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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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67. Kapitel.

Vom königlichen Palast bis zur Brigittenstraße waren es nur wenige Schritte, so daß ich in einem Augenblick daselbst anlangte. Ich stieg an dem bezeichneten Ort aus. Da es kaum acht Uhr abends war, so hatte der Getreidehändler seinen Laden noch nicht geschlossen und ich konnte fragen lassen, wo Don Giuseppe de Deo wohnte. Der Getreidehändler, welcher Lieferant für die königlichen Ställe war, erkannte den Kutscher, der ihn nach Don Giuseppe fragte, und als er eine Dame an der Wagentür sah, so kam er schnell herbei, da er die Wahrheit vermutete und sich dachte, daß der König oder die Königin geschickt hätten. Man hatte mich so oft in dem königlichen Wagen durch die Straßen Neapels fahren und neben der Königin sitzen sehen, daß der Getreidehändler mich sogleich erkannte. »O Mylady,« sagte er, »der, den Sie zu sehen wünschen, befindet sich augenblicklich in großer Betrübnis, denn sein Sohn ist heute morgen durch die Junta zum Tode verurteilt worden.« – »Das weiß ich,« erwiderte ich, »und gerade deshalb möchte ich mit ihm sprechen. Da Sie nun sein Nachbar sind, so möchte ich von Ihnen wissen, in welchem Hause und in welcher Etage er wohnt.« – »Er wohnt in diesem Hause, Madame,« sagte er, »und zwar in der dritten Etage.« – Und zu gleicher Zeit zeigte er mir das Haus, welches neben dem seinigen stand. »Laßt öffnen,« sagte ich zu dem Kutscher. – »Ich fürchte aber, Madame,« fuhr der Getreidehändler fort, »daß Sie ihn nicht zu Hause antreffen weiden.« – »Wo kann er denn sein?« – »Ich habe ihn fortgehen sehen.« – »Zu dieser Zeit?« – »Ja.« – »Er ist gewiß zu einem der Richter gegangen, um für seinen Sohn zu bitten.«

»O, Madame, zu dieser Stunde kann kein Richter mehr weder für den armen Vater, noch für das arme Kind etwas tun.«

»Wo ist er denn aber dann hingegangen?« – Der Getreidehändler sah mich an. – »Wollen Sie durchaus zu ihm?« fragte er. – »Ja, durchaus und zwar augenblicklich.« –

»Ist es zu seinem Heil? Verzeihen Sie, wenn ich darnach frage, Madame, der arme Vater trägt aber bereits eine so große Last des Schmerzes auf seinen alten Schultern, daß es, wenn Sie die Wucht dieser Last auch nur um ein Körnchen vermehren wollten, eine Wohltat sein würde, wenn man Ihnen nicht sagte, wo er ist.«

»Ich kann zwar nichts versprechen, allein ich komme in einer barmherzigen Absicht.« – »Dann kommen Sie, Madame, und ich will – Gott verzeihe mir, wenn Sie mich täuschen – Sie zu ihm führen.« – »Haben wir weit zu gehen?« fragte ich. – »Ungefähr zehn Schritte.« – Der Mann ging vor mir her; ich folgte. Er blieb auch wirklich, nachdem er ungefähr zehn Schritte weit gegangen war, an der kleinen Kirche der St. Brigittenstraße stehen. »Ah,« murmelte ich, »nun verstehe ich, warum er nicht zu Hause ist!« Der Getreidehändler klopfte an die kleine Tür, die sich sogleich öffnete. Eine Art Küster führte uns in die Kirche, die mit Ausnahme einer einzigen erleuchteten Kapelle finster war. Wir traten ein. Der Getreidehändler zeigte mir einen Greis, der nicht auf den Altarstufen kniete, sondern vielmehr auf denselben lag, und mit der Stirn den Marmor berührte. »Sehen Sie,« sagte der Kaufmann, »dort liegt der Mann, den Sie suchen.« Ich dankte ihm, er zog sich zurück und ließ mich allein, an der Tür aber hielt ihn die Neugierde zurück und er blieb mit dem Küster stehen, um zu sehen, was vorgehen sollte. Ich näherte mich geräuschlos dem Greis. Er betete, und da er mich nicht hatte kommen hören, so berührte ich seine Schulter. Er richtete sich auf, so daß er eine kniende Stellung einnahm, und stützte sich mit der einen Hand auf die Altarstufen.

