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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 84
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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82. Kapitel.

Nachdem die Königin in ihr Zimmer zurückgekehrt war, klingelte sie und befahl anspannen zu lassen. Als ich sie anblickte, um in ihren Gedanken zu lesen, sagte sie zu mir: »Du verstehst wohl, daß ich diesem Egoisten, der seinen besten Freund an seiner statt gefangennehmen lassen will, die Sorge, über unsere Sicherheit zu wachen, nicht überlassen mag. Er wäre imstande, mit seiner Jagdflinte und seinen Hunden nach Sizilien zu fliehen, ohne sich um uns zu kümmern.« – »Wie, nach Sizilien zu fliehen? Sie glauben, Majestät, daß der König Neapel zu verlassen gedenkt?« – »Und was willst du, was er sonst tun soll? In vierzehn Tagen werden die Franzosen hier sein. Glücklicherweise bleibt uns Nelson. Wie steht es mit ihm? Du hast ihn hoffentlich nicht zur Verzweiflung getrieben.« – »Nelson wird alles tun, was wir wünschen,« antwortete ich lächelnd. – »Gut. Es ist zu spät, um ihm sagen zu lassen, heute abend noch ans Land zu steigen, aber morgen ganz früh müssen wir uns mit ihm besprechen.« – »Warum wäre es heute abend zu spät? Zwei Worte von mir werden ihn bewegen, zu jeder beliebigen Nachtstunde hierher zu kommen. Jetzt ist es acht Uhr, halb zehn können wir in Neapel sein; um zehn kann er mein Billett haben; eine halbe Stunde darauf wird er im Palaste sein.« – »So sei es denn. Du wirst ihn empfangen, du wirst ihm alles sagen. Währenddessen werde ich mit Acton sprechen. Nicht wahr, du siehst ein, daß Nelson mit Leib und Seele unser sein muß? Es steht einfach das Leben auf dem Spiele.« – »O, Majestät –« »Die Jakobiner von Paris haben mit meiner Schwester keine Umstände gemacht. Glaubst du, daß die von hier sich mehr Zwang antun werden? Überdies kann Nelson vom Lord Saint-Vincent einen Befehl erhalten, der ihn von uns entfernt. In diesem Falle aber muß er selbst einem Befehle vom Lord Saint-Vincent, ja sogar einem Befehle von der Admiralität, wenn von daher einer käme, ungehorsam sein.« – »Eintretenden Falls,« antwortete ich der Königin lachend, »werden mir Ew. Majestät sagen, was ich tun muß, damit er ungehorsam sei; ich werde es tun und er wird nicht gehorchen.« – Man hatte soeben gemeldet, daß angespannt sei. »Komm'!« sagte Karoline. – »Wollen Ew. Majestät es nicht dem Könige melden lassen?« – »Wozu?« – »Wenn er nun Se. Exzellenz den General-Kapitän zu sich ruft?« – »Acton wird erst dann kommen, nachdem er mich gesehen hat. Gehen wir hinunter.«

