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L'Africana

Theodor Däubler: L'Africana - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleL'Africana
authorTheodor Däubler
firstpub1928
year1928
publisherHoren-Verlag
addressBerlin
titleL'Africana
pages5-200
created20050109
sendergerd.bouillon
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Der Zulauf zu Frau D'Amico war von Anfang an groß. Fatime verstellte sich sehr geschickt. Oft schluchzte sie, denn auch eine gute Schauspielerin, das sah sie ein, hätte die Sängerin ergänzt! Aber für sie gab es nur zwei Rollen: Die Aida und die Afrikanerin. Hassan bekam gute Trinkgelder, hätte manches Liebesabenteuer haben können, doch er stand treu zu seiner Herrin, der jungfräulichen Fatime. Signora D'Amico wurde mit Briefen von ihrem Mann und auch der Annetta überschüttet; beide wollten nach Berlin kommen. Doch die Magierin vertröstete ihre Angehörigen auf eine nicht allzuferne Zukunft. Vorläufig ginge es nicht. Man verdiente zwar, doch war in der Wohnung kein Platz, und grade Wohnungen sind in Berlin sehr teuer. Als Annetta von einem Knaben entbunden wurde, sandte ihr die Pflegemutter zweihundert Lire und Fatime fünfhundert, dazu noch nette Sächelchen für das Kindlein.

Die Nubierin nahm übrigens weiter mit Erfolg Unterricht bei Milani. Bald mußte sie vollkommen ausgebildet sein. Eines Tages lernte sie dort einen jungen Belgier kennen, der ihr sehr gut gefiel. Er hieß Angelus Beaulieu. Sie hatte besondre Freude an Gesprächen mit ihm, weil sie imstande war, sie geläufig auf Französisch zu führen; die deutsche Sprache bereitete ihr immer noch große Schwierigkeiten. Bei magnetischen Sitzungen eröffnete sie die Weisheit der Sphinx auf arabisch, Hassan mußte übersetzen. Nicht selten wurden in der Wohnung in der Kurfürstenstraße kleine Feste veranstaltet, zu denen auch Angelus kam. Er und Fatime sangen, Hassan zupfte Gitarre. Frau D'Amico spielte auf einem gemieteten Piano. Die Maler versicherten immer noch, daß Fatime für die Malerei begabt sei. Sie malte nur selten, aber die Blätter gefielen den Künstlern ihres Bekanntenkreises derart, daß in einem Kunstsalon am Kurfürstendamm eine Ausstellung ihrer Schöpfungen veranstaltet wurde. Alle Bilder konnten verkauft werden, die Kritik hatte sich teilweise auch recht günstig ausgesprochen.

Angelus fürchtete, Fatime könnte der Musik untreu werden. Er war der einzige, der keinen Gefallen an den andern Arbeiten der Nubierin fand. Eines Tages sagte er: »Fatime, Ihre Gesundheit kann so viel Arbeit nicht aushalten, Sie sind eine ansgezeichnete Sängerin, lassen Sie das Malen! Lassen Sie auch das Magnetisiertwerden! Sie sind eine Südländerin, haben sich aber von den rastlosen Leuten anstecken lassen. Meine Mittel sind gering, doch ich kann Ihnen ein bescheidnes Leben, bis wir beide zu Erfolg gelangen werden, in Paris bieten. Frau D'Amico ist zwar eine Schwindlerin, dennoch aber eine Hexe: Unter ihrem Einfluß werden Sie geschwächt, Ihre schöne Begabung muß darunter leiden. Ich liebe Sie. Wenn Sie wollen, können wir morgen Berlin verlassen.«

Fatime hatte schon manche Liebeserklärung über sich ergehen lassen, ohne einen starken Eindruck dabei zu empfangen. Bei diesem Sänger fühlte sie aber auch eine Gemeinschaft durch die Kunst, und sie vermochte nicht ohne weiteres ein paar vertröstende Worte, wie es sonst bei ihr üblich war, über die Lippen zu bringen. »Nein,« sagte sie, »bleiben Sie, bleiben wir beide – noch ist unser Tag nicht gekommen. Ich bin die Afrikanerin, möchte meinem Freund ein neues Reich zu Füßen legen. Noch darf ich nicht lieben: Wie wäre es mir möglich, einem Vasco da Gama den Weg nach Indien zu weisen?«

Angelus aber meinte: »Das ist Romantik, holde Freundin, erschließen Sie mir Indien in einer Mansarde zu Paris. Das klingt zwar auch romantisch, ist aber dennoch schöne Wirklichkeit. Seien Sie mir meine Afrikanerin, die Indien im kleinsten Raume hervorzaubert: Sehen Sie, das ist ein Glück, das dauert. Die romantische Afrikanerin muß für ihren Vasco unterm Manzanillabaum sterben. Wir beide aber wollen noch lange, lange leben.«

Fatime reichte Angelus ihre Hand, die er drückte. Dann sagte sie: »Zu viel Ringe beschweren meine Finger;« sie streifte einen ab und gab ihn dem jungen Sänger.

