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L'Africana

Theodor Däubler: L'Africana - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleL'Africana
authorTheodor Däubler
firstpub1928
year1928
publisherHoren-Verlag
addressBerlin
titleL'Africana
pages5-200
created20050109
sendergerd.bouillon
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Theodor Däubler

L'Africana

Roman

Horen-Verlag, Berlin-Grunewald, 1928

Als zwölfjähriges Mädchen ist die liebliche Fatime mit ihren Eltern aus nubischer Heimat nach Kairo gekommen. Bei reichen Levantinern, deren Umgangssprache Französisch war, sind Vater und Mutter als Dienstboten angestellt worden: Fatime durfte bei ihnen bleiben. Voll Traurigkeit dachte die Familie an Nubien; ernst und dem Willen Allahs ergeben, besorgten Mann und Frau nun Arbeit für fremde Menschen. Sie hatten ein kleines Gut unterhalb Korosko am Nil besessen. Dattelpalme und Dumpalme spendeten dort den bescheidenen Leuten im trauten Anwesen Schatten und Nahrung. Auf weicher Böschung saß Fatimes Vater und fischte im großen Strom, ohne daß die Sonne ihm lästig zu werden brauchte, so weit überwedelten stolze Pflanzen des Nilbereiches die sanften Hänge der arabischen Wüste. Oft gab es allerdings mühsame Arbeit: Beinahe nackt in Afrikas Glut, schöpfte er dann Nil-Naß, daß es in kleiner Rinne zu seinem Bruder gelänge, der es nochmals mit schwerem Schöpfeimer höher emporzog, bis es des Feldes und Gartens Weite erreichte, durchrieseln konnte. Da aber brachte das Wasser Bananen Labung, wurde es Bohnen und Tomaten Nahrung und verschenkte sich als Frische. Vater und Onkel Fatimes halfen einander in angrenzenden Grundstücken. Der Staudamm von Assuan wurde gebaut, nach einigen Jahren noch erhöht: Bis Korosko reichte der künstliche Nilsee, das Gebiet blieb monatelang überschwemmt, der Boden wurde von den finstern Fluten derart aufgewühlt, daß die Wurzeln der Palmen keinen Halt behielten, dem Sturm zum Opfer fallen mußten. Nachdem der letzte hohe Baum niedergebrochen war, mit seinen einst ertragreichen Fächern im Nil lag, verließen auch diese Nubier, beinahe als letzte, ihren Heimatboden. Nun war die Wüste bis zum Strom gelangt. Nachts bellten und winselten hungrige Schakale um die verlassenen Stätten ausgezogener, armer Menschen. Bald werden nun Hütten und Häuser Ruinen sein, die der Wüstensand begraben mag, daß man von ihnen keine Spuren mehr wird finden können. Der Familie Unheil sollte gutgemacht werden, die Gesellschaft des Staudammes hatte Ersatz geleistet. So hoffte man mit einigem Geld in Kairo ein neues Dasein gründen zu können; vor allem sind aber Nubier Dienstboten, im Haushalt andrer ausgezeichnet zu benutzen. Kaum war die Fahrt stromabwärts zu Ende, als Fatimes Eltern auch sofort Stellung fanden.