»Wer sind Sie und was wollen Sie?« fragte er. »Sind Sie der Engel, nach welchem ich rief?« – »Nein, ich bin der Engel nicht, den Sie gerufen,« erwiderte ich, »wenn ich aber auch kein Engel bin, so komme ich vielleicht deswegen nicht minder im Namen Gottes.« – »Was meinen Sie, Madame? Wissen Sie, wer ich bin und für wen ich bete?« – »Sie sind Giuseppo de Deo und beten für Ihren Sohn Emanuele de Deo.« – »Ja, ja, ja.« – »Dann folgen Sie mir.« – »Wohin?« – »Zur Königin.« – Sein Gesicht verdüsterte sich. – »Zur Königin?« fragte er zwischen Freude und Furcht schwankend. »Was kann mir die Königin zu sagen haben? Wissen Sie, daß das Gerücht geht, sie sei es, welche die Hinrichtungen wünscht? Wenn dem so wäre, so möge Gott ihr gnädig sein! Was sie aber auch für eine Königin sein mag, so möchte ich doch lieber an meiner als an ihrer Stelle sein.« – »Kommen Sie nur,« wiederholte ich. »Ich hoffe, daß, wenn Sie mit Ihrer Majestät gesprochen, Sie eine bessere Meinung von ihr haben werden.« – »Übrigens,« sagte der Greis, »können die Sachen nicht schlimmer werden, als sie schon sind, ich folge Ihnen daher, Madame.«

Und indem er den Marmor der Stufen küßte, erhob er sich.

Ich ging voran. Als wir an die Kirchtür kamen, ging Don Giuseppo an mir vorbei, tauchte seine Finger in den Weihkessel und reichte mir das geweihte Wasser.

Als er sah, daß ich meine Finger nicht benetzte, sah er mich erstaunt an.

»Ich bin Protestantin,« sagte ich.

Da schien der letzte Hoffnungsschimmer, der auf seiner Stirn leuchtete, zu schwinden; mechanisch machte er das Zeichen des Kreuzes, stieß einen Seufzer aus, senkte das Haupt auf die Brust und folgte mir.

Wir stiegen in den Wagen. »In den königlichen Palast,« befahl ich dem Kutscher. Fünf Minuten später hielt der Wagen am Fuße der Treppe, die zu den Zimmern der Königin führte.

Anstatt sich zu freuen, wie er es doch hätte tun sollen, war der Greis düster wie die Verzweiflung, bleich wie der Tod. Ehe wir in das Zimmer traten, in welchem uns die Königin erwartete, ergriff er mich bei der Hand und stützte sich auf die Einfassung der Tür. Er war nahe daran ohnmächtig zu werden.

»Aus Gnade, einen Augenblick!« sagte er.

Was mich betraf, so war alle Freude im Grunde meines Herzens erstorben. So stellte man sich also die Königin vor! Sie war es, die das Urteil durch den Mund der Richter aussprach, die durch die Hand des Henkers tötete!

Endlich schien Don Giuseppe seine Kräfte wieder zu gewinnen. Ich gab dem Türsteher ein Zeichen, die Tür öffnete sich. Die Königin hatte das Geräusch unserer Schritte gehört, und da sie wissen wollte, was wir in dem anstoßenden Zimmer taten, so hatte sie sich erhoben und kam uns entgegen. Ihr Gesicht war finster, beinahe zornig, denn sie erriet, was vorgegangen war. Ich schob Don Giuseppe zu den Füßen der Königin und sagte zu ihm: »Hier ist sie, von der die Begnadigung Ihres Sohnes abhängt, bitten Sie sie wie die heilige Jungfrau darum und Sie werden diese Gnade erhalten.« Der arme Greis sank auf die Knie, faltete die Hände, seine Bitte aber waren die Worte: »Ist es wahr, Madame?« – »Was?« fragte die Königin mit ihrer kurzen und befehlenden Stimme. – »Daß Sie, wenn ich Sie um Gnade für meinen Sohn anflehe, Sie mir diese Gnade auch gewähren wollen?« – »Ich hoffe doch, daß niemand etwas in meinem Namen versprochen hat?« fragte Karoline, indem sie mich mit der Härte, die bisweilen in ihrem Auge lag, anblickte. – »Nein, Madame,« erwiderte ich, »ich habe aber zu einem Vater, der an dem Altar der Jungfrau für das Leben seines Sohnes betete, gesagt: Kommen Sie und ich werde Sie zu einer Königin führen, die schön und gnädig ist wie eine Madonna.« – »Madame! Madame!« sagte Don Giuseppe, der ein wenig Mut faßte, weil ich ihn unterstützte, »Sie können alles: Sie sind Königin, mehr als Königin, Sie sind König! Gnade, Madame! Gnade für meinen Sohn! Er ist vor drei Tagen zwanzig Jahre alt geworden. Er ist mein einziger Sohn, Madame! Ich dachte, er solle mir meine Sterbestunde einmal erleichtern, nie aber ist es mir eingefallen, daß ich ihn überleben würde! Madame, bei Ihren teuren Kindern, bei dem Prinzen Franz, bei dem Prinzen Leopold, bei Ihrem kleinsten Sohn, der noch in der Wiege liegt, bei dem Prinzen Albert, flehe ich Sie an, Madame, beschwöre ich Sie, Königin, Majestät, haben Sie Mitleid mit meinem Sohne!« – »Madame! Madame!« sagte ich zur Königin, indem ich meine Bitten mit denen des armen Vaters vereinigte und ihr die Hand küßte. – »Und wenn ich nun etwas für Ihren Sohn täte, mein Herr,« sagte die Königin, »würde er sich dann weigern, auch etwas für mich zu tun?« – »Für Sie, Madame? Für Sie, die Sie reich, jung, schön, allmächtig sind? Und was sollte er denn für Sie tun? Sagen Sie es! Sagen Sie es, und die ganze Macht eines Vaters will ich anwenden, damit er Sie ehre, verehre und Ihnen auf den Knien diene von dem Tage an, wo Sie ihn mir wieder geschenkt haben werden, bis zu seiner Todesstunde.« – »Ihr Sohn ist ein Jakobiner, mein Herr,« sagte die Königin.