Als dieser versuchte, ihr einen Kuß zu geben, meinte sie: »Das darf nicht sein. Grade von Ihnen nicht. Noch bin ich Alfonso verpflichtet. Behalten Sie den Ring: Wenn Sie es vermögen, soll er Ihnen Indien verkünden!«

Eines Tages wurde in einem Bildhaueratelier ein Künstlerfest gegeben. Fatime und Angelus waren geladen. Beide hatten, unabhängig voneinander, den gleichen Gedanken. Fatime erschien als Afrikanerin in der Oper Meyerbeers, Angelus als Vasco da Gama. Kaum hatten sie sich in diesem Aufzuge gesehn, erschraken beide. Man erkannte gleich die Kostüme, forderte die Sänger auf, die Liebesarie zu singen. Angelus war sehr erfreut über den Vorschlag. Er hatte der Nubierin zu Liebe die Rolle einstudiert. Fatime entschloß sich nach einigem Widerstreben ebenfalls dazu. Es war ihr beim Liebesduett gar schwer ums Herz. Ihr kamen Empfindungen, wie sonst nie im Leben. Genau fühlte sie, nicht eines Schutzengels wegen, sondern um zuerst Angelus zu gehören, war sie keusch geblieben. Doch nochmals versprach sie sich, Alfonso bis zur Jährung seines Todestages treu zu bleiben. Gegen Lebende darf man eher wortbrüchig werden als gegen Tote. Nach dem schönen Fest begleitete sie Angelus bis zu ihrer Wohnung in der Kurfürstenstraße. Er blickte sie sehnsuchtsvoll an. Sie sagte: »Es geht nicht, der kleine Hassan bewacht mich.« Zufälligerweise hatte sie eine Wahrheit ausgesprochen: Hassans Eifersucht war immer größer geworden. Am nächsten Tage ergab sich etwas Eigentümliches. Fatime fühlte Ermüdung durch das Fest und ließ sich von Hassan das Frühstück zum Bett bringen.

Er erkundigte sich nach ihrem Befinden, fragte, ob seiner Herrin die Tanzfeier gefallen habe.

Sie antwortete: »Es war schön, hat aber zu lange gedauert.«

Plötzlich warf sich der fünfzehnjährige Boy vor Fatime, die noch ausgestreckt lag, auf die Knie und bat: »Im Namen des einzigen Gottes und seines Propheten, im Namen unsers Heiligen Nils, unsrer nubischen Heimat, flehe ich um eins: Fatime, in einem halben Jahr werden Sie Gattin oder Geliebte Angelus sein; bis dahin will ich Ihr treuster Diener bleiben. Doch sehn Sie mich an, ich bin wohlgestaltet, bin Ihr Landsmann; einmal gewähren Sie mir dann auch Ihre Huld! Tun Sie es dann, so werde ich auch fernerhin Ihr treuer, verschwiegner Diener bleiben, bis Sie alt werden; andernfalls würde ich elendig zugrunde gehn. Ihr nubischer Schutzengel müßte dann auch gekränkt sein!«Hassan zitterte dabei.

Er selbst und Fatime, beide fürchteten, er könnte in Krämpfe oder in Ohnmacht fallen.

Da sagte ihm die Nubierin: »Hassan, ich hab' dich gern, habe Angelus noch nichts versprochen; wie könnte ich dir eine so schwerwiegende Zusage machen? Nicht in Menschenhand, in Gottes Gewalt steht das Künftige. Bleibe treu mein Diener: Was Allah beschlossen hat, wird geschehn.«

Hassan faßte diese Worte, als eine Zusage auf. Vielleicht sind sie es im Wunschbereich Fatimes gewesen!

Die sechs Monate, die die Nubierin in der Kurfürstenstraße zubringen wollte, die Gesangstunden, die sie in diesem Zeitraum bei Milani nehmen durfte, nahten ihrem Ende. Eigentlich hatte sie von der Mitarbeit bei ihrer Gästin, Frau D'Amico, gelebt. Das Geschäft blühte so ziemlich. Es wäre wohl möglich gewesen, eine kleinere Wohnung im Westen der Weltstadt zu nehmen und den Betrieb fortzuführen. Seitdem aber Fatime Angelus liebte, fühlte sie Grauen vor der schwindelhaften Arbeit, die sie leisten mußte. Noch liebte sie den Putz, doch trug sie ihn nur an Abenden, wenn Angelus zu ihr kam, wenn dann beide sangen und tanzten, Hassan die Harfe spielte, Frau D'Amico sich taktvoll zu ihren Tieren zurückzog. Hassan war nicht mehr so eifersüchtig: Er hatte das feste Empfinden, durch Angelus wird auch mir Erfüllung meines Wunsches. Sonst, das wußte er, käme er niemals an sein Ziel.

Eines Abende sagte Fatime zu ihrem Vasco, denn, als solcher kostümiert, kam Angelus oft zur Nubierin: »Ich habe keine Lust, mich hier mit Frau D'Amico auseinanderzusetzen. Die Abwicklung aller kleinlichen Arbeiten liegt mir nicht. Ich bin die Afrikanerin, ich sehe nur Vasco, Nubien, mein Indien, das ich ihm in einer Nacht zu Füßen legen werde. Vasco, in drei Wochen soll ich meine Wohnung, muß ich Milani verlassen; Frau D'Amico weiß nichts davon – fliehen wir! Lassen wir die Gauklerin, lassen wir alle Freunde hier im Stich. Hassan wird uns begleiten, daher nicht verraten.«

Angelus sagte: »Wird das der Tag unsrer Hochzeit sein?«

»Nein,« sagte Fatime, »mein Vasco, an dem Tage umschiffen wir das Kap der Guten Hoffnung. Zwei Monate darauf jährt sich der Todestag Alfonsos, dann treten wir miteinander ins Paradies. Das soll mein Indien sein, das ich uns zu Füßen lege.«

Hassan wußte bald von diesen Absichten, war darüber zufrieden, sogar davon eingenommen. Doch eigentümlich! Er spielte von nun an, wenn er allein blieb, in Angelus Vasco-Gewand, das bei Fatime aufgehoben wurde, immer wieder, vor dem großen Spiegel der Sängerin, den Liebestod der Afrikanerin unter dem Gifthauch-Baum. Da war er der Held, die Heldin bildete er sich bloß ein, oder er sprang mit Kleidungsstücken der Angebeteten umher. Das waren die Stunden seiner liebesüchtigen Aufregungen.

