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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 94
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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92. Kapitel.

Die erste Sorge der Königin, als sie ans Land stieg, war, daß sie sich erkundigte, ob Nachrichten von der Armee von Italien eingegangen seien. Sie tat dies aus zwei Gründen: erstens wegen des Einflusses, den ein Sieg oder eine Niederlage Bonapartes auf die Geschicke des Königreiches beider Sizilien haben konnte, und zweitens wegen der Sicherheit ihrer Reise nach Wien. Unglücklicherweise wußten alle, an welche sie sich zu diesem Zwecke wendete, nicht mehr als sie selbst. Sie schickte deshalb einen der Herren, welche gekommen waren, um ihre Aufwartung zu machen, den Baron von Rosenheim, zu den österreichischen Generalen und ließ ihn von zwei Kurieren begleiten, die er zurückschicken sollte, sowie er Nachrichten von der Armee erhielte. Am 17. abends kam Herr von Sommariva von Florenz. Von ihm erfuhr man, daß Bonaparte die französische Armee in eigener Person kommandierte, was man bis jetzt noch nicht ganz bestimmt gewußt; daß die Franzosen sehr stark seien und Kavallerie hätten, und daß die beiden Armeen zwischen Alessandria und Tortona auf dem Punkte stünden, handgemein zu werden. Auf alle Fälle war, wie Herr von Sommariva hinzufügte, die Königin in Livorno vollkommen sicher. Dennoch war leicht zu sehen, daß der Mann, der uns auf diese Weise zu beruhigen suchte, selbst sehr wenig beruhigt war. In der Nacht reiste er wieder nach Florenz zurück. Am folgenden Tage verbreitete sich das Gerücht, die Franzosen seien vollständig geschlagen. Das, was man wünscht, glaubt man gern, und die Königin teilte uns daher allen diese gute Nachricht mit. In der Nacht vom 18. zum 19. empfing Nelson jedoch einen von Lord Keith abgesendeten englischen Offizier mit einem Briefe, welcher zunächst meldete, es sei zwischen der französischen und der österreichischen Armee ein Waffenstillstand abgeschlossen und dabei stipuliert wurden, daß die Österreicher sämtliche feste Plätze des Gebietes von Genua räumen und den Franzosen übergeben sollten. Dieser erste Teil des Briefes des englischen Kommandanten stimmte nicht mit dem überein, was man uns am Abend vorher von einer angeblichen Niederlage der Franzosen erzählt; der Rest der Depesche aber war für uns noch weit beunruhigender. Lord Keith befahl nämlich im weitern Verlaufe seines Schreibens Nelson, sofort alle Schiffe, die er unter seinem Befehl hätte, zusammenzurufen und sich mit denselben in den Golf von Spezzia zu begeben, um aus sämtlichen Forts, besonders aus dem Fort Santa Maria, sämtliche Geschütze hinwegzuführen, oder sie wenigstens für die Franzosen unbrauchbar zu machen.

Diese Nachrichten machten uns nicht wenig bestürzt. Augenscheinlich konnte eine solche Übereinkunft nur infolge einer Schlacht unterzeichnet worden sein und in dieser Schlacht waren die Österreicher ohne Zweifel geschlagen worden. Der Nelson erteilte Befehl, alles zu verlassen, um sich nach Spezzia zu begeben, war für uns ganz besonders betrübend. Die Königin sah in Nelson mit Recht ihre einzige Stütze und hielt sich ohne ihn für verloren. Er ließ uns jedoch nicht lange in dieser Unruhe. Er erklärte, daß er die Königin in der Lage, in welcher sie sich befände, auf keinen Fall verlassen würde, und schickte demzufolge, um zugleich Lord Keiths Befehle auszuführen, den »Alexander« und die »Dorothea« nach Spezzia, während er selbst mit dem »Donnerer«, mit dem »Vasco de Gama«, einem portugiesischen Schiff, und mit den sizilianischen Fregatten und Korvetten, die sich im Hafen von Livorno befanden, hier zurückblieb. Dieser Entschluß beschwichtigte einen Augenblick lang unsere Besorgnis in bezug auf die Sicherheit der Königin. Es