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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 97
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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95. Kapitel.

Dank der Familie Nelson, welche, so lange der Admiral lebte, im höchsten Grade freundschaftlich gegen mich war, sah ich mich, als er fort war, nicht ganz vereinsamt. Seine Nichte zog mit in unser Haus und ward meine Schülerin. Sie studierte mit mir Französisch, Italienisch, Zeichnen und Musik und ich kann sagen, daß ich nach Verlauf von sechs Monaten aus einer kleinen Bäuerin, die sie war, eine junge Weltdame gemacht hatte. Es war dies von meiner Seite ein Akt der Herablassung, von seiten der Familie Nelsons aber ein Beweis von Achtung für mich. Der Doktor Nelson, Bruder des Admirals und Vater des jungen Mädchens, dessen Erziehung ich übernommen, war zum Kanonikus an der Kathedrale von Canterbury ernannt worden, und da ihm viel daran lag, sich mir zu jener Zeit aufmerksam zu beweisen, so sollte ich einen Teil des Sommers bei ihm zubringen. Ich nahm Mistreß Belligton, eine frühere dramatische Künstlerin, mit, welche sehr schön gewesen und viel Talent besaß. Die Einwohner von Canterbury waren nicht wenig erstaunt zu sehen, wer die beiden Gäste des ehrwürdigen Kanonikus waren, und nahmen großes Ärgernis daran, als Mistreß Bellington und ich uns erboten, an einem Festtage in der Kathedrale ein geistliches Duett vorzutragen. Unser Erbieten ward kurz zurückgewiesen, ja noch mehr, die ehrsamen Bürger der ehemaligen Hauptstadt des Königreichs Kent verfehlten niemals, auf ihre Visitkarten die Worte zu schreiben: »Für Doktor Nelson, aber nicht für Lady Hamilton.« Nicht lange nach Nelsons Abreise gebar ich eine zweite Tochter, die in Merton Place zur Welt kam und der ich den Namen Emma gab. Die arme Kleine weilte nur kurze Zeit in dieser Welt, denn sie starb schon im nächstfolgenden Jahre an Krämpfen. Zu jener Zeit war, wie ich schon gesagt habe, die ganze Familie Nelson höchst aufmerksam gegen mich und für seine arme Gattin standen die Dinge natürlich um so schlimmer. Nelson hatte nämlich allen seinen Verwandten rund heraus erklärt, daß er nur mit denen in gutem Einvernehmen bleiben würde, welche sich gut gegen mich betrügen. In der Tat hatte auch Nelson seit Sir Williams Tode die Existenz der armen Mistreß Nisbet – so nannte er seine Frau stets – ganz vergessen und mich als seine einzige und wirkliche Gattin betrachtet und behandelt. Aus den von mir mitgeteilten Briefen hat man ersehen, daß seine Liebe zu mir, anstatt sich zu vermindern, nur noch feuriger geworden war. Als ich aber, seiner langen Abwesenheit müde und ärgerlich über die verächtliche Begegnung jener lächerlichen Spießbürger ihm schrieb, daß ich zu ihm kommen würde, um mit ihm auf seinem Schiffe zu wohnen und alle Gefahren mit ihm zu teilen, antwortete er mir mit einer Festigkeit, die ich nicht erwartet: »Sie wissen, liebe Emma, daß ich mich zur See immer unwohl befinde. Bedenken Sie daher, was eine Kreuzfahrt vor Toulon ist, wo wir selbst im Sommer wenigstens einmal wöchentlich starken Wind und zwei Tage hochgehende See haben. Ich will nicht, daß Sie und Horatia auch krank werden. Die arme Kleine, wie wäre es möglich, sie an Bord eines Schiffes zu haben! Übrigens habe ich selbst den Befehl gegeben, daß kein Weib, wer es auch sei, an Bord der ›Victory‹ kommen dürfe, und nun sollte ich der erste sein, der diesen Befehl überträte? Davor bewahre mich Gott!«

