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L'Africana

Theodor Däubler: L'Africana - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleL'Africana
authorTheodor Däubler
firstpub1928
year1928
publisherHoren-Verlag
addressBerlin
titleL'Africana
pages5-200
created20050109
sendergerd.bouillon
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Ein schöner Tag dämmerte aus Osten empor. Nach einer Stunde Tageshelle, erkannte sie Land. Endlich war die Sonne aufgegangen und beschien eine ferne Alpenkette, die aber allmählich ins Blau der Gesamtheit von Wasser, Licht und Luft zusammenschmolz. Zwei Fahrgäste in ihrer Nähe zeigten sich einen Strich am Horizont, das war der Markusturm. Venedig! Fatime hatte zwei Romane, die im Mittelalter dieser Stadt spielten, gelesen. Sonst wußte sie nichts von der Lagunenstadt. Immerhin war ihr Venedig, ebenso wie Monte-Carlo, Nizza oder Paris, ein europäischer Begriff. Als der Dampfer durch die Alberoni einfuhr, fühlte sich Fatime enttäuscht. Um wie viel schöner waren die nagelneuen Paläste um die Bucht von Alexandria! Unter den schmutzigen Häusern konnte das Auge der Nubierin kein schönes entdecken. Das Schiff ließ die Kette niederrasseln und es nahten lauter schwarze Boote. ›Warum,‹ fragte sie sich, ›sind die Boote schwarz? Vielleicht – damit die weißen Gesichter desto besser hervorstechen?‹ In ihrem Heimatdorf am Nil hatte Fatime selbst ein Boot gehabt; es war noch schlanker als eine Gondel und blitzblank weiß gestrichen. Nun fiel Fatime ein, daß sie noch nicht gefrühstückt hatte. Sie besaß weder ägyptisches, noch österreichisches, noch italienisches Geld. Nun mußte man sogar noch für die Gondeln, die einen ans Ufer brachten, bezahlen. Was tun? Fatime sah auf Mützen den Namen Hotel Danieli geschrieben und nahm die Gondel dieser Angestellten. Im geschwinden Gefährt fühlte sie eine Entspannung vom Täglichen, Gegebnen. Bindungen an die Heimat ergriffen sie: Das Schillern der Lagune überwältigte all ihre Nüchternheit. Sie wußte sich beinahe in Nubien. – Wie silbrig war ihr zumute, wenn sie, vom alabasterblauen Strom aus, ins Graugrün der riesenhaften Dattelpalmen blickte, die sich im Winde wie schlanke Gestalten beim Tanzen, hin und wider schwanken ließen. Einmal schaukelten sie, die kleine Nubierin, des Niles Überschwemmungswellen, bei sterbendem Sternenflimmern. Auf einmal entstiegen der Wüste weiße, dann gleich durchscheinende, ja kristallklare Tageselefanten. Der Morgen dröhnte . . . das Kind verlor fast die Besinnung. Nicht sie . . . das Mädchen im Boot. Es wollte schreien, konnte nicht . . . doch Fatime vermochte zu singen. Zum erstenmal . . . und sie sang, sang hinein – wieder sie selbst und einzig – in eine andre Nacht sang sie – ohne Sterne, doch voller Lichter, Millionen Lichter. – Wie besann sie sich dieser Dinge, in dem unheimlichen Venedig: Fatime fragte nicht tiefer. Die Gondel aber, bloß diese schwarze Gondel hatte etwas Bezauberndes. So rasch wie sie gekommen war, so plötzlich ging aber diese Stimmung weg: alle nilgrünen Bänder des geheimnisvollen Bannes hatten im Nu nachgelassen, waren schlaff geworden. – Fatime lachte abermals in die Sonne des Alltags . . . der gegen sie ohne Ansprüche war. Im Hotel Danieli angelangt, wurde Fatime gefragt, ob sie die Gondel bezahlen würde. Sie antwortete: »Ich habe noch kein italienisches Geld.« Ihr spärliches Gepäck trug ihr ein Boy aufs Zimmer mit der Aussicht auf einen kleinen Kanal. Mit sich allein, sagte sich die Nubierin: ›Ich muß auf Abenteuer ausgehn!‹ Sie tastete alle Taschen ab und fand noch drei Piaster und einen Gulden. Dann ging sie auf den Markusplatz und fand dort einen Wechsler. Das ägyptische Geld wollte er überhaupt nicht annehmen; die Nubierin bat aber so inständig, daß der Mann ihr schließlich ein paar Kupferstücke dafür aushändigte. Nun erst hatte sie ein Auge für die Merkwürdigkeiten des berühmten Platzes. Wie so manchem Mädchen, fielen auch ihr nur die Tauben auf. Sofort kaufte sie Futter für die fetten Tiere, legte es sich auf Arm, Hände und Kopf. Die Tauben, graue, blaue, graublaue, flogen um sie herum, dekorierten das Mädchen, die Nubierin, echt venezianisch. Auf einmal hörte sie folgende Worte in zornigem Tone: » Brutta strega, putana affricana!« Häßliche Hexe, afrikanische Hure. Fatime war so erschrocken, daß ihr die Tauben vom Leib flogen. Neben ihr stand, mit geschwollnen Backen, mit verbundnem Arm, der feiste Theaterdirektor, der nach seinem Duell aus Triest geflohn war. Er ließ sich keineswegs sentimental an, forderte das Mädchen auf, ihm willig ins Hotel zu folgen, widrigenfalls er sie aus Italien ausweisen lassen wollte; war es ihm doch auch, einer schmutzigen Nubierin wegen, in Triest so ergangen. Fatime sagte ihm: »Wenn Sie nicht gleich weggehn, kratze ich Ihnen noch die Triefaugen aus!« Schon war um die zwei auffälligen Menschen ein kleiner Auflauf entstanden: Zwei Carabinieri mit ihren hohen Büscheln auf dem Dreimaster erschienen und schrieben sich die Namen der beiden auf, forderten, daß sich die Streitenden trennen sollten. Fatime verzog sich ins Gassengewirr, hinter den Uhrturm. Sie kam in ganz enge Gäßchen und merkte, daß ihr jemand folgte. Gewiß der ekelhafte Theaterdirektor! Sie wagte es nicht, sich umzudrehn. Plötzlich aber hörte sie leise ›Pst!‹ rufen. Das war wohl eine Frau. Die Nubierin blieb stehn, und ein junges Mädchen trat an sie heran.

