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Lälius oder von der Freundschaft

Marcus Tullius Cicero: Lälius oder von der Freundschaft - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleLälius oder von der Freundschaft
authorRaphael Kühner
firstpub1864
year1864
publisherKrais & Hoffmann
addressStuttgart
titleLälius oder von der Freundschaft
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XIX. 67. Es entsteht aber jetzt eine besondere Frage von einiger Schwierigkeit, ob manchmal neue, der Freundschaft würdige Freunde alten vorzuziehen seien, wie wir alten Pferden junge vorzuziehen pflegen: ein des Menschen unwürdiges Bedenken. Denn in den Freundschaften darf nicht wie bei anderen Dingen Sättigung eintreten. Gerade die ältesteIch lese zwar nach der Muthmaßung Madvig's in Opusc. II. p. 284 sq.: veterrima quaeque . . esse debet suavissima, halte aber mit M. Seyffert die Lesart der Handschriften: veterrima quaeque . . esse debent suavissima für richtig. Streng genommen, hätte also übersetzt werden müssen: gerade das Aelteste, nämlich in den Freundschaften, was sich aus dem Vorhergehenden leicht ergänzen laßt. Der abstrakte Ausdruck veterrima quaeque als Neutrum bildet einen Gegensatz zu dem folgenden novitates, d. i. das Neue, nämlich in den Freundschaften. muß uns wie die Weine, welche Jahre zählen, auch die lieblichste sein, und wahr ist das SprüchwortAristotel. Nicom. VIII. 3, 8: έτι δὲ προσδει̃ται χρόνου καὶ συνθείας· κατὰ τὴν παροιμίαν γὰρ ουκ έστιον ειδη̃σαι αλλήλους, πρὶν τοὺς λεγομένους άλας συναλω̃σαι.: »Man muß zuvor viele Scheffel Salz mit einander essen, bis die Aufgabe der Freundschaft erfüllt ist«. 68. Neue Freundschaften aber, wenn sie zu Hoffnungen berechtigen, indem sich wie bei nicht täuschenden Saaten die Frucht zu erkennen gibt, sind allerdings nicht zu verschmähen; doch muß man die alte Freundschaft in der ihr gebührenden Stelle erhalten. Denn sehr groß ist die Macht des Alters und der Gewohnheit. Ja selbst schon beim Pferde, dessen ich so eben erwähnte, sehen wir, daß, wenn sonst Nichts im Wege steht, Jeder lieber das gebrauchen will, an das er gewohnt ist, als ein ungeschultes und neues. Und nicht bloß bei lebendigen Wesen, sondern auch in der leblosen Natur behauptet die Gewohnheit ihre Geltung, da wir sogar an Gegenden, selbst bergigen und waldigenDie bergigen und waldigen Gegenden, die doch meistens schön und anmuthig sind, werden hier, wie G. Lachmeyer bemerkt, mit Rücksicht auf die Beschwerlichkeit erwähnt. Ich möchte lieber sagen: mit Rücksicht auf die Unfruchtbarkeit, wodurch den Bewohnern Mühsal und Last bereitet wird., Gefallen finden, wenn wir uns in denselben lange aufgehalten haben.

69. Aber höchst wichtig in der Freundschaft ist es, daß der Höhere sich dem Niedrigen gleich stelltUeber die Gleichheit und Ungleichheit in der Freundschaft spricht ausführlich Aristotel. Nicom. VIII. 8, 13. 14. 9, 1., Denn es gibt oft hervorstechende Persönlichkeiten, wie die des Scipio in unserem Kreise war. Nie zog sich dieser dem PhilusUeber Lucius Furius Philus s. zu, nie dem RupiliusUeber Publius Rupilius s. zu Kap. 11, §. 37. Anm. 5., nie dem MummiusSpurius Mummius, Bruder des Lucius Mummius, des Zerstörers von Korinth (146 v. Chr.). Beide zählt Cicero Brut. 25, 94. zu den mittelmäßigen Rednern: simplex quidem Lucius et antiquus, Spurius autem nihilo ille quidem ornatior, sed tamen adstrictior; fuit enim doctus ex disciplina Stoicorum. Scipio schätzte und liebte den Letzteren sehr. S. Cicero Rpl. I. 12, 18., nie seinen Freunden niedrigen Ranges vor. Ja seinen Bruder Quintus MaximusQuintus Fabius Maximus Aemilianus war der älteste Sohn des Lucius Aemilius Paullus und der Bruder des jüngeren Scipio Africanus. Sowie dieser von dem Sohne des älteren Scipio Africanus, so wurde jener von dem Sohne des Quintus Fabius Maximus Cunctator adoptirt. Zwar stand der Letztere seinem Bruder nach, zeichnete sich aber als Consul in dem J. 145 v. Chr. in dem Kriege gegen Viriathus, den Heerführer der Lusitanier, aus., einen allerdings ausgezeichneten, aber ihm keineswegs gleichen Mann, ehrte er, weil er älter war, wie einen Höheren, und so wünschte er, daß seine Angehörigen durch ihn zu höherem Ansehen gelangten. Dieß sollten Alle thun und nachahmen. [70.] Wenn sie daher Vorzüge der Tugend, des Geistes und der äußeren Lage erlangt haben, so mögen sie diese den Ihrigen zu Gute kommen lassen und ihren nächsten Angehörigen mittheilen, so daß, wenn sie von niedrigen Aeltern abstammen, wenn sie Verwandte von schwächerem Geiste oder geringeren Glücksgütern haben, sie deren Vermögensumstände verbessern und ihnen zu Ehren und Ansehen verhelfen, wie wir dieß in den Schauspielen sehen, wo die, welche wegen der Unkenntniß ihres Namens und Geschlechtes einige Zeit lang in Dienstbarkeit lebten, aber selbst nach Entdeckung ihres Ursprunges von Göttern oder Königen dennoch ihrer Liebe gegen die Hirten treu bleiben, die sie viele Jahre für ihre Väter gehalten hattenWie z. B. Oedipus.. Und dieß muß man in ungleich höherem Grade bei wirklichen und rechtmäßigen Vätern thun. Denn dann genießt man von seiner Geisteskraft, Tugend und jedem Vorzuge die größten Früchte, wenn man sie denen zuwendet, die uns am Nächsten stehen.

XX. 71. Sowie also diejenigen, welche in dem engeren Verhältnisse der Freundschaft oder Verwandtschaft höher stehen, sich den Niedrigeren völlig gleichstellen müssen; ebenso dürfen sich auch die Niedrigeren nicht verletzt fühlen, wenn sie von den Ihrigen an Geisteskraft, Glück oder Würde übertroffen werden. Aber die Meisten von ihnen haben immer Klage zu führen oder wol gar Vorwürfe zu machen, und zwar um so mehr, wenn sie meinen Fälle anführen zu können, wo sie dienstfertig und freundschaftlich und zum Theil mit eigener Anstrengung gehandelt hatten: wahrlich eine verhaßte Gattung von Menschen, die Anderen ihre Dienstleistungen vorwerfen, deren nur der gedenken soll, dem sie erwiesen wurden, die aber nicht der erwähnen darf, der sie erwies.

72. Sowie sich also die höher Stehenden in der Freundschaft herablassen müssen, ebenso müssen sich die Niedrigeren gewissermaßen erheben. Denn Manche machen die Freundschaft dadurch lästig, daß sie sich zurückgesetzt meinen, was nicht leicht stattfindet, außer bei denen, die auch wirklich Zurücksetzung zu verdienen glauben. Diese muß man von einem solchen Wahne nicht bloß durch Worte, sondern auch durch die That befreien.

