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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 93
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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91. Kapitel.

Einige Zeit nach unserer Ankunft in Palermo verständigte sich der König mit Sir William Hamilton über die Geschenke, welche er denen zu machen gedachte, die im letzten Feldzuge eine tätige Rolle gespielt hatten. Nelson war schon überhäuft und man konnte ihm nichts mehr geben. Sämtliche unter seinen Befehlen dienende Kapitäne erhielten jeder eine mit Diamanten besetzte Tabatiere. Die, welche Truebridge bekam, war überdies noch mit dem Bildnisse des Königs geschmückt, und dieser schenkte ihm außerdem einen sehr schönen Ring mit einem Diamanten, der einen Wert von wenigstens zweitausend Dukaten hatte. Mittlerweile nahte Nelsons einundvierzigster Geburtstag heran und an diesem, daß heißt am 20. September, schrieb ihm die Königin Karoline eigenhändig folgendes Billett, welches sie nicht mit Karoline, sondern mit Charlotte unterzeichnete, wie sie bei allen nichtpolitischen Gelegenheiten zu tun pflegte.

»Palermo, am 20. September 1799.

Mein würdiger, achtungswerter Lord Nelson! Empfangen Sie meine aufrichtigen Glückwünsche zu Ihrem Geburtstage. Wieviel Grund haben wir, Ihnen ewig dankbar und ergeben zu sein. Ihnen verdanken wir alles und glauben Sie, daß die Erinnerung daran unserm Herzen unauslöschlich eingegraben ist, denn ich bin nur der Dolmetscher des Königs und meiner teuren Kinder, die mit mir vereint Sie ihrer tiefen Dankbarkeit und der innigen frommen Wünsche versichern, welche sie für Ihr vollkommenes Glück und Ihre lange Erhaltung zum Himmel emporsenden. Empfangen Sie daher die Glückwünsche einer Familie oder vielmehr einer ganzen Nation, welche die ganze Verbindlichkeit fühlt, die sie Ihnen schuldig ist, und glauben Sie, daß ich lebenslänglich sein werde Ihre stets wohlgewogene

Charlotte.«

Dieser Monat September, währenddessen Nelson sein einundvierzigstes Lebensjahr zurücklegte und währenddessen auch ein Mann, an den niemand dachte, weil man ihn für immer in Egypten gefangen glaubte, nach Frankreich unter Segel ging, sah in Palermo seltsame Szenen vor sich gehen. Die türkische Flotte lag nebst der englischen im Hafen von Palermo; obschon aber Engländer und Türken für eine und dieselbe Sache fochten, so lag doch in der Art und Weise, auf welche die Offiziere und die Soldaten der beiden Nationen von den Sizilianern behandelt wurden, ein großer Unterschied. Die englischen Soldaten und Offiziere waren Ketzer, die türkischen Soldaten und Offiziere aber waren etwas noch weit Schlimmeres, denn sie waren Ungläubige. Die englischen Offiziere wurden in der Gesellschaft empfangen und von den sizilischen Damen nicht allzuschlecht behandelt. Die Soldaten ihrerseits hatten Bekanntschaften in der Stadt angeknüpft und schienen mit der Aufnahme, die sie hier fanden, sehr zufrieden zu sein. Gegen die Anhänger des Propheten jedoch war der Widerwille der Sizilianer und besonders der Sizilianerinnen so groß, daß selbst eine lumpenbedeckte Bettlerin sich keinen Türken hätte zu nahe kommen lassen, auch wenn er sie mit Gold überschüttet und zur Königin gemacht hätte. Die Folge hiervon war, daß die Muselmänner, entschlossen, die Gunstbezeigungen, die man ihnen nicht gutwillig gewähren wollte, sich mit Gewalt zu verschaffen, alle Frauen anfielen, welchen sie an abgelegenen oder auch sogar an öffentlichen Orten begegneten, ihnen, wenn sie allein waren, Gewalt anzutun und sie, wenn es in der Nähe des Hafens, auf dem Kai oder in der Nachbarschaft des Meeres war, mit auf ihre Schiffe zu schleppen suchten. Eines Nachmittags ergriffen auf der Marina, das heißt mitten auf der Promenade und während die Equipagen Korso machten, zwei Türken, gerade als ob sie von Tunis oder Algier kämen und in einem feindlichen Lande ans Ufer stiegen, eine Frau und schleppten sie trotz ihres Geschreies nach einem Boote, wo ihre Kameraden sie erwarteten. Zum Glück kamen auf das Geschrei des Schlachtopfers mehrere Matrosen herbeigeeilt. Einer der beiden Türken blieb von einem Messerstich durchbohrt auf dem Strande liegen, der andere hatte noch Zeit, das Boot zu erreichen und entrann. Die Sache kam soweit, daß die Frauen nicht bloß in den Straßen und auf den Promenaden überfallen wurden, sondern es hatte ein Frauenzimmer sogar in einem offenen Kaufladen, wenn sie allein war, oder nicht genügenden Schutz hatte, alles zu fürchten. Es entspannen sich demzufolge fortwährende blutige Kämpfe, wobei die Türken von ihren Pistolen und die Sizilianer von ihren Dolchen und Messern Gebrauch machten. Wenn andererseits ein Matrose, ein Soldat oder ein Offizier von der türkischen Flotte sich an einen abgelegenen Ort wagte, so fand man ihn den nächstfolgenden Tag unfehlbar tot oder mit Stichwunden bedeckt. Der Haß, den diese wilden Tiere einflößten, war so groß, daß, wenn man in Gegenwart eines Sizilianers von einem Türken sprach, man sicher sein konnte, daß der Sizilianer die Farbe wechselte und knirschend und fluchend die Hand an den Dolch legte.