» Bella mora (Schöne Schwarze), ich bin mit Euch heute von Triest herübergefahren. Ihr reistet erster Klasse, ich dritter. Ihr seid im Hotel Danieli abgestiegen, ich habe noch keine Unterkunft. Ihr aber habt kein Geld, ich werde mir bis heute abend genügend für uns beide verschaffen, Ihr seht doch, daß ich verständig und aufmerksam bin. Ich habe Euch beim Geldwechsler belauert, weiß nun, daß Ihr eine Abenteuerin seid. Den unangenehmen Vorfall mit dem Theaterdirektor habe ich auch beobachtet: Nun will ich Euch auch sagen, wer ich bin: Meine Eltern sind Bauern aus Istrien. Als ich ein kleines Kind war, zogen sie nach Triest, um Brot zu erwerben. Sie haben aber keine Arbeit gefunden. Das bißchen Hab und Gut, das sie hatten, ist draufgegangen. Täglich brachten mich die Eltern in den Volksgarten. Ich war augenkrank, unter den Bäumen sollte ich genesen; meine Mutter glaubte, besonders immergrünes Gebüsch habe eine heilsame Wirkung; und nun gar bei Wintersonne! Eine Frau beobachtete mein Spiel, setzte sich dann neben meine Mutter und schlug ihr vor, da sie selbst kein Kind hatte, mich adoptieren zu wollen. Zuerst war meine Mutter entsetzt, nach acht Tagen Zureden gab sie nach. Ich lernte auch meinen zukünftigen Pflegevater kennen. Beide schienen gutstehende Menschen in mittleren Jahren zu sein. Sie waren in Alexandria ansässige Mailänder. So wurde ich dann als kleines Kind nach Ägypten gebracht. Meine wirklichen Eltern habe ich dort ganz vergessen. Meine Pflegeeltern waren beide Spieler und verloren miteinander ein kleines Vermögen. Nun zogen wir nach Kairo. Dort begann meine Mutter ein Schwindelgeschäft: Sie gab sich als Magnetiseurin, Kartenaufschlägerin, Kennerin von Krankheiten aus Pupille und Handlinien aus. Ich sollte das Medium sein. Schwer nur erlernte ich meinen betrügerischen Beruf. Schließlich gelang es mir, künstlich in Krämpfe zu verfallen, so daß Polizeiärzte den Betrug nicht nachweisen konnten. Ich siechte aber dahin, konnte meinen Eltern nicht mehr helfen. Eines Tages wurde mir eröffnet, wer ich sei, daß meine Eltern in Triest wären. Ich schrieb an die Behörde dort, um auszukundschaften ob noch jemand von meiner Familie da wäre. Nach ein paar Wochen langte ein Brief von meiner Schwester an. Sie hatte das Reisegeld dritter Klasse an das österreichische Konsulat geschickt und forderte mich auf, sofort zu kommen. Gern ließen mich die falschen Eltern ziehn; sie selbst begaben sich zurück nach Mailand. In Triest erwartete mich, die Achtzehnjährige, ein sechzehnjähriges Dienstmädchen: Das war meine Schwester. Meine Enttäuschung ist nicht gering gewesen, denn ich war doch bei Schwindlern erzogen worden, die dem Bürgerstand zugerechnet wurden. Maria, die mich hatte kommen lassen, brachte mich hocherfreut zu den Eltern. Zwei Jahre habe ich dort in großem Elend zugebracht. Ich wurde mit Liebe umgeben, habe aber niemanden meiner Umgebung als einen Verwandten empfunden. Als ich mich mit einem jungen Manne eingelassen hatte, und man bemerkte, daß ich Mutter werden würde, vertrieb man mich. Mein Geliebter hat mir das Reisegeld bis Venedig gegeben: Da bin ich! In Triest war ich Choristin: Heute abend soll ich hier in Venedig zum erstenmal im Chor singen.«

Fatime fiel ihrer neuen Freundin – es war allerdings wohl die erste, die sie jemals gehabt hat – um den Hals. »Auch ich kann singen,« sagte sie. »Gehn wir gleich hin zum Theater.«

»Noch ist es zu früh,« sagte Annetta, die weiße Ägypterin, zur Nubierin; war sie doch, als solche, ihrer dunkeln Landsmännin nachgeschlichen.

»Gut,« sagte nun Fatime, »wir wollen ins Café gehen, ich habe noch zwei Lire: Wieviel habt Ihr?«

Annetta fand in ihrer Tasche fünf Lire. »Gehen wir,« meinte sie, »ins Café Quadri auf dem Markusplatz.«

Dort angekommen, erkundigten sich die beiden Mädchen nach den Preisen von Milchschokolade und Kuchen und verzehrten darauf miteinander um fünf Lire fünfzig, was ihnen besonders mundete. Die übrig gebliebenen fünfzig Centesimi gaben sie als Trinkgeld.

»Ich bin noch eine Jungfrau,« sagte die Nubierin, »will es auch bleiben, bis ich in sicherer Stellung bin, denn offenbar hilft mir ein Schutzengel. Gebe ich mich aber einem Mann hin, so fliegt er bestimmt weg. Meine Mutter ist keine kluge Frau, aber darin hat sie bestimmt recht; sie hat gesagt, jedem Mädchen helfen gute Geister.«

Annetta wischte sich eine Träne auf der rechten Wange ab und meinte: »Ich habe mich nicht für Geld hergegeben, sondern aus Liebe; der Vater dieses Kindes« – sie zeigte auf ihren Schoß, »ist aus guter Familie. In seiner Gegenwart fühlte ich mich immer wie zu Haus; in Ägypten hatten wir nämlich zeitweise Pferd und Wagen und fuhren an jedem Abend, wenn wir in Alexandria weilten, nach Ramleh, wo leider meine Eltern das durch mich erworbne Geld verspielten. Kennt Ihr Ramleh, sein Kasino, wo die schönsten Zigeuner Musik machen; die elegantesten Herren der Levante ein- und ausgehn? Die gewinnendsten sind die Beduinen; auf Pferden kommen sie an, als ob sie sich die reichsten weißen Damen, die ihnen aber freiwillig folgen möchten, in die Wüste schaffen wollten. Alle Frauen der Gesellschaft werden jedoch in Alexandria besonders bewacht. In Kairo war es nicht anders. Viele schöne Abende habe ich in Mena-house verlebt; dort gab man gute Musik: Nur zu gern habe ich immer wieder zugehört. Als ich einmal mitsang, wurde man auf meine Stimme aufmerksam. Im Gesang habe ich einige Stunden erhalten und in Triest wollte mich mein Liebhaber ausbilden lassen; seine Eltern haben es mir aber nicht gestattet. Doch ein halbes Jahr durfte ich bei Maestro Sinico lernen. Bis zur Choristin habe ich es gebracht. Ein Engagement in Venedig steht fest.«

»Gehn wir!« meinte die junge Nubierin.

