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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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64. Kapitel.

Marie Karoline war von Natur tapfer und mutig und sie liebte es besonders, wenn der König einen neuen Beweis seiner Feigheit lieferte, einen Beweis ihres Mutes zu geben. Obgleich die Luft drückend war, obgleich der Sirocco, dieser Wind, den jeder Neapolitaner für seinen persönlichen Feind hält, heftig wehte, so schlug sie sowohl mir, als auch Sir William vor, mit ihr, sozusagen, der Gefahr entgegenzugehen und durch die Marina bis zur Magdalenenbrücke zu fahren. Sir William besaß die mutige Kaltblütigkeit eines wahren englischen Gentleman, und wenn es sich um wissenschaftliche Dinge handelte, so trieb er diese Kaltblütigkeit bis zur Verwegenheit. Er nahm daher den Vorschlag der Königin mit Freuden an. Ohne den wissenschaftlichen Enthusiasmus meines Gemahls zu teilen, ohne den launenhaften Wunsch nach Abenteuern der Königin zu besitzen, konnte ich mich dennoch nicht weigern, wenn beide eine vielleicht nur eingebildete Gefahr suchten, es gleichfalls auf diese Gefahr ankommen zu lassen. Ich hätte es allerdings lieber gesehen, wenn ich hätte zurückbleiben und das Erdbeben abwarten können, allein die Scham bewog mich, ihm entgegenzugehen. Als es Mitternacht schlug, stiegen wir unter dem Portal des Palastes in den Wagen.

»Nach der Magdalenenbrücke!« befahl die Königin.

Der Kutscher gehorchte, fuhr über den Largo del Castello und noch ehe die Uhren die zwölfte Stunde ausgeschlagen hatten, waren wir auf dem Molo. Der afrikanische Wind hatte sich vollständig gelegt, die wenige Luft, die man einatmete, war mit Schwefel geschwängert und trotz des Rollens des Wagens hörte man das unterirdische Geräusch, welches den großen vulkanischen Explosionen vorangeht und der ganzen Natur ein unbestimmtes Vorgefühl der Gefahr einflößt, noch ehe die Gefahr selbst vorhanden ist. Das Meer bewegte sich, nicht in langen, übereinanderrollenden Wellen, wie wenn ein Sturm im Anzuge ist, sondern es kochte wie ein über dem Feuer hängender Kessel und das Kochen stieg von dem Boden auf die Oberfläche. Dieses Sieden machte den ganzen Golf, der von Phosphor funkelte, zu einem großen Feuerspiegel. Der Mond schwamm in einem aschfarbenen Dunst. Um elf war er hinter dem Vulkan aufgegangen, und obgleich er kaum im zweiten oder dritten Tage des Abnehmens stand, so glich er, als er über dem Krater aufstieg, einer ungeheuren, aus einem kolossalen Mörser in die Luft geschleuderten Bombe. Die ganze beklagenswerte Einwohnerschaft des Basso Porto hatte sich in die Höhlen verkrochen, die sie sich unter den Häusern gegraben und das Rollen des Wagens war das einzige, was die Einsamkeit der engen und dunklen Gäßchen störte, welche nach den Kais führten. Einige unruhige und verirrte Hunde suchten sich auf ihren vier Beinen festzuhalten, als ob sie die Erde bereits unter sich zittern fühlten, und heulten den Mond kläglich an. Ich faßte die Hand der Königin.

»Was fehlt dir?« fragte sie. »Deine Hand ist ja eiskalt!« – »Ich fürchte mich,« erwiderte ich. – »Beruhigen Sie Ihre Gemahlin doch, Mylord,« sagte die Königin, »denn sonst könnte sie ohnmächtig werden.« – In diesem Augenblicke blieb ein Mann, der trotz der drückenden Hitze in einen Mantel gehüllt war, stehen und sah erstaunt den Wagen vorbeifahren. Und allerdings war dies, obgleich Sir William uns begleitete, keine Stunde, zu welcher Frauen gewöhnlich und besonders in einem solchen Viertel, spazierenfuhren.

