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L'Africana

Theodor Däubler: L'Africana - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleL'Africana
authorTheodor Däubler
firstpub1928
year1928
publisherHoren-Verlag
addressBerlin
titleL'Africana
pages5-200
created20050109
sendergerd.bouillon
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Schnell wurde der Nubierin ein schönes, champagnerfarbnes Seidenkleid hergestellt. Gelbe Nelken wurden ihr ins Haar geflochten, als Brustbukett hat man ihr Purpurrosen bewilligt. Sie mochte sich Kamelien anstecken, da schon die Nelken zur Genüge dufteten, doch das ging nicht. Der Text der Traviata ist eine schlechte Zurechtsetzung der Kameliendame Dumas', des jüngern, für die Oper: Was hätte man nun im Theater gesagt, wenn die Nubierin durch ihre Kamelien aufgefallen wäre! Das Stück schickt sich ohnedies nicht für junge Mädchen. Schmuck durfte Fatime nicht anlegen, erstens war sie dazu noch nicht genügend erwachsen, zweitens galt sie vorläufig bloß in einem engen Gesellschaftskreis als künftiger Theaterstern. Ihre Eltern sind immerhin nur dunkle Dienstboten in Kairo gewesen. Doch ein Pelzmantel war zur Stelle. Er mag entliehen worden sein. Zwei Wagen fuhren vor. Im ersten saß das Ehepaar Fuad, im zweiten ihre erwachsene Tochter und Fatime. Im Atrium des Theaters erwartete sie der Lehrer; sie mochte ihn nicht, nun war er ihr lästig. So nahmen fünf Personen die Parterreloge ein. Man war recht pünktlich eingetroffen. Die ersten Musiker erschienen im Orchester. Als sich das Theater zu füllen begann, fühlte sich Fatime beunruhigt; es war ihr, als ob ein unsichtbares Insekt um ihre Haut schwirrte. Sie konnte es nicht vertreiben. Dann meinte sie, ein Edelstein blende sie, plötzlich aber merkte sie Blicke. Der junge Mann, der Fatime damals im Wagen mitgenommen hatte, der schlanke Levantiner, saß im Parterre und beobachtete sie. Sie, nur sie – ununterbrochen. Sofort schlug das peinliche Gefühl in Freude um. Fatime aber wußte sich zu beherrschen Ihr Plan war rasch gefaßt; sie wandte sich derart weg, daß die Blicke sie nicht mehr erreichen konnten, dabei glaubte sie aber ihren Straußenfedernfächer so zugeklappt zu haben, daß der Herr einen zusagenden Wink verstanden haben konnte. Schon fing die Musik an. Der Vorhang flog auf. Die Nubierin sah und hörte wenig. In fieberhafter Erregung, mit dem Gefühl, funkelnde Blicke auf dem entblößten Nacken zu haben, verbrachte sie den ersten Akt. Kaum war der Vorhang gefallen, äußerte sie ihr Entzücken. Fatime vermochte es, richtige Worte über den Gesang einzelner Darsteller, besonders ihrem Lehrer gegenüber, zu äußern. Alle Anwesenden erfreute die offenbare Berauschtheit des jungen Dinges. Einige Bekannte Fuads traten in die Loge: Es waren Nationalisten, die sich nicht darüber wunderten, das viel dunklere Mädchen in der Loge des fanatischen Arabers zu finden. Fatime wurde gelobt, als der kommende Stern auf der Bühne Ägyptens gepriesen. Man verließ die Loge bis zu Beginn des zweiten Aktes nicht. Auch nun lauschte das Mädchen wenig auf den Gesang. Ihr lag nur daran, einen vor anderthalb Stunden gefaßten Plan durchzuführen. Während der neuen Pause verließ man die Loge. Im Foyer sah Fatime in ihrer Nähe den schlanken Levantiner. Sie enthuschte ihrer Begleitung mit einem Zeichen, sie käme sofort wieder. Übrigens hatte das bloß Fuads Tochter, die aber ganz arglos war, bemerkt. An der Pforte des Foyers trat sofort der Levantiner an sie heran.

»Entführen Sie mich im Nu, wir haben keine Zeit zu verlieren!« sagte die Nubierin.

»Kommen Sie,« war die Antwort.

Im Seidenkleid, ohne Pelz, verließ Fatime am Arm des jungen Mannes das Theater. Er rief eine Droschke herbei, beide stiegen ein und fuhren ab.

Sie sagte nun: »Ich kann nicht in Alexandria bleiben, mächtige Menschen verfolgen mich.«

Paolo Jeroniti – stellte sich der junge Mann vor und versprach für seiner Entführten Sicherheit sorgen zu wollen. Vor einem eleganten Haus stieg man aus dem Wagen, trat in den Flur. Kaum war der Wagen fort, so fuhr ein einfacherer vor und brachte die zwei in einen anderen Bereich der Stadt. Im Araberviertel, unfern von der Pompejussäule, hielt das Fuhrwerk. Der junge Mann bat die Nubierin einen Augenblick warten zu wollen. Sie hatte keine Angst, im Wagen allein zu bleiben. Nach kaum fünf Minuten war er zurück und übergab Fatime einen arabischen Burnus. Das Mädchen zog die fremden Kleidungsstücke an, um gegen Erkanntwerden und Kälte geschützt zu sein. Nun verließen beide den Wagen. Er fuhr davon. Die zwei Abenteuerlichen schritten einem Kanal zu, in dem Nilkähne mit ihren hohen elastischen Rahen verankert lagen. Einer wurde bestiegen. Wenige Minuten darauf wurden die Anker gelichtet, und das Schiff setzte sich in Bewegung. Das flüchtige Paar blieb ruhig auf dem Verdeck; ein halbwegs anständiger Unterschlupf war auf dem Schiff nicht vorhanden. Paolo versprach Fatime vollkommene Sicherung vor ihren Freunden und Gönnern. Das Mädchen ist darüber so erfreut gewesen, daß es am liebsten singen mochte. Das aber hätte verräterisch sein können.

