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L'Africana

Theodor Däubler: L'Africana - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleL'Africana
authorTheodor Däubler
firstpub1928
year1928
publisherHoren-Verlag
addressBerlin
titleL'Africana
pages5-200
created20050109
sendergerd.bouillon
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Mehrere Tage, bis der Pilatus seinen Degen trug, und am Abend auch wirklich Regen eintrat, hielten sich Hermann und Fatime in keuscher Gemeinschaft in Luzern auf. Unangenehmes von Mailand aus schien sich nunmehr nicht ereignen zu müssen. Übrigens hatte Fatime dort den sonst so pedantischen Hermann dazu bewogen, sich nach Paris abzumelden. Vielleicht mochten der Gesangslehrer und die Wucherin nach der abgängigen Afrikanerin forschen lassen! Fatime machte sich aber keine großen Sorgen. Sie schuldete dem Lehrer drei Stunden und ein paar Wagenfahrten. Dafür konnte er ihr nicht viel anhaben. Die Wucherin konnte sich nur auf der Polizei lächerlich machen; warum hat sie einer Fremden, einer Afrikanerin dazu, ohne weitres so viel Geld geliehn! Fatime wußte, das war nur möglich, weil sie einen Schutzengel hatte, der sonst vorsichtige Menschen, zu ihren Gunsten, zu betören vermochte.

Nun ging es aus der kühlern Schweiz, in der Fatime es verstanden hatte, so sachlich über Dinge, die sie angingen, nachzudenken, in noch nüchternere Gegenden. An einem widerlichen Wind- und Regentag setzte ein pünktlicher Schnellzug Fatime mit ihrem Begleiter Hermann am Anhalter Bahnhof in der fröhlichen Stadt Berlin ab. Herr Eick hielt sich in der Kurfürstenstraße ein kleines Absteigequartier, in dem er auch modernste Kunstschätze und einige Gegenstände echter Kongokunst aufgestellt hatte. Dorthin wollte er sich nun begeben. Doch brachte er zunächst Fatime in einem der großen Hotels in der Nähe des Anhalter Bahnhofs unter. Erstens wollte er nicht durch die Nubierin in seinem Hause Aufsehn erregen, zweitens mochte er sie zu einem Künstlerfest als Überraschung vorführen. Bis zum Abend, also beinahe einen vollen Tag, sollte Fatime sich selbst überlassen bleiben. Hermann hatte geschäftlich zu tun, versprach ihr aber für ihre Geduld ein schönes Geschenk und überdies einen vergnüglichen Abend im Wintergarten. Als Fatime den Lift bestieg, um in die dritte Etage, in der ihr Zimmer lag, zu gelangen, erblickte sie, außer sich selbst, im Spiegel noch einen nubischen Boy des auf- und niederziehbaren Kastens. Der Boy – kaum hatte auch er im Spiegel seine Landsmännin wahrgenommen – lüftete höflich die Mütze und sprach die Nubierin in der Mundart der Heimat an. Er war in Toska, etwas oberhalb Korosko, dem Geburtsort Fatimes, zur Welt gekommen. Schon als Kind hatte man ihn nach Deutschland gebracht. So konnte er sich seiner Landsmännin als Lehrer in der deutschen Sprache anbieten. Fatime war sehr erfreut, endlich einem dunklen Antlitz in die Augen zu sehen, dazu, in der Sprache ihrer Kindheit, einige Worte wechseln zu können. Doch sie fühlte sich als Dame und wollte keine nähere Bekanntschaft mit einem Liftboy. Das Zimmer Fatimes war geräumig, sauber, bequem eingerichtet, doch für eine ausgesprochene Südländerin den ganzen Tag dämmerhaft. So schlief das dunkle Mädchen bald ein und als es vier Uhr war (sie mußte sich nach der Stunde bei einem Dienstboten erkundigen), bestellte sie einen Happen, bestehend aus Austern, Kaviar, Hummern und Sekt, aufs Zimmer. Das mußte sehr fein wirken, denn Hermann hatte doch die gleiche Platte, kurz nach ihrer Bekanntschaft in Mailand bestellt. Da Fatime noch nicht im Besitz einer Uhr war und erst hatte schellen müssen, um zu wissen, wie weit der Tag schon seinem Ende nahte, fühlte sie sich Dienstboten des Hotels gegenüber verpflichtet, nur feinste Leckerbissen zu sich zu nehmen. Alles ist auf blendendem Silber serviert worden. Nun schmeckten ihr aber Austern und Kaviar immer noch nicht, nur den Hummer hatte sie rasch verzehrt. Sollte sie Kaviar und Austern in einem Eimer verschwinden lassen? Sie entschloß sich anders. Sie schellte, sagte dem Kellner, der nubische Boy sollte kommen, da er ihr eine Übersetzung aus dem Nubischen ins Deutsche machen müsse. Sie sprach in dem Augenblick absichtlich gebrochen französisch, damit die Notwendigkeit des Knabenbesuches besonders einleuchtend erscheinen mochte. Die Nubierin hatte keine andre Absicht gehabt, als bloß dem jungen Landsmann Austern und Kaviar vorzusetzen. Die Austern mundeten ihm, vom Kaviar behauptete er, er schmecke wie Schuhwichse. Nachdem er die Leckerbissen besonders glücklich durch ein ergänzendes Glas Moet Chandon hinuntergespült hatte, wollte er sich frühreif, also verliebt, gebärden. Fatime mochte sich aber keineswegs ihren Schutzengel durch diesen Bengel vertreiben lassen und wies ihn aus dem Zimmer. Das ließ sich der heranreifende Nubier nicht gefallen. Es kam zu einem äußerst erregten Zwiegespräch, in dem Mädchen und Junge handgreiflich wurden. Gäste und Personal stürzten in die Stube und erblickten mit Entsetzen das Ende einer afrikanischen Szene, in deren Verlauf Weine, Austernschalen, Silbergeschirr auf den Boden zu liegen gekommen waren. Die Folge war Entlassung des Boys, und zwar durch den Direktor selbst, der auf dem Zimmer Fatimes erschien. Die Nubierin aber tuschelte dem Jungen zu: »Wenn du mir versprichst, mich niemals zu lieben, keine Begehren zu haben, will ich dich in meinen Dienst nehmen. Schreibe mir unter der Adresse Fatime an das Postamt W 40. Jetzt aber tu, als ob du sehr empört wärst.« Nach einer halben Stunde verließ Fatime ihr Zimmer. In der Halle des Hotels erblickte sie den nubischen Boy, der sich umgezogen hatte und nun sofort das Hotel verlassen sollte. Es war ihr gelungen, ihm unbemerkt zuzuraunen: »Erwarte mich vor dem Bahnhof.« Sie las noch eine französische und italienische Zeitung, dann sagte sie, sie wolle um sieben zurück sein und verließ das Hotel. Gleich darauf fand sie den Boy, der ihr mitteilte, daß er Hassan heiße. Sie ging streng mit ihm um und erteilte den Befehl, sie sofort in einer Droschke zu einem Gesangslehrer zu bringen. Der Junge wußte keine Anschrift, schlug in allen Adreßbüchern am Bahnhof nach und fand endlich Namen und Wohnung eines italienischen Lehrers. Sofort wurde dorthin kutschiert. Der Lehrer war zu Hause, hatte aber den italienischen Namen nur aus Geschäftsrücksichten angenommen, verstand nicht die Sprache Rossinis und verständigte sich nur schwer auf Französisch. Fatime hatte sofort mit der Liebesarie aus der Aida Bekanntschaft und Unterricht angefangen. Die paar Brocken genügten, um handelseinig zu werden. Das dunkle Mädchen versprach dreifaches Honorar für die erste Lektion, falls Herr Milani, wie sich der Lehrer nannte, die Dame, die nun zum Unterricht gekommen war, wegschicken wollte. Während der Stunde, die Fatime nun erteilt wurde, wartete Hassan im Vorraum. Als die Lektion zu Ende war, halfen alle Adressenangaben nichts. Herr Milani aus Stettin verlangte, bezahlt zu sein. Fatime entschloß sich, als Pfand dazubleiben und sandte Hassan mit einem Schreiben an Hermann Eick vor das Hotel; dort sollte er warten, bis der reiche Mann Fatime um sieben Uhr abholen wollte. Der Plan gelang. Hermann war allerdings überrascht, von einem Nubier, anstatt von einer Nubierin, angesprochen zu werden. Er nahm den Jungen in der Droschke mit und eilte zu Herrn Milani, um Fatime auszulösen. Dann überreichte er, noch immer in der Wohnung des Lehrers, Fatime sein versprochnes Geschenk: Eine wundervolle goldne Uhr an massivem, feingeflochtnem Kettchen. Die Nubierin geriet in wirkliches Entzücken, war doch ihr lebhaftester Wunsch nun endlich in Erfüllung gegangen. Daß vom Behang der feinen Genfer Uhr auch ein blutroter Rubin tropfte, bereitete ihr besondern Spaß. »Nicht wahr, Hermann,« sagte sie zum Dank fürs Angebinde: »Bald bekomme ich einen Smaragdring?« Der Fabrikant aus Barmen nickte freundlich: »Ja!« Bekräftigte jedoch sein Versprechen keineswegs durch hinzugefügte Worte. Nun begab man sich in den Wintergarten, nahm sein Diner ein und verbrachte den Abend in heller Freude unter dem Sternhimmel aus Glühbirnen. Fatime, die noch niemals ein Varieté besucht hatte, fand ihr größtes Wohlgefallen an einem halben Dutzend tanzender Elefanten. Sie dachte unaufhörlich an ihr fernes, liebes Afrika. Hassan sollte seine neue Stelle am nächsten Tage in der Kurfürstenstraße bei Hermann Eick antreten.