Frau D'Amico war tatsächlich ahnungslos, als Fatime ihr Vorhaben, sie im Stich zu lassen, ausführte. Sie dachte, jahrelang könnte es in Fatimes eigner Wohnung so fortgehn: Die Berliner hielten viel von der ägyptischen Kunst des Wahrsagens und magnetischen Heilverfahrens. Das Geschäft blühte so ziemlich, jedenfalls waren die Einnahmen viel höher als in Mailand oder Ägypten. Fatime hatte eines Morgens einen freundlichen Brief von Hermann bekommen, in dem er sie bat, die Wohnung räumen zu wollen und anfragte, ob sie ein Gelddarlehn oder ein kleines Geschenk zum Umzuge benötige. Fatime war nicht mehr so habsüchtig. Sie liebte es nur, von Angelus Geschenke anzunehmen, freute sich sehr auf den Augenblick, wo sie und er durch eigne Arbeit leben würden. Sie gab Hermann keine Antwort. Als einmal Madame D'Amico, zu ihrer Erholung, eine Wagenfahrt durch den Tiergarten machte, ließ Fatime einen Wagen holen, lud mit Hassan alle wertvollen, ihr selbst gehörigen Gegenstände in das Fuhrwerk, und ließ sie in ein großes Hotel bringen. Dorthin schaffte sie dann auch Hassans Koffer und gab alles nach Paris auf. Zwei Tage darauf sagte sie, wohl wissend, daß sie auf großen Widerstand stoßen würde, zu Frau D'Amico: »Ich möchte meine Freundin Annetta mit Kind hier haben.«

Frau D'Amico, die ihre Pflegetochter nicht besonders schätzte, war andrer Meinung. Sie sagte: Man soll Annetta nicht aus ihrem Beruf ziehn, viel eher wäre sie dafür, daß ihr Gatte aus Mailand nach Berlin zöge.

Fatime meinte: Ihr Gatte sähe zu volkstümlich aus; wenigstens nach den Photographien könnte man ihn für einen Salamihändler halten.

Frau D'Amico war empört und sagte: »Ich bin hier ebenso die Hausfrau wie Sie, es sollen beide wegbleiben.«