»Wirst du mir auch Dankbarkeit erweisen?« fragte sie der Levantiner.

Ohne zu wissen, was man von ihr verlangen würde, sagte das harmlose, über Dinge der Liebe beinahe unaufgeklärte Mädchen: »Ich schwöre es dir bei dem Propheten. In diesem und jenem andern Leben will ich dir dankbar sein. Du aber bringe mich fort von Alexandria, von Ägypten, damit ich im Westland Aida und die Afrikanerin singen kann.«

Nach zwei Stunden schlief das Mädchen plötzlich ein. Sie wurde gut zugedeckt; einen Schleier, der gegen Nebel und Feuchtigkeit schützen sollte, senkte Paolo auf der schönen Nubierin Antlitz. Bei günstigem Nordwind segelte man den Nil aufwärts. Als Fatime erwacht war, erblickte sie ihren Entführer in arabischer Tracht. »Wir werden sofort in Tanta einfahren; ich bringe dich zu einem Freund,« redete sie Paolo an. »Dort wollen wir ein paar Tage in Sicherheit und Glück zubringen.«

Ganz willig folgte ihm Fatime. In einem schönen Araberhaus hielt bald darauf das Paar seinen Einzug. Obschon nichts vorbereitet war, gelang die Flucht auf ganz wunderbare Weise vollkommen. Welcher Stern mag da hold gestrahlt haben? Alles klappte, als ob man es wochenlang vorher zweckmäßig eingerichtet hätte. Kaum hatte das flüchtige Paar einen Imbiß eingenommen, als der feurige Levantiner schon seinen Lohn einfordern wollte. Das Mädchen war sehr erschrocken, verweigerte aber entschlossen den ersten Kuß und fand die Geistesgegenwart, um – »In Europa!« zu lispeln.

Paolos Zudringlichkeit half ihm nichts: nach etwa einer halben Stunde erschien sein arabischer Freund, beider Gastgeber, und bereitete der peinlichen Unterredung ein Ende. Er sah das Mädchen genau an, sagte dann: »Du bist Fatime, die nubische Sängerin, Hoffnung der Künstlerschaft im Niltal. Sei meiner Hilfe gewiß, ich schütze dich gegen jedermann.«

Fatime erschrak, denn woher wußte der Fremde soviel über sie, die doch niemand kannte. Die Tochter nubischer Dienstboten warf sich vor dem noch jugendlichen, schönen und vornehmen Araber nieder, sprach ihren Dank aus und stammelte: »Woher kennst du mich, ich bin doch die Niedrigste hier zu Lande.«

Ali, der junge Araber, lächelte, reichte dem Mädchen die Hand, damit es leicht aufstehen konnte und sagte: »Nochmals, sei willkommen! Ich weiß, du bist anständig, daher schutzbedürftig, auch vor Fuad, meinem Freund, der mir über dich berichtet hat, brauchst du dich keinesfalls zu fürchten. Er wird nichts über deinen Aufenthalt hier erfahren – der Muselmann kann schweigen, fürchte dich eher vor deinem Retter, dem Europäer.«

Paolo erblaßte, half sich aber bald aus der unangenehmen Lage, indem er sagte: »Fatime, ich habe dich aus Liebe gerettet, werde deinetwegen in Alexandria bösen Dingen ausgesetzt sein, denn unsere Flucht kann nicht unbemerkt bleiben; die Spuren sind wohl verwischt, doch kehre ich dorthin zurück, so wird man mich erkennen, mich nach dir ausfragen. Fuad ist ein mächtiger, gegebenenfalls ein gefährlicher Mann. Ihn habe ich zu fürchten. Deshalb kommt mir ein Recht auf deine Dankbarkeit zu. Nur jetzt könntest du sie mir erzeigen, vielleicht bin ich in ein paar Tagen ein Opfer meiner Leidenschaft zu dir geworden. Doch ich nehme dich beim Wort. Wiederhole vor deinem Landsmann, der so streng und ehrenvoll ist, was du mir versprochen hast: In Europa! Ich habe die Möglichkeit, mit seiner Hilfe dich dorthin zu bringen, dort ausbilden zu lassen. Brechen wir sofort auf.«

Das Mädchen bedeckte aus Scham ihr Gesicht und sagte voll Entschlossenheit: »Du tust mir Gewalt an. Ich bin dir dankbar, doch ich habe dich erst zweimal gesehen; noch ist die Liebe nicht in mir erwacht.«

