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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 78
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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76. Kapitel.

Ich gestehe, daß ich stets erstaunt bin, wenn ich die Feder niederlege, nachdem ich solche Zeilen wie die obigen geschrieben. Ich, das frivole Weib, durch meine Geschmacksrichtungen, meinen Charakter, mein Temperament im voraus dazu bestimmt, außerhalb aller politischen Intrigen, wie ein Schmetterling oder ein Vogel in einer Welt von Seide, Gaze, Gesang und Harmonie zu leben, schreibe schwerfällige, mit Blut befleckte Berichte ab, welche die Völker zu Krieg und zur Rache aufrufen! Gleiche ich nicht der Venus Aphrodite, die ihr Gesicht, das süße Lächeln, die verheißungsvollen Augen, den liebebeteuernden Mund mit der Maske der Nemesis bedeckt? Ich habe es aber unternommen, die Ereignisse zu berichten, an denen ich Teil genommen, und kann jetzt nicht vor der Aufgabe zurückweichen, die ich mir gestellt. Die Stimme meines Gewissens und vielleicht auch die meiner Reue, ruft mir zu »Weiter!« Und gezwungen, dieser Stimme von oben zu gehorchen, fahre ich fort. Der Bericht Joseph Bonapartes rief in Paris eine große Aufregung hervor. Bonaparte war der Gott des Augenblicks: einen seiner Brüder beschimpfen, war mehr als ein Majestätsverbrechen, es war ein Verbrechen an der Gottheit! Folgenden Brief schrieb der Bürger Talleyrand, dieser Thermometer der öffentlichen Stimmung, an Joseph Bonaparte in Erwiderung seines Berichts:

»Am 18. Jänner 1798.

»Ich habe den herzzerreißenden Brief erhalten, den Sie mir über die schrecklichen Ereignisse geschrieben, die am 8. Nivose in Rom vorgefallen sind. Trotz der Sorgfalt, mit welcher Sie sich bemüht, alles zu verschweigen, was Ihnen an diesem entsetzlichen Tage persönlich zugefügt worden ist, ist es mir doch nicht entgangen, daß Sie die größte Unerschrockenheit, Kaltblütigkeit und jene Intelligenz, der nichts entschlüpft, an den Tag gelegt und großherzig die Ehre des französischen Namens aufrecht erhalten haben. Das Direktorium beauftragt mich, Ihnen auf die nachdrücklichste und deutlichste Weise mitzuteilen, wie sehr Ihr ganzes Benehmen die vollste Zufriedenheit des Direktoriums verdient. Ich hoffe, daß Sie gern glauben meiden, wie glücklich es mich macht, das Organ dieser Gefühle des Direktoriums zu sein. –«

Das Direktorium begann damit, die Bestrafung der Mörder zu fordern; mochte es nun aber aus Nachlässigkeit oder aus Mitschuld geschehen sein, keiner ward den Tribunalen überliefert, noch sonst in irgendeiner Weise beunruhigt. Man wußte, daß das Haupt der Mörder, namens Amadeo, sich des Degens und des Gurtes des Ermordeten bemächtigt, daß der Pastor des benachbarten Kirchspiels sich die Uhr angeeignet und daß die anderen sich in die Kleider und das Geld Duphots geteilt.

Das Direktorium befahl dem General Berthier, der in der Abwesenheit Bonapartes in Italien kommandierte, gegen Rom zu marschieren. Berthier empfing diesen Befehl in Mailand und setzte sich gleich am folgenden Morgen nach dem Tage, an dem er den Befehl empfangen, in Bewegung. Am 29. Januar war seine Avantgarde in Macerata, am 10. Februar waren alle Truppen unter den Mauern Roms vereinigt und ein Detachement nahm von der Engelsburg Besitz, welche die päpstlichen Soldaten nicht einmal zu verteidigen suchten. Der General Berthier aber verhinderte, daß man weiter vordrang und unterrichtete nur die Häupter der Aufwiegler, daß sie auf seine Unterstützung rechnen könnten. Am 16. Februar, dem dreiundzwanzigsten Jahrestage der Erhebung Pius des Sechsten auf den päpstlichen Thron, versammelten sich eine Menge Aufrührer auf dem alten »Forum Romanum« und begaben sich von da nach dem Vatikan, wo sie unter den Fenstern des Papstes das Geschrei ertönen ließen: »Es lebe die Republik!« Aus Ehrfurcht, wie sie sagten, nicht vor dem Papste, sondern vor dem Greise, drangen sie nicht in den Vatikan selbst ein, bemächtigten sich aber der ganzen Stadt und verfaßten eine Adresse, welche die Souveränität des Volkes proklamierte, alle Mitschuld an der Ermordung Bassevilles und Duphots zurückwies, die päpstliche Autorität abschaffte und die politischen, finanziellen und bürgerlichen Angelegenheiten ins Auge faßte, indem sie eine republikanische, freie und unabhängige Regierung konstituierte.