dauerte jedoch nicht lange, so kam der Baron von Rosenheim zurück, welcher, wie man sich erinnert, ausgesendet worden war, um zu rekognoszieren. Er erzählte, er habe in Genua mit dem österreichischen General Hohenzollern gesprochen, und dieser habe ihm einen Vertrag zu lesen gegeben, der zwischen dem General Melas und dem General Berthier geschlossen worden. In diesem Vertrag sei ein Waffenstillstand zwischen den beiden Armeen vereinbart, welche die Feindseligkeiten nicht vor Ablauf von zehn Tagen wieder aufnehmen sollten. Mittlerweile sollten die Österreicher sämtliche feste Plätze, welche sie inne hätten, nämlich Genua, Savona, Coni, Alessandria, Tortona, Mondovi, die Zitadelle von Mailand, die von Turin und das Fort Urbino den Franzosen überlassen, und nur Mantua, Ferrara, Peschiera, Verona und Ancona behalten. Die Ursache, welche man für diesen verzweifelten Waffenstillstand anführte, war eine Schlacht, welche am 14. bei Marengo zwischen der Formida und der Scrivia stattgefunden, und in welcher Melas, nachdem er anfangs im Vorteil gewesen, zuletzt vollständig geschlagen worden. Man kann sich denken, wie groß die Verzweiflung der ganzen königlichen Familie bei einer solchen Nachricht war. Die Königin bekam einen Nervenzufall, der eine vollständige Erschöpfung zur Folge hatte, die mit sich bis zum Delirium steigernden Fieberanwandlungen abwechselte. Noch schlimmer aber ward die Sache, als Nelson, der ebenso verzweifelt war wie wir, Sir William – denn an mich getraute er sich ebensowenig, als an die Königin – den folgenden Brief brachte, den er soeben von Lord Keith erhalten: »Genua, am 21. Juni 1800. Soeben habe ich einen Mann gesprochen, welcher Bonaparte verlassen. Dieser Bonaparte sagt öffentlich, daß er, ehe er Frieden schließe, erst noch eine anderweite Macht in Italien unterwerfen müsse. Lassen Sie die Königin daher nach Wien abreisen, und zwar so schnell, als sie kann. Wenn die französische Flotte einen Tag vor der unseren in Sizilien anlangt, so ist Sizilien verloren, denn dieses ist nicht imstande, sich auch nur einen Tag zu halten. Keith

Der Brief war so dringend, daß man trotz des Gesundheitszustandes, in welchem die Königin sich befand, beschloß, ihn ihr mitzuteilen. Man berief daher in ihrem Zimmer eine Art Kabinettsrat, damit jeder seine Meinung über den Entschluß ausspreche, den er in einem solchen Augenblicke für den besten hielt. Karoline, die angesichts der drohenden Gefahr sich sofort wieder stark und kräftig fühlte, wollte noch denselben Augenblick abreisen, wie Lord Keith es ihr riet. Sir William und Nelson waren aber dagegen der Meinung, sie müsse in Livorno bleiben, wo sie die Schiffe des englischen Geschwaders stets zu ihrer Verfügung hätte, und nicht eher abreisen, als bis sie einen Kurier von Wien erhalten, der ihr meldete, wie die Dinge am Hofe ihres Neffen stünden. Da der Fürst von Castelcicala dieser Meinung beitrat, so ging dieselbe durch, und man beschloß zu bleiben. Gegen das Ende des Monats Juni entschied sich die Königin, die sich mittlerweile vollständig von ihrem Unwohlsein erholt, dennoch ihre Reise nach Deutschland weiter fortzusetzen. Nelson hatte Lord Keith gemeldet, daß er entschlossen sei, nach England zurückzukehren, und Lord Keith hatte ihm eines der Schiffe der Flotte zur Verfügung gestellt. Ebenso aber, wie ich über Wien reisen wollte, um die Königin nicht zu verlassen, hatte Nelson sich vorgenommen, denselben Weg einzuschlagen, um nicht mich zu verlassen. Karoline schrieb demzufolge an den Kommandanten von Ancona, um ihn zu fragen, ob in dem dortigen Hafen nicht ein Schiff läge, welches sie nach Fiume und von da nach Venedig bringen könnte. Während wir uns zur Abreise rüsteten, erhielt die Königin einen Brief von der Kaiserin, ihrer Nichte. Die Kaiserin bat ihre Tante, sich durch keinen