Fatime gab Herrn Eick für elf Uhr vormittags am nächsten Morgen ein Stelldichein im Hotel. Sie hinterließ jedoch, daß sie möglicherweise etwas später kommen würde, da sie zu tun hätte, Herr Eick möchte sie erwarten. Geld hatte sie sich wohlweislich geben lassen. So mietete sie dann um halb zehn Uhr eine Droschke und begab sich auf das britische Konsulat. Da um zehn Uhr die Amtsstunden begannen, wurde sie sofort empfangen. Vor allem war ein Brief aus Triest angekommen. Der Redakteur schrieb ihr, sie hätte Glück, ein Ägypter wäre nach Kairo gefahren und wollte alles in Ordnung bringen; anstatt von Amts wegen sollte alles von dem einflußreichen Mann persönlich und rasch erledigt werden. Auch die Triester Behörde wäre dabei, die Sache in Ordnung zu bringen. Das Geld des armen Alfonso sei ja vorhanden, sie könne hoffen, es in acht Tagen zu erhalten. Darauf begab sich Fatime zu einem Beamten der Gesandtschaft und bat, auf Grund dieses Briefes und der Nachricht aus der Zeitung, die sie immer noch bei sich führte, um einen Vorschuß. Sie bekam hundert Mark. Nun lief die Nubierin stracks in ein Modehaus und kaufte prachtvolle Strümpfe und Schuhe. So hatte sie durch ihre Einkäufe den guten Hermann eine halbe Stunde warten lassen. Er lud sie zu einer Fahrt durch den Tiergarten ein, dann sollte in seiner Wohnung das Mittagessen eingenommen werden. Der Tag war recht heiter. Die Fahrt durch die schönsten Teile Berlins, durch den großen Garten im Frühlingsschmuck, machten der Afrikanerin Spaß. Um ein Uhr traf man in Hermanns Wohnung ein. Empfangen wurde Fatime von ihrem kleinen Landsmann, der schon eine neue, dezent lilafarbige Livree trug. Sie zürnte dem Knaben keineswegs und freute sich, ein dunkles Gesicht aus der Heimat in ihrer Nähe zu haben. Eingeladen waren noch ein paar moderne Künstler, Maler und Bildhauer, die sich besonders für Negerkunst einsetzten. Jeder brachte, da er erfahren hatte, daß er zu einer Nubierin geladen wäre, ein Bild oder eine Skulptur für die erotische Dame mit. Sie empfand aber darüber gar keine Freude; sie wußte die Schönheit dieser europäisch-afrikanischen Gegenstände nicht zu würdigen, war sie doch vor ein paar Stunden mit Hermann Unter den Linden gefahren, voll Entzücken bei der Passage ausgestiegen, um dort die wundervollen Porträts von Fischer, die hohe Fürstlichkeiten und Künstler darstellten, zu bewundern. Hermann mußte ihr versprechen, demnächst ein Doppelporträt von sich und ihr dort anfertigen zu lassen. Darüber war Eick, ein moderner Ästhet, wie wir bereits erfahren haben, ziemlich entrüstet, doch was hätte er der naiven Wilden zuliebe nicht getan! Fatime hatte auf dem englischen Konsulat die Wohnung ihres Hermann angegeben. Nun ergab es sich, daß sie schon nach ein paar Stunden, von diesem Amt aus, ans Telephon gerufen wurde. Man fragte sie beiläufig, ob sie Fuad kenne. Fatime besaß die Geistesgegenwart, zu erklären, er wäre ihr größter Feind, habe sie zu allerhand Zwecken benutzen wollen; sie aber hätte für Politik nichts übrig. Offenbar war die Abfahrt der Nubierin, die so lange Zeit bei Englands grimmigsten Feinden in Haft gehalten worden war, an sämtliche Gesandtschaften des britischen Reiches gedrahtet worden. An dieses Telephongespräch knüpfte sich nun unter den anwesenden Deutschen und der Ägypterin eines in französischer Sprache über Politik an. Die Künstler waren lange in Paris gewesen, sprachen gut französisch, haßten England. Hermann hingegen, der solide Kaufmann, liebte zwar nicht England, verehrte aber die Tüchtigkeit, den guten Geschäftssinn des englischen Volkes. Er meinte, Ägypten hätte seinen Wohlstand England zu verdanken, man könne es, nach zwanzigjähriger Herrschaft dieser Weltmacht, nicht nur ein Geschenk des Nils nennen, es wäre nun auch zu einem Geschenk Englands geworden. Er selbst hatte sich zwar nicht in Ägypten, doch in England, Kanada und Indien aufgehalten: Stürze Englands Macht ein, so sagte er, wäre es gar bald mit der Herrschaft der weißen Rasse in allen andern Weltteilen der Erde zu Ende. Der kleine Nubier, befragt, ob er französisch verstände, sagte nein und blieb während des ganzen Gesprächs zugegen. Er brachte Kaffee, servierte Zigaretten und Zigarren und machte sich mit Likören zu schaffen. Natürlicherweise hatte er als Orientale und Boy in großen Hotels bereits so viel Französisch aufgeschnappt, daß er es sich ganz gut zurechtlegen konnte. Am Nachmittag erhielt Fatime Unterricht im Malen und Gestalten von Lehmklößen. Man fand, daß ihr ein sehr ursprüngliches Talent innewohne. Dann nahm der Maler eine Gitarre von der Wand und spielte. Fatime sollte tanzen. Das tat sie auch, und als man sie beklatschte, verlangte sie, Hermann solle ihr Ballkleider kaufen. Dann bestellte sie eine Droschke und fuhr zu Milani, um Gesangsstunde zu nehmen. Der Boy begleitete sie als Dolmetscher. Da es stark goß, lud ihn die Nubierin zu sich in den Wagen, wo der arme Junge vor Liebesweh, sowohl beim Hin- als auch beim Rückweg, stöhnte und seufzte. Fatime erklärte ihm aber, es gäbe für ihn nichts zu erhoffen, denn sie liebe Hermann, würde ihn nach einem Jahr, sogar schon nach elfeinhalb Monaten, nämlich genau ein Jahr nach dem Verscheiden Alfonsos, heiraten. – Die Lektion bei Milani dauerte reichlich dreiviertel Stunden. Die Nubierin fand, daß Gesangslehrer in Deutschland viel fleißiger und gewissenhafter wären, als in südlichen Strichen. Am Abend begab sich Fatime noch mit Hermann in ein feines Modegeschäft auf der Tauentzienstraße und wünschte dort zu ihrer Balltoilette fleischfarbige Dessous und Seidenstrümpfe. Als ihr die Damen im Laden nach langem Zögern schokoladenfarbige reichten, war die Nubierin über diese Anzüglichkeit sehr empört und verließ sofort den Laden, in dem man so frech war. Hermann führte sie in ein andres Geschäft, wo er fleischfarbige Dessous und Seidenstrümpfe nach der Hautfarbe einer Europäerin verlangte. Fatime war zufrieden. Nun ging es zur Oper, wo Webers Freischütz das Blut der Nubierin in Wallung bringen sollte. Sie verstand nichts. Der arme Hermann mußte die ganze Zeit Erklärungen geben. Es strengte ihn sehr an, da das alles in französischer Sprache geschehn mußte. Auch mahnte ihn das Publikum einige Male zur Ruhe. Unterdessen schrieb Hassan, der kleine Boy, folgenden Brief an Herrn Fuad N. in Alexandrien: »Hochgeehrter Herr, großer Patriot, Hoffnung der mohammedanischen Welt! Ich bin zwar ein kleiner Nubierknabe, hoffe aber trotzdem meinem geliebten Vaterland nicht geringe Dienste leisten zu können. Hier befindet sich eine Nubierin, Fatime N. Sie kennen sie. Sie hat Ihre Hut genossen. Ich habe es durchgesetzt, in ihren Dienst zu gelangen, denn ich empfand sofort, daß sie Ihre Feindin war. Weiß sie von Ihren Plänen, so wird sie den Engländern alles verraten. Da man glaubt, daß ich nicht französisch verstehe, ist es mir möglich gewesen, bei einem Gespräch in französischer Sprache, das von hier aus mit der englischen Gesandtschaft gehalten wurde, anwesend zu sein. Ihr Name fiel oft: Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, auf Fatimes Angaben hin, sei Euer Tod beschlossen worden. So übergebe ich diesen Brief, den die Post nicht befördern darf, einem kleinen Araber, den ich kenne, und der ihn ins Kuriergepäck der französischen Gesandtschaft für ihr Konsulat in Kairo schmuggeln wird. Sowie Sie diesen Brief in Händen haben, erteilen Sie mir Weisung, was ich tun soll; geben Sie mir auch die Mittel, meine Pflicht zu erfüllen. In Nubien sind wir nicht gerade mohammedanische Fanatiker, hier in der Fremde denke aber auch ich nur an den Propheten und schwöre Ihnen, in ewiger Treue unserm Werk dienen zu wollen. Ihr niedrigster Diener Hassan N.«