73. Man muß aber einem Jeden so Viel zutheilen, als man erstens selbst zu leisten vermag, sodann auch, so Viel der, den man liebt und unterstützt, zu ertragen vermag. Denn man kann nicht, so sehr man auch hervorragt, alle die Seinigen zu den höchsten Ehrenstellen befördern. So konnte Scipio dem Publius RupiliusUeber Publius Rupilius s. zu Kap. 11, §. 37. Anm. [im Original 5]. Sein Bruder Lucius bewarb sich zwar um das Consulat, erhielt es aber nicht. Vgl. Plin. N. H. 7, 36: P. Rupilius morbo levi impeditus nuntiata fratris (Lucii Rupilii, praetoris 147 a. Chr.) repulsa in consulatus petitione illico exspiravit. Cicer. Tusc. IV. 17, 40: Aegre tulisse P. Rupilium fratris repulsam consulatus seriptum apud Fannium est. das Consulat verschaffen, aber dessen Bruder Lucius nicht. Und wäre man auch im Stande dem Anderen alles Mögliche zuzuwenden, so muß man doch sehen, was er zu ertragen vermag.

74. Ueberhaupt darf man über Freundschaften erst dann urtheilen, wenn die Geistesanlagen und das Alter die gehörige Stärke und Festigkeit erlangt haben, und wer zum Beispiel in der Jugend Liebhaber der Jagd oder des Ballspieles war, muß sich darum nicht an diejenigen gebunden glauben, die er damals wegen derselben Neigung liebte. – Nach diesem Maßstabe würden ja die Ammen und KindererzieherPaedagogi. Zu Kindererziehern erwählte man gebildete und wohlgesittete, gewöhnlich aus Griechenland abstammende Sklaven. Sie mußten das Betragen der Kinder überwachen, sie überall begleiten und ihnen den ersten wissenschaftlichen Unterricht ertheilen. nach dem Rechte des Alters die nächsten Ansprüche auf unser Wohlwollen machen können. Allerdings sind diese nicht gering zu schätzen. Aber die Liebe zum Freunde muß doch anders beschaffen seinIn den Handschriften findet hier offenbar eine Lücke statt; sie lesen nämlich: sed alio quodam modo est. Die meisten Herausgeber haben dieses est getilgt und ergänzen amandi oder colendi oder diligendi, oder aus den vorhergehenden Worten negligendi non sunt. Haupt liest: sed alio quodam modo * *. Weit richtiger scheint mir G. Lachmeyer's Ergänzung: sed alio quodam modo amandum est (wofür ich schreiben möchte: sed a. q. modo est amandum). Nach dieser Ergänzung habe ich die Stelle übersetzt.. – Im entgegengesetzten FalleNämlich wenn man über die Freundschaften urtheilt, bevor die Geistesanlagen und das Alter die gehörige Stärke und Festigkeit erlangt haben. Man muß also die Worte: »Nach diesem Maßstabe . . . anders beschaffen sein« als ein parenthetisches Einschiebsel ansehen. können Freundschaften auf die Dauer nicht bestehen. Denn Ungleichheit des Charakters hat auch ungleiche Neigungen zur Folge, deren Unähnlichkeit die Freundschaften trennt. Und aus keiner anderen Ursache können Gute den Bösen und Böse den Guten nicht befreundet sein, als weil zwischen ihnen der möglichst größte Abstand des Charakters und der Neigungen herrscht.

75. Mit Recht kann man auch bei Freundschaften die Vorschrift geben, daß nicht übertriebenes Wohlwollen – was sehr oft geschieht – wesentlichen Vortheilen der Freundschaft hinderlich sei. Denn sowie NeoptolemusNeoptolemus, Sohn des Achilleus und der Deidamia, der Tochter des Lykomedes, Königs von Skyros, einer Insel des Aegäischen Meeres, hieß eigentlich Pyrrhus, erhielt aber den Namen Neoptolemus, weil er sich nach seines Vaters Tode als junger Krieger (Neoptolemus von νέος und πτόλεμος) zu dem Heere der Griechen vor Troja begab. Nach des Achilleus Tode holte ihn Odysseus (Hom. Odyss. λ, 506 ff.) von Skyros, wo er bei Lykomedes erzogen worden war (Hom. II. τ, 326), weil ein Orakelspruch verkündet hatte, ohne Neoptolemus könne Troja nicht eingenommen werden. Sophokles hat diesen Gegenstand in seinem Philokteres behandelt. Die an unserer Stelle erwähnte Scene des Abschiedes findet sich nach Welcker (Die Griech. Tragöd. I. Abth. S. 105 f.) in der nur in wenigen Bruchstücken noch vorhandenen, »die Scyrierinnen« überschriebenen Tragödie. Vgl. G. H. Bode, Gesch. der Dichtkunst III. Bd. I. Th. S. 427. – um wieder zu den Schauspielen zurückzukehren – Troja nicht hätte einnehmen können, wenn er dem Lykomedes, bei dem er erzogen worden war, hätte Gehör schenken wollen, als er ihn unter vielen Thränen von seiner Abreise abzuhalten suchte. So treten oft wichtige Vorfälle ein, wo man sich von seinen Freunden trennen muß. Wer diese nun, weil er die Sehnsucht nach dem Freunde nicht leicht zu ertragen meint, hintertreiben will, der ist schwach und weichlich von Natur und gerade aus diesem Grunde zu wenig gerecht in der Freundschaft. Und so muß man bei jeder Angelegenheit erwägen, was man von dem Freunde fordern und was man seinen Forderungen gewähren darf.

XXI. 76. Es tritt bisweilen auch ein unvermeidliches Mißgeschick ein, daß man Freundschaften aufgeben muß. Schon gleitet nämlich unser Vortrag von den vertrauten Verbindungen der Weisen zu den gewöhnlichen Freundschaften herab. Es brechen oft Fehler an den Freunden bald gegen ihre eigenen Freunde hervor, deren Schimpf jedoch nicht auf die Freunde zurückfällt. Solche Freundschaften muß man durch allmähliche Verminderung des Umganges auflösen und nach Cato's Ausspruche mehr auftrennen als zerreißen; es müßte denn eine ganz unerträgliche Kränkung in volle Flamme ausgebrochen seinAristotel. Nicom. IX. 3. 5: ’Α̃ρ' ου̃ν ουθὲν αλλοιότερον πρὸς αυτὸν (τὸν φίλον) εκτέον, ὴ ει μὴ εγεγόνει φίλος μηδέποτε, ὴ δει̃ μνείαν έχειν τη̃ς γενομένης συνηθείας; καὶ καθάπερ φίλοις μα̃λλον ὴ οθνείοις οιομεθα δει̃ν χαρίζεσθαι, ούτω καὶ τοι̃ς γενομένοις (sc. φίλοις) απονεμητέον τι διὰ τὴν προγενομένην φιλίαν, όταν μὴ δι' υπερβολὴν μοχθηρίας η διάλυσις γένηται., so daß es weder vernünftig noch sittlich gut noch überhaupt möglich wäre nicht sogleich eine Entfremdung und Trennung eintreten zu lassen.

