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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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71. Kapitel.

Ich weiß nicht, wie die Königin schlief, ich aber hatte schreckliche Träume. Gegen Morgen erst verschwanden die Visionen, die mein Gehirn beunruhigten, und ich konnte einige Ruhe genießen. Das erste, was ich sah, als ich erwachte, war die Königin, die an meinem Fenster stand. Sie hauchte an die Fensterscheiben und hatte auf den Hauch ihres Atems mit dem Finger eine Art Grabhügel und auf diesem drei Kreuze gemalt. Als sie hörte, wie ich mich auf meinem Bette erhob, nahm sie schnell ihr Taschentuch und wischte die Scheibe ab.

»Wie langweilig!« sagte sie; »ich war zeitig aufgestanden, da ich hoffte, wir könnten einen Spaziergang machen, und nun fällt ein feiner Regen, der uns vielleicht den ganzen Tag am Ausgehen verhindern wird.«

»Haben Eure Majestät schon lange gewartet?« fragte ich.

»Meine Majestät sind schon eine Stunde da, weil meine Majestät sehr schlecht geschlafen haben. Schnell erhebe dich, wir wollen uns zu zerstreuen suchen.« Ich erhob mich. »Ah!« sagte die Königin, indem sie mich betrachtete, »so habe ich denn einmal die Befriedigung, dich weniger außerordentlich schön als gewöhnlich zu finden! Du bist heute bleich und hast rote Augen, das will ich dir nur sagen, meine liebe Freundin.«

»Ach, Madame,« erwiderte ich, »ich fürchte sehr, heute abend noch bleicher auszusehen und noch rötere Augen zu haben, als jetzt.« Sie tat, als ob sie mich nicht gehört hätte, sondern fragte: »Hast du denn nicht Sir William eingeladen, mit uns nach Caserta zu kommen?«

»Jawohl, Madame; er wird aber durch Geschäfte in Neapel zurückgehalten und wird daher erst heute abend oder morgen früh kommen.«

»Ah, um so besser!« sagte die Königin mit sichtbarer Anstrengung. »So kann er uns nähere Nachrichten mitteilen.« Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß das Gespräch zwischen uns hiermit beendet war. Karoline begab sich in ihr Zimmer. Ich kleidete mich an.

Gegen zwei Uhr hörte der Regen auf. Man sollte beim ersten Sonnenstrahl, der durch die Wolken blicken würde, den Wagen anspannen. Man benachrichtigte uns, daß es geschehen sei. Wir gingen hinunter und machten eine Promenade im Park. In dem Maße, wie die Zeit vorrückte, bemächtigte sich auch eine fieberhafte Aufregung der Königin. Sie hatte das Gespräch auf die Gefangenschaft, die Leiden und den Tod ihrer Schwester Marie Antoinette gebracht, die am 16. des Monats, in den wir soeben eingetreten, hingerichtet worden war. Da keiner ihrer Gedanken mir entging, so verstand ich sehr wohl, daß sie darin eine Erleichterung ihrer Gewissensbisse suchte, die Leiden hervorhob, welche die Franzosen einer Frau bereitet hatten, die durch ihren Rang als unverletzlich hätte dastehen sollen. Der Himmel ward wieder finster, und der Kutscher glaubte wieder nach dem Schlosse fahren zu müssen. Die Königin machte keine einzige Bemerkung. Der Wagen hielt am Fuße der großen Ehrentreppe. Karoline wechselte den Gegenstand der Unterhaltung.

»Diese Treppe ist wirklich sehr schön,« sagte sie, »und diese Treppe allein hätte den Ruf Vanvitellis begründen können.« Und sie machte mich auf alle Wunder dieses Bauwerks aufmerksam. So gelangten wir in ihr Zimmer. Karoline war die Beute einer jener nervösen Überreizungen, die bei ihr gewöhnlich mit einer Krisis endeten. Sie ging sehr schnell, als ob sie ihre äußeren Bewegungen, die trotz ihrer Verstellung, den Zustand ihrer Seele verrieten, ins Gleichgewicht bringen wollte. Plötzlich und gerade in dem Augenblicke, wo sie wieder in ihr Zimmer trat, blieb sie unbeweglich stehen, den Blick auf die Pendule geheftet.