Grund, weder durch einen guten noch einen schlechten, von ihrer Reise nach Wien abhalten zu lassen. Sie sagte, sie glaube, diese Reise sei für ihre Interessen nicht bloß nützlich, sondern auch notwendig, und sie forderte dann die Königin auf, einen Kurier nach Mailand an den General Melas zu schicken, damit dieser ihr den Weg bezeichne, den sie einzuschlagen hätte. Es folgten dann noch lange Klagelieder über das, was in Italien geschehen, zugleich aber gestand die Kaiserin, daß nach der Katastrophe bei Marengo Melas nichts anders gekonnt habe, als den Waffenstillstand unterzeichnen. Übrigens hoffe sie von einer Wiederaufnahme der Feindseligkeiten nichts Gutes, sondern sei, so viel auf sie ankomme, für einen guten, dauernden Frieden. Mittlerweile erfuhren wir, daß eine Abteilung von dreihundertsechsundzwanzig Mann Franzosen mit Artillerie in Lucca eingerückt sei, und diese Nachricht bestimmte die Königin, sofort abzureisen und Ancona auf dem Landwege zu gewinnen. Da sie die drei jungen Prinzessinnen und den kleinen Prinzen mit hatte und folglich, wenn sie sich nicht von einem oder dem andern ihrer Kinder trennen wollte, niemanden weiter in ihrem Wagen zulassen konnte, so kam man überein, daß sie zuerst abreisen und wir ihr dann folgen sollten. Überdies lag ihr so viel daran, sich so schnell wie möglich von den Franzosen zu entfernen, daß sie, ohne die andern Wagen abzuwarten und auf die bloße Versicherung hin, daß die Straße frei sei, nach Florenz aufbrach.

Lord Nelson, Sir William und ich reisten am nächstfolgenden Tage, das heißt am 11. Juli, ab. Diese Reise sollte, abgesehen von der Gefahr, womit sie verknüpft war, nicht ohne große Strapazen zurückgelegt werden. Wir hatten schlechte Wege und einen schlechten Wagen anstatt eines im Monat Juli fast immer gehorsamen Meeres und guter, mit allen Bequemlichkeiten des Lebens ausgestatteten Kajüten. Nachdem wir auf diese anstrengende Weise gegen hundert Lieues zurückgelegt, wurden wir auf elenden dalmatinischen Fischerbooten nach Triest weiter transportiert. Lord Nelson hatte sich auch bis auf den letzten Augenblick gegen diese Art zu reisen erklärt. Als echter Seemann fand er es bequemer, die Spitze von Kalabrien zu umsegeln und an Bord des »Alexander«, das heißt als König in das adriatische Meer hineinzusegeln. Was mich betrifft, so gestehe ich, daß ich der Reise zu Lande, wie ermüdend sie auch war, den Vorzug gab. Sir William war so krank, daß er erklärte, er sei beinahe überzeugt, er werde nicht lebendig nach Ancona kommen, dennoch aber werde er, der Königin treu, alles, selbst sein Leben, aufs Spiel setzen, um ihr zu folgen. Demgemäß reisten wir ab. Wir brauchten sechsundzwanzig Stunden, um von Livorno nach Florenz zu gelangen, weil die Nähe der Franzosen uns zwang, eine Menge Umwege zu machen. In Kastell San Giovanni warf unser Wagen um. Sir William trug eine leichte Kontusion am Knie davon, mir ward die eine Schulter ausgerenkt. Ein Dorfarzt richtete sie mir wieder ein, wobei er mich die gräßlichsten Schmerzen ausstehen ließ, während ein Stellmacher das gebrochene Rad des Wagens reparierte. Diese Reparatur war jedoch keine sehr dauerhafte, denn in Arezzo brach das Rad abermals. Da die Franzosen immer näherrückten und nicht weniger als zwei Tage dazu gehört hätten, um den Wagen in völlig guten Zustand zu setzen, so beschlossen wir, Lord Nelson, Sir William und ich, einen andern und zwar den ersten besten zu nehmen, den mir bekommen könnten. Unsere Dienstleute, die als Personen ohne Bedeutung den Franzosen ohne Gefahr in die Hände fallen konnten, wurden zurückgelassen und es ward verabredet, daß sie mit dem reparierten Wagen nachkommen sollten. Wir fuhren daher fort, die gräßlichen Straßen weiterzufahren und an Bevölkerungen vorüber zu kommen, deren Armut und Elend aller Beschreibung spottete.

