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Lälius oder von der Freundschaft

Marcus Tullius Cicero: Lälius oder von der Freundschaft - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleLälius oder von der Freundschaft
authorRaphael Kühner
firstpub1864
year1864
publisherKrais & Hoffmann
addressStuttgart
titleLälius oder von der Freundschaft
created20060129
sendergerd.bouillon
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Einleitung in die Schrift von der Freundschaft

I. Dialogische Form. – Ort und Zeit. – Beurtheilung der Schrift.

1. Cicero's Schrift von der Freundschaft gehört, wie wir in der Einleitung zu seiner Abhandlung über das Greisenalter gesehen haben, zu den Ergänzungswerken seiner moralischen Schriften. Sowie er als Greis die Abhandlung über das Greisenalter dem greisen Atticus, so hat er als Freund die Abhandlung über die Freundschaft seinem Freunde Atticus gewidmet. In welch innigem Freundschaftsverhältnisse beide Männer zu einander standen, bezeugt uns auf das Schönste die Sammlung der Briefe Cicero's an Atticus.

2. Auch diese Abhandlung ist in dialogischer Form geschrieben, und zwar in der Aristotelischen Weise, doch freier, ganz wie die Abhandlung über das Greisenalter, worüber man die Einleitung zu derselben vergleiche. Die Hauptrolle des Dialogs ist dem Lälius zugetheilt, in dessen Hause Cicero die Unterredung zwischen diesem und seinen zwei Schwiegersöhnen, Gajus Fannius und Mucius Scävola, kurz nach dem Tode des jüngeren Scipio Africanus (129 v. Chr.) halten läßt S. Cic. Lael. I, 5.. Die Zeit der Abfassung des Gespräches fällt wahrscheinlich in die Mitte des J. 44, zwischen die Herausgabe der zwei Bücher von der Weissagung und die der drei Bücher von den Pflichten Dieß geht deutlich hervor aus der Vergleichung der folgenden Stellen: Läl. I, 5, wo wir sehen, daß der Lälius nach dem Cato geschrieben ist, Offic. II, 9, 31, wo deutlich gesagt ist, daß der Laelius vor den drei Büchern von den Pflichten geschrieben ist, und de Divinat. II, 1, 3, wo in der Aufzählung seiner philosophischen Schriften der Lälius und die Bücher noch nicht erwähnt sind..

3. Bei der Beurtheilung unserer Schrift dürfen wir nicht den Maßstab eines scharf ausgebildeten philosophischen Lehrbegriffes anlegen. Cicero will uns nicht einen Philosophen vorführen, der einen systematischen Vortrag über das Wesen der Freundschaft hält, sondern einen mehr durch das Leben und die Erfahrung, als durch eine philosophische Schule gebildeten Römischen Staatsmann, der, durch keine Fesseln eines philosophischen Lehrbegriffes gebunden, sich in der Entwickelung und Darstellung seines Gegenstandes frei bewegt. Ueberall in dem Gespräche leuchtet der Römer durch, der Römische Staatsmann, der Römische Patriot, der im Hinblick auf die damalige traurige Lage des durch politische Parteien zerrissenen Staates sich die Aufgabe gestellt hat die Freundschaft und Eintracht seinen Landsleuten eindringlich an's Herz zu legen und sie ihnen als ein Gut zu empfehlen, auf dem nicht allein die Glückseligkeit der Einzelnen zum großen Theile, sondern auch der Friede und die Wohlfahrt des Staates beruhe. Aber die Verschmelzung dieser praktischen Tendenz mit den Lehrsätzen der Philosophie, die Cicero in seiner Schrift versucht hat, erzeugte große, zum Theil unauflösbare Schwierigkeiten S. Moritz Seyffert in dem Kommentar zum Lälius S. 560 ff.. Denn indem er einerseits den Begriff der Freundschaft nach dem sittlichen Standpunkte der Philosophie aufstellt, andererseits in seiner Entwickelung des Wesens der Freundschaft den Standpunkt des Römischen Staatsmannes einnimmt, geräth er nicht selten in Widersprüche, in Unklarheit der Darstellung, in ein unsicheres Schwanken nach der einen und der anderen Seite, in Wiederholungen.