Ich darf hierbei nicht unerwähnt lassen, daß infolge meines unglücklichen Hanges zur Verschwendung die Einkünfte von Merton Place, das Vermächtnis von Sir William und das Jahrgeld, welches Nelson mir ausgesetzt, obschon dies alles zusammen beinahe sechzigtausend Franks ausmachte, nicht zureichte. Ich drang daher fortwährend in Nelson, bei Addington die Fortzahlung der Pension, welche Sir William bezogen, nachzusuchen; Nelson aber, welcher von den Mitteln, die ich brauchte, keinen Begriff hatte und sich nicht denken konnte, daß ich mit meinem Einkommen nicht ausreichte, antwortete mir: »Wenn Mr. Addington Ihnen die Pension bewilligt, so wird es gut sein; aber geben Sie sich keine Mühe, um sie zu erlangen. Besitzen Sie nicht Merton Place ohne Hypothek und ohne jemandem etwas schuldig zu sein? Liebe Emma, für meine Horatia ist schon gesorgt, und ich hoffe, daß Sie früher oder später meine rechtmäßige Gemahlin werden, dann gebe ich für die ganze übrige Welt keinen Pfifferling.« Zuweilen machte er mir auch zärtliche Vorstellungen über die Notwendigkeit der Sparsamkeit. Man erkannte in ihm den Mann, der, nachdem er lange Armut erduldet, immer fürchtete, daß es ihm wieder einmal an Geld fehlen könne. Ganz besonders verlangte er, daß ich soviel als möglich in Merton wohnte, wo ich natürlich weniger Ausgaben hatte als in London. Wäre Nelson bei mir gewesen, so wäre es mir natürlich nicht eingefallen, etwas anderes zu tun, als blindlings seinen Ratschlägen zu folgen. In seiner Abwesenheit aber bemächtigte sich meiner allmählich die Langweile dieses unbeschäftigten Lebens, welches ich führte, nachdem ich mich vorher in einem so tätigen bewegt, und da es mir unmöglich war, immer an einem Orte zu bleiben, so ging ich von Merton Place nach London, wo Feste, Gesellschaften und das Spiel mich viel Geld kosteten. Ich war gewohnt, einen Teil des Sommers in den Seebädern zuzubringen, und hier besonders waren meine Ausgaben wahrhaft enorm. Dieser Aufwand beunruhigte Nelson; ich sagte ihm aber, die Seebäder seien mir von den Ärzten empfohlen, und er konnte darauf weiter nichts sagen als: »Gehen Sie ins Bad,« wenn ich noch nicht dort war; oder: »Bleiben Sie!« wenn ich schon dort war. Wie beiläufig aber, oder in einer einem zärtlichen Briefe angehängten Nachschrift sagte er: »Es ist notwendig, meine liebe Emma, mit der größten Sparsamkeit zu Werke zu gehen. Die Verschönerungen unseres lieben Merton Place können nur mit Hilfe unserer Ersparnisse in Angriff genommen werden, und unser liebes Merton vor allem.« Und dann setzte er, leider vergebens, hinzu: »Ihr gutes Herz wird mir ganz gewiß recht geben, denn Sie begreifen, daß infolge des Krieges alles sehr teuer ist, daß wir Freunde haben, die unser bedürfen, und die wir unterstützen müssen, und ich bin überzeugt, Sie werden mehr Vergnügen daran finden, diese Pflicht zu erfüllen, als einen Haufen Schmarotzer zu mästen, die keine Freundschaft für uns empfinden.« Jedesmal, wo ich einen dieser Briefe erhielt, gelobte ich mir feierlich, mich zu bessern. Es dauerte jedoch nicht lange, so stürzte ich mich wieder in neue Ausgaben, welche noch törichter und zweckloser waren als die früheren. Endlich sah Nelson ein, daß meine Unklugheit Horatias Zukunft gefährden könne und daß es notwendig sei, ihr ein unabhängiges Vermögen zu sichern, damit sie nicht später an den Folgen meiner Verschwendung zu leiden habe. Er schrieb mir aus diesem Anlaß im März 1804: »Nach meiner Rückkehr werde ich viertausend Pfund für Horatia deponieren, denn es ist nicht meine Absicht, daß sie mittellos dastehe, wenn wir sie allein und ohne Freunde in dieser Welt zurücklassen.« – Ich besaß ein mächtiges Mittel, um Nelson zu bewegen, sich in alle meine Wünsche zu fügen. Dasselbe bestand darin, daß ich ihn glauben machte, es bewürbe sich irgendein vornehmer Herr um meine Hand. Ganz besonders lenkte ich in dieser Beziehung seine Aufmerksamkeit auf den alten Herzog von Queensbury, der mir auf allen Tritten und Schritten folgte und mir den Hof mit einem Eifer machte, als ob er erst fünfundzwanzig Jahre zählte.

