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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 87
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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85. Kapitel.

Sowie dieser Entschluß gefaßt war, schrieb die Königin an Nelson, der mit gewohnter Eile herbeikam. Sie meldete ihm ihre Abreise, nur der Tag war noch nicht bestimmt. Wenn ich sage der Tag, so sollte ich eigentlich sagen: die Nacht, denn man kam überein, daß die königliche Familie Neapel verlassen sollte, ohne jemandem vorher von dieser Flucht etwas mitzuteilen. Die Königin wendete sich an Nelson und nicht an Caracciolo. Sie tat dies aus zwei Gründen. Der erste war vielleicht die Antipathie, die ihr der neapolitanische Fürst einflößte, obgleich sie nicht umhin konnte, dem Edelmute seines Charakters Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; der zweite und wahrscheinlich hauptsächlichste aber war, daß Karoline einen Neapolitaner nicht die Reichtümer sehen lassen wollte, welche sie mit fortnahm, aus Furcht, daß das Gerücht davon sich in der Stadt verbreiten möchte. Da das Fortschaffen der wertvollsten Gegenstände noch denselben Abend geschehen sollte, so schickte Nelson sogleich folgenden Befehl an den Kapitän Hope, Kommandanten der »Alkmene«: »Drei Barken und der kleine Kutter der ›Alkmene‹, nur mit Säbeln bewaffnet, hat sich punkt halb acht Uhr an der ›Viktoria‹ einzufinden. Eine einzige Barke wird an den Kai anlegen. Die Barken sollen sich vor sieben Uhr am Bord der ›Alkmene‹ vereinigen, unter dem Befehle des Kommandanten Hope. Die Enterhaken in den Schaluppen. Alle anderen Schaluppen des ›Vanguard‹ und der ›Alkmene‹ werden mit großen Messern bewaffnet und die kleinen Boote mit ihren Caronnaden sollen sich an Bord des ›Vanguard‹ unter dem Kommando des Kapitän Hardy vereinigen, der sich punkt halb neun davon entfernen wird, um auf der Hälfte des Weges nach Molo-Siglio in See zu stechen. Jede Schaluppe ist mit vier bis sechs Soldaten zu bemannen. Im Fall man Hilfe brauchte, gebe man Feuersignale. H. Nelson.«

Das Rendezvous hatte man sich an der »Viktoria« gegeben, weil der Kai der »Viktoria« gerade dem Paläste der englischen Gesandtschaft gegenüber lag, und weil ich, ohne bemerkt zu werden, hierher die kostbarsten Kleinodien der Königin bringen und bringen lassen konnte. Diese Kostbarkeiten sollten mir im Laufe des Tages in zwei oder drei Kisten verpackt zugeschickt werden. Da man aber auch alle Kunstgegenstände, wie Statuen und Gemälde, die man zusammenbringen konnte, mitnehmen wollte, so mußte man einen andern Weg ausfindig machen. Eine alte Tradition des Schlosses sagte, daß unter dem Schlosse ein Gang existiere, der mit dem Meere in Verbündung stünde. Es handelte sich nun darum, diesen Gang zu entdecken. Dieselbe Tradition sagte, daß dieser unterirdische Gang seit der Zeit der spanischen Herrschaft nicht wieder geöffnet worden wäre. Die Königin ließ den ältesten der Diener des Schlosses kommen. Es war dies ein Mann von vierundachtzig Jahren. Er war folglich 1714 geboren und 21 Jahre alt gewesen, als Karl der Dritte zum König von Neapel ernannt worden war. Er war ehemals Schlosser des Palastes gewesen, und war jetzt pensioniert. Sein 58 Jahre alter Sohn war aber sein Nachfolger und nahm denselben Posten im Schlosse ein. Der Greis sammelte seine Erinnerungen und versprach diesen Gang wieder aufzufinden mit Hilfe seines Sohnes, für den er wie für sich selbst, bürgte. Soviel wie er sich erinnern konnte, war dieser Gang eine Klafter breit und acht bis neun Fuß hoch. Die Statuen und Gemälde konnten folglich auf diesem Wege fortgeschafft werden. Der Greis erhielt Befehl, sich an die Wiederaufsuchung des unterirdischen Ganges zu machen und die Königin zu benachrichtigen, sobald er ihn gefunden haben würde. Eine halbe Stunde später kam er wieder herauf. Er hatte die innere Tür erkannt; sein Sohn erwartete die Befehle der Königin, um diese Tür zu öffnen, denn was aus dem Schlüssel geworden sei, wußte man natürlich nicht. Die Königin wollte niemandem die Ausforschung des Ganges anvertrauen. Ihre Gegenwart hätte der Operation eine zu große Wichtigkeit verliehen, und ich übernahm daher diese Aufgabe. Man nahm Fackeln und ich folgte dem Greise hinunter. Das Souterrain stand in Verbindung mit den Kellern des Schlosses, nur war die Tür verborgen hinter einer Reihe leerer Tonnen, die in dem Augenblicke, wo man sie berührt, in Staub zerfallen waren, da sie vielleicht schon seit Dreivierteljahrhundert hier lagen. Ich befahl dem Schlosser, die Gittertür zu öffnen, was nicht ohne gewisse Schwierigkeit geschehen konnte, weil der Rost das Schloß und die Angeln verdorben hatte. Indessen es gab endlich nach.