»Königin Karoline,« sagte dieser Mann, »Sie versuchen Gott!« Und er verschwand in einem kleinen überwölbten Gäßchen, welches das Seufzergäßchen heißt, weil die zum Tode Verurteilten durch dieses Gäßchen gehen und von hier das Schafott zuerst erblicken. »O mein Gott, Madame!« rief ich aus, »wer war denn das?«

»Irgendein von Vanni vergessener Jakobiner, der mir droht, weil er nichts anderes tun kann,« flüsterte die Königin. Wir kamen bis zur Magdalenenbrücke, an der hohen Statue des heiligen Januarius aber wollten die Pferde durchaus nicht weiter. Der Kutscher peitschte vergebens auf sie los, sie gingen nicht, bäumten sich und drängten sich rückwärts an die Brustwehr der Brücke. »Madame, Madame!« rief ich, indem ich die Hand der Königin faßte, »dieser Mann war kein Feind, sondern vielmehr ein Freund. ... Fahren Sie nicht weiter! versuchen Sie Gott nicht!«

»Was ist denn mit deinen Pferden, Gaetano?« fragte die Königin.

»Ich weiß es nicht, Madame,« sagte der Kutscher, »sie wollen durchaus nicht an der Statue des heiligen Januarius vorüber.«

»Ist jemand oder etwas auf dem Wege, was sie erschrecken könnte?«

«Ich sehe nichts, Madame; die Tiere sehen aber oft Dinge, welche die Menschen nicht sehen.«

»Haben Sie gehört, was dieser Dummkopf schwatzt?« fragte die Königin Sir William.

»Madame,« erwiderte dieser, »Ihr Kutscher konstatiert eins der Probleme der Natur, ohne es zu erklären. Es ist bis zur Evidenz erwiesen, daß bei Finsternissen, Erdbeben, kurz bei allen großen Erschütterungen der Natur, die Tiere von ihrem Instinkt davon benachrichtigt werden, noch ehe der Mensch durch seinen Verstand gewarnt ward. Allem Anscheine nach wird der Berg bald etwas von sich hören lassen.« – Und als ob der Vesuv nur diesen Augenblick abgewartet hätte, um seinem Zorne Luft zu machen, ließ sich mit einem Male ein schreckliches Brüllen vernehmen und ein heftiger Stoß schleuderte den Wagen ein Stück rückwärts. Die Pferde wieherten und ohne irgendeine Bewegung zu machen, bedeckten sie sich mit Schweiß, wie das Meer sich mit Schaum bedeckt. »Madame, Madame!« rief der Kutscher, »ich sagte es wohl, daß meine Pferde etwas sähen, was ich nicht bemerke. Sehen Sie, sehen Sie!«

Und er zeigte mit dem Finger auf den Gipfel des Berges. Ein schwarzer, dicker Rauch begann aus dem Krater in vertikaler Richtung wie ein ungeheurer Turm aufzusteigen. Durch diesen Rauch zuckten Blitze, auf die furchtbare Donnerschläge, die einer Batterie von wohl hundert Kanonen glichen, folgten. Die Königin faßte meine Hand und drückte dieselbe. Dieses eherne Herz begann Furcht zu fühlen. Ich sank beinahe ohnmächtig zusammen. Sir William war entzückt.

»Wenn Ihre Majestät durchaus hier bleiben wollen,« sagte Gaetano mit zitternder Stimme, »so bitte ich die Herrschaften inständig, auszusteigen, denn ich kann nicht mehr für meine Pferde stehen.« In diesem Augenblicke erdröhnte ein furchtbarer Donnerschlag, wir empfanden einen heftigen Stoß und es war mir, als ob alles um mich herum schwankte.

»Madame, um Himmels willen!« rief ich, »wir wollen umkehren, wir wollen umkehren!« Die Königin brauchte das jedoch nicht erst zu befehlen, denn mit einer Bewegung, welche die Hand des Kutschers ohnmächtig machte, drehten sich die Pferde von selbst um und jagten dann, ohne daß sie aufzuhalten waren, im tollsten Galopp die Brücke hinab und die Marina entlang.

»Madame, Madame!« rief der Kutscher, der sich vergebens festzuhalten suchte, »ich bin nicht mehr Herr meiner Pferde.«

»Nun, dann schütze uns Gott!« sagte die Königin.

Ein neuer Donnerschlag, furchtbarer als alle bisherigen, erdröhnte; ich fühlte, wie ein Schauder durch meine Adern rieselte und ward vor Schrecken ohnmächtig. Als ich die Augen wieder öffnete, stand der Wagen, Gaetano hielt die Pferde am Gebiß und wir befanden uns dem Seufzergäßchen gegenüber. In dem Augenblicke, wo der Wagen eben an der Biegung des Kais zerschellen wollte, war derselbe Mann, der der Königin zugerufen, Gott nicht zu versuchen, den Pferden in den Zügel gefallen und hatte sie in der Gefahr, von ihnen zertreten zu werden, mit übermenschlicher Kraft zum Stehen gebracht. Der Stoß war so heftig gewesen, daß Gaetano von seinem Sitze geworfen worden war. Er hatte sich jedoch sogleich wieder erhoben und die Pferde beim Gebiß gefaßt.