Bei der Ankunft in Ancona fand die Königin eine österreichische Fregatte, die »Bellona«, bereit, sie und die Personen ihres Gefolges aufzunehmen. Da die Königin das Land sobald als möglich zu verlassen wünschte, so begab sie sich noch denselben Tag an Bord des Schiffes. Sobald sie aber einmal hier war, wußte sie nicht recht, ob sie auch hier bleiben sollte, und als wir drei Tage nach ihr anlangten, war ihre Unschlüssigkeit noch nicht zu Ende. Sie hatte, wie sie uns sagte, Lust, die Gastfreundschaft des aus drei Fregatten und einer Brigg bestehenden russischen Geschwaders in Anspruch zu nehmen. Nelson, der zu der österreichischen Marine wenig Vertrauen hatte, ermutigte sie in dieser Absicht. Da andererseits die österreichische Fregatte, um die königliche Familie und die Personen, welche sie begleiteten, in gebührender Weise aufzunehmen, sich genötigt gesehen hatte, die Zahl ihrer Kanonen auf vierundzwanzig zu reduzieren und da die Franzosen Herren der Küsten von Dalmatien waren, so hätten sie auch in der Tat die »Bellona« mit einer Anzahl Fischerboote entern und nehmen können. Unglücklicherweise aber war die Fregatte, auf welcher sich der Kommandant des russischen Geschwaders befand, auf die Ehre, welche die Königin ihm erzeigte, keineswegs vorbereitet und er konnte der königlichen Familie nur sein eigenes Zimmer überlassen, so daß wir uns genötigt sahen, uns auf einer andern Fregatte einzuschiffen. Sir William war so krank, daß alle Ärzte ihn aufgegeben hatten, und daß selbst der hoffnungsvollste von ihnen erklärte, er werde vielleicht bis Triest, nimmermehr aber bis Wien kommen. Gegen alles Erwarten aber fühlte Sir William sich bei der Ankunft in Triest nach einer guten Überfahrt ein wenig besser, und der übrige Teil dieser Reise ward unter günstigen Umständen zurückgelegt. In Wien ward ich infolge der lebhaften Freundschaft, welche die Königin für mich an den Tag legte, von ihrer Tochter und der ganzen kaiserlichen Familie aufs huldvollste empfangen. Sir Williams Genesung, welche sechs Wochen dauerte, hielt uns in der Hauptstadt von Österreich länger zurück, als wir außerdem geblieben sein würden. Das Vergnügen, welches ich hier fand, ward jedoch dadurch ebensowenig beeinträchtigt, als durch die Feste, die man mir gab, denn Sir William bestand darauf, daß ich mit Lord Nelson in Gesellschaft ginge, gerade so, als ob er selbst gesund gewesen wäre und uns begleitet hätte. Es war in der Tat Zeit, daß Marie Karoline nach Wien kam, um ihre Interessen zu vertreten, denn in ihrer Abwesenheit hatte niemand daran gedacht. Dies bestimmte die Königin, einen großen Entschluß zu fassen. Als sie sah, daß der Kaiser Franz nichts für sie stipuliert, als sie sah, daß die Engländer wohl Sizilien verteidigten, dessen Häfen sie benutzen konnten, aber Neapel aufgaben, weil ihnen dieses nichts nützen konnte, beschloß sie, nach Petersburg zu gehen und den Kaiser Paul um Unterstützung zu bitten. Dieser Schritt hatte den Erfolg, welchen die Königin davon gehofft. Paul der Erste war infolge der Veränderlichkeit seines seltsamen Charakters für den Augenblick mit Bonaparte im besten Einvernehmen und es war augenscheinlich, daß letzterer, auf eine so mächtige Freundschaft eifersüchtig, alles tun würde, was der Kaiser von ihm verlangte. Paul der Erste schrieb dem ersten Konsul einen sehr eindringlichen Brief, forderte aber von Karoline, wenn es ihm gelänge, einen Friedenstraktat zwischen Frankreich und Neapel zur Unterzeichnung zu bringen, den Schwur, daß dieser Vertrag streng beobachtet werden würde. Der General Lawascheff, Oberjägermeister des Kaisers Paul, ward mit dem Briefe desselben an den ersten Konsul gesendet, so daß am 6. Februar 1801 ein Waffenstillstand, auf den bald ein definitiver Friedensvertrag folgte, in Foligno zwischen dem Chevalier Micheroux und dem General Murat abgeschlossen ward. Einer der Artikel dieses Vertrags enthielt die Bestimmung, daß die wegen politischer Vergehen verbannten, eingekerkerten oder zur Flucht genötigten Untertanen des Königs von Neapel frei und ungehindert in ihr Vaterland zurückkehren und den Genuß ihres Eigentums wieder erlangen sollten. Zum Unglücke war dies für viele derselben schon zu spät! Die Tribunale waren tätig gewesen und das ganze Jahr 1799 und der Anfang des Jahres 1800 hatten furchtbare Hinrichtungen gesehen, unter andern die des unglücklichen Domenico Cyrillo, welcher, wie man sich erinnert, sich geweigert, die Königin infolge ihres Besuchs, den sie mit mir in der Vikaria gemacht, in Behandlung zu nehmen, und den wir nicht vor dem Zorne Ferdinands retten konnten, obschon die Königin auf meinen Antrieb ihn fußfällig um die Begnadigung des Unglücklichen bat.