Der Araber mengte sich nun ins Gespräch: »Was das Mädchen sagt, ist gerecht. Was du, Paolo, forderst, erscheint mir nicht großmütig, aber billig. Ich schlage vor, Fatime bleibt bei mir, du, Paolo, hältst dich ein paar Wochen in Tanta auf. Ihr lernt euch kennen und werdet, wenn Fatime deine Liebe erwidert, ein Paar. Dies mag, wie ihr es vereinbart habt, in Europa vollzogen werden.«

Paolo meinte: »Dem Anerbieten, o Ali, ist freundlich, doch du weißt, Geschäfte binden mich an Alexandria. Dort würde ich verfolgt werden, in Tanta kann mein Aufenthalt nicht lange verborgen bleiben, das beste ist es darum, ich gebe vorläufig meine Geschäfte in Alexandria, der holden Nubierin wegen, auf, und wir entfernen uns aus Ägypten. Ein größeres Opfer kann Fatime nicht von mir verlangen.«

Diese Worte stimmten Ali nachdenklich und er sagte: »Gehe ruhig nach Alexandria, ich gebe dir einen Brief an einen Freund mit, der auch Fuads Freund ist; dem wird der Fall auseinandergesetzt, du brauchst dann von Fuad nichts mehr zu fürchten, auch wird auf diesem Umweg vermieden, daß er erfahre, wo Fatime sich aufhält. Du kommst dann allwöchentlich nach Kairo, wohin ich mich zu Schiffe mit Fatime begeben will. Auf geheimem Weg kannst du jedesmal in unser Haus gelangen, das Mädchen sprechen. Sowie sie Liebe zu dir fühlt, sollt ihr gesetzlich verbunden werden und euch ohne Gefahr nach Europa begeben.«

Paolo erschauerte beim Gedanken, eine Nubierin ehelichen zu müssen. Es blieb ihm aber nichts übrig als auf Alis Pläne einzugehen. Er hoffte, das Mädchen würde sich in ihn verlieben und auch Ali, ebenso wie Fuad, binnen kurzer Zeit, entwischen wollen.

Noch am Abend des gleichen Tages, verließ Paolo seine Freunde zu Tanta und begab sich mit Alis Geleitbrief zu seinem Freund in Alexandria. Kaum war er dort angekommen, trat er in dieses Arabers Wohnung. Er traf ihn nicht zu Hause, weigerte sich jedoch fortzugehen, denn Fuads Rache, das wußte er, mußte auf ihn lauern. Man war in dem mohammedanischen Hause über die Aufdringlichkeit des Levantiners sehr betreten. Paolo aber behauptete, einen sehr wichtigen Brief in Händen zu halten; im Interesse des Adressaten wolle er sein Haus nicht verlassen. Die Anschrift in arabischen Buchstaben überzeugte den anwesenden Hausgenossen. Paolo durfte also in einem orientalischen Salon auf niederem Sessel hockend des wohlhabenden Mannes Ankunft erwarten. Man servierte ihm Kaffee, kandiertes Obst und Zigaretten. Erst gegen Mitternacht trat der Hausherr ein. Paolo begrüßte ihn äußerst höflich und überreichte ihm den Brief. Kaum hatte ihn der Araber gelesen, als er sehr bedenklich wurde. »Ich komme aus Fuads Haus,« äußerte er sich, »man hat dort beschlossen, an Euch Rache zu nehmen. Die ganze nationalistische Partei Ägyptens soll aufgeboten werden, um Euch für den Frevel an der Nubierin, die ein Stern am Kunsthimmel Ägyptens werden sollte, zu bestrafen. Auch in Europa sollt Ihr keine Sicherheit finden. Euch bleibt bloß ein Ausweg: heiratet!«

»Ich bin entweder Christ oder Jude,« antwortete Paolo. »Genau weiß ich es nicht, wie soll ich eine Mohammedanerin heiraten?«

»Auf zivilem Wege ist es möglich,« antwortete der Araber.

Worauf Paolo sagte: »Das Mädchen habe ich noch nicht berührt. Wir können es beide beschwören, Ali weiß es auch; ich bin gesonnen, wenn das Mädchen es verlangt, eine Ehe einzugehen. Dazu zwingen lassen wir uns beide keinesfalls. Ich habe nichts getan, als ein Opfer aus den Händen eines Willkürlichen zu entreißen. Fatime ist ohne ihren Willen, somit gegen das Gesetz Ägyptens, von Fuad ihrer persönlichen Freiheit beraubt worden.«

Diese Rede Paolos verfehlte ihren Eindruck auf den Araber nicht. Er reichte Paolo die Hand und sagte: »Bleibt in meinem Haus, ich werde Euch beschützen, Fatimes Aufenthalt nicht verraten.«

Darauf wurde ein leckres Abendessen aufgetischt, zum Trinken gab es allerdings im Hause des rechtgläubigen Mohammedaners weder Wein noch Schnaps. Man schlürfte bloß übersüßen Kaffee und lauschte den Tönen einer Mandola, deren Spieler oder Spielerin nicht sichtbar wurde. Es mag wohl eine Spielerin gewesen sein, denn der Klang dieser Musik war sehr weich. Während Paolo zuhörte, fühlte er sein Teppichlager besonders angenehm und reizvoll, die lieblichen Töne schienen zu seiner bangen Laune eines Verliebten wohlig gestimmt zu sein. Auch das Lichtauge einer hellgrünen Ampel verbreitete zarte Anmut seiner sanften Farbe. Vorzügliche Zigaretten halfen ebenfalls, während der heitern Gespräche, die man nun bald führte, über die Morgenstunde, im Dunkel des verhängten Raumes, hinweg. Möglicherweise war ihnen etwas Opium beigemengt, denn ums Tagesgrauen, im verhüllten Draußen, das ihm ferne dünkte, merkte der junge Mann keine Musik mehr; er war entschlummert und erwachte erst nach zwei Tagen.

