten bleiben, die Sonne meint es reichlich gut.«

Professor Eggerth nickte. »Wie Sie wollen, Herr Doktor. Dann müssen wir dem Waldrand folgen. Es ist ein kleiner Umweg, aber wir vermeiden den Marsch quer über die sonnige Wiese.«

Gemächlich schlenderten sie im Schatten der Randbäume dahin. Professor Eggerth hatte eine der Gesteinsproben aus der Tasche genommen und unterhielt sich mit Dr. Wille über die vermutliche Zusammensetzung des Minerals. Der lange Schmidt ging ein paar Schritte vor ihnen und sinnierte angestrengt. Immer festere Formen nahm der Verdacht in seinem Hirn an, der vor kurzem beim Anblick der Werkzeuge von ›St 8‹ in ihm aufgestiegen war ...

›St 8‹ hatte damals zwei Amerikaner aus der Antarktis nach Europa bringen sollen. Wochenlang waren die beiden verschollen, waren dann ganz unvermutet und unvermittelt in der Südsee von einem Dampfer aufgefischt worden. Gar nicht so weit von dieser Insel entfernt, wie Dr. Schmidt sich jetzt erinnerte. War es denkbar, daß ›St 8‹ die beiden Yankees hier einfach ausgesetzt hatte? ... Immer wieder kam Dr. Schmidt zu diesem Schluß und faßte den festen Vorsatz, sich diesmal nicht wieder mit unklaren Auskünften abspeisen zu lassen, sondern der Sache auf den Grund zu gehen.

Er fuhr aus seinem Sinnen auf, weil er stolperte. Sein Fuß war gegen einen Stein gestoßen, der halb verborgen im Grase lag. Gegen einen braunen glasig schimmernden Stein, der zweifellos aus dem neuen Krater stammte. Und als Dr. Schmidt nun stehen blieb und sich genauer umschaute, erblickte er noch eine ganze Anzahl ähnlicher Brocken, die regellos zerstreut umherlagen. Wurfgeschosse, die von den unterirdischen Kräften während des Ausbruchs aus dem Krater bis hierher geschleudert worden waren.

»Der Berg hat nicht schlecht gespuckt«, meinte Dr. Wille, während er sich niederbeugte und ein etwa faustgroßes Lavastück aufhob. »Wer so einen Brocken an den Kopf bekommt, dem tut kein Zahn mehr weh.«

»Sie haben recht, Herr Dr. Wille«, stimmte ihm Professor Eggerth zu. »Diese Rapilli oder Lapilli, die ein speiender Vulkan auswirft, können wie ein Granatfeuer wirken. Während des Ausbruchs muß es reichlich ungemütlich auf der Insel gewesen sein.«

Er wollte noch weiter etwas sagen, als Dr. Schmidt ihn unterbrach. »Sehen Sie mal dort, Herr Professor«, er deutete auf eine etwa 50 Meter entfernte Stelle am Waldrand vor ihnen, »da scheint ja auch noch so etwas wie ein Zelt zu stehen.«

»Wie, Herr Doktor? Noch ein Zelt?« Der Professor kniff die Lider zusammen, um schärfer sehen zu können. Durch seinen Sohn war er seinerzeit über den Streich unterrichtet worden, den der mit Georg Berkoff zusammen den beiden Amerikanern Bolton und Garrison gespielt hatte. Er wußte, daß ›St 8‹ damals die beiden Yankees auf der unbewohnten Insel ausgesetzt hatte, um sie für einige Zeit unschädlich zu machen, aber was er jetzt dort in einiger Entfernung vor sich erblickte, wollte schlecht zu den ihm bekannten Tatsachen stimmen.