Wir eilten schnell hinab, ohne jemand davon zu benachrichtigen. Die Königin hüllte sich in einen Kaschemirshawl, denn es regnete in Strömen und es war kalt. Wir sprangen in den Wagen, schlossen die Fenster und der Kutscher fuhr im Galopp davon. Karoline hatte sich sorgenvoll in den Wagen zurückgeworfen. Man hätte glauben können, sie schliefe, wenn nicht von Zeit zu Zeit nervöse Schauer sie zittern gemacht hätten, und indem sie zitterte, murmelte sie entweder das Wort Geck, welches Mack, oder das Wort Feigling, welches ihrem Gemahl galt. Dann rief sie: »O Nelson, braver Nelson! Es gibt keine Hoffnung mehr als auf ihn, Emma!« Und ich drückte ihr die Hand, indem ich sagte: »Seien Sie unbesorgt, Madame, ich stehe für ihn wie für mich selbst.« Nach einer und einer halben Stunde nach der Abfahrt von Caserta waren wir in dem königlichen Palast. Noch ehe wir aus dem Wagen stiegen, fragte die Königin, ob der General-Kapitän Acton im Schlosse sei. Er war glücklicherweise da. »Saget ihm, daß ich ihn augenblicklich bei mir erwarte,« sagte Karoline. Und wir stiegen die Treppe hinauf. Alle, welche sich zeigten, um der Königin Ihre Dienste anzubieten, Männer sowohl wie Frauen, entfernte sie wieder und antwortete: »Ich danke.« – Wir traten allein bei ihr ein. Der Diener stellte einen Kandelaber auf einen Tisch und fragte nach den Befehlen der Königin. »Laßt niemanden ein als Mr. Acton, Mylord Nelson und Sir William Hamilton,« antwortete sie mit jener Klarheit des Tones und jener Kürze der Worte, die bei ihr allemal eine heftige Gemütsbewegung verrieten. Sie legte selbst Federn, Papier und Tinte auf einen Tisch. »Schreibe ihm,« sagte sie dann zu mir. Ich nahm die Feder und schrieb flüchtig diese wenigen Worte hin: »Kommen Sie! Wir erwarten Sie im Palast, die Königin und ich, in wichtiger Angelegenheit.

»Emma.«

»Was hast du ihm geschrieben?« fragte die Königin. – »Zu kommen, das ist alles.« – »Wie, alles?« – »Es ist nichts weiter nötig.« – »Emma! Emma!« sagte die Königin, »du wirst ihn entschlüpfen lassen.«

»Bin ich Ihr Lotse? Ja oder nein!« – »Sicherlich, aber –« »Dann mischen Sie sich nicht in die Führung des Schiffes, sondern lassen Sie mich handeln.« – »So handle!« – Während sie aber ihre Einwilligung gab, zuckte sie mit den Achseln, was verriet, daß sie an meiner Stelle anders gehandelt haben würde. Ich beunruhigte mich aber nicht darüber. »Nun,« sagte ich zu ihr, »durch wen werden Eure Majestät den Brief forttragen lassen?« – »Das kommt Acton zu. Durch den Kriegshafen ist man in zehn Minuten an Bord des »Vanguard«. In diesem Augenblick trat Acton ein: »Irgendein Unglück, nicht wahr, Madame?« sagte er, indem er sich der Königin mit einem Gesichte näherte, in welchem seine Unruhe sich ausprägte. »Ja,« sagte Karoline, »und zwar ein sehr großes Unglück. General Mack ist geschlagen worden, und der König ist vor zwei Stunden in Caserta angekommen, nachdem er Wunder von Tapferkeit vollbracht hat.« Und sie brach in ein gellendes, nervöses Gelächter aus, wie es ihr in übergroßer Aufregung eigen zu sein pflegte. Und als Acton sie mit wachsendem Erstaunen ansah, versetzte sie: »Sie sollen in einem Augenblicke alles wissen, vor allen Dingen aber lassen Sie dieses Billett Lord Nelson zukommen. Es ist notwendig, daß es den Kriegshafen ohne Hindernisse passiere.« – »Ich werde in den Binnenhafen hinuntergehen,« antwortete der General, »um selbst die Barke, die Mylord holen soll, abzuschicken und dem Offiziere meine Befehle zu erteilen.« Und der General entfernte sich. – »Er hat wenigstens das Gute, daß er gehorsam ist,« sagte die Königin, indem sie ihm mit den Augen folgte. – »Warum tun Sie ihm nicht die Ehre an, ergeben zu sagen?« – »Weil das ein Wort ist, welches nicht in dem Wörterbuche der Höflinge steht.« – »So! und der Herzog von Ascoli?« – »Dieser ist nicht der Höfling des Königs, sondern sein Freund. Wenn der König glücklich und heiter ist, so ist es Ascoli, der ihm die bittersten Wahrheiten sagt; er ist nicht wie du Schmeichlerin, die du mir deren nie sagst.« – »Ist es mein Fehler, wenn die bittersten Wahrheiten, die man Euer Majestät sagen könnte, nur Lobeserhebungen sind?«