Als der Unbekannte sah, daß der Kutscher wieder Herr seiner Tiere war, hatte er sich entfernt und war verschwunden. Ich hatte nichts gesehen. Ich erwachte wie aus einem Traume. Die Königin ließ mich an ihrem Flakon riechen. »O, Gott sei Dank!« rief ich aus, als ich wieder zu mir kam, »daß Ew. Majestät kein Unglück zugestoßen ist!« Und ich warf mich in ihre Arme, indem ich sie mit Tränen und Küssen bedeckte. Dies war vielleicht seltsam, die Königin übte aber auf mich dieselbe Kraft aus, wie der Magnetiseur auf den Magnetisierten. Wenn ich bei ihr war, so war es mir stets, als ob meine Seele fortwährend strebte, aus meinem Körper zu fliehen und sich mit der ihrigen zu vereinigen. Gaetano stieg wieder auf seinen Sitz und die Pferde schienen wie durch einen Zauberspruch beruhigt zu sein, so daß wir glücklich im Palais anlangten. Ich war wie zerschlagen. Die Königin befahl mir, mich auf mein Zimmer, welches an das ihrige stieß, zu begeben und mich zu Bett zu legen. Sir William bat um die Erlaubnis, auf die Terrasse des Palastes gehen zu dürfen, um von da aus die Phänomene des Vulkans besser beobachten zu können. Ich glaube, daß er sich, um ein geologisches Problem zu lösen, wie Empedolles in den Krater gestürzt und seinen Pantoffel auf dem Gipfel des Berges zurückgelassen hätte.

Ich sah weiter nichts von dem Erdbeben, man erzählte aber Folgendes davon: Die Stöße folgten schnell aufeinander, indem sie sich besonders von Norden nach Süden, also von Portici nach Torre-del-Annunziata, erstreckten. Wie immer, blieb Neapel auch diesmal verschont. Gegen drei Uhr des Morgens bedeckte sich der Weg längs des Fußes des Berges mit Flüchtlingen, die ihre Wohnungen verließen und wie hinter einem Wall hinter der Magdalenenbrücke oder vielmehr hinter der Statue des heiligen Januarius, der von dem höchsten Punkt der Brücke die Stadt beschützt, Zuflucht suchten. Die Sonne war hell am reinen Himmel aufgestiegen, bald aber hatte sich die Rauch- und Aschensäule, die aus dem Krater des Vesuvs emporstieg, über das ganze Firmament verbreitet. Die Wasser, welche der Spiegel des Himmels sind, überzogen sich mit grauer Farbe und das Tageslicht verschwand allmählich wie bei einer Finsternis. Als ich mich erhob, hätte man schwören mögen, daß es abends um acht und nicht frühmorgens um zehn Uhr sei.

Von diesem Augenblicke an bis zum übernächsten Morgen, also vom 13. bis zum 15. Juni, zeigte sich die Sonne nicht mehr, das Toben im Berge verdoppelte sich und die Finsternis ward mit jeder Minute dichter. Am folgenden Morgen wäre es, wenn die Uhren den Lauf der Zeit nicht angezeigt hätten, geradezu unmöglich gewesen, zu sagen, ob es Morgen, Abend oder Nacht sei. Die Finsternis war so groß, daß man sich in Chiaja und in Toledo, das heißt in den beiden größten Straßen Neapels, in einem finstern Zimmer zu befinden glaubte. Der Kardinal-Erzbischof holte aus der Kathedrale, von allen Geistlichen der Stadt begleitet, die vergoldete Büste des heiligen Januarius und begab sich damit, von dem ganzen Adel, welcher Gebete sprach, und von dem ganzen Volk, welches Hymnen sang, begleitet, auf die Magdalenenbrücke, wo er den heiligen Beschützer der Stadt um Gnade anflehte. Die Königin hörte die Messe, die dieser Zeremonie voranging, da ich aber protestantisch war, konnte ich nicht mitgehen. Wenn das Volk eine Ketzerin in einer Kirche gesehen hätte, so wäre es imstande gewesen, mir die Katastrophe zuzuschreiben und mich in Stücke zu zerreißen. Der Erzbischof, der Adel und das Volk beteten von zwei Uhr nachmittags bis zum Abend auf der Brücke. Wenn ich aber sage Abend, so ist dies unrichtig, denn es gab jetzt weder Tag noch Abend und nur die Glocken, welche das Ave Maria läuteten, zeigten die Wiederkehr der Nacht an.