Als Paolo die Augen aufschlug, saß ein kleiner Nubier ihm zu Füßen, der sofort aufsprang und ihn nach seinen Befehlen fragte. Paolo hatte keine zu erteilen. Er fühlte sich seelisch und körperlich unbehaglich. Darauf bat ihn der Nubier, sich entfernen zu dürfen; der Levantiner gewährte es durch kaum merkliches Nicken. Alleingelassen, dachte er wenig über seine Lage nach; er wußte auch noch nicht, wie lange er mochte geschlafen haben. Er hatte sich plötzlich, halb angekleidet, auf einem weichen Sofa gesehn. Nun richtete er seine Kleider her und es fiel ihm dabei auf, daß sein Kopfschmerz langsam wich. Dieses Weh konnte aber nicht arg gewesen sein, denn nun erst, da es beinahe weg war, wußte er eigentlich darum. Paolos Zufriedenheit nahm von Minute zu Sekunde erstaunlich faßbar zu. Er sah mit Freuden in die Abenteuerlichkeiten, denen er nunmehr keineswegs entgehen konnte oder wollte. Nach etwa einer Viertelstunde trat sein Gastgeber ein. Man begrüßte sich freundlich und der Araber sagte: »Ihr habt einen Tag und einen halben geschlafen, unterdessen habe ich Eure Angelegenheiten in Ordnung gebracht. Vorläufig braucht Ihr nichts zu fürchten; doch ist Vorsicht geboten, bis die Gegenbefehle, Eure Sicherheit betreffend, überall hingedrungen sein werden. Fuad hat darauf verzichtet, zu erfahren, wo sich Fatime aufhält. Mein Wort, daß sie geborgen ist, genügt ihm. Ihr sollt das Mädchen noch heute wiedersehn. Laßt Eure Kleider und was Ihr sonst braucht, aus Eurer Wohnung holen! Ich will alles besorgen lassen. Abends fahren wir miteinander nach Kairo. Ali erwartet uns dort. Fatime könnte in Tanta keinen guten Unterricht im Singen erhalten. Wir wollten ursprünglich, daß ein Lehrer sie allwöchentlich von Kairo aus besuche; doch es gilt, die Ausbildung des Mädchens zu beschleunigen. So ist Kairo der geeignete Ort; natürlicherweise erhält sie Stunden von einem Araber. Ein Europäer würde das Geheimnis nicht wahren.« Paolo verwünschte nun plötzlich wieder seine Liebesgeschichte; wohl begehrte er die Nubierin, doch wie sollte er sie lieben? Hätte er gewußt, in was für Verwicklungen er geraten würde, niemals wäre es ihm eingefallen, Fatime bei ihrer Flucht behilflich zu sein. Nun half nichts, er mußte vorläufig in der Sache weiter gehn, schließlich konnte er ja dem Mädchen gestehn, daß er es lossein wollte, auf jede Dankbarkeit verzichten würde. Jedenfalls brannte ihm, dem geborenen Alexandriner, zum erstenmal Afrikas Boden unter den Füßen. Was der Araber wünschte, wurde vollzogen. Mit frischer Wäsche, anderm Anzug bekleidet, brach Paolo aus der Gesellschaft des arabischen Gastgebers am Abend auf. Vor dem Tor stand ein geschlossener Wagen. Auf dem Vordersitz hatten bereits zwei Araber, die höflich grüßten, Platz genommen. »Das ist zu Eurem Schutz geschehen,« sagte der vornehme Mohammedaner. Ohne viel Worte gewechselt zu haben, kam man am Bahnhof an. Zu viert wurde der Zug bestiegen. Die fremden Araber blieben stumm, Paolo und sein Gastgeber unterhielten sich bis Kairo über gleichgültige Dinge. Dort angelangt, bestieg die Gesellschaft abermals ein elegantes europäisches Fuhrwerk, das vor dem Bahnhof bereit stand. »Freut Euch,« sagte der Araber, »denn in einer halben Stunde seht Ihr Fatime wieder: Nur weil sie Dienstbote ist, weil sie eine Künstlerin werden soll, ist Euch das gewährt.« Paolo empfand gar nichts Angenehmes, verstand es aber, mit linkisch verzerrtem Mund geschmeichelt zu lächeln. Vielleicht hätte man bei Tageslicht eher ein Grinsen unter seiner hartgeschwungenen Nase bemerkt. Nach kurzer Zeit, hielt der Wagen vor einer Villa am Nil. Alle vier Männer entstiegen ihm und begaben sich in ein kleines enropäisches Haus. Ali trat seinen Gästen entgegen und begrüßte besonders Paolo sehr höflich. Fatimes Stimme ertönte: sie sang ein arabisches Lied. Als sie gleich darauf Paolo mit Ali und dem Araber aus Alexandria eintreten sah, hörte sie auf und empfing den Levantiner mit aufrichtiger Herzlichkeit. Man speiste miteinander: Fatime erzählte von ihrem neuen Lehrer, einem Araber, daß sie ihn nicht mochte. Er würde, das stand für sie fest, ihre Stimme nur verbilden.