Unser Aufenthalt in Wien war, wie ich schon gesagt, ein ununterbrochenes Fest. Der Fürst und die Fürstin Esterházy, welche während ihres Verweilens in Neapel im Hotel der englischen Gesandtschaft auf die zuvorkommendste Weise aufgenommen worden, wollten sich ganz besonders für diese Gastfreundschaft abfinden. Wir wurden demzufolge eingeladen, eine Woche in dem Palaste des Fürsten in Eisenstadt zuzubringen. Hier sahen wir etwas sehr Seltsames, wodurch man uns wahrscheinlich eine Ehre zu erweisen beabsichtigte. Während der ganzen Zeit, die wir in diesem Schlosse zubrachten, gab es hier nämlich eine Wachmannschaft von hundert Grenadieren, von welchen der kleinste seine sechs Fuß maß. So wie sie in ihrem Dienste aufeinanderfolgten, setzten die, welche die Wache bezogen, sich an eine reichlich und gut besetzte Tafel, bis eine zweite Abteilung von fünfundzwanzig Mann sie ablöste. In der Kapelle des Schlosses ward für uns ein großes Konzert unter der Direktion des ehrwürdigen, damals neunundsechzig Jahre alten Haydn aufgeführt. Man hatte dazu sein berühmtes Oratorium: »Die Schöpfung« gewählt. Nach ihrer Rückkehr von Petersburg bat die Königin von Neapel mich inständig, wie man eine Freundin bittet, deren Nähe man für unentbehrlich hält, mit ihr nach Italien zurückzukehren. Alles war ruhig, der König war wieder in Neapel eingezogen, der Frieden war hergestellt und sie versprach mir die Rückkehr der schönen Tage, welche auf meine erste Ankunft und die bezaubernde Morgenröte unserer Freundschaft gefolgt waren. Dann hätte ich aber Nelson verlassen müssen und es wäre, während er um meinetwillen alles verloren, die schwärzeste Undankbarkeit von mir gewesen, wenn ich so schnell hätte vergessen wollen, daß er eine Karriere wie die seinige seiner Liebe zu mir geopfert. Ich blieb daher unerbittlich. Die Königin, welche sah, daß ich fest entschlossen war, weiter zu reisen, bat mich hierauf, zum Angedenken an ihre königliche Wohlgewogenheit eine lebenslängliche Rente oder Pension von tausend Pfund Sterling jährlich anzunehmen. Bei dem ersten Worte aber, welches ich darüber zu Sir William sprach, antwortete er: »Wir sind selbst reich genug und übrigens würde eine solche Freigebigkeit den Argwohn der englischen Regierung erwecken.« Die Stunde der Abreise schlug. Die Trennung war schmerzlich und tränenreich, die drei jungen Prinzessinnen fielen mir eine nach der andern um den Hals und wollten mich nicht loslassen. Wir verbrachten die letzte Nacht alle bei einander, gedachten der guten und der bösen Tage und versprachen uns, sie niemals zu vergessen. Endlich verließen wir uns, nachdem die Königin mir noch das Versprechen abgenommen, zu ihr zurückzukehren, wenn ich von Unglück ereilt werden sollte. Sir William war leidend, abgespannt und durch die letzten Ereignisse niedergebeugt. Die Königin gab mir zu verstehen, daß, wenn ich einmal Witwe und Nelson zur See wäre, ich mich sehr einsam fühlen würde. Sie rechnete auf diese Eventualität und hoffte, daß ich dann mich bewogen sehen würde, mein Versprechen zu halten. Das, was mich gebieterisch nach England zurückrief, war ganz besonders der Zustand, in welchem ich mich befand. Ich fühlte mich Mutter. Sir William kannte mein vertrautes Verhältnis zu Nelson recht wohl, da aber unsere ehelichen Beziehungen beinahe immer nur die eines Bruders und einer Schwester gewesen, so hatte er niemals auch nur die mindeste Eifersucht gezeigt. Mein Zartgefühl bewog mich jedoch, meinen Zustand vor den Augen der ganzen Welt zu verbergen und in Zurückgezogenheit und Einsamkeit meine Niederkunft abzuwarten. Ich war Sir William Hamilton dankbar dafür, daß er die Augen zumachte, und ich durfte daher nicht gestatten, daß die Böswilligkeit sie ihm öffnete.