Die nächste Woche verging Fatime im Flug. Sie hatte fast täglich Stunden im Singen, Malen, im Bildhauen, im Tanzen und in der deutschen Sprache zu nehmen. Dazu sollte sie noch Radfahren und Reiten lernen. Alles das war ihr nicht zu viel. Sie fand noch Zeit, mit Hermann bummelnd, unversehens Einkäufe zu machen. Das Hotelzimmer hatte sie endgültig aufgegeben. Hermann mußte bald nach Barmen zurück, wollte Fatime in seiner Wohnung lassen und sie mindestens alle vierzehn Tage besuchen. Etwa acht Tage nach ihrer Ankunft in Berlin wurde sie eines Morgens vom englischen Konsulat angerufen. Man fragte sie, ob sie bereit wäre, einen der Beamten der Gesandtschaft zu empfangen. Sie erwiderte: »Sehr gern.« Eine halbe Stunde darauf fuhr ein Herr vor und ersuchte die Nubierin, sie in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen. Man hatte ihn gewählt, weil er am besten französisch sprach. Der Boy versuchte dem Gespräch beizuwohnen. Seine Anwesenheit war aber dem vorsichtigen Beamten peinlich, obwohl er nichts Politisches vorzutragen hatte. Fatime merkte das und befahl Hassan, das Zimmer zu verlassen. Da begann der Herr: »Nur eins, Madame, sollte kein Dritter hören. Ihre Erbschaftsangelegenheit ist auf telegraphischem Weg und durch die Zutat eines englandfreundlichen Arabers geregelt worden. Alles andre könnte jeder Mensch erfahren, man dürfte es in die Zeitung setzen. Ich gestatte mir, Ihnen hiermit tausend Gulden zu übergeben. Eine Steuer, Stempelgebühren, die in Österreich und Ägypten zu bezahlen wären, sind auf Konsulatwegen erledigt worden. Öffnen Sie, bitte, in meiner Anwesenheit den Umschlag!« Mit diesen Worten übergab der Gesandtschaftsbeamte Fatime tausend Gulden. Sie dankte ihm sehr und verstand es, sich als gewandte Dame zu benehmen. »Gestatten Sie,« sagte sie zu dem Beamten, »daß ich je hundert Mark für die armen Ägypter und für die armen Engländer in Berlin spende.« Der Beamte lächelte und erwiderte: »Eine Spende für Bedürftige dürfen wir nie abweisen.« – Darauf nahm die Nubierin zwei Hundertmarkscheine, tat sie in einen Umschlag und übergab sie dem Engländer. Er fragte dann, ob Fatime auch London besuchen würde, worauf die Dame antwortete, sie hätte keinen heißern Wunsch, als diese größte Stadt kennenzulernen. Ihre Studien, die sie in Deutschland angefangen, müsse sie nun aber erst in Berlin beendigen. Der Beamte erzählte, daß er in Ägypten gewesen wäre und kein Land mehr liebte. Besonders Nubien fände er den schönsten Teil des Nilreiches; er sei bis zum stolzen Felsentempel von Abu-Simbel gekommen. – Den, so erzählte nun Fatime, hätte sie auch einmal gesehn. Abu-Simbel habe ihr einen größern Eindruck gemacht, als die Tempel von Karnak und die Pyramiden. Nach diesem Austausch gesellschaftlicher Meinungen empfahl sich der höfliche Herr. – Fatime bestellte sofort einen Wagen, ließ Hassan neben dem Kutscher sitzen und fuhr zu Friedländer Unter den Linden. Dort kaufte sie ein goldnes Armband und einen Ring mit schönem Brillanten. Sie wollte die zwei Schmuckstücke mit ihren tausend Gulden bezahlen, doch überschritten die Einkäufe den Betrag. Da ließ sie die ganze Rechnung Hermann Eick senden. Als sie im Wagen saß und an ihre tausend Gulden dachte, fiel ihr ein, Hermann eine Freude zu bereiten, und so kaufte sie ihm in der Königgrätzer Straße für tausend Mark einen wundervollen Smyrnateppich in den lila Farben eines östlichen Vollmonderscheinens zwischen letzten Blutranken des verdämmernden Tropentages. Diesmal hatte das wilde Mädchen Geschmack gezeigt: auch die leichten Grüntöne des Prachtstückes waren voll Behutsamkeit in das sacht variierte Muster aus vergangnen Zeiten eingefügt. Wer den Teppich sah, war überrascht, erfreut, einen Fleck Morgenland bestaunen zu dürfen. Auch Hassan sollte beschenkt werden. In der Potsdamer Straße erstand sie für ihn eine silberne Uhr mit Kette. Da es nun abermals zu regnen anfing, nahm sie den Boy mit in das Innre des Wagens. Seine Freude über das Geschenk war so groß, daß er vergaß, sich dafür zu bedanken. Er spielte und klimperte nur mit den metallnen Gegenständen.