Der nachstehend erzählte Vorfall machte im königlichen Palast großen Lärm. Unsern Soireen wohnten in der Regel zwei junge Leute von zweiundzwanzig und vierundzwanzig Jahren, beide sehr elegant und sehr schön, bei. Der eine war der Fürst von Sciarra, der andere der Chevalier Palmieri de Micciche. Eines Tages nun, sei es nun, daß die Türken den Fürsten von Sciarra für ein als Mann verkleidetes Frauenzimmer gehalten, oder sei es, daß sie sich an einen so geringfügigen Umstand wie das Geschlecht weiter nicht kehrten, warfen sich sechs oder acht Türken über den jungen Fürsten her und versuchten ihn fortzuschleppen. Zum Glück kam Micciche seinem Freunde mit einem Stockdegen zu Hilfe geeilt, dennoch aber wären wahrscheinlich beide, der eine seinem schönen Aussehen, der andere seinem freundschaftlichen Eifer zum Opfer gefallen, wenn nicht fünf oder sechs Männer aus dem Volke ihnen gegen ihre Angreifer Beistand geleistet hätten. Zwei Sizilianer wurden bei diesem Handgemenge verwundet und ein Türke getötet. Man erwartete jeden Augenblick den Beginn einer neuen sizilianischen Vesper, aber nicht gegen die Franzosen, sondern gegen die Muselmänner. Am 8. September gegen ein Uhr nachmittags traten zwei Türken auf der Straße von Montreale plötzlich in den Laden eines Schuhmachers, und während der eine die Frau fortschleppte und ihr ein Tuch in den Mund drehte, um sie am Schreien zu hindern, bedrohte der andere mit seinem Säbel die Gesellen. Diese kehrten sich jedoch nicht an diese Drohung, sondern schwangen ihre Messer, stürzten sich auf die Räuber und riefen: »Nieder mit den Muselmännern! Nieder mit den Türken! Nieder mit den Ungläubigen!«

