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L'Africana

Theodor Däubler: L'Africana - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleL'Africana
authorTheodor Däubler
firstpub1928
year1928
publisherHoren-Verlag
addressBerlin
titleL'Africana
pages5-200
created20050109
sendergerd.bouillon
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Als sich der junge Levantiner an Bord der Thalia begab, sah er von ferne auf dem Deck erster Klasse Fatime, die sich um ihr Gepäck zu schaffen gab. Sie mochte soeben angekommen sein. Sowie ihn das Mädchen auf dem Molo erkannt hatte, grüßte es mit Winken der hellbraun behandschuhten Nubierhand. Als die zwei beieinander waren, meinte Fatime: »Seien wir fröhlich, es geht nach Europa, denken wir nicht mehr an die im Wirbelsturm umgekommene Base!«

Paolo, der eigentlich nicht wußte, warum er nun reisen sollte, sagte zu sich selber: ›Lange bleibe ich diesmal nicht dort oben, aber manche lustige Woche soll es werden!‹ Er war schon einigemal in Europa gewesen. – Fatime hatte sich gefreut, nach dem gepriesenen Westen zu kommen. Immerhin galt es ein Abenteuer, das unangenehm hätte ablaufen können, nun vergnüglich zu seinem Ende zu bringen. Vielleicht hatte ihn auch die Erfreutheit Fatimes über die Reise in den fremden Erdteil frohgemut gestimmt. Solange das schöne Dampfschiff im Hafen lag, schritten die zwei das Deck erster Klasse munter ab und machten Pläne. Fatime wollte nach Venedig, Paolo nach Nizza: In einem aber waren sie einig, das Ziel mußte schließlich Paris sein! Kaum hatte das Schiff die Anker gelichtet, als in die behagliche Stimmung ein Mißton kam. Ein anderer junger Levantiner war der Nubierin aufgefallen. Aus welchem Grunde, wußte sie selber nicht. Bald richtete auch er neugierige und zugleich stechende Blicke auf Fatime. Kaum hatte das Paolo gemerkt, als auch seine Eifersucht wach werden mußte. ›Doch,‹ dachte er sich, ›mir kann das gleichgültig sein; kaum in Europa angelangt, verlange ich den Preis meiner Mühe und Ausdauer: Zieht das dunkle Mädchen dann mit einem Weißen weiter, so kann mir das nur angenehm sein. Sich eines Mädchens zu entledigen, ohne daß sich ein Ritter zum Ersatz einfindet, ist ja immer peinlich.‹ Ein Tamtam erklang: In der ersten Klasse wurde zum Mittag gerufen. Es waren nur Weiße zugegen, Paolo fühlte sich sofort in der Gesellschaft der Nubierin unangenehm berührt. Fatime war noch ganz naiv, merkte nicht, daß ihre Anwesenheit Ärgernis erregte. Der Steward wies ihr und Paolo zwei Plätze am untern Tische an. Nicht die ganze Tafel war ja besetzt. Diese Absonderung genügte jedoch nicht. Zwei Amerikaner und drei Amerikanerinnen wollten sich nicht niedersetzen und schimpften auf Englisch über die dunkelfarbige Passagierin erster Klasse. Paolo verstand wohl, was man da sagte, das nubische Mädchen jedoch nicht. Er blickte sie vorwurfsvoll an. Sie erwiderte mit breitem Lächeln. Gleich darauf trat ein Offizier ein und entschuldigte sich im Namen der Gesellschaft bei den westlichsten Westländern. Als Paolo die Parteinahme an Bord zugunsten der Amerikaner und gegen seine Begleiterin festgestellt hatte, bat er Fatime, mit ihm den Speisesaal zu verlassen. Das Mädchen war bestürzt, konnte den Grund nicht einsehen. Draußen verhandelte er mit einem Steward, der in einer größeren, leergebliebenen Kabine für beide decken sollte. Endlich verschwieg Paolo der Nubierin den Grund des Auftrittes im Saale nicht. Das arme Mädchen fühlte sich ganz unglücklich, raste aus der Kabine, hatte halb die Absicht, sich ins Meer zu werfen. Doch geriet sie bei ihrem Laufen über Deck in einen Knäuel von Menschen. Der andere Levantiner hatte ihre Partei genommen und sprach nun aufgeregt, erzürnt mit dem Kapitän und andern Offizieren des Lloyddampfers. Diese leibliche Hemmung zum letzten Entschluß der Nubierin sollte nun auch eine seelische werden. Sie hatte unter den Bleichgesichtern einen Kavalier gefunden, der unter Umständen für ihre dunkle Haut seine eigne weiße einsetzen wollte. Man schien gar nicht weit von einer Prügelszene entfernt zu sein. Nun ging es Fatime wie ein Blitz durch den Sinn: ›Der ritterliche Alexandriner war ihr schon einmal begegnet. Er konnte kein andrer gewesen sein, als der junge Mann, den sie unter der hellerleuchteten Markise entdeckt hatte, als sie von der dicken Nubierin von der Straße weg auf ihr Dienstbotenzimmer mitgenommen wurde. Das afrikanische Blut regte sich; da dieser Mann ein Levantiner war, mußte er Arabisch verstehen. In dieser Sprache wandte sich nun Fatime an ihn: »Du, Alfonso Capello, sollst mich in Europa bekommen, nicht der feige Paolo Jeroniti. Ich bin noch eine Jungfrau.«

Der also Angesprochene, des Arabischen durchaus mächtig, war sehr erstaunt, besonders da er seinen Namen aus dem Munde einer vollkommen unbekannten Nubierin in auffallenden Kleidern zu hören bekam. »Mademoiselle,« erwiderte er, »ich erfülle bloß meine Pflicht als Gentleman und in Ägypten geborener Europäer.«

»Sind alle Menschen hier so gräßlich, oder nur die Engländer, die Amerikaner?« fragte Fatime.