In dem Augenblicke, wo wir in diesen dunklen, von Stickluft angefüllten Gang eindringen wollten, fehlte mir der Mut. Es schien mir, als ob ich auf diesem klebrigen Boden allen Alten kriechender Tiere begegnen müßte. Dennoch ging ich mit dem jüngsten der beiden Männer hinein. Der Greis blieb zurück, um die Tür zu bewachen.

Das Souterrain machte Biegungen, die dessen Länge verdoppelten; die Luft darin war feucht, und eiskalte Wassertropfen fielen von der gewölbten Decke.

Ich bemerkte, daß ich mich dem entgegengesetzten Ende näherte, an dem Aufflattern von drei oder vier Fledermäusen, die ich in ihrer Ruhe aufscheuchte, und die wieder hundert andere erweckten. Des Tages flüchteten sie sich in diesen dunklen Gang und des Abends flogen sie zwischen den Stäben des Gittertores, welches nach dem Kriegshafen führte, heraus.

Ungeachtet des Schreckens, welchen mir dieses unheimliche Aufflattern einflößte, schritt ich weiter, und bald erblickte ich das Tageslicht.

Wie man gesagt, ging die entgegengesetzte Öffnung auf das Meer, und der zwölf bis höchstens fünfzehn Fuß breite Kai erlaubte alles, was man wünschte, leicht an Bord der Schaluppen zu schaffen, die am Landungsplatz anlegten. So konnte man noch an demselben Abende mit dem Fortschaffen anfangen, indem man die Kisten in die Keller hinabtrug. Ich ging wieder hinauf, um der Königin diese gute Nachricht zu bringen. Sie erklärte, daß sie an meiner Stelle vor Furcht gestorben sein würde, da sie den größten Abscheu vor Fledermäusen hege. Und wirklich war diese Furcht der Königin vor diesen Tieren der Grund, daß die königliche Familie für ihre Flucht nicht den neuen Weg benutzte, dessen, wenn auch nicht Christoph Columbus, doch wenigstens Vasco de Gama ich war. Der ganze Tag wurde verwendet, um Kisten zu machen, in welche man alles packte, was man sich an Gold bei der Bank, bei dem Leihhaus und bei anderen öffentlichen Anstalten verschaffen konnte.

Übrigens waren seit Donnerstag den 19. die Segelmeister beauftragt, die Kajüten auf dem »Vanguard« für den König, die Königin und die königliche Familie herzurichten. Die Maler waren in den Kajüten der Offiziere unter dem Hinterteil des Schiffes tätig, weil dieser Raum bestimmt war, der Salon der königlichen Familie zu werden. In der Nacht vom Donnerstag zum Freitag wurden die ersten Kisten an Bord geschafft. Der Graf von Thurn war es, der diesen ganzen Transport zu besorgen hatte, da man dazu, wie gesagt, keinen Neapolitaner verwenden wollte. Der Freitag verging mit derselben Arbeit, die man so viel wie möglich nach außen hin geheim hielt; denn die Zusammenrottungen fanden immer noch statt und der Palaisplatz füllte sich alle Augenblicke mit Lazzaroni, welche riefen: »Es lebe der König! Tod den Jakobinern! Tod den Franzosen!« Die Abreise wurde für die Nacht vom 21. zum 22. festgesetzt. Der König wollte sich nicht an einem Freitage einschiffen; aber die Königin bestand darauf, denn sie fürchtete, er möchte seinen Entschluß ändern, spottete über seinen Aberglauben und setzte es durch, daß man sich noch an demselben Abend einschiffte. Am 20. hatte der Admiral Caracciolo Befehl empfangen, sich bereit zu halten, den »Vanguard« zu begleiten, und man hatte ihn glauben lassen, daß die Königin, die königliche Familie, Sir William Hamilton und ich uns an Bord des »Vanguard« einschiffen würden, daß der König aber die Reise an Bord der »Minerva« machen werde, was alle widerstreitenden Ansprüche miteinander versöhnt und aus dem neapolitanischen Admiral keinen Feind gemacht haben würde. Am 21. gegen Mittag wurde Nelson benachrichtigt, daß die Abreise am Abend stattfinden werde, und er erteilte demgemäß dem Grafen Thurn seine Befehle.

