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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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73. Kapitel.

Die Königin blickte uns beide verstört an, fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als ob sie alte Erinnerungen beleben wollte, und sagte dann, indem sie die Prinzessin anblickte: »Ich habe nicht recht gehört, nicht wahr? Sie haben nicht gesagt: ›Die Königin kann ihn nicht sterben lassen!‹« – »Nein, Madame, nein,« rief die Fürstin, »Sie haben recht gehört und ich habe gesagt und wiederhole es: »Nein, nein, nein, die Königin kann ihn nicht sterben lassen!« – »Wen aber kann denn die Königin nicht sterben lassen?« fragte Karoline. – »Den Mann, den sie so sehr geliebt hat!« – »Den Fürsten von Caramanico?« – »Ja.«

»Ist er in Lebensgefahr?« – »Lesen Sie nur, Madame, lesen Sie!« – Und indem die Fürstin auf die Knie sank, hielt sie der Königin einen Brief hin. Mit gebrochener Stimme und klappernden Zähnen las Karoline: »Liebe Freundin –« Sie blickte die Fürstin mit funkelnden Augen an. – »Lesen Sie nur, Madame, lesen Sie!« sagte diese in flehendem Tone. Die Königin fuhr fort: »Ich weiß nicht, was mit mir geschehen ist, seit vierzehn Tagen bleicht mein Haar sichtlich und meine Zähne lockern sich im Zahnfleisch und fallen aus. – Ich fühle mich von Todesschwermut ergriffen und fürchte, nicht mehr lange zu leben. Ich kann Dir nicht sagen, was ich glaube, Du kannst es aber erraten. Sage ihr nichts und leide allein: es gibt unglücklicherweise kein Mittel. Der Vater war Arzt und der Sohn war Chemiker gewesen!

Giuseppe.«

Die Königin stieß einen Schrei aus, ihre Augen schienen aus ihren Höhlen zu treten. »Das heißt,« rief sie aus, »daß er vergiftet worden ist!« – »Ja leider, Madame!« – »Warum hat man ihn denn aber vergiftet, da ich ihn nicht mehr liebte, oder da man wenigstens nicht wußte, daß ich ihn noch liebte?« – »Sie wissen, wie populär er war, Madame,« sagte die Fürstin; »man sprach von seiner Rückkehr nach Neapel, man sagte –« – die Fürstin machte eine Anstrengung, den Namen auszusprechen – »man sagte, daß Mr. Acton nicht mehr in solcher Gunst bei Ihnen stände, kurz, man sagte, daß, mit der Annäherung der schlimmen Tage – denn die schlimmen Tage kommen, wenn sie nicht schon da sind – es Ihre Absicht sei, einen geborenen Neapolitaner zum Minister zu nehmen, da die fremden Minister, so geschickt sie auch sein mögen, in Tagen der Revolution keine sicheren Werkzeuge seien. Dies alles sagte man, Madame. Man wird diese Stimme in weiteren Kreisen gehört haben und sie ist es, die ihn tötet!«

»O, wenn ich das glauben sollte!« murmelte die Königin zähneknirschend.

»Glauben Sie es, Madame, glauben Sie es, denn es ist Wahrheit, verhängnisvolle, furchtbare, unabänderliche Wahrheit! Giuseppe, unser Giuseppe stirbt an Gift!«

»Wann haben Sie denn diesen Brief erhalten?« – »Heute morgen.« – »Vor wieviel Tagen ist er denn geschrieben worden?« – »Vor vier Tagen.« – »Am 1. Oktober. ... Er hat also an demselben Tage geschrieben, an dem jene jungen Leute verurteilt wurden!« – »O,« rief Karoline, indem sie die Hände rang, »das ist eine Strafe des Himmels!« – Die Heftigkeit ihrer Bewegung brachte den Verband der Ader in Unordnung, die schlecht geschlossene Öffnung sprang auf und ich sah einen Blutstrahl aus dem Arm der Königin spritzen und ihr Hemd rot färben. »O sehen Sie,« rief ich,« sehen Sie, Madame! Sie töten sie.« – Und von der Aufregung und dem Blutverlust erschöpft, erbleichte die Königin, stieß einen schwachen Seufzer aus und taumelte. Ich eilte noch zeitig genug herbei, um sie in meinen Armen aufzufangen. Sie war ohnmächtig geworden.