Kein Zureden der beiden Araber half da. Paolo gab ihr recht. Auf einmal fing das Mädchen an zu schluchzen und ihre Begabung zu verwünschen. Sie wollte zurück zu ihren Eltern. Sie beschwor Paolo, dieselben aufzusuchen, damit sie endlich vor den fanatischen Arabern Zuflucht fände. Paolo wußte, welcher Gefahr er sich aussetzen würde und redete bloß Ali und dem Alexandriner zu, sie sollten doch auf das Mädchen als arabischen Kunststern verzichten.

Das hängt von Fuad ab, war der Bescheid, den er, den Fatime erhielt. Die unglückliche Nubierin war aber gar nicht mehr zu beruhigen; sie heulte die ganze Nacht, so daß niemand im Haus schlafen konnte. Am Morgen bemerkten Paolo und Fatime, daß sie schwer bewacht wurden. Der Araber aus Alexandria nahm höflich, aber doch kühl Abschied; Ali blieb freundlicher und entfernte sich auf einige Stunden. Die beiden Gefangenen konnten aber keinen Augenblick allein bleiben. Unaufhörlich bewachten sie zwei italienisch und französisch verstehende Nubier. Am Abend kam Ali mit Fatimes Eltern an. Die Begrüßung war stürmisch. Die Eltern lobten ihr Kind, weil es anständig geblieben war. Beide flehten es an, Fuad gehorsam zu bleiben, sie selbst würden bei Ali in Dienste treten, Fatime nicht mehr verlassen. Die dunkle Sängerin sah ein, daß sie sich in diese neue Lage fügen müßte. »Doch,« sagte sie, »da nun alles geklärt ist, kann ich einen europäische Lehrer haben.« Auf diesen Vorschlag ging man ein.

Alis Haus sollte ein Heim des Glückes werden. Fatimes Eltern hatten ihre Tochter wieder, sie selbst einen neuen europäischen Lehrer; diesmal war es ein Spanier, der Fatime besser gefiel als alle andern, die sie bisher gehabt hatte. Weil er alt war, beängstigte er sie nicht. Er trug eine dicke Uhrkette aus Gold um den Bauch; oft spielte er, auch während des Unterrichts, damit, und das machte Fatime meistens ein wenig Vergnügen. Am fröhlichsten aber war Paolo, er mußte doch in den Augen der Araber ein Ehrenmann geblieben sein, durfte sich in Kairo oder Alexandria frei bewegen. Der junge Mann begab sich nach wenigen Stunden ins Mena-house, jenes große Hotel unter den Pyramiden. Hier hoffte er Gesellschaft zu finden, in der er sich unterhalten mochte; die junge Nubierin zu vergessen, war für ihn keine Angelegenheit: Gerne hätte er mit ihr ein Abenteuer gehabt, von Liebe war keine Spur vorhanden. Selbstverständlicherweise ergab sich ihm die Bekanntschaft vieler Ausländerinnen, auch von solchen, die in Ägypten ihr leichtlebiges Dasein gesteigert haben mochten; doch jungen Levantinern gegenüber sind sie fast ausnahmslos vorsichtig. So fühlte sich Paolo in der ersten Woche enttäuscht. Allabendlich bestieg er einen Araber, der ihn weit hinaus in die Wüste brachte. Eines Tages schlug ihm der junge Pferdehüter einen Wüstenausflug nach dem Fayoun vor. Es sollte ein kostspieliges, aber wirkliches Vergnügen, das eine Woche dauern konnte, werden. Paolo erklärte sich zu dem Wüstenabenteuer bereit. Schon am nächsten Tage brach man in den Mittagstunden auf. Sieben Kamele machten sich auf den Weg. Das eine ritt der Levantiner, das andre der Veranstalter des Wüstenausflugs. Eines aber trug Zelte, schwer seinen Höckern aufgeladen, die vier andern führten Tänzerinnen durch das Sandmeer. Paolo war zuerst keineswegs begeistert. Ein Gedankengang, der ihn gar nicht verließ, unternahm es fortwährend, in seinem Kopfe Gestaltungen hervorzubringen. Ungefähr folgendermaßen fragte er sich dabei: ›Bin ich ungeschickt? In so große Ausgaben stürze ich mich, um ein dunkles Mädchen, das ich gar nicht geliebt habe, zu vergessen! Vier schwarze Überraschungen wird man mir heute abend auspacken. Es zieht mich nach weißen Damen, nach Paris, nicht nach farbigen Nilländerinnen. Dazu diese Strapazen bei einem Ritt durch die Einöde. Fuads Romantik hat mich angesteckt. Eigentlich muß ich mich vor mir schämen, in meinem Alter darf man nicht so kindisch und dumm sein. Das ist etwas für Engländer oder andre nordische Snobs. Für mich Alexandriner geziemt es sich gar nicht, mich mit arabischem Pack auf Kamele zu setzen.‹ Nun sann er eifrig nach: ›Wie anders ist es während meines zu kurzen Aufenthalts in Paris, vor sechs Jahren gewesen! Dorthin treibt es mich!‹ Und nun begannen Paolos Luftschlösser über der Wüste zu flimmern. Er baute sich die Weltstadt als eine Fata-Morgana auf: die Seine war ihm klarster Smaragdenstrom geworden; wie aus Zinn gegossen, standen Lutetias Häuser um ihre baumbestandnen Ufer. Aus Silber blitzten die Dächer mit ihren vielen Mansarden und Schornsteinen in einen gar lieblichen Märztag. – Wie viele Alltagsgeschöpfe werden, auf Augenblicke, zu Dichtern, wenn sie nur an Paris denken. Sagt nicht Schopenhauer, in seinen Träumen sei der Dutzendmensch ein Shakespeare? – Räder, mit eingesetzten Riesen-Rubinen, drehten sich vor den Sinnen des dahinreitenden Paolo: rot übersprühte ihr holdes Leuchten ein großes Volksgewühl auf unendlichen Straßenzügen und zugleich zauberte es Flackern durch hohe Säle, angefüllt mit freundlichen Tänzerinnen bei ihren Rundgängen mit kecken Kavalieren in steifem Abendanzug. Zum Greifen nahe glaubte der Levantiner das Gesicht vor sich zu haben. Es war sein Eigentum, nur ihm gehörende Vorstellung; der Inbegriff aller Wünsche. Um es zu besitzen, jagte er dahin . . . auf einem Kamel. Enttäuschung und Besinnung über seine Lage packten ihn zugleich.

