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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 74
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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72. Kapitel.

Marie Karoline hörte der Erzählung vom Anfange bis zu Ende zu, ohne ein Zeichen von Erregung zu geben; nur verlangte sie, als Sir William geendet, ein Glas Wasser. Ich holte selbst eins von ihrer Toilette und brachte es ihr, als sie es aber aus meiner Hand nahm, zitterte die ihrige und ich hörte, wie ihre Zähne an dem Rande des Glases klapperten. »Sie sind krank, Madame,« sagte ich. – »Ja, ich glaube selbst,« erwiderte sie, »daß ich etwas Fieber habe.« Dann drückte sie mir die Hand, wie von plötzlichem Schrecken ergriffen, und sagte: »Du wirst doch die Nacht in meiner Nähe bleiben, nicht wahr?« – »Gott bewahre mich davor, Sie auch nur einen einzigen Augenblick zu verlassen, Madame! Man sollte aber nach dem Arzte schicken.« – »Warum denn?« – »Weil ich fürchte, daß Sie ernstlich krank sind und denke, daß einige beruhigende Mittel vielleicht genügen würden, eine gefährliche Krankheit abzuwenden.« Die Königin dachte einen Augenblick nach, richtete sich auf ihrem Ellbogen empor und ließ dann das Haupt wieder auf das Kissen sinken. »Die Sache ist die,« sagte sie, »daß ich mich nicht wohl fühle. Ich habe Ohrensausen und rote Flecke vor den Augen. Schicke einen Kurier nach Neapel und schreibe Domenico Cirillo, morgen früh so zeitig wie möglich zu mir zu kommen.« »Wollen Eure Majestät mir erlauben, Ihren Puls zu fühlen? Ich verstehe mich ein wenig auf Medizin,« sagte Sir William. »Fühlen Sie,« sagte Karoline, indem sie den Arm ausstreckte. Sir William zog seinen Handschuh aus, nahm seine Uhr heraus und während er mit der einen Hand dieselbe hielt, untersuchte er mit der anderen den Puls der Königin. Er zählte zweiundachtzig Schläge in der Minute. »Nicht morgen erst,« sagte er, »sondern heute noch muß der Arzt kommen, Madame, und da ich wegen meiner Korrespondenz nach Neapel zurückkehren muß, so werde ich Ihr Kurier sein. Wenn Cirillo abwesend sein sollte, so werde ich Ihnen Cottugno schicken.« – »Schicken Sie mir wen Sie wollen, Mylord, nur keinen englischen Arzt. Ich verabscheue Ihre Kalomelverschreiber; sie haben für alle Krankheiten nur ein Mittel, man sollte meinen, sie hätten das Universalheilmittel erfunden.« Sir William verabschiedete sich von uns und ging fort, indem er die Königin inständig bat, nicht, wie sein skeptischer Geist ihn fürchten ließ, falls sie kränker würde, einen Dorfarzt holen zu lassen, sondern den zu erwarten, den er ihr aus der Stadt schicken würde. Sir William hatte sich nicht getäuscht. Das Übel der Königin nahm schnell zu, und zwei Stunden, nachdem er fort war, lag sie im Fieberwahnsinn. In diesem Delirium wohnte sie der Hinrichtung der drei jungen Männer bei und erzählte alle die Einzelheiten, die Sir William ihr soeben berichtet.

Um Mitternacht fuhr ein Wagen donnernd durch die Einfahrt des Palastes. Man wußte, daß ein Arzt aus Neapel erwartet ward und man war wach geblieben, damit er ohne Verzögerung heraufkommen könnte. Ich eilte an die Treppe. Es war der Doktor Cottugno. Er ward von Sir Williams Sekretär begleitet, der mir einen Brief meines Gatten überbrachte. Domenico Cirillo hatte nicht kommen wollen, sondern gesagt, daß er um fünf Uhr seine Entlassung als Hofarzt ins Palais geschickt habe. Das war eine Stunde nach der Hinrichtung, die Absicht war also deutlich und bestimmt, und der Beweggrund, aus welchem Cirillo seine Entlassung eingereicht, bedurfte keiner weiteren Erklärung. Sir William, der die patriotischen Ansichten Cirillos kannte, war über seine Weigerung durchaus nicht erstaunt und hatte sich an Cottugno gewendet. Ich führte den letzteren zur Königin. Sie sah im Gesicht ganz purpurrot aus, sprach in kurzen Worten und ihr Auge war fieberhaft. Ihr Puls ging noch schneller und man konnte in einer Minute neunzig Schläge zählen. Cottugno, der sich durch seine schnelle Entschlossenheit auszeichnete, warf nur einen einzigen Blick auf die Kranke.

