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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 91
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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89. Kapitel.

Lord Nelson in bezug auf den Admiral Caracciolo ganz besondere Befehle von dem König und der Königin empfangen und er sich verbindlich gemacht, ihn tot oder lebendig in seine Gewalt zu bekommen, so hatte er sich in der Stadt erkundigen lassen, und auf diese Weise erfahren, daß Caracciolo sich in der Nacht vom 23. zum 24. geflüchtet und nun jedenfalls die Grenze bereits passiert habe. Diese Nachricht versetzte Nelson in die größte Wut, welche sich durch Flüche und Verwünschungen, deren Heftigkeit selbst durch meine Gegenwart nicht gemäßigt wurde, Luft machten. Gegen halb zwölf Uhr nachts hörten wir plötzlich jenen Ruf, den die Schildwache ausstößt, wenn sie, nachdem Retraite geschlagen, ein Boot sich dem Schiff nähern sieht. Nelson setzte, gerade als ob er die Wichtigkeit der Nachricht, welche dieses Boot brachte, erraten hätte, die Tasse Tee, welche er zum Munde führte, auf den Tisch und ging bis an die Schwelle der Kajüte. Hier stieß er auf den wachthabenden Offizier.

»Ein Bauer wünscht mit Ihnen allein zu sprechen. Mylord,« sagte der Offizier. – »Ein Bauer? Was will er von mir?« – »Aus seinem Kauderwelsch habe ich zu entnehmen geglaubt, daß es sich um Caracciolo handelt.« – »Um Caracciolo? Zum Teufel, lassen Sie den Bauer herunterkommen, Sir.« – Der Bauer war niemand anders als ein Pächter von Francesco Caracciolo, bei welchem der unglückliche Admiral Zuflucht gesucht. Er kam, um seinen Herrn zu verkaufen, wollte aber gut bezahlt sein. Man versprach ihm viertausend Dukati und gab ihm tausend auf Abschlag. Er forderte die größte Geheimhaltung, besonders dem Kardinal gegenüber, der, wie er behauptete, Caracciolo zur Flucht behilflich gewesen. Man kam überein, daß der Kardinal von dem, was in dieser Beziehung geschehe, nicht das mindeste erfahren solle. Der Bauer verlangte vier Mann, um ihm auf seiner Expedition Beistand zu leisten. Hier aber begann die Verlegenheit. Nelson hätte ihm wohl vier englische Matrosen mitgegeben, diese aber würden, wie gut sie sich auch verkleidet hätten, Verdacht erregt haben, weil sie nicht die Sprache des Landes redeten. Nelson fragte den Verräter, ob er nicht selbst vier Männer habe, auf die er rechnen könne. Er antwortete Ja, denn für Geld könne man alles haben, was man wolle, aber man werde wenigstens fünfzig Dukati per Mann zahlen müssen. Es waren sonach zweihundert Dukati mehr zu riskieren. Nelson bewilligte die zweihundert Dukati. Der Pächter gab dafür seinen Namen und seine Adresse. Er hieß Luigi Martino und wohnte im Dorfe Calvezzano. Es ward verabredet, daß den nächstfolgenden Tag abends ein englisches Boot am Granatello warten und der Admiral, sobald man ihn einmal festgenommen, in dieses Boot gebracht und sofort an Bord des »Donnerers« geführt werden sollte. Dies war eine große Neuigkeit und man wagte nicht recht, sich zu schmeicheln, daß sie in Wahrheit begründet sei. Auch erwähnte Sir William sie in dem Briefe, den er am 27. früh an den General Acton schrieb, nur beiläufig.