Viele Bekannte Hermanns besuchten ihn und Fatime in den nächsten Tagen. Der Teppich fand also allgemeinen Anklang. Hermanns Freude über das Geschenk war so groß, daß er ohne weiteres die Rechnung bei Friedländer bezahlte. Wer sich um die Nubierin in der Kurfürstenstraße einfand, war berauscht über die Fortschritte, die das Mädchen aus der Wildnis in europäischen Umgangsformen machte. Dabei kam sie doch nur mit Herrn, niemals mit Damen in Berührung. Geschäfte zwangen Hermann, Berlin zu verlassen. Fatime mußte allein mit einer Aufwartefrau und Hassan zurückbleiben. Alle Mahlzeiten wollte sie außerhalb des Hauses einnehmen: Die Mittel, die ihr der reiche Fabrikant angewiesen hatte, genügten zu einer ausgezeichneten Lebensführung. Fatime aß fast nur Hummern, Oderkrebse und Zander, ihren Lieblingsfisch. Nach jeder Mahlzeit genoß sie ein Fruchteis. Fleisch schmeckte ihr kaum. Gemüse, außer frischem Spargel, verschmähte der afrikanische Gaumen. Hassan hielt sich an schwarzes Fleisch, besonders gern an Wild; Rebhühner und Fasanen mußte er mindestens an jedem zweiten Tag einmal verzehren. Auch mundeten dem jungen Nubier Bananen und Datteln ausgezeichnet. Wie wäre es möglich gewesen, zu Haus so verschiednem Begehren Genüge zu schaffen! Auch sparte man durch den Gasthof an Bedienung. Bei sämtlichen Lektionen, die die Nubierin nahm, zeigte sie sich sehr eifrig. Eines Tages kehrte Fatime mit Hassan vom Tanzunterricht heim und fand vor ihrer Tür einen Polizeibeamten. »Gut, daß ich Sie treffe,« sagte er, »ich war schon vor zwei Stunden hier und habe jetzt dreimal geläutet.« Hassan schloß die Tür auf, und man trat ein. Fatime wurde auf morgen zur Polizei beordert. Sie mußte die Quittung dieses Befehls unterschreiben. Was konnte es sein? Sie machte sich keinerlei Sorgen. Am Abend verhielt sie sich in einer Künstlergesellschaft sehr fröhlich. Beim Weggehn bat sie einen Herrn, er möge sie doch zur Polizei begleiten, da sie nicht genug Deutsch verstände. Der Herr war bestürzt, daß sich so etwas ereignet hatte und versprach, pünktlich einzutreffen. Zu Haus angelangt, entkleidete sich Fatime und schlief rasch ein. Sie konnte nicht bemerken, daß in der Dienstbotenkammer auf Arabisch getuschelt wurde. Während Fatimes Abwesenheit hatte Hassan den Besuch eines Arabers bekommen. Er brachte Fuads Antwort. Der Patriot zeigte sich abermals als ein edler und gebildeter Mann: Er antwortete nicht gradaus auf den Brief eines Boys, ließ ihm jedoch für sein gutgemeintes Schreiben danken. Er setzte aber hinzu, Hassan möge ein treuer Dienstbote bleiben, sich nicht in Dinge der Politik mengen. Er, Fuad, wüßte, daß sich Fatime um Staatsangelegenheiten nicht kümmerte. Berlin sei, was die ägyptischen Angelegenheiten angehe, eine neutrale Stadt. An der Spree verhandle man nicht über die Zukunft des Nillandes. Eine Beobachtung Fatimes und ihrer Freunde wäre ein müßiges Begehn. – Ali, der den Brief Hassan zustecken sollte, ist jedoch andrer Meinung gewesen. Er war noch jung, unklug, ein abenteuerlicher Fanatiker. Vor allem riet er Hassan, alle Gespräche weiter zu belauschen. Dann übergab er ihm eine Schachtel mit Giftpastillen: »Wenn du merkst,« sagte er, »daß man gegen Ägypten feindliche Dinge unternimmt, dann greife ein! Du servierst doch deiner Herrin und ihren Freunden das Frühstück; löse an drei Tagen eine Pille im Kaffee auf, und wer das Gift getrunken hat, muß sterben. Es hinterläßt Spuren, die man durch Autopsie feststellen kann. Der Verlauf der Vergiftung innerhalb drei Tagen führt jedoch vom Verdacht, daß ein Verbrechen vorliege, weg. Jeder Arzt denkt an eine typhöse Erkrankung und wundert sich nicht, wenn ihr der Vergiftete erliegt. Merke dir nämlich, drei Pillen genügen, doch der Tod tritt meistens erst nach acht bis zehn Tagen ein!« Hassan dachte keineswegs an einen politischen Mord, doch übernahm er gern die gefährliche Schachtel, da er sehr eifersüchtig und entschlossen war, jeden Nebenbuhler, der von Fatime bevorzugt würde, zu vertilgen. Er hatte viel im Hause herumgelauscht, war somit überzeugt, daß Hermann nicht Fatimes Geliebter war: Er sollte nur vergiftet werden, falls sich in der Lebenslage zwischen den zwei Freunden etwas ändern mochte.