»Gehn wir!« meinte auch Annetta: »Es sind keine zehn Minuten bis zum Teatro Fenice.«

Dort ließ man die beiden Ägypterinnen eine halbe Stunde warten. Dann kam der Direktor des Chores und fragte: »Was will die Schwarze?« – »Sie singt noch viel schöner als ich!« antwortete Annetta. Der Dirigent brummte etwas Unfreundliches in den Bart und ließ Filomela, dies war der Choristinnenname der Annetta, eintreten. Fatime hörte den Probegesang ihrer soeben gewonnenen Freundin; sie verstand, daß er ganz nett, für eine Choristin hinreichend war. Filomela wurde angenommen. Auf ihr Verlangen zahlte der Kassierer hundert Lire für einen Monat voraus, da sie bereits als Choristin im Rigoletto zu Triest gesungen hatte; deshalb sollte sie auch schon am gleichen Abend in Venedig mitsingen. Dafür erhielt sie extra zehn Lire, denn das richtige Engagement konnte erst nach einer Woche anfangen; unterdessen mußte sie um diesen Betrag zweimal im Rigoletto auftreten. Nun bestand Filomela darauf, daß auch Fatimes Stimme geprüft würde. Da aber unterdessen viele Choristinnen, Choristen und sogar Sänger eingetroffen waren, weigerte sich der Chormeister, den Wünschen seiner neuen Choristin nachzugeben. Fatime aber brachte das gar nicht in Verlegenheit. Sie legte einfach mit ihrer Glanzleistung, der Liebesarie aus der Aida, los. Alle waren sehr erstaunt. Schade, sagte der Chormeister, daß sie schwarz ist, sonst könnte die Nubierin eine Primadonna werden. Das Interesse für Fatime war geweckt. Filomela hatte eine so schöne Stimme nicht erwartet und zeigte sich ganz entzückt.

»Bleiben Sie hier?« wurde Fatime von vielen Gesangsfreundinnen gefragt.

Filomela antwortete: »Nein, sie fährt noch heute nach Mailand.«

Fatime war dieser über sie verfügende Beschluß ihrer Freundin eine Neuigkeit. Sie dachte aber, Filomela wird recht haben, und setzte hinzu: »Nicht heute abend, aber morgen früh. Ich möchte der Aufführung des Rigoletto beiwohnen!«

Auf einmal erschien der feindliche Theaterdirektor und betrachtete die Nubierin mit Argwohn und Haß. Er zog die Venezianische Morgenzeitung aus der Tasche und sagte: »Non è più!« (»Weg ist er!«)

Fatime verstand sofort, worum es sich handelte, und fragte: »Alfonso?«

Da erwiderte der Direktor: »Jawohl, dein Opfer.«

Fatime fühlte sich bloß beunruhigt, weil ihr die Zustellung der Nachricht vor so vielen Menschen ungelegen kam. Trauer empfand sie kaum.

Nun faltete der Direktor die Zeitung auseinander und las vor: »Telegramm aus Triest: Der vor ein paar Tagen in einem Duell mit einem andern Ägypter, P. J., verwundete Alexandriner Alfonso Capello ist heute nacht, mit den heiligen Sterbesakramenten versehen, seinen Verletzungen erlegen. Er bestimmte mündlich vor Zeugen, daß tausend Gulden seiner Freundin Fatime N. ausgezahlt würden. Wir wissen, daß diese Fatime eine Nubierin ist, um die sich die beiden Rivalen geschlagen haben.«

Nun brach Fatime in Tränen aus und schwor dem Toten ein Jahr lang in Unschuld treu zu bleiben. Das Aufsehn bei allen Anwesenden war groß. Die Männer interessierten sich, voll Sympathie, für die Nubierin; Choristinnen dagegen empfanden Widerwillen gegen die Schwarze, der ein weißer Jüngling zum Opfer gefallen war. Als Fatime mit Filomela, die auf der Straße wieder Annetta hieß, fortging, hörte sie einige auf sie beziehbare Schimpfworte; aus dem Chor der keifenden Frauen stach die Stimme des Theaterdirektors, der ebenfalls in Venedig eine Stelle suchte, hervor.

»Nun bist du reich,« sagte ihr Annetta, »die hundert Lire will ich dir leihen, wenn du sie mir gleich zurückschickst. Ich rate dir, geh fort von hier, fahr zu meinen Pflegeeltern nach Mailand. Ich gebe dir einen Brief mit; vielleicht taugst du besser zur ägyptischen Magie. Nimm Gesangunterricht mit deinem geerbten Geld und versuch in Mailand Karriere zu machen. Wenn du findest, daß meine Eltern versöhnlich gegen mich gestimmt sind, so komm ich auch hin. Meine Stimme reicht vorläufig nur zur Choristin aus. Bevor ich sie mir als solche verderbe, möchte ich nach Haus, um sie mir ausbilden zu lassen. Weder du noch ich können vorläufig die großen Ausgaben bestreiten, ohne den Leuten durch magischen Schwindel ihr Geld aus der Tasche zu ziehn.«

Über Lebensfragen schwatzend, waren die Mädchen abermals auf dem Markusplatz gelandet.

Da trat ein Sänger, der der Szene im Fenicetheater beigewohnt hatte, auf die Mädchen zu und sagte: »Ich stelle mich vor, ich heiße Bollente, hoffe eine große Zukunft zu haben. Eure Stimmen interessieren mich auch, die meiner nubischen Kollegin ist schon besser entwickelt; Freundin Fatime, so heißen Sie doch, ich gebe Ihnen ein Empfehlungsschreiben an meinen Gesanglehrer in Mailand mit. Holen Sie es sich heute abend an der Kasse ab. Auch habe ich die Möglichkeit, Sie in die Künstlerloge einzuladen. Das geht um so besser, als der verwundete Theaterdirektor heute abend beim Baron Franchetti eingeladen ist, daher der Vorstellung nicht beiwohnen wird. Er hat nämlich gedroht, wenn er Ihnen noch einmal begegnen sollte, Sie furchtbar verprügeln zu wollen.«

Daraufhin gingen die zwei Ägypterinnen ins Hotel »Capello nero« essen. Als Fatime in schwarzen Buchstaben ›Capello nero‹ las, fiel ihr Alfonso ein, der doch auch Capello hieß und nun nero (schwarz) sein mochte – und sie fing abermals zu weinen an. Der Appetit war ihr vergangen, sie konnte nichts essen. Nach Tisch stieg man in eine Gondel, die Fatime wie ein Sarg vorschwebte, und so kam sie auch bei der Fahrt durch die Kanäle Venedigs zu keiner Ruhe. Gegen Abend verließ sie der Sänger und lispelte beiden Mädchen ins Ohr: »Auf Wiedersehn,« zur Annetta, . . . »heut abend,« – zur Fatime: . . . »bald in Mailand!«