Wir reisten zunächst nach Prag, wohin der Erzherzog Karl uns eingeladen hatte. Nachdem wir hier einen glänzenden Empfang gefunden, setzten mir unsere Reise nach Dresden und dann nach Hamburg weiter fort. In dieser letzteren Stadt begegnete uns ein Abenteuer, welches erzählt zu werden verdient, und wir machten eine nicht weniger merkwürdige Begegnung. Kaum waren mir nämlich in dem Hotel abgestiegen, als man uns meldete, daß ein Mann von etwa sechzig Jahren und etwas gemeinem Äußern mich durchaus zu sprechen verlange. Ich ließ ihn fragen, was er wolle. Er ließ antworten, er werde dies nur mir selbst sagen. Durch diese Hartnäckigkeit besiegt, befahl ich, ihn eintreten zu lassen. Nun sah ich einen kleinen alten Mann von sechzig bis siebzig Jahren, welcher ein wenig verlegen und in schlechtem Englisch stotternd, den Hut in der Hand haltend, mir erzählte, er habe in seinem Keller Rheinwein vom Jahre 1626. Es war dies etwas noch ganz anderes als der Wein, von welchem Horaz spricht, und der bloß von dem Konsulat des Opimius datierte, denn der Wein meines kleinen alten Mannes war hundertundfünfundsiebzig Jahre alt, und befand sich seit einem halben Jahrhundert im Besitz seiner Familie. Dieser Wein, sagte er, sei immer für eine außerordentliche Gelegenheit aufgespart worden, und diese Gelegenheit böte sich jetzt schöner dar, als er jemals zu hoffen gewagt. Der wackere Mann, welcher fünfzig Jahre lang so geizig mit diesem Wein gewesen, bat mich, Lord Nelson zu bereden, von ihm fünfzig Flaschen von diesem Wein anzunehmen, der auf diese Weise die Ehre haben würde, sich mit seinem edlen Blut zu mischen und das Herz eines Helden schlagen zu machen. Während wir noch so sprachen, trat Nelson selbst ein und wollte, nachdem er den Zweck des Besuchs des kleinen alten Mannes erfahren, das Geschenk anfangs zurückweisen; auf die inständige Bitte des Gebers aber nahm er endlich zehn Flaschen, unter der Bedingung, daß der Geber den nächstfolgenden Tag bei ihm speise. Auf diese Weise war die Sache abgemacht, nur schickte Nelsons Gast zwölf Flaschen anstatt zehn von seinem Wein. Nelson erklärte hierauf, man werde sechs von diesen zwölf Flaschen sofort trinken, und die sechs anderen reservieren, so daß er eine nach jedem der Siege trinken könnte, welche er noch zu erringen erwartete, und die sich hoffentlich noch auf wenigstens ein halbes Dutzend belaufen würden. In der Tat trank er nach seiner Rückkehr von Kopenhagen bei einem großen Diner eine von diesen sechs Flaschen, indem er zugleich einen feierlichen Toast auf den Mann ausbrachte, der sie ihm geschenkt. Nach der Schlacht bei Trafalgar aber blieben leider, obschon der Sieg glänzend war, die fünf letzten Flaschen unberührt, denn der Sieger war mitten in seinem Siege gefallen.