Kairo hatte dem Mädchen einen heitern Eindruck gemacht. Gesang zur Drehorgel ist ihr höchstes Erlebnis gewesen. Nächtliche Flötenbläser in dunklen Ecken zogen sie an, hielten ihr musikalisches Wesen in Bann. Oft tanzten Schlangen dazu. Einmal begann auch Fatime auf der Straße mitzuhüpfen. Schon vor Kairo hatte sich ihre Freude an den Pflanzen, den reifenden Bananen, dann Wehmut um die geopferten Palmen in rauhem, aber oftmals süß durchklungenem Tanzgesang aufgelöst. Auf der Felluche sang Fatime immer wieder. Störche, Pelikane, Enten und Gänse in ungeheurer Zahl auf immer neuen Nilbänken gefielen ihr, eiferten sie zu Freudenergüssen durch die Kehle an. Ein seltsames Ding, unsre Tochter! mochten sich Vater und Mutter gedacht haben. Nachts mußte die Felluche oft die Segel beisetzen, verankert im Strom liegen bleiben, weil der niedere Wasserstand des Niles keine Schiffahrt durch Finsternis zuließ. Zwei große Lichter wurden dann am Heck angebracht, und Fatime freute sich über ihre Spiegelungen in den Fluten: Sie mochte an ein Paar Riesenohrbehänge, das als hin- und herbaumelnde Goldsichel um den schwarzen Schiffsrumpf auf- und wegglänzte, denken. Die Felluche hatte ihr nämlich einen wirklichen Gesichtsausdruck angenommen. Einmal träumte dem Mädchen sogar, es hopse selbst – zu einem Floh geworden – auf dem dahin segelnden Kopf des Niles umher. Dabei schien ihm der Fluß bloß des abenteuerlichen Hauptes ungeheuerlich langes Grünseidenkleid mit unendlicher Silberschleppe zu sein. Auf der Seite, wo Korosko liegt, stiegen Vater und Schiffer zur Abendstunde, wenn der Tag sich zu dahinschmelzendem Gold verwandelt hatte, aus, um weißgekleidet auf roten Teppichen ihr Gebet, nach Mekka gerichtet, Allah darzubringen. Auf der andern Seite, wo die zertrümmerten Heidentempel des alten Ägypten noch aus dem Wüstensand emporstarrten, wollten die Schiffsleute aus Aberglauben – Angst vor bösem Spuk – niemals anlegen; doch schon in der zweiten Nacht der Reise wurde die Felluche durch eine Strömung zwischen Sandbänken stark dem westlichen Ufer zugetrieben, und die Schiffer sahen sich nun dort zu landen veranlaßt. Fatime entwich ohne ihre Eltern, die sich mit den Fahrtgenossen ziemlich aufgeregt unterhielten, ob man sich im Lauf der Nacht abermals dem Strom, der das Schiff gar heftig gegen den Strand gepreßt hatte, würde anvertrauen können. Nach einigen Schritten befand sich das Mädchen in der Wüste – allein. Also sie war geflohen! Eine Flucht zu erleben, bestürzte sie; vielleicht weil sie Vorahnungen, möglicherweise sogar Urerinnerungen, in Verbindung mit diesem, ihr neuen Gefühl empfand. Sie hüpfte weiter, kam vor einen Steinmann, der eine spitze Krone trug und mit seinem Löwenleib – wie sie bei aufgehendem Halbmond merkte – aus dem Sand hervorragte. Der ungewohnte Anblick erschreckte sie aber keineswegs; und als Fatime noch viele solcher Standbilder wahrnahm, rieb sie sich die Augen, denn sie wähnte zu träumen. Verdopplungen, gar Vielfältigkeiten einer Erscheinung mochte sie bis dahin bloß im Traum wahrgenommen haben! Eigentlich nur einmal bei Fiebern! Doch diesmal befand sie sich tatsächlich in einer Allee gleichartiger Sphinxe. Nun entsann sie sich: Damals, als sie krank gewesen war, ist sie plötzlich in einen finstern Raum gelaufen, ohne daß sie Gruseln erfaßt hätte. Nun erspähte sie . . . dort vor sich – und deutlich . . . nochmals eine Pforte. Sie trat entschlossen, wie dereinst, ein. Nun befremdeten sie aber schwer übersehbare, finstere Säulen: so etwas hatte sie niemals geschaut. Fatime befand sich im Innern des Tempels im Löwental – Wadi Sebua. Ein schwarzes Etwas über ihr machte Geräusch, bewegte sich . . . kaum erkundbar . . . wo unter der Decke des unheimlichen Raumes. Unversehens sauste das Ding nieder. Fatime hob es auf: Warm fühlte es sich in ihrer Hand an – gurrte. Ach, eine Wildtaube! wußte sie erschreckt und zugleich erfreut. Sie lief mit dem Tier fort: Wohin? dem Mond zu. Das war auch richtig. Steil über dem Nil glänzte das silberne Gestirn, darunter lag gespenstig auf dem Wasser des Stromes beweglicher Kopf, zwischen dessen Masten sie wohnte: Perlengeschmeide umzüngelten ihn in lohender Herrlichkeit. Dorthin raste nun Fatime, mit ihrem zuckenden Tier in der Hand, durch den Sand zurück. Bei den Ihren angelangt, tat sie, als ob sie nur, nach Schildkröten suchend, das Ufer entlang, herumgegangen wäre. Man hatte sie kaum vermißt, so wurde sie auch nicht gescholten, doch die Mutter mahnte sie nunmehr zur Ruhe. Die Wildtaube wollte man ihr abnehmen, um sie zu braten; doch Fatime lieferte ihren lebendigen Fund, dessen Herz arg klopfte, nicht aus. Als das Tier am nächsten Morgen tot neben ihr lag, warf sie es rechtzeitig in den Nil, sonst wäre es wohl verspeist worden. In jeder folgenden Nacht blickte Fatime zu den wirklichen Fischen in den regsamen Fluten, die der Felluche Lichter anlockten, und auch zu den lieben Goldschlangen, die bei Sternenschein, in großer Zahl aus dem Nil emporgeringelt, in ihre Nähe kamen. Es war dann einmal gegen Abend, als die Felluche in Kairo ankam . . . da begeisterten Fatime vor allem große Goldketten, die aus der Stadt in den finstern Strom niederglitzerten.

In Kairo mußte Fatime für die Herrschaft einholen. Um die Markthallen hörte sie auch spielen, afrikanisch singen. Affen machten dazu die Bewegungen, Papageien die Laute gaukelnder oder gaffender Anwesender nach. Oft wurde ein Elefant, fast täglich eine Menge Dromedare durchs Gedränge in den engen Gassen geführt. Ein junger, hübscher, doch einäugiger Araber, der des Mädchens begeistertes Lauschen bei seinem Spiel wohl einigemal bemerkt hatte, lud eines Tages das Kind ein, zu seinen Eltern in die Wohnung zu kommen – dort blase er eine noch wohler tönende Flöte. Fatime glaubte ihm, schlich mit dem Jungen durch enge Gassen, fühlte sich aber plötzlich benommen und entwischte ihrem Führer aus dem Innern der großen Stadt. Dann bat sie ihre Mutter, sie möge sie nimmer allein nach Fischen und Obst senden. Von nun an gingen die Eltern mit dem Kind an Stätten, wo es Klang und Tanz gab. Herrliche, heilige Freitag-Nachmittage konnte nunmehr das reizvolle Mädchen in schattigen Gärten am Rand der Sahara erleben. Den Tag der Toten verbrachte die Familie bei den Gräbern der Mamelucken. Zwischen den Kapellen der Verstorbenen drehten sich unaufhörlich buntbewimpelte, nachts überdies grell erleuchtete Ringelspiele. Stundenlang unterhielt sich die junge Nubierin mit kecken arabischen und dunklen Rangen spielend auf dieser fast europäischen Kirmes. Die Erwachsenen verbrachten, ohne auf ihrer Sprossen Unfug zu achten, die vorgeschriebene Zeit bei Verrichtung von Gebeten. Bettelstudenten der Koran-Hochschule sagten Suren her, sammelten dann Almosen ein, die in die eignen Taschen oder in Lederbeutel noch bedürftigerer Glaubensgenossen flossen. Die Wochen verbrachte dann Fatime in Erinnerung an sonnige Gefühle, voll Hoffnung auf das Kommende; einmal sang Fatime vor Fremden, sprang selbst am Nilstrand dazu. Alle Anwesenden klatschten. Warum soll unsere Tochter keine Sängerin werden? dachten ihre Ernährer: Vielleicht würde sie ein Lehrer, ohne sofortige Bezahlung oder für wenig Entgelt, unterrichten, wünschten zuversichtlich, nach einer Aussprache über die Absichten des Vaters, beide Eltern. Den levantinischen Brotgebern wurde der Plan vorgelegt: der Herr sagte bloß, sie ist nett und hübsch. Einige Wochen später meinte er, Fatime dürfe ihn zu einem italienischen Sänger begleiten, es sollte des Mädchens Stimme geprüft werden.