Auf diesen Ruf, der sich wie ein Lauffeuer nach den Vorstädten und aus den Vorstädten nach der Stadt fortpflanzte, erhob sich ganz Palermo mit lautem Wutgeschrei und jeder machte, die erste Waffe, die ihm in die Hände fiel, ergreifend, auf die Muselmänner Jagd wie auf wilde Tiere. Die Türken sahen diesmal wohl, daß es sich nicht um einen vereinzelten Kampf, sondern um eine allgemeine Erhebung handelte. Die Tore verschlossen sich vor den Flüchtlingen, welche vergebens um ein Asyl baten, und von den Balkons herab warf man ihnen Tische, Stühle, Blumentöpfe usw. auf die Köpfe. Es trat ein Augenblick ein, wo man von einem Ende der Stadt bis zum andern nichts hörte als Flinten- und Pistolenschüsse, Flüche, Verwünschungen, Schmerz- und Wutgeheul und Todesröcheln.

Das Blut strömte in den Straßen, alle Glocken läuteten Sturm. Binnen zwei Stunden war die Sache beendet.

Die zwei- oder dreihundert Türken, welche sich in diesem Augenblicke in der Stadt befanden, bedeckten den Boden. Kaum fünfzig retteten sich – die einen, indem sie in das Meer sprangen, die anderen, indem sie sich in ihre Boote warfen und durch rasches Rudern das Weite zu gewinnen suchten. Der türkische Admiral befand sich auf seinem Schiff. Als er erfuhr, was vorging, richtete er seine Kanonen auf die Stadt. Nelson jedoch, der von der Situation unterrichtet war, und schon seit langer Zeit gehört hatte, welche Klagen man fortwährend über die Türken erhob, ließ sein Geschwader Schlachtordnung formieren und meldete dann seinem Kollegen, daß er ihn bei dem ersten Kanonenschuß, den er gegen die Stadt abfeuerte, in den Grund bohren würde. Diese Mitteilung war für den türkischen Admiral genügend und er kehrte auf seinen Ankerplatz zurück.

Ich habe schon einigemal von einem Mann gesprochen, welcher, während dieser Zeit, und ohne daß jemand etwas davon ahnte, Egypten verließ, zwischen Malta und dem Kap Bon hindurch und nach Frankreich steuerte, wo seine Rückkehr dem Stande der Dinge in ganz Europa ein anderes Ansehen geben sollte. Dieser Mann war Bonaparte. Man weiß, wie er, nachdem er durch die beiden Siege am Berge Tabor und bei Abukir die Pforte für den Augenblick in den Zustand der Ohnmacht versetzt, sich heimlich auf den »Muiron« eingeschifft, und daß es ihm gelungen war, die Wachsamkeit der englischen Kreuzer zu täuschen. Am 8. Oktober kam er in Fréjus, am 16. in Paris an und vollführte endlich am 9. November den Staatsstreich, der unter dem Namen des 18. Brumaire bekannt ist. Die Nachricht von diesen außerordentlichen Tatsachen versetzte, wie man sich leicht denken kann, den Hof von Palermo in die größte Aufregung. Es dauerte jedoch nicht lange, so traten andere Ereignisse zutage, welche uns persönlich angingen, und uns nötigten, unsere Blicke von den öffentlichen Angelegenheiten auf unsere Persönlichkeit zu lenken. Die Wendung, welche die Dinge in Frankreich nahmen, und die Notwendigkeit, die Blockade von Malta zu beschleunigen, hatten Nelson genötigt, uns zu verlassen, um an den westlichen Küsten Italiens und in dem Meerbusen von Lyon zu kreuzen. Während dieses Kreuzens erhielt er plötzlich die Nachricht, daß Lord Keith mit dem Oberkommando der britischen Seemacht im mittelländischen Meere bekleidet worden, einem Kommando, welches Nelson seit zwei Jahren geführt hatte. Gleichzeitig ward uns gemeldet, daß Sir Arthur Paget zum englischen Gesandten bei der Regierung der beiden Sizilien ernannt worden sei, und folglich Sir William Hamilton ersetzen werde. Hierin lag nicht bloß eine Mißbilligung alles dessen, was Lord Nelson und Sir William getan, sondern auch ein höchst rücksichtsloser Beweis von Ungnade. Ich kann sagen, daß dieser unerwartete Schlag für den Hof der beiden Sizilien ebenso empfindlich war wie für uns selbst. Nelson fühlte sich grausam verletzt, nicht bloß in seiner Eigenliebe, sondern auch in seiner Liebe zu mir. Was Sir William betraf, so war er ganz einfach wütend und man hätte meinen sollen, es läge ihm noch mehr als mir daran, sich nicht von Nelson zu trennen. Am 3. Februar 1800 schrieb Mylord Nelson uns oder vielmehr mir: »Meine teure Lady Hamilton! Da ich jetzt einen Oberkommandanten habe, so kann ich nicht eher wieder zu Ihnen kommen, als bis ich diesen begrüßt. Die Zeiten haben sich geändert. Ich erkläre Ihnen aber, daß ich, wenn er nicht geraden Weges hierherkommt, ihn nicht erwarte. Übrigens schicke ich den Kapitän Allen mit dem Auftrage, sich zu erkundigen, wie Sie sich befinden. Antworten Sie mir mit ein paar Zeilen. Mein Herz ist erfüllt von Unruhe und Sorge für Sie. Gott segne Sie, meine teure Lady, und seien Sie versichert, daß ich niemals aufhören werde, zu sein Ihr Ihnen zu Dank verpflichteter, treu ergebener