Worauf Alfonso erwiderte: »Das Vorurteil gegen dunkle Menschen ist bei weißen Völkern allgemein. Ihr Begleiter hätte das wissen müssen, um Ihnen solche Unannehmlichkeiten zu ersparen. Am allerhärtesten benehmen sich in solchen Fällen Engländer und besonders Amerikaner.«

Weiter wurde das Gespräch nicht geführt, da Paolo auf dem Plan erschien und Alfonso wütend ansprach: »Was mischen Sie sich in fremde Angelegenheiten ein? Das Mädchen gehört mir. Sie scheinen mir ein unverschämter Schürzenjäger zu sein!«

Im gleichen Augenblick saßen ihm zwei Ohrfeigen, eine rechts, die andere links, schräg über die Backen, im Gesicht. Zurückschlagen konnte er nicht, denn schon hatte ihm ein Maschinist des Dampfers, der soeben vorüberging, die Arme festgehalten. Es blieb ihm nichts andres übrig, als wutschnaubend gegen Alfonso Schmähungen hervorzubringen, mit einem Duell zu drohen.

Fatime hatte sich unterdessen ganz eindeutig auf die Seite Alfonsos geworfen und schrie: »Mit ihm reise ich nach Europa, du hast dort nichts von mir zu erwarten.« Die Parteien wurden gesondert. In seiner Kabine überlegten sich der Geohrfeigte und zwei Offiziere des Dampfers, ob ein Duell möglich wäre. Nur in Triest konnte es ausgefochten werden. Die Offiziere des Schiffes durften keine Partei für einen Gast nehmen, vermochten es nicht, Sekundanten zu sein. Der Kapitän sprach mit einigen Passagieren, die meinten, Paolo wäre nicht satisfaktionsfähig, um eine Schwarze schlage man sich überdies nicht. Alfonso, der seine Ehre nicht angegriffen sah, brauchte sich um das Duell nicht zu kümmern: Er ging zu allen Mahlzeiten, wurde auch bei hohem Seegang, der sich am zweiten Tag der Reise oberhalb Kretas ereignete, keineswegs krank, freute sich, seines geohrfeigten Rivalen Paolo nicht ansichtig werden zu müssen. Allerdings hatte dieser, bevor vierundzwanzig Stunden um waren, Alfonso durch den zweiten Kapitän sagen lassen: »Auf hoher See ist es nicht möglich, Sekundanten auszubringen, in Triest wird der Ehrenhandel ausgetragen!«

Alfonso sagte darauf lächelnd zu Paolos Kartellträger: »Schon recht!«

Paolo rührte sich nicht aus seiner Kabine; am ersten Tage aß er kaum, weil er zu aufgebracht war. Am zweiten erfaßte ihn die Seekrankheit und verließ ihn erst am vierten in der oberen Adria, als die See zur Ruhe kam. Fatime fühlte sich so tief gekränkt, daß sie nicht zu unterscheiden wußte, wann ihr seelisches Unbehagen in leibliche Seekrankheit überging: Sie wollte niemanden sehen, ließ keinen Menschen eintreten. Sie hatte eine Flasche Kognak bei sich und nährte sich vier volle Tage davon. Als es zum letztenmal vor der Ankunft in Triest Nacht geworden war, begab sie sich gut eingehüllt auf Deck. Rechter Hand sah sie ein Leuchtfeuer von einer der Dalmatinischen Inseln herüberblinken: ›Europa,‹ durchzuckte es sie. Das Schiff hatte wohl in Brindisi gehalten, doch sie, durch Beleidigung stumpf geworden, davon nichts bemerkt. – Es war nun eine wunderbare Sternennacht. Die Klarheit des Winters paarte sich mit linden Südlüften, die aus Afrika über das Mittelmeer den Lenz brachten. Auf einmal fühlte sich das Mädchen zutiefst ergriffen, beinahe glücklich, Schmach und Unwille waren vergessen. Sie ging bis ans äußerste Heck des Schiffes, wo sonst die Fahne weht, und auf einmal sang sie die Liebesarie aus der Aida. Niemals noch, das fühlte Fatime, hatte sie so schön gesungen. Mehrere Passagiere wurden aufmerksam, lauschten; zwei englische Kinder waren nah an sie herangekommen und gaben ihr die Hand, als sie ausgesungen hatte. Sie aber blickte nun lange ins Meer und bemerkte, wie Delphine beim Schaumaufwirbeln mit der Schraube des Dampfers wetteiferten. Das Ergreifende eines Naturschauspiels war ihr wunderbar aufgegangen und wehmütig dachte das Mädchen an die nubische Heimat am Nil. Auf einmal merkte es, daß sich ihm eine männliche Gestalt näherte. Fatime blickte auf. Alfonso stand vor ihr.

»Ich habe gehört, Sie seien krank gewesen, fühlten sich aber nun wohl!« redete er die junge Nubierin auf Italienisch an.

Sie antwortete: »Ich danke Ihnen, ich fühle mich selig, daß ich morgen in Europa landen werde.«

»Sie haben sehr schön gesungen,« setzte der Levantiner das Gespräch fort, »gerne würde ich Sie auch hören.«

»Das soll sein,« rief das Mädchen beherzt, »nun ist es spät geworden . . . alle haben sich niedergelegt, so werde ich für Sie, die Delphine und Sterne singen.« Und schon begann das Mädchen die Sterbensszene aus der Afrikanerin vorzutragen. Alfonso war sehr gerührt und fragte die junge Nubierin, ob sie Sängerin von Beruf wäre.

Sie antwortete plötzlich sehr betrübt: »Für mich gibt es nur zwei Rollen, die Aida und die Afrikanerin.« Sie erwartete, Alfonso würde ihr sagen, wenn man so schön singt, könne man auch die Eleonore singen.

Er aber meinte: »Nun, dann treten Sie nicht auf, bleiben Sie bei mir und singen Sie nur mir vor.«

Fatime aber sagte: »Vielleicht morgen oder übermorgen, heute würde ich mich erkälten.« Und weg war sie.