Nun setzten sich die beiden Freundinnen abermals ins Café Quadri und berieten, was besser wäre, ob die Rechnung im Danieli zu bezahlen, oder das Gepäck zurückzulassen. Fatime bestand auf Begleichung, da sie einen sehr schönen, goldglänzenden Brokatschal in Triest gekauft hatte; auch die falschen Edelsteine und den vielen andern Tand, alle ihre Habseligkeiten, wollte die Eitle nicht missen. »Für eine Nacht brauche ich nicht viel zu zahlen,« war ihre endgültige Entscheidung. Vor der Vorstellung aßen die Mädchen noch viel Kuchen, die Fatime auch besser als in Triest zu sein schienen; dann ging sie, um sich zu putzen, ins Hotel. Sie sagte dort, daß sie am nächsten Morgen nach Mailand abreisen wollte. Wie Annetta ihr versprochen hatte, gab sie der Freundin leihweise hundert Lire. Annetta mußte etwas früher ins Theater gehn, um sich umzukleiden. Unterdessen kaufte Fatime um hundert Lire venezianische Haarnadeln und Broschen mit Mosaikeinlagen. Darauf begab sich die Nubierin, wie sie sich gar stolz einbildete, höchst geschmackvoll geschmückt – doch war sie im Grunde durchaus afrikanisch geziert – ins Theater. An der Kasse fand sie den Brief mit der Empfehlung nach Mailand und zugleich eine Anweisung auf einen guten Platz in der Künstlerloge. Das Teatro Fenice fand sie weniger prunkvoll als das Teatro Grande in Triest. Doch die Damen trugen, ihrer Ansicht nach, gefälligere Kleider, jedenfalls noch mehr Schmuck. Rigoletto gefiel ihr ausgezeichnet; besonders Gildas Charakter machte auf sie Eindruck. Nach dem Theater traf sie Annetta, die als Filomela am besten im Chor gesungen hatte, vor dem Bühneneingang. »Wer lädt uns ein?« fragte Fatime ihre Freundin. »Vorläufig niemand,« war Annettas Antwort: »Gehn wir essen!« Die beiden Mädchen begaben sich in ein mittelgroßes Lokal in der Nähe des Markusplatzes. Annetta erwartete, daß nun Fatime mit dem geliehnen Geld zahlen würde. – »Hast du denn nicht meine wundervollen Schmucksachen gesehn?« fragte jedoch Fatime Annetta. – »Wie?« antwortete die Freundin: »Die hast du gekauft? Schmuck läßt man sich schenken.« – Annetta war sehr verstimmt, beglich aber die Rechnung. Auf dem Platz fragte sie: »Wer soll das Hotel, wer die Reise nach Mailand zahlen?« – »Solange ich mich nicht verkaufe, sorgt mein Schutzengel für mich,« war die Ansicht der Nubierin. Der erschien aber nicht auf dem Markusplatz. Da ließ sich Fatime die Zeitung bringen, in der ihr Abenteuer stand, und begab sich damit ins Hotel. Annetta begleitete sie dahin und gab ihr dann zum folgenden Morgen ein Rendezvous auf dem Markusplatz, damit sie, falls Geld vorhanden wäre, die Freundin zum Bahnhof bringen könnte. Die Nubierin schlief ausgezeichnet, ging mit der Zeitung zu dem Direktor des Hotels, um zu beweisen, daß sie tausend Gulden geerbt hatte. Dem war diese Aussprache peinlich und er sagte: »Für die verflossne Nacht gebe ich ihnen Kredit, verlassen Sie aber bitte freundlichst bald das Hotel. Wann fahren Sie ab?« – »Sobald ich Geld zu einer Gondel und einer Fahrkarte dritter Klasse nach Mailand habe.« Der Direktor sagte: »Um neun geht Ihr Zug; Gepäck und Fahrschein holen Sie eine halbe Stunde vorher am Bahnhof ab.« – Fatime triumphierte. Sie begab sich auf den Markusplatz, wo sie bereits von Annetta erwartet wurde. »Ich fahre!« rief sie mit einem Jauchzer. Annetta bezahlte jeder eine Schokolade und einen Kuchen, dann nahm sie ihre Freundin unter den Arm und brachte sie auf einem kleinen Dampfer zum Bahnhof. Dort übergab ihr der Portier des Hotels Danieli Fahrkarte und Gepäck. Annetta bezahlte noch den Träger und nahm tiefgerührt von ihrer nubischen Freundin Abschied. »Ich bitte dich noch,« sagte sie, »schick mir die hundert Lire, sobald du kannst, mir bleiben nur noch sechs Lire für die ganzen sechs Wochen. Grüße meine Eltern, hier hast du einen Brief an sie!« – Eine halbe Stunde darauf fuhr Fatime über die Lagunenbrücke in der Richtung nach Mailand.

Um vier Uhr nachmittags kam Fatime in Mailand an: Ihr Gepäck ließ sie am Bahnhof und erkundigte sich nach der Via Manzoni, wo der Gesanglehrer, an den sie doch einer seiner Schüler empfohlen hatte, wohnte. Die Eltern der Annetta waren ihr noch gar nicht eingefallen. Bald fand sie die Adresse; sie erstieg das zweite Stockwerk eines schönen neuen Hauses und sandte den Brief mit vielen Grüßen von ihr selbst an den Gesanglehrer. Das Empfehlungsschreiben war geschickt verfaßt: Gleich stand darin, die Nubierin hätte eine große Zukunft, sie wäre bereits in Triest der Gegenstand großer Abenteuer gewesen. Nach einer halben Stunde erschien der vielgerühmte Singmeister und empfing Fatime mit kühlem Gruß. Sie sollte ihm etwas vorsingen. Sofort legte Fatime mit der Liebesarie aus der Aida los. Der Professor war erstaunt; auch war es ihm ungewöhnlich, daß ein Mädchen, ohne Begleitung, so aus dem Stegreif, singen konnte. Dann setzte er sich ans Klavier und fragte sie, was sie noch könnte.

Sie sagte. »Den Liebestod aus der Afrikanerin.«

Er schmunzelte und meinte: »Schade, daß diese beiden Ihre einzigen Rollen sind.«

Die Nubierin ärgerte sich und erwiderte: »Das ist durchaus nicht geistreich, was Sie da sagen, Meister, dazu brauchte ich nicht nach Europa zu kommen. In Ägypten hat man mir genau das gleiche gesagt.«

»Ja,« meinte der Lehrer: »Die gleiche Wahrheit ist bei den Schwarzen wie bei den Weißen vorhanden. – Was wollen Sie eigentlich von mir?«

»Nichts andres,« erwiderte Fatime, »als was in dem Empfehlungsschreiben steht.«

»Empfehlungsschreiben bekomme ich täglich, sie haben für mich wenig Bedeutung!« war des Lehrers Antwort: »Wozu soll ich Sie ausbilden, wenn Sie doch bloß zwei Rollen singen können?«

Fatime war empört, aber sie wandte aus List einen Trug an: »Ich muß ja keine Opernsängerin werden, wenigstens keine europäische. In Ägypten habe ich Gönner. Ich soll dort in einem arabischen Theater auftreten.«

Das leuchtete dem Lehrer ein. Er sagte: »Wenn Sie Gönner haben, so können Sie ja eine teure Ausbildung genießen. Sie wissen, Gesangstunden, besonders in Mailand, zumal bei mir, sind kostspielig. Von Ihren Gönnern steht im Brief nichts geschrieben.«

»An meine Gönner mögen Sie schreiben,« entgegnete die Nubierin, »wenn Sie garantieren können, daß ich in gewisser Zeit eine ausgezeichnete Sängerin werde.«

»Ich möchte Ihnen sagen, daß ich auch nicht eine Stunde ohne Entgelt gebe,« stellte nun der Lehrer fest.