Nelson.«

Ich beeilte mich, Nelson zu antworten. Ich wußte, wieviel er litt und wie sehr einige freundliche Worte von mir sein armes, gebrochenes Herz trösten würden. Der Admiral Keith fand sich sehr bald bei seinem berühmten Kollegen ein, damit dieser nicht allein nach Palermo käme. Beide reisten daher zusammen ab, der Admiral Keith auf der »Königin Charlotte« und Nelson auf dem »Donnerer«. Am 6. Februar kamen sie an, und Nelson kam eiligst herbei, um sich mit uns zu besprechen. Es ward verabredet, daß, wenn Sir William und ich den Hof von Neapel verließen, Nelson seine Entlassung einreichen oder wenigstens einen längeren Urlaub verlangen sollte. Am 9. Morgens stattete der König dem Lord Keith einen Besuch an Bord der »Königin Charlotte« ab, und am nächstfolgenden Morgen machte er in gleicher Weise einen Besuch auf dem »Donnerer«. Am Morgen des 18. begegnete man einer kleinen französischen Flottille, die von dem Kontreadmiral Perrée kommandiert ward, der sich auf dem »Généreux«, einem Schiffe von vierundsiebzig Kanonen, befand. Er kam von Toulon und führte einen Truppentransport nach Malta. Nelson griff die Flottille sofort an und nach einem furchtbaren Kampfe, in welchem Admiral Perrée eine tödliche Wunde empfing, ward sein Schiff genommen. Der französische Admiral starb am nächstfolgenden Tage, dem 19. Noch denselben Tag schrieb der Divisionsmajor Poulain an Nelson, um ihn zu bitten, dem Kommandanten der französischen Seemacht im mittelländischen Meere die letzten Ehren zu erweisen, indem er zugleich an jene Brüderschaft des Mutes appellierte, welche den lebenden Feind bekämpft, ihn aber, wenn er tot ist, auch zu ehren weiß. Ich freue mich, sagen zu können, daß diese Ansprache Gehör fand. Einige Tage später, das heißt am 24. Februar, erhielt Nelson von Lord Keith Befehl, sich zur Blockade von Malta zu verfügen, »um jeden Dienst von öffentlicher Wichtigkeit zu leisten«, im Grunde genommen aber vielmehr, wie man sogleich sehen wird, um ihn von mir zu entfernen. Dieser Befehl war von speziellen Instruktionen in bezug auf das begleitet, was er für den Fall zu tun haben würde, daß Lavalette sich ergäbe. Der Admiral fügte hinzu – und hier trat die Absicht, uns zu trennen, deutlich zutage – daß Nelson, da Palermo zu weit entfernt sei, aufgefordert würde, Syrakus, Messina oder Augusta als künftigen Sammelplatz zu wählen. Dieser Befehl steigerte Nelsons Erbitterung aufs höchste. Der Lohn für sein verlorenes Auge, für seinen abgerissenen Arm, für seine gespaltene Stirn, der Lohn für Abukir, für neun verbrannte und in den Grund gebohrte feindliche Schiffe war eine kleinliche Schikane, welche sein innerstes Privatleben berührte und ihn im tiefsten Herzen verwundete. Er antwortete daher noch denselben Tag: »Mylord! Mein Gesundheitszustand ist von der Art, daß es mir unmöglich ist, hier zu bleiben. Wenn ich bleibe, so bin ich tot. Ich bitte Sie deshalb, meinen Wunsch zu erfüllen, meine Freunde in Palermo auf einige Wochen besuchen zu dürfen. Das Kommando hier werde ich dem Kommodore Truebridge überlassen. Nur die unbedingte Notwendigkeit veranlaßt mich, Ihnen diesen Brief zu schreiben. Ich bin mit der größten Ehrerbietung usw.