Don Giuseppe unterbrach sie. »Er ein Jakobiner, er, Madame? Weiß er es wohl selbst, was ein Jakobiner ist? Wissen Sie, daß der Unglückliche bereits drei Jahre im Gefängnisse ist? Er war siebzehn Jahre, Madame; hat ein Kind von siebzehn Jahren wohl eine selbständige Meinung? Er hat sich das Haar kurz schneiden lassen, das ist sein einziges Verbrechen. Während der drei Jahre aber, die er im Gefängnisse zugebracht hat, haben seine Haare Zeit gehabt, wieder zu wachsen.« – »Das ist gleich, er weiß etwas von der Verschwörung, die uns umgibt und uns bedroht. Er mag gestehen, was er weiß, und ich will ihn und seine beiden Gefährten begnadigen.« – »Er soll bekennen?« rief der arme Vater, »er soll bekennen?! Hat er denn etwas zu bekennen? Weiß er denn etwas? Und kann er, selbst wenn er sprechen wollte, etwas bekennen, wenn er nichts von dieser Verschwörung weiß, von der Sie sprechen, Madame, und die, wie man sagt, nur in dem Hirn der Richter existiert? Wie können Sie verlangen, daß er etwas bekenne, was er nicht weiß? Wer sollte ihm übrigens auch Ihre Bedingungen überbringen? Wer wird eine überzeugende Stimme besitzen, um seine etwaigen Skrupel zu besiegen? Wer wird ihn im Namen seines Vaters beschwören, um diesen Preis zu leben? O, niemand, ich würde vielleicht diese Person sein – und selbst dann noch!« – »Auf Sie rechne ich eben, mein Herr, Sie sollen Ihren Sohn sprechen.« – »Ich soll meinen Sohn sprechen, meinen Emanuel!« rief der Vater, indem er seine Stirn mit beiden Händen faßte, als ob er fürchtete wahnsinnig zu werden. »Was sagen Sie mir da?« – »Hier ist ein Befehl für Don Basilio Palmieri, den Fiscalprocurator. Ich sage ihm darin, Ihnen die Erlaubnis zu geben, Ihren Sohn zu sehen und sich eine Stunde lang ohne Zeugen mit ihm zu unterhalten.« – »Wann, Madame, wann –, bedenken Sie, daß ich ihn seit drei Jahren nicht gesehen habe.« – »Heute abend, von zehn bis elf Uhr.« – »Und wenn ich Don Basilio nun nicht antreffe?«« – »So werden Sie Ihren Sohn morgen anstatt heute besuchen.« – »Es ist aber bereits neun Uhr, Madame, ich habe keinen Augenblick zu verlieren.« – »Ich halte Sie auch nicht länger zurück; gehen Sie!« – »O, es ist mir, als sollte ich vor Freude wahnsinnig werden.« – »Was suchen Sie?« – »Ihre Hand, Ihre Hand, Madame, um sie zu küssen!« Die Königin reichte ihm ihre Hand. Sie war wirklich von dieser tiefen Bewegung gerührt, und wenn der arme Vater in ihrem Herzen hätte lesen können, wie ich, so hätte er beharrlich gefleht und sie hätte ihm das Leben seines Sohnes ohne irgendeine Bedingung geschenkt. Zum Unglück sagte er weiter nichts; stürzte aus dem Zimmer und wiederholte die Worte: »Mein Sohn! mein Sohn! mein Emanuel! ...« Und das Geräusch seiner. Schritte verhallte allmählich mit dem Klang seiner Stimme.

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