Fatime stellte sich nun verstimmt. Hassan freute sich über diese Vortäuschung, und eine halbe Stunde darauf entfernten sich Hausfrau und Diener aus der Wohnung in der Kurfürstenstraße. Frau D'Amico war daran gewöhnt, daß Fatime und Hassan sehr oft spät heimkehrten, und so legte sie sich, ohne viele Gedanken darüber, um elf Uhr zu Bett. Das Bologneser Hündchen ruhte ihr zu Füßen unter der gleichen Decke. Unterdessen waren Fatime, Hassan und Angelus bereits in Rathenow auf der Fahrt nach der Lichtstadt Paris. Als am Morgen, um zehn Uhr, Frau D'Amico, durch ihre hungrigen Tiere geweckt, aufstand und auf Arabisch ihr Frühstück verlangte, erschien kein Hassan. Sie dachte sich: ›Das sind richtige Bummler, vielleicht aber heute doch ein glückliches Pärchen geworden; schließlich kann man es ihnen nicht verdenken, Hassan ist jung, das Mädchen nicht zu alt für ihn.‹ Sie drehte sich noch ein paarmal im Bett um, und dann stand sie auf, um zu sehn, ob vielleicht beide betrunken wären, daher nicht erwachen könnten. Niemand war im Hause! – Nun, Frau D'Amico konnte sich auch ohne ihre Gastgeberin behelfen! Es klingelte – sie lächelte, nun kommen sie, es ist beinahe elf Uhr. Während sie zur Tür ging, dachte die dicke Frau, sie wolle die beiden Ankömmlinge mit einem guten Witzwort empfangen. Als sie die Tür öffnete, standen zwei Beamte draußen. Sie kamen von der Polizei. Weil Fatime seit Wochen nicht Hermann geantwortet hätte, ob sie auszuziehen gewillt wäre oder nicht, mußte er sich, da nunmehr die sechs Monate um waren, an die Behörde um Hilfe wenden. Da standen sie nun, ihre Vertreter, nicht vor Fatime, die bereits in Paris ein heißes Bad nahm, um den Ruß der Reise abzuwaschen, sondern vor Frau D'Amico, die keine zehn Worte Deutsch verstand. Ohne Hassan fühlte sie sich den Einheimischen in Berlin gegenüber vollkommen ratlos. Man holte einen Dolmetscher, der französisch sprach. Frau D'Amico war bestürzt, daß sie nun ausziehn mußte, daß Fatime sie eines so kleinen Streites wegen schnöde verlassen hatte, ohne ihr Hassan, als helfenden Geist, zurückzulassen. Die Abreise der Nubierin irgendwohin stand ihr ja klar und einleuchtend, als vollkommne Tatsache, vor den Sinnen. Sie sah geradezu alle drei auf der Flucht, die sie übrigens Angst vor der Polizei zuschrieb. Die Liebe und ihre Romantik im Gefolge hätte sie dem dunklen Mädchen niemals zugetraut. Schließlich fing sie an zu weinen: Da Lisa richtig angemeldet, ihr nichts vorzuwerfen war, bedauerten sie die Beamten. Was sollte nun die verlassene Frau anfangen? Das Geschäft in Berlin fortsetzen? Ohne Fatime, ohne Hassan? Sie mußte noch am gleichen Tag ihr Hab' und Gut nehmen und in ein Hotel übersiedeln; einige tausend Mark waren noch ihr Eigentum. Wenn sie damit und allen ihren Tieren nach Mailand heimführe? Sie mochte ihren Mann ganz gern, wollte ihm aber lieber auch fernerhin monatlich hundert Mark schicken, als in das für sie ungünstige Mailand zurückkehren. Da kam ihr ein Einfall! Wenn sie Annetta schrieb, sie möge herkommen, Fatime erwarte sie? In Berlin könnte Annetta nicht auskneifen, sondern sie müßte abermals ihren Beruf anfangen; auch vermochte sie, durch Milani empfohlen, als Choristin unterzukommen. Es bestand nur eine Schwierigkeit: Für sie und ihre Pflegetochter – die deutsche Sprache. – Auch da hatte sich Frau D'Amico glänzend Rat gewußt: Der Bildhauer sprach gut italienisch, hatte wenig Geld; ob er sich nicht als eine Art von Hassan in Verpflegung nehmen ließ? Frau D'Amico begab sich sofort zu ihm. Sie hatte Glück, fand ihn zu Haus. Herr Emil Hübner, so hieß der Bildhauer, den wir schon erwähnt, doch den Lesern nicht vorgestellt haben, war Phlegmatiker, griff daher nicht sofort zu, ließ sich jedoch den Vorschlag durch den Kopf gehn. Auch hatte er eine Photographie von Frau D'Amicos Tochter gesehn, und das ließ ihn seine Skrupel, bei einer recht fraglichen Sache mitzutun, allmählich zur Ruhe bringen. Als es Abend geworden war, begab er sich noch unentschlossen, welche Antwort er geben sollte, in ein großes Café am Potsdamer Platz, wo er Frau D'Amico treffen sollte, die nun seine Entscheidung hören mochte. Als er ins Café eintrat, sagte er sich: ›Nein, das kann ich nicht tun, mit Schwindlern lasse ich mich nicht ein!‹ Frau D'Amico und ihr Bologneser Hündchen erwarteten ihn bereits. Sie hatte zufälligerweise einen lieben Brief von ihrer Pflegetochter erhalten, die ihr schrieb, sie würde gern mit ihrem Kind Venedig verlassen, da sie dort zu wenig Geld verdiente und von einem jungen Mann, der auch nichts hatte, umschwärmt wurde. »Ein Zeichen Gottes!« sagte Frau D'Amico dem pünktlichen Bildhauer zum Gruß: »Meine Tochter ist viel tüchtiger als Fatime und strebt nach Berlin. Lieber Emil, in zwei Jahren kaufen wir uns ein Eckhaus am Savignyplatz, wo die Kantstraße in ihn einmündet. Daß Sie mittun, lieber Emil, ist zu erfreulich. Ich wußte ja, daß Sie kämen, nun sind Sie da.« Die Frau schüttelte ihm beide Hände und das Hündchen sah ihn zärtlich an. Emil lächelte. Er wußte nicht recht, hatte er ja gesagt oder nicht; es schien ihm aber, nun könne er nicht mehr zurücktreten. Am nächsten Tag suchten beide Wohnung. Frau D'Amico hatte nach Venedig telegraphiert, Geld geschickt, ihr Pflegekind, ihr zukünftiges Pflegeenkelkind sollten sofort nach Berlin kommen. Nach vier Tagen holte sie tiefgerührt Annetta und ihren kleinen Tiziano ab. Das Schicksal dieser Leute geht uns nicht viel an; immerhin wollen wir sagen, daß das Geschäft viel schlechter ging, als mit der blendenden Nubierin. Jedoch fanden Frau D'Amico und die Ihren, zu denen wir auch Emil rechnen müssen, da er bald Annetta heiratete, ihr befriedigendes Auskommen in Berlin. Bildhauerei betrieb er nebenbei. Die weißen Materialisationen, die seine Frau bewerkstelligte, blieben überdies einträglicher, als das, was er aus Gips herstellte. Immerhin hat er auch hier und da eine Büste für ein Grabmal verkauft. Tiziano machte insofern seinem Namen Ehre, als er ein sehr schönes Kind war. Ihren Mann ließ Frau D'Amico nicht nach Berlin kommen; angesichts der geringern Einnahmen sandte sie ihm von nun an, statt hundert Mark, siebzig Mark nach Mailand. Er schrieb ein paar brummige Briefe, drohte nach Berlin zu kommen, blieb aber doch in Mailand und begnügte sich schließlich mit seinem geringern Einkommen. Ob er mehr Angst vor Frau D'Amico, seiner Gattin, hatte oder vor den Deutschen und ihrem Berlin, läßt sich nicht ohne weiteres entscheiden.