Die Häupter der Bewegung beeilten sich, eine Deputation von acht Männern aus ihrer Mitte an den General Berthier zu schicken, die ihm diese Beschlüsse überbringen sollte. Sogleich hielt der General seinen Einzug durch das Volkstor und noch an demselben Tage bestieg er das Kapitol, wo er, den alten römischen Triumphatoren nachahmend, im Namen des Direktoriums die neue Republik begrüßte, die als frei und von Frankreich unabhängig anerkannt ward und zu welcher das ganze Gebiet gehörte, welches man dem Papste durch den Vertrag von Tolentino gelassen. Am folgenden Morgen sangen vierzehn Kardinäle, welche so feig gewesen waren, die Befreiungsakte und ihre Entsagung auf alle politischen Rechte zu unterzeichnen, das »Te Deum« in der St. Peterskirche. Der General Cervoni, der beauftragt war, Pius dem Sechsten seine Absetzung zu verkündigen, drang bis zu dem heiligen Vater und fand ihn auf den Knien im Gebete. Mit vollkommener Ruhe empfing Pius der Sechste die Nachricht von der Aufhebung seiner weltlichen Rechte, und als er aufgefordert ward, die neue Regierung anzuerkennen, erwiderte er:

»Meine Souveränität habe ich von Gott, es ist mir nicht erlaubt, derselben zu entsagen. Ich bin achtzig Jahre alt, das Leben ist mir also nichts wert. Was Beschimpfungen und Leiden betrifft, so fürchte ich dieselben nicht.«

Da die Gegenwart des heiligen Vaters sich aber nicht mit der neuen Regierung vertrug, so erhielt Pius der Sechste die Einladung, die Hauptstadt der Christenheit zu verlassen, und reiste auch wirklich am 20. Februar nach Toscana ab.

Alle diese Nachrichten kamen zu gleicher Zeit zu uns und verursachten, wie man leicht begreifen wird, eine große Unruhe an unserem Hofe. Die Republik, von den Franzosen Schritt für Schritt weiter geführt, machte täglich einen neuen Fortschritt in Italien und war nur noch dreißig Meilen von uns entfernt. Die Regierung des Königreiches beider Sizilien glaubte gegen diesen drohenden Gegner Vorsichtsmaßregeln ergreifen zu müssen. Ohne sich um den Vertrag zu kümmern, den er am 19. Februar 1797, also vor kaum vierzehn Monaten, mit Frankreich geschlossen, unterzeichnete Ferdinand am 19. Mai 1798 einen Vertrag mit dem Kaiser, seinem Neffen, wodurch der erste Vertrag vollständig ungültig ward. In Folge dieses neuen Vertrags mußte der Kaiser 66 000 Mann Bewaffnete in Tirol bereit halten und Ferdinand 30 000 an den neapolitanischen Grenzen zusammenziehen. Durch einen eigentümlichen Zufall war der 19. Mai 1798 derselbe Tag, an welchem die französische Flotte in Toulon unter Segel ging, um die Expedition nach Egypten zu unternehmen. Man wußte, daß Frankreich Vorbereitungen traf; welches Land aber von dieser furchtbaren Rüstung bedroht ward, wußte man nicht. Der Kommandant der englischen Flotte, Sir Jean Jervis, von jetzt an Graf von Saint-Vincent, wollte durchaus nicht in den Vorbereitungen der Republik einen Plan zu einer Expedition in dem Ozean sehen. So glaubte er denn genug zu tun, daß er die Meerenge von Gibraltar schloß und die spanische Flotte in dem Hafen von Cadix blockierte. In dieser Überzeugung schickte er Nelson, der unter ihm diente, mit drei Linienschiffen, vier Fregatten und einer Korvette in den Hafen von Toulon, indem er ihm außerdem versprach, ihm sofort Verstärkung zu schicken, sobald er dieselbe verlangte. Am 9. Mai verlieh Nelson die Bai von Cadix, allein es war schon zu spät. Im Golf von Lyon angekommen, zerstreute ein Sturm seine Schiffe und entmastete dasjenige, welches er bestiegen. Um die Schiffe wieder auszubessern, lief er in den Hafen von Saint-Pierre ein, in welchen ihn ein Schiff bugsierte, welches weniger als das seinige gelitten hatte. Während seines Aufenthaltes im Hafen von Saint-Pierre erfuhr er, daß die französische Flotte den Hafen von Toulon verlassen, und schickte ein Schiff an Sir Jervis, um diesen um die versprochene Verstärkung zu bitten.