Am nächsten Morgen war ein strahlendes Wetter und man entdeckte die schneebedeckten Alpen über dem Meer. Fatime hatte ein nilgrünes Wollkleid an: sie verglich es unwillkürlich mit dem Himmel über Europa: wie glichen sich die Farben zu dieser frühen Stunde! Das Wasser war anders: heller – seine ungeheure Wogenpracht wälzte sich, unter perlmutternder Glasur, lila Fernenglanz entgegen. Nur zu Füßen eines in seine Tiefen Blickenden offenbarte das Meer sein herrliches Kobaltblau. Noch schienen die weiten, weiten Gletscher und Schneegipfel mit Morgenrot gesprenkelt. Die Nubierin blickte auf ihre Brust: dort fehlten die Kamelien. Fatimes Blumen! Kein warmer Rosenhauch liegt dort auf Wolken und Gebirgen, ging es ihr durch den Kopf: Die kalte Kamelie ist das freudig faßliche, leicht zugegene Sinnbild eisiger Höhen zu junger Blutstunde. Fatime hatte nie Schnee gesehen, doch Paolo sprach ihr oft davon, er hatte ihr sogar versprochen, sie nach Sankt Moritz mitzunehmen. Obschon sie die Natur nur selten anging, so konnte die Nubierin ihre Schönheit doch plötzlich eigenartigst fassen. Beinahe überkam sie da zur Stille berufende Schau der Seele. Doch diesen Zustand verstand sie rasch los zu sein: Fatime wollte singen, singen, jubeln – Europa zu.

Bald schwand der Alpen sachter Purpur, gegen Mittag verblaßten die nun viel näheren Schneegebirge fast ganz. Eine weiße Stadt, wie das glänzende Gebiß eines Meerungeheuers erschien über dem Horizont. ›In diesen Schlund soll ich geraten,‹ dachte sich Fatime. Sie war stundenlang allein auf Deck gewesen. Nun erschien Alfonso.

»Guten Morgen, Mademoiselle,« grüßte er, »das ist Triest, sind Sie bereit, in Europa an Land zu gehen? Kann ich Ihnen in der Fremde behilflich sein?«

Fatime nickte: »Bleiben Sie bei mir, schützen Sie mich vor Paolo.«

»Hat er Ansprüche auf Sie?« fragte Alfonso.

»Jawohl,« erwiderte Fatime, »schlagen Sie sich mit ihm, töten Sie ihn, damit ich ihn los sei!«

»Warum, hassen Sie ihn?« erkundigte sich etwas betroffen Alfonso.

»Nein, aber ich liebe zweierlei,« erwiderte die Nubierin, »vor allem meinen Gesang, dann aber auch Sie.«

Als die ›Thalia‹ im Hafen von Triest angelegt hatte, begab man sich über ein breites Fallrep an Land. Im Gedränge kamen sich noch an Bord des Schiffes Paolo und Alfonso nah. »Feigling!« rief Paolo und gab Alfonso einen Rippenstoß. Der wurde sofort erbittert. Im gleichen Augenblick aber waren die Rivalen auch schon wieder getrennt. Zwei Beamte der österreichischen Polizei schrieben sofort die Namen der beiden feindlich gesinnten Alexandriner auf und sorgten an Land dafür, daß sie sich nicht träfen. Auch wurde von einem Polizeioffizier das Nötige veranlaßt, damit die beiden Herren in verschiedenen Hotels unterkämen. Da sich einige Passagiere als Zeugen einmengten, wurde auch der jungen Nubierin geraten, in einem andern Hotel abzusteigen. Überdies wurde sie, obschon Fahrgast erster Klasse, gefragt, wie lange sie sich in Triest, in der österreichischen Monarchie überhaupt aufzuhalten gedachte. Sie sagte: »Nach drei Tagen spätestens fahre ich nach Venedig«. Worauf sich die Herren der Behörde mit höflichem Gruß entfernten. Fatime, als sie nun allein mit ihrem wenigen Gepäck im Wagen saß, war es unangenehm zumute. In einem Hotel, ›Aquila Nera‹, also ›Zum schwarzen Adler‹, wurde sie abgesetzt. Die Nubierin merkte nun, daß sie kaum Geld zum Bezahlen der Droschke hatte. Wo befand sich Paolo, der doch ihr Reisebegleiter sein sollte? Sie entschuldigte sich, daß sie nur ägyptisches Geld hatte, bat den Portier, den kleinen Betrag auszulegen. Im Fremdenbuch schrieb sie sich als Opernsängerin ein. Alfonso dachte zuerst nicht an Fatime, sondern bloß an den Insult Paolos, ohne zu bedenken, daß doch er ihm vor ein paar Tagen auf dem gleichen Dampfer Ohrfeigen gegeben hatte. Er lief als Stadtkundiger in Triest sofort in die Fechtschule und erkundigte sich nach den zwei Lehrern Barbasetti und Caragnani. Barbasetti, erfuhr er nun, befand sich augenblicklich in Mailand bei einem Turnier; Caragnani gäbe soeben Unterricht. Da nahm Alfonso eine Visitenkarte und schrieb ein paar Zeilen, in denen er sich auf einen gemeinschaftlichen Freund Demetrio Adelchi-Cremaschi berief, und sandte sie dem beschäftigten Fechtlehrer. Nach zwei Minuten erschien der ausgezeichnete Meister seiner Kunst, empfing den Alexandriner höflichst und fragte ihn nach seinem Begehr. Alfonso verlangte ein menschenleeres Zimmer, um ihn seine Angelegenheit erklären zu können. Unter vier Augen sagte er ihm alles, wie es stünde. Caragnani meinte nun, es sei sehr schwierig, nach dem Ehrenkodex vorzugehen, um in dem Fall korrekt zu bleiben. Er selbst könne nicht entscheiden, ob ein Duell noch möglich wäre, da vier Tage seit der Forderung vorüber wären. Dies um so mehr, als Paolo sich beim Ausschiffen nicht hätte beherrschen können und Alfonso, nachdem die Forderung ergangen war, angegriffen habe. Freilich stünde der Fall überhaupt fraglich, da keine zwei Zeugen das Kartell übernommen hätten.