Die zweite Erinnerung, die mir von meinem Verweilen in Hamburg zurückgeblieben, ist der Besuch, den wir von Dumouriez empfingen. Nelson stellte mir ebenso wie Sir William den berühmten Sieger von Valmy und Jemmapes vor, welcher aller Wahrscheinlichkeit nach Frankreich von einer Invasion rettete und später – man weiß unter welchen Umständen – mit dem jungen Herzog von Orleans, der eine von den jungen Prinzessinnen heiraten sollte, von welchen ich soeben in Wien Abschied genommen, zu den Österreichern überging. Ich war sehr neugierig, eine Berühmtheit, von welcher ich so oft sprechen gehört, in der Nähe zu sehen. Dumouriez war ein Mann von sechs- bis achtundsechzig Jahren, von mittlerem Wuchs, noch flink, so daß er höchstens fünfzig bis fünfundfünfzig Jahre zu zählen schien. Seine Gesichtsbildung war lebhaft und geistreich, sein Blick klar und feurig, und sein Gesicht hatte jene dunkle Färbung, welche die verschiedenen Atmosphären, in welchen ein Soldat sich bewegt, seiner Haut mitteilen. Ein Säbelhieb hatte auf seiner Stirne eine Narbe zurückgelassen. Er war Kriegsminister Ludwigs des Sechzehnten gewesen und unter seinem Ministerium hatte Frankreich den Krieg an Österreich erklärt. Er lebte jetzt in der Verbannung und betrachtete das, was in Frankreich vorging, mit dem Auge des Philosophen. Ich muß sagen, daß sein Blick, der, wenn auch nicht etwas vom Adler, doch wenigstens etwas vom Falken hatte, ziemlich deutlich in der Zukunft las. Von dem General Bonaparte sprach er mit der lebhaftesten Bewunderung und prophezeite ihm ein immer höher steigendes Glück, dessen Grenze sich nicht absehen ließe. Wir unsererseits erzählten ihm eine Menge Einzelheiten über den Hof von Neapel, über den von Palermo und über den von Wien, und hatten ihm einen der angenehmsten Tage unserer Reise zu verdanken. Wir blieben bloß drei Tage in Hamburg, das heißt nur so lange, als Sir William bedurfte, um ein wenig auszuruhen. Dann schifften wir uns ein und langten am 6. November in Yarmouth an. Es war dies das erstemal, daß Nelson, seit der Schlacht am Nil, wieder den Boden Englands berührte. Er ward mit enthusiastischer Bewunderung empfangen.

In dem Augenblicke, wo er ans Land stieg, kamen, weil das Gerücht von seiner Ankunft sich schon in der Stadt verbreitet, die Einwohner in Masse herbeigeeilt und riefe«: »Es lebe Nelson! Nelson hoch! hoch!« Man spannte die Pferde von seinem Wagen und zog ihn unter wahnsinnigem Beifallsjubel bis in das Hotel, wo er abstieg. Die in der Stadt garnisonierende Infanterie defilierte unter seinen Fenstern vorüber und die Regimentsmusik brachte ihm ein Morgenständchen. Der Mayor und der Gemeinderat holten ihn dann ab und führten ihn in die Kirche, wo ein Dankgottesdienst abgehalten ward. Als wir die Stadt verließen, geleitete uns ein Reiterkorps nicht bloß bis an die Tore, sondern eskortierte uns auch eine Strecke des Weges. Sämtliche im Hafen liegende Schiffe hatten geflaggt wie zum Geburtstag des Königs, der Königin oder des Kronprinzen. In London war der Beifall und Jubel ein noch weit größerer. Nelson empfing hier den Triumph von Abukir, von Neapel und von Malta auf einmal. Bei der Nachricht von seiner Ankunft zogen alle Schiffe in der Themse ihre Flaggen und Wimpel auf und sämtliche Korporationen votierten ihm Ehrenwaffen und Adressen. Das englische Volk, dieser geborene Feind Frankreichs, stürzte dem Vernichter der französischen Flotte begeistert entgegen. Nelsons Ruhm war in dem Munde der Seeleute eine Art Nationalsage geworden. Jeder Engländer glaubte, abgesehen von dem Stolz, den er empfand, der Landsmann eines der berühmtesten Seehelden, die jemals existierten, zu sein, er habe ihm den Ruhm seines Hauses, die Ehre seines Weibes, den ruhigen Besitz seines Eigentums und den Frieden seines Vaterlands zu verdanken. Am 8. November langte Nelson in London an und stieg in St. Jamesstreet im Hotel Nerot ab.