»Die physischen Kräfte,« sagte er, »sind durch die moralischen sehr erschüttert worden. Es handelt sich daher darum, auf die moralischen Kräfte durch die physischen zu wirken.« Und er zog sein Besteck aus der Tasche. Dann fuhr er zu mir gewendet fort: »Madame, wollen Sie mich unterstützen, Ihrer Majestät zur Ader zu lassen, oder wollen Sie eine der Kammerfrauen rufen?« – »Wenn ich Ihnen nun helfen wollte, mein Herr,« sagte ich, »würde dann das, was ich zu tun haben würde, schwer sein?« – »Ach, mein Gott, nein! Es handelt sich einfach darum, daß Sie nicht ohnmächtig werden. Können Sie dafür stehen?« – »Ja, mein Herr, ich besitze Mut.« – »Man hat bisweilen Mut für sich, ohne ihn für andere zu haben. Übrigens handelt es sich nur darum, die Schüssel zu halten.« – »Rechnen Sie auf mich.« – »Gut, dann wollen wir keine Zeit verlieren.« – Und der Doktor unterband hierauf selbst den Arm der Königin und ohne eine andere Hilfe als die meinige ließ er der Königin reichlich zur Ader. Ich sah zum ersten Male Blut fließen und zwar das kostbare Blut einer gekrönten Freundin; der Eindruck war demnach ein tiefer. Ich kniete vor dem Bett der Königin und hielt das Becken, in welches sich ihr Blut, wie mir es schien, in furchtbarer Menge ergoß. Ich wußte noch nicht, was mir Sir William später mitteilte, daß der menschliche Körper sechzehn bis siebzehn Pfund Blut enthält. In dem Maße, in welchem das Blut floß, ward es mir dunkel vor den Augen und der kalte Schweiß trat mir auf die Stirn. Ich hielt jedoch trotzdem nicht weniger fest, bis zu dem Augenblick, wo der Arzt mir sagte: »Sie können das Becken auf die Erde stellen, Madame, es ist alles vorbei.« Als ob ich in meiner Hilfeleistung all meine Kräfte, besonders meine Willenskraft, erschöpft hätte, ließ ich mich, nachdem ich auf die Erlaubnis des Doktors das Becken kaum niedergesetzt, auch mich völlig gehen und den Kopf auf das Bett der Königin sinken. »Ich hatte es Ihnen wohl gesagt,« bemerkte Cottugno.« – »O, es ist nichts, Doktor, es ist nichts,« erwiderte ich, »Sie haben ihr aber soviel Blut entzogen.« – »Nicht mehr als fünf bis sechs Unzen. Das Gehirnfieber muß gemildert werden. Es hat eine Gehirnerschütterung stattgefunden; wir müssen das Gleichgewicht wieder herstellen. Wenn das Fieber, die Röte und besonders das Delirium andauern sollten, so müsse die Königin die Füße in so heißes Wasser setzen, als sie es nur ertragen kann, und in welchem man drei bis vier Unzen Senfmehl aufgelöst. Hilft dies noch nicht, so müssen ihr Senfpflaster auf die Fußsohlen gelegt werden, denn alles das Blut, welches jetzt nach dem Kopfe strömt, muß in die Extremitäten gezogen werden.« »Bitte, schreiben Sie das alles auf, Doktor,« sagte ich. »Warum wollen Sie aber nicht bei der Königin bleiben?« – »Ja und meine Spitäler! Wer sollte denn dort meinen Dienst übernehmen? Das ist unmöglich, schöne Frau, unmöglich! ... Um zwei Uhr nachmittags werde ich wieder hier sein. Die Königin mag sich gedulden. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird das Delirium bis dahin schwächer geworden sein und unsere erhabene Kranke sich auf dem Wege der Besserung befinden ... Und sehen Sie, da schläft sie schon.« In diesem Augenblicke schlug die Uhr.