In Paris fühlte sich Fatime sehr glücklich. Angelus hatte ihr und sich eine kleine Wohnung in einer Seitenstraße des Boulevard Mont-Parnasse genommen. Auch Hassan gefiel die Stadt, doch konnte er weniger Französisch als Deutsch und mußte immer eindeutiger die Rolle eines ersetzbaren Dieners einnehmen; das kränkte ihn. So hatte er das Gefühl, seine Herrin entferne sich mehr und mehr von ihm, würde das halb gegebne Wort nicht halten. Da er sich bei Angelus nicht wohlfühlte, suchte er die Gesellschaft von Ägyptern und Nubiern auf. Als der dunkle Boy an einem Sonntag allein durch den Tuileriengarten bummelte, sah er einen etwas älteren, ebenso dunklen Landsmann. Er redete ihn an; der etwas weißhaarige Nubier war erfreut, einen jungen Nubier zu finden und führte ihn noch am selben Abend in eine Art von Verein arabischer, fellachischer und nubischer Ägypter. Hassan war gewandt. Er wußte es, mit den richtigen Arabern über geheimnisvolle Dinge zu sprechen.

Nach einigen Wochen fragte ihn der Oberste des Konventikels: »Wenn ich dich richtig versteh, so steht deine Herrin in englischen Diensten.«

Hassan zog den Araber heuchlerischerweise ins Vertrauen: »Ihr habt recht!« sagte er unter vier Augen: »Fatime, obschon sie bei Fuad nur Gutes genossen hat, haßt den Patrioten. Man weiß es in Ägypten. Ich habe auch Gift bekommen, um gegebnenfalls arge Feinde unsers Vaterlands beiseite schaffen zu können.« Er zog die Schachtel mit den geheimnisvollen Zeichen, die er wohlweislich mitgebracht hatte, aus der Tasche, zeigte sie dem Araber. Dem war es ein Beweisstück. Ein andermal erzählte er: In seinem Hause kämen Verschwörer zusammen. Sie sprächen alle englisch; er könne nur wenig von dem, was sie verhandelten, aufgreifen. Er brauche ein schnellres Gift, falls einer mit bösen Absichten nach Ägypten fahren mochte. Soviel könne er immerhin verstehn, um sofort zu wissen, wenn ein großer Schlag gegen die Erzvaterländischen, die Feinde Englands, in Kairo geführt würde.

Der Araber traute dem Knaben, nahm ihn in seine Wohnung und gab ihm ein Fläschchen mit Blausäure und sagte: »Wenn du hier drückst, so muß jeder, der in des Fläschchens Nähe gerät, sofort sterben. Gib du nur acht, daß du mit weit ausgestreckten Armen den heiligen Mord begehst. Es wird dir nichts geschehn, denn keine viertel Sekunde bleibt die Öffnung frei. Am besten freilich, du träufelst das Gift in des Opfers Mund; sofort schließen sich krampfhaft die Zähne und dir kann noch schwerer etwas zustoßen.«

Fatimes Ausbildung war in Berlin beendet worden. Sie hatte auch bei Angelus französische Diktion gelernt. Ihre Liebe zum Belgier war sehr stark, sie konnte nicht den Augenblick erwarten, daß die noch fehlenden zwei Monate, bis zur Jährung des Todes Alfonsos, um wären. Ein Engagement zu finden war schwer: tatsächlich eignete sich Fatime nur zur Rolle der Aida und der Afrikanerin. Immerhin gelang es Angelus durch seine guten Beziehungen, für sich und Fatime eine Verpflichtung zu einigen Abenden in einer der größern Provinzstädte Frankreichs zustande zu bringen. Beide sollten in der beliebten Oper Meyerbeers zugleich auftreten. Er als Vasco, Fatime als Afrikanerin. Es ergab sich, daß der Abend, an dem Fatime zum ersten Male auftreten würde, einen Tag nach der Jährung des traurigen Tages, an dem Alfonso seinen Wunden erlegen war, stattfinden mußte. Man hatte Paris, der Proben wegen, zwei Wochen früher verlassen. Hassan wurde nicht mitgenommen. Angelus mochte ihn nicht leiden, sagte [er] Fatime, er habe gar haßfunkelnde Blicke des Jungen aufgefangen. Fatime gab ihrem zukünftigen Liebhaber nach. Hassan wurde, mit genügend Mitteln versehn, zurückgelassen. Natürlicherweise verbrachte er die Zeit nur bei den Arabern und erzählte ihnen ein Schaudermärchen über Fatime und ihren von England gedungnen Liebhaber. Hassan wußte den Tag, an dem sich Fatime Angelus geben würde. Am Vorabend schon lief er wie besessen durch die Straßen von Paris. Als der eifersüchtige Junge bei der Morgue vorüberstreifte, fühlte er sich von einer fremden Macht erfaßt, sah plötzlich den Griechen in vollkommner Nähe: Er wollte ihn zwingen, sich in die Seine zu werfen. Nun glaubte der Nubier, mit seinem Opfer, Georgios, ums eigne Leben ringen zu müssen; schon hatte er sich dem Gemordeten ergeben wollen, als es ihm vorkam, Fatime öffne die Vorhänge ihres Bettes und winkte ihn zu sich. Da fand er noch die Kraft, sich aus den Klammern des Gespenstes zu reißen und vom Gitter der Seinebrücke zu entfernen. Er wußte dann gar nicht, wie er im Nu so weit von der Morgue weggeraten sein konnte! Nun lief Hassan durch die Straßen der Isle St. Jean, von sämtlichen Toten in der Morgue gehetzt. Am andern Ende der Insel vermochte er sich zu fassen. Da merkte er aber, daß ein wirklicher Sturm längs den Ufern der großen Stadt dahinwirbelte. Er tastete sich an einen raschelnden Baum heran, umfaßte ihn ganz fest; da bemerkte er aus ihm Kraftüberströmung in den eigenen Leib. Auf einmal fühlte sich der Junge wieder stark genug, auf gewöhnliche Art, dem daherpeitschenden Wetter trotzen zu können; ganz indisch fühlte er sich abermals, durch der Esche günstige Vermittlung, auf dem Quais der Seine. Doch stehnbleiben konnte Hassan keineswegs noch, zu stark flog sein Puls: Zurücktaumeln, bei der Morgue vorbei, der hohen Kirche Notre-Dame, mochte er auch keineswegs. So streifte er in der eingeschlagenen Richtung weiter und sah plötzlich ein großes Auge, mit einem Zeiger darin, das ihn anzog: Die Gare de Lyon. Nun wußte der Boy, was er tun mußte: Von hier aus Fatime und Angelus nachreisen! Erst nach vielen Stunden ging der Zug ab. Hassan hatte genug Geld, um die Fahrt zu unternehmen. Am nächsten Tag, als sich das schreckliche Datum jährte, befand sich der junge Nubier in der Stadt, in der Fatime sich Angelus geben sollte. Er fühlte, daß er ruhig geworden war, begab sich ins Theater und fragte, wann die Generalprobe wäre. Sie hat eben begonnen, wurde ihm geantwortet. Da er selbst Nubier war, ließ man ihn zur Nubierin vor, die am nächsten Tage die Afrikanerin singen sollte. Er trat ruhig vor seine Herrin, sagte mit Schluchzen in der Stimme, er wäre gekommen, um dem Triumph seiner Gebieterin und Landsmännin beizuwohnen. Fatime freute sich über die Anwesenheit Hassans und war sehr bewegt. Sie sprach mit ihm freundliche Worte. Als niemand anwesend war, sagte er: »Heute Nacht werden Sie lispeln: ›In Europa!‹ Fatime, werden Sie auch an Ihren Hassan denken? Er liebt Sie mehr als Angelus, darf er hoffen?«