Fatime zog die Zeitung mit dem Triester Telegramm aus der Tasche und sagte: »Fangen Sie gleich an, die tausend Gulden gehören Ihnen. Bis sie verbraucht sind, wird Geld aus Kairo eintreffen.«

»Gut,« sagte nun der Lehrer: »Morgen früh gehn wir auf die Konsulate und legen einen Vertrag fest. Und heute – auf Wiedersehn!«

»Nein,« sagte Fatime, »wenn Sie mir nicht heute eine Stunde geben und nicht die Möglichkeit verschaffen, abends in die Oper zu gehn, wende ich mich an einen andern Lehrer.«

Der Mailänder war ganz erstaunt und fragte: »Warum diese Eile, mein Kind?«

»Weil ich keine Stunde verlieren kann, weil ich die Musik unsäglich liebe, weil ich mich keinem Manne hingebe, bloß dem Gesang lebe, darum erbitte ich sofort eine Lektion.«

Der Lehrer war gerührt und fragte: »Wo wohnen Sie?«

Fatime entsann sich, vor dem Bahnhof einen Omnibus gesehen zu haben, auf dem geschrieben stand: ›Hotel Cavour‹. »Im Hotel Cavour,« erwiderte sie unerschrocken.

»Das ist recht teuer,« meinte nun der Lehrer. »Suchen Sie sich morgen eine billigere Wohnung. Gehn Sie jetzt nach Haus, ich hab noch zwei Stunden zu geben, kommen Sie abends um acht Uhr. Ich will Ihnen bis ein Viertel vor neun eine Stunde erteilen; um neun Uhr sind wir dann miteinander im Theater.«

»In welchem?« fragte ihn entzückt Fatime.

»In der Scala!« sagte mit behutsamer Betonung der Meister.

Beinahe wäre ihm die Nubierin um den Hals geflogen.

Er setzte seine Rede, voll Freude über die Freude der Afrikanerin, fort: »Man gibt den Lohengrin von Richard Wagner. Es ist die letzte Aufführung der Stagione.«

Fatime bedankte sich, voll Innigkeit, und begab sich fort . . . hinein in die große Stadt, ohne eine Lira ihr eigen zu nennen. Zwei Stunden hatte sie Zeit. Sie hüpfte durch die Gassen: »Ich habe einen Schutzengel, ich habe einen Schutzengel, wie gut, daß Alfonso gestorben ist und mir tausend Gulden hinterlassen hat!« Auf einmal sprach Fatime eine Frau in mittleren Jahren, mit einem Spitzenschleier über dem Kopf, an: »Können Sie mir nicht sagen, wo das Hotel Cavour ist?«

»Nicht weit von hier, mein Kind, ich will Sie hinbegleiten,« sagte freundlich die Angeredete. Es war schon dunkel und Fatime nahm daher die Begleitung besonders gern an. Die Frau war neugierig, wer die Nubierin wäre, was sie in Mailand wollte, und führte sie auf einem Umweg über den Domplatz, auf dem ihnen die Galleria Vittorio Emanuele II. strahlend entgegenleuchtete. Nun hatte Fatime endlich einen großartigen Eindruck von Europa – das strahlte, das strahlte! Welcher Reichtum, welche Bewegung der Menschen! Triest, Venedig; Kleinstädte, dumme Provinz im Vergleich zu Kairo, Alexandria! Doch nun Mailand: das war eine Weltstadt. Die Galerie und ihre Helle, ihr Glanz überwältigten das halbwilde Mädchen. Vor jedem Luxusgeschäft blieben die zwei Frauen stehn. Fatime betrachtete alle Dinge mit großer Neugier.

Da fragte sie die Frau: »Haben Sie Geld, etwas zu kaufen?«

»Nein,« erwiderte die Nubierin: »Ich lasse mir auch von niemandem etwas schenken, denn die Männer sind bösartig, verlangen Dinge, die ich nicht gewähren kann: Ich bin eine Jungfrau und habe einen Schutzengel.«

Die Mailänderin lächelte und sagte: »Ohne Geld können Sie nicht in der Welt umherreisen. Das Hotel Cavour ist sehr teuer.«

Da zog Fatime nochmals die Zeitung heraus, um zu beweisen, daß sie Geld zu erwarten hatte.

»Daraufhin kann ich Ihnen einiges verschaffen,« sagte die Frau in mittleren Jahren. »Treffen wir uns morgen nachmittag. Wenn Sie mir die tausend Gulden verschreiben, so können Sie zweitausend Lire sofort ausgezahlt bekommen! Den Unterschied zwischen den zweitausend Lire und den tausend Gulden teile ich mir mit dem Geldborger.«

Fatime war entzückt. Fünfzig Lire gab ihr die Frau auf die Hand und führte nun das Mädchen zum Hotel Cavour. Fatime trat dort ein, nahm ein Zimmer und gab den Auftrag, ihr sofort das Gepäck vom Bahnhof zu holen. Nach einer halben Stunde war es angelangt. Da zog Fatime ein besseres Kleid an, putzte sich mit allem in Triest und Venedig erstandenen Tand und erschien dann, wie eine Häuptlingsgattin aus dem dunklen Weltteil, in der Hoteldirektion. »Ich werde Ihnen ein paar Tage schuldig bleiben müssen,« sagte sie; »doch habe ich Geld zu erwarten. Sehn Sie, was in der Zeitung steht.« Hiermit reichte sie dem Direktor des Hotels das venezianische Morgenblatt vom Vortage.

Als er das gelesen hatte, sagte er: »Das ist recht schön, aber länger als drei Tage kann ich Ihnen keinen Kredit geben. Solche Dinge können sich sehr in die Länge ziehn.«

Worauf Fatime lachend erwiderte: »Innerhalb von drei Tagen habe ich nicht nur dieses Geld!« – und das Hotel verließ.