77. Ist aber eine Veränderung in dem Charakter und den Neigungen, wie es zu geschehen pflegt, erfolgt, oder unter den Parteien des Staates eine Mißhelligkeit eingetreten – ich rede nämlich jetzt, wie ich kurz zuvor bemerkte, nicht von den Freundschaften der Weisen, sondern von den gewöhnlichen – so muß man sich hüten, daß es nicht den Anschein gewinne, als habe man die Freundschaft nicht allein aufgegeben, sondern sogar Feindschaft begonnen. Denn Nichts ist schimpflicher als mit dem Krieg zu führen, mit dem man vertraut gelebt hat. Von der Freundschaft des Quintus PompejusQuintus Pompejus Nepos hatte nach Plutarch (T. II p. 200 C.) dem Scipio bei der Bewerbung des Lälius um das Consulat versprochen, er wolle mit ihm gemeinschaftlich denselben unterstützen, statt dessen aber bewarb er sich selbst um das Consulat und erhielt es auch (141 v. Chr.). hatte sich Scipio, wie ihr wißt, um meinetwillen zurückgezogen; wegen einer Mißhelligkeit aber, die im Staate herrschte, entfernte er sich von unserem Amtsgenossen MetellusQuintus Cäcilius Metellus, der den Beinamen Macedonicus erhalten hatte, weil er nach Besiegung des Andriskus Macedonien zu einer Römischen Provinz machte (148 v. Chr.), und der als Consul im J. 143 gegen Viriathus Krieg führte, war Augur, daher Amtsgenosse des Scipio und Lälius und politischer Widersacher des Scipio (Cicer. Rpbl. I. 19, 31.). Welche politische Mißhelligkeit zwischen Metellus und Scipio hier gemeint sei, läßt sich nicht bestimmt angeben. Auch Cicer. Offic. I. 25, 87 sagt: qualis fuit inter P. Africanum et Q. Metellum sine acerbitate dissensio.. Beides that er mit Würde, ohne daß sein persönliches Uebergewicht und seine Empfindlichkeit kränkend gewesen wäreDie Lesart aller Handschriften ist: utrumque egit graviter auctoritate et offensione animi non acerba. So liest auch Halm im Texte; aber in der Anmerkung erklärt er das Wort auctoritate für ein Glossem, wodurch Jemand das graviter habe erklären wollen. Madvig (Opusc. II. p. 287) hält die Worte auctoritate et für unächt. G. Lachmeyer muthmaßt sehr scharfsinnig: graviter ac temperate et off. u. s. w und vgl. Cicer. ad Attic. XII. 32, 1: ages, ut scribis, temperate. Ich halte die handschriftliche Lesart für ächt und sehe mit M. Seyffert die Worte auctoritate et offensione animi non acerba als Exegese des Wortes graviter (=  auf eine würdige Weise, mit Würde) an..

78. Darum muß man sich erstlich Mühe geben, daß keine Entzweiungen zwischen Freunden entstehen; hat sich aber so Etwas ereignet, daß die Freundschaft mehr erloschen als unterdrückt zu sein scheine. Besonders aber muß man sich hüten, daß sich nicht Freundschaften sogar in schwere Feindschaften verwandeln, aus denen Zänkereien, Schmähungen und Beschimpfungen entstehen. Doch muß man diese, so lange sie erträglich sind, erdulden und der alten Freundschaft die Ehre erweisen, daß der die Schuld trage, der das Unrecht thut, nicht der, der es leidet.

Ueberhaupt gibt es gegen alle Fehler und Unannehmlichkeiten nur ein Verwahrungsmittel und nur eine Vorsichtsmaßregel, daß man nicht allzu schnell und Unwürdige zu lieben anfange. 79. Würdig der Freundschaft sind aber diejenigen, in welchen selbst der Grund liegt, warum man sie liebe: eine seltene Gattung der Menschen. Freilich, aber alles Vortreffliche ist ja selten, und es ist Nichts schwieriger als Etwas zu finden, was in jeder Hinsicht in seiner Art vollkommen wäre. Aber sowie die Meisten in den menschlichen Angelegenheiten nichts Gutes erkennen, als was Gewinn bringt; so lieben sie auch unter ihren Freunden wie unter ihren Hausthieren diejenigen am Meisten, von denen sie den größten Gewinn zu ziehen hoffen.

80. So entbehren sie der schönsten und natürlichsten Freundschaft, die an sich und um ihrer selbst willen wünschenswerth ist, und sie nehmen es nicht an sich selbst abNec sibi exemplo sunt u. s. w., und nicht, sich selbst betrachtend, sehen sie, worauf die wahre Freundschaft beruhe; denn Niemand liebt sich selbst wegen des Nutzens, sondern um seiner selbst willen., worin das Wesen und der Werth der Freundschaft bestehe. Denn Jeder liebt sich selbst, nicht um einen Lohn für seine Liebe von sich selbst zu fordern, sondern weil sich Jeder an und für sich selbst lieb ist. Wenn man dieß nicht auch auf die Freundschaft überträgt, so wird man nie einen wahren Freund finden. Dieser ist ja gleichsam unser zweites IchAristotel. Nicom. IX. 4, 6: έστι γὰρ ο φίλος άλλος αυτός. 9, 10: έτερος γὰρ αυτὸς ο φίλος εστί. Magn. Moral. 2, 10. p. 71, 20. Sylb. όταν βουλώμεθα σφόδρα φίλον ειπει̃ν, μία μὲν ψυξὴ η εμὴ καὶ η τούτου. Cicer. Offic. I. 17, 56: efficiturque id, quod Pythagoras volt in amicitia, ut unis fiat ex pluribus, wo man Beier p. 133 sq. nachsehe. Vgl. Lael. 7, 23. 25, 92..

81. Wenn sich nun diese Erscheinung bei Thieren zeigt, sie mögen in der Luft oder im Wasser oder auf dem Lande leben, zahm oder wild sein, daß sie erstlich sich selbst lieben – ein Trieb, der zugleich mit jedem lebenden Wesen geboren wird –; sodann, daß sie Geschöpfe ihrer Art aufsuchen und begehren, um sich an sie anzuschließen; und wenn sie dieß mit Sehnsucht und einer der menschlichen ähnlichen Liebe thun: um wie viel natürlicher ist dieses bei dem Menschen, der nicht nur sich selbst liebt, sondern auch einen Anderen aufsucht, um dessen Gemüth so mit dem seinigen zu vermischen, daß er, ich möchte sagen, aus zwei Wesen eines macht!

XXII. 82. Aber die Meisten wollen verkehrter, um nicht zu sagen, unverschämter Weise einen solchen Freund besitzen, wie sie selbst nicht sein können, und was sie selbst ihren Freunden nicht leisten, das verlangen sie von ihnenAristotel. Nicom. IX. 13, 4: ‘Η δὲ διὰ τὸ χρήσιμον (φιλία) εγκληματική· επ' ωφελεία γὰρ χρώμενοι αλλήλοις αεὶ του̃ πλείονος δέονται καὶ έλαττον έχειν οιονται του̃ προσήκοντος καὶ μέμφονται, ότι ουχ όσων δέονται, τοσούτων τυγχάνουσιν άξιοι όντες· οι δ' ευ̃ ποιου̃ντες ου δύνανται επαρκει̃ν τοσαυ̃τα, όσων οι πάσχοντες δέονται.. Billig aber ist es, daß man zuerst selbst ein guter Mann ist und dann einen anderen sich ähnlichen sucht. Unter solchen Menschen kann nun die Beständigkeit der Freundschaft, mit deren Darstellung wir uns schon eine Weile beschäftigtenDieselben Worte finden sich schon Kap. 18, §. 65., erst festen Halt gewinnen, wenn durch Wohlthaten verbundene Menschen zuerst den Begierden gebieten, denen Andere fröhnen; sodann an Billigkeit und Gerechtigkeit ihre Freude haben; ferner der Eine für den Anderen Alles übernimmt, und Keiner von dem Anderen Etwas verlangt, als was sittlich gut und recht ist, und sie sich einander nicht allein ehren und lieben, sondern auch Hochachtung vor einander hegen, Denn die größte Zierde der Freundschaft nimmt der weg, der aus ihr die Hochachtung wegnimmt.