Man hat schon gesehen, daß Nelson, als er einen Brief von der Königin von Neapel erhielt, Anstoß daran genommen hatte, daß sie kein Wort von mir gesagt. Gegen das Ende seiner Fahrten im mittelländischen Meere, und als er sah, welches hartnäckige Schweigen Marie Karoline in bezug auf mich beobachtete, war er genötigt, etwas zuzugeben, was ich meinerseits schon lange geahnt, nämlich daß meine erhabene Freundin, trotz ihrer Beteuerungen ewiger Dankbarkeit an meiner Treue gegen sie und an die Dienste, welche ich ihr geleistet, mir nur ein sehr mäßiges Andenken bewahrt hatte. Er beschloß nun offen mit der Sprache gegen sie herauszugehen, sie von meiner pekuniären Stellung zu unterrichten, und ihr vorstellig zu machen, daß ich bei meinem Hang zur Verschwendung ihres Beistandes und ihrer Unterstützung bedürfe. Die Königin antwortete dann aber allemal sehr kalt oder ausweichend, oder indem sie sich mit der Verwirrung entschuldigte, in welcher sich ihre eigenen Finanzen befänden. Nelson teilte mir, höchst entrüstet darüber, seine Bemerkungen über die Handlungsweise und den Charakter der Königin mit, und ich, da ich nun keine Rücksicht mehr gegen diese treulose Freundin zu nehmen hatte, rächte mich dadurch, daß ich die ziemlich skandalöse Geschichte ihrer Liebschaften erzählte, ohne zu bedenken, daß ich, wenn ich sie gleichzeitig mit Sappho und Messalina verglich, auch auf mich selbst einen Teil der Schande lud, womit ich sie bedecken wollte. Zu jener Zeit bekam ich auch einen peinlichen, höchst ärgerlichen Streit mit Lord Greenville wegen Sir Williams Testament. Lord Greenville hoffte, daß ich mich scheuen würde, ein öffentliches Ärgernis zu geben; als er aber sah, daß ich bereit war, es auf einen Prozeß ankommen zu lassen, schlug er ein Arrangement vor, welches Nelson mich anzunehmen zwang, obschon es zu meinem Nachteil war. Ich verlor von dieser Seite drei- bis viertausend Franks Renten und dabei blieb es. Nelson war mittlerweile nicht mehr auf der Kreuzfahrt vor Toulon, sondern in der Verfolgung der französischen Flotte begriffen, welche ihm zwischen den Händen durchgeschlüpft war. Sie hatte unter den Befehlen des Admirals von Villeneuve Toulon verlassen, um bei Ausführung eines von Napoleon entworfenen weitreichenden Planes mitzuwirken, denn aus Bonaparte war Napoleon, und aus dem ersten Konsul der Kaiser geworden. Dieser Plan, der nur durch von dem Willen der Menschen unabhängige Umstände vereitelt ward, war folgender: Napoleon hatte sein Projekt, eine Landung in England zu versuchen, keineswegs aufgegeben, sondern beschlossen, sämtliche französische Flotten aus den Häfen, wo sie von britischen Kreuzern beobachtet wurden, herauszuziehen, sie dann nach Ostindien zu schicken, auf diese Weise die Engländer nach den Antillen zu locken und dann plötzlich mit einer Streitmacht, welche jedem englischen Geschwader, auf das man stoßen könnte, überlegen wäre, in die europäischen Meere zurückzukehren. Der allgemeine Sammelplatz der Franzosen war die Insel Martinique.