4. Aber bei allen diesen Fehlern bleibt dennoch dieses Gespräch eine Schrift, die, an schönen Gedanken und den zartesten Empfindungen der Freundschaft reich, mit einer Fülle historischer Belege ausgerüstet und in anmuthiger Sprache vorgetragen, angenehm zu lesen ist und uns um so mehr anzieht, als das Bild der Freundschaft nicht in der dürren Form einer abstrakten Abhandlung, sondern in der lebensvollen Gestalt eines edlen und fein gebildeten Römers dargestellt wird.

II. Von den Personen, die Cicero in der Abhandlung von der Freundschaft redend eingeführt hat.

1. Die Hauptperson des Gespräches über die Freundschaft ist Gajus Lälius. Um seinem Vortrage größeres Gewicht, Ansehen und Würde zu verleihen, trägt Cicero, wie er es auch in dem Gespräche über das Greisenalter gethan hat, seine Ansichten nicht in eigener Person vor, sondern überträgt sie dem Lälius. Die ganze Persönlichkeit dieses Mannes war in jeder Beziehung für diesen Zweck geeignet. Denn einerseits hatte die Freundschaft des Lälius und des jüngeren Scipio Africanus bei den Römern eine große Berühmtheit erlangt; sodann besaß Lälius alle Eigenschaften und Tugenden, die einen Menschen zu einer edlen, hochherzigen und innigen Freundschaft befähigen. Sein Charakter war nicht bloß durch Rechtlichkeit und Unbescholtenheit ausgezeichnet, sondern empfahl sich auch durch Freundlichkeit, Heiterkeit, Milde Vgl. Cicer. Offic. I, 30, 108. pro Mur. 31, 66.; durch das Studium der Griechischen Litteratur und der Griechischen Philosophie hatte er sich eine feine Bildung angeeignet; in seinem Leben bewies er überall einen Sokratischen Gleichmuth S. Cicer. Offic. I, 26, 90. Vgl. pro Arch. 7, 16., Besonnenheit, Mäßigung und Weisheit, so daß man ihm den ehrenvollen Beinamen des Weisen beilegte S. Lael. 2, 7 und 8; de Offic. II, 11, 40..

2.  Gajus Lälius war der Sohn des Gajus Lälius, der im J. R. 561 (= 193 v. Chr.) mit Lucius Scipio Asiaticus Consul war. Sein Geburtsjahr läßt sich nicht mit Bestimmtheit angeben; aber daß er um mehrere Jahre älter war als sein Freund Scipio Vgl. Cicer. Laelius 4, 15; de Rep. I, 12, 18: Laelium, quod aetate antecedebat, observabat in parentis loco Scipio., der nach Livius (44, 44) im siebzehnten Lebensjahre an dem Feldzuge gegen Perses im J. 168 Theil nahm, also im J. 185 v. Chr. geboren ward, wird uns berichtet Anders Ellendt. Prolegom. ad Cicer. Brut. §. 16, der das Geburtsjahr des Scipio 572 oder 573 U. c. (182 v. Chr.), das des Lälius 567 oder 568 U. c. (187 v. Chr.) annimmt.. Seine Jugend fällt also in die Zeit, wo die Römer mit der Griechischen Litteratur und der Griechischen Philosophie eine nähere Bekanntschaft machten. Als in dem J. 155 v. Chr. die drei Philosophen, der Neuakademiker Karneades, der Stoiker Diogenes und der Peripatetiker Kritolaus als Gesandte der Athener nach Rom kamen und gelehrte Vorträge hielten, gehörten Lälius und sein Freund Scipio zu den eifrigsten und fleißigsten Zuhörern derselben. Die Liebe zur Philosophie, die damals den jugendlichen Gemüthern eingeflößt worden war, blieb ihnen durch ihre ganze Lebenszeit. Später hörten Beide den Stoischen Philosophen Panätius und gewannen ihn so lieb, daß sie ihn zu ihrem vertrauten Freunde machten, wie auch von ihnen gerühmt wird, daß sie immer die gelehrtesten Männer aus Griechenland um sich gehabt hätten S. Cicer. Fin. II, 8, 24; IV, 9, 23; de Orat. II, 37, 154..

3. Auch als Redner wird er von Cicero S. Cicer. Brut. c. 21, §. 82; c. 23, §. 89 und §. 93. gerühmt, und zwar übertraf er hierin seinen Freund Scipio. Er liebte in seinen Reden alterthümliche Ausdrücke und zeigte einen feinen Geschmack ( elegantia) und eine fein ausgebildete Redeweise ( limatius dicendi genus). Die Rede, die der Augur Lälius als Prätor (145) gegen den Gesetzvorschlag des Volkstribuns Gajus Licinius Crassus hielt, nennt Cicero S. unsere Anmerk. zu Lälius 25, 96. aureola (wunderschön). Auch im J. 130 trat er mit Scipio gegen den Gesetzvorschlag des Tiberius Sempronius Gracchus auf (s. zu Lälius 25, 96).