Die Prinzessin und ich, wir trugen sie auf ihr Bett. Ich drückte die Ader zusammen, wie ich es den Doktor hatte tun sehen, dann legte ich ein wenig Scharpie auf die Wunde, den Verband wieder darum und so gelang es mir, das Blut zu stillen, ehe die Kranke wieder zum Bewußtsein kam. Dann faltete ich die Hände und sagte zu der Fürstin: »Sie sehen, in welchem Zustand die Königin sich befindet. Zum Unglück kann sie nichts für den Fürsten tun. Nur Sie allein können etwas tun, Madame.« – »Was kann ich denn tun, mein Gott?« – »Madame, Sie können, ohne noch eine Minute zu zögern, nach Palermo reisen, den besten Arzt von Neapel mitnehmen und gegen das Verbrechen, welches uns alle in Trauer versetzt, an die Wissenschaft appellieren.« – »O, ich hoffte auf die Königin?« rief die arme Fürstin, indem sie einen Blick auf Karolinen warf. »O Gott, o Gott!« – »Die Königin kann Ihnen nicht helfen, Madame, es müßte denn durch die Bestrafung des Verbrechens geschehen und auch das ist noch sehr zweifelhaft, denn Sie wissen selbst, daß der Schuldige oder die Schuldigen so hoch gestellt sind, daß die Strafe nie bis zu ihnen emporsteigen wird. Dann handelt es sich auch um das Leben des Fürsten und nicht um die Bestrafung seiner Mörder. Denken Sie daher an das Leben des Fürsten und seien Sie ruhig, denn wenn die Königin bestrafen kann, so wird sie es auch tun!« – »O, sie wird bestrafen! Glauben Sie, daß Sie es tun wird?« – »Ja, sie bedarf aber dazu ihres ganzen Verstandes, ihrer ganzen Kraft und Macht. Lassen Sie daher das Delirium schwinden, das Fieber sich beruhigen, gehen Sie dahin, wo nicht allein Ihre Liebe, sondern Ihre Pflicht Sie ruft, retten Sie den Fürsten, wenn noch Rettung möglich, hören Sie seinen letzten Seufzer, wenn es zu spät ist, ihn zu retten, stehen Sie ihm sanft und helfend in seinem Todeskampfe zur Seite, sagen Sie ihm – denn da er keine andere Trösterin als Sie hat, so müssen Sie es ihm sagen – sagen Sie ihm, daß die Königin ihn stets und in Wirklichkeit nur ihn geliebt hat. Sie sind das zweien Herzen schuldig, die soviel gelitten und die, wie ich weiß, niemanden als Sie zur Vermittlerin, Vertrauten und Freundin gehabt haben.« – »Es ist gut,« rief die Fürstin. »Ich werde tun, was Sie mir raten, Madame, und wenn der Fürst durch die Wissenschaft eines Mannes und die Hingebung eines Weibes gerettet werden kann, so wird es geschehen. Ich danke Ihnen. Wenn er stirbt, so sagen Sie der Königin, daß ich ihr das Werk unserer Rache überlasse?«

Sie kniete neben dem Bett nieder, küßte die Hand der Königin, sendete mir mit Hand und Mund ein letztes Lebewohl und eilte aus dem Gemach. Die Ohnmacht der Königin war eine Wohltat der Vorsehung, denn ohne diese Ohnmacht wäre Karoline, in der Gemütsverfassung, worin sie sich befand, ohne Zweifel wahnsinnig geworden oder von einer Gehirnentzündung befallen worden.

Ich ging hinter der Fürstin hinaus, um den Dienstleuten zu befehlen, daß sie, im Fall sie von der Königin selbst gefragt würden, kein Wort von dem Besuch der Fürstin Caramanico sagen sollten; dann kehrte ich zur Königin zurück und da ich die Rückkehr derselben zur Besinnung nicht zu fürchten brauchte, weil die Fürstin fort war, so rieb ich Karoline die Schläfe mit kaltem Wasser und ließ sie Salze einatmen. Nach einigen Minuten öffnete sie die Augen, der Ausdruck derselben war aber so verstört, daß ich leicht sah, daß das Delirium der Nacht sie wieder befallen hatte. Für den Augenblick war dies das glücklichste, was es geben konnte. Zwar nannte Karoline im Delirium mehrmals den Namen Giuseppe und einmal den des Fürsten von Caramanico, jedoch mit unzusammenhängenden Worten, die mich hoffen ließen, daß sie nur im Traum die Erinnerung an das, was vorgefallen war, wiederfinden würde.