Alfonso sagte, nötigenfalls würde er Paolo nochmals provozieren und fordern.

Caragnani meinte aber, vielleicht sei eine chevalereske Lösung unter allen Umständen ausgeschlossen, da sich Paolo möglicherweise unritterlich benommen habe; jedenfalls versicherte er, Alfonso seinen Beistand gewähren zu wollen.

Die zwei Herren waren eben dabei, sich zu empfehlen, als Caragnani ein neuer Besuch angekündigt wurde. Er schmunzelte und sagte Alfonso: »Warten Sie einen Augenblick, ich werde den Herrn im Nebenzimmer empfangen.« Wie der Fechtlehrer vermutet hatte, handelte es sich um dieselbe Sache. Zwei Freunde des in Triest sehr bekannten Paolo waren erschienen und baten Caragnani um Ratschlag und Hilfe, gegebenenfalls auch einige Stunden im Fechten, vor Austragung des Ehrenhandels. Caragnani zeigte sich ablehnend, erzählte, zum Erstaunen der zwei Herren, daß er schon über den Vorfall im Bilde war. Immerhin gab man sich die Adressen und Caragnani versprach noch am gleichen Abend den Zusammentritt eines Ehrenrats. Die Herren nahmen Abschied und entfernten sich. Gleich darauf trat Caragnani ins Zimmer zu Alfonso und sagte ihm kurz, daß der Ehrenrat noch am gleichen Abend seine Entscheidung treffen sollte und entschuldigte seine Eile mit dem unterbrochenen Fechtunterricht. So ging denn auch Alfonso. Auf der Treppe hörte er aufgeregtes Sprechen – und als er näher hinhorchte, unterschied er die Stimme Paolos. Er hatte offenbar seinen Kartellträgern ungeduldig aufgelauert und schien mit dem Ergebnis unzufrieden. Alfonso, stürmisch aufgebracht, lief die Treppe hinunter, griff den überraschten Paolo beim Ärmel und gab ihm das Wort ›Feigling‹ wie eine schallende Ohrfeige zurück. Der kräftigere Paolo verteidigte sich. Es kam zu einem Gebalge, in das die Kartellträger eingreifen mußten. Ein Menschenauflauf entstand, und der schwerer geschundene Alfonso mußte blutüberströmt in eine Apotheke gebracht werden; verbunden, brachte man ihn dann ins Hospital.

Der wenig verletzte Paolo konnte sich mit seinen zwei Verbündeten aufgeregt ins Hotel begeben. Er hat es im Laufe des Tages und der darauf folgenden Nacht nicht verlassen.

Fatime befand sich noch immer mittellos auf dem Pflaster von Triest, ohne irgendeinen Bekannten in Europa. Wo mochte Alfonso sein? Wo Paolo? Sie bummelte durch die Straßen und kam zum Teatro Grande. Gegeben wurde: »La forza del destino« von Giuseppe Verdi. ›Da hinein muß ich‹, dachte sich sofort die junge Nubierin. Obschon es kaum Mittag war, die Opernaufführung erst um neun Uhr, ohne die italienischen Verspätungen zu berechnen, anfangen sollte, begab sich Fatime auf ihr Zimmer und kramte in ihren Sachen, um sich für den Abend schön zu machen. Was sie an auffälligen Bändern, Federn und anderm Kram aus ihrem spärlichen Gepäck zusammenholen konnte, steckte sie auf ein hochrotes Gewand. Der ganze Nachmittag verstrich. Sie dachte nur an die Oper, sang sogar ein paar Melodien, die sie auswendig konnte. Alfonso und Paolo hat ihre Erinnerung überhaupt nicht gestreift. Plötzlich schellte sie, ein Kellner im Frack erschien und machte eine Verbeugung. Schicken Sie mir den besten Gesanglehrer der Stadt, befahl das singlustige junge Mädchen. Der Kellner verbeugte sich. Fatime konnte sein Lächeln nicht bemerken. Nach etwa einer Viertelstunde klopfte der Direktor des Hotels und erkundigte sich, ob Fatime wirklich einen Gesanglehrer beanspruchte. Sie bestand darauf. Der Direktor versprach, Erkundigungen einziehen zu wollen, welcher der beste wäre und versicherte, wahrscheinlich würde Signor Sinico am nächsten Morgen bereits erscheinen. Bei Gedankenspielen, dem Aufbau von Luftschlössern, verging der Nachmittag rasch. Als es dunkel geworden war, bestellte Fatime ein Diner. Es wurde ihr serviert. Nun erst merkte sie an ihrem Appetit, daß sie lange nichts gegessen hatte. Als es mit Obst sein Ende erreicht hatte, verspürte die Afrikanerin mehr Hunger als zuvor; sie schellte, verlangte das ganze Diner noch einmal. Der Kellner fragte verdutzt: »Kommt noch jemand? Herrenbesuche sind nicht gestattet.« Fatime aber sagte, sie hätte nicht genug gehabt, wolle das gleiche noch einmal. Es wurde ihr, ohne besonders auffälliges Lächeln um die Züge des Servierenden, gebracht. Als nun das Mädchen gesättigt war, begab es sich in dickem Mantel auf die Straße. Ein feiner Regen ging nieder. Fatime ging auf die Theaterdirektion und verlangte als Sängerin eine Freikarte. Sie wurde ihr verweigert, da sie keinen Ausweis hatte; Fatime ließ sich aber nicht beirren und sang unaufgefordert das Liebeslied aus der Aida. Als sie geendet hatte, klatschte der Beamte und sagte, er wolle die Tatsache, daß Fatime eine Sängerin sei, dem Direktor berichten. Er erschien, erklärte aber, das Haus sei ausverkauft. »Das tut nichts,« sagte Fatime; »ich kann der Vorführung hinter den Kulissen beiwohnen.« Worauf der Direktor sagte: »Das geht wohl nicht, aber in meiner Loge« – und dabei seinen Arm um die Taille der Nubierin legte. Das in Alfonso verliebt gewesene Mädchen aber hatte auch von diesem Alexandriner etwas gelernt und haute dem Theaterdirektor eine runter. Im nächsten Augenblick war sie von Beamten am Arm ergriffen worden und aus der Theaterdirektion vertrieben. Einige Schimpfworte auf ihre Heimat, ihre dunkle Hautfarbe, hörte sie von zwei Männerstimmen über die Stiege nachgellen. Fatime gab es noch immer nicht auf, der Vorführung beizuwohnen. Sie lauerte vor dem Haupteingang, ob sie nicht jemand auffordern würde, mitzukommen. Das aber geschah nicht. Gassenjungen hatten ihre Freude an dem schwarzen Mädchen, das so neugierig alle Ankömmlinge ansah, und verspotteten es mit Zoten und derben Worten. Fatime aber wollte ins Theater! Auf einmal sah sie einen Ägypter in Fez mit seiner olivfarbnen Gemahlin einer Droschke entsteigen. Sie rief ihren Landsmann auf Arabisch an und verlangte, mitgenommen zu werden. Der aber drehte sich um und drohte ihr, der Nubierin, mit der Polizei. Das war doch zu betrüblich. ›Ich werde es Fuad berichten,‹ dachte sie, und begab sich allein ins Café, gegenüber dem Theater, wo eigentlich nur Herren verkehrten, da es zur Börse gehörte. Sie bestellte einen Kognak, einen Kaffee und ägyptische Zigaretten. Als sie zu rauchen anfing, rollten ihr die Tränen über Wangen und aufgedonnertes, knallrotes Gewand. Neben ihr saßen zwei Griechen und beobachteten sie. Fatime dachte in dem Augenblick nicht ans Theater, sondern bloß an die Zeche, die sie mit ihren letzten Piastern, also mit fremdem Geld, hätte bezahlen müssen. Griechisch konnte sie nicht, aber Griechen waren ihr vertrautere Menschen als andre Triestiner.