83. Daher hat diejenigen ein verderblicher Irrthum ergriffen, welche der Ansicht sind, die Freundschaft eröffne zu allen Ausschweifungen und Vergehen unbeschränkte Erlaubniß. Zur Gehülfin der Tugend hat uns die Natur die Freundschaft gegebenAristotel. Nicom. VIII. 1, 1: έστι γὰρ (η φιλία) αρετή τις ὴ μετ' αρετη̃ς., nicht zur Gefährtin der Laster, damit die Tugend, weil sie nicht für sich allein zu dem HöchstenD. h. zu dem höchsten Gute der Natur, wie gleich darauf gesagt wird. Es ist die auf Vernünftigkeit und Sittlichkeit beruhende Glückseligkeit des Lebens darunter zu verstehen. gelangen kann, in Verbindung und Gemeinschaft mit der anderen dahin gelange. Findet unter Menschen eine solche Gemeinschaft in der Gegenwart oder Vergangenheit oder Zukunft statt, so ist ihr gegenseitiges Geleite als das beste und glücklichste auf dem Pfade zu dem höchsten Gute der Natur anzusehen. 84. Dieß ist, behaupte ich, eine Gemeinschaft, in der Alles liegt, was die Menschen für wünschenswerth halten: Ehre, Ruhm, Seelenruhe und Frohsinn. Denn wo diese Güter sind, da ist das Leben glückselig, ohne sie aber ist es nicht möglich.

Da dieß also das beste und größte Gut ist, so müssen wir uns, wenn wir es erlangen wollen, der Tugend befleißigen, ohne die wir weder Freundschaft noch irgend ein wünschenswerthes Gut erreichen können. Wer aber diese vernachlässigt und dennoch Freunde zu besitzen wähnt, wird dann erst seinen Irrthum gewahr, wenn ihn ein schweres Mißgeschick zwingt seine Freunde zu prüfen.

85. Darum – ich muß es nämlich öfters sagen – soll man erst nach vorhergegangener Beurtheilung lieben, nicht aber erst nach der Liebe urtheilen. Allein in vielen Dingen büßen wir für unsere Nachlässigkeit, am Meisten aber sowol in der Wahl als in der Behandlung der Freundein amicis et diligendis et colendis. M. Seyffert und Andere wollen gegen die Handschriften deligendis statt diligendis lesen, da der Zusammenhang der ganzen Stelle den Begriff der Wahl verlangt. Diese Aenderung ist, wie ich glaube, unnöthig, da die Alten das Wort diligere sowol in der Bedeutung lieben als auch in der Bedeutung wählen gebraucht zu haben scheinen. Wenigstens wird an unzähligen Stellen der Alten in den besten Handschriften diligere in der Bedeutung wählen gelesen. An unserer Stelle wird nicht bloß durch den Zusammenhang, sondern auch durch das trennende et - et einer Verwechslung der Bedeutungen vorgebeugt. Aber höchst auffallend ist der Zusatz colendis, da im Vorhergehenden nur von der Vorsicht in der Zahl der Freunde die Rede war. Seyffert nimmt daher richtig an, daß Lälius unvermerkt ein neues Moment in seinen ursprünglichen Gedanken aufnehme, indem er mit der leichtfertigen Wahl der Freunde eine andere, sich hieran knüpfende Leichtfertigkeit, die unbedeutender Ursachen wegen Freundschaften aufgibt, verbinde.. Denn wir lassen die Berathung hintennach folgen und thun Gethanesacta agimus. Der Sinn des Sprüchwortes ist: Wir thun nachher, was wir hätten vorher thun sollen. Gethanes ist das, was später nicht zu ändern ist. Terent. Phorm. II. 3, 72: Actum agam, ubi illinc rediero. Seyffert vergleicht unser Sprüchwort: »Vorgethan und nachgedacht hat Manchen in groß Leid gebracht«., was uns ein altes Sprüchwort verbietet. Denn obwol wir in gegenseitige freundschaftliche Verbindung entweder durch langen Umgang oder auch durch Dienstleistungen getreten sind, brechen wir die Freundschaften plötzlich mitten im Laufe ab, sobald sich irgend ein Anstoß erhebt.

XXIII. 86. Um so mehr verdient daher die so große Sorglosigkeit in einer höchst unentbehrlichen Sache Tadel. Denn unter den menschlichen Dingen ist es die Freundschaft allein, über deren Nutzen Alle einstimmig urtheilen, wiewol selbst die Tugend von VielenSo namentlich von den Epikureern, die das höchste Gut in die Lust setzten, die Tugend aber als Dienerin der Lust betrachteten. gering geachtet und eine bloße Schaustellung und Prahlerei genannt wird. VieleWie die Cyniker (die Anhänger des Antisthenes, eines Schülers des Sokrates, die die Tugend in die Unabhängigkeit von den äußeren Dingen setzten und in ihrem Streben nach einem natürlichen Leben so weit gingen, daß sie allen äußeren Anstand verletzten und sich dadurch die Verachtung der Vernünftigen zuzogen. verschmähen den Reichthum, weil sie, mit Wenigem zufrieden, an geringer Kost und Lebensweise Gefallen finden. Ehrenämter vollends, nach denen Manche mit brennender Begierde streben, wie Viele verachten diese so sehr, daß sie Nichts für eitler, Nichts für geringfügiger halten! Ebenso achten sehr Viele andere Dinge, die Manchen bewunderungswerth erscheinen, für Nichts.

Von der Freundschaft hingegen haben Alle insgesammt die nämliche Ansicht. Sowol die, welche sich dem Staate gewidmet haben, als die, welche an der Erforschung der Dinge und an der Gelehrsamkeit ihre Freude finden, wie auch die, welche, von Amtsgeschäften frei, ihre eigenen Geschäfte treibenqui suum negotium gerunt otiosi, die für sich leben, nur ihre Privatangelegenheiten besorgen, im Gegensatze zu den Staatsmännern. Cicer. Offic. I. 9, 29: Sunt etiam, qui aut studio rei familiaris tuendae aut odio quodam hominum suum se negotium agere dicant. Xenoph. Comment. II. 9, 1: τὰ εαυτου̃ πράττειν., endlich die, welche sich ganz den Vergnügungen hingeben, urtheilen, ohne Freundschaft sei das Leben kein Leben, wenn sie nur einigermaßen mit Anstand leben wollten. 87. Es erstreckt sich nämlich unvermerkt, ich weiß nicht wie, die Freundschaft über Aller Leben und läßt keine Lebensweise ihrer untheilhaft sein. Ja, besäße auch Jemand ein so abstoßendes Wesen und eine solche Gefühllosigkeit, daß er den Umgang der Menschen flöhe und haßte, wie wir von einem gewissen TimonTimon, ein im Alterthum berüchtigter Menschenhasser (osor hominum, μισάνθρωπος), der zur Zeit des Sokrates lebte. Vgl. Cicer. Tusc. IV. 11, 25 und 27. zu Athen vernommen haben; so konnte er es doch nicht unterlassen nach einem Menschen zu suchen, vor dem er das Gift seiner Bitterkeit ausgeiferte. Die Wahrheit dieser Behauptung würde man am Besten begreifen, wenn der Fall möglich wäre, daß uns ein Gott aus diesem Menschengewühle entrückte und in irgend eine Einöde versetzte und uns hier einen Ueberfluß und Reichthum an allen Naturbedürfnissen darreichte, aber die Gelegenheit einen Menschen zu sehen uns gänzlich entzögeVgl. Cicer. Offic. III. 20, 65[?] sq.. Wer wäre so eisenhart, daß er ein solches Leben ertragen könnte, und daß ihm nicht die Einsamkeit den Genuß aller Vergnügungen entreißen sollte?