Am nächsten Morgen begab sich Fatime auf die Polizei. Sie wurde keineswegs unhöflich empfangen. Die Kairoer Behörde war aufgefordert worden, in der Erbschaftsangelegenheit Auskunft zu geben. Zwei Personen behaupteten, Anspruch erheben zu können. Eine Frau Farina und ein Gesangsprofessor, beide in Mailand. Es scheine, daß die Summe schon ausgezahlt worden wäre, dies ergäbe sich aus den Berichten der in Triest zuständigen österreichischen Polizei. Fatime sagte ohne Umschweife: »Ich habe, was mir zukommt, erhalten. Das englische Konsulat hat alles besorgt und in Ordnung gebracht. Personen, die etwas von mir haben wollen, können mich verklagen. Ich bin bereit, den Betrug dieser Leute nachzuweisen.« Der Beamte antwortete: »Beweise gegen Sie scheinen jedoch vorhanden zu sein. Sie sollen Wechsel über mehrere hundert Lire ausgestellt haben. Werden diese Wechsel anerkannt und bezahlt, so soll nichts erfolgen; andernfalls will Frau Farina die Klage, keineswegs nur wegen Nichtinnehaltung der Verpflichtungen, sondern auch wegen betrügerischer Vorspiegelungen und fluchtartiger Abreise aus Mailand anstrengen. Überdies frage ich Sie, leugnen Sie, Unterricht in Gesang und Diktion erhalten zu haben?« »Die Stunden,« erwiderte darauf Fatime, »werden bezahlt werden. Die Wucherin aber, die mir, einer Mohammedanerin, die sie zu allerhand Unfug verführen wollte, nachstellt, darf ich nicht bezahlen.« Darauf sagte der Beamte: »Sie geben hiermit zu, Geld erhalten und Wechsel unterschrieben zu haben?« Fatime antwortete: »Ich gebe keine Auskunft; die Frau Farina soll die Wechsel einschicken und mich auf den ihr möglichen Wegen verklagen, ich werde ihr die gebührliche Antwort zu erteilen wissen.« Darauf erwähnte der Beamte, daß Notizen über Fatimes Flucht und Betrug bereits in den Mailänder Zeitungen gestanden hätten. Sie aber sagte: »Mich kennt dort niemand. Ich kümmre mich weiter nicht darum. Ich habe schon viel Ungerechtigkeiten ertragen.« – Dann ging sie fort. Niemand vermochte sie daran zu hindern. Zwei Tage später klingelte es besonders stark an der Tür. Der Boy ging, um zu öffnen. Draußen stand ein Herr und fragte in gebrochnem Deutsch, ob Fatime zu Haus wäre. Der Boy, von Eifersucht erfaßt, sagte nein. Fatime aber hatte Geräusch gehört und trat aus dem Zimmer. Es war im Flur ziemlich dunkel und sie hörte eine bekannte Stimme »Fatime!« rufen. Doch sie erkannte zuerst weder das Organ, noch die Gestalt des Ankömmlings. »Ihre Stimme ist mir bekannt,« sagte sie: »Wer sind Sie?«