Der genuesische Stimmbildner war überrascht: Das Mädchen hatte feines Gehör. Ihr starker Mezzo-Sopran schien ihm bestimmt herausbildbar. Schade, fügte er hinzu, zur Oper taugt sie, der Hautfarbe nach, keineswegs; es gibt für sie bloß eine Rolle: Die Afrikanerin.

Durch ihren Lehrer gelangte Fatime ins Opernhaus. Zwei Schülerinnen des Gesangs wurden von ihrem Meister, Umaleri, Karten zu einer Aufführung der Aida verschafft. Die Mädchen waren entzückt. Gar wenig verstanden beide von europäischer Opernmusik, vom Theater überhaupt. Fatime erhorchte aber einige Melodien; das andere Mädchen jedoch, eine vierzehnjährige Araberin, hatte bloß Augen für den Aufwand der Theaterleute und Opernbesucher. Es war im Januar, wenn es in Kairo kalte Nächte und sogar frische Tage gibt. Alle Reichen der Stadt schienen im Theater versammelt zu sein: Im Parterre saßen Damen in herrlichen Pelzen aus Sibirien, Skandinavien und Amerika. Das waren meistens Christinnen oder Jüdinnen. In den Logen gewahrten sie Damen mit pelzverbrämtem Décolleté. Überall schimmerten Prachtstücke der Juwelierkunst. Die großen Damen der Haremswelt blieben ihnen jedoch, hinter dichten Vergitterungen der Moslem-Logen im Parterre oder ersten Rang unsichtbar. Wie glücklich fühlten sich die Mädchen in ihrer Welt des Singens! Fatime sagte sich: Ich werde Opernkünstlerin werden, kann ich als dunkles Mädchen doch auch die Aida spielen. Das Geheimnis der Liebe, einer Aufopferung um sie, ging der jungen Nubierin auf. Ihr Nachsinnen über solche Dinge sollte sie nunmehr gar nicht los werden! Nach der Aufführung trafen die Mädchen ihre Väter, die die glückstrahlenden Töchter abholten, sofort nach Hause brachten.

Fatime fand keinen Augenblick Schlaf. Sie glaubte, der Mann im Mond liebte sie. Das hocherfreute Mädchen hatte sich in sein Silber vergafft. Stundenlang konnte es dem Gestirn von ihrem Altan aus ins Antlitz blicken. Auch machte Fatime, mit ihren putzigen Händen, der strahlenden Weltperle zu Griffe und kokette Bewegungen. Es dünkte ihr: Sie empfänge von hoch dort oben glitzernde Schnüre, erfreuliche Begrüßungen in Form von Geschmeiden, mit denen sie Hals und Arme, wie es vor dem Theater reiche Damen und berühmte Sängerinnen tun können, schmücken durfte. Fernher säuselten Musikklänge im Nachtwind. Gegen Morgen verschwand der Mond hinter einer Moschee: Fatime aber guckte noch unverwandt nach dem silberumsäumten Gotteshaus mit wohlbemessenem Minaret. Um Tagesgrauen schlummerte sie ein. Ohne Ermüdung stand Fatime zu gewöhnlicher Stunde auf. Ihr Benehmen blieb unauffällig, doch blitzten die Augen heller; sie allein wußte das, die Eltern hatten es nicht bemerkt. Am nächsten Tage hatte Fatime Gesangsstunde. Der Lehrer mußte erstaunen. Viel mochte das Mädchen durch die Opernaufführung gelernt haben! Der Versuch wurde gemacht, sie nochmals ins Theater zu bringen: Der Gesanglehrer ging selbst mit, nahm die Schülerin auf guten Platz. Gesungen wurde Carmen. Fatime schien besessen: Sie haßte Carmen, weil sie wohl Zigeunerin, doch keine Dunkle war; aber den Liebeszauber verstand sie, obwohl des Italienischen unkundig, genau. Plötzlich sagte sie dem Lehrer: »Stark gepudert, mit gefärbten Lippen, kann ich Carmen ebensogut wie Aida und die Afrikanerin singen.«

Der Angesprochene stutzte, erwiderte dann: »Wenn du dich weiß anstreichst, auch das Gretchen im Faust.«

Von nun an hatte Fatime im Meister nur noch den Spötter gesehn. Ihr Vertrauen zu ihm war geschwunden. Doch an dem Abend bezwang sie ihren Groll: Obschon eigentlich eine Wilde, wußte sich das Mädchen zu bezähmen.

»Singt mir aus der Afrikanerin vor, spielt mir die Partitur!« bat Fatime während der nächsten Stunde ihren Lehrer.

Er tat es; gern bearbeitete der Genuese sein tönendes Instrument im Sinne Meyerbeers und trillerte oft in der Fistel die Hauptarien dazu. Die junge Nubierin war hingerissen, zeigte nochmals ihre musikalische Begabung, indem sie gut mitkonnte, selbständig, ohne Worte, in sich Gesang zum Abenteuer um Vasco da Gama fand. Überdies konnte sich das Mädchen bereits im Italienischen und Französischen etwas ausdrücken. Italienisch, als die Sprache ihrer künftigen Kunst, liebte sie am innigsten. Der Genuese war so überrascht, daß er sie am Abend, vor Begeisterung, abermals in die Oper mitnahm. Gesungen wurde der Troubadour: Diesmal ist Fatimes Enttäuschung groß gewesen. Die helle Eleonore mochte sie nicht fassen. So entging ihr auch die Musik; traurig ließ sie sich vom Vater, der sein Kind wie üblich abholte, nach Hause begleiten. Das war also auch keine Rolle für sie! Die ganze Nacht schluchzte Fatime zwischen den Kissen. Erst gegen Morgen, als der Halbmond hoch am Himmel stand, träumte ihr von einem näselnden und tänzelnden Europäer, der mit klingenden Sporen über die Dächer bis zu ihrem Altan gelangt war. Weiße Seidenschnüre hielten ihn, den hellen Mann mit blankem Helm, blondem Schnurrbart, ans Theater geknüpft. Sie haßte ihn, sie die dunkle Einsame. Es gelang dem Galan, klirrend ins Zimmer zu treten: Fatime schrie auf, packte ein Kissen, warf es gegen den Eindringling. Diese Wirklichkeit hatte sie aber bereits dem Schlummer entrissen, denn nun gewahrte sie, wach und klarblickend, bloß Silbertücher, weiße Seidendecken, die herumlagen. Einen Augenblick dachte sie an Geschenke. Die Glastür hatte der Wind bestimmt aufgedrückt.