4. Als Krieger und Staatsmann wird er allerdings von seinem Freunde überstrahlt; aber betrachten wir sein Leben für sich, so nimmt er auch in dieser Hinsicht eine ehrenvolle Stelle ein. In dem J. 146 nahm er in Afrika unter seinem Freunde Theil an dem Kriege gegen Karthago und leistete wichtige Dienste. Im folgenden Jahre (145) wurde er Augur und Prätor, und nach Spanien geschickt schwächte er den Lusitanier Viriathus, der einen blutigen Krieg gegen die Römer führte, dergestalt, daß er seinem Nachfolger einen leichten Krieg überlieferte S. Cicer. de Offic. II, 11, 40; Brut. §. 84.. Das Consulat, um das er sich für das J. 141 vergeblich beworben hatte, erhielt er erst im folgenden Jahre (140) S. Lälius 25, 96. mit Quintus Cäpio.

5. Das Todesjahr des Lälius ist unbekannt; nur so viel wissen wir, daß er seinen Freund Scipio, der 129 gestorben ist, überlebt hat.

6.  Quintus Mucius Scävola, der zum Unterschiede von seinem gleichnamigen Verwandten, dem Oberpriester, der zu derselben Zeit lebte, der Augur genannt zu werden pflegt, war der Schwiegersohn des Lälius, der Schwiegervater des berühmten Redners Lucius Licinius Crassus, und Geschwisterkind ( frater patruelis) mit Publius Mucius Scävola, der 133 v. Chr. das Consulat verwaltete und Begründer des bürgerlichen Rechtes war, und dessen Sohn der berühmte Oberpriester war. Sein Schwiegervater verschaffte ihm die Augurwürde. Im J. 121 v. Chr. war er Prätor in Asien und 117 Consul mit Licinius Cäcilius Metellus. Er war ein großer Rechtsgelehrter; auch lag er unter dem Stoischen Philosophen Panätius dem Studium der Philosophie ob. Sein Charakter empfahl sich durch Freundlichkeit, Liebenswürdigkeit und Rechtschaffenheit. Bis in sein spätestes Alter, selbst bei schon geschwächter Gesundheit bewies er als Senator und Rechtsgelehrter eine unermüdliche Thätigkeit. Zu ihm wurde Cicero im sechzehnten Lebensjahre (91 v. Chr.) geführt, um von ihm die Rechtswissenschaft zu lernen; doch konnte er seinen Unterricht nur kurze Zeit genießen, da Mucius schon im J. 88 starb S. unsere Einleitung zu der Uebersetzung der drei Bücher Cicero's vom Redner S. 21 f., wo die Belege für das Obige angegeben sind..

7.  Gajus Fannius, gleichfalls Schwiegersohn des Lälius, mit dem er aber nicht in dem besten Vernehmen stand, weil dieser dem Scävola bei der Augurwahl den Vorzug gegeben hatte, war im J. 136 v. Chr. Quästor und wenige Jahre darauf Prätor. Wie in seinem Wesen, so zeigte er auch in seiner Redeweise eine gewisse Härte. Auf Anrathen seines Schwiegervaters hörte er den Stoischen Philosophen Panätius. Er schrieb auch ein historisches Werk, Jahrbücher genannt, in dem sich aber nur eine mäßige Gewandtheit der Rede kund gab S. Cicer. Brut. 26, 101; 21, 81; de Orat. II, 67, 270; Brut. 31, 118: quam (eloquentiam) exiguam in Fannio video fuisse. Vgl. Cicer. de Legg. I, 2, 6. Uebrigens ist dieser Fannius, des Marcus Sohn, häufig mit dem Sohne des Gajus Fannius verwechselt wurden. S. Orelli Onomast. p. 250 sq..