Er schrieb unter andern zwei Briefe, an den Marquis von Nizza und an den Kapitän Hope. Der Zweck dieser Briefe war, die Schiffe der neapolitanischen Flotte verbrennen zu lassen, weil daraus feindliche Schiffe werden konnten, wenn sie in die Hände der Franzosen, oder Schiffe der Rebellen, wenn sie in die der Patrioten fielen.

Man begreift wohl, welche Unruhe während dieses ganzen unglücklichen Freitags in dem Palast herrschte. Die Königin, welche die Abreise gewollt und beschleunigt hatte, weinte vor Wut und war nahe daran, Gegenbefehl zu erteilen. Der Fürst Pignatelli ward zum Generalvikar des Königreiches ernannt. Man hatte einen Brief von Mack erhalten, welcher meldete, daß er nach Neapel kommen wolle, um die Stadt in Verteidigungszustand zu setzen. Man ließ für ihn ein Diplom als Generalleutnant des Königreichs zurück. Der Fürst Pignatelli fragte, wie weit sich seine Vollmacht erstrecke. »Bis zum Verbrennen Neapels!« antwortete die Königin. »Sie haben das Recht über Leben und Tod bei dem Mezzoceto und dem Adel; hier ist nur das Volk gut.«

Um sechs Uhr abends versammelte sich die ganze königliche Familie in den Zimmern der Königin. Außerdem waren noch Sir William, ich, der österreichische Gesandte und seine Familie da. Der König hatte den Wunsch geäußert, den Kardinal Ruffo mitzunehmen, die Königin aber, die den Prälaten verabscheute, hatte sich dem widersetzt. Demzufolge hatte sich der Kardinal auf der »Minerva« eingeschifft. So hatte der Admiral Caracciolo nun durch Seine Eminenz erfahren, daß er der Ehre, den König zu führen, beraubt sei. Sein Stolz als Fürst und sein Patriotismus als Neapolitaner hatten durch diese Nachricht eine doppelte Wunde erhalten. Er wollte dem König augenblicklich seine Abdankung zuschicken, aber Ruffo bewog ihn, seine Pflicht bis zuletzt zu erfüllen, und seine Entlassung nicht eher einzureichen, als nach der Ankunft in Palermo. Die Kunde von der Abreise des Königs hatte sich, wie gut auch das Geheimnis bewahrt worden war, in der Stadt verbreitet. Man muß Neapel kennen, um eine Idee von dem Tumult zu haben, der während des Tages in der Umgegend des Palastes herrschte. In Neapel gleichen die Äußerungen der Liebe so sehr den Ausbrüchen des Hasses, daß man hätte glauben können, das ganze Volk, welches fürchtete, seinen König zu verlieren, habe sich in der Absicht, ihn zu erwürgen, hier versammelt. Um halb elf Uhr legte der Graf von Thurn mit den Schaluppen an dem Fuß der Treppe an, die unter dem Namen der Treppe des Caraco bekannt ist. Dann stieg er hinauf, um die Tür der oberen Treppe zu öffnen, die in die königlichen Gemächer ging. Als er aber die Tür dieser Zimmer öffnen wollte, zerbrach er den Schlüssel in dem Schloß, so daß man gezwungen war, die Tür aufzusprengen.