Von nun an wurde das Studium mit Verbissenheit fortgeführt: Beinahe hatte der eine Abend Fatime um ihre Lebensfreude gebracht. Noch viele Opern sollte sie in den nächsten zwei Jahren zu sehen bekommen. Keine, außer Aida, befriedigte sie. In jede Aufführung des Verdi-Werkes nahm sie der Lehrer mit. Er wußte ja, wie es um die Schülerin stand. Sie hatte ihm seinen Hohn von damals nicht vergeben können: Er aber suchte, durch Liebe beim Unterricht, eingestreute Schmeichelbezeichnungen ihres Wesens, des Mädchens Herz wiederzugewinnen. Doch vermochte die eigensinnige Fatime nicht, ihr Mißtrauen zu bezwingen. Der Genuese kam Fatime oft dunkler vor, als sie selber war; drum graute ihr vor seiner Nähe. Wenn jemand sang, so erschien er ihr hellhaarig: Sie selbst fühlte sich beim Unterricht Europäerin, der pedantische Lehrmeister, in seiner Funktion, tat sich ihr schwarz auf, wie ja sein Haupthaar und Spitzbart, von Natur aus, ohnedies ausgefallen waren. Man umging sich als Mensch – beide, Lehrer und Schülerin – der schönen Begabung der Nubierin wegen.

 

Beinahe fünfzehnjährig, war Fatime eine ausgereifte Jungfrau geworden: nun sprach sie geläufig Italienisch und Französisch, die Stimmausbildung konnte beinahe als gelungen angesehen werden. Fatime sang auch probeweise im Chor der Aida. Es ging ausgezeichnet, sie sang nochmals, immer wieder im Chor der Aida – verdiente ein gutes Taschengeld. Dem Genuesen wurde klar: Er hatte – trotz langjährigen Sträubens – nunmehr ein Auge auf seine Schülerin geworfen. Durch ihre Liebe hoffte nun der alternde Geck auf Entgelt für alle seine Mühen als Lehrer: Verdienen konnte ja das dunkle Mädchen niemals viel. Sie schien sich bloß zur Oper zu eignen: Vom Varieté wollte sie keinesfalls etwas hören. Auch vom arabischen Theater durchaus nichts. Die Eltern wollten Fatime dazu bewegen; schon aus Stolz sollte sie das tun, um bald ihren Verpflichtungen dem Lehrer gegenüber nachkommen zu können. Was die Herrschaft beigesteuert hätte, wäre doch wenig gewesen!

Niemals hätte der bekannte Stimmbildner die dreißig Jahre jüngere Nubierin geheiratet: So eine lächerliche Handlung konnte überhaupt nicht erwogen werden. Aber er hatte Wohlgefallen an Fatime, dachte, ein Recht auf ihre Gunst erworben zu haben. Sie wird sich weigern – mußte er sich sagen – doch die eignen Eltern werden sie zum entscheidenden Schritt ins Leben, in die Öffentlichkeit, bewegen! Nubier haben keine europäischen Vorurteile. Trotzdem wagte er es nicht, seine Ansprüche geltend zu machen.

Eines Tages war der Gesanglehrer verstimmt, er gab vor, unpäßlich zu sein: Die Stunde sollte unterbleiben. Fatime zog wieder den Mantel an, setzte die Wintermütze auf, um sich auf die Strümpfe zu machen. »Im Gegenteil!« forderte sie der Lehrer mit bebenden, gestotterten Silben auf: »Bleibe!«

Der Nubierin Augen funkelten: »Wozu?«

»Bleibe, sage ich!« befahl nun der Genuese: »Bleibe bei mir, eine Stunde, zwei, den Tag, die Nacht, das ganze Leben, über den Tod!«

»Ihr könnt mich niemals heiraten, auch könnte ich in Euch keinen Gatten sehn!« antwortete Fatime.

»Und den Geliebten?« warf der Lehrer rasch ein.

»Unverschämter!« rief die in Versuchung Geführte und eilte zur Tür.

Er war aber sehr flink, faßte sie bei der Hand, verwickelte das bestürzte Mädchen in die Portiere, so daß es seinen Arm nicht frei halten konnte, drückte Fatime einen Kuß auf die Lippen.

»Feigling!« rief sie, »erst schmiere mich weiß an!« – Sie versuchte, sich den Samtumarmungen der Gardine zu entringen, aus den Umhalsungen des Genuesen loszukommen.

Zurückgeschleudert, sah sich der Unternehmungslustige verachtet: »Und deine Schuld?« kreischte er.

Die Türe hatte Fatime bereits zugeschlagen. Sie trennte die beiden. Fatime lief dem Haus, wo ihre Eltern wohnten, zu. Auf einmal entschied sie sich anders. Das gibt kleinliche Auseinandersetzungen. ›Ich fliehe!‹ wurde ihr Entschluß. Wie damals, im Tempel, auf der Nilreise, erlebte sie das Ereignis Flucht als eine Notwendigkeit, die sie wollüstig um ihren Körper geschmiegt fühlte. Nicht in ihr, um die Haut herum, empfand das Mädchen den erfreulichen Zwang, die ersehnte Bändigung durch etwas anderes als Brauch und Gewohnheit. Die Eltern fort, beide; der dreiste, dumme Lehrer weit weg: welch ein glückliches Erlebnis! Eine dunkle Wolke trug sie also weiter, ungeheuer schnell, sie sollte bald Samt erträumter Gewandumarmungen werden, schon glaubte die Nubierin das Décolleté, das sie sich schaffen konnte, wie eine Umhalsung seidiger Kühle empfinden zu dürfen. Kein Jüngling, kein Kavalier ihrer Vorstellung, der Jubel übers auszeichnende Gewand schien Fatime dem unbekannt Abenteuerlichen entgegen zu beschwingen. Sie lief dem Bahnhof zu: In einer Stunde, erfuhr sie dort, geht ein Zug nach Alexandria. Sie zählte ihr Geld: es reichte zu einer Fahrt dritter Klasse. Und die Eltern? Rasch ein Telegramm – es lautete: ›Singe heute abend im Chor, Cecinatheater, Alexandria.‹ Daß sie auch in Alexandria singen sollte, davon war schon die Rede gewesen; es konnte also glaubwürdig erscheinen. Ohne Gepäck fuhr Fatime ab.