Ich teile diesen Brief hier mit, denn er gibt eine genaue Idee von dem Zustande, in welchem Neapel sich in diesen Tagen befand. »Euer Exzellenz werden aus meinem letzten Briefe ersehen haben, daß der Kardinal und Lord Nelson keineswegs einer und derselben Meinung waren. Deshalb haben wir nach reiflicher Überlegung beschlossen, von einer kleinen Kriegslist Gebrauch zu machen, und Lord Nelson ermächtigte mich demgemäß gestern, dem Kardinal zu schreiben, daß er sich der Einschiffung der Rebellen nicht widersetzen würde und daß er bereit wäre, ihm mit der unter seinem Kommando stehenden Flotte allen Beistand zu leisten. Dies äußerte die beste Wirkung. Neapel war erst ganz außer sich bei dem Gedanken, daß Lord Nelson den Waffenstillstand brechen wollte. Heute dagegen ist alles wieder beruhigt und der gute Kardinal hat ein Te Deum singen lassen, um dem lieben Gott für die Rettung seiner teuren Patrioten zu danken. Er hat mit Ball und Truebridge verabredet, daß die Rebellen in den beiden Kastellen diesen Abend eingeschifft werden sollen, während fünfhundert englische Matrosen ans Land gehen und dann die Besatzung der beiden Kastelle bilden, auf welchen, Gott sei Dank, die Fahnen Seiner sizilischen Majestät wehen.

Wir befanden uns in Mylord Nelsons Boot, als die Matrosen in dem Sanitätshafen ausgeschifft wurden. Die Freude des Volkes war laut und stürmisch. Die neapolitanischen und englischen Farben wehten an allen Fenstern, und als wir wieder Besitz von den Kastellen nahmen, erstrahlte Neapel wie von einem einzigen unermeßlichem Freudenfeuer. Ich habe mit einem Worte begründete Hoffnung, daß Lord Nelsons Ankunft hier zum Nutzen des Ruhmes und der Interessen der sizilischen Majestäten sein wird. Es war notwendig, daß ich mich zwischen Mylord Nelson und den Kardinal stellte, sonst wäre schon vom ersten Tage an alles verloren gewesen. Der Baum des Abscheues, den man vor den Palast gepflanzt, ist umgehauen, und die rote Mütze vom Kopfe des Riesen herabgerissen. Der Kapitän Truebridge leitet die Ausschiffung und die Rebellen, die sich an Bord der Felucken befinden, dürfen ohne einen Befehl von Lord Nelson nicht von der Stelle, denn man hat wohl gesagt, Lord Nelson werde sich ihrer Einschiffung nicht widersetzen, aber man hat nicht gesagt, was man, nachdem sie sich eingeschifft, mit ihnen machen würde. W. Hamilton.«

Am Abend des 27. begaben sich, wie Sir William gesagt hatte, in der Tat alle Rebellen auf die Feluken, in dem Glauben, daß sie nun die Fahrt nach Toulon antreten würden; aber in ihrer festen Zuversicht sahen sie sich bitterlich enttäuscht; denn kaum waren sie an Bord, so wurden die Feluken in den Schutzbereich englischer Schiffe geführt, die sie in wenigen Sekunden in Grund und Boden schießen konnten. Am 29. wurde ich bei Tagesanbruch durch einen großen Lärm im Schiffe erweckt. Ich warf einen Morgenrock über, und ging auf Deck. Aller Augen waren auf eine Barke gerichtet, die fast noch eine Meile entfernt war, in der man aber schon neben einem an Händen und Füßen gefesselten Mann jenen Bauer sehen konnte, der uns am Abend des vorletzten Tages aufgesucht und das Angebot gemacht hatte, Caracciolo zu verraten. Er hatte sein Versprechen gehalten, brachte seinen Herrn und wollte sich sein Geld holen. Nelson und Sir William schienen außer sich vor Freude. Ich sah alles gewissermaßen nur mit den Augen meines Freundes und meines Geliebten an und muß gestehen, ich hielt nach allem, was ich von ihm hatte erzählen hören, den Admiral für einen Verräter und schweren Verbrecher, so daß ich mich mit ihnen über seine Gefangennahme freute. Und doch krampfte sich mir das Herz zusammen beim Anblick dieses Mannes, der jedesmal, wenn ich ihn mit der Königin hatte sprechen hören, die Sprache eines tapferen Kriegers und eines Ehrenmannes geführt hatte. Ich ließ Nelson und Sir William sich ihres Triumphes freuen, und in der Meinung, daß es sich für eine Frau nicht gezieme, daran teilzunehmen, stieg ich in mein Zimmer hinab, dessen Tür ich verschloß. Ich wußte, wie Nelson seinem Kollegen gesinnt war; ich hatte den Brief gelesen, den mein Mann am vorigen Tage an Acton geschrieben: ich konnte daher nicht an dem Schicksal zweifeln, das dem Gefangenen vorbehalten war.