Da stand ein anderes Zelt zwischen den Waldbäumen; aber nicht roh und primitiv aus ein paar Stangen und Wolldecken zusammengebaut, sondern ein modernes Reisezelt. Soviel er sehen konnte, ein leichtes Metallgerippe, das mit einem glatten wasserdichten Stoff bespannt war. Etwas Derartiges hatten die beiden Amerikaner aber damals ganz bestimmt nicht von ›St 8‹ mitbekommen. Das mußte von anderen Leuten hierher gebracht worden sein.

Beim Näherkommen fanden sie, daß auch dieser Platz seinen Teil von dem Vulkanausbruch abbekommen hatte. An mehreren Stellen war der Gummistoff durchlöchert, wie es den Anschein hatte von kleineren aus dem Krater stammenden Brocken durchschlagen, und als sie in das Zelt hineintraten, entdeckten sie, daß die früheren Insassen es offensichtlich fluchtartig verlassen hatten. Da standen auf einem Tisch noch die Reste eines Mahles, Schüsseln und Teller mit eingetrockneten Speiseresten, einiges von dem Geschirr zertrümmert. Stühle lagen umgeworfen herum und schließlich war da noch etwas, was die Herren Schmidt und Wille bekümmerte. Eine Magnetbussole ... wie ein Firmenschild daran zeigte von amerikanischer Herkunft ... war besonders schlimm getroffen und bis zur Unbrauchbarkeit verdorben worden.

Schweigend schauten die beiden Forscher abwechselnd sich und das zerstörte Instrument an, bis Dr. Wille als erster wieder Worte fand.

»Ein Magnetometer, Herr Kollege ... ein erstklassiges Gerät ... sehen Sie die Reste dieser wundervollen Skalen und Mikroskope hier ... wenigstens 2000 Dollars dürfte das einmal gekostet haben ... wie kommt solch Instrument hierher? Auf eine gottverlassene Insel ... eine Insel, die nicht einmal auf den Karten steht ...?« Kopfschüttelnd brach Dr. Wille ab; vergeblich wartete er auf eine Antwort von Schmidt, der sich in eine eingehende Betrachtung des Instrumentes vertiefte, ohne etwas zu erwidern.

»Das macht ganz den Eindruck, meine Herren«, mischte sich Professor Eggerth ein, »als ob hier eine wissenschaftliche Expedition vor dem Vulkanausbruch Hals über Kopf flüchten mußte. Was für Leute mögen das gewesen sein?«

Immer lebhafter arbeitete es inzwischen im Gesicht des langen Schmidt. Er kniff die dünnen Lippen zusammen, zog sie wieder auseinander, schluckte und kaute und begann schließlich abgebrochen zu sprechen.

»Es könnten Amerikaner gewesen sein ... eine von der Carnegie-Stiftung finanzierte Expedition. Ich fand vor einigen Monaten Hinweise darüber in amerikanischen Fachzeitschriften. Sehr unauffällig, teilweise geradezu versteckt. Es waren reichlich unklare Mitteilungen über wissenschaftliche Aufgaben. Ich hatte den Eindruck, daß die Yankees den wirklichen Zweck damit tarnen wollten. Vielleicht auf der Suche nach Petroleum oder Bodenschätzen aus wären ... aber wenn ich das Instrument hier sehe, wird es mir doch wieder zweifelhaft ...« Dr. Schmidt schickte sich an, sich in einer längeren Rede über amerikanische Expeditionen und ihre Arbeitsweisen zu verbreiten, als Professor Eggerth ihn unterbrach.

»Es hat keinen Zweck, Herr Doktor, sich weiter den Kopf darüber zu zerbrechen. Die Leute, die einmal hier waren, haben die Insel längst verlassen. Wir wollen zu ›St 25‹ zurückkehren.«

Mit einigem Drängen und mit Nachhilfe von Dr. Wille gelang es ihm, den langen Schmidt aus dem Zelt herauszubringen. Etwas schneller schritten sie danach aus und folgten noch ein Stück dem Waldrand, bis sie den schimmernden Körper von ›St 25‹ wieder erblickten.

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