Erst am 8. Juni aber, also drei Wochen nach der Absegelung der französischen, konnte Nelson diese Verstärkung, die aus zehn Schiffen von vierundsiebzig und einem Schiffe von fünfzig Kanonen bestand, mit seinen Schiffen vereinigen. An der Spitze seines Geschwaders begann Nelson die Verfolgung der französischen Flotte. An den Südküsten von Korsika erfuhr er, daß man sie zwischen dem Kap von Korsika und Italien gesehen. Plötzlich kam Nelson der Gedanke ein – und derselbe war nicht unwahrscheinlich – daß die französische Flotte auf Neapel zusteuere. Und mit vollen Segeln schlug er den Weg nach Neapel ein. Am 15. Juni war er bei den Inseln von Ponsa und schickte uns seinen vertrauten Offizier, besser gesagt seinen Freund, den Kapitän Truebridge, der mit dem Generalkapitän und Sir William die Angelegenheiten erörtern sollte. Truebridge überbrachte mir einen Brief von Nelson. Der Eindruck, den ich auf diesen großen Mann hervorgebracht, war mir nicht entgangen, so daß ich es seltsam fand, daß er die Gelegenheit, selbst nach Neapel zu kommen und mich endlich wiederzusehen, unbenutzt ließ. Der Brief erklärte mir jedoch alles. Der Inhalt desselben war folgender:

»Mylady!

Wenn ich nach Neapel käme, ans Land stiege und Sie wiedersähe, so würde ich meine Pflichten vollständig vernachlässigen, die mir gebieten, die französische Flotte zu verfolgen, ohne einen Augenblick zu verlieren. Truebridge wird Ihnen diesen Brief überbringen, der, anstatt ein Beweis von Gleichgültigkeit zu sein, vielmehr durch die Erklärung, die er Ihnen gibt, ein Beweis für die Macht der Gefühle ist, die ich für Sie empfinde. Sobald Truebridge, je nach den Befehlen, die er von dem Generalkapitän und Sir William empfangen wird, wieder zurückgekehrt ist, werde ich meine Reise fortsetzen. Und wenn die Franzosen am anderen Ende der Welt wären, so will ich sie doch einholen, und Sie werden mich als Sieger und Ihrer würdig, Mylady, oder gar nicht wiedersehen. Tausendmal Ihr

Horace Nelson

Dieser Brief schmeichelte, ohne meinem Herzen weiter viel zu sagen, meinem Stolze in hohem Grade. Während der fünf Jahre, die verflossen waren, hatte Nelson sich wie ein Held oder vielmehr, wie er mir später sagte, wie ein Mann geschlagen, der den Tod sucht. Ich habe bereits erzählt, daß er bei Calvi ein Auge verloren, allein dies war nicht alles, denn bei Teneriffa hatte er auch einen Arm eingebüßt. Diesmal versprach er, meiner würdig oder gar nicht wiederzukommen, und ich war überzeugt, daß er Wort halten würde. Nelson gehörte nicht zu den Männern, welche versprechen und nicht Wort halten. Von der Terrasse des Palais aus sah ich das herrliche Schauspiel mit an, wie die Flotte vor Neapel vorbeidefilierte. Mit Hilfe eines Fernrohrs zeigte mir Sir William das Schiff, auf welchem die Admiralsflagge wehte. Ich konnte nicht erkennen, was an Bord vorging, allein ich wußte gewiß, daß Nelson die Augen auf das Palais, wie ich die meinigen auf sein Schiff richtete. Langsam teilte sich die Flotte vor dem Felsen von Capri; ein Teil wendete sich rechts, der andere links, und es dauerte drei Tage, ehe sie dem Blicke vollständig entschwunden war, da vollkommene Windstille herrschte. Diese Windstille war die Ursache, daß Nelson erst am 25. Juni am Fort von Messina anlangte. Hier erfuhr er, daß Bonaparte sich im Vorübersegeln der Insel Malta bemächtigt, eine Garnison von viertausend Mann daselbst zurückgelassen und dann seine Reise nach dem Orient fortgesetzt hatte.