Fatime gab dem Jungen einen Kuß auf die Stirn, dann sagte sie: »Hassan, ich werde eines andern Weib, Weib überhaupt; morgen bin ich nicht mehr ein Mädchen, keine Schwester von dir; ich werde zu dir mütterlich werden. Der Altersunterschied ist nicht groß, das Erlebnis aber, das mich erwartet, wird mich reif machen. Ich werde nicht nur einen Gatten gewinnen, lieber Hassan, sondern auch einen Sohn. Dich!«

Hassan fiel Fatime zu Füßen und weinte. »Ich danke Ihnen, Fatime,« stotterte er, »ich kann Ihr Sohn nicht sein, ich habe mehr erlebt, Schwerwiegenderes ausgeführt als Sie. Fatime, Sie wissen es nicht, sollen es auch nicht wissen. Angelus sieht mich böse an, als ahnte er, was ich verbrochen habe.«

Fatime verstand nicht, was Hassan meinte: Sie hatte, gleich nach Georgios Tod, viel eher als nun vermutet, daß Hassan des Griechen schreckliches Ende herbeigeführt habe. Ihr Wesen sagte ihr auch: ›Heute darfst du nichts Böses erfahren; es erwartet dich die Brautnacht, denke nur an Angelus.‹ – Fatime wurde durch ein Zeichen auf die Bühne gerufen, wo sie in der Generalprobe zu singen hatte. So ward die Unterredung mit Hassan abgebrochen. Als die Szene zu Ende war, ging sie mit Angelus in ein Künstlerzimmer. Dort sagte sie Angelus: »Hassan ist hier. Heute bedrückt mich seine Anwesenheit. Laß dir nichts merken, bleibe aber bei mir! Tu so, als glaubtest auch du, daß er aus Freude über mein Auftreten hier weilt. Mißachte seine Gegenwart nicht, er ist Afrikaner.« – Darauf schrieb Fatime Hassan einen Brief: »Lieber Hassan, Du hast bemerkt, daß ich sehr erfreut bin, daß Du zu meinem ersten Auftreten gekommen bist. Ich bin aber sehr erschüttert; zu viel ereignet sich heute um mich. Ich denke ja auch zurück. Ich bitte darum, lieber Hassan, verüble es mir nicht, wenn ich Dich heute nicht mehr sehn kann, auch morgen nicht. Doch anbei sende ich Dir einen guten Platz für die Aufführung. Es wird mich am entscheidenden Tage meines Lebens beruhigen, Dich im Zuschauerraum zu wissen. Ich werde Blumen bekommen. Wirf auch Du mir eine Blume auf die Bühne, doch keine rote, keine gelbe. Vermagst Du es, so wirf mir eine blaue, eine lila, oder andre mit sachter Farbe; ich werde sie ans Herz drücken. Nach der Aufführung sehn wir uns kurz. Fahre dann nach Paris und erwarte mich. Wir sind in Europa: bezähme Deine Leidenschaft; ich küsse Dich auf die Stirn, mein lieber Hassan; sei gut zu mir, wie ich es immer gegen Dich sein werde. Fatime.« –

Hassan, der dunkle Wilde, las den Brief mit kindlicher Rührung. Es kam ihm vor, als verspräche ihm Fatime eine spätre Nacht des Glücks. So ging er beinah zufrieden aus dem Theater und kümmerte sich nicht um seine Herrin. Am Nachmittag nahm er den Brief abermals vor; da wurde ihm plötzlich klar, daß ihm Fatime niemals angehören würde. Zerknitterte er oder zerweinte er nun den Brief in äußerster Aufregung? Jedenfalls ging er ihm in die Brüche: Er konnte dieses wichtigste Dokument nicht mehr entziffern. Die Schrift war verwischt. Die unleserliche Schrift regte ihn maßlos auf. Was stand darin? Ein Versprechen oder unerbittliche Absage?