So wandte sie sich denn an den Jüngern und sagte auf Italienisch: »Würden Sie die Freundlichkeit haben und mir ein paar Piaster in österreichisches Geld umwechseln; ich bin heute auf der ›Thalia‹ angekommen.«

Der Grieche sprang auf, setzte sich zur hübschen Nubierin und fragte, ob sie nicht noch andere Wünsche hätte.

»Jawohl,« sagte sie, »ich möchte in die Oper.«

Der junge Grieche erwiderte, das Theater sei ausverkauft, doch würde er es versuchen, sie wenigstens in den zweiten Akt zu bringen. Er verschwand, nachdem er versprochen hatte, nach einer Viertelstunde wieder da sein zu wollen. So geschah es. Fatime wurde aufgefordert, wenn der erste Akt aus sein würde, in die Loge einiger griechischen Freunde, die immer nach dem Ballett weggingen, kommen zu wollen. – Sie war zuhöchst erfreut. Die Aufführung gefiel ihr maßlos. So viel verstand sie schon, hier spielte das Orchester ausgezeichnet, das Szenarium war eindrucksvoller als in Ägypten. Jede Choristin schien ihr eine Künstlerin zu sein. Und das Haus selbst! Wie hoch reichte es hinauf! Oben schwebten im Halbdunkel nackte Figuren und andre schöngezeichnete üppig ausladende Stukkaturen. Ein Riesenlüster, voll von hellsten Lichtern, schien aus herrlicher Sternennacht zu den Menschen herniedergeflogen zu sein. Bis hoch, hoch hinauf war das Theater besetzt: In Samt und Seide gekleidete Damen – nur Europäerinnen – saßen in den rot gepolsterten Logen mit reichen Brokatvorhängen. Endlich fühlte sie etwas von europäischem Rausch um sich. Nachdem der Vorhang zum letztenmal gefallen, lud ihr griechischer Ritter Fatime zu einem Abendbrot ein. Sie nahm an, aß aber bloß einige Portionen buntes Eis und trank eine halbe Flasche billigen Sekt, der aber süß war. Nun lud sie der galante Herr in sein Haus ein.

Sie erzählte jedoch, sie habe dem, der sie aus Ägypten mitgenommen hat, die Brautnacht in Europa versprochen; überdies müsse er sich nun sogar ihretwegen schlagen.

Der Grieche verstand das. Er sagte ihr: »Die Ausgaben für eine Reise von Alexandria nach Europa sind so groß, daß der Herr das Recht beanspruchen kann, Sie zuerst zu haben.« –

»Da ich heute zurücktrete,« meinte er nun, »wird der andre wohl auch das Verständnis dafür haben, daß ich Sie, nach Abwicklung seiner Ehrenhändel, auch auf ein paar Tage beanspruche!« –

Fatime war das, was in Zukunft kommen sollte, gleichgültig: Sie verlangte nur, des strömenden Regens wegen, in bezahlter Droschke ins Hotel gebracht zu werden. Ihr Wunsch wurde ihr von dem Griechen, dem des Alexandriners Absichten zu Duellen tiefen Eindruck gemacht hatten, erfüllt.