Ich klingelte den Kammerfrauen; zwei derselben kamen. Ich rief mir die Vorschriften des Doktors ins Gedächtnis zurück. Zuerst begannen wir damit, daß wir die Königin ein Fußbad von Senf nehmen ließen, dann umlegten wir, als die Röte im Gesicht, das Fieber und das Delirium nicht aufhörten, die unteren Teile der Füße mit Senfpflastern. Dies ward uns um so leichter, als Karoline mich trotz des Deliriums kannte, sehr sanft gegen mich war und alles mit sich machen ließ, was ich anordnete.

Gegen ein Uhr verfiel sie in einen Zustand von Erstarrung, der seltsam gegen die Aufregung abstach, in der sie sich soeben noch befunden. Punkt zwei Uhr hörte ich das Rollen eines Wagens. Cottugno hielt Wort. Ich ließ die Königin unter der Obhut zweier Kammerfrauen und eilte dem Doktor entgegen. Ich kam gerade noch zeitig genug, ihn oben an der Treppe zu begrüßen. Mit zwei Worten erzählte ich ihm, nicht das, was heute morgen vorgefallen war – denn ich besaß kein Recht über das Geheimnis der Königin – sondern, daß seine Kranke, nachdem sie wieder zum Bewußtsein gekommen sei, eine große Aufregung gehabt habe, wodurch die verbundene Ader wieder aufgesprungen sei, was eine Ohnmacht herbeigeführt habe. Ich fügte hinzu, daß wir seine Vorschrift Punkt für Punkt befolgt hätten und schilderte ihm den jetzigen Zustand der Königin. Cottugno untersuchte das Blut, erkannte darin die Anzeichen einer heftigen Entzündung und begab sich dann zur Königin. Karoline lag unbeweglich mit geschlossenen Augen da. Der Doktor fühlte ihren Puls, lauschte ihren Atemzügen und fragte sie nach ihrem Befinden; die Königin öffnete die Augen nicht und schwieg.

»Rücken Sie das Becken her,« sagte der Doktor zu einem der Kammermädchen, »die Königin hat noch nicht genug Blut verloren und ich muß ihr daher noch eine bis zwei Unzen entziehen.«

Die Königin zog ihren Arm zurück – ein Beweis, daß sie gehört hatte was Cottugno soeben gesagt hatte. Dieser schien jedoch die Bewegung nicht zu bemerken, sondern faßte den Arm der Königin.

»O,« sagte die Kranke, »ich bin schon schwach genug, machen Sie mich nicht noch schwächer. – Ich könnte dann nicht einmal mehr zwei Ideen miteinander verbinden.«

»Gut!« sagte Cottugno, »Eure Majestät müssen in dem Zustand, in welchem Sie sich befinden, nicht nur zwei Ideen nicht miteinander verbinden, sondern überhaupt gar keine haben.« Karoline seufzte; sie besaß nicht die Kraft zu widerstehen. Der Doktor öffnete die Ader und die Königin verlor wieder zwei Becken voll Blut: Das war mehr, als sie ertragen konnte; sie wurde ohnmächtig. Sogleich unterband Cottugno die Ader.

»So!« sagte er. »Diese Damen werden zum Apotheker gehen, oder hinschicken und den Arzneitrank bereiten lassen, den ich verschreiben werde. Unterdessen wollen wir plaudern.« Er schrieb das Rezept, übergab es den beiden Kammerfrauen und schob sie sozusagen zum Zimmer hinaus. Dann ging er zu der Königin hin, die noch immer bewußtlos war, und faßte ihre Hand.

»Sehen Sie,« sagte er zu mir, »mit den Ärzten muß man offen reden, denn sonst läuft man Gefahr, daß sie sich täuschen und dadurch den Kranken töten.«

»Mein Gott!« rief ich aus, »ist denn Lebensgefahr vorhanden?«

»Die ist stets vorhanden, wenn an der einen Seite eines Lagers die Krankheit und auf der anderen der Arzt steht. Ich denke mir aber, daß hier der Geist kränker ist, als der Körper.«