Am Abend, als die Wüste ihren goldigen Ton zu verlieren begann, machte man unter einer Sandböschung halt. Die Zelte wurden abgeladen und bald darauf, während kurzer Viertelstunde, die ihre Erde in Purpur hüllte, aufgespannt. Schon war es kalt geworden, und Paolo lief, in dickem europäischen Wintermantel, im Sande auf und ab. Um die verhüllten Tänzerinnen kümmerte sich der Levantiner nicht. Als die meisten Sterne am Himmel erglommen waren, begab er sich zum Feuer der kleinen Karawane zurück. Nun war er erstaunt: Den Händen eines Mannes war es gelungen, ein über alle Erwartungen großes Zelt aufzuschlagen. Ihm zur Rechten und zur Linken befanden sich zwei kleinere. Immer noch vermummt, saßen die Mädchen um das Feuer und wärmten sich; der junge Araber war damit beschäftigt, ein prächtiges Abendbrot herzurichten. Paolo sprach nur gebrochen arabisch, hatte aber mit seinen mumienhaften Gästinnen ein Gespräch über gleichgültige Dinge angefangen. Bald war das Abendbrot bereit. Für Paolo sind vom Araber Leckerbissen auf schönen Metallplatten zubereitet worden. Auch eine Flasche französischen Sekt kredenzte ihm der Unternehmer dieser kostspieligen, jedoch nicht seltsamen Expedition. Die Eingebornen begnügten sich mit einfachen Speisen. Nach dem Mahl begab sich Paolo, dazu aufgefordert, ins große Zelt, legte sich dort auf Teppiche und Kissen. Zwei rote Ampeln erhellten den kleinen Raum: Er begann seine Wasserpfeife zu rauchen und erwartete mit Spannung, was nun kommen sollte. Nach etwa einer Viertelstunde erschienen noch etwas verschleierte Araberinnen und begrüßten ihn auf orientalische Art, wie es sich für Dienerinnen gebührt. Sie begannen auf feinen, mit Perlmutter eingelegten Instrumenten Musik zu machen. Gleich darauf schlüpfte ein beinahe weißes Mädchen mit hellen Haaren, offenbar eine Jüdin, in das Zelt. Sie hatte bloß ein gelbes Röckchen an, vergoldete Reifen um Füße und Arme, funkelnde Ringe an den Fingern und begann ihren Bauchtanz. Solche Vorführungen waren Paolo wohlbekannt und hatten ihn immer gelangweilt. An keinem der drei Mädchen konnte er Wohlgefallen finden. Er dachte nur darüber nach, ob ihm eine davon überhaupt genügen konnte. Als der Tanz vorbei war, klatschte er aus Freundlichkeit. Dann erschien die Vierte: eine wohlgestaltete Nubierin. Obschon sie Fatime gar nicht ähnelte, war Paolo doch erschrocken. Das dunkle Mädchen trug ein feuerrotes Seidenkleid, ihr Bauch war nicht entblößt, bloß die steifen Birnenbrüste zeigten sich in reizvoller Nacktheit. Sie hatte einen Gurt, in dem ein Dolch steckte, um die Lenden gelegt. Ihre schönen Augen blitzten unheimlich. Der Tanz, den sie aufführte, war herb und rhythmisch regelmäßig. Sie gefiel Paolo nicht, doch er dachte: Sie soll mich belustigen, denn sie kann mir immerhin Fatime ersetzen! Nach dem ersten, ziemlich gesetzten Tanz verlangte Paolo auch von ihr den Bauchtanz. Das Mädchen sträubte sich, ihn aufzuführen. Der arabische Impresario war darüber erzürnt, konnte sie aber nicht dazu bewegen, ihre Pflicht zu erfüllen. Schließlich machte Paolo der peinlichen Szene ein Ende, indem er dem Mädchen befahl, sich zu ihm zu legen. Die andern sollten das Zelt verlassen. Von allen wurde dem Befehl des wohlhabenden Levantiners Folge geleistet. Flehend hingestreckt, lag die wilderregte Nubierin zu Paolos Füßen und schien ein Gespräch mit den Pupillen statt mit dem Munde anfangen zu wollen. Nun merkte der Levantiner, daß keine Hingebung, sondern eher Haß aus den Augen des dunklen Mädchens auf ihn eindrang. »Leg den Dolch ab!« herrschte er sie an. Das Mädchen tat, wie ihm geboten war. Dann lag sie wieder, wie ein Puma, ihrem Gebieter zu Füßen. »Die rote Seide kleidet dich nicht, entledige dich ihrer,« befahl nun Paolo. »Das tue ich nicht,« sagte die Nubierin, »denn die Farbe entspricht meinem Gefühl.« »Warum?« fragte Paolo aufgebracht. Das Mädchen antwortete: »Weil du einen Verrat verüben willst.« »Wer bist du,« fragte Paolo. – »Fatimes Base und Vertraute.« – Rasch hatte Paolo seine Lage verstanden. Er sprang auf, faßte das Mädchen bei der Rechten und schleppte es in die kalte Nacht, in der ein wenig Mondlicht silberte. »Hassan,« rief er seinen Araber, »was hast du da angestellt, prügeln werde ich dich und nicht bezahlen. Eine schwarze Schlange hast du mir eingeschmuggelt, sie hat ihren Dolch gezückt. Ich danke für solche Unterhaltungen in der Wüste!« Hassan war bestürzt, griff nach einem Knüppel und schlug das Mädchen, daß es aufschrie. »Erschlagen muß ich sie; ich kann nichts dafür, daß sie dir übel will; sie soll eine Jungfrau sein, ich mochte sie dir darbringen, damit du mich noch besser bezahlst.« – Auf einmal, während Hassans eigner Verteidigung fühlte Paolo Schmerzen in den Augen, Dunkelheit hatte ihn überwältigt. Unerklärliches Jucken erzeugte größtes Unbehagen, unheimliches Geräusch umwirbelte ihn. Wie Nadelstiche drang es ihm ins Ohr. Er hörte schreien, sogar Hilferufe, konnte nichts sehen, fühlte aber den Arm eines Unholds, der ihm um den Leib griff, zu Boden riß. Er wollte sich wehren, mehrere Arme aber drückten ihn von oben zu Boden. Was war geschehen? Plötzlich spürte er zwei Krallen, die seine Hände faßten. Er wurde gezogen, dabei versuchten noch Riesenfäuste ihn um sich selbst zu wälzen. Plötzlich schien er aber seine Besinnung wiederbekommen zu haben. Den Händen gelang es, da sie nun frei waren, die Augen zu erreichen; Sand rieb er sich daraus, hin und her bewegt, erloschen aber in dem Augenblick, da er wieder sehen konnte, rote Ampeln. Dann sauste das Zelt über ihm zusammen. Paolo fühlte jedoch keinen Schmerz und wußte nun – ein Wirbelsturm hatte ihn überrascht. – In dieser liegenden Stellung, vom eigenen Zelte günstig bedeckt, verblieb er beinahe regungslos, solange der Sandsturm wütete. Auf einmal empfand er einen Schlag auf den Kopf – dann verlor er die Besinnung, auch an das, was soeben geschehen war, konnte er sich nur allmählich später wieder erinnern.