Nelson«

Nelson.«

Dieser Brief hinderte nicht, daß Nelson nicht wider seinen Willen bei der Blockade von Malta zurückgehalten ward. Endlich aber, am 10. März, ging er, ohne die Übergabe von Lavalette oder die Erlaubnis des Admirals Lord Keith abzuwarten, unter Segel nach Palermo und langte hier in dem Augenblicke an, wo seltsamerweise die Vermählung des siebenundsechzigjährigen Generals Acton mit seiner vierzehnjährigen Nichte gefeiert ward. Beeilen wir uns zu sagen, daß dem General aus dieser Ehe drei Kinder geboren wurden. Ich glaube schon zu verstehen gegeben zu haben, daß bereits seit langer Zeit zwischen ihm und der Königin kein vertrautes Verhältnis mehr bestand. Wenn ich sagen sollte, zu welcher Zeit dieses vertraute Verhältnis sein Ende erreichte, so würde ich dasselbe bis zum Tode des Fürsten Caramanico zurückführen.

Nelsons Freude, als er uns wiedersah, war groß. Ich muß sagen, daß er, abgesehen von der Sehnsucht, sich uns wieder zu nähern, wirklich sehr krank war. Ein neues Mißgeschick, welches mich traf und welches er als einen Schimpf betrachtete, steigerte seinen Groll gegen den englischen Hof auf das höchste. Seit der Einnahme der Insel Malta durch die Franzosen war der Malteserorden fast als erloschen zu betrachten. Kaiser Paul der Erste von Rußland aber, welcher nach dem Rufe eines ritterlichen Monarchen trachtete, hatte sich zum Großmeister dieses Ordens erklärt und teilte neue Patente aus. Auf Nelsons Wunsch schickte er ein Großkreuz mit einer Ehrenkomturei dem Kapitän Ball, und indem Sir Charles Whitworth, der englische Gesandte in Petersburg, Mylord diese Nachricht mitteilte, meldete er ihm zugleich, daß ich zur Kleinkreuzdame des Ordens ernannt worden. Sir William sendete Sir Charles Whitworths Brief und das Ordenspatent an die Regierungskanzlei in London und bat für mich um die Erlaubnis, dieses Kreuz tragen zu dürfen. Die Kanzlei würdigte dieses Gesuch nicht einmal einer Antwort. Nelson schrieb seinerseits, stieß aber auf dasselbe Stillschweigen. Nun war Nelsons Entschluß gefaßt. Er beschloß, wenn auch nicht seinen Abschied, doch einen Urlaub zu verlangen, den er mit uns in London verleben wollte. Da übrigens in der Zwischenzeit Sir Arthur Paget, Sir William Hamiltons Nachfolger, angelangt war und Sir William, ohne ihm im mindesten Rechenschaft von der Situation zu geben, ihm das Gesandtschaftshotel mit den Archiven überlassen hatte, so beschlossen wir, Palermo zu verlassen, uns auf den »Donnerer« zu begeben und zwei Monate in Neapel zu verweilen. Nach Ablauf dieser zwei Monate wollten wir nach Palermo zurückkehren, die Königin abholen und dieselbe bis nach Wien begleiten, wohin sie zu reisen gedachte. Wenn sie dann von dort nach Neapel zurückkehrte, wollten mir unsere Reise nach London weiter fortsetzen. Demzufolge nahmen wir in den ersten Tagen des April von der königlichen Familie einstweilen Abschied und segelten mit dem »Donnerer« ab. Wir sollten eher