Sie hatte fünfzig Lire, nahm einen Wagen und ließ sich zur Galerie fahren. Dort kaufte sie sich einen Hut für dreißig Lire und begab sich daraufhin zu ihrem Gesanglehrer. Sie bezahlte die Droschke und erkundigte sich, wie spät es sei. Als sie erfuhr, daß noch eine Viertelstunde auf acht fehlte, setzte sie sich in eine Konditorei und verspeiste den Rest ihres Geldes. Fatime fand, daß Mailänder Kuchen und Schlagsahne besonders lecker schmeckten. Da sie schon ein Hütchen auf dem Kopfe hatte, mußte der neu erstandne Hut, in Papier gewickelt, überallhin herumgetragen werden. Der Lehrer empfing sie freundlich und erteilte ihr tatsächlich zwanzig Minuten Unterricht, dann mußte sie warten, bis er gegessen hatte. Sie fuhren zur Scala; der Lehrer stieg aus, half seiner Schülerin höflich aus dem Wagen und sagte: »Ich habe kein Kleingeld, könnten Sie bezahlen?«

Die Nubierin meinte: »Ich habe wohl Geld; aber für mich haben sich Kavaliere duelliert, einer ist sogar gestorben; es fällt mir nicht ein, für irgendeinen Herrn zu bezahlen.«

Darauf zog der Gesanglehrer seine Börse und entrichtete mit klingendem Kleingeld dem Kutscher, was er schuldig war. Die Scala gefiel der Nubierin außerordentlich. Noch nie hatte sie ein so prachtvolles Theater gesehn. Dazu war sie in eine Glanzvorstellung hineingeraten. Die Damen saßen in noch herrlicheren Toiletten und funkelnderen Geschmeiden als in Triest und Venedig in allen Logenrängen; im Parkett, sogar im Parterre gab es nur Herrn im schwarzen Abendanzug. Zum erstenmal hörte sie eine Oper von Wagner. Sie konnte sie nicht gut verstehn, doch machte ihr die Gestalt Lohengrins einen unerhörten Eindruck. Sie erinnerte sich, einmal in ihrer Heimat einen schwarzen Häuptling mit einem Schwan auf dem Kopf, den Nil entlang stolzieren gesehn zu haben. Oder war es ein Traum gewesen, den ihr nur der Scala-Lohengrin in Erinnerung brachte? Nach dem Theater wollte sie der Gesanglehrer nach Haus schicken, sie aber sagte: »Ich habe Hunger, morgen kann ich Sie einladen, morgen habe ich Geld.«

Da führte denn der Gesanglehrer Fatime in eine Bar, wo sie einen Imbiß nahmen. Bald darauf aber setzte er sie in einen Wagen, den der Portier des Hotel Cavour bezahlte. Darüber war man jedoch im Hotel ungehalten. Zufälligerweise ist der Direktor noch aufgewesen und sagte, er würde morgen die Nubierin aus dem Hotel weisen. In der Früh um acht erschien die Mailänderin vom Vortage, die Fatime fünfzig Lire gegeben hatte, und brachte zweihundert Lire mit, wofür sie einen Wechsel auf dreihundert ausstellen ließ, zahlbar nach einer Woche. Überdies bot sie sich an, die Angelegenheit mit den tausend Gulden in die Hand nehmen zu wollen; sie selbst hatte Verwandte in Triest, die für bescheidnes Entgelt die Sache schleunigst in Fluß bringen sollten. Von Fatime verlangte sie auf gestempeltem Papier eine Vollmacht. Sie bekam sie. Unten angelangt, wurden die beiden Frauen freundlich begrüßt. Der Direktor erkundigte sich jedoch, ob Fatime noch länger bleiben wollte, in diesem Hotel würde kein Kredit gewährt.

Die Nubierin zog ihr Portemonnaie und sagte: »Drei Tage möchte ich bleiben, die haben Sie mir bereits zugesagt, hier ist das Geld für die Droschke von gestern Abend. Diese Dame garantiert überhaupt für mich.«

Die Mailänderin sagte zu, denn es lag ihr daran, eine Klientin in vornehmem Hotel untergebracht zu wissen. So war der Aufenthalt nicht nur auf drei Tage, sondern sogar eine Woche gesichert, denn man kannte die Dame, die für Fatime eingetreten war. Nun begab sich Fatime zum Gesanglehrer. Sie war zu früh gekommen und mußte lange warten. Dann wollte der Professor seine Schülerin aufs ägyptische und aufs österreichische Konsulat bringen. Fatime verlangte aber zuerst durchaus eine halbe Stunde Unterricht. Es kam zu einem Zank. Der Lehrer nannte die Nubierin dreist und unehrerbietig, erteilte ihr jedoch zwanzig Minuten lang Unterricht. Es schien ihm an den tausend Gulden viel zu liegen! Mittels Droschke fuhr man zum englischen Konsulat, denn es stellte sich heraus, daß es kein ägyptisches geben konnte. Der Vertreter Britanniens und seiner Kolonien stellte vor allem fest, daß Fatime minderjährig war. Und wer ist ihr Vormund? War folglich eine logische Frage. Fatime nannte, ohne weitres, Fuad, obwohl sie ohne legalisierten Beschützer aus Ägypten fortgereist war, hatte sie doch noch den Vater, den wollte sie aber, weil er Dienstbote war, nicht nennen. »Gut,« sagte der Konsul: »Es wird alles geschehen, was nötig ist. Kommen Sie in vierzehn Tagen wieder!« Unter solchen Umständen wäre es unnötig gewesen, sich aufs österreichische Konsulat zu begeben. Man mußte erst englische Papiere für die Nubierin vorweisen können, denn in jenen Zeiten reiste man noch ohne Paß und ohne Visum. Nach dem Besuch beim britischen Konsul trennten sich Lehrer und Schülerin. Fatime ging ins Hotel zurück und bestellte eine reichliche Mahlzeit. Sie gab an, die Mailänderin würde das Essen bezahlen. Darauf schwenkte das Mädchen in eine Konditorei ab und nahm mehrere Portionen Speiseeis zu sich. Später schlenderte es durch die Geschäftsstraßen und kaufte zwei Seidenblusen, ein Paar Schuhe und einen dritten Hut, bis die zweihundert Lire, die sie vorgestreckt bekommen hatte, ausgegeben waren.