Die Königin küßte mich auf die Stirne und fing an hin und her zu gehen. Von Zeit zu Zeit ging sie nach der Terrasse und warf einen Blick durch die Dunkelheit auf die englische Flotte, von welcher man jedes Schiff an seinen Lichtern erkannte, und jedes Mal murmelte sie: »O Nelson! unsere einzige Hoffnung steht auf dir!« Einmal sagte sie, indem sie auf mich zukam: »Begreifst du es? Zweiundfünfzigtausend, mit allem versehene, gut besoldete Neapolitaner lassen sich von zehn- oder zwölftausend Franzosen, die halb nackt, ohne Sold, ohne Brot, ohne Schuhe, ohne Pulvervorrat sind, schlagen! Jetzt sind sie mit allem versehen, außer mit Schuhen, wenn nicht etwa unsere Soldaten die ihrigen weggeworfen haben, um noch schneller fliehen zu können. O! wenn ich ein Mann wäre, wie hätte ich mich unter diese Memmen gestellt! Wie hätte ich allen Offizieren, die nur dazu gut sind, bei der Parade ihre Silberstickerei spiegeln und ihre bunten Federn im Winde flattern zu lassen, die Epauletten heruntergerissen. Es gibt Augenblicke, auf mein Ehrenwort, wo ich Lust habe, zu Pferde zu steigen, wie meine Mutter Maria Theresia, um diesen trägen König zu beschämen. Unglücklicherweise aber habe ich es nicht mit Ungarn, sondern mit Neapolitanern zu tun.« Unterdessen trat Acton wieder ein. »Hier bin ich, Madame,« sagte er. »Der Brief ist abgeschickt, und wenn Mylord nur halb so eilig ist, Euer Majestät zu dienen, wie ich es sein würde, so wird er in einer Viertelstunde hier sein. Wollen Euer Majestät mir sagen, um was es sich handelt?« Die Königin führte ihn in das Zimmer nebenan. Sie wollte mich mit Nelson allein lassen; vielleicht hatte sie auch einige jener geheimen und furchtbaren Befehle zu erteilen, die ich häufig erst kennen lernte, wenn sie schon ausgeführt waren.

Wirklich erfuhr ich auch später, daß zwischen der Königin und dem Generalkapitän von dem Kurier Ferrari die Rede gewesen, in dessen Hände man den von Sir William und Acton verfaßten Brief anstatt des von dem Kaiser von Österreich geschriebenen untergeschoben. Man fürchtete, daß Ferrari den Betrug enthülle, und Ferdinand auf diese Weise erführe, daß sein Neffe Franz, anstatt ihn zum Ausrücken aufzufordern, ihm schrieb, er werde sich vor Ankunft der Russen, also vor Monat April oder Mai, nicht von der Stelle rühren. So wurde denn in dem Augenblicke, wo ich allein war, um auf Nelson zu warten, der Untergang Ferraris beschlossen. Ich werde zur passenden Zeit und an der geeigneten Stelle den Tod dieses Unglücklichen und die schrecklichen Umstände, welche denselben begleiteten, erzählen.