wieder kommen, als wir ursprünglich beabsichtigt hatten. Ich habe gesagt, daß die Rücklehr Bonapartes nach Frankreich dem Stande der Dinge in Europa eine andere Wendung geben sollte, und in der Tat war in Frankreich diese Wendung bereits eingetreten. Sobald das Direktorium gestürzt und Bonaparte zum ersten Konsul ernannt war, wendete er seine Augen nach dem von Suwaroff und Melas wieder eroberten Italien. Nur Melas war in Italien geblieben. Suwaroff war, nachdem er durch Massena bei Zürich geschlagen worden, nach Petersburg gegangen, um Paul dem Ersten Rechenschaft wegen dieser Niederlage zu geben. Gegen das Ende des Monats Mai erfuhr man, daß Bonaparte mit einer Armee von vierzigtausend Mann über die Alpen gegangen war. Die Königin glaubte, es sei nun der geeignete Augenblick da, um ihrem Neffen einen Besuch zu machen. Bonapartes Glück konnte ihn von den Ufern des Nil nach den Ufern des Po begleiten und wer konnte in diesem Falle den Umsturz erraten, den ein von den Franzosen erfochtener Sieg in Italien herbeiführen würde? Nelson sollte sich mit dem »Donnerer« der Königin zur Verfügung stellen. Ihre Abreise war auf den 8. Juni festgesetzt, verzögerte sich jedoch noch um zwei Tage.

Endlich am 10. Juni schifften wir, die Königin, die drei Prinzessinnen, der Prinz Leopold, Sir William und ich, uns auf dem »Donnerer« ein, der in Begleitung der »Prinzessin Charlotte«, des »Alexander« und des neapolitanischen Postschiffes nach Livorno segelte. Die Fahrt ging trefflich von statten und mit einer guten Brise langten wir am 14. Juni, das heißt an demselben Tage, wo Bonaparte die Schlacht bei Marengo gewann, in Livorno an. Wir blieben bis zum 16., ohne ans Land gehen zu können, denn der Wind war frisch geworden und das Meer ging sehr hoch. Erst am 16., um neun Uhr morgens, konnten wir in Lord Nelsons Boot steigen und an der Treppe der Finocchetti anlegen. Die Ankunft der Königin hatte eine unzählige Menschenmenge herbeigelockt. In dem Augenblicke, wo sie ans Land stieg, ward sie von dem General Baron von Fenzel, von dem Gouverneur von Livorno und endlich von dem Herzog von Strozzi begrüßt, welchen letzteren der Großherzog beauftragt hatte, die Königin überallhin zu begleiten, wohin sie sich zu begeben wünschte, während der Chevalier Sergardi, Oberadministrator der Krongüter, während ihres Aufenthaltes in Toskana alle Kosten bestreiten sollte. Wir stiegen in die für uns bereitstehenden Equipagen und begaben uns alle in die Kathedrale, wo man zum Dank für die glücklich zurückgelegte Reise der Königin ein Te Deum sang. Als wir in den Palast zurückkehrten, fanden wir die Herzogin von Atri, welche ausdrücklich von Florenz gekommen war, um die Königin zu empfangen, und am Abende gingen wir ins Theater, wo wir mit wahnsinnigem Beifallsjubel begrüßt wurden. Man wußte noch nicht, daß unter den Mauern von Alessandria eine Schlacht geliefert worden war.

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