Der Ehrenrat war im Fechtklub, unter dem Vorsitz seines Präsidenten, der zugleich Bürgermeister der Stadt war, zusammengetreten. Nach langer Debatte, einigte man sich, daß das Duell stattfinden konnte, sogar mußte: Den Regeln des Codex der Chevalerie ist zwar nicht entsprochen worden, doch war dies auch auf dem Schiff unmöglich. Es wurde bestimmt, daß der Zweikampf in der Villa eines Stadtrats, gleich nach der Herstellung Alfonso Capellos, stattfinden sollte. Sowohl Paolo, als auch Alfonso, sind damit einverstanden gewesen. Beide erkundigten sich nach Fatime, keinem aber fiel es ein, daß das Mädchen ohne Geld war. Trotz des wenigen Gepäcks hatte sie jedoch im Hotel Kredit. Am Tage nach ihrer Ankunft, dem Abend in der Oper, wollte sie erfahren, was aus Alfonso, was aus Paolo geworden war. Sie hatte keine Möglichkeit, eine Droschke zu mieten, lief aber trotzdem in die größten Hotels und erkundigte sich nach den beiden Alexandrinern. Im Hotel de la Ville erfuhr sie, daß Alfonso dort abgestiegen, jedoch nach einer Balgerei verwundet ins Hospital gebracht worden war. Nun wollte sie sofort dahin, hatte aber nicht das Geld, einen Führer zu nehmen und irrte durch die Straßen. Da kam sie an dem Hotel Delorme vorbei und fragte sofort nach Paolo. Sie war richtig gegangen, erfuhr, daß er tatsächlich da wohnte. Nun erfaßte sie aber Schreck und sie lief davon. Auf der Straße fragte sie eine Frau nach dem Hospital. Sie konnte ihr nur die Richtung angeben. Auf ihrem Wege kam sie vor die Redaktion der Tageszeitung: Il Piccolo. Kurz entschlossen trat sie ins Bureau ein und fragte, ob man schon wüßte, daß ihretwegen eine Schlägerei vorgekommen war; vielleicht ein Duell stattfinden würde? Der Lokalredakteur wurde gerufen und erklärte, daß ihm darüber nichts bekannt wäre. Der Chefredakteur jedoch versprach Fatime, innerhalb von zwei Tagen, ein Interview mit ihr zu bringen, in dem sie den Fall klarlegen sollte. Die Nubierin willigte ein, verlangte aber Vorschuß. Lächelnd begab sich der Redakteur aus Telephon und fragte im Hotel de la Ville an, ob der Nubierin Angaben, Alfonso Capello betreffend, stimmten. Da dies der Fall war, wurde ihr ein Honorar von zwanzig Gulden ausgehändigt. Hocherfreut über das Geld, nahm sich Fatime eine Droschke und fuhr zum Hospital. Man wollte sie nicht vorlassen; als sie aber dem Arzt auseinandergesetzt hatte, sie müsse ein Duell verhindern, ließ man sie zu Alfonso. Soeben waren ja geheimnisvolle Herrn bei ihm gewesen. Er hatte das Duell angenommen, erklärt, nach der Ärzte Dafürhalten, würde er nach zwei Tagen das Hospital verlassen können und wäre dann sofort bereit, sich zu schlagen. Das Erscheinen Fatimes regte ihn sehr auf. Als die beiden allein gelassen wurden, riet sie ihm unbedingt zum Duell. Sie wüßte, sagte sie, daß er, Alfonso, sie vom schmählichen Paolo befreien würde. Auch ihre Base aus der Wüste müßte gerächt werden. Beim Abschied umarmte sie Alfonso und lispelte ihm ins Ohr: . . . »In Europa . . . nun sind wir da!«

Das Mädchen nahm sich abermals eine Droschke und fuhr ins Hotel, um auf Kredit ihr Mittagsmahl einzunehmen. Am Nachmittag bummelte sie durch die Hauptstraßen, blieb vor den großen Läden auf dem Corso stehn und kaufte sich für sechzehn Gulden einen brokatnen Schal. Den trug sie recht auffallend über den Mantel gehängt, um dadurch im Hotel einen größern Kredit zu haben. In ihrem Zimmer legte sie sich nieder, und als es acht Uhr war, wurde an ihre Tür geklopft. Ein Kellner brachte die Nachricht, ein Herr erwarte sie in der Halle. Fatime sprang auf, lief hinunter und siehe da – der Grieche des vorigen Abends war in höchstem Wichs erschienen. Er lud Fatime zum Abendbrot und nachher abermals in die Oper ein. Gegeben wurde Donizettis »Lucia von Lamermoor«. Freudestrahlend nahm die Nubierin an. Nachdem man gut gegessen hatte, – besonders der Fisch mundete ausgezeichnet – begaben sich die zwei ins Theater. Abermals befand sich das dunkle Mädchen, doch mit dem neuen Goldbrokat, wodurch sie neu toilettiert aussah, in der Loge griechischer Börsenspekulanten. Diesmal fiel sie sehr auf. Auch der Reporter der Zeitung war erstaunt und erfreut, die Besucherin der Redaktion wiederzufinden. Er dachte wohl nicht, daß er sich schon an diesem Abend würde journalistisch mit ihr zu beschäftigen haben. Da es eine Premiere war, ist auch der am Vortag geohrfeigte Theaterdirektor dagewesen. Er redete während der Pause die griechischen Herren an und warf ihnen vor, daß sie eine schwarze Wilde in ihrer Loge angenommen hätten. Georgios, seit zwei Tagen Fatimes Ritter, ließ sich das nicht gefallen und sagte dem Direktor: »Die Ägypterin hat Ihnen eine Ohrfeige auf die rechte Wange gegeben, ein Grieche ohrfeigt Sie auf die linke.« Kaum hatte er es gesagt, so verabfolgte er auch das Versprochene mit Geklatsch.

Natürlicherweise entstand ein großer Tumult. Der Grieche hatte einen Fußtritt empfangen, bevor man die neuen Gegner trennen konnte – und schon war ein zweites Duell im Gange. Nun riet man Fatime, das Theater zu verlassen, da sie Anlaß zu einer unliebsamen Szene gegeben hatte.

Sie aber antwortete, nach dem, was sie bisher gehört habe, wäre die Lucia die allerschönste Oper, sie wolle sie unbedingt bis zum Schluß anhören.

Georgios war aus dem Theater gegangen, und so blieb die Nubierin mit den andern Griechen allein zurück. Da es wieder regnete, ließ sie sich eine Droschke holen und bezahlen: Sie hatte keinen Kreuzer mehr übrig von den verdienten zwanzig Gulden. Die Griechen haben sich, aus Rücksicht auf Georgios, sehr korrekt benommen.