88. Wahr ist also jener Ausspruch, den, wie ich glaube, der Tarentiner ArchytasUeber Archytas s. zu Cato Maj. 12, 39. im Munde zu führen pflegte, und den ich von unseren Greisen hörte, die ihn wieder von anderen Greisen gehört hatten: »Wäre auch Einer in den Himmel gestiegen und betrachtete die Einrichtung des Weltalls und die Schönheit der Gestirne; so würde die Bewunderung dieser Dinge doch reizlos für ihn sein, die hingegen ihm höchst erfreulich gewesen wäre, wenn er nur irgend eine Seele gehabt hätte, der er seine Beobachtungen hätte mittheilen können«.

So liebt die Natur nichts Einsames und lehnt sich immer gleichsam an eine Stütze an, die gerade in dem liebreichsten Gemüthe die süßeste ist.

XXIV. Aber wiewol ebendieselbe Natur durch so viele Zeichen kund gibt, was sie will, sucht und begehrt; so sind wir doch auf eine unbegreifliche Weise taub dagegen und hören nicht auf ihre Mahnungen. Allerdings ist der gegenseitige Verkehr unter Freunden mannigfach und vielfältig, und es werden viele Veranlassungen zu Mißtrauen und zu Anstoß gegeben; diese jedoch theils zu vermeiden theils zu ertragen ist Pflicht des Weisen. Aber eine Art des Anstoßes müssen wir uns gefallen lassenUna illa subeunda est offensio, dieß ist die scharfsinnige, mit Recht von Madvig (Opusc. II. p. 285 sq.), Halm und Anderen gebilligte Muthmaßung des Facciolati statt des handschriftlichen sublevanda, das Seyffert zu vertheidigen sich vergeblich abmüht. Er übersetzt die Stelle: Ein Grund des Anstoßes muß völlig hinweggeräumt (kassirt) werden. Aber wie in aller Welt kann sublevare in der Bedeutung »völlig hinwegräumen« aufgefaßt werden? Auch das vorhergehende elevare erklärt er ganz unrichtig durch minuere, efficere, ut minus gravis sit offensio; elevare hat vielmehr die Bedeutung beseitigen, die er dem Verb sublevare beigelegt hat., wenn der NutzenS. oben Kap. 23, §. 86. und die Ehrlichkeit in der Freundschaft erhalten werden soll. Man muß nämlich seine Freunde oft warnen und tadeln, und dieß muß freundlich aufgenommen werden, wenn es aus wohlmeinenden. Herzen geschieht.

89. Aber leider ist nur zu wahr, was mein FreundNämlich Terentius. S. zu Cat. Maj. 18, 65. Die hier angeführte Stelle ist Andria I. 1, 41. in seinem Mädchen von Andros sagt:

Willfährigkeit gebiert uns Freunde, Wahrheit Haß.

Lästig ist freilich die Wahrheit, wenn anders aus ihr Haß entsteht, der ein Gift der Freundschaft ist; aber Willfährigkeit ist ungleich lästiger, weil sie durch Nachsicht gegen die Vergehungen den Freund in's Verderben stürzen läßt. Die größte Schuld trägt aber der, welcher die Wahrheit verschmäht und sich durch Willfährigkeit zur Selbsttäuschung verleiten läßt. Bei dieser ganzen Sache muß man daher Rücksicht und Sorgfalt anwenden, erstlich, daß die Erinnerung ohne Bitterkeit, sodann, daß der Tadel ohne Beschimpfung sei; der Willfährigkeit aberDas Wort Willfährigkeit (obsequium) ist hier nicht wie kurz zuvor in durchaus schlechtem Sinne aufgefaßt, sondern, wie Seyffert bemerkt, als vocabulum medium in dein Sinne von: Streben sich gefällig zu zeigen. – weil ich mich gern eines Terenzischen Ausdruckes bediene – stehe die Begleiterin der Tugenden, Freundlichkeit, zur Seitecomes virtutum comitas assit nach G. Lachmeyer's Vermuthung. Die besten Handschriften haben comes veritas * * assit. Klotz, Madvig, Seyffert, Halm lesen bloß comitas assit , was nur die Erfurter Handschrift, und zwar oberhalb der Zeile, hat. Mit Recht wird der Gedanke, der in dieser Lesart in obsequio autem – comitas assit ausgedrückt ist, von Wunder in den Lectt. Cod. Erf. p. CCXII. für ungereimt erklärt und mit Unrecht von Seyffert vertheidigt.; Liebedienerei hingegen, die Gehülfin der Laster, werde in weiter Ferne gehalten, sie, die nicht nur keines Freundes, sondern überhaupt keines freien Mannes würdig ist. Denn anders lebt man mit einem Gewaltherrscher, anders mit einem Freunde.

90. Wer aber seine Ohren gegen die Stimme der Wahrheit so verschließt, daß er vom Freunde die Wahrheit nicht hören kann, an dessen Rettung muß man verzweifeln. Treffend ist jener Ausspruch des Cato, sowie Vieles von ihm: »Besser machen sich um Manche bittere Feinde verdient als die Freunde, welche süß erscheinen; denn jene sagen die Wahrheit oft, diese niemals«. Uebrigens ist es ungereimt, wenn die, welche erinnert werden, das Mißbehagen, das sie empfinden sollten, nicht empfinden, das hingegen empfinden, von dem sie frei sein sollten. Denn daß sie gefehlt haben, darüber fühlen sie sich nicht beunruhigt; daß sie aber getadelt werden, darüber empfinden sie Mißbehagen, während sie sich doch im Gegentheile über ihr Vergehen betrüben und über die Zurechtweisung freuen sollten.

XXV. 91. Wie es also der wahren Freundschaft eigen ist zu erinnern und sich erinnern zu lassen, und zwar das Eine mit edler Freimüthigkeit zu thun und nicht mit verletzender Härte, das Andere mit Geduld anzunehmen und nicht mit Widerstreben; ebenso muß man wissen, daß es kein größeres Verderben in der Freundschaft gibt als Kriecherei, Schmeichelei und Liebedienerei. Denn mit möglichst vielen Namen muß man dieses Laster gesinnungsloser und betrügerischer Menschen bezeichnen, die Alles mit Rücksicht auf das Vergnügenad voluptatem. Diese Lesart, die auch Seyffert wiederhergestellt hat, bieten die besten Handschriften; andere Handschriften haben ad voluntatem, was von Halm und den meisten Herausgebern aufgenommen worden ist, doch gewiß mit Unrecht. Denn die Schmeichelei sucht ja gerade das aus, was dem Anderen angenehm ist und ihm Vergnügen macht. Ad voluntatem loqui entspricht, wie Seyffert richtig bemerkt, ganz dem Griechischen πρὸς ηδονὴν λέγειν (nach dem Munde reden), das Demosthenes sehr häufig von den Athenischen Rednern gebraucht, die dem Volke schmeicheln und ihm nicht die Wahrheit sagen. Allerdings gibt auch die Redensart ad voluntatem loqui (vgl. 25, 93. 26, 98.) einen sehr guten Sinn; aber dieß darf uns nicht bestimmen die Lesart der besten Handschriften, die gleichfalls einen sehr richtigen Sinn hat, zu verwerfen., Nichts der Wahrheit gemäß reden.