In Ägyptens alter und riesenmächtiger Handelsstadt angelangt, wurde das Mädchen von Angst erfaßt. Schon war es dunkel. Wohin in der fremden Stadt eilen? Beherzt fragte sie einen Lastträger nach dem Cecinatheater. Er beschrieb ihr die Richtung. Sie gab ein kleines Trinkgeld und lief auf gut Glück los. Überraschend schnell fand sie das Theater. Zwei Plakate hingen davor: Was wird man geben? Nun muß doch in Alexandria auch Opernsaison sein. Also was stand auf den roten Papieren rechts und links von den Eingängen? Fatime traute ihren Blicken nicht, sie wollte ihnen nicht trauen, da stand es schwarz auf rot: Il Trovatore. Die Oper, die sie haßte. Das Mädchen zitterte, klammerte sich an einen Laternenpfahl, dann lief es doch hin. An jenem Abend gab es keine Aufführung. Also erst nach zwei Tagen wird der Trovatore gespielt, und dann, sie blickte weiter, nochmals zwei Tage später, abermals der Trovatore. Wird nichts anderes gespielt werden? Nach den Plakaten war sonst keine Ankündigung zu entdecken. Das Haus ist verschlossen gewesen. Fatime begab sich mit ein paar Piastern in der Tasche ins Innere von Alexandria. Wo die Nacht zubringen? Unbekannt, ohne Gepäck und dunkel von Farbe in eignem Lande, doch unter helleren Menschen! In einem großen Hotel mochte man sie nicht, das wußte sie. Sollte sie sofort an die Eltern telegraphieren? Sie konnte doch sagen, es wäre ein Irrtum, im Cecinatheater gäbe man nicht die Aida. Vor allem galt es, Herrin über die erste Nacht zu werden! Wohl eine Stunde lang lief Fatime durch Alexandria. Sie gelangte ins europäische Viertel. Nun hatte sie den Plan gefaßt, die Nacht im Wartesaal des Bahnhofs zuzubringen, am nächsten Tage dann die Hilfe der Eltern anzurufen. Im Augenblick, wo die Absichten fast eingerenkt waren, ihre Mechanik klar vor die Augen trat, sprang Fatime auf eine Frau zu und sagte ihr etwas. Zugleich erkannte sie, daß die Angesprochene Nubierin war. »Ich bin gerettet!« rief sie aus, »ich bin gerettet, weil ich Sie getroffen habe. Geben Sie mir Unterkunft, ich bin allein in Alexandria!«

Die dunkle, dicke Frau aus Oberägypten lachte, hatte schon beschlossen, ihre Landsmännin keinesfalls im Stich zu lassen: »Für eine Nacht wird es wohl gehen, auch für zwei, drei Nächte, was aber dann mit dir geschieht, weiß ich nicht; ich steh in Diensten bei einer levantinischen Herrschaft.«

»Wollt Ihr dort behilflich sein?« fragte sie das Mädchen.

»Gehn wir darauf los!« antwortete Fatime. »Gehn wir fort von hier. Das übrige wird sich finden, ich will im Cecinatheater auftreten!«

Da erschrak die Nubierin und antwortete: »Nein, das darfst du nicht, übrigens nimmt man keine Nubierinnen; in einem Tingeltangel kannst du springen. Das ist aber schändlich für ein junges Mädchen wie du.«

»Ich bin zur Sängerin ausgebildet worden, ich spreche außer unserm Nubischen auch Kairener Arabisch, Italienisch und Französisch,« warf Fatime ein.

»So komme zu meiner Herrschaft, ich will dich vorstellen, hoffentlich ist man gegen dich wohlwollend,« meinte nun die Ältere.

Eine gute Viertelstunde mußten die zwei Nubierinnen raschen Schrittes ihrem Ziele zu ausschreiten. Dort angelangt, traten sie unter eine hellumleuchtete Markise, mußten aber zur Seite treten – eine Equipage fuhr vor. Erst als ihr ein eleganter Europäer entstiegen war, konnten sie ihm ins Haus folgen. Beide verschwanden auf kleiner Treppe in ein Souterrain.

»Hier wohne ich,« sagte die Alte zur Jungen, »ich kann dir ein Bett zur Verfügung stellen.«

Fatime warf sich, während der Abwesenheit der neuen Freundin, aufs Bett und schlief sofort ein. Als sie erwachte, befand sie sich in ihren Kleidern noch immer auf der gleichen Lagerstatt. Daneben stand ein hartes Bettgestell mit einer Matratze und Kissen. Die Decken darauf waren zerwühlt. Offenbar hatte die Nubierin das ermattete Mädchen schlafen lassen und mit dem rasch hergerichteten Bett vorlieb genommen.