Am 11. Januar hatte der General Missiessy mitten in einem furchtbaren Sturm Rochefort verlassen, die Durchfahrt passiert und auf diese Weise die hohe See erreicht, ohne von den Engländern bemerkt zu werden. Sein Geschwader bestand aus fünf Linienschiffen und vier Fregatten. Der Admiral Villeneuve sollte beim ersten günstigen Wind auslaufen, Nelson zu täuschen versuchen, oder, wenn er ihn nicht täuschte, ihm wenigstens entschlüpfen, die Meerenge von Gibraltar passieren, Cadix anlaufen, hier sich mit dem spanischen Admiral Gravina vereinigen, nach Martinique segeln, wohin ihm Missiessy schon vorausgegangen wäre und hier den Admiral Gantheaume erwarten. Dieser sollte seinerseits bei dem ersten Äquinoktialwinde, welcher die Engländer zwingen würde, sich von den Küsten zu entfernen, mit den einundzwanzig Schiffen, welche er unter seinen Befehlen hatte, Brest verlassen, im Vorüberfahren an den Farörinseln eine anderweite französisch-spanische Flotte unter den Befehlen des Admirals Gourdon mitnehmen und nach dem allgemeinen Sammelplatze steuern. Die Vereinigung von fünf Admirälen und sechs Flotten hätte ungefähr fünfzig bis sechzig Schiffe gegeben, eine ungeheure Seemacht, deren Konzentration noch zu keiner Zeit und auf keinem Meere gesehen worden wäre. Nun hatte, wie ich bereits gesagt, der Admiral Villeneuve in der Nacht vom 30. zum 31. März, den Nordwestwind benützend, ebenso wie der Admiral Missiessy den Sturm benutzt hatte, mit elf Linienschiffen und sechs Fregatten den Hafen von Toulon verlassen. Durch ein Ragusisches Schiff von Nelsons Position unterrichtet, war er nach Carthagena gesteuert und hatte am 9. April die Meerenge passiert. Noch denselben Abend kam er in Sicht von Cadix und vereinigte sich mit dem Admiral Gravina. Gegen zwei Uhr morgens setzten die beiden vereinigten Geschwader ihren Weg weiter fort und am 11. waren sie, nachdem sie der Wachsamkeit des englischen Kreuzers entronnen, auf der hohen See. Nelson hatte alle diese Einzelheiten erst am 16. April erfahren. Gleich darauf hatten sich Westwinde erhoben, die ihn bis zum 30. im Mittelmeere zurückgehalten, und erst am 11. Mai, das heißt gerade einen Monat später als Villeneuve, war er seinerseits in die offene See gelangt. Drei Monate lang erschöpfte er sich in vergeblichen Hin- und Herfahrten und man kann sich denken, bis zu welchem Grade seine Wut gestiegen war. Endlich am 14. August kam er, nachdem er von seinen Schiffen diejenigen, die noch die hohe See halten konnten, in Cornwallis zurückgelassen, mit den andern, welche notwendiger Ausbesserungen bedurften, nach Portsmouth zurück, wo er am 18. desselben Monats vor Anker gegangen war. Ich befand mich damals mit Mistreß Bellington und Horatia in Southend. Sobald ich Nelsons Ankunft erfuhr, beeilte ich mich, nach Merton zurückzukehren, um ihn zu empfangen. Alle seine Freunde kamen ebenso herbeigeeilt, wie die meinigen.

Nun war jeder Tag ein Fest. Das Haus ward nicht leer und die Tafel zählte nie weniger als zwanzig bis fünfundzwanzig Kuverts. Ich führte bei diesen Festen und Diners den Vorsitz und wir, Nelson sowohl als ich, dachten gar nicht mehr daran, über unser vertrautes Verhältnis einen Schleier zu werfen. Im Gegenteile, jedes von uns war stolz darauf und Mylord stellte mir die Gäste vor, als ob ich wirklich Lady Nelson gewesen wäre. Schon am Tage nach seiner Ankunft fügte er in Gemäßheit der in seinen Briefen ausgesprochenen Absichten seinem Testament folgendes Kodizill zu Horatias Gunsten bei: »Ich vermache an Miß Horatia Nelson-Thompson, die am 13. Mai d. J. in dem Kirchspiel St. Marylebone durch den Pfarrer Benjamin Lawrence unter der Assistenz des Küsters John Willock getauft worden, und die ich als meine Adoptivtochter anerkenne, die Summe von viertausend Pfund Sterling, sechs Monate nach meinem Ableben oder, wenn es möglich ist, noch eher zahlbar, und ich ernenne meine teure Freundin Emma, verwitwete Lady Hamilton, zur alleinigen Vormünderin der genannten Horatia Nelson-Thompson. Bis diese das achtzehnte Lebensjahr zurückgelegt hat, sollen die Zinsen der viertausend Pfund Sterling für die Erziehung und den Unterhalt meiner Adoptivtochter an Lady Hamilton gezahlt werden. Ich wünsche, daß nur diese Horatias Erzieherin sei, denn ich bin überzeugt, daß sie ihr die Grundsätze der Tugend und Religion einflößen und ihr alle Eigenschaften, welche sie selbst in so hohem Grade besitzt, mitteilen wird, so daß sie einmal die würdige Gattin meines lieben Neffen Horatio Nelson werden kann, dem ich sie zur Frau bestimme, wenn er ihrer würdig ist, und wenn er nach Lady Hamiltons Ansicht verdient, einen solchen Juwel zu besitzen.« Diesmal rechnete Nelson wirklich darauf, nicht wieder zur See gehen zu müssen. Der Triumphe müde, mit Ruhm gesättigt, mit Ehren überladen und am Körper verstümmelt, trachtete er nach weiter nichts, als nach Einsamkeit und Ruhe. In dieser Hoffnung war er beschäftigt, alle Kostbarkeiten, die er in London besaß, nach Merton schaffen zu lassen. Ich glaubte mich auf diese Weise der Zukunft sicherer als je, als ein plötzlicher Donnerschlag mich aus diesem süßen Traume aufschreckte. Am 2. September, also kaum zwölf Tage nach Nelsons Rückkehr, ward gegen fünf Uhr morgens an unserer Tür gepocht. Nelson, welcher sogleich eine Botschaft von der Admiralität ahnte, sprang aus dem Bett und ging dem frühen Gast entgegen. Es war der Kapitän Henry Blackwood, der in der Tat im Auftrage der Admiralität kam und die Nachricht brachte, daß die vereinigten Flotten von Frankreich und Spanien, welche Nelson so lange vergeblich gesucht, in den Hafen von Cadix eingelaufen seien. Als Nelson den Kapitän erkannte, rief er: »Ich wette, Blackwood, daß Sie mir Kunde von den vereinigten Flotten bringen, und daß man mich beauftragt dieselben zu vernichten.« Es war dies allerdings die Meldung, welche Blackwood brachte, ebenso wie die Vernichtung, welche man von Nelson erwartete.