Es war gerade vier Uhr. Die Uhr ließ eben jenes Ausheben hören, welches dem Stundenschlag vorausgeht; die Zeit erhob ihre Sichel wie zum Schlage und die Glocke erdröhnte viermal unter dem stählernen Hammer. Die Vorsicht der Königin, am Abend vorher die Uhr anzuhalten, war vergeblich gewesen und seltsamerweise schlug die Uhr gerade in dem Augenblicke, wo die Königin ins Zimmer trat, die verhängnisvolle Stunde, die sie auf dem Zifferblatt anzuhalten versucht hatte. Nachdem die Königin mit mir in den Wagen gestiegen, war nämlich ein Lakai hereingekommen, und als er sah, daß die Uhr stand, hatte er dieselbe aufgezogen und gestellt. Daher kam das Wunder. Die Wirkung war jedoch bereits hervorgebracht, ehe die Königin sich die Ursache erklärt, und wenn ich Karolinen nicht gestützt hätte, so wäre sie, glaube ich, umgefallen. Ich wollte klingeln, sie verbot es mir.

»O nein,« sagte sie, »ich kann vielleicht schwach sein, es darf es aber niemand erfahren. Da es aber wahrscheinlich ist, daß Gott für diese drei elenden Jakobiner kein Wunder hat geschehen lassen, so will ich dies Geheimnis der Uhr wissen. Hilf mir mich auf mein Bett legen und dann erkundige dich darnach.«

Ich führte die Königin bis an ihr Bett, sie legte sich angekleidet darauf und ich ging hinaus, um die Diener zu fragen. Da erzählte mir der Lakai, daß er, da er gesehen, daß die Uhr gestanden und er geglaubt hätte, sie sei zufällig stehen geblieben, es für seine Pflicht gehalten, sie aufzuziehen und zu stellen. Ich ging sogleich wieder zur Königin und brachte ihr diese Erklärung. Ihr Gesicht hellte sich auf; sie wischte sich den Schweiß von der Stirne und versuchte zu lachen, die Muskeln des Gesichts schienen jedoch steif geworden zu sein, so daß sie keinen milderen Ausdruck annehmen wollten.

»Jetzt muß übrigens,« sagte sie, indem sie nach der Uhr blickte und sah, daß es halb fünf war, »alles vorbei sein. Ein großes Exempel ist statuiert worden, das war in Neapel nötig.« Ich schwieg. »Bist du nicht auch meiner Meinung?« fragte sie.

»Ach, Madame,« erwiderte ich, »erlauben Sie, daß ich über diese schrecklichen Dinge, wobei es sich um Leben und Tod handelt, keine Meinung habe. Ich bin zu entfernt von denen geboren, denen Gott das Recht gegeben, über das Leben anderer zu verfügen, als daß ich mich je mit dieser ernsten Frage beschäftigt hätte. Ich bin nur ein Weib, demnach ein schwaches Geschöpf, und ich hätte es lieber gesehen, wenn diese Pendule die Stunde der Gnade anstatt die Stunde der Verdammung geschlagen hätte.«

»Wenn diese Pendule die Stunde der Verdammung geschlagen hat, so ist es die Schuld der Verurteilten selbst,« rief Karoline lebhaft. »Hast du nicht alles getan und auch mich bewogen, alles zu tun, was zu ihrer Rettung nötig war? Habe ich nicht noch gestern, trotz der mir von diesen Leuten angetanen Beschimpfung, den ganzen Tag in Neapel gewartet, ob niemand aus ihrer Familie, Vater, Mutter, Bruder, Schwester, mich um Gnade für sie anflehen würde? Als du fort warest und ich allein blieb, habe ich da nicht Befehl gegeben, daß man jeden der zu mir wollte, vorlassen sollte? – Nun, ich habe von elf Uhr früh bis abends zehn Uhr vergebens gewartet und bei jedem Schritt, der sich meiner Türe näherte, in Hoffnung gezittert. Sie verachten aber meine Gnade, sie sind glücklich, für die heilige Sache der Freiheit sterben zu können. Sie bilden sich ein, daß Neapel ihnen einst Bildsäulen errichten werde, und in dieser Erwartung gehen sie wie Märtyrer zur Richtstätte. – Bildsäulen in Neapel!« – Die Königin brach in ein gellendes Gelächter aus. »Darauf zu rechnen! – Die Völker wissen wohl zu zerstören, nicht aber aufzubauen. Vielleicht wird man die Statuen der Könige umstürzen, gewiß aber nicht, um dafür den Jakobinern deren zu errichten.«

Sie versank wieder in tiefes Schweigen. Ich hütete mich wohl, dieses Schweigen zu stören. Den Kopf in ihre Hand gestützt, zählte ich mechanisch die fieberhaften Schläge ihres Pulses, als plötzlich das Rollen eines Wagens unter der Wölbung des Palastes widerhallte. Bei diesem Geräusch erhob sich Karoline von ihrem Lager. »Was ist das?« fragte sie.