Fatime fühlte sich ausgeruht, wagte es nicht, die Stube zu verlassen oder sich auch nur irgendwie bemerkbar zu machen. Nach einiger Zeit erschien die Nubierin und brachte dem Mädchen ein gutes Frühstück. Sie sah recht freundlich aus, konnte aber eine gewisse Verstimmung nicht verbergen. Als das Mädchen ihren Imbiß zu sich genommen hatte, redete sie die alte Landsmännin an: »Ich will deine Freundin bleiben, leider aber habe ich die Wahrheit erzählt und man will dich nicht im Hause dulden; Choristinnen des Cecinatheaters sind sehr verrufen. Überdies hat der Sohn des Hauses mit einer Ungarin, die dort aufgetreten ist, eine Liebesgeschichte angefangen, die der Familie viele Auslagen verursacht hat. So mußt du das Haus verlassen. Ich aber will für dich sorgen; hier nimm diesen Brief, trage ihn zu einem Araber, den ich wohl kenne, der ein anständiger Mann, Freund dieses Hauses ist.«

Fatime entschloß sich, zu gehen. Sie dankte der Frau für ihre Freundlichkeit und empfahl sich. Im Notfall wollte sie noch ihre Hilfe, ihren Rat in Anspruch nehmen. Auf der Straße angelangt, schlug sie nicht die Richtung ein, die ihr die alte Freundin angegeben hatte, um bei dem Araber ihr Glück zu versuchen, sondern sie begab sich nochmals zum Cecinatheater. Nach etwa einer Stunde hatte sie den unscheinbaren Bau erreicht. Es war ihr diesmal nicht leicht gewesen, den Musentempel des europäischen Alexandria ausfindig zu machen. Dort angelangt fand sie die Türen verschlossen. Es war schon spät, alle Beamten hatten das Theater, der Mittagszeit wegen, verlassen. Erst nach zwei Stunden sollte der Kassierer, möglicherweise der Vizedirektor da sein. Dies hatte man ihr in einem Laden, der sich dem Theater gegenüber befand, mitgeteilt. Fatime bat, dort warten zu dürfen. Das wurde ihr gewährt. Sie bekam sogar ein karges Mittagsmahl. Natürlicherweise wurde das Mädchen von Neugierigen befragt, was sie eigentlich wolle; daß eine Nubierin im Chor singen würde, hielt man für ausgeschlossen. Hier liebte man weiße Mädchen. Meistens Italienerinnen und Griechinnen sind angestellt, erfuhr Fatime zu ihrem Ärger. Nachmittags erschien der Kassierer. Die Nubierin begrüßte ihn, stellte sich ihm vor, nannte den Namen ihres Kairener Lehrers. Dieser, ein Levantiner italienischen Ursprungs, sagte gleich, alle Choristenstellen wären besetzt. Die junge Nubierin aber wollte dennoch warten, bis ein ausschlaggebender Beamter eingetroffen wäre. Der Vizedirektor erschien endlich wirklich und empfing das Mädchen, ohne irgendein Interesse ihren Wünschen entgegenzubringen. Fatime gab ihre Partie noch nicht auf, sie bat, den Direktor erwarten zu dürfen. Der ist schon da, wurde ihr mitgeteilt. In ein Vorzimmer geführt, hörte Fatime im Nebenzimmer eine Diskussion, vermochte es aber nicht, was darinnen verhandelt wurde, zu erfassen. Auch nicht, als sie das Ohr ans Schlüsselloch hielt. Schließlich trat ein dicker, ältlicher Herr mit einem jungen Mann in den Raum, in dem das Mädchen wohl eine Stunde gewartet hatte. Es fing an zu dunkeln. Mit diesem Herrn, offenbar dem Direktor, war also ein jüngerer Europäer erschienen. Die Nubierin merkte, daß sie mit gereizten Blicken angesehen wurde. Sie fühlte des alten Herrn Mißmut über die Gegenwart einer Dunkelfarbigen, spürte aber auch ein für sie unbehagliches Interesse in den Blicken des andern. Der Direktor wies das Mädchen ab; er wollte es nicht prüfen, alle Posten waren besetzt. Fatime schlich sich hinweg. Unten stand ein Wagen, in dem der junge Europäer saß und offenbar auf sie wartete. Er grüßte die Nubierin höflich und fragte, ob sie beim Direktor Erfolg gehabt habe; er wäre dageblieben, um sie dorthin zu bringen, wohin sie zu gelangen verlangte. Fatime nahm übermütig an. Sie sagte die Adresse des Arabers, an den sie die alte Nubierin gewiesen hatte. Fatime saß im Wagen, der junge Herr kutschierte selbst. Ein komisches Bild, ein beinahe lächerlicher Anblick für das Volk von Alexandria. Übrigens hatte der Herr es verstanden, die vielbegangenen Straßen zu vermeiden – und es war ja schon die Nacht hereingebrochen.

In Ramleh, dem berühmten Badeort Ägyptens, der an Alexandria grenzt, wurde Fatime vom Herrn gebeten, auszusteigen. Man war an Ort und Stelle angelangt. Sie dankte sehr höflich.

Er sagte: »Wir sehen uns wieder, ich kenne Fuad, den fanatischen Araber, zu dem ich Sie gebracht habe.«

Ein Nubier in weißen Handschuhen öffnete seiner jungen Landsmännin die Tür, empfing sie, indem er den Brief der alten Nubierin entgegennahm. Stehend wartete das Mädchen ziemlich lange; dann wurde es in ein Zimmer gerufen, in dem ein Araber in mittleren Jahren auf einem europäischen Lehnstuhl saß.

»Du kannst probeweise in meine Dienste treten,« redete er das Mädchen an. »Benimm dich anständig, ich werde alles erfahren, was du tust und treibst. Du bist hübsch, deshalb läufst du große Gefahr. Ich betrachte die Nubier als Ägypter und will jeden meiner Landsleute beschützen; dieser Tage lasse ich deine Stimme prüfen, sollte sie gut sein, so kannst du in einem unsrer nationalen Theater auftreten. Das Land verlassen sollst du niemals. Hast du keine Stimme, die für irgendeine Bühne ausreicht, so magst du dein Brot auf andre Art redlich verdienen. Trau keinem Europäer! Vor allem nicht Engländern. Augenblicklich sind die unsre eigennützigsten Feinde.«