Als am nächsten Tag Fatime spät aufgestanden war, sah sie, daß es regnete. Sie kleidete sich sehr langsam an, nahm in ihrem Zimmer das Frühstück ein und begab sich ins Atrium des Hotels.

Der Direktor grüßte sie höflich, sprach sie aber kühl an: »Es ist sehr peinlich für mich, daß ein Gast meines Hotels gestern abend im Theater den Anlaß zu so unliebsamen Auftritten gegeben hat.« Er reichte Fatime den ›Piccolo‹, damit sie lesen sollte, was drinnen stand.

Sie sprach wohl geläufig italienisch, las aber nur mit Schwierigkeiten. Immerhin gelang es ihr herauszubringen, daß tatsächlich der Vorfall in der Oper lang und breit, mit genauen Angaben über ihre Person, berichtet war. Zum Schluß stand noch die Bemerkung, daß für dieses nubische Mädchen mehr als ein Duell ausgefochten werden müßte. Fatime war stolz, daß abermals zwei weiße Herren, diesmal echte Europäer, sich um sie schlagen würden. Sie ließ eine Droschke vorfahren und fuhr in die Redaktion der Zeitung. Dort verlangte sie Honorar für die zweite Szene im Theater, durch die anderthalb Spalten des Blattes gefüllt waren. Lächelnd reichte ihr der Chefredakteur abermals zwanzig Gulden. Fatime fuhr nun, bei rieselndem Regen, vor einen Juwelierladen und kaufte sich eine Brosche mit falschen Edelsteinen. Sie erhielt bloß soviel zurück, als nötig schien, um die Droschke zum Hotel bezahlen zu können. Dort angelangt, verweigerte ihr der Hoteldirektor weitern Kredit, worauf sie im Adreßbuch Georgios Anschrift ausfindig machte. Dorthin wurde ein Boy geschickt, um den jungen Griechen abzuholen. Nach etwa zwei Stunden erschien er auch mit einem großen Nelkenbukett, beglich die Rechnung Fatimes, rief einen Wagen herbei und führte die Nubierin in ein benachbartes Hotel: Al buon pastore – Zum guten Hirten. Dort redete er lange in sie hinein, um sie zu überzeugen, daß er nun für sie mehr getan hätte als Alfonso, daß vielleicht auch er in zwei Tagen ihretwegen gespießt würde, daher ein Recht auf die Brautnacht hätte.

Fatime aber ließ sich nicht betören und sagte: »Zuerst Alfonso, dann Georgios – Paolo aber niemals. Er und der Theaterdirektor werden beide im Duell fallen!«

Am Abend führte Georgios Fatime ins Schauspiel, da keine Oper ausgeführt wurde. Gegeben wurde: Die Kameliendame von Alexander Dumas fils, in italienischer Sprache. Diesmal aber wollte sie Kamelien, ihre Lieblingsblumen, tragen und äußerte noch rechtzeitig, als eben alle Blumengeschäfte geschlossen wurden, Georgios gegenüber, diesen Wunsch. Er vermochte es gerade noch, zwischen Tür und Angel einer großen Blumenhandlung, der Nubierin einen auf Draht gebundnen, besonders steifen Kamelien-Strauß zu erstehen. Fatime war entzückt, dankte beinahe überschwänglich und bat Georgios, er solle sie doch in die Schweiz mitnehmen, wo die hohen Berge wie Kamelien in Weiß und Rot schimmerten; sie selbst habe das bereits bei ihrer Ankunft in Europa feststellen können. Georgios verstand sie nicht, lachte aber, um nicht auf ausschweifende Pläne einer Schweizer Reise eingehen zu müssen. Das Teatro Filodrammatico, in das Fatime eintrat, gefiel ihr aber nicht, es erschien ihr noch kleiner, geschmackloser als das Cicinatheater in Alexandria. Auch hatte Fatime noch nie gesprochnes Theater gesehn, ärgerte sich sehr, daß man nicht sang, erkannte aber den Text der Traviata, die sie schon in Alexandria gehört hatte, wie erwartet, wieder. Nach der Vorstellung fuhr Fatime, bei strömendem Regen, ins Hotel zurück. In der Früh, von erquickendem Schlaf gestärkt, begab sie sich, bei klarem Wetter, auf den Bummel durch die Straßen. Sie kam zu einem großen Platz, den prächtige Gebäude säumten. Vor dem Rathaus hockten Bäuerinnen in schmucken, weißen Gewändern und boten Blumen, besonders duftende Veilchen feil. Sie erstand so viele, daß sie Mühe hatte, diese Ladung nach Hause zu schleppen; so bestieg sie, der Blumenfülle wegen, eine Droschke, ließ sie von Georgios, der sie im Hotel seit einer Stunde erwartete, zahlen. Georgios hatte aber auch viele, viele Veilchensträuße mitgebracht und darüber mußten die beiden und alle Anwesenden im Hall lachen. Trotzdem sah sie sofort, daß Georgios sehr aufgeregt war; er flüsterte ihr zu: »Das erste Duell hat stattgefunden, der noch schwächliche Alfonso ist schwer, vielleicht tödlich verwundet. Die Gegner haben sich nicht ausgesöhnt.«

Fatime erschrak sehr, klammerte sich an Georgios und sah ihn flehend an: »Bleib aber wenigstens du morgen Sieger!« Sie hatte ihn zum erstenmal geduzt.