Als Paolo erwachte, lag er auf dem Sand und blickte in die aufgehende Sonne. Hassan kniete neben ihm, als wollte er sich wegen des Sturmes entschuldigen. – »Das war ein Unheil,« sagte er. »Doch Ihr seid unterm eigenen Zelt, in das ich Euch im entscheidenden Augenblick geschleppt hatte, geborgen geblieben: Die Mädchen, dann auch ich, haben uns unter den Kamelen verkrochen.« Nun fühlte Paolo einen Schmerz am Kopf. Er griff hin, merkte, daß er leicht blutete, Hassan war erregt hinzugesprungen, untersuchte die verletzte Stirn und sagte: »Die Verwundung ist klein, ein Balken des Zeltes scheint dennoch über Euch in gefährlicher Art niedergebrochen zu sein.« Paolo aber dankte dem Balken, der ihn wohl getroffen, dadurch das Bewußtsein geraubt hatte, denn so ist er in tiefstem Schlummer über Stunden der Angst und Gefahr hinweggekommen. Durch das Gespräch der zwei Männer geweckt, krochen die drei Mädchen unter den Kamelen und Sandhügelchen hervor. Sie schienen wohlbehalten und auch schon beruhigt: Arabern bereitet so ein Wüstensturm keine allzu bestürzende Überraschung. Doch wo war die junge Nubierin? Sie blieb verschwunden. Man konnte im Sand unter den frisch aufgewirbelten Erhöhungen suchen und forschen, keine Spur von ihr war auffindbar.