Da wurde ihr auf Italienisch geantwortet: »Ich bin Georgios.«

Sie erschrak und war erfreut. »Georgios, wie kommen Sie hierher?«

»Fatime,« sagte er: »Wie glücklich bin ich, Sie zu treffen: Ich mußte ja nach dem Duell fliehn und habe mich nach Genf begeben; meine Freunde haben es zuwege gebracht, daß ich als Grieche nicht ausgewiesen wurde. Ich kehrte nach Triest zurück und erfuhr durch einen Redakteur, daß Sie sich in Berlin aufhielten, die Erbschaft des Alfonso angetreten haben, und daß Sie nun, von Mailand aus, verleumdet und polizeilich gesucht werden. In Triest hat man sich geweigert, eine diesbezügliche Notiz in die Zeitung aufzunehmen. So habe ich Ihre Adresse, den Vorfall, alles, was nötig war, auf privatem Wege erhalten. Nun bin ich hier, um Sie zu begrüßen« (ihr zuflüsternd): »In Europa!«

»Nahn Sie mir nicht,« rief Fatime, »ich bin Verlobte eines Deutschen. Ich muß das Gelübde, das ich zu Alfonsos Tod geschworen habe, mich ein Jahr lang keinem Mann hinzugeben, halten. Und wenn sonst ein Mann auf Erden das Recht hätte, sich meinen ersten Bräutigam zu nennen, so könnte es nur Paolo sein, obschon er Alfonso getötet hat. Wo ist Paolo?«

Georgios antwortete: »Er ist ein paar Wochen in Haft gehalten worden, dann hat ihn der Kaiser begnadigt; er mußte aber abreisen, darf fünf Jahre lang österreichischen Boden nicht betreten. Ich habe gehört, er sei nach Nizza gefahren.«

Darauf sagte Fatime: »Ich fürchte mich vor ihm nicht, überhaupt vor keinem Mann, treten Sie ein. Seien Sie harmlos bei mir zu Gast!« Und Hassan rief sie auf nubisch an: »Gib acht, wenn der Mann mich angreift, so springe mir bei!«

Georgios blieb zwei Stunden bei Fatime, versuchte es auf italienisch, das Hassan wirklich nicht verstand, unaufhörlich die Nubierin zur Liebe zu bewegen. Als er sah, daß alles umsonst blieb, stand er auf, nahm seinen Hut und ging, ohne zu grüßen, fort. Am nächsten Tag erschien er in den Abendstunden wieder.

Fatime empfing ihn mit folgenden Worten: »Ich hoffe, daß Sie heute vernünftig sein werden: Seien wir gute Freunde, hoffen Sie auf später!«

Als Hassan sah, daß nun das Gespräch viel fröhlicher, ja mit Sympathie von beiden Seiten geführt wurde, erwachte in ihm Grimm und Eifersucht. Er legte auf die Treppe Äpfel und Orangenschalen. Als bald darauf, auf der wenig begangnen Treppe, Georgios hinuntersteigen wollte, löschte Hassan plötzlich das elektrische Licht aus und rief laut: »Kurzschluß!«

Georgios ließ es sich nicht verdrießen und ging weiter, ohne etwas zu sehn, die Treppe hinab. Plötzlich rutschte er aus und stürzte kopfüber zwölf Stufen hinunter. Er hatte dabei viel Lärm verursacht, vielleicht auch aufgeschrien; jedenfalls erschienen viele Menschen im dunklen Treppenhaus. Der Finsternis konnte jedoch, von der untern Etage aus, sofort abgeholfen werden, da ja keine Störung eingetreten war. Hassan hatte aber sofort darauf mit einem Federmesser in Fatimes Wohnung die Leitung verdorben, wodurch die Wohnung Fatimes dunkel bleiben mußte, überdies im Treppenflur nicht mehr hell gemacht werden konnte. Nun aber lief der Boy erschreckt auf die Treppe, und es gelang ihm geschickt, mit den Füßen die Schalen zur Seite zu schieben, so daß sie durchs offne Geländer in die Tiefe glitten. Soweit er es herbeizuführen vermochte, waren alle Spuren seiner Missetat verschwunden. Überdies hatte er Glück: Georgios sagte, in der plötzlich eingetretnen Dunkelheit habe ihn Schwindel erfaßt, wie so etwas häufig bei ihm vorkäme. So wurde der Fall, wurden Sohlen und Absätze des Verunglückten nicht näher untersucht. Mit Mühe brachte man ihn in Fatimes Wohnung zurück. Als dort das elektrische Licht ebensowenig wie auf der Treppe funktionierte, wurden von überall Kerzen herbeigebracht. Auf einmal spürte Georgios große Schmerzen. Hassan lief nach einem Arzt, trat bald mit einem Studenten der Medizin, der in einem Nachbarhaus wohnte und den Hassan kannte, dem er soeben zufälligerweise begegnet war, ein. Georgios war unterdessen bewußtlos geworden. Er hatte eine Gehirnerschütterung erlitten, dazu die rechte Hand gebrochen. Fatime ahnte die Ursachen des Unglücks, äußerte sich aber nicht darüber, hat auch Hassan niemals einen Vorwurf gemacht. Der Boy ängstigte sich gleich nach dem Unfall auf der Treppe sehr und dachte, Georgios könnte doch etwas wissen, wenigstens vermuten; und gab ihm, bevor er zum Bewußtsein kommen durfte, eine Giftpille des Arabers. Aus Eifersucht und Angst hat er sie ihm aber, nachdem sie in Wasser zergangen war, eingeflößt! Dem etwas später herbeigerufnen Arzt konnte ebensowenig wie dem Studenten etwas auffallen. Es war recht selbstverständlich, daß der Schwerverletzte noch nicht erwachte. Schon nach einigen Stunden vermochte es Hassan, die zweite Pille in Georgios Körper zu bringen, am Abend die dritte, – und nachts verschied der junge Grieche. Dem schlauen Hassan war sein Anschlag so gut gelungen, daß keine Polizei, kein Gerichtsarzt etwas Böses vermuteten. Fatime hatte sofort Hermann herbeigerufen. Man kann nicht sagen, daß ihn irgendein Verdacht erfaßt hätte, aber er witterte hinter dem Unheil ein besondres Verhängnis und entschloß sich sofort, seinem Verhältnis zur Nubierin ein Ende zu machen. Fatime war durch das neue Unglück, das einen ihrer Kavaliere erreicht hatte, bestürzt und willigte in den Bruch ohne Widerrede ein. Hermann gestattete ihr, noch ein halbes Jahr in seiner Wohnung in der Kurfürstenstraße zu bleiben. Sechs Monate bezahlte er die Gesangstunde im voraus und fünftausend Mark gab er ihr auf die Hand. Auch bestritt er vorläufig die Ausgaben zur Beerdigung Georgios'. Seine Verwandten haben später Eick alles zurückerstattet; keiner ist jedoch zum Begräbnis nach Berlin gekommen. Lange Telegramme, Bestellungen auf Kränze waren das, was die Angehörigen für den jungen Mann tun wollten. Georgios' Verhältnis zu Fatime, seine Berliner Reise, hatten zu viel Mißstimmung, zu viel Ärgernis in der griechischen Kolonie in Triest hervorgerufen. Hinter dem Sarg gingen nur, außer dem griechischen Priester, Fatime, Hermann und Hassan einher. Der Boy blieb ganz kalt, verriet sich durch kein Wort, keine Gebärden.