Der König stellte sich hierauf an die Spitze der Kolonne, indem er eine Wachskerze in der Hand hielt. Als er aber auf die Hälfte der Treppe gekommen war, hörte er Geräusch von dem sogenannten Riesenhügel her, und da er fürchtete gesehen zu werden, so blies er die Wachskerze aus. Wir befanden uns nun in furchtbarer Finsternis, inmitten welcher wir gezwungen waren, uns weiterzutasten. So erreichte man den Molo Eiglio, aber das Meer ging so hoch, daß man nicht wagte, sich der Gefahr auszusetzen und aus dem Hafen auszulaufen. Wir warteten daher in den Barken, indem wir uns in unsere Mäntel und Shawls hüllten, und da man vergessen hatte, den kleinen Prinzessinnen ihre Abendmahlzeit zu geben, so verlangten diese zu essen, und wollten vor Hunger umkommen. Ein Matrose hatte Sardellen, die sie ohne Brot aßen, worauf sie schlechtes, verfaultes Wasser dazu tranken. Endlich, als das Meer sich beruhigt hatte, steuerten wir auf den »Vanguard« los und stiegen kurz vor Mitternacht an Bord. Ungeachtet der Anordnungen, die Lord Nelson getroffen, fühlte sich der König und die königliche Familie auf dem »Vanguard« sehr eingeschränkt. Zehn Personen hatten die Kajüte des Admirals und die der Offiziere eingenommen, ohne Sir William und mich, den österreichischen Gesandten und seine Gattin mitzurechnen. Diese zehn Personen waren der König, die Königin, der Kronprinz, seine Gemahlin, die kleine Prinzessin, von der sie vor kurzem erst entbunden, der junge Prinz Leopold, Prinz Albert und die Prinzessinnen Marie Christine, Marie Amalie und Marie Antonie. Einen Augenblick hatte der König, da er sich so beschränkt sah, Lust, dem Admiral Caracciolo das Versprechen, welches man ihm gegeben, zu halten und sich auf dessen Schiff zu begeben. Die Königin jedoch gab durchaus nicht zu, daß der König sich von seiner Familie trenne.

Der Tag brach mit frischem, aber unglücklicherweise widrigem Winde an. Man hörte von dem »Vanguard« aus die Aufregung in der Stadt wie das Knurren eines riesigen Bären. Und wirklich hatte das Volk gehört, daß Ferdinand, trotz seines Versprechens, es verlassen, und Plakate, die an allen Straßenecken, auf allen Plätzen, an allen Kreuzwegen angeschlagen waren, meldeten, daß Fürst Franz Pignatelli zum Generalvikar mit unumschränkter Vollmacht ernannt worden; daß Mack General-Kapitän der geschlagenen Armee sei, und daß der Minister Simonetti aus dem Finanzdepartement geschieden sei, um dem Bankier Zurlo Platz zu machen. Alle diese Ernennungen waren auf Befehl des Königs erfolgt, vom vorigen Tage datiert und von seiner eigenen Hand geschrieben. Man erzählte die Antwort, welche die Königin dem Fürsten Pignatelli gegeben, als man ihn gefragt, bis wie weit sich seine Vollmacht erstrecke: »Bis zum Verbrennen Neapels.« – Die Kais waren von Menschen angefüllt, aber das Meer war zu wild, als daß eine Barke sich hätte der Gefahr aussetzen mögen. Man sah Gruppen, die sicherlich Deputationen waren, aber diese Gruppen verschwanden eine nach der andern, nachdem sie einen Augenblick am Ufer des Meeres verweilt, denn kein Schiffer wollte sich dazu verstehen, sie bis an das Admiralsschiff, von dessen Mast die Flagge des Königs wehte, zu bringen. Während der Nacht wurde der Wind schwächer, blieb aber immer noch widrig. Bei Tagesanbruch überschwemmte die Menge die Kais wieder. Sie begrüßte die englische Flotte mit lautem Geschrei, da sie ohne Zweifel hoffte, der König würde seinen Entschluß ändern, und wirklich sahen wir, als das Meer wieder ruhig wurde, die Deputationen, die wir den Tag vorher vergebens auf dem Kai verweilen gesehen, nicht nur wieder erscheinen, sondern auch sich einschiffen und sich dem »Vanguard« nähern. Es war eine dreifache Deputation, nämlich: eine von der Geistlichkeit, mit dem Erzbischof Capece Zurlo an der Spitze, eine andere von den Baronen des Königreichs und eine dritte von dem Magistrat und Gemeinderat. Sie kamen alle, um den König anzuflehen, nicht abzureisen, und verbürgten sich mit ihrer Ehre dafür, ihn bis aufs äußerste zu verteidigen. Der König aber wollte niemanden empfangen, ausgenommen den Kardinal und Erzbischof von Neapel. Er ließ die Barken die Runde um den »Vanguard« machen, und die, welche sich darin befanden, vergebens die Hände zum Himmel erheben. Der Erzbischof Capece Zurlo bot alles mögliche auf, um Se. Majestät zurückzuhalten, der König aber war unbeugsam. »Monsignore,« sagte er, »das Land hat mich verraten, ich werde sehen, ob das Meer mir treu sein wird.« Der Erzbischof verließ, den »Vanguard«, den Tod im Herzen und indem er erklärte, daß, er nicht voraussagen könne, was Neapel nun, da es sich selbst überlassen sei, tun werde. »O!« murmelte die Königin, »wenn Sie nicht wissen, was Neapel machen wird, so weiß ich wohl, was ich ihm antun werde, wenn ich jemals wieder den Fuß hineinsetze.«

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