»Das glaube ich ebenfalls, Doktor, und bewundere Ihren Scharfblick.«

Cottugno zuckte die Achseln. »Da ist nun weiter kein Scharfblick dabei,« sagte er, »und die ganze Sache liegt klar wie der Tag vor mir. Ich will Ihnen erzählen, was vorgefallen ist. Wenn ich mich irre, so werden Sie mir ins Wort fallen; wenn ich aber den Hergang der Sache errate, so werden Sie mich fortfahren lassen.« – »Wenn die Königin Sie nun aber hört?« – »Das ist nicht zu befürchten. Ich habe meine Hand auf ihrem Puls, wenn sie wieder zu sich kommen will, so werde ich es eine Minute voraus wissen. ... Nicht wahr, die gestrige Hinrichtung hat die Königin so in Aufregung gebracht?« – »Wie können Sie denn das erraten?« – »O, wie naiv! Erstens hat die Hinrichtung viele andere in Aufregung gebracht, wievielmehr nicht sie, welche diese Hinrichtung verhindern konnte, es aber nicht für gut befunden hat, es zu tun.« – »Doktor, die Königin hat den Verurteilten ihre Gnade anbieten lassen, sie haben jedoch diese zurückgewiesen.« – »Ja, ich habe so etwas erzählen hören; das geht mich jedoch nichts an, denn ich bin hier weiter nichts als Arzt. Die Hinrichtung hat gestern um vier Uhr stattgefunden und gestern um vier Uhr ist die Königin krank geworden.« – »Wer hat Ihnen denn das gesagt?« – »Sir William Hamilton: Sie sehen, daß ich für keinen Zauberer gelten will, er hätte mir es aber gar nicht zu sagen brauchen, denn diese Nacht, als ich hier war, zuckte die Königin, als sie die Uhr die dritte Stunde schlagen hörte, zusammen und rief: ›Gut, wir haben noch eine Stunde!‹ Das ist aber noch nicht alles, denn wie Sie mir sagten, hat sie heute morgen noch eine heftige Aufregung gehabt, nicht wahr?« – »Ja, eine sehr heftige!« – Er sah mich an. »Sie wird erfahren haben, daß der Fürst von Caramanico vielleicht an Gift sterben muß.« – »Seien Sie still!« rief ich, »seien Sie still!« – »Ich sage Ihnen aber, daß sie mich nicht hören kann.« – »Woher wissen Sie denn aber von diesem Vorfall?« – »Auf die einfachste Weise. – Die Fürstin war vor zwei Stunden bei mir. Sie fragte mich, ob ich mit ihr nach Palermo reisen könnte, ich aber erwiderte ihr, daß es mir unmöglich sei, da ich die Königin nicht verlassen dürfte. Ich habe die Fürstin zu Cirillo geschickt, dem ich das schuldig war, da er gestern Ihren Gemahl zu mir geschickt hatte. Die Fürstin und Cirillo müssen jetzt abgereist sein, und wenn es ein Mittel gibt, den Fürsten zu retten, so wird Cirillo es in Anwendung bringen, denn er ist ein geschickter Arzt. Während ich nun mit der Fürstin sprach, plauderte ihr Diener mit dem meinigen, und da der Mann keinen Grund hatte, ein Geheimnis daraus zu machen, so sagte er, daß er mit der Fürstin soeben von Caserta käme. Demnach ist die Aufregung der Königin durch die Nachricht, daß der Fürst vergiftet worden sei, verursacht worden. Ich hätte Sie in dem Glauben lassen können, ich hatte alles erraten, das wäre jedoch Scharlatanerie, und Gott sei Dank, ist wohl Gatti, aber nicht Cottugno ein Scharlatan. Soll ich Ihnen jetzt meinen Feldzugsplan gegen die Krankheit der Königin mitteilen? Er ist sehr einfach. Die Nachricht von der Vergiftung des Fürsten von Caramanico ist bei ihr gleichsam ein Traum. Sie weiß nicht, ob sie geträumt hat, daß sie die Fürstin gesehen oder ob sie dieselbe wirklich gesehen hat. Diese beiden Ideen kann sie nicht miteinander verbinden, und das darf sie auch gar nicht, deswegen habe ich sie auch, als sie sich über allzugroße Schwäche beklagte, durch den Aderlaß, noch mehr geschwächt. Ich wäre stark genug, gegen die gestrige Hinrichtung oder die heutige Vergiftung zu kämpfen, wenn jede Sache für sich allein stände. Da die beiden Aufregungen aber zusammentreffen, so ist Cottugno wie ein ungeschickter General zwischen zwei Feuern gefangen und geschlagen. Cottugno muß es machen wie der verwundete Horatier. Er muß wie dieser die Curiatier nacheinander angreifen. Sie verstehen mich wohl? Mein erster Curiatier ist die gestrige Hinrichtung, mein zweiter die heutige Vergiftung und mein dritter ist der am wenigsten zu fürchtende, nämlich die Krankheit.«