Kaum war Hermann, nach ziemlich freundlichem Abschied, weggefahren, als Fatime, trotz des Verbots ihres Gönners, die fünftausend Mark in den Wind schlug; sie verwandte sie teilweise auf Putz, teilweise zu Festen, die ihr sogar die eingeladnen Künstler, – denn solche kamen ja zu ihr – übel nahmen. Nach dem traurigen Fall Georgios' hätte man ein gelasseneres Benehmen der Nubierin erwartet. Da sie nun kein Geld hatte, wollte sie ihre Angel nach Paolo auswerfen: Sie schrieb ihm nach Triest, sie schrieb ihm nach Alexandria; seine Adresse in Nizza oder Paris hatte sie nicht. Der Brief nach Triest kam bald als unbestellbar zurück. Auf den nach Alexandria hat sie nie Antwort bekommen. Nun fiel ihr ihre Freundin auf einen Tag in Venedig, die schwangre Annetta, als Choristin Filomena genannt, ein. Was mußte sie von ihr denken? Nicht einmal ihre Pflegemutter in Mailand hatte sie aufgesucht! Doch sie dachte nicht daran, das bedürftige Mädchen, dem sie Geld schuldig war, und das bald Mutter werden sollte, nach Berlin zu berufen. Hingegen schien es Fatime geraten, mit Annettas Pflegemutter in Mailand nunmehr in Beziehung zu treten. So setzte sie sich denn an einem Morgen an den Schreibtisch und verfaßte folgenden Brief: »Sehr geehrte Signora D'Amico, ich bin eine Freundin Ihrer gütigen, lieben Pflegetochter Annetta, auf deren Veranlassung ich Sie hätte in Mailand besuchen sollen. Auf der Reise ist mir allerhand Widerliches zugestoßen. So konnte ich mein Vorhaben nicht ausführen. Damit Sie aber sehn, daß ich nicht undankbar, keineswegs unzuverlässig bin, schreibe ich Ihnen diesen Brief. Ich lebe hier in Berlin, nicht in gesicherten Verhältnissen, habe aber einen großen Bekanntenkreis. Die Deutschen sind ein freundliches, gegen alle Ausländer entgegenkommendes Volk. Besonders die Aufnahme, die man mir, einer unwissenden Afrikanerin, bereitet hat, ist überraschend gut gewesen. Es ist teilweise eigne Schuld, wenn meine Verhältnisse noch nicht ganz geordnet sind. Ich bin eine junge Nubierin, die sich zum Gesang ausbilden läßt; wie gern hätte ich eine Beschützerin, eine Pflegemutter, hätte ich Sie in meiner Nähe! Überzeugt davon, daß meine magischen Fähigkeiten größer, meine Art die Dinge zu sehn weniger umständlich ist, als die Ihrer Pflegetochter Annetta, fordre ich Sie auf, nach Berlin zu kommen. Die Deutschen halten viel von überirdischen, von außerordentlichen Dingen. Ich glaube in dieser reichen Stadt könnten wir vortreffliche Geschäfte machen. Daß wir beide nicht deutsch können, schadet nichts. Man braucht uns nicht immer zu verstehn, etwas Undeutlichkeit wird in unserm Betrieb von Vorteil sein. Überdies habe ich einen jungen Nubier bei mir, der als Übersetzer gut funktionieren wird. Sie sprechen doch auch Arabisch? Auch habe ich eine schöne Wohnung. Ich schlage Ihnen also vor, herzukommen, Ihr Mann möge bald folgen, die liebe Annetta, sowie es uns gut geht. Mit besten Grüßen an Sie, Ihren Mann und Annetta Ihre Fatime N.«

Nach vier Tagen bekam Fatime ein Telegramm aus Mailand: »Erwarten Sie mich nächsten Freitag abends Anhalter Bahnhof. Erkennungszeichen rote Straußenfedern. Signora D'Amico.«

Fatime war hocherfreut. Sie sah noch genau nach, wann der Schnellzug aus Mailand eintreffen sollte und begab sich mit Hassan auf den Bahnhof. Einem Wagenfach zweiter Klasse entstieg nun eine Dame in brennend blauem Atlaskleid, mit einem schwarzen Hut mit roten Straußenfedern. Sie war ziemlich dick und mochte hoch in den Fünfzigern stecken. Die Augenbrauen waren in Renaissancestil gemalt, die Lippen saftigrot gefärbt. Um den Hals hing ihr eine Kette, an der eine goldne Lorgnette befestigt war; gleich beim Aussteigen setzte sie das nützliche Schmuckstück über die Geiernase, vor die scharfblitzenden Augen, um die Nubierin, die ja – als schwarzes Erkennungszeichen selbst – ihr entgegenkommen mußte, sofort zu entdecken. Sie hatte als Handgepäck eine außerordentlich umfangreiche Hutschachtel, ein safranrotes Köfferchen, ein Bologneser Hündchen mit lichtblauen Schleifen um Hals und Schwänzlein, zwei Angorakatzen, einen Kanarienvogel und einen bunten Papagei mitgebracht. Um alle diese paradiesischen Güter mußte Hassan sich kümmern, forsch betätigen. Die zwei Frauen, die sich noch nie gesehn hatten, umarmten und küßten einander. Hassan tat, was ihm vorher befohlen worden war; er küßte der ägyptischen Italienerin die gelbbehandschuhte Hand. Man fuhr nach Haus. Plötzlich ließ Fatime die Droschke vor einem Blumenladen halten, sie stieg aus, kaufte prachtvoll duftende Rosen und reichte sie der glücklich Eingetroffenen. Dabei sagte sie: »Blumen sind Zeichen der Zuneigung; ich habe keine zum Bahnhof gebracht, da ich Sie noch nicht kannte. Nunmehr möchte ich Ihnen aber durch dieses kleine Geschenk bekunden, daß Ihre Person alle meine besten Erwartungen weitaus übersteigt.« Frau D'Amico, mit dem reizenden Vornamen Lisa, war entzückt über Fatime, das Geschenk und die Wohnung. Sie äußerte, es wäre seit Ägypten immer ihr Traum gewesen, einen schwarzen Groom zu haben. Beiläufig bemerkte sie, ein so netter, offenherziger, wie Hassan, wäre bei ihr noch niemals in Dienst gestanden. Sie sprach mit ihm arabisch und freute sich, als er ihr einen Happen, vor hungrige Blicke, goldumrahmtes Gebiß und knallig geschminkte Lippen, vorsetzte. Sie nahm ziemlich vernehmbar ihre erste Mahlzeit im Norden ein. Noch vor dem Schlafengehen wurde Fatime magnetisiert. Die Probe gelang vortrefflich. Ähnlich wie vor ein paar Tagen Georgios, vor dem Verscheiden, zuckte nun beim Einschlafen Fatime auf und schlug dann, wie eine Unbewußte, mechanisch um sich.