Paolo blieb den ganzen Vormittag sehr niedergeschlagen. Dann gab er den Befehl zum Aufbruch: Unterwegs suchte man zuerst nach Spuren der Verschollenen, doch liefen die Kamele bald sehr rasch, so gab man das Spähen auf. Schon in den ersten Nachtstunden gelangte der kleine Zug vor die Pyramiden. Zum erstenmal vermochten sie es, Paolo einen tatsächlichen Eindruck zu machen. Die Großartigkeit des Todes schien ihn erfaßt zu haben. ›Liegt Fatimes Base darunter?‹ durchzuckte ihn der absonderliche Gedanke. ›Wie dumm!‹ sagte er sich und griff nach dem eigenen Puls. ›Also etwas Fieber!‹ hatte er bemerkt. Nun ängstigte er sich noch mehr. Das Sterben – die Pyramiden – wenn er selbst diese Steinlast bald tragen sollte?

Rasch ward dann das Mena-house erreicht. Zutiefst beklommen, trat der Levantiner ein. Er wußte, nun sollte er Bericht erstatten, sein Name würde in die Zeitung kommen . . . dies aber war ihm zuhöchst peinlich. Er besaß nicht genug Verstand, um einzusehen, daß es anders sein konnte, ja mußte. Schon bei den Pyramiden hatte große Aufregung unter den Arabern geherrscht. Nicht um ihn bangte ihnen, ganze Karawanen mochten im Wirbelsturm der Wüste zugrunde gegangen sein! Seine Rückkehr erfreute nur. Das Opfer der Lustfahrt, eine Nubierin, sollte belanglos bleiben. Zu seiner großen Freude sah diesmal der doch recht eitle junge Mann, daß er keineswegs Mittelpunkt eines großen Ereignisses geworden war! Im Laufe der ganzen Nacht liefen Hiobsbotschaften über verunglückte Wüstenreisende ein. Schon am nächsten Tag konnte er sich, ohne weitere Bezahlung des Arabers, nach Kairo begeben. Der bereits geleistete Vorschuß genügte vollauf für die zwei, abseits von der zivilisierten Welt, verbrachten Tage. In Kairo scheute er keinen Vorwurf Fatimes. Er begab sich in das Haus ihrer Eltern und fand sie daheim. Schwarzgekleidet trat ihm das Mädchen entgegen.

Paolo fragte sie erstaunt: »Wie kommt es, Fatime, daß Ihr wißt, daß uns allen Unheil zugestoßen ist?«

»Nicht davon redet,« antwortete die junge Nubierin, »sondern erklärt Euren Frevelmut.«

Paolo war bestürzt. »Daß ich Euretwegen umgarnt wurde,« sagte er dreist, »wird niemand leugnen. Ihr habt mit mir gespielt, mein Blut in höchste Wallung gebracht; ich suchte Zerstreuung in der Wüste; Rettung vor dem eignen, durch Euch vergifteten Innern. Ihr aber habt Euch als Wilde gezeigt, mir eine Spionin nachgesandt.«

Fatime warf sich den Schleier vors Gesicht und rief: »Machen wir uns gegenseitig keine Vorwürfe. Kein Wesen soll durch unsere Liebe geboren werden: eines aber ist für uns gestorben. Ich kann hier nicht länger bleiben, bringt mich nach Europa!«

»In Europa!« sagte triumphierend Paolo, »Ihr wißt, was Ihr in bezug auf dieses Wort versprochen habt!«

»Ich halte alles, trotz der Toten! – Nun geht!« setzte sie hinzu, »kehrt nicht wieder, bevor Ihr mich aus Ägypten entführt!«

Die Mittel mit Fatime zu reisen, hatte der Levantiner; Lust, diesen Plan durchzuführen, jedoch nicht. Immerhin fühlte er sich dazu verpflichtet, der Gedanke an die Verunglückte gab ihm keine Ruhe. So begab er sich zu Fuad nach Alexandria und legte ihm alle Umstände klar auseinander. »Ihr seht,« bedeutete er ihm, »ein Opfer ist schon gefallen. Laßt Fatime reisen, gebt ihr die Freiheit wieder, verfolgt auch mich nicht, ich bin dem Mädchen gewogen. Vor mir hat sie sich keineswegs zu fürchten. Ihr Versprechen sei ihr zurückerstattet; erlaubt bloß, daß ich das meine halte. Von Euch fordre ich jedoch Sicherheit in meiner Heimat, in Ägypten, wenn ich heimkehre.« – Fuad sah die Richtigkeit dieses durchschnittlichen Gedankenganges ein und meinte etwas verächtlich: »Bleibt augenblicklich ruhig in Alexandria, nehmt aber zwei Plätze erster Klasse in getrennten Kabinen zum nächsten Lloyddampfer nach Triest. Begebt Euch auf das Schiff; das Mädchen bringe ich, eine Stunde vor Abfahrt des Dampfers, an Bord. Begleitet sie nach Europa, kehrt bald zurück; Fatime wird hiermit Eurem Schutz übergeben. Ägypten rechnet nicht mehr auf sie. Möge Europa der Nubierin günstig sein!« – Paolo war selig, er tat, wie ihm der mohammedanische Fanatiker geraten hatte.

 

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