92. Die Verstellung aber ist in allen Fällen fehlerhaft, – denn sie hebt das Urtheil der Wahrheit auf und verfälscht es, – am Meisten aber widerstreitet sie der Freundschaft; denn sie vernichtet die Wahrheit, ohne die der Name der Freundschaft keine Geltung haben kann. Da nämlich das Wesen der Freundschaft darin besteht, daß aus mehreren Seelen gleichsam nur eine wirdS. zu Kap. 21, §. 80.; wie wäre dieß möglich, wenn nicht einmal in einem Einzigen das Gemüth immer ein und dasselbe bliebe, sondern wechselnd, veränderlich und vielfältig wäre? 93. Denn was kann so biegsam sein, so sich von der geraden Straße entfernen als das Gemüth eines Menschen, der sich nicht nur nach des Andern Sinne und Willen, sondern sogar nach seiner Miene und seinem Winke richtet?

Sagt Jemand Nein, so sag' ich Nein; sagt Jemand Ja, so sag' ich Ja;
Kurz dieß gebot mir, in Allem beizustimmen,

wie derselbe TerentiusTerent. Eun. II. 2, 21. Ueber Terentius s. zu Cato M. 18, 65. sagt, doch in Gnatho's Rolle, dergleichen Freunde zu wählen durchaus Leichtfertigkeit verräth. 94. Leider gibt es viele Ebenbilder des Gnatho, die an Herkunft, Lebensverhältnissen und Ruf höher stehen. Die Schmeichelei solcher Menschen ist um so widerwärtiger, wenn zu ihrer Gehaltlosigkeit auch wol das Uebergewicht ihrer Stellung hinzutritt.

95. Der schmeichelnde Freund kann aber bei gehöriger Sorgfalt ebenso gut vom wahren gesondert und unterschieden werden als alles Geschminkte und Erheuchelte vom Aechten und Wahren. Eine Volksversammlung, die aus den unerfahrensten Leuten besteht, weiß doch gewöhnlich zu beurtheilen, welcher Unterschied zwischen einem sogenannten Volksfreunde, das heißt, einem nach dem Munde redenden und leichtfertigen Bürger, und zwischen einem nach festen Grundsätzen handelnden Volksfreunde, das heißt, einem wahrhaftigen und gediegenen BürgerNach der Muthmaßung G. Lachmeyer's: et inter constantem, id est verum et gravem. Diese Lesart liegt in der von Seyffert aufgenommenen Lesart dreier Handschriften: et inter constantem severum et g.; aus IE konnte leicht SE entstehen; Madvig und Halm lesen mit drei anderen Handschriften: constantem et severum; Klotz: constantem id est severum. Ueber den Gedanken selbst vgl. Cicer. Catil. IV. 5, 9: intellectum est, quid interesset inter levitatem concionatorum et animum vere popularem, saluti populi consulentem. Außerdem Offic. I. 25, 84. pro Sext. 45, 96. ff. stattfinde. 96. Welch schmeichelnde Worte entströmten neulich dem Munde des Gajus PapiriusGajus Papirius Carbo (s. zu 11, 39) machte als Volkstribun im J. 131 v. Chr. den Gesetzvorschlag, daß es erlaubt sein sollte, den nämlichen Volkstribun, so oft er wollte, wiederzuwählen. Lälius und Publius Scipio Africanus widerriethen denselben, und zwar Letzterer in einer höchst gediegenen Rede, durch die er bewirkte, daß der Vorschlag verworfen wurde. S. Livius epit. 59., durch die er den Weg zu den Ohren der Volksversammlung fand, als er den Gesetzvorschlag wegen Wiedererwählung der Volkstribunen machte. Ich sprach dagegen. Doch kein Wort von mir, von Scipio will ich lieber reden. Welche Würde, unsterbliche Götter! welche Hoheit lag in seiner Rede! Unbedenklich konnte man ihn den Führer des Römischen Volkes, nicht dessen Mitgänger nennen. Doch ihr wart ja zugegen, und seine Rede ist in eueren Händen. Und so ward der volksgünstige Gesetzvorschlag durch die Stimme des Volkes verworfen. Und, um wieder auf mich zurückzukommen, ihr erinnert euch, wie volksgünstig erschien unter den Consuln Quintus MaximusQuintus Fabius Maximus Aemilianus (s. zu Kap. 19, §. 69). und Lucius Hostilius Mancinus, der sonst nicht weiter bekannt ist, waren im J. 145 v. Chr. Consuln., dem Bruder Scipio's, und Lucius Mancinus der Gesetzvorschlag des Gajus Licinius CrassusGajus Licinius Crassus machte als Volkstribun im J. 145 v. Chr. den Gesetzvorschlag den Priesterkollegien das Recht der Selbstergänzung (cooptatio) zu entziehen und die Priester wie die übrigen obrigkeitlichen Personen in den Wahlversammlungen durch Abstimmung des Volkes zu wählen. Gegen diesen Vorschlag trat der Augur Gajus Lälius als Prätor auf und hielt eine vorzüglich schöne Rede (Cicer. N. D. III. 17, 43. nennt sie aureolam oratiunculam; vgl. über dieselbe auch Cicer. Brut. 21, 83.), und der Vorschlag wurde verworfen. Später aber 104 v. Chr. wurden die Priester nach dem Vorschlage des Gnäus Domitius Aenobarbus in den Wahlversammlungen von siebzehn Tribus ernannt. Endlich im J. 58 v. Chr. wurde der Einfluß der Priester auf die Wahlversammlungen durch den Gesetzvorschlag des Clodius: ne quis per eos dies, quibus cum populo agi liceret, de coelo servaret gänzlich vernichtet. wegen der Priesterwürden! Denn durch denselben sollte das den Priestervereinen zustehende Recht der Selbstergänzung dem Volke übertragen und zu einer Vergünstigung desselben gemacht werden. Auch war er der Erste, der es einführte in den Verhandlungen mit dem Volke gegen das Forum gewandt zu sprechenIn früheren Zeiten richteten die Redner ihr Gesicht während der Rede nach der Hostilischen Curie und dem Comitium, wo der Senat und die Patricier verweilten. Unter Forum ist hier nicht das ganze Forum zu verstehen, auf dem sich ja auch die Hostilische Curie und das Comitium befanden, sondern nur ein Theil des Forums, d. h. der Theil, wo die Plebejer standen.. Doch trug über seine gefällige Rede die Ehrfurcht vor den unsterblichen Göttern durch meine Vertheidigung leicht den Sieg davon. Dieß geschah während meiner Prätur, fünf Jahre vor meinem Consulate. So ward diese Sache mehr durch sich selbst als durch den Einfluß des höchsten amtlichen AnsehensNämlich der Consulwürde, die er damals nicht besaß. Statt summa auctoritate, das die Handschriften haben, liest G. Lachmeyer nach Muthmaßung mea autoritate; doch ohne Grund. vertheidigt.