Nun fand Fatime den Weg zum Hotel Cavour ohne Droschke und ohne Begleitung. Übrigens trug ihr ein Boy die Schachtel mit dem gekauften Kram nach. Im Hotel ließ sie sich, da sie buchstäblich keinen Centesimo mehr hatte, vom Portier sein Trinkgeld leihen. Ein Dienstbote des Hotels brachte ihr die eingekauften Sachen aufs Zimmer. Sie selbst legte sich in der Halle in einen bequemen Stuhl. In einem andern Klubsessel, vor einem ebenso kleinen Tisch, saß ein dicker Herr in reifern Jahren. Er hatte eine glänzende Glatze, um die sich ein Kranz wohlgepflegter blonder Haare wand. Die Stupsnase trug einen goldgefaßten Kneifer, durch den vergißmeinnichtfarbige Augen in das Graubraun eines italienischen Milieus starrten. Der Herr war vollkommen rasiert. Ein dreifaches Kinn schmiegte sich, im dreifachen Rhythmus des Haarkranzes um die Glatze, halbkreisartig um die Wangen, zwischen denen ein schmaler kurzer Mund eine Zigarre sicherer eingeklemmt hielt, als es die Nase vermochte, den Kneifer zu tragen. Der Herr war elegant, dunkelblau gekleidet. Eine goldne Kette schlängelte sich unter seinem Herzen, von einer Uhr beschwert, um den Bauch. Die bläuliche Krawatte paßte vortrefflich zu den Augen. Wir haben diesen Herrn genauer als alle andern Persönlichkeiten beschrieben, denn er verdient es. Nur ihm kommt es zu, seiner Gediegenheit wegen, wichtig genommen zu werden. Er hieß Hermann Eick und war Seidenfabrikant aus Barmen. Wer mit Seide zu tun hat, wird den Knotenpunkt für Seide und Samt, Mailand, häufig aufsuchen. Nicht zum erstenmal war Herr Eick im Hotel Cavour, in der Hauptstadt der Lombardei, abgestiegen. Wenn er seine Geschäfte besorgt hatte, so erfreute er sich am Rotwein, auf italienisch vino nero, Schwarzwein, genannt, und auch schwarzhaarige Mädchen konnten ihm, dem ehemals hochblonden Lockenkopf, gut gefallen. Sagt doch schon Schopenhauer: Die Blondhaarigen schwärmen immer für einen dunklern Typus. Man stelle sich, auf Grund dieser philosophische Feststellungen, Hermann Eicks, des nunmehr halbweißhaarigen, Entzücken vor, als ihm, anstatt brünetter Mailänderinnen, eine Nubierin in der Halle des Hotels gegenübersaß. Der Seidenfabrikant, ein wagemutiger Geschäftsmann, fühlte sich – trotz der Gunst, deren er sich in der Regel bei ihm erfreute – dem schönen Geschlecht gegenüber leicht in Verlegenheit. Wie entzückt war er nun, als Fatime ihn in folgender Weise anredete: » Monsieur, vous me regardez beaucoup – bien, je suis noire, est-ce que je vous plais quand-même?«

Der Barmer verstand nur recht mäßig Französisch, konnte aber erwidern: »Im Gegenteil, Mademoiselle, der moderne Mensch schwärmt für Afrika. Ich bin Deutscher, Sie sehn es mir wohl an; ich lebe im Norden, habe dort eine Sammlung südlicher und allersüdlichster Kunstgegenstände. Ich wäre entzückt, könnte ich eine dunkle Dame wie Sie in meine Heimat bringen, denn ich bin ledig.«

Fatime sagte: »Ich gehe gern, nach Abwicklung schwieriger Geschäfte, mit ihnen nach Deutschland, seit gestern liebe ich es, denn Lohengrin ist ein Held. Er hat seine Elsa tapfer verteidigt, so etwas gefällt mir: Auch für mich haben schon zwei Duelle stattgefunden; mein Alfonso, noch bevor er mein werden konnte, ist gefallen. Ich erwarte hier die Auszahlung von tausend Gulden, die er mir vermacht hat. Dann bin ich gern bereit, Sie nach Deutschland zu begleiten. Ich bin aufrichtig: Sie gefallen mir nicht, ich habe aber geschworen, mich ein Jahr lang keinem Manne hinzugeben; denn erstens muß ich Alfonso treu bleiben, zweitens hilft mir ein Schutzengel, weil ich noch Jungfrau bin!«

Herr Eick fand die Naivität der Wilden entzückend und sagte: »Die tausend Gulden können Sie ohne weitres im Stich lassen, das ist eine kleine Summe, die kann ich leicht ersetzen.«

Fatime aber erwiderte: »Das kann ich nicht, denn was Sie mir auch immer geben würden, nie wären es die tausend Gulden des gefallnen Alfonso.« »Besprechen wir das wo anders,« meinte Herr Eick, der sich nun feierlich vorgestellt hatte: »Gehn wir zu Biffi in der Galerie zum Mittagessen.«