Alle seine schönen Pläne waren nun mit einem Male zerronnen. Er sah nun nichts weiter, als jenen kleinen Winkel Land oder vielmehr See, wo sich die vereinigten Flotten befanden. Freudestrahlend sagte er mit jenem Vertrauen, welches ihm seine früheren Siege einflößten, mehrmals hintereinander zu Blackwood: »Seien Sie überzeugt, lieber Freund, daß ich Villeneuve eine Lektion geben werde, die er sobald nicht vergißt.« Seine Absicht war anfangs gewesen, nach London zu gehen und alle für diese Expedition notwendigen Anstalten zu treffen, ohne mir von dem ihm erteilten neuen Auftrage etwas zu sagen. Da ich aber fast gleichzeitig mit ihm aufgestanden war und nach seiner Unterredung mit Blackwood recht wohl bemerkte, daß ihm etwas im Kopfe herumging, so führte ich ihn in einen Teil des Gartens, welchen er allen übrigen vorzog und seine Quartierbank nannte. »Was fehlt Ihnen, mein Freund?« fragte ich. »Sie werden von etwas beunruhigt, was Sie mir nicht sagen wollen.« Er zwang sich zu lächeln. »Ach,« antwortete er, »ich bin der glücklichste Mensch von der Welt. Was könnte ich auch in der Tat weiter wünschen? Reich in deiner Liebe, umgeben von meiner Familie, in der Tat, ich würde nicht sechs Pence darum geben, daß der König mein Onkel wäre.« Ich unterbrach ihn. »Ich kenne Sie, Nelson,« sagte ich, »und Sie würden vergebens versuchen, mich zu täuschen. Sie wissen jetzt, wo Sie die vereinigten Flotten zu suchen haben; Sie betrachten dieselben im voraus als Ihre Beute, und Sie wären der unglücklichste aller Menschen, wenn ein anderer als Sie diese Flotten vernichtete.« Nelson sah mich an, wie um mich zu befragen. »Wohlan, mein Freund,« hob ich wieder an, »vernichten Sie diese Flotten! Beenden Sie das, was Sie so gut begonnen. Diese Vernichtung wird der Lohn der zweijährigen Mühen sein, welche Sie soeben überstanden.« Nelson sah mich immer noch an; obschon er aber schwieg, so gewann doch sein Gesicht einen unaussprechlichen Ausdruck von Dankbarkeit. Ich fuhr fort: »Wie groß für mich auch der Schmerz Ihrer Abwesenheit sein möge, so bieten Sie doch, wie Sie immer getan, Ihre Dienste dem Vaterlande und gehen Sie sofort nach Cadix. Diese Dienste werden mit Dankbarkeit angenommen werden und Ihr Herz wird darin seine Ruhe wiederfinden. Sie werden einen letzten glänzenden Sieg erfechten und zurückkehren, glücklich, hier Ruhe im Verein mit Ehre und Würde zu finden.«