In der Nacht vom 15. zum 16. zog ein Knall, als ob eine Pulvermühle in die Luft flöge, aller Aufmerksamkeit an, denn die ganze Bevölkerung von Neapel war auf den Straßen. Die furchtsamsten der Bewohner lagen mit dem Gesicht auf der Erde und die minder erschreckten lagen auf den Knien oder beugten sich wenigstens unter der Last des furchtbaren Ereignisses. Eine unermeßliche Feuergarbe flog aus dem Krater bis an den Himmel und fiel dann in flammenden Trümmern auf den Abhang des Berges. Hierauf quoll aus dem Gipfel des Berges ein doppelter Feuerstrom, wovon sich der eine Arm nach Resina, der andere nach Torre-del-Greco wandte.

Dreißigtausend Personen, Männer, Frauen und Kinder, folgten erstarrend diesem doppelten Lavastrom mit den Blicken. Die ganze Ebene, welche sich zwischen dem Vulkan und Resina ausdehnte und alle Landhäuser, welche auf dieser Ebene standen, wurden von Lava überströmt; an den Toren von Resina aber stand die furchtbare Überschwemmung, wie auf ein überirdisches Gebot, plötzlich still. Zum Unglück geschah dies nicht bei Torre-del-Greco. Eine frühere Lavaüberschwemmung hatte die Hälfte der Stadt bedeckt, war dann plötzlich stillgestanden und hatte eine dunkle Klippe gebildet, welche beinahe hundert Meter weit den von der Lava verschonten Teil der Stadt umgab. Auf dieser Klippe hatte sich, wie auf einem neuen tarpesischen Felsen, eine neue Stadt erhoben und den verbindenden Teil zwischen der alten und der neuen Stadt bildete eine in die Lava gehauene Treppe. Diesmal ward nun sowohl die alte, wie die neue Stadt vollständig verheert und überschwemmt. Der vulkanische Strom durchfloß die neue Stadt an ihrer Basis und von der Höhe der Klippe riß er sie wie einen feurigen Katarakt auf die alte Stadt herab, welche er verschlang und bis an die höchsten Häuser und den Glockenturm überdeckte. Dann stürzte der Strom, welcher die Trümmer zweier Städte mit sich fortriß, dem Meere zu, wo er einen Damm bildete, hinter welchem die Schiffe Schutz finden konnten. Dies geschah alles in der Nacht vom 15. zum 16., als ob die schreckliche Katastrophe, um den Gipfelpunkt ihrer Furchtbarkeit zu erreichen, des Schreckens bedurft hätte, welchen die Finsternis einflößt.

Am Morgen des 16. erschien die Sonne, die man drei Tage lang nicht gesehen, wieder am heiteren Himmel. Ein Teil des Vesuvs war vom Vesuv selbst verschlungen worden; der höchste Teil des Berges war in den Krater gestürzt und da er von einer Höhe nun mehr als tausend Meter herabstürzte, hatte er den Krater eingedrückt und dabei mit einem furchtbaren Getöse die ungeheure Feuergarbe aufsprühen lassen, die das Meer in einer Runde von zehn Meilen erleuchtet und die beiden Lavaströme hatte austreten lassen, die das Land überschwemmt hatten. Durch diesen Sturz ward der Kegel des Berges, der bis dahin der niedrigste gewesen, der Beherrscher der Lüfte. Während dieser Trauer- und Schreckensstunden hörten alle Arbeiten, nur nicht die der Staatsjunta, auf, denn einige von ihr erlassene Aktenstücke datieren von den drei Tagen des Erdbebens. Der Zorn Gottes hatte den Zorn der Könige nicht besänftigt. An dem Morgen nach der Nacht, in welcher durch das Durchgehen der Pferde das Leben der Königin und das unsrige in Gefahr schwebte, und in welcher wir durch die wunderbare Dazwischenkunft des geheimnisvollen Unbekannten gerettet worden waren, hatte die Königin den Polizeichef zu sich beschieden und diesem befohlen, die genauesten Nachforschungen zur Entdeckung