Vom Leuchtturme aus, am 25. Juni, schrieb Nelson an Sir William, um ihm diese Nachricht mitzuteilen, und an mich, um die Versicherung der Gefühle, die er mir gestanden, zu erneuern.

Wir erhielten den Brief am 30. Juni und ich beantwortete denselben sogleich in folgender Weise:

»Teurer Freund!

Ich benutze die Gelegenheit, die der Kapitän Hope mir bietet, um Ihnen einige Zeilen zu schreiben und Ihnen für den liebenswürdigen Brief zu danken, den Sie mir durch den Kapitän Bowen zugesendet haben. Die Königin war sehr erfreut, als ich ihr übersetzte, was Sie ihr Verbindliches gesagt haben. Sie beauftragt mich, Ihnen zu danken und Ihnen zu versichern, daß sie für Ihr Wohlergehen betet. Was den Sieg betrifft, so ist sie überzeugt, daß Sie denselben gewinnen werden. Der königsmörderische Minister Garat ist jetzt bei uns. Er ist der unverschämteste, schamloseste Diplomat, den man sich nur denken kann und ich sehe deutlich voraus, daß der Hof von Neapel den Krieg wird erklären müssen, wenn das Land gerettet werden soll, denn der französische Gesandte macht täglich die drohendsten Bemerkungen. Die Königin versteht die ganze Wahrheit dessen, was Sie in Ihrem Briefe an Sir William gesagt haben. Sie besitzen das wahre Licht, welches die Ereignisse aufklärt. Dasselbe ist mit dem General Acton der Fall. Unglücklicherweise aber ist der erste Minister, Gatto, ein oberflächlicher und leichtsinniger Mensch, steif und dünkelhaft wie ein Hahnenkamm, der an nichts anderes denkt, als wie ihm sein gesticktes Kleid steht und welche Wirkung sein Diamantring hervorbringt. Die Hälfte der Neapolitaner hält ihn für einen halben Franzosen und ich glaube, daß die ändere Hälfte sich irrt, wenn sie ihn für einen Neapolitaner hält. Die Königin und Acton können ihn nicht ausstehen. Kümmern Sie sich daher nicht um ihn, denn da er nur von dem Könige unterstützt wird, so wird er keine sehr große Macht erlangen. Dennoch aber ist ein erster Minister, sei er auch nur ein Minister von Rauch und Dunst, immer etwas, wäre er auch nur da, um jemandem einen schlechten Streich zu spielen. Sie wissen wohl, daß man die drei- oder vierhundert Jacobiner, die man gefangen hielt, alle, nach einer drei- oder vierjährigen Haft für unschuldig erklärt hat. Wenn ich alles glaubte, was man in meiner Umgebung von ihnen sagt, so verdiente wenigstens die Hälfte von ihnen den Tod am Galgen. Garat durch seinen Einfluß und Gatto durch seine Schwäche, ja vielleicht durch seine Sympathie, haben das herrliche Werk verrichtet, diese niedlichen Herren der Gesellschaft wiederzugeben. Kurz, ich bin in großer Angst und sehe alles hier für fast verloren an. Es betrübt mich dies bis zu Tränen, um unserer teuren und reizenden Königin willen, die wirklich ein besseres Schicksal verdient. Sie werden verstehen, lieber Freund, daß ich Ihnen dies alles im Vertrauen und in Eile schreibe. Ich hoffe, daß Sie das Mittelmeer nicht verlassen werden, ohne uns mitzunehmen. Wir haben unseren Abschied genommen und alle Vorbereitungen getroffen, um augenblicklich abreisen zu können, sobald wir dazu aufgefordert werden; unterdessen aber bitte ich Gott, daß er Ihnen beistehen möge, diese Ungeheuer von Franzosen zu vernichten. Die Herrschaft solcher Gottlosen kann nicht von langer Dauer sein. Wenn sich Ihnen Gelegenheit bietet, so schreiben Sie uns, Sie glauben gar nicht, welcher Balsam Ihre Briefe für uns sind.

Gott segne Sie, teurer Freund, und seien Sie versichert, daß ich stets sein werde Ihre dankbare und treue Freundin

Emma Hamilton.«

Nelson erhielt diesen Brief auf dem Meere, während er die französische Flotte suchte, ohne sie finden zu können.

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