»Wirklich, mein Herr,« sagte ich, indem ich ihn anblickte, »Sie sind ein wunderbarer Mann.«

»Nun, nicht wunderbarer als jeder andere; ich habe Praxis und Beobachtungsgabe, das ist alles. Jetzt hören Sie: Meine ganze Arbeit wird sich darauf beschränken, die Königin zu verhindern, sich zu erinnern. Wenn mir das in drei Tagen gelingt, so ist durchaus nichts mehr zu befürchten. Das, was ich ihr gebe, ist nur ein Beruhigungsmittel, jedoch ein solches, das man ihr mit der größten Vorsicht und Regelmäßigkeit reichen muß, denn sobald die Dosis eine zu starke wäre, würde dieselbe allzusehr beruhigen.« – »Mein Gott, was wollen Sie denn der Königin geben?« – »Ganz einfach Belladonna.« – »Ich dächte aber, Belladonna wäre Gift?« – »Es ist auch Gift; wenn es aber eingenommen wird, wie die Königin es einnehmen soll, so ist es ein Einschläferungs-, ja nur ein Beruhigungsmittel. Sie müssen der Königin alle Stunden einen Kaffeelöffel voll geben. ... Ah, Ihre Majestät kommt wieder zu sich! Vergessen Sie nicht, daß die Hinrichtung der drei jungen Männer vor vierzehn Tagen stattgefunden hat und daß die Vergiftung des Fürsten eine Fabel ist.... Still!«

In diesem Augenblicke schlug die Königin die Augen groß auf und sah sich um. »Das ist gut,« sagte Cottugno, indem er sich erhob, »das Befinden Eurer Majestät ist herrlich! Mylady, vergessen Sie nicht, Ihrer Majestät von Zeit zu Zeit einen Kaffeelöffel von dem Tranke zu reichen, den ich ihr verschrieben habe. Am besten geschieht es so schnell wie möglich. Sehen Sie, da kommen die Damen mit der Arznei. Geben Sie mir einen kleinen Löffel, Ihre Majestät werden mir die Ehre erweisen, den ersten Löffel von meiner Hand anzunehmen.«

Und ohne der Königin Zeit zu lassen, sich zu besinnen, schob er ihr den Löffel in den Mund und gab ihr den Trank ein.

»Morgen werde ich zu derselben Stunde wiederkommen,« sagte er. Zehn Minuten später lag Karoline in festem Schlafe.

Alles was der Doktor vorausgesagt, geschah. Drei Tage lang lag die Königin in halbem Schlafe, in einem Zustand von Schlafsucht, der weder Wachen noch Schlummer war. Dann, nach Ablauf dieser drei Tage, erlaubte Cottugno, daß der Tag allmählich in ihrem Geist dämmerte, und bei dem bleichen Schimmer dieses Tages zogen alle Ereignisse der Gegenwart an ihr vorüber, jedoch mit der unbestimmten und undeutlichen Färbung vergangener Begebenheiten. Da ich die Königin keinen Augenblick verließ, so war ich die Vertraute ihrer Rückkehr zum Leben und zum Schmerz. Drei oder vier Tage hatte sie kein Wort von dem Fürsten gesprochen. Eines Morgens aber sagte sie mit einer gewissen Anstrengung: »Hat die Fürstin von Caramanico mir während meines Deliriums keinen Besuch abgestattet?«