Ein Brief Sir Williams an General Acton besagt, in welchem Zustande Caracciolo an Bord des »Foudroyant« gebracht wurde; ich führe hier die betreffende Stelle an, die sich auf den neapolitanischen Admiral bezieht: »Wir sahen Caracciolo vor uns; blaß, mit langem Barte, halb tot, die Augen senkend, wurde er an Bord des Schiffes gebracht, wo er nun mit dem Sohne Cassanos, Don Giulio, dem Priester Pacifico und andern schändlichen Verrätern zusammentraf. Ich vermute, man wird die Schuldigsten ohne weiteres aburteilen. Vor allem ist es vorteilhaft, daß wir diese Haupträdelsführer gerade zu der Zeit in unserer Gewalt haben, wo Sant-Elmo angegriffen werden soll. Wir können für jede Kugel, die die Franzosen auf uns abfeuern, einen Kopf fallen lassen.« Ich führe dieses Bruchstück eines Briefes aus zwei Gründen an: erstens, weil es Einzelheiten über den Transport des unglücklichen neapolitanischen Admirals an Bord des englischen Schiffes enthält; zweitens, weil es beweist, bis zu welchem Grade die sanftesten, wohlwollendsten Gemüter von dem grausamen Feuer des Bürgerkriegs erhitzt waren. Sir William, ein Mann des Kabinetts, ein kultivierter, menschenfreundlicher Geist, ein dem Kult der Antike gewidmeter Gelehrter, der das Schöne ebenso innig verehrte wie ein griechischer Bildhauer, mußte von einer seltsamen Störung der Ideen ergriffen sein, um einen solchen Brief zu schreiben. Das Unglück derer, welche in diesen heißen Tagen der Revolution unter dem glühenden Hauche des Parteigeistes eine Rolle spielen, liegt darin, daß sie von Menschen beurteilt werden, die in gewöhnlichen Zeiten, in gemäßigten Epochen leben. Jener verhängnisvolle Tag des 29. Juni 1799 hat einen Blutflecken auf unsern drei Namen zurückgelassen und dennoch – davon bin ich überzeugt – glaubten Nelson und Sir William eine Pflicht zu erfüllen, und ich, von Natur schwach und die Verbrechen mit den Augen der Königin betrachtend, ich tat, wie ich eingestehe, zur Rettung des unglücklichen Admirals nicht das, was unter anderen Umständen mein Herz mir befohlen haben würde, zu tun.

Man verzeihe mir diese Abschweifung, Caracciolos Tod, welchen alle meine Bitten und alle Gewalt, die ich über Nelson besaß, wahrscheinlich nicht hätten verhindern können, ist gleichwohl die blutende Wunde meines Lebens geblieben. Bis zu diesem Tage verachtete mich die Welt vielleicht mit Unrecht, von diesem Tage an aber hat sie mich gehaßt, und zwar mit Recht. Ich werde nichtsdestoweniger fortfahren, alle Einzelheiten jenes furchtbaren Tages zu erzählen, wie sehr mir auch diese Erzählung das Herz zerreißen mag. Sobald als Caracciolo den Fuß auf das Deck des »Donnerer« gesetzt, ward Befehl gegeben, seinen Prozeß zu beginnen. Nelson entwickelte bei dieser ganzen furchtbaren Angelegenheit eine fieberhafte Hast, die sich kaum durch die Geringschätzung erklären läßt, womit Leute, welche jeden Augenblick ihr Leben aufs Spiel setzen, auch das Leben anderer betrachten. Man hat von Eifersucht gesprochen und behauptet, Nelson habe in Caracciolo einen Nebenbuhler seines Ruhmes gesehen. Diese Anklage ist eine völlig ungereimte. Selbst in der französischen Marine hatte Nelson seinerzeit nicht seinesgleichen. Die Schlacht bei Abukir hatte ihn über alle Seehelden des achtzehnten Jahrhunderts gestellt, denn noch nie seit Erfindung des Pulvers hatte ein Mann einen solchen Sieg davongetragen, wie der bei Abukir war.