»Wahrscheinlich ist es,« erwiderte ich, »Sir William, der seinem Versprechen gemäß zu uns kommt.«

»Wenn er es ist, so lasse ihn eintreten!« rief die Königin. »Ich will so schnell als möglich erfahren, was dort unten geschehen ist.«

Es war Sir William wirklich. Er brachte Nachrichten und zwar so unerwartete, daß er keinen Augenblick hatte zögern wollen, uns dieselben mitzuteilen, und dank seinen ausgezeichneten Pferden hatte er den Weg in fünf Viertelstunden zurückgelegt. Folgendes war geschehen und er hatte es mit seinen eigenen Augen vom Fenster des Bankier Leigh aus gesehen. Wie gewöhnlich waren die Bianchi in das Gefängnis der Vicaria gegangen, um die Verurteilten abzuholen, die zu Fuß gingen und von zwei Kompagnien Infanterie und einer Abteilung Kavallerie begleitet wurden. Sie hatten zum erstenmal an der Kathedrale Halt gemacht, dann ihren Weg fortgesetzt bis zur Toledostraße, in die sie bei dem Palais Maddalone einbogen. In der Toledostraße mußten die Soldaten dem traurigen Zug einen Weg bahnen, so dicht gedrängt standen die Menschen. Die drei jungen Männer, deren jeder zwischen zwei Büßern ging, auf deren Schultern sich zu stützen sie verschmähten, und vor denen ein Priester vorausging, der sich von Zeit zu Zeit umdrehte und ihnen das Kruzifix zum Kusse reichte – ein Akt, den sie mit ehrfurchtsvoller Inbrunst ausführten, – wandelten festen Schrittes dahin und grüßten die an die zu beiden Seiten der Straßen stehenden Häuser zurückgedrängte Menge und die an den Fenstern der gedrängt vollen Häuser stehenden Bekannten. Diese erwiderten die Grüße dadurch, daß sie die Taschentücher schwenkten und riefen: »Lebt wohl! lebt wohl!« Ungefähr dreiviertel auf vier Uhr kam der Zug an die Sankt-Ferdinandskirche und gelangte, nachdem man das Theater San Carlo passiert, auf dem Schloßplatz an, in dessen Mitte das Schafott errichtet war, welches von drei Galgen überragt ward, welche die Form eines großen H hatten, bei welchem man den Querstrich bis an das oberste Ende der beiden Grundstriche hinaufgeschoben. Vitagliano, der älteste der drei jungen Leute, der zuerst ging, rief aus: »Freunde, hier ist das Werkzeug unseres Märtyrertums.« – »Es sei uns willkommen!« erwiderte Emanuele de Deo. »Das Märtyrertum führt zu Gott!« – »Und der Tod zur Freiheit!« fügte Gagliani, der jüngste der drei Verurteilten, hinzu. Man hörte diese drei Worte und die, welche sie gehört hatten, sagten sie weiter. Die Menschenmenge war eine ungeheure und kaum hatten vierhundert Mann Infanterie vor einer halben Stunde auf den Platz rücken und um das Schafott herum ein großes leeres Viereck bilden können. Hierauf hatten diese vierhundert Mann im Angesichte aller und auf Befehl ihrer Offiziere ihre Flinten geladen. Von der anderen Seite sah man die Artilleristen des Castello Nuovo die Mündungen ihrer Kanonen auf den Schloßplatz richten und sie selbst standen mit angezündeten Lunten hinter den Geschützen, bereit Feuer zu geben, sobald man einen Versuch zur Befreiung der Gefangenen machen würde. Zu diesen Truppen gesellten sich dann auch noch die, welche die drei Verurteilten begleiteten. Ungefähr achthundert Mann Soldaten umstanden das Schafott. In dem Augenblicke, wo die Verurteilten in den verhängnisvollen Kreis traten, der wie eine eiserne Mauer zwischen dem Leben und ihnen stand, schlugen zwölf Tambours einen gedämpften Wirbel, welcher anzeigte, daß das düstere Drama seinen Anfang nähme.