III. Von den in dieser Abhandlung benutzten Quellen S. unsere Schrift: Ciceronis in philos. merita p. 117 sq. .

Die Hauptquelle ist Aristoteles' Ethik im achten und neunten Buche. Außerdem sind benutzt: Plato's Lysis und Xenophon's Denkwürdigkeiten des Sokrates; ferner nach Gellius ( N. A. I, 3) Theophrastus' Schrift περὶ φιλίας, von dem nur einzelne Bruchstücke noch vorhanden sind, und nach Lynden ( de Panaetio S. 108 sq.) Chrysippus' Bücher περὶ φιλίας und περὶ του̃ δικάζειν. In dem Eingange unserer Schrift schwebt ihm der Eingang von Plato's Theätetus vor. Aber die Benutzung der Quellen ist eine sehr freie. Die denselben entnommenen Gedanken sind so sehr verarbeitet, mit Römischen Anschauungen vermischt und in Römische Formen umgegossen, daß die Abhandlung ganz den Eindruck einer Urschrift macht.

IV. Inhalt der Abhandlung.

I. Zuschrift an Titus Pomponius Atticus, worin er erwähnt, wie ihm das Gespräch des Lälius von der Freundschaft mitgetheilt sei, und den Grund angibt, warum er in seiner Abhandlung die dialogische Form gewählt und den Lälius zur Hauptperson des Gespräches gemacht habe (Kap. I.). Betrachtung über die Weisheit des Lälius (Kap. II.). Lobrede auf den jüngeren Scipio Africanus (Kap. III.) Betrachtung über die Unsterblichkeit der Seele, durch die Erwähnung von Scipio's Tode hervorgerufen (Kap. IV.).

II. Abhandlung. A. Erster Theil: über die praktische Bedeutung und den Nutzen der Freundschaft. Die Freundschaft verdient vor allen irdischen Gütern den Vorzug. Sie kann aber nur unter Guten, d. h. Tugendhaften, bestehen. Die Freundschaft ist in der Natur selbst (d. h. in der Vernunft) begründet, indem sie die Menschen auf ein geselliges Leben hingewiesen hat. Die eigentliche Freundschaft aber beschränkt sich auf den Bund zweier oder weniger Personen (Kap. V.). Denn sie setzt die vollkommenste Uebereinstimmung in allen göttlichen und menschlichen Dingen, verbunden mit Wohlwollen und Liebe, voraus, und ist als das höchste aller äußeren Güter zu betrachten, das zugleich auch die Tugend mitumfaßt, insofern sie aus derselben entspringt und ohne dieselbe nicht bestehen kann. Aufzählung der Vortheile der auf Tugend beruhenden Freundschaft: a) Sie läßt einerseits unser Glück in schönem Lichte erscheinen; andererseits erleichtert sie Unglück und Mißgeschick durch Theilnahme und Mitgefühl; b) während alle anderen äußeren Güter nur einzelnen Zwecken dienen, verbreitet sich die Freundschaft über die meisten Lebensverhältnisse und ist immer angenehm und nothwendig (Kap. VI.); c) die Freundschaft erfüllt uns auch für die Zukunft mit freudiger Hoffnung und läßt den Muth nicht sinken (VII, 23); indem Lälius von dem engeren Begriffe der Freundschaft zu dem allgemeineren des Wohlwollens (zu der politischen Freundschaft) übergeht, führt er als Vortheil derselben die Eintracht der Staaten an (Kap. VII, 24.).

B. Zweiter Theil: über den Grund der Freundschaft. Der Grund wahrer Freundschaft ist die auf Tugend beruhende Liebe, nicht die Hülfsbedürftigkeit. Dieser unmittelbare Trieb der Natur zeigt sich schon bei den Thieren, aber ungleich deutlicher bei den Menschen, und zwar zuerst in der Liebe zwischen Aeltern und Kindern, sodann in der Liebe zu einem uns geistig und sittlich verwandten Menschen, in dem wir ein Vorbild der Rechtschaffenheit und Tugend zu erkennen glauben. Denn die Tugend übt den mächtigsten Einfluß auf unser Gemüth (Kap. VIII.). Wird diese auf Tugend beruhende Liebe durch gegenseitige Dienstleistungen, durch persönliche Zuneigung und durch näheren Umgang befestigt; so erreicht sie ihre wahre Vollkommenheit. – Widerlegung der Ansicht, daß die Freundschaft ihren Ursprung in der Hülfsbedürftigkeit habe. – Liegt der Grund der Freundschaft in der Natur (d. h. in der höchsten Vernunft), so ist die Freundschaft ewig, da die Natur unwandelbar ist (Kap. IX.).