Was aber war Caracciolo neben dem Sieger von Toulon, von Calvi, von Teneriffa, von Abukir? Als Seemann sehr wenig. Oder war Nelson eifersüchtig auf den Vorzug der Geburt, welchen Caracciolo vor ihm voraus hatte? Auch dies ist nicht wahrscheinlich. Wie alle aus mittlerem Stande stammenden zu einer hohen Stellung gelangten Männer der Intelligenz war Nelson vielmehr stolz darauf, nicht von vornehmer Geburt zu sein. Anstatt durch seine Ahnen und durch seinen Vater geadelt worden zu sein, hatte er vielmehr diese geadelt. Ich werde, glaube ich, zu einer gerechteren Würdigung Nelsons gelangen, wenn ich ihn nach mir selbst beurteile. Nelson war, wie ich, ein Kind aus dem Volke. Er arbeitete sich durch seinen Mut empor, ebenso wie ich durch meine Schönheit, und plötzlich nach der Schlacht bei Abukir befand er sich, ebenso wie ich nach meiner Vermählung mit Sir William, in Berührung mit den Großen der Erde.

Die Wirkung war auf das Weib dieselbe wie auf den Helden, obschon beide auf verschiedenen Wegen zu ihrem Ziel gelangt waren. Erstaunt über seinen Triumph, geblendet durch sein neues Glück, berauscht von den Lobreden und Geschenken, die er von allen Königen empfing, und von den Liebkosungen und Schmeicheleien, womit besonders der König Ferdinand und die Königin Karoline ihn überhäuften, sah Nelson bald keine andern Rechte mehr als die der Monarchen und bekannte sich mit Begeisterung zu der Sache der Könige gegen die Völker. Jeder, der diese Rechte in Frage zu stellen wagte, war in seinen Augen ein Rebell; jeder, der es unternahm, sie zu bekämpfen, verdiente nach seiner Ansicht den Tod. Er glaubte gleich dem Erzengel Michael aus der Hand Gottes das flammende Schwert empfangen zu haben, und ebenso wie der Erzengel Michael schlug er mit diesem flammenden Schwert auf Satan und die empörten Engel los. Bei der entsetzlichen Hinrichtung Caracciolos, so wie bei der nicht weniger entsetzlichen der Republikaner von Neapel zögert er keinen Augenblick, und nachdem die Hinrichtung vorüber ist, empfindet er nicht bloß keine Reue, sondern wundert sich sogar, daß man ihm ein solches Gefühl zutrauen könne. Der König und die Königin haben ihm befohlen, sich Caracciolos tot oder lebendig zu bemächtigen, und wenn er ihn lebend in seine Gewalt bekommt, ohne Schonung gegen ihn zu verfahren. Dies genügt ihm. Infolge dieses Auftrages ist ihm die Vollmacht des Richters und im Notfall auch die des Henkers verliehen. Jetzt fragte man, wie man sich leicht denken kann, mich über diese Angelegenheit Caracciolos nicht um Rat. Ich habe gesagt, daß ich, um dem unglücklichen Admiral nicht in den Weg zu kommen, mich in meine Kajüte eingeschlossen hatte. Nelson und Sir William ließen mich darin. Sie wußten nur zu gut, daß, wenn ich sähe, wenn ich hörte, mein Frauenherz schwach werden würde, und da sie dann mit meinem Mitleid zu kämpfen hätten, wie dies später der Fall war, als ich die Königin um Cirillos Begnadigung bat, und die Königin ihren Gemahl auf den Knien, obschon vergeblich, anflehte, ihr diese Begnadigung zu gewähren.

Ich blieb daher in meiner Kajüte, hörte aber später folgendes erzählen:

An Bord angelangt, ward Caracciolo sofort seiner Fesseln entledigt und unter die Aufsicht gemeiner Schildwachen gestellt, welche instruiert waren, ihn nicht aus dem Auge zu lassen.

Gegen Mittag trat der Kriegsrat zusammen. Derselbe bestand aus fünf Offizieren der neapolitanischen Marine. Die Namen dieser Offiziere habe ich niemals erfahren. Der Graf von Thurn führte den Vorsitz. Das Verhör dauerte eine Stunde. Caracciolo antwortete in würdiger, edler Weise, aber ohne juristischen Beistand und ohne daß man ihm Zeit ließ, eine ausführliche Verteidigung vorzubereiten, die übrigens schwer gewesen sein möchte, da er ja öffentlich und bei hellem, lichtem Tage gegen seinen König gekämpft. Seine Strafbarkeit ward deshalb einstimmig anerkannt und das Protokoll Nelson vorgelegt, welcher mit derselben Unerschütterlichkeit wie am Morgen folgenden Befehl niederschrieb:

»An den Kapitän Grafen von Thurn.

In Erwägung, daß der aus Offizieren im Dienste Seiner sizilischen Majestät zusammengesetzte Kriegsrat sich versammelt hat, um Francesco Caracciolo wegen des ihm zur Last gelegten Verbrechens der Rebellion gegen seinen Monarchen zu richten, und in Erwägung, daß der genannte Kriegsrat, nachdem er das Verbrechen des Hochverrats erkannt, über Caracciolo das Todesurteil ausgesprochen – werden Sie hiermit beauftragt, das erwähnte Todesurteil gegen den genannten Caracciolo in der Weise zu vollstrecken, daß Sie ihn an der großen Raa der Fregatte »Minerva«, welche Seiner sizilischen Majestät gehört, aber unter unsern Befehlen steht, aufknüpfen lassen. Dieses Urteil wird heute um fünf Uhr vollzogen und die Leiche des Hingerichteten bis Sonnenuntergang hängen bleiben, wo dann der Strang durchschnitten und der Körper ins Meer geworfen werden wird.

An Bord des »Donnerers«, Neapel, 29. Juni 1799.

Horace Nelson.«

Daß er zum Tode verurteilt werden würde, dies hatte Caracciolo wohl erwartet, dennoch aber glaubte er, man werde aus Rücksicht auf seine Eigenschaft als Fürst ihn entweder erschießen oder enthaupten. Als er das Urteil verlesen hörte, welches ihn zum Tode durch den Strang verdammte, geriet er in furchtbare Aufregung und bat einen Offizier, zu Nelson zu gehen und diesen um die Gunst zu bitten, ihn erschießen, aber nicht hängen zu lassen. Nelson fertigte den Offizier mit harten Worten ab, indem er sagte, Caracciolo sei durch ein aus Offizieren seines Landes zusammengesetztes Kriegsgericht verurteilt und er könne daher sich nicht weiter einmischen. Auf Caracciolos wiederholtes inständiges Bitten wagte der Offizier zum zweiten Male vor Nelson zu erscheinen und ich hörte, wie letzterer ihm in rauhem Tone zurief: »Bekümmern Sie sich um sich selbst, Sir, aber nicht um Dinge, die Sie nichts angehen.«

Der Offizier kehrte auf das Deck zurück. Man sagte mir später, Caracciolo habe nun meinen Namen genannt und den Offizier gebeten, zu mir zu gehen und mich zu bitten, es auszuwirken, daß er enthauptet, oder erschossen, anstatt gehängt werde. Ohne Zweifel aber wagte der Offizier, nach dem harten Verweis, den er von Nelson erhalten, nicht, mich aufzusuchen. Er antwortete dem unglücklichen Verurteilten, er habe vergebens zu mir zu gelangen gesucht. Was mich betrifft, so kann ich vor Gott beschwören, daß niemand mit mir zugunsten Caracciolos gesprochen, weder daß ihm das Leben geschenkt werden, noch daß eine Änderung in bezug auf seine Todesstrafe eintreten möge.

Um drei Uhr verließ Caracciolo, der Verurteilte, ohne daß ich etwas davon wußte, den »Donnerer«, um auf die »Minerva« gebracht und dort hingerichtet zu werden. Einen Augenblick später kam Sir William zu mir und meldete mir bloß, daß Caracciolo verurteilt und daß er nicht mehr an Bord sei. Ich benutzte diesen Umstand, um aufs Deck zu gehen, denn ich hatte seit sieben Uhr morgens keine frische Luft geschöpft. Die Witterung war trübe und traurig, obschon es der 29. Juni war. Das Schauspiel, welches man vor Augen hatte, stimmte mit dieser Witterung überein – die mit Gefangenen beladenen Feluken und der »Donnerer«, welcher selbst einer Anzahl derselben zum Gefängnis diente, gewährten einen niederschlagenden Anblick. Es schien unter allen diesen Unglücklichen eine große Aufregung zu herrschen, und erst jetzt erfuhr ich durch den Chevalier Micheroux, der an Bord kam, daß, nachdem man den Patrioten erlaubt, sich einzuschiffen, nachdem man frische Besatzung in die Kastelle gelegt, nachdem man mit einem Worte die Vorteile der Kapitulation benutzt, Lord Nelson die armen Getäuschten als Gefangene zurückhielt.

Ich habe gesagt, daß ich dies alles durch den Chevalier Micheroux erfuhr, und es geschah dies auf folgende Weise: Der Chevalier Micheroux, der Kardinal Ruffo und der Kommandant Baillie hatten alle drei von seiten der Gefangenen folgende Reklamation erhalten: »Der ganze Teil der Garnison der Kastelle, welcher sich an Bord der Feluken befindet, um nach Toulon zu segeln, befindet sich in der größten Bestürzung. Er erwartete zuversichtlich die Ausführung der Kapitulation, obschon seit der übereilten Räumung der Kastelle nicht alle Artikel genau beobachtet worden sind. Seit zwei Tagen ist das Wetter günstig, der Wind gut und dennoch bleiben wir hier liegen und sehen keine Anstalten zur Abreise treffen. Noch mehr, gestern abend um sieben Uhr sahen wir mit dem größten Schmerz die Generale Manthonnet, Massa und Basset, den Präsidenten der Exekutivkommission Ercole d'Agnese, den Präsidenten der Legislativkommission, Domenico Cirillo, Emanuele Borga, Piatti und noch mehrere andere aus unserer Mitte hinwegführen. Man hat sie sämtlich auf das Schiff des englischen Kommandanten gebracht, wo sie die ganze Nacht zurückgehalten worden und von wo sie noch nicht wieder zurückgekehrt sind. Die gesamte Garnison erwartet von Ihrer Rechtschaffenheit die Aufklärung dieser Tatsache und die Ausführung der Kapitulation.

Reede von Neapel, 29. Juni 1799. Albanese.«

Nelson nahm das Papier, las es in aller Ruhe und sagte, indem er dem Chevalier Micheroux einen Körper zeigte, den man mit Hilfe eines Flaschenzuges emporzog und welcher zappelnd am Ende eines Strickes an der großen Raa der »Minerva« hängen blieb: »Dies dort ist meine Antwort an die Rebellen. Sie können sie diesen ebenso überbringen, wie dem Kardinal Ruffo.«

Micheroux betrachtete mit Erstaunen dieses Schauspiel, welches er nicht zu begreifen schien. »Aber,« fragte er, »wer ist jener Mann und was tut man ihm?« – »Jener Mann,« hob Nelson wieder an, »ist der Verräter Caracciolo und er wird auf meinen Befehl gehängt. So wird es jedem Rebellen ergehen, der die Waffen gegen seinen König getragen.« – Ich stieß einen Schrei aus. Auch ich hatte alles gesehen, ohne zu ahnen, was ich sah. Der Chevalier Micheroux stieg, bestürzt über die Antwort des Admirals, in das Boot hinab, welches ihn hergebracht, bedeckte sich das Gesicht mit den Händen und ließ sich wieder zurück ans Land rudern. Noch denselben Tag sendete der Kardinal Ruffo, weil er weder Caracciolo retten, noch die Ausführung des Traktates erlangen gekonnt hatte, seine Entlassung nach Palermo ein.

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