Ich war kaum seit einer Viertelstunde allein, als der Kammerdiener Lord Nelson meldete, und ich diesen in dem Rahmen der Tür erscheinen sah. Er war ganz atemlos, denn er hatte die Treppe sehr schnell erstiegen, und sein unruhig aussehendes Gesicht verriet seine Unruhe. Ehe er noch den Mund geöffnet, hatte ich beide Arme um seinen Hals geschlungen, indem ich zu ihm sagte: »Teurer Nelson, unsere einzige Hoffnung sind Sie.« Er zog mich an sein Herz, dessen Pochen ich durch die Uniform fühlte, und drückte seine zitternden Lippen auf meine Augen. Als ob er fürchtete, sich auf einer Liebkosung zu ertappen, entfernte er mich wieder sanft von sich, und indem er mich mit leidenschaftlichem Ausdruck ansah, fragte er mich: »Nun, was gibt es? Sie sprechen mit einem Manne, der sein Leben für die Königin hingeben würde, und –« Er zögerte. »Und seine Ehre für Sie,« endete er den Redesatz. – »O teurer Nelson!« rief ich aus, nahm seine Hand und wollte sie küssen. Bei der Bewegung, die er machte, um sie zurückzuziehen, neigte er den Kopf; ich erhob den meinigen, unsere Lippen begegneten sich. »O!« rief Nelson, indem er einige Schritte zurücktrat; »Sie machen mich wahnsinnig!« – »Was schadet dies,« sagte ich zu ihm, »wenn ich Sie wieder heile?« Er blickte um sich, um zu sehen, ob wir allein wären. Ich verstand seine Blicke und sagte lächelnd zu ihm: »Die Königin und der Generalkapitän sind da.« Und ich zeigte auf das Nebenzimmer.

Er seufzte, kam auf mich zu, legte seinen einzigen Arm um meine Taille, und ließ mich neben sich Platz nehmen. »Sie haben mir geschrieben, daß Sie einen Dienst vor mir zu erbitten hätten,« sagte er. »Ich bin ein Egoist, weil ich Sie nicht zuerst gefragt habe, womit ich Ihnen dienen könne. Ich mache meinen Fehler wieder gut. Später werden wir von meiner Torheit sprechen.« – »Sobald Sie wollen,« sagte ich, mit einem verheißungsvollen Blick, »und wenn Sie zu lange zögern, so werde ich zuerst davon sprechen.« – »Nehmen Sie sich in acht,« sagte er, »Sie sind Parthenope... ich aber bin nicht Ulysses.« – Dann fuhr er mit Selbstüberwindung fort: »Wohlan, Mack ist geschlagen, nicht wahr? Die Armee ist auf der Flucht. Der König hat einen Kurier geschickt?« – »Noch mehr als das, der König ist selbst vor drei Stunden in Caserta angekommen. Alles ist verloren. In vierzehn Tagen werden die Franzosen hier sein. Die Königin beabsichtigt nach Sizilien zu fliehen und rechnet auf Sie, um sie hinzubegleiten.« – »Gehen Sie auch mit?« fragte Nelson. – »Ich verlasse die Königin nicht.« – »Und ich, ich verlasse Sie nicht.« – »Welcher Befehl auch an Sie gelange?« – »Und müßte ich meine Briefe zerreißen, ohne sie zu öffnen!« – »Nelson!« rief ich, und streckte ihm die Arme entgegen. Er warf sich an mein Herz. »Schon wieder!« sagte er, »schon wieder! Haben Sie doch Mitleid mit mir!« – »Nelson, nicht aus Mitleid sage ich Ihnen, daß ich Sie liebe; es geschieht aus Dankbarkeit ... aus Liebe!« Ganz außer sich warf er sich mir zu Füßen, indem er mir die Hände küßte und dabei ein mattes Murmeln hören ließ, welches ebensowohl Schmerz als Freude ausdrückte. In diesem Augenblicke öffnete die Königin die Tür halb, und als sie Nelson zu meinen Füßen sah, machte sie eine Bewegung, um sich zurückzuziehen. »O! kommen Sie herein, kommen Sie herein, Madame!« sagte ich; »Nelson hat mir soeben gesagt, daß er uns gehöre, und ich habe ihm gesagt, daß ich ihm gehöre. Wollen Eure Majestät geruhen, unserm Retter die Hand zum Kusse zu reichen.«

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