»Gut so, gut so!« rief ihr die Magnetiseurin zu, »du verstehst den Beruf heute schon besser, als Annetta nach Jahren. Wenn du das Einschlafen so gut kannst, wirst du auch wissen, hohe Wahrheiten zu stammeln, dann braucht weder mein Mann, noch Annetta nachzukommen.« Die Übung wurde fortgesetzt. Die dicke Lisa sagte: »Nun bin ich ein junges Mädchen von sechzehn Jahren;« worauf ihr Fatime in fingiertem Halbschlaf zurief: »Bald, mein junges Täubchen, findest du deinen Täuberich; ach, könnt ich so weiß sein wie du, dann würde ich einen ebenso weißen Geliebten finden. Noch drei Jahre mußt du um seinen Besitz kämpfen, dann endlich sollst du ihn bekommen. Drei Söhne und zwei Töchter entsprießen deiner glücklichen Ehe, doch, ach, schon vierzigjährig sollst du Witwe werden. Dann aber kann bereits dein ältester Sohn für dich sorgen. Mit fünfundfünfzig Jahren heiratest du zum zweiten Male. Die meisten deiner Kinder werden dich bis ins Greisenalter, im Kreise von deinen Enkeln, umgeben; nur die jüngste Tochter wird frühzeitig sterben.«

Lisa war entzückt. Darauf sagte sie: »Nun bin ich ein Mann von dreißig Jahren.«

Fatime rollte die Augen, erhob wie Siegfried, nachdem er tot war, den rechten Arm im magnetischen Schlaf und verkündigte: »Nun bist du im entscheidenden Augenblick deines Lebens! Bisher hast du mit Frauen nur getändelt. Ein einzigstes Mal glaubtest du geliebt zu haben, doch das Mädchen war deiner nicht würdig. Nun aber erscheint die Richtige. Sie bringt dir, weißester Schwan, eine ziemliche Aussteuer mit, du sollst sie heiraten. Zuerst wird eure Ehe unfruchtbar bleiben, doch nach vier Jahren schenkt dir deine Schöne einen Sohn und Erben. Fünf Jahre später folgt noch ein Mädchen, die holdeste Schwanenjungfrau; du wirst in der Zwischenzeit Sorgen haben. Du sollst deinen Beruf verlassen, umsatteln. Tu es, wenn an dich die Notwendigkeit herantritt, beherzt! Dann warten bessre Tage deiner. Im Alter von sechzig Jahren wirst du nach kurzer Krankheit sterben. Deine Kinder werden eine gute Erziehung empfangen, und du für eine sorglose Witwenschaft deiner Gattin gesorgt haben.«

Signora D'Amico und Hassan klatschten, und der Papagei rief, aus dem Schlafe aufgeschreckt: ›Putana!‹ Darüber ärgerte sich Signora D'Amico und sagte: »Schon fünfzehn Jahre habe ich dieses Tier in meinem anständigen Haus, immer wieder aber sagt es dieses garstige Wort, das er in seiner Jugend gehört hat.« Dann fuhr Frau D'Amico fort: »Holde Niltochter, wir arbeiten weiter: Nun bin ich eine reiche Frau von fünfundfünfzig Jahren.«

Sofort stammelte Fatime: »Viel Ärger in deinem Haus hat dich krank gemacht, doch ist dein Gatte gut, verzeih ihm seine Launen. Sei überzeugt, daß er das Beste meint, alles aufwenden wird, um dir Freude und Genugtuung für dein mühevolles Leben zu verschaffen. Vor allem mußt du eine Reise nach dem Süden machen, reise nach Luxor, lustwandle unter Dattelpalmen, reite nachts, bei Mondschein, auf flinkem Esel nach Karnak, lustwandle im großen Tempel. Reite bei Morgenwind heim. Ägyptische Knaben mit flatternden Hemden sollen dir beim Ausflug zur Seite laufen. Dort, im trocknen Klima, kannst du vollkommen genesen, nachts, falls du nicht aussaust, wirst du gut schlafen können. Nimm keine Schlafmittel mehr, die Wüstenluft ist stärkend, schlummerfördernd. Auch deinem Gatten wird sie gut tun; er hat Anlage zu einem Gallenleiden, das seh ich genau, denn jeder Körper ist mir wie Glas. Die Luft meiner Heimat, ein Leben ohne Kummer längs des Nils, wird ihn vor dem Fortschreiten seines Übels bewahren. Du wirst ihn überleben, aber auch ihm sind noch viele Jahre in Gesundheit beschieden; doch sollt ihr reisen, reisen!«

Lisa D'Amico war begeistert; Hassan stolz auf den Verstand seiner Herrin.

Der Papagei kreischte: ›Lisa, porta caffè per il pappagallo!‹

Nach einigen Tagen konnte man in mehreren Berliner Zeitungen folgendes Inserat lesen: ›Die Sphinx spricht: Wer seine Zukunft, seinen Gesundheitszustand kennen will, komme zu der Magierin Lisa D'Amico aus Alexandria: Sie kennt die Weisheit ihrer Heimat Ägypten! Ihr weibliches Medium, Fatime, stammt aus dem Nubierland: Seine Antworten sind alle unfehlbar. Die gelehrte Dame empfängt täglich zwischen 10 und 1 und zwischen 3 und 6 Uhr.‹

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