Am Nachmittag brachten schon Abendzeitungen Nachrichten über das Duell. Der Zustand Alfonsos, der eine Stichwunde in den Bauch bekommen hatte, war sehr bedenklich. Paolo, den die Polizei suchte, konnte noch nicht gefunden werden. Fatime forderte Georgios auf: Er solle sie in die Villa des Schwerverwundeten bringen. Man fuhr hin, es wurde aber keiner vorgelassen. Am Abend begaben sich Georgios und Fatime ins Operettentheater. Die nubische Sängerin unterhielt sich, bei der Vorführung des Boccaccio, vortrefflich. Auch gefiel ihr dieses Haus, das Teatro Armonia, viel besser; allerdings hinter dem Teatro Grande blieb es weit zurück, das mußte sie sich, den Raum mit den Augen überfliegend, immer wieder sagen. Bloß zwei große vergoldete Figuren, über dem Goldrahmen der Bühne, machten ihr einen außerordentlichen Eindruck. Die Operette fand sie vergnüglicher als alles, was sie bis dahin gesehn hatte, doch die Stimmen fanden nicht ihre Billigung: Bei jedem hohen Quetschton einer Sängerin, quietschte die Nubierin mit, was im Theater und auf der Bühne doch unangenehm auffallen mußte. Nachts versuchte es dann Georgios nochmals, das Mädchen für sich gefügig zu stimmen, konnte er doch am nächsten Tag ebenso im Duell fallen. Fatime aber blieb unerweichlich: »Wäre Alfonso gestorben, so hätte ich dir nachgegeben« – sagte sie –, »so aber bin ich nicht dazu berechtigt.«

Am nächsten Nachmittag fand das Duell zwischen Georgios und dem Theaterdirektor statt. Der Theaterdirektor wurde leicht verwundet, die Gegner hatten sich nach dem Duell versöhnt. Unterdessen war der Redakteur der Zeitung eingetroffen, um das bereits honorierte Interview bei der nubischen Sängerin vornehmen zu können: Sie hat dabei alles, was sie wußte, was ihr am Herzen gelegen war, ausgesprochen. Gleich darauf kam Georgios an. Sie empfing den Sieger hocherfreut und gab ihm im Dunkel des Atriums zwei beherzte Küsse. Schon aber wurde Fatime in die Kanzlei gerufen: Ein Polizeibeamter forderte sie auf, Triest und Österreich zu verlassen: Die drei Tage, die sie selbst für den Aufenthalt angegeben hatte, wären ohnedies um.

Fatime begab sich zurück zu Georgios und sagte ihm: »Heute abend fahren wir nach Venedig; bevor aber Alfonso nicht tot oder hergestellt, und in dem Fall mein erster Bräutigam gewesen sein wird, kann ich dir nicht angehören.«

Georgios erwiderte: »Eine Abreise von Triest ist mir, angesichts des Duells, das ich gehabt habe, sehr angenehm.« Er entfernte sich, um die Fahrscheine zum Dampfer, der um Mitternacht abfahren sollte, zu lösen. Er hatte versprochen, nach einer Viertelstunde zurück zu sein.

Als eine Stunde, als zwei vergangen waren, wurde Fatime ärgerlich. Sie schickte einen Boy in Georgios Wohnung, der nicht zurückkehrte. Nun schickte sie einen andern auf die Agentie, wo er die Billets genommen hatte. Sie waren ihm verkauft worden, doch weitres wußte man vom jungen Griechen nicht.

Als noch eine Stunde vergangen war, fragte der Hotelier bei der Polizei an. Es wurde ihm mitgeteilt, Georgios wäre, nachdem er zwei Billets nach Venedig genommen hätte, wegen seines Duells verhaftet worden. Der Schreck Fatimes war nicht gering. Da stand sie nun, abermals ohne Geld, aus ihrem Aufenthaltsort gewiesen, da. Sie telephonierte an die Zeitung und verlangte Rat. Dabei erfuhr sie, daß auch gegen den Theaterdirektor ein Haftbefehl ergangen war, daß er jedoch vorläufig unauffindbar wäre. Die letzte Nachricht, die Fatime in Triest erhielt, lautete, Alfonsos Befinden wäre hoffnungslos; er lasse sie grüßen, er könne sie aber nicht freigeben, bevor er die Augen geschlossen habe. Da brach das Mädchen in großes Schluchzen aus und teilte dem Direktor mit, in welche Not sie geraten sei.

Er sagte: »Der Kredit im Hotel könnte gut bis zur Enthaftung Georgios offen bleiben, er selbst würde ihr gern ein Billet erster Klasse nach Venedig anbieten, sie könne das Geld gelegentlich zurückerstatten.«

Um Mitternacht wurde Fatime in einem Omnibus des Hotels zum Dampfer gebracht. Dort stand ein Polizeiagent, um die Abfahrt der Nubierin augenscheinlich feststellen zu können.

Die Sternennacht war gelinde. Triest – ein Sternenbild über dem Horizont – schien unterzugehen . . . verschwand. Das Spiel der Leuchttürme gefiel ihr, sie zählte ihre Pulsschläge: ein Licht, auf italienischer Seite, verriet, ihrer Überzeugung nach, Fieber, so schnell leuchtete es auf und ab. Auch ihr Herz klopfte nun heftiger; was erwartete sie da drüben? Fatime hatte sich gar nicht niedergelegt, ihre Gedanken weilten bei drei Männern, deren Geschick sie bestimmt hatte, und die in Triest zurückgeblieben waren. Zum ersten Male fragte sie sich, ob sie einen liebgewonnen hätte? Ihre Neigung zu Paolo hatte sie ganz verloren; er kam ihr zu feige vor. Sie wußte auch ganz genau, daß er sie nie geliebt hatte; bloß ein Abenteuer hätte ihm Freude gemacht. Alfonso hatte sich ritterlich benommen, ist jedoch schmählich unterlegen. Nun mochte er verunstaltet sein: sie war eigentlich gewillt, sich ihm zu geben – doch, das wußte sie, sie hätte es auch nicht aus vollem Herzen getan. Schließlich hatte sie Paolo um ihr Versprechen gebracht, warum sollte auch nicht das gleiche bei Alfonso eintreten? Georgios war nicht hübsch und liebte sie, ein dunkles Mädchen, nicht; auch er rechnete nur auf ein paar vergnügliche Tage mit ihr. Die Nubierin fühlte sich froh, die erste europäische Stadt, die sie betreten durfte, zu verlassen. Zu viel Peinliches mußte sie doch in Triest erleben: Hatte doch sogar die Polizei, bei Ankunft und Abfahrt, eine Rolle gespielt.

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