Bei dem ersten Schlag öffnete die Königin die Augen und schien ängstlich zu horchen. Ich horchte fast ebenso ängstlich wie die Königin, denn ich kannte die Ursache ihrer Aufmerksamkeit, mit der sie auf dieses Geräusch hörte. Die Uhr schlug die dritte Stunde. »Gut!« sagte Karoline, »noch eine Stunde!« Und ihr Haupt sank wieder auf die Kissen. »Man muß zu verhüten suchen,« sagte Cottugno, »daß diese Uhr die Stunden, besonders aber die nun folgende schlägt.« Er sprach diese Worte mit solcher Einfachheit, daß es unmöglich zu erkennen war, ob er eine andere Absicht hatte hineinlegen wollen, als die, der Uhr Schweigen zu gebieten. Ich ging an den Kamin und hielt den Zeiger an. Cottugno fühlte den Puls der Königin; er hatte sich um zwölf Schläge vermindert. »Alles geht gut,« sagte der Doktor, »und wenn nichts Neues geschieht, wird die Königin in drei Tagen hergestellt sein.« Dann wischte er mit der größten Sorgfalt seine Lanzette ab, hielt die Spitze derselben in die Flamme der Kerze steckte dann die Lanzette wieder in sein Besteck, dieses in die Tasche, empfahl mir, das Blut aufzubewahren, damit er die Zusammensetzung desselben untersuchen könnte, und ging fort, indem er mir riet, ein wenig auszuruhen. Ich bedurfte der Ruhe in der Tat sehr, denn seit drei Nächten hatte ich gar nicht oder doch nur wenig geschlafen. Der Schlaf der Königin war im ganzen ruhig, nur fuhr sie einigemal heftig zusammen. Ich zog einen Sessel an ihr Bett, nahm ihre Hand in die meinige, damit ich durch ihre leiseste Bewegung geweckt werden möchte, und schlief selbst ein. Wie lange mein Schlaf dauerte, weiß ich nicht, als ich aber die Augen aufschlug, von dem Geräusch geweckt, welches in dem Nebenzimmer entstanden, war es bereits heller Tag. Das Geräusch ward durch eine Person verursacht, welche heftig sagte: »Ich muß zur Königin! Ich sage Ihnen, ich muß zu ihr!« Ich sprang von meinem Sessel auf und stürzte in das Nebenzimmer. Hier sah ich eine vornehme Dame, die ungefähr dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt sein mochte und deren Gesicht tiefe Spuren von Schmerz zeigte. »O Madame,« rief sie, als sie mich erblickte, »machen Sie es möglich, daß ich zur Königin gelange, ich bitte Sie inständigst!«

Und sie faßte meine Hände, indem sie sich neigte, als ob sie auf die Knie sinken wollte. »Unmöglich, Madame!« erwiderte ich. »Die Königin ist sehr krank; es ist ihr diese Nacht zur Ader gelassen worden und der Arzt hat verboten, jemanden zu ihr zu lassen.« – »O, ich aber, ich,« rief die Dame, »ich bin nicht jemand. ... Ich bin ... ich bin ... eine Freundin der Königin!« – »Entschuldigen Sie mich, Madame, ich habe Sie aber niemals am Hofe gesehen.« – »Wozu hätte ich denn an den Hof kommen sollen? Ich hatte ja dort gar nichts zu tun! Sehen Sie aber hier, Sie kennen doch die Handschrift der Königin?« – Sie zog mehrere Briefe aus der Tasche. »Sehen Sie, Madame, sehen Sie! ... Teure Prinzessin! Nicht wahr, es ist ihre Handschrift?« – »Ja, wer sind Sie denn aber?« fragte ich ganz erstaunt. – »Ich bin ...« Sie zögerte. »Ich bin die Fürstin von Caramanico.« – »Die Gemahlin des Mannes ...« Ich stockte. »Ja,« sagte sie, »die Gemahlin des Mannes, den sie so sehr geliebt hat! ... Nun, ich will ihr sagen, daß sie den Mann, den sie so sehr geliebt hat, nicht sterben lassen kann.« – »Ihn sterben lassen! Wen denn?« fragte eine Stimme hinter uns.

Wir, die Fürstin und ich, drehten uns herum und stießen einen doppelten Schrei aus. Die Königin, die ebenfalls von dem Geräusch geweckt worden war, hatte sich, da sie eine Frauenstimme auf die meinige antworten hörte, erhoben und stand mit bloßen Füßen, im Hemd, und ganz mit Blut befleckt, auf der Schwelle des Schlafzimmers. Sie erkannte die Fürstin von Caramanico, stieß ebenfalls einen Schrei aus, stürzte auf sie zu, faßte sie beim Arme, zog sie mit in ihr Zimmer und sagte: »Komm, Emma, komm!« Ich folgte der Königin und Prinzessin und schloß die Tür hinter mir.

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