Fatime, obschon schwer enttäuscht, wagte es keineswegs, dem freundlichen Herrn, der sogar eine nubische Mundart geläufig sprach, mit irgendeinem Wort entgegenzutreten. Dann wurde Fatime in eine einfache Kammer gebracht, in der sie schlafen, sich vorläufig überhaupt aufhalten sollte. Eine Stunde nach ihrem Eintritt in das gastliche Haus wurde ihr eine kärgliche Mahlzeit von einem Nubier gebracht. Sie wollte sich bei diesem Dienstboten nach allerhand erkundigen, bekam aber nur ein Lächeln auf alle ihre Fragen zur Antwort. Am nächsten Tag durfte sie ihre von außen verriegelte Kammer verlassen. Sie trat in einen von hohen Mauern umgebenen Garten, in dem man Palmen und Sträucher gepflanzt hatte. Hier war alles neu, der Garten jung; wirklichen Schatten spendete er nicht, doch während der kühlen Jahreszeit war es auch nicht nötig. Dunkellila blühendes, dichtes Gerank hielt eine Dumpalme derart umklammert, daß man denken konnte, der herrliche Baum selbst spende so vielen Blumen um seinen Schaft all das Leben. Fatime erschien das verwunderlich, sie näherte sich den miteinander in Glück verschlungenen Pflanzen, musterte sie mit Wohlbehagen. Dann erkannte sie der schönen Erscheinung Doppelheit, doch nicht an Verzückung durch Liebe gemahnte sie das liebliche Schaustück lebendiger Umstrickungen, sondern der Nubierin war der Baum ihrer Heimat eine dunkle Frau wie sie, doch eine Dame, die sich ein Gewand in magentarotem Samt umgeworfen hatte. Bald werde auch ich so köstlich gekleidet gehen und dazu will ich auch Goldketten tragen! malte sich das eitle Ding die Zukunft aus. Und Fatime schmunzelte, als ob ihre eingebildete Gewißheit schon Wirklichkeit geworden wäre. Es mochte Mittag sein, als sie vor ihren Gastgeber gerufen wurde. Er war abermals recht freundlich, sagte, er hätte sich bereits über seinen Gast erkundigt; alles, was das Mädchen berichtet hätte, wäre wahr, die Eltern in Kairo sollten sofort über den Aufenthalt ihres Kindes benachrichtigt, dadurch beruhigt werden. Am Nachmittag, fügte Fuad hinzu, würde ein Italiener, der sich auf Stimmen verstehe, erscheinen, um sich über die Begabung Fatimes Gewißheit zu verschaffen. So geschah es auch. Fatimes Stimme wurde außerordentlich, eigentlich tragfähig für eine Oper, befunden.

»Du kannst aber nur die Afrikanerin singen,« ward ihr jedoch Bescheid. »Es ist also besser, du lernst arabische Lieder und trittst in ägyptischen Theatern auf,« mußte die Nubierin nochmals hören.

»Nein,« sagte Fatime, »ich kann auch die Aida singen.«

»Zur Not stimmt das,« meinten die anwesenden Herren und lächelten oder lachten sogar, »es genügt aber nicht zur Opernkarriere.«

In den nächsten Tagen erhielt Fatime allmorgendlich Gesangsunterricht. Man brachte ihr bereits, zu ihrem großen Mißfallen, arabische Lieder bei. Sie war zuhöchst betrübt. Ihre Vereinsamung schien ihr überwältigend groß. Immerhin besuchte sie, zu nicht geringer Überraschung, die dicke Nubierin, der sie soviel Gunst verdankte. Dabei erfuhr sie, daß Fuad, ihr Wohltäter, ein angesehener Politiker war, der aber in Gefahr stand, von den Engländern, die damals noch vollkommen im Lande herrschten, verfolgt zu werden. Fatime äußerte ihre große Dankbarkeit, setzte jedoch hinzu, sie langweile sich furchtbar, könne diese Abgeschlossenheit nicht länger aushalten. Eines Abends gab es arabische Gesellschaft. Fatime, obschon ein armes Mädchen, durfte, als angehende Sängerin, im Kreise der ägyptischen Damen erscheinen. Sie erfuhr dabei von allerhand Dingen, die sie bis dahin nicht gewußt hatte; besonders über Moden, kostbare Schmuckwaren wurde viel verhandelt. Erst jetzt lernte sie Fuads Frau, ihre Herrin, etwas besser kennen. Auch sie schien sich für Politik sehr zu interessieren. Obschon fanatische Ägypterin, hielt sie den anwesenden Gästinnen einen Vortrag über langsame Emanzipation des orientalischen Weibes. Erfreulicherweise schien die reiche Araberin die unscheinbare Nubierin gern haben zu können. Als einige Tage darauf die dicke Nubierin Fatime in ihrem Käfig wieder einmal besuchte, schluchzte, weinte, klagte das Mädchen unaufhörlich über ihr Geschick. Sie wollte ihre Freiheit wieder haben, zu den Eltern nach Kairo zurückkehren.

Die alte Nubierin sagte ihr aber, sie würde es nur in Alexandria vermögen, durch die Gunst Fuads, ihre Studien zu vollenden. In einem Jahre dürfte sie ihre volle Reife erlangt haben und könnte dann wohl ans Auftreten denken. Mit großer Güte sprach sie der jungen Freundin Geduld zu.