Nelson sah mich noch einige Sekunden lang schweigend an, dann rief er, während ihm die Tränen in die Augen traten: »Wackere Emma! Gute Emma! Ja, du hast in meinem Herzen gelesen, ja, du bist in meine Gedanken eingedrungen. Wenn es auf der Welt keine Emma mehr gäbe, so würde es auch keinen Nelson mehr geben. Du hast mich zu dem gemacht, was ich bin. Noch heute gehe ich nach London.« In der Tat reisten wir zwei Stunden später mit seinen Schwestern nach London ab. Nelson ließ uns in seinem Hause in Clergystreet und begab sich auf die Admiralität. Der durch den Telegraphen herbeigerufene »Victory« erschien noch denselben Abend in der Themse, und schon am nächstfolgenden Morgen traf man alle Anstalten zum Aufbruch. Dennoch blieben mir noch zehn Tage beisammen, obschon Nelson die fünf letzten fast ausschließlich auf der Admiralität zubrachte. Am 11. machten wir unserem lieben Merton Place einen letzten Besuch. Wie sehr ich mich auch zu bezwingen suchte, so konnte ich doch, sobald ich mich einen Augenblick allein sah, nicht umhin zu weinen. Den ganzen Tag des 12. blieben wir miteinander allein in Merton und übernachteten auch hier. Eine Stunde vor Tagesanbruch erhob sich Nelson, ging in das Zimmer seiner Tochter, neigte sich über ihr Bett und betete lautlos, aber mit großer Inbrunst und Tränen vergießend.

Er war sehr religiös.

Um sieben Uhr Morgens nahm er Abschied von mir. Ich geleitete ihn bis an seinen Wagen und er drückte mich lange und innig an sein Herz. Meine Tränen flossen unaufhaltsam, dennoch versuchte ich dabei zu lächeln, indem ich sagte: »Schlagen Sie sich nicht eher, als bis Sie den kleinen Vogel wieder gesehen haben.« Dies waren die letzten Worte, die ich an ihn richtete. Der Wagen rollte davon. Als er um die Ecke bog, winkte Nelson mir noch einmal zu. Ich sah ihn nicht wieder. Am nächstfolgenden Tage, sechs Uhr morgens, langte er in Portsmouth an und am 15. September stach er in See. Das Wetter war aber so ungünstig, daß der »Victory«, wie eilig er es auch hatte, zwei ganze Tage in Sicht der britischen Küste blieb. Diese Verzögerung gestattete Nelson, mir, ehe es weiter ging, noch zwei Billetts zuzusenden, welche die lebhafteste Zärtlichkeit für seine Tochter und mich atmeten, aus welchen aber schon einige bange Ahnungen hervorzublicken begannen. Endlich, nachdem der Wind günstig geworden, konnte Nelson den Kanal verlassen, und am 20. September, um sechs Uhr nachmittags, stieß er mit vollen Segeln zu der Flotte von Cadix, welche aus dreiundzwanzig Reserveschiffen unter dem Kommando des Vizeadmirals Collingwood bestand. Gerade an diesem Tage vollendete Nelson sein sechsundvierzigstes Lebensjahr. Am ersten Oktober gab er mir durch folgenden Brief Nachricht von seiner Vereinigung mit dem Admiral Collingwood und von einem nervösen Anfall, an welchem er gelitten. Diese Anfälle, mit welchen er behaftet war, hatten große Ähnlichkeit mit epileptischen Anwandlungen, so heftig waren sie. ›Victory‹, am 1. Oktober 1805. Meine innigstgeliebte Emma! – Es ist ein großer Trost für mich, die Feder zur Hand zu nehmen, und Dir eine Zeile zu schreiben, denn ich habe heute morgen einen meiner schmerzhaften Krampfanfälle gehabt, der mich vollständig entnervt hat. Ich glaube, einer dieser Anfälle wird früher oder später mein Tod sein. Indessen jetzt ist es vollständig vorüber und es ist mir von meinem Unwohlsein nichts zurückgeblieben, als sehr große Schwäche. Ich hatte gestern sieben Stunden lang geschrieben, und diese Anstrengung hat wahrscheinlich den Anfall herbeigeführt. Ziemlich spät abends am 20. September erreichte ich die Flotte, konnte aber erst am nächstfolgenden Morgen mit ihr verkehren. Ich glaube, meine Ankunft ist nicht bloß dem Kommandanten, sondern auch der ganzen Mannschaft willkommen. Als ich den Offizieren meinen Schlachtplan vorlegte, erschien ihnen derselbe wie eine Offenbarung, bei der sie ihre Begeisterung kaum zu mäßigen vermochten. Einige brachen geradezu in Tränen aus. Die Sache war neu und originell und dennoch einfach. Wenn man diesen Plan auf die französische Flotte in Anwendung bringen kann, so ist der Sieg sicher. »Sie sind von Freunden umgeben, welche volles Vertrauen zu Ihnen haben,« riefen mir alle diese Offiziere zu. Es ist möglich, daß auch ein Judas unter ihnen steckt, die Mehrzahl aber ist sicherlich sehr glücklich darüber, daß ich sie kommandiere. Soeben habe ich Briefe von der Königin und dem König von Neapel erhalten, wodurch meine Briefe vom 18. Juli und 12. Juli beantwortet wurden. Kein Wort für Dich! In der Tat, dieser König und diese Königin würden selbst die Undankbarkeit erröten machen. Ich füge die Abschrift dieser Briefe dem meinigen bei, welcher mit der ersten Gelegenheit nach England abgehen und Dir sagen wird, wie sehr ich Dich liebe. Der kleine Vogel hat sich noch nicht sehen lassen, aber es ist noch nichts versäumt. Mein verstümmelter Körper ist hier, aber mein Herz ist bei Dir.