XXVI. 97. Wenn nun auf dem öffentlichen Schauplatze in der Volksversammlung, wo Dichtung und Schein einen so weiten Spielraum haben, dennoch die Wahrheit sich zu behaupten weiß, wenn sie nur offen dargelegt und in ihr rechtes Licht gestellt wird: was muß erst in der Freundschaft geschehen, deren Werth ganz nach der Wahrheit abgewogen wird. Denn wenn man in derselben nicht, wie man sagt, die offene Brust sieht und die seinige offen zeigt; so hat man nichts Getreues, nichts Zuverlässiges, nicht einmal das Gefühl der Liede und Gegenliebe, da man nicht weiß, inwieweit dasselbe aufrichtig ist. Indeß kann diese Schmeichelei, so verderblich sie auch ist, doch Niemandem schaden, als dem, der ihr Zutritt zu sich verstattet und an ihr Wohlgefallen findet. So geschieht es, daß der den Schmeichlern seine Ohren am Meisten öffnet, der sich selbst schmeichelt und an sich selbst den größten Wohlgefallen findetAristotel. Rhet. 1,11: επεὶ φίλαυτοι πάντες, καὶ τὰ αυτω̃ν ανάγκη ηδέα ει̃ναι πα̃σιν, οι̃ον έργα, λόγοι· διὸ φιλοκόλακες ως επι τὸ πολὺ καὶ φιλέραστοι καὶ φιλότιμοι καὶ φιλοτεκνοι.. 98. Allerdings liebt die Tugend sich selbst; denn sie kennt sich selbst am Besten und weiß, wie liebenswürdig sie ist. Ich rede aber jetzt nicht von der wirklichen Tugend, sondern von der Scheintugend. Denn wirklich tugendhaft wollen nicht so Viele sein als scheinen. Diese erfreut die Schmeichelei. Wenn man sich ihnen mit einem nach ihrem Wunsche ausgesonnenen Gespräche naht, so glauben sie, jene eitle Rede sei ein Zeugniß ihrer vortrefflichen Eigenschaften. Das ist also keine Freundschaft, wenn der Eine die Wahrheit nicht hören will, der Andere zum Lügen bereit ist. Auch die Schmeichelei der Schmarotzer in Lustspielen würde uns nicht witzig erscheinen, wenn es keine großprahlerischen Soldaten gäbeRichtig erklärt Seyffert: selbst auf der Bühne wird uns die Rolle der Schmarotzer nur dadurch erst schmackhaft, – die wir sonst gar nicht goutiren würden, – daß es ruhmredige Militärs gibt, die (wie man von selbst hinzusetzt) jenen zur Folie dienen und von ihnen zum Besten gehalten werden, wie sie es verdienen..

Die Thais sagt mir also wirklich großen Dank?Terent. Eun. III. 1, 1. Der Soldat Thraso hatte durch den Schmarotzer Gnatho seiner Geliebten, der Buhlerin Thais, ein Geschenk zugesandt und fragt ihn nun, wie sie dasselbe aufgenommen habe.

Es wäre genug gewesen zu antworten: »großen«. »Ungeheuren«, erwiderte er. Immer vergrößert der Schmeichler das, was der, nach dessen Wunsche geredet wird, groß wissen will.

99. Wiewol also diese schmeichelnde Liebedienerei nur bei denen Geltung hat, die selbst dazu anlocken und auffordern; so bedürfen doch auch ernstere und gesetztere Männer der Erinnerung darauf zu achten, daß sie sich nicht durch schlaue Schmeichelei berücken lassen. Denn den unverhohlenen Schmeichler erkennt Jedermann, wenn er nicht ganz dumm ist. Daß sich aber der schlaue und versteckte Schmeichler nicht bei uns einschleiche, davor müssen wir uns sorgfältig hüten. Denn man erkennt ihn nicht so leicht, da er ja oft auch durch Widerspruch schmeichelt und scheinbar hadernd schön thut und zuletzt die Hände reichtDie Redensart: die Hände reichen ist von den Gladiatoren hergenommen, die, wenn sie sich für besiegt von ihren Gegnern erklären wollten, ihnen die Hände hinreichten. Vgl. Cicer. ad Attic. II. 22, 2: Haec et in eam sententiam quum multa dixisset, ajebat illum primo sane diu multa contra, ad extremum autem manus dedisse et affirmasse nihil se contra ejus voluntatem facturum. und sich für besiegt erklärt, damit der Getäuschte mehr Einsicht zu besitzen meine. Was ist aber schimpflicher als sich täuschen zu lassen? Daß dieß aber nicht geschehe, davor muß man sich um so mehr in Acht nehmenNach den Worten cavendum est lesen einige Handschriften von geringerem Werthe: ut in Epiclero hodie u. s. w., was auch Seyffert aufgenommen hat. Die besten Handschriften haben: cavendum est ut hodie u. s. w. mit Weglassung der Worte in Epiclero und so liest auch Halm. Offenbar sind diese Worte weiter Nichts als ein Glossem. Die folgenden Verse sind nämlich aus dem Lustspiele des Cäcilius Statius (s. über ihn zu Cat. M. 7, 24), das die Aufschrift führte: Epiclerus, d. h. Erbtochter. In dem zweiten Verse lesen fast alle Handschriften ut iusseris, die Handschrift  G bloß iusseris; Halm nach Muthmaßung elusseris mit zwei  s (nach Quintil. I. 7, 20; Bentley ad Horat. Art. Poet. 96 schlägt scharfsinnig emunxeris vor, das auch von mehreren Herausgebern aufgenommen worden ist; G. Lachmeyer liest illuseris nach dem Palatinus der inluseris hat; andere Handschriften haben luseris oder ut illuseris.:

Vor allen Narren der Komödie
Willst du mich foppen heut und hudeln wunderschön.

100. Denn auch auf der Bühne spielen die unvorsichtigen und leichtgläubigen Greise die albernste Rolle.

Doch mein Vortrag ist, ich weiß nicht wie, von der Freundschaft vollkommener, das heißt weiser Männer – ich rede hier von der Weisheit, welche, wie es scheint, der Mensch zu erreichen im Stande istS. oben Kap. 5, §. 18., – zu den gehaltlosen Freundschaften gerathen. Darum wollen wir zu dem Früheren zurückkehren und ebendamit endlich einmal zum Schlusse kommen.

XXVII. Die Tugend, sag' ich, mein Gajus Fannius und mein Quintus Mucius, schließt die Freundschaften und erhält sie. Denn auf ihr beruht die Uebereinstimmung in allen DingenVgl. oben Kap. 6, §. 20. und Aristotel. Nicom. 9, 6., auf ihr die Beharrlichkeit, auf ihr die Charakterfestigkeit. Wenn sie nun zum Vorschein kommt und ihr Licht zeigt und an einem Anderen ein gleiches Licht erblickt und erkennt, so nähert sie sich diesem und nimmt dagegen das Licht, das in dem Anderen ist, in sich auf. Und hieraus entzündet sich die Flamme der Liebe oder Freundesliebe; denn Beides ist vom Lieben benanntIm Texte steht: ex quo ardescit sive amor sive amicitia; utrumque enim dictum est ab amando. Wegen der Uebersetzung von amicitia s. zu 8, 26.. Lieben aber ist nichts Anderes als den Gegenstand der Liebe aus Achtung werthschätzenCicero's Worte lauten: amare autem nihil est aliud nisi eum ipsum diligere, quam ames. Amare entspricht eigentlich dem Griechischen ερα̃ν und bezeichnet die natürliche Neigung, die wir gleichsam unbewußt ohne alle Reflexion gegen Einen haben; daher kann amare aliquem auch bedeuten Einen herzlich, von ganzem Herzen, leidenschaftlich lieben; diligere hingegen setzt eine gewisse Reflexion, eine Prüfung voraus und bedeutet daher Einen aus Achtung werthschätzen. Vgl. Cicer. Fam. IX. 14, 5: Quis erat, qui putaret ad eum amorem, quem erga te habebam, posse aliquid accedere? Tantum accessit, ut mihi nunc denique amare videar, antea dilexisse. Aber weder amare noch diligere entsprechen dem Griechischen φιλει̃ν, das beide Begriffe in sich schließt. Ausführlich erörtert den Begriff beider Verben Seyffert zu 8, 26. S. 173., ohne Rücksicht auf eigenes Bedürfniß, ohne Absicht aus eigenen Vortheil, der jedoch von selbst aus der Freundschaft erblüht, auch wenn man nicht darnach trachtet.