Unaufhörlich trieb sich Hassan in der Nähe des Hotels herum. Nachmittags um vier Uhr begab sich Fatime endlich auf ihr Zimmer. Hinter einem Baum versteckt, konnte Hassan genau beobachten, wie die Angebetete allein einer Droschke entstieg, wahrscheinlich um zu Hause etwas Ruhe zu finden. Etwa zehn Minuten später meldete er sich. Er mußte eine halbe Stunde warten, dann ließ ihn Fatime bitten, nicht zu kommen. Hassan begab sich in sein Hotel, schnitt sich eine Ader auf, entnahm Blut und schrieb auf ein Blatt Papier: »Fatime, ich schwöre Euch, fürchtet vorläufig nichts. Ich will Euch nur ein furchtbares Geständnis machen, das mich bis zu Tod quält; es betrifft nicht Euch direkt, sondern den Griechen. Ich habe ihn gestern in Paris bei der Morgue wiedergesehn. Er war so blutüberströmt, daß auch ich heut mit Blut schreibe. Hassan.« –

Nun tat er den Zettel in einen Umschlag, schrieb darauf mit Tinte die Adresse und sandte ihn in Fatimes Zimmer. Die Aufregung, ob er vorgelassen würde, war so groß, daß er in Ohnmacht fiel. Als Fatimes Bescheid kam, sie könne ihn erst empfangen, wenn ihr erstes Auftreten vorbei sein würde, fand ihn das Stubenmädchen bewußtlos. Eilenden Schrittes meldete sie es Fatime. Nun lief auch sie herzu, und die zwei Frauen trugen den Boy auf Fatimes Zimmer. Fatime entließ die Dienerin, denn sie war entschlossen, ihres befreundeten Dieners Beichte anzuhören, wenn er zum Bewußtsein zurückgekehrt wäre. Sie strich ihm mit Eau de Cologne über die Stirn, kühlte seine Pulse.

Hassan lispelte bald: »Fatime, ich liebe Sie.«

Sie gab keine Antwort, wartete, bis sich der Junge erholt hatte. Das ging nun rasch. Sie war so erfreut wie er, in nubische Augen blicken zu können, daß sie Hassan einen Kuß auf die kühlen Lippen drückte. Da umhalste er sie und sagte: »Aus Liebe zu dir habe ich Georgios gemordet.« Die Nubierin erschrak nicht, denn, obwohl unbewußt geblieben, wohnte auch ihr das Geheimnis inne: Sie war seiner teilhaftig gewesen. Ein ungeheures Gefühl von Zugehörigkeit verband sie nun mit Hassan, sie mußte ihn, den Gleichrassigen, zuerst an sich drücken! Der Weltenabgrund hatte sie miteinander tief in seine Klüfte gestürzt: Hassan schwebte in noch schwindelerregenderer Tiefe, doch auch sie, Fatime, taumelte im Dunkeln. Sie gab ihm eine Kette von Küssen, um bis zu ihm hinabgerissen zu sein. Das Verbrechen hatte sie aneinander gebunden. Ein Augenblick der Hingabe sollte die beiden Nubier für immer aneinander schweißen. Willenlos, zu sehr beschwert durch Wünsche, ließ Fatime mit sich geschehn, was die Stunde wollte, was Hassan, daß es sich ereigne, gefördert hatte. Als die zwei Afrikaner einander schon gehörten, fragte Fatime: »Hast du Georgios über die Treppe hinuntergestoßen? Damit war doch nur ein Unfall, nicht der Tod bezweckt?«

Hassan aber erwiderte: »Ich habe seinen Tod gewollt.«

Da umschlang ihn die Nubierin noch einmal und sagte: »Ich bin deine Mitschuldige, es ist gerecht, daß ich dein geworden bin.« Dann aber trieb sie ihren Buhlen an, sich rasch fertig zu machen, da Angelus jeden Augenblick eintreffen konnte. Die beiden Geliebten gaben sich einen langen Abschiedskuß und gingen voneinander. Hassan fühlte sich als Mann, als Sieger! Wie froh war er, Georgios gemordet zu haben, denn ohne das Geständnis wäre er niemals der erste Geliebte Fatimes geworden. In den Abendstunden kehrte er in die Nähe des Hotels zurück. Fatime und Angelus entstiegen gegen elf Uhr einer Droschke. Es ging zur Brautnacht. Hassan wußte genau, wo Fatimes Fenster waren. Er hatte richtig ihre Lage berechnet, denn schon erhellten sie sich. Das Paar war eingetreten. Aufreibender Schmerz bemächtigte sich seiner; die Blicke versuchten durch die Scheiben dort oben, im zweiten Stockwerk, Unheil anzurichten. Schon einmal hatte er gemordet: Warum sollte er nicht seine Geliebte, die nun wirklich sein gewesen ist, dem feindlichen Bleichgesicht, dem Giaur, entreißen? Wie zum Aufschrei bereit, starrte er auf die blendende rechte Ecke, hinter der sich die zwei entkleiden mochten. Da plötzlich war sie nicht mehr. Wie weggezaubert, fehlten ihm die zwei schrecklichen goldnen Lücken im Dunkel der großen Fassade, und es war doch nur das einfachste geschehn: Man hatte das Licht ausgelöscht! Also nun umschlingt er sie, griff es Hassan ans Herz, Magen und Gedärm. Der Afrikaner schnellte sich gradezu in den Hausflur des Hotels, um hinaufzurasen. Die Glastür unter der Treppe merkte er nicht und stürzte hinein. Schon kamen Portier und Bediente des Hotels und halfen dem blutüberströmten Nubier, aufzustehn. Er hatte ein paar Schnittwunden erlitten, doch sie waren nicht allzu arg. Da man ihn im Hotel schon ein- und ausgehn gesehn hatte, forschte niemand nach, warum er so rabiat über die Treppe jagen wollte. Franzosen sind in solchen Dingen sehr verständig. Ein Dienstbote des Hotels wusch ihm die Wunden aus, brachte ihn in die Nachtapotheke, wo er verbunden wurde; dann durfte Hassan in seine Herberge gehn. Er sträubte sich auch nicht, tat willfährig, was das klügste war. »Nun ist es ja geschehn!« brummte, zerrte es ihm durch den Schädel.