C. Dritter Theil: die Pflichten der Freundschaft, und zwar zuerst der edlen Freundschaft. Vorerst werden vom Standpunkte des praktischen Lebens aus, namentlich des Römischen Staatslebens, die Gefahren aufgezählt, die den Bestand der Freundschaft bedrohen: a) die Verschiedenheit der Vortheile oder der politischen Ansichten; b) Aenderung des Charakters in Folge widriger Ereignisse oder in Folge des vorrückenden Alters; c) Zumuthungen von Dingen, die der Tugend und Sittlichkeit widerstreben (Kap. X.).

Indem sich nun Lälius zunächst gegen den letzten Punkt wendet, wirft er die Frage auf: » Wie weit darf die Liebe in der Freundschaft gehen?« und beantwortet sie auf folgende Weise: a) Wir dürfen weder von dem Freunde etwas Unsittliches verlangen, noch dem Freunde gewähren. Denn der Grund der Freundschaft muß die Tugend sein; wird man also der Tugend abtrünnig, so kann die Freundschaft nicht fortbestehen. Das Unsittliche wird insbesondere im Sinne des Römischen Staatsmannes als das dem Staate Nachtheilige aufgefaßt. Ist aber ein Gutgesinnter ohne sein Wissen der Freund eines Mannes geworden, der feindselige Gesinnungen gegen sein Vaterland hegt, so ist es Pflicht eine solche Freundschaft sofort wieder aufzulösen (Kap. XI, XII.). b) Wenn also als erstes Gesetz der Freundschaft gilt, daß wir von Freunden nur Sittlichgutes erbitten und um der Freunde willen nur Sittlichgutes thun; so ist es unsere Pflicht auch unaufgefordert im Sinne der Tugend dem Freunde Dienste zu leisten und ihm mit Rath und That zur Seite zu stehen, sowie auch dessen wohlmeinenden Ermahnungen Folge zu leisten. Widerlegung derjenigen Ansichten der Epikureer und Cyrenaiker, welche dem Begriffe einer auf sittlichem Boden beruhenden, opferungsfähigen Freundschaft widerstreben. Unverträglich mit der Freundschaft ist auch das Leben eines Gewaltherrschers, sowie auch die Gesinnung der nach Macht und äußerer Ehre Strebenden (XIII–XV). c) Genauere Bestimmung der obigen Frage, d. h. der Gränzen der Liebe. Nach Verwerfung der gewöhnlich über dieselben aufgestellten egoistischen Ansichten (Kap. XVI.), wird die Bestimmung getroffen: zwischen sittlichguten Freunden muß die Gemeinschaft aller Angelegenheiten, Entwürfe und Wünsche ohne irgend eine Ausnahme stattfinden; selbst minder gerechte Wünsche der Freunde müssen in gefährlichen Lagen derselben von uns insoweit unterstützt werden, als wir uns dadurch nicht selbst allzu sehr erniedrigen (XVII, 61).

In Beziehung auf die zweite den Bestand der Freundschaft bedrohende Gefahr, die sich auf den Charakter der Freunde bezieht, wird die Frage über den Charakter der Freunde behandelt. Die Sorglosigkeit der Menschen bei der Wahl der Freunde ist häufig der Grund zur Auflösung der Freundschaft. Die Eigenschaften des Freundes, die ein dauerndes Verhältniß begründen, sind folgende: Charakterfestigkeit, Treue und die mit dieser zusammenhängenden Eigenschaften: Aufrichtigkeit, Umgänglichkeit, Gleichheit der Gesinnung. Zu diesen Eigenschaften muß aber auch eine gewisse Liebenswürdigkeit des Wesens als Würze der Freundschaft hinzutreten (XVII. 62–64; XVIII). Hieran wird die Frage gereiht: Wie haben wir uns bei der Aufnahme neuer Freunde zu verhalten? und so beantwortet: die durch die Länge der Zeit bewährten Freundschaften müssen uns die theuersten sein, die neuen aber sind, wenn sie zu schönen Hoffnungen berechtigen, nicht zu verschmähen (Kap. XIX, 67. 68). – Wie muß aber das Verhältniß zwischen ungleichen Freunden sein? Bei Ungleichheit der Freunde muß Gleichheit hergestellt werden, indem es für die Höherstehenden Pflicht ist sich zu den Niedrigeren herabzulassen und sich ihnen gleichzustellen, für diese dagegen sich moralisch zu erheben und über die Vorzüge jener nicht verdrießlich zu werden (XX, 71–73). – Schließlich werden zwei aus dem Gesagten sich ergebende Bemerkungen hinzugefügt: a) die Freundschaft kann nur unter Männern bestehen, in denen der Charakter zur Reife gediehen ist; b) man soll sich hüten, daß nicht übertriebenes Wohlwollen wesentlichen Vortheilen der Freundschaft hinderlich sei (XX. 74. 75).