101. Ein solches Wohlwollen war es, mit welchem ich in meiner Jugend jene Greise, den Lucius PaullusUeber Lucius Aemilius Paullus Macedonicus s. zu Cato Maj. 6, 15., Marcus CatoUeber Marcus Porcius Cato s. die Einleitung zum Cat. Maj., Gajus GallusUeber Gajus Sulpicius Gallus s. zu Cat. Maj. 14, 49., Publius NasicaUeber Publius Cornelius Scipio Nasica Corculum s. zu Cat. Maj. 14, 50., Tiberius GracchusTiberius Sempronius Gracchus, Vater der beiden berühmten Volkstribunen, Tiberius und Gajus Sempronius Gracchus, und der Sempronia, der nachherigen Gemahlin des jüngeren Scipio Africanus, Gemahl der Cornelia, der Tochter des älteren Africanus, einer hochgebildeten und in jeder Hinsicht ausgezeichneten Frau, ein verständiger und achtungswerther Mann (Cicer. de Orat. I. 9, 38), besiegte als Proprätor (177 v. Chr.) die Celtiberier in Spanien, als Consul (176) die Sardinier; 169 war er Censor, 162 zum zweiten Male Consul. Er fiel in einem Treffen mit den Lucanern., den Schwiegervater unseres Scipio, liebte. Noch schöner leuchtet es zwischen Altersgenossen hervor, wie zwischen mir und Scipio, Lucius FuriusUeber Lucius Furius Philus s. zu Kap. 4, §. 14., Publius RupiliusUeber Publius Rupilius s. zu Kap. 11, §. 37., Spurius MummiusUeber Spurius Mummius s. zu Kap. 19, §. 69.. Dagegen finden wir Greise eine erquickende Befriedigung in der Liebe junger Männer, wie in der eurigen, in der des Quintus TuberoUeber Quintus Aelius Tubero s. zu Kap. 11, §. 37. Ja auch der vertraute Umgang mit dem noch sehr jungen Publius RutiliusPublius Rutilius Rufus, ein Schüler des Stoikers Panätius und selbst dem Stoicismus ergeben, war zugleich auch Redner und Rechtsgelehrter (Cicer. de Orat. I. 53, 227). Cicero (de Orat. I. 53, 229) nennt ihn ein Muster von Unbescholtenheit, dem Niemand im Staate an Rechtschaffenheit und Sittenreinheit gleichkomme. Im J. 133 v. Chr. diente er unter dem jüngeren Scipio Africanus vor Numantia. S. Cicer. de Repl. I. 11, 17. Im J. 105 v.Chr. war er Consul. Seine Gerechtigkeitsliebe war den Rittern, die große Pachtungen in Asien hatten, sehr beschwerlich gewesen, als er als Quästor des Oberpriesters Quintus Mucius Scävola, der Proconsul in Asien war, sich den großen Bedrückungen der Ritter widersetzte (99); deßhalb suchten sie sich an ihm zu rächen, indem sie ihn des Unterschleifes anklagten (93). Von den Rittern, die damals die Gerichtsbarkeit hatten, wurde er auf ungerechte Weise verurtheilt. Indem er sich selbst Verbannung auferlegte, ging er nach Smyrna. Obgleich später von Sulla zurückgerufen, beharrte er doch in seiner freiwilligen Verbannung. Vgl. Orelli Onomast. Part. II. p. 517 sq. und Aulus VerginiusAulus Verginius hatte nach Pomponius in den Pandekten lib I. tit. 2.) de Orig. Jur. §. 40. dieselben Lehrer im Bürgerrechte, wie Rutilius, namentlich den Publius Mucius. S. Orelli Onomast. Part. II. p. 640. macht mir Freude.

Weil nun überhaupt unser Leben und unsere Natur so eingerichtet ist, daß ein Menschenalter aus dem anderen erwächst; so wäre es freilich sehr wünschenswerth, wenn man mit denselben Altersgenossen, mit denen man gleichsam aus den SchrankenS. zu Cat. Maj. 23, 83. entlassen wurde, auch, wie man sagt, zum Ziel der Rennbahn gelangen könnte. 102. Allein weil alles Irdische gebrechlich und hinfällig ist, so muß man sich immer nach Menschen umsehen, die man lieben und von denen man geliebt werden kann. Denn nimmt man die Liebe und das Wohlwollen hinweg, so nimmt man allen Reiz aus dem Leben. Für mich lebt Scipio, obwol er mir plötzlich entrissen ward, dennoch und wird immer leben; denn ich liebte die Tugend dieses Mannes, und diese ist nicht erloschen. Doch nicht mir allein, der ich sie immer vor mir sah, schwebt sie vor Augen; auch für die Nachkommen wird sie in ausgezeichnetem Glanze strahlen. Nie wird Jemand den Entschluß zur Ausführung großer Thaten noch die Hoffnung darauf in seinem Geiste fassen, der sich nicht sein Andenken und Vorbild vergegenwärtigen zu müssen glauben sollte.

103. Ich wenigstens habe unter allen Gütern, die mir das Glück oder die Natur zutheilte, Nichts, was ich mit der Freundschaft des Scipio vergleichen könnte. In ihr fand ich Uebereinstimmung in Staatsgeschäften, in ihr Rath für häusliche Angelegenheiten, in ihr auch genußreiche Erholung. Nie habe ich ihn, auch nicht im Geringsten, beleidigt, so viel ich wenigstens weiß; Nichts habe ich von ihm gehört, das ich nicht gewünscht hätte. Ein Haus, derselbe Tisch auf gemeinsame Kosten, und nicht allein der Kriegsdienst, sondern auch die Reisen und der Aufenthalt auf dem LandeVgl. Cicer. de Orat. II. 6, 22, wo der Redner Crassus sagt: Saepe ex socero meo [sc. Quinto Scaevola, cujus socer Laelius erat] audivi, quum is diceret socerum suum Laelium semper fere cum Scipione solitum rusticari eosque incredibiliter repuerascere esse solitos, quum rus ex urbe tanquam e vinclis evolavissent. Non audeo dicere de talibus viris, sed tamen ita solet narrare Scaevola conchas eos et umbilicos ad Cajetam et ad Laurentum legere consuesse et ad omnem animi remissionem ludumque descendere. , – Alles war uns gemeinschaftlich. 104. Und was soll ich ferner von unseren wissenschaftlichen und gelehrten Bestrebungen sagen, in denen wir, fern von den Augen des Volkes, jede von Amtsgeschäften freie Zeit zubrachten?

Wäre nun die Erinnerung und Vergegenwärtigung dieser Dinge zugleich mit ihm untergegangen, so würde ich die Sehnsucht nach einem so eng verbundenen und liebevollen Manne auf keine Weise ertragen können. Aber nicht erloschen sind sie, sondern werden vielmehr genährt und erhöht durch den Gedanken und die Erinnerung an ihn, und wäre ich auch dieser ganz beraubt, so würde mir doch schon mein Alter großen Trost gewähren; denn sehr lange kann ich in diesem Zustande des Sehnens nicht bleiben. Alles aber, was von kurzer Dauer ist, muß erträglich sein, wenn es auch bedeutend ist.

Dieses sind die Gedanken, die ich über die Freundschaft vorzutragen hatte. Euch aber ermahne ich der Tugend, ohne welche die Freundschaft nicht bestehen kann, eine solche Stellung anzuweisen, daß ihr mit Ausnahme dieser Nichts für vorzüglicher haltet als die Freundschaft.

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