H. Nelson

An demselben Tage, dem 20. September, wo Nelson seine Vereinigung mit Collingwoods Flotte bewirkte, empfing der Admiral von Villeneuve von seiner Regierung den Befehl, in See zu stechen, die Meerenge zu passieren, Truppen auf die Küsten von Neapel zu weisen und nachdem er das mittelländische Meer von den englischen Schiffen gesäubert, in den Hafen von Toulon zurückzukehren. Die vereinigte Flotte bestand aus dreiunddreißig Linienschiffen, achtzehn französischen und fünfzehn spanischen. Sie begann sich, von einer leichten Brise getrieben, Sonnabend am 19. Oktober, um sieben Uhr morgens, zu zeigen. Am Nachmittage desselben Tages, als die Schlacht nahe bevorzustehen schien, schrieb Nelson an mich und an das arme Kind, welches nun bald verwaist dastehen sollte, die zwei folgenden Briefe, die man nach seinem Tode in seinem Pult fand, und welche mir später der Kapitän Hardy überbrachte: »Meine teure, vielgeliebte Emma! – Soeben geht die Nachricht ein, daß die feindliche Flotte den Hafen verläßt. Wir haben sehr wenig Wind, so daß ich nicht hoffen kann, vor morgen mit ihr zusammenzutreffen. Möge der Gott der Schlachten meine Bemühungen mit glücklichem Erfolge krönen. Auf alle Fälle bin ich, mag ich siegen oder fallen, überzeugt, daß mein Name dadurch Dir und Horatia, welche ich mehr liebe als mein eigenes Leben, nur um so teurer werden wird. Bete für deinen Freund.

Nelson.«

An Horatia schrieb er: »Victory, 19. Oktober 1805. Mein teurer Engel! Ich bin, nachdem ich Dein liebes Briefchen vom 19. September erhalten, der glücklichste Mensch von der Welt. Es macht mir großes Vergnügen, zu wissen, daß Du ein gutes Mädchen bist, und daß Du meine teure Lady Hamilton liebst, welche Dich ihrerseits anbetet. Gib ihr einen Kuß für mich. Die vereinigte Flotte des Feindes läuft, wie man mir meldet, von Cadix aus. Deshalb beeile ich mich, Deinen Brief zu beantworten, meine teure Horatia, um Dir zu sagen, daß Du fortwährend der Gegenstand meiner Gedanken bist. Ich bin überzeugt, daß Du für mein Wohlergehen, für meinen Ruhm und für meine baldige Rückkehr betest. Empfange, mein Kind, den Segen Deines Dich liebenden Vaters