»Ja, Madame,« erwiderte ich, »sie hatte erfahren, daß ihr Gemahl leidend war und da sie nach Palermo abreise, so wollte sie Eure Majestät fragen, ob Sie nicht etwas an den Vizekönig zu bestellen hätten.« Die Königin, welche meine Hand gefaßt hielt, drückte dieselbe und fragte mich, indem sie mir ins Gesicht blickte: »Emma, die Fürstin ist nicht wiedergekommen?« – »Nein, Madame.« – »Sie hat auch nicht geschrieben?« – »Nein, Madame.« – »Gib Befehl, daß man sie bei ihrer Rückkehr sogleich zu mir lasse, sobald sie mich zu sprechen verlangt.« – »Wenn nun aber die Nachrichten, die sie bringt, schlechte wären, würden Sie sich dann stark genug fühlen, dieselben ohne Nachteil für Ihre Gesundheit zu hören?« – »Ja, sei unbesorgt; mit der Ruhe ist auch meine Stärke wiedergekommen. Erweise mir nur einen Dienst.« – »Befehlen Sie, Madame.« – »Hier ist der Schlüssel zu meinem Sekretär; du kennst doch das geheime Fach –« »Ja, Madame.« – »Gut, dann hole mir mein teures Kästchen; ich sehne mich, es bei mir zu haben.« – »Ich gehe sogleich.« – »Ja, gehe und komme schnell wieder! Wenn du dem König zufällig begegnen solltest und er so neugierig wäre, sich nach mir zu erkundigen, so sage ihm, daß es mir gut geht, daß ich aber noch einige Tage der Ruhe und Einsamkeit bedürfte. Nichts würde mir unangenehmer sein, als ihn gerade jetzt wiederzusehen.

»Gut, Madame.« Ich sah nach meiner Uhr. »Es ist jetzt neun Uhr, zu Mittag werde ich wieder hier sein.« – »O, ich danke. Ich wüßte nicht, was aus mir werden sollte, wenn ich dich nicht hätte!« – Ich faßte ihre Hände und küßte dieselben. »Vergiß nicht beim Fortgehen die Befehle in bezug auf die Fürstin zu geben.« – »Nein, Madame, seien Sie unbesorgt.« – »Und füge hinzu, daß man die Pendule wieder aufziehen kann; meine Nerven sind wieder Genug gestärkt, daß ich die Uhr schlagen hören kann; selbst die vierte Stunde.«

Ich verließ die Königin und entledigte mich der beiden Aufträge, die sie mir erteilt. Dann stieg ich in den Wagen, indem ich dem Kutscher anempfahl, so schnell als nur möglich zu fahren, und fuhr davon. Am Maddalone begegnete ich einem schwarzen Wagen, auf dem ein in Trauer gekleideter Kutscher und Lakaien sich befanden. Ich schauderte, eine Ahnung sagte mir, daß eine Witwe in diesem Wagen säße. Ich erreichte Neapel. Ich sagte im Gesandtschaftshotel nur meinem Gemahle einige Worte, begab mich sofort in das Palais, wo ich den Auftrag der Königin vollführte, ohne das Unglück zu haben, dem Könige zu begegnen. Um ebenso schnell wieder nach Caserta zu kommen, hatte ich beim Aussteigen befohlen, die Pferde zu wechseln. Wenige Minuten vor Mittag war ich wieder in Caserta. Unter der Vorhalle hielt ein schwarzer Wagen, um welchen die schwarzgekleideten Diener standen, denen ich auf dem Wege begegnet war. Und als ich den Fuß auf die erste Stufe der großen Haupttreppe setzte, sah ich die Türen der Gemächer Karolinens sich öffnen. Eine ganz in lange schwarze Kreppschleier gehüllte Frau erschien. Sie hielt das Taschentuch vor die Augen und schluchzte, indem sie sich weitertastete. Ich stellte mich an die Seite; sie ging an mir vorüber, ohne mich zu sehen, obgleich ihr Gewand das meinige berührte. Sie stieg in den Wagen und fuhr fort. Ich trat bei der Königin ein, als die Pendule die zwölfte Stunde schlug. »Du hältst Wort, Emma,« sagte sie. »Komm her.« Ich näherte mich ihr, erstaunt, keine größere Veränderung in ihrer Stimme wahrzunehmen. Ich erwartete Karolinen trostlos und in Tränen zu finden, allein ich täuschte mich. Sie war kalt und entschlossen. Ich reichte ihr das Kästchen. Sie öffnete es mit dem Schlüssel, den sie bereit hielt, und indem sie eine Haarlocke aus dem Busen zog, sagte sie: »Sieh', das ist alles, was von ihm bleibt.« Sie drückte die Haarlocke heftig an ihre Lippen und schloß dieses Andenken an den Toten zu den Andenken ihrer Liebe in ein und dasselbe Kästchen. Dann schob sie das Kästchen unter ihr Kopfkissen, auf welches sie das Haupt sinken ließ, schloß die Augen und murmelte dieselben Worte, die ich bereits bei ihr gehört, vor sich hin: »Es ist eine Strafe des Himmels!«

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