Dort machte Fatime die Bekanntschaft mit Austern, die sie sofort ausspuckte, und mit Hummer, der ihr außerordentlich mundete. Nun versuchte es Herr Eick mit Kaviar und Sekt. Fatime kostete vom Kaviar und sagte: Schuhwichse äße sie nicht. Kaum aber hatte sie vom Champagner der Witwe Cliquot genippt, als sie ausrief, das sei kein Wein, sondern ein Getränk der Himmlischen. Mindern Sekt hatte sie übrigens sehr oft getrunken. Am Nachmittag legte sich Fatime in ihrem Zimmer auf ein Stündchen nieder, wurde aber bald durch einen Besuch der Mailänderin gestört. Diese Dame hatte Bedenken bekommen und wollte die Geschäfte womöglich rückgängig machen. Fatime aber lachte sie aus und sagte ihr, sie hätte einen deutschen Kavalier gefunden, nun könnte die Frau noch mehr haben. Man stritt hin und her, und schließlich unterschrieb Fatime einen Wechsel über fünfhundert Lire und bekam vierhundert, nachdem sie die Frau überzeugt hatte, daß der ritterliche Deutsche wirklich lebte und im Hotelbuch eingeschrieben stand. Sie schlich trotzdem stundenlang um das Hotel und fühlte sich erst beruhigt, als Fatime am Arm des dicken Deutschen eine Droschke bestieg und abermals zu Biffi fuhr. Die Wucherin begab sich darauf auch in die Galerie, denn sie hoffte, das Paar dort zu treffen. So geschah es auch. Unbemerkt schlich sie, als Menschenmengen die glanzvollen Glashallen durchfluteten, um das Café Biffi, an dessen Tischen, halb im Freien, wohlsituierte Menschen ihr Abendessen einnahmen und ihre schöne Kleidung, den funkelnden Schmuck zur Schau trugen. Doch von allen interessierte sie ja nur der reiche Herr mit dem Brillantring und die Nubierin, die bereits in ihre Fänge geraten war. Ihre Freude war so groß, daß sie zur Musik, die in der Galerie heitre Weisen aufspielte, beinah getanzt hätte. Fatime benützte den Abend dazu, den Deutschen auf ein durchaus platonisches Verhältnis vorzubereiten. Immer wieder wiederholte sie, mindestens ein Jahr lang müßte sie dem guten Alfonso, der ihretwegen gestorben war, treu bleiben. Sie konnte nicht begreifen, daß die Einstellung des deutschen Fabrikanten, ihr gegenüber, keine erotische, sondern, aus künstlerischen Gründen, eine sachgemäße war. Herr Eick förderte seit einiger Zeit sämtliche Richtungen, die von Paris aus über den Rhein gedrungen waren. Welches Aufsehn, so dachte er, wird zwischen Anhängern sämtlicher Negerkünste ein echtes Kind aus Nubien erregen? In Angelegenheiten der Liebe bevorzugte er Damen mit dunklerm Haar, aber mit rassenverwandter Hautfarbe. Übrigens ward ihm das erst nun, bei näherer Betrachtung der schmucken Nubierin, ganz klar. In geistigen Dingen, war er überzeugt, müßte man zu den ursprünglichen Rassen zurückgreifen: Nach Tahiti, das Gauguin in Mode gebracht hat, war vorläufig Afrika, das Land der Sphinx, aus verschieden Gesichtspunkten her, am modernsten geworden. In Mailand gefiel es dem dunklen Mädchen so gut, daß es sich nur sehr schwer zu einer Weiterreise über die Alpen entschließen konnte. »Hier habe ich einen guten Lehrer, kenne die Sprache!« weigerte es sich lange, hinweggenommen zu werden. Erst spät brach man auf. Am nächsten Tag flog Fatime aus, denn das ihr von der Wucherin geliehne Geld mußte, des Regenwetters wegen, in einen Waterproof umgesetzt werden. Als sie zurückkam, erkannte sie am trippelnden Gang ihre gute Mailänderin, die Fatime eben zu angemessner Stunde im Hotel Cavour besuchen wollte. Sie überzeugte sie, daß sie ihr noch fünfhundert Lire leihen sollte, denn ihre Kleidung entspräche nicht dem Umgang mit einem so reichen Herrn. Die Mailänderin hatte sowohl an der Nubierin als an ihrem blonden Kavalier einen Affen gefressen und zahlte, auf Wechsel, sofort fünfhundert Lire aus . . . siebenhundert aber müßte sich Fatime verpflichten, zu bezahlen. Nun begleitete sie die Wucherin noch in ein Geschäft und half ihr beim Aussuchen eines prächtigsitzenden Straßenkleides. Dabei zwinkerte sie immer der Verkäuferin zu, sie möge höhere Preise nehmen und mit ihr das größere Erträgnis teilen. Zum Mittagessen trafen sich Fatime und Herr Eick in der Galerie und begaben sich nochmals zu Biffi. Nun gelang es dem Herrn aus Deutschland, das Mädchen dazu zu bewegen, mit ihm abends nach Luzern abzudampfen. »Gut,« sagte sie, »ich werde noch eine Stunde bei meinem Lehrer nehmen und dann abfahren.« Selbstverständlicherweise gab ihr Herr Eick einhundertfünfzig Lire für bereits genommene Stunden. Fatime kaufte sich aber dafür seidne Hemden. Weder im Hotel noch sonstwo, hatte sie von ihrer Abfahrt gesprochen. Im letzten Augenblick ließ sie sich die Rechnung vom Deutschen bezahlen und sagte in der Direktion, wenn die Wucherin morgen kommt, so drohn Sie ihr mit Verhaftung; sie hat mir auf Wechsel Geld geliehn, weil sie hofft, der Herr würde alles bezahlen: Dabei hat sie ungeheure Prozente genommen. Daraufhin stiegen Fatime aus Nubien und Hermann aus Barmen in die gleiche Droschke und begaben sich auf den häßlichsten Bahnhof Italiens. Nach anderthalb Stunden hatten sie die Schweizer Grenze überschritten, schliefen gut in gesonderten Schlafcoupés, bis sie in der Früh vor Luzern vom Schaffner geweckt wurden. Es war ein sehr schöner Frühlingstag, als die zwei am Vierwaldstätter See ihren Morgenspaziergang machten. Die Klarheit der Luft, vielleicht auch der Schweizer Boden selbst, wirkten vorteilhaft auf die Verstandestätigkeit der Nubierin. Sie hatte hin und her gedacht, wen sie in Triest mit ihrer Tausendguldensache direkt beauftragen solle.

Paolo konnte noch in Haft sein. Überdies würde er, würde auch Georgios . . . an sie die Forderung stellen, die den vier Silben ›In Europa‹ Umsetzung in Wirklichkeit verschaffen könnte. An der Erfüllung dieses Versprechens mochte sie nicht denken, zumal sie jetzt Hermann, wenn schon irgendeinem Mann, zu Dank verpflichtet wäre. Wo mochte Georgios sein? Er war doch geflohn, mit Ausweisung aus Österreich bedroht. Sie erklärte ihrem Begleiter, sie müsse einen wichtigen Brief schreiben und begab sich ins Hotel, um folgendes Schriftstück aufzusetzen: »An Herrn N. W., Redakteur der Zeitung ›Il Piccolo‹ in Triest. Ihr Blatt hat die Freundlichkeit gehabt, sich mit meiner Persönlichkeit zu beschäftigen, so fühle ich mich denn als ihre Mitarbeiterin. Die letzte Nachricht über den Tod des guten Alfonso Capello, die Sie in Ihrem Blatt gebracht haben, hat mich zutiefst betrübt. Die edle Tat des zu früh Verblichenen hat mir bis jetzt nur Unannehmlichkeiten bereitet. Ihr Blatt ist in Italien weit verbreitet und, sowohl in Venedig als auch in Mailand, hat man sofort die unglückliche Nubierin in mir vermutet, die nun Erbin von tausend Gulden werden sollte. Ich bin in die Hände böser Menschen geraten. Die Naivität, die mir, Tochter der Wüste, innewohnt, ist schändlich ausgenutzt worden. Kurzum, Wucherer haben sich an mich geheftet. Hochgeehrter Herr, Sie wissen, daß ich immer wahrheitsgemäße Dinge für Ihr Blatt mitgeteilt habe, so werden Sie auch diesmal an der Wahrhaftigkeit meiner Aussagen nicht zweifeln. Sollten Sie einen Zweifel haben, so bitte ich Sie, wenden Sie sich an die Direktion des Hotels Cavour in Mailand, wo Sie Auskunft über mich und ein tückisches Weib, das meine Freigebigkeit und Unschuld ausnutzen wollte, jederzeit erhalten können. Ich kenne in Triest nur ein ritterliches Wesen, das meine Sache in die Hand nehmen kann, das sind Sie. Ich bitte, sorgen Sie dafür, daß mir das Geld, sowie es flüssig werden kann, an das britische Konsulat in Berlin, wohin ich mich nun begeben werde, um meine Gesangsstudien fortsetzen zu können, nachgesandt werde. Ich danke Ihnen im voraus und lege Ihnen meine Photographie bei. Sollte ich jemals Erfolg haben, so werde ich immer an Ihre Zeitung denken, die sich als erste meiner angenommen hat.

In Dankbarkeit Ihre sehr ergebene Fatime N.«

 

Kaum war der Brief fertig, verlangte die Nubierin mit Hermann und ohne Hermann photographiert zu werden. Das Bild, auf dem sie allein war, mußte in ein paar Stunden fertig sein, damit sie den Brief mit dem Photo noch am gleichen Tage zur Post bringen konnte.

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