Nelson.«

Nelson.«

Am nächstfolgenden Tage fügte er meinem Briefe noch die Nachricht hinzu: »20. Oktober, morgens. Wir langen eben an den Ausmündungen der Meerenge an. Man sagt mir, man sehe in der Ferne vierzig Segel. Ich glaube, es sind dreiunddreißig Linienschiffe und sieben Fregatten, da der Wind aber sehr kalt ist und das Meer sehr hoch geht, so glaube ich, sie werden noch vor Einbruch der Nacht in den Hafen zurückkehren.«

Endlich, in dem Augenblicke, wo er die vereinigte Flotte erblickte, schrieb er in sein eigenes Tagebuch: »Möge der große Gott, vor welchem ich anbetend niedersinke, England im allgemeinen Interesse des unterdrückten Europas einen großen und ruhmreichen Sieg verleihen, und möge er auch gestatten, daß dieser Sieg durch keinen Fehler von seiten derer, welche kämpfen und triumphieren werden, verdunkelt werde. Was mich persönlich betrifft, so befehle ich mein Leben in die Hände dessen, der es mir gegeben. Möge der Herr des Himmels die Anstrengungen segnen, die ich machen werde, um meinem Vaterland treu zu dienen. Ich stelle ihm allein die heilige Sache anheim, zu deren Verteidiger er mich heute, in seiner Gnade berufen hat. Amen! Amen! Amen!«

Nach diesem Gebet, in welchem man jenes Gemisch von Mystizismus und Enthusiasmus findet, welches in gewissen Augenblicken unter der rauhen Schale des Seemannes hindurchblickt, schrieb er noch folgendes Todestestament: »Am 21. Oktober 1805 in Sicht der ungefähr noch zehn Meilen von uns entfernten vereinigten Flotten von Frankreich und Spanien. In Erwägung, daß die ausgezeichneten Dienste, welche von Emma Lyonna, Sir William Hamiltons Witwe, dem König und der Nation geleistet worden, niemals eine Belohnung, weder vom König noch von der Nation empfangen haben, erinnere ich hier namentlich daran: 1. Daß Lady Hamilton im Jahre 1799 die Mitteilung eines Briefes des Königs von Spanien an seinen Bruder, den König von Neapel erlangt hat, in welchem ersterer letzteren von seiner Absicht, England den Krieg zu erklären, in Kenntnis setzte, und daß, durch diesen Brief gewarnt, der Minister an Sir John Jervis den Befehl schicken konnte, sich, wenn sich die Gelegenheit dazu darböte, auf die spanischen Arsenale und auf die spanische Flotte zu werfen, und doch, wenn keines von beiden geschehen, dies nicht Lady Hamiltons Schuld ist. 2. Daß die unter meinem Befehl stehende britische Flotte nicht zum zweiten Male nach Egypten hätte zurückkehren können, wenn nicht durch Lady Hamiltons Einfluß auf die Königin von Neapel dem Gouverneur von Syrakus Befehl gegeben worden wäre, der Flotte zu erlauben, sich in den Häfen von Sizilien mit allem zu versehen, was sie brauchte, und daß ich auf diese Weise alles erlangte, was ich bedurfte, und in den Stand gefetzt ward, die französische Flotte zu vernichten. In Anbetracht alles dessen überlasse ich meinem König und meinem Vaterland die Sorge, diese Dienste zu belohnen, und Lady Hamiltons Zukunft in freigebiger Weise sicherzustellen. Ebenso vertraue ich auch dem Wohlwollen der Nation meine Adoptivtochter, Horatia Nelson-Thompson, und wünsche, baß sie fortan den Namen Nelson trage. Dies sind die einzigen Begünstigungen, welche ich von dem König und von England in dem Augenblicke erlange, wo ich im Begriff stehe, für beide mein Leben aufs Spiel zu setzen. Gott segne meinen König und mein Vaterland und alle, die mir teuer sind.

Nelson.«

Alle diese Vorsichtsmaßregeln, welche Nelson traf, um meine Zukunft sicherzustellen, sind Beweise, daß er von Todesahnungen verfolgt ward. Um den Urkunden, die er seinem Tagebuch einverleibt, noch mehr Gültigkeit zu geben, rief er seinen Flaggenkapitän Hardy und den Kapitän Blackwood vom »Euryalus«, denselben, der ihn in Merton aufgesucht, und ließ von ihnen beiden das Geschriebene als Zeugen mit unterschreiben. In der Tat finden sich ihre beiden Namen auch in dem Tagebuch neben dem Nelsons.

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