Am nächsten Morgen wurde Fatime zu Fuad und seiner Frau gerufen. Mit sehr gütigen Worten sagten ihr beide Wohltäter, sie könnten ihr vorläufig die Freiheit nicht wiedergeben. Es wäre ihre Pflicht, für das Heil jedes ägyptischen Mädchens voll Wachsamkeit zu sorgen. Übrigens würden die Eltern, auf Kosten des arabischen Komitees, sie demnächst besuchen dürfen. Fuad sprach davon, daß es sein Stolz wäre, aus dem braven Mädchen eine ägyptische, große Sängerin zu machen. Fatime war jedes Vaterlandsgefühl fremd gewesen. In diesen Tagen aber sollte sie über Fuads Pläne aufgeklärt werden. Um sie ganz an sich und Ägyptens Sache zu fesseln, machte er ihr folgende Eröffnung: »Zwischen Asien und Europa bestehen uralte Beziehungen. Die neue Welt, die dort im Norden hereingebrochen ist, hat ihre Wurzeln bei uns im Nilland. Nicht von den alten Ägyptern, auch nicht von den Griechen Alexandrias, will ich dir Mitteilungen machen,« setzte Fuad dem Mädchen seine Überzeugungen auseinander, »wir sind Mohammedaner, kümmern uns nicht um das fremde Vergangene vor dem Auftreten des Propheten. Was wir gewesen sind, ist wichtig, denn wir sollen abermals zu gebührlicher Höhe emporsteigen. Asien und Afrika gehören dem Glauben an den Propheten. Vor vielen hundert Jahren sind Christen bei uns eingefallen, wollten uns das Gelobte Land entreißen. Das Kreuz wurde dem Halbmond, unserm gezückten Säbel am Nachthimmel, entgegengetragen. Manche Niederlage haben wir erlitten, doch unser herrlicher Saladin vermochte es, die Barbaren zu besiegen und zu verjagen. Ein rotbärtiger Kaiser ist auch noch in unser Land gekommen. Da hat sich der Boden Asiens aufgelehnt. Die Erde ist auseinandergeklafft, Flüsse sind aus ihren unterirdischen Grotten hervorgebrochen und haben das Heer der Fremdlinge weggeschwemmt. Der tollkühne Kaiser, jener Ketzer, ist dabei, durch Allahs Elemente selbst, ohne Menschenhilfe fürs Prophetenland, umgekommen. Unser Wissen, unsre Lebensweise sind, dem Glauben gemäß, den uns Mohammed aufgetragen hatte, größer als bei den Feinden gewesen. Sie aber haben damals zu viel von uns gelernt, sind dadurch später übermächtig und übermütig geworden. Auf der Grundlage orientalischer Erfahrung ist Europa hinangestiegen. Heute hält es uns, dank seines Vermögens, in Knechtschaft. Wir aber haben das Wissen, das heilig bleibt. Ich hasse nicht Europa, sein Joch aber müssen wir abschütteln. Hier in Alexandria gibt es einen strengen Orden, der die Geheimnisse aus den großen Zeiten der mohammedanischen Welt bewahrt. Orient und Okzident sind auf diesen Festen ausgebaut. Ein einziger Sohn aus finsterm Christenland hat vor mehr als hundert Jahren unsre Weihen erhalten. Er hieß Balsamo, war aus Palermo und als Eingeweihter in unsre Künste nannte er sich Cagliostro. Früher schon hat in Frankreich ein großer Seher gelebt, den die Geschichte unter dem Namen Nostradamus kennt. Er ist halber Jude gewesen, wurde als solcher zu Einsichten erkoren, die er niemals erworben hätte. Er, der größte Weissager des Okzidents, konnte es vollbringen, unsern künftigen, nunmehr nicht allzufernen Sieg über geistige Berauber, leibliche Unterdrücker vorauszuschauen. So höre denn, holdes Mädchen aus Nubien, Tochter des heiligen Niltales: in fünfzig Jahren wird Italien mit der Türkei in einen Krieg verwickelt sein. Die habsüchtigen Eindringlinge sollen dann versuchen, die Reste des einstigen Osmanenreiches aufzureiben, um Splitter davon in ihren Machtbereich zu bringen. Der Anschlag wird ihnen nicht gelingen. Geschwächt, mag dann Italien Frankreichs Hilfe in Anspruch nehmen. Nochmals werden beide Völker im Nordwest den Bruderstaat von uns schlagen, doch nicht besiegen. Nochmals sollen darauf fünfzig Jahre vergehen, dann wird man wiederum versuchen, unsre Länder dem Westen vollkommen botmäßig zu machen. Ägypten aber wird gerüstet sein, denn seine Stunde soll geschlagen haben! Bei den Hyerischen Inseln wird es uns Gläubigen an das hohe Wort des Propheten gelingen, die Flotten der lateinischen Schwestern zu vernichten. Von da an muß die orientalische Welt in neuer Größe emporsteigen. Südfrankreich, die Heimat des Nostradamus, soll uns abermals gehören. Hohen Aufschwung mag die Provence, einstige Mittlerin zwischen Osten und Westen, wiederum nehmen! Eine bis dahin unerhörte Baukunst wird aus ihrem Boden emporwachsen. Auf diesen Krumen, wenn wir sie erobert haben werden, soll die Versöhnung Asiens und Europas stattfinden. Vorher aber fordern wir unsern Sieg durch die Waffen. Daß er erreicht werde, rufe ich die Tatkraft jedes Kindes unsers heiligen Nillandes auf.«

Für Fuads Reden hatte Fatime gar kein Verständnis. Sie konnte die Europäer nicht hassen, weil sie bloß Opern für weiße Mädchen geschrieben hatten; ihr genügte es, daß Meyerbeer, Verdi – beide Schöpfer von Rollen dunkler Mädchen – Westländer gewesen sind. In Nubien ist man nicht fanatisch mohammedanisch. Dieses dunkle Mädchen hatte nur ein Sinnen und Begehren: Gesang. Aus ihrem Kerker, in dem sie so unzweckmäßig, wenn auch freundlich, gehalten wurde, trachtete sie zu entkommen. Sie versuchte es mit der Sehnsucht nach ihren Erzeugern. Ihre Pflegeeltern behaupteten aber, das ginge nicht, sie müßte ganz ausgebildet das strenge Haus verlassen, um als arabische Sängerin auf einer nationalen Bühne aufzutreten. Es wurde ihr sogar vorgegaukelt, mit ihr könnte es gelingen, ein ägyptisches Theater zu gründen, in dem europäische Rollen von dunklen Kräften gesungen würden. Fatime tat aber nur so, als ob sie das glaubte; ein zu sichres Gefühl über die Möglichkeiten ihrer engern und weitern Landsleute wohnte ihr inne. Eines jedoch setzte sie durch: sie wollte mit ihrem Lehrer und Fuads Familie der letzten Opernaufführung der Saison beiwohnen. Gegeben wurde: La Traviata, das Drama einer Fehlgegangenen – daran ließ sich nichts mehr ändern.

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