Als Hassan am nächsten Tag, mit einem großen Pflaster auf der Stirn, den rechten Arm in einer Binde, auf die Straße ging, sah er gleich Riesenplakate, die schwarz auf bunt, den Abend der echten Afrikanerin, als »Afrikanerin« von Meyerbeer, ankündigten. Der junge Nubier hatte keine Gefühle, die man Eifersucht oder Haß nennen konnte; er wußte nur: Das Unheil überleb ich nicht. Sein Gift hatte er von Paris mitgenommen, es konnte in jedem Augenblick vom Liebesschmerz, mit dem bißchen Leben, das daran hing, befrein. Den ganzen Tag irrte, fegte er über Plätze und durch enge Gassen. In den Mittagsstunden wagte er es, dem Hotel zu nahn, obwohl ihm bangen mußte, daß man den dreisten Boy von dort sofort vertreiben würde. Doch es standen hohe Bäume vor dem Haus, in dem das geliebte Wesen mit einem gehaßten andern wohnte. Fatime und Angelus verließen das Hotel nicht. Vielleicht hatten sie Angst vor Hassan, von dessen Ungestüm am Vorabend sie recht bald unterrichtet wurden. Möglich ist es aber auch, daß Fatime bloß jede Anstrengung vor ihrem großen Abend scheute. Der dunkelte nun herauf. Doch in ihrem Zimmer hat man es besonders hell gemacht. Viele, viele Lampen und Lichter wurden hin und her geschwenkt, bis alle Gegenstände ins Theater gebracht waren. Fatime hatte herrliche Kostüme. Die meisten trug sie schon zur Generalprobe; doch Schmuck, Schärpen, ihr von Hermann verehrter Putz, waren noch im Hotel geblieben. Das Umkleiden der nunmehr großstädtischen Dame zu einer Wilden machte ihr Spaß. Die Vorstellung ging los. Fatime trat in die Öffentlichkeit – zum ersten Male –, doch ihr Erfolg war sofort groß. Stimme, Gebärdenspiel gefielen ausgezeichnet. Auch Vasco, ihr Angelus, sang vortrefflich. Nach dem ersten Akt war der Beifall ungewöhnlich groß. Blumen wurden gespendet, Garnituren, auch ein Bukett aus weißen Rosen: Sie sollen Tränen bedeuten. Hassan, der junge Nubier, hatte sie überreichen lassen. Fatime wußte das. Sie nahm die hellen Blumen und drückte sie an ihre schwarze Brust. Ein Blick auf Angelus bewies ihr, daß er nicht bemerkt hatte, wer der Geber war. Nach dem zweiten Akt bat Hassan dringend, auf die Bühne gelassen zu werden. Die Szene des Überfalls auf das Schiff hatte ihn aufgeregt, er fühlte sich als der stürmische Anführer. Man wollte ihn aber nicht gewähren lassen. Doch er ließ Fatime eindringlich bitten: Und sie, berauscht durch ihren Erfolg, wollte ihm die Freude schenken. Hassan reizte es, Angelus zu töten, doch noch hatte der junge Afrikaner so viel Berechnungsfähigkeit, daß er sich sagen konnte: Du, Hassan, wanderst ins Zuchthaus. Fatime wartet abermals auf Jährung des neuen Trauerfalles und nimmt dann einen andern. – Als Fatime endlich unterm Manzanillabaum, in dem es keine Nachtigallen gibt, ihr Lied sang, durchzuckte es den jungen Nubier: ›In Europa!‹ Er verstand den Sinn, der in dieser einzigen Vorstellung liegen mußte. Der farbige Tropenvogel Fatime war zur europäischen Nachtigall geworden, durfte mit weißen Männern Liebesgezwitscher tauschen. Er ertrug es nicht. Der Manzanillabaum kam ihm als Deckung vor, wie die Bäume vor dem großen Hotel, mit den grausam erhellten Fenstern. Er duckte sich hinter ihm. Und als die Oper zu Ende gehn sollte, Fatime, an die herrliche Pflanze des Südens gelehnt, an ihrem Wollustduft vergehn sollte, öffnete er, ohne erblickt zu werden, das Fläschchen mit Blausäure. Fatime mußte so tun, als stürbe sie; Hassan selbst wußte nicht, ob sie nun wirklich tot war. Ihn selbst aber hatte sofort Schwindel hervorwirbelnde Übelkeit gepackt. Er stürzte zur nächsten Stiege; stürzte, vom Gift getroffen, über sie hinunter, blieb tot liegen – wie dereinst Georgios, sein Opfer in der Kurfürstenstraße in Berlin.

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