Ich entsinne mich, daß es Sonnabend war. Hier erwartete mich ein furchtbarer Schlag. Schon seit langer Zeit hatte ich mich gefragt, was Nelson wohl tun würde, wenn er nach London käme, und sich zwischen mir und seiner Gattin befände, deren tadelloser Wandel einstimmig gerühmt ward. Ich hatte diese Frage im Gespräch mit ihm niemals berührt. Ich näherte mich nur zitternd, und mit der sehr natürlichen Ungerechtigkeit, welche eine falsche Stellung einflößt, fühlte ich, daß ich Lady Nelson verabscheute und daß ich bei der gegenwärtigen Gelegenheit unversöhnlich gegen sie sein würde. Man denke sich die Gefühle, welche mich bewegten, als ich beim Eintritt in das für Nelson bestimmte Zimmer seinen ehrwürdigen Vater, einen mehr als achtzigjährigen Greis, der ihn erwartete, in Begleitung einer Frau erblickte, in welcher ich, ohne sie jemals schon gesehen zu haben, sofort Lady Nelson erkannte. Das Herz schnürte sich mir auf eine Weise zusammen, daß ich beinahe rücklings niedergesunken wäre. Nelson drehte sich nach mir herum. Er sah mich bleich und mit zusammengekniffenen Lippen dastehen, und er ward ebenso grausam als ich. Er ging stracks auf seinen Vater zu, umarmte denselben mit vieler Wärme, begrüßte dann aber seine Gattin ganz kalt, als ob sie eine ihm völlig fremde Person wäre. Sie ward ihrerseits sehr bleich, warf mir einen Blick zu, der mich erbitterte, denn ich glaubte in diesem Blick mehr Mitleid als Zorn zu erkennen, und dann stützte sie sich auf den Arm des Greises, als ob sie mit ihrem Schmerz sich unter dessen Silberhaar flüchten wollte. Ich verließ das Zimmer und begab mich in das, welches augenblicklich für uns bestimmt war. Nelson kam mir sofort nach, warf sich mir zu Füßen und schwur mir, daß seine Gattin für ihn nie etwas anderes sein solle, als eine Schwester. Er sah, daß dieses Versprechen nicht genügte, um mich zu beruhigen, und dann – Gott verzeihe ihm, der den Schwur tat, und mir, die ich ihn denselben tun ließ – und dann tat er den Schwur, sie niemals oder nur in meiner Gegenwart wiederzusehen.

Der nächstfolgende Tag war Sonntag. Der Lordmayor, welcher Nelson ein Fest bereiten wollte, mußte dasselbe auf den Montag verschieben, weil die strenge englische Sonntagsfeier keine weltliche Beschäftigung gestattet. Am Montag begab Nelson demgemäß sich in die City; bei Ludgate Hill spannte ihm das Volk die Pferde vom Wagen und zog ihn mit wahnsinnigem Hurrageschrei an Guildhall vorüber. Als er Cheapside passierte, ward er von dem Beifallsjubel der Frauen begrüßt, die an allen Fenstern standen und ihre Tücher schwenkten. Nachdem die gebräuchlichen Toaste ausgebracht worden, ward Nelson ersucht, den ihm votierten Ehrendegen in Empfang zu nehmen. Er trat unter einen zu seinem Empfange errichteten Triumphbogen, wo ihn der Schatzmeister der City erwartete, der eine Anrede an ihn hielt, auf welche Nelson antwortete: »Sir, mit freudigem Stolze und inniger Dankbarkeit empfange ich von dieser ehrenwerten Korporation dieses Zeugnis ihrer Zufriedenheit mit meiner Handlungsweise, und mit diesem Degen« – hier hob er denselben empor – »hoffe ich noch den vollständigen Sieg über unseren eingefleischten unversöhnlichen Feind zu erfechten, einen Sieg, ohne welchen unser Vaterland niemals einen dauernden und ehrenvollen Frieden erwarten kann.« Man sieht es, Nelson hatte sich schon durch seine eigenen Worte verbindlich gemacht, wieder aus der Ruhe herauszutreten, die er sich bei seiner Rückkehr nach England versprochen.

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