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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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7. Kapitel.

Wenn Mr. James Hawarden geglaubt hatte, mich, wenn er mich mitten unter die Diamanten, die Saphire, die Smaragden und Perlen des reichen Mr. Plowden versetzte, von der Versuchung oder die Versuchung von mir zu entfernen, so hatte er sich sehr getäuscht. Dieser gelehrte Anatom, der in der Brust und in den Eingeweiden seiner Kranken ihre physischen Gebrechen las, hatte nicht verstanden, in meinem Herzen das moralische Gebrechen zu lesen, von welchem es verzehrt ward. Mich jeden Augenblick des Tages diese tausenderlei Kleinode aller Art und von jeder Gestalt, welche diesen so notwendigen, ja für jedes wirkliche Weib so unentbehrlichen Überfluß ausmachen, berühren, mich sie von weit weniger schönen Wesen als ich war, und welche von ihren Ehemännern oder von ihren Liebhabern zu dieser Quelle des Lichtes geführt wurden, um sich für Bälle, für die Theater, für Festlichkeiten zu schmücken, an den Hals, an die Handgelenke, an die Ohren halten lassen – dies hieß das Pulver mit dem Feuer spielen lassen.

Zehn oder zwölf Tage nach meiner Anstellung besuchte mich Mr. Hawarden, um sich nach mir zu erkundigen. Man sprach sich sehr belobend über mich aus. Mr. Plowden war ganz entzückt von mir. Er behauptete, die meisten Herren, welche Schmucksachen für ihre Frauen oder für ihre Liebhaberinnen kauften, nähmen dies bloß zum Vorwand, um mich zu sehen, und würden, wenn sie es sonst wagten, mit den gekauften Gegenständen lieber meine Ohren, meinen Hals und meine Arme schmücken, als die der eben erwähnten Damen. Es lag hierin viel Wahres und auch ich konnte nicht umhin, die Wirkung zu bemerken, die ich hervorrief. Mr. Hawarden, der sich über das mir gespendete Lob nicht wenig freute, bat Mr. Plowden mir zu erlauben, den nächsten Sonntag bei ihm zuzubringen, weil er, wie er sagte, mir eine Überraschung bereiten wolle. Den nächsten Tag frühzeitig würde er mich wieder zurückbringen. Mein Dienstherr bewilligte dies um so eher, als Sonntags in London kein Kaufladen geöffnet wird, so daß die Gunst, die er mir zugestand, auch den Vorzug hatte, daß er dabei keinerlei Nachteil erlitt. In Mr. Hawardens Hause ging es, wie der Leser aus den wenigen Worten, die ich darüber gesagt, schon abgenommen haben wird, nicht eben sehr lustig zu; die vierzehn Tage aber, welche ich in dem Bijouterieladen zugebracht, wo ich fortwährend beschäftigt gewesen, Schmucksachen vorzuzeigen und den Personen, welche dieselben zu sehen verlangten und anprobierten, allerhand Schmeicheleien zu sagen, hatten mich vierundzwanzig Stunden wenn auch nicht des Vergnügens, doch wenigstens der Ruhe schätzen gelehrt. Überdies hatte Mr. Hawarden auch von einer Überraschung gesprochen, und ich war sehr neugierig, worin dieselbe bestehen würde. Am Sonntag fand ich mich demgemäß zur Stunde des Frühstücks in Leicester Square ein. Mistreß Hawarden empfing mich mit ihrer gewohnten wohlwollenden Sanftmut. Es war ein herrlicher Augusttag. Man ließ den Wagen anspannen und machte eine Spazierfahrt nach dem Hyde Park. Ich kannte bis jetzt von London weiter nichts als Villiersstreet, Oxfordstreet, Leicester Square und den Strand. Diese aristokratische Promenade war daher der Beginn meiner Einführung in eine neue Welt. Diese Scharen von Reitern in dem reichen Kostüm, welches man zu jener Zeit trug, die eleganten Amazonen mit den wallenden Gewändern und Schleiern, dieser Glanz der vornehmen englischen Gesellschaft, alles setzte mich in Erstaunen. Ich hätte die Hälfte meiner Lebenszeit darum gegeben, wenn mir vergönnt gewesen wäre, einen jener Phaëtons zu führen, welche mit Blitzesschnelle an uns vorüberfuhren, oder auf einem der schönen Pferde zu sitzen, welche in der für die Reiter reservierten Allee auf- und abgaloppierten. Ganz gewiß hatte Mr. Hawarden, um mich von Ehrgeiz und Stolz zu heilen, ein Mittel in Anwendung gebracht, welches Gefahr lief, eine Wirkung hervorzubringen, die der von ihm erwarteten geradezu entgegengesetzt war. Wir kehrten durch den Greenpark zurück, den wir, um dem Kinde ein Vergnügen zu machen, zu Fuße durchwandelten, und gingen dann wieder nach Hause, um den Vesperimbiß einzunehmen. Ich fragte Mr. Hawarden, ob dies die Überraschung sei, von welcher er gesprochen. »Nein,« sagte er. »Allerdings scheint unser Ausflug Ihnen Vergnügen gemacht zu haben, ich habe Ihnen aber noch etwas Besseres zu bieten. Ich werde Ihnen den berühmten Garrick zeigen.« Ich wußte nicht im mindesten, wer Garrick wäre und suchte meine Unwissenheit auch durchaus nicht zu verbergen oder zu bemänteln, sondern bat um nähere Erklärung. »Garrick,« sagte Mr. Hawarden, »ist der größte Schauspieler, der jemals gelebt hat.« Ich machte große Augen. »Er spielt heute abend wahrscheinlich zum letztenmal, während dagegen eine junge Schauspielerin, der man eine große Zukunft verspricht, eine gewisse Mistreß Siddons, zum ersten Male auftritt. Sheridan, dessen Freund und Arzt ich gleichzeitig bin, hat mir Billetts zu einer Loge geschickt, und ich hatte die Absicht, Sie an diesem Genusse teilnehmen zu lassen.« – »Wie,« rief ich, »ich soll mit ins Theater gehen? Ich soll eine Komödie sehen?« – »Nein, eine Tragödie vielmehr, doch hoffe ich, daß Ihnen dieselbe ebenso sehr gefallen wird.« Ich stieß einen Freudenschrei aus und klatschte in die Hände wie ein Kind, welches ich in der Tat auch noch war. »Ach,« rief ich, »wie gut Sie sind, Mr. Hawarden. Wie, ich soll ein Trauerspiel sehen! Dann wird es Könige und Königinnen auf der Bühne geben, nicht wahr? Und wie heißt das Trauerspiel, welches wir sehen werden?« – »Es heißt ›Romeo und Julia‹, mein Kind, und ist eins der vier Meisterwerke Shakespeares.« – »Und das soll ich sehen!« rief ich vor Freude hüpfend. »Mein Gott, wie glücklich ich doch bin!« – »Na,« sagte Mr. Hawarden, »es macht wirklich Vergnügen, Ihnen Vergnügen zu machen.«