D. Die Pflichten der gewöhnlichen Freundschaft. a) Wenn an den Freunden Fehler hervorbrechen, die sich gegen ihre eigenen Freunde oder gegen Fremde, deren Schimpf auf die Freunde zurückfällt, äußern; so ist es Pflicht solche Freundschaften aufzulösen; – b) Ist eine Veränderung in dem Charakter und den Neigungen oder eine Mißhelligkeit unter den Parteien des Staates eingetreten, so muß man sich hüten, daß es nicht scheine, als ob man nicht allein die Freundschaft aufgegeben, sondern sogar Feindschaft begonnen habe. – c) Besonders muß man sich hüten, daß sich nicht Freundschaften in Feindschaften umwandeln. – Zur Vermeidung der angegebenen Fehler ist Vorsicht in der Wahl der Freunde nothwendig. Würdig der Wahl sind nur diejenigen, in welchen selbst der Grund liegt, warum man sie liebe. Nicht des Vortheiles wegen, sondern um ihrer selbst willen ist die Freundschaft wünschenswerth (XXI.). – d) Man darf vom Freunde nicht verlangen, was man selbst nicht sein und leisten kann. Sei zuerst selbst gut, sodann suche einen dir Aehnlichen; beherrsche also die Begierden, denen Andere fröhnen; habe Freude an Billigkeit und Gerechtigkeit; sei bereit für deinen Freund Alles zu übernehmen; verlange von ihm nur, was sittlichgut ist; die Freunde sollen sich nicht allein ehren und lieben, sondern auch Hochachtung vor einander hegen. Die Freundschaft ist dem Menschen von der Natur nicht als Gefährtin zum Laster, sondern als Gehülfin der Tugend gegeben. Die Tugend in Gemeinschaft mit der Freundschaft ist fähig das höchste Ziel zu erreichen, das heißt die auf Vernünftigkeit und Sittlichkeit beruhende Glückseligkeit. Darum müssen wir uns der Tugend befleißigen, ohne die weder Freundschaft noch irgend ein wünschenswerthes Gut erreicht werden kann (Kap. XXII.). Die Sorglosigkeit aber, mit der häufig Freundschaften geknüpft und gelöst werden, ist um so tadelnswerther, als der Nutzen der Freundschaft unter den menschlichen Dingen einstimmig anerkannt wird, indem Alle urtheilen, ohne Freundschaft sei das Leben kein Leben, wenn man nur einigermaßen mit Anstand leben wolle. Denn sie erstreckt sich über alles Leben und alle Lebensverhältnisse (Kap. XXIII.). Am Schlusse werden noch einige Vorschriften für die Erhaltung der Freundschaft hinzugefügt: Vermeide oder beseitige oder ertrage Veranlassungen zu Mißtrauen und Beleidigungen; mußt du den Freund zurechtweisen oder tadeln, so thue es ohne Bitterkeit und ohne Beschimpfung; den wohlwollenden Tadel des Freundes nimm freundlich auf; vor Allem hüte dich vor Schmeichelei und Liebedienerei. Bemerkungen über den Grund des Wohlgefallens an Schmeicheleien und über die selbst für gesinnungsvolle Männer nöthige Vorsicht sich nicht durch schlaue Schmeichelei berücken zu lassen (Kap. XXIV–XXVI.).

III. Schluß. Kurze Wiederholung des Grundgedankens der Abhandlung: der Grund der wahren Freundschaft ist die Tugend, welche die Freundschaften schließt und erhält. Denn auf ihr beruht die Uebereinstimmung in allen Dingen, die Beharrlichkeit und Charakterfestigkeit. Das schöne Bild der edlen Freundschaft, in welcher Lälius und Scipio gelebt haben, und deren Erinnerung auch nach Scipio's Tode Lälius' Gemüth mit Dank und erhebenden Empfindungen erfüllt hat, bildet einen würdigen Schluß des ganzen Gespräches (Kap. XXVII.).

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