Da Gagliani der jüngste der drei Verurteilten war – ich habe bereits gesagt, daß er kaum neunzehn Jahre alt war – so stieg er zuerst auf die Plattform. In dem Augenblicke, wo dieses so jugendliche und dennoch dem Tode geweihte Haupt erschien, durchlief ein Schauer die Menge und einige Stimmen riefen um Gnade. »Gnade?« rief Gagliani, die Stimme erhebend. »Man hat uns auf Kosten unserer Ehre Gnade angeboten und wir haben sie verschmäht.« Der Henker saß schon rittlings auf dem Querbalken des Galgens, die Gehilfen stießen Gagliani an die Leiter; er stieg die fünf oder sechs Stufen leise hinauf und die Schlinge ward ihm um den Hals gelegt. »Es lebe die Freiheit!« hatte er noch Zeit zu rufen. Sofort stieß der Henkersknecht die Leiter mit dem Fuße um, und der von dem Stoße bewegte Körper baumelte in der Luft. Der Henker glitt auf die Schultern des Gehängten herab, der Knecht klammerte sich ihm an die Füße, eine unförmliche, von Todeszuckungen bewegte Gruppe erschreckte die Zuschauer einen Augenblick lang, dann sprang der Henker auf die Erde, der Knecht zur Seite und der Leichnam des ersten Märtyrers hing mit gebrochenen Halswirbeln unbeweglich am Galgen. Jetzt kam Emanuele de Deo an die Reihe. Er stieg die Stufen der Plattform schnell hinauf und schien jemanden in der Menge mit den Augen zu suchen. Da erhob sich mitten in dem tiefen Schweigen eine Stimme, welche schmerzerfüllt rief: »Du suchst mich wohl? Hier bin ich, mein Kind!« Und nun sah man den alten Vater Emanuels, der sich mit tränenbetautem Antlitze auf den Fußspitzen erhob, sein Taschentuch schwenkte und ohne Zweifel in Erfüllung eines letzten Versprechens gekommen war, um seinem Sohne Lebewohl zu sagen. »Lebe wohl, mein Vater, lebe wohl!« rief seinerseits der junge Mann. »Ich sterbe für mein Vaterland. Möge mein Vaterland sich meines Todes erinnern und denselben rächen!« Und indem er selbst nach der Leiter stürzte, ging er die Stufen rückwärts hinauf, steckte seinen Hals durch die verhängnisvolle Schlinge und der zweite Akt des furchtbaren Dramas begann. In dem Augenblicke aber, wo sich der Henker auf die Schultern des Gehenkten gleiten ließ, wo der Henkersknecht sich an seine Füße klammerte, wo der Greis jammernd seinen Sohn rief und die Hände verzweiflungsvoll rang, ertönte ein furchtbares Geschrei, das halb Mitleid, halb Drohung war. Eine schwankende Bewegung durchlief die Menge, das Kommando: »Fertig! Schlagt an!« ließ sich hören und dann folgte ein Klirren, welches den schnellen Gehorsam derer anzeigte, denen dieses Kommando gegeben worden. Eine Rauchwolke, auf welche der Knall einer blindgeladenen Kanone folgt«, zeigte sich an einem der Türme des Kastells; das neapolitanische: »Fliehe, wer kann!« »Fuga! Fuga!« ward von Tausenden von Stimmen wiederholt, die Reihen der Soldaten wurden durchbrochen, nicht von Angreifenden, sondern von Fliehenden und der Henker, welcher fürchtete, daß man ihm inmitten dieses Tumultes sein letztes Opfer rauben könnte und er die zehn Dukaten verlieren möchte, welche die Munizipalität für jede Hinrichtung bewilligt, stürzte sich mit einem Messer auf Vitagliano und durchbohrte ihn. Dieser sank zum Tode getroffen nieder. Und während die bestürzte Menge durch die zahlreichen Straßen, die an den Largo del Castello stießen, von diesem Kommando, diesem Musketengeklirr und von diesem Kanonenschusse verfolgt, entfloh, schleppten der Henker und seine Knechte den sterbenden Vitagliano auf die Plattform, wo er sein Leben aushauchte, und da sie nichts anderes tun konnten, so hingen sie anstatt eines Lebendigen einen Toten an den Galgen. Dies waren die Ereignisse, die Sir William, der Augenzeuge dieser furchtbaren Szene gewesen war, uns mit diplomatischer Genauigkeit erzählte.

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