Ich war in der Tat vor Freude geradezu außer mir. Oft hatte ich wohl schon vom Theater sprechen gehört, aber ich hatte keinen Begriff davon, was es eigentlich wäre. Einige von Mistreß Colmans Schülerinnen, welche in Chester im Theater gewesen und dort herumziehende Schauspielertruppen gesehen, waren ganz entzückt wieder nach Hause gekommen. Wie mußte es erst in London sein. »Wann geht es denn an?« fragte ich Mr. Hawarden. – »Schlag halb acht Uhr.« – »Und wann ist es aus?« – »Ziemlich um elf Uhr.« – »Dann dauert es also drei und eine halbe Stunde?« – »Ja, aber von diesen vierthalb Stunden,« sagte Mr. Hawarden lachend, »müssen die Zwischenakte in Abrechnung gebracht werden.« – »Aber nicht wahr, wir werden gleich zum Anfange dort sein?« – »Jawohl; wenn der Vorhang aufgeht, sind wir bereits in unserer Loge.« – »Ach mein Gott; jetzt ist es erst fünf Uhr!«

»Weniger fünf Minuten, aber die Zeit wird vergehen. Es gibt ja bis dahin noch eine Menge zu tun. Erstens haben wir den Tee zu trinken. Soeben bringt man denselben und ich ersuche Sie, ein wenig von diesem Pudding zu genießen, denn wir werden heute abend sehr spät soupieren. Ferner haben Sie Ihre Toilette zu machen.« – »Meine Toilette! Ich, Mr. Harvarden! Sie wissen doch, daß ich nur ein einziges Kleid habe, nämlich das, welches Mistreß Hawarden die Güte gehabt hat, mir zu geben. Ich müßte denn das berühmte blaue Kleid wieder anziehen, was ich aber, offen gestanden, nicht gern möchte.« – »Die blaue Farbe stand Ihnen aber sehr gut.« – »Ja, die Farbe wohl, aber das Kleid! Sie werden sich erinnern, daß dieses Ihnen selbst nicht gefiel.«

»Na,« sagte Mr. Hawarden, »es wird sich hoffentlich alles noch machen.« Meine Augen wichen nicht von dem Zeiger der Uhr. »Geht diese Uhr nicht zu spät?« fragte ich. – »In der Familie Hawarden,« sagte der Doktor lachend, »gehen die Uhren nie zu früh oder zu spät, sondern stets auf die Minute. Deswegen wird, sobald der Tee getrunken ist und die Kuchen gegessen sind, ein jedes sich auf sein Zimmer verfügen, denn es wird dann halb sieben Uhr sein und wir brauchen zehn Minuten, um von hier nach Drury Lane zu gelangen.« Als die Kuchen gegessen und der Tee getrunken war, ging ich mechanisch in mein Zimmer hinauf, welches dasselbe war, in welchem ich geschlafen. Ich wußte nicht recht, was ich während der vierzig Minuten, die uns noch von dem glücklichen Augenblick des Aufbruchs trennten, machen sollte, als ich auf dem Bett ein reizendes Kleid von blauem Taffet liegen sah, welches aus dem Himmelszelte geschnitten zu sein schien. Gleichzeitig trat die Zofe ein.

»Sie erlauben wohl, Miß,« fragte sie, »daß ich Ihnen beim Ankleiden ein wenig behilflich bin?«

Indem sie dies sagte, hob sie das Kleid mit beiden Händen empor. Nun erst begriff ich, was bis jetzt in Mr. Hawardens Worten mir dunkel geblieben war. Er hatte nicht bloß daran gedacht, mich ins Theater zu führen, sondern mir auch dazu ein Kleid geschenkt. Die Tränen traten mir in die Augen. Ich empfand das Bedürfnis, zu ihm zu eilen und ihm meine Dankbarkeit auszusprechen. »Wo ist Mr. Hawarden?« fragte ich die Zofe. – »Er kleidet seine Gattin an, damit ich Ihnen behilflich sein kann und damit alle zur rechten Zeit fertig seien.«

Ich ward förmlich betrübt über diese vollendete Güte, denn ich fühlte, daß ich unfähig wäre, dieselbe jemals zu vergelten, ja auch nur gebührend dafür zu danken. Ich war mehr träumerisch als ungeduldig geworden. Ich dachte an diesen Mann, der allgemeine Berühmtheit genoß, der einer der ersten Ärzte von London, ein ausgezeichneter Anatom, ein Gelehrter ersten Ranges war und sich die Mühe nahm, seine Frau anzukleiden, damit die Tochter der armen Bauermagd, damit die ehemalige Kinderwärterin seines Vaters, damit Mr. Plowdens Ladenmamsell nicht zu spät ins Theater käme und auch nicht des mindesten Teils des Glücks verlustig ginge, welches sie sich versprach.

Es liegt in dem Genie eine barmherzige Güte für die Kleinen, eine erhabene Sanftmut gegen die Schwachen, wodurch es sich der Allmacht Gottes nähert. Ein Viertel auf acht Uhr pochte der vortreffliche Mann selbst an meine Tür. »Nun,« fragte er, »wie weit sind wir?«

Ich ging rasch hinaus, ergriff ihn bei der Hand und küßte ihm dieselbe, ehe er meine Absicht erraten konnte. Er sah mich an. Ohne Zweifel war ich sehr hübsch, denn er zuckte zärtlich mitleidig die Achseln und sagte, indem er mich seiner Gattin zeigte, welche in diesem Augenblicke aus ihrem Zimmer trat: »Gestehe, daß es ein großes Unglück wäre, wenn dieses Meisterwerk der Schöpfung auf Abwege geriete!« Dann, und als ob er bereuete, meinem Stolze diese Nahrung gegeben zu haben, sagte er: »Vorwärts, vorwärts in den Wagen! Ich habe diesem Kinde versprochen, noch vor dem Aufziehen des Vorhanges mit ihm an Ort und Stelle zu sein.« In der Tat nahmen wir in unserer Loge gerade in dem Augenblicke Platz, wo die Ouvertüre begann. Ich hatte noch Zeit einen Blick auf den glänzenden Halbkreis zu machen. Sheridan, welcher damals Theaterdirektor war, hatte das Haus kürzlich von dem ersten Dekorateur Londons restaurieren lassen. Man konnte sich in einen Feenpalast versetzt glauben. Was mich betraf, so war ich geblendet von dem Licht, magnetisiert von der Musik, bezaubert durch das Gold, die Diamanten und die Blumen, und nicht begreifend, wie man so viel Schätze hier zusammenbringen könnte, ohne gleichsam die ganze Welt zu ruinieren, nicht imstande zu sagen oder mir auch nur zu denken, wo ich wäre.

Der Vorhang ging auf. Ich sah nun weiter nichts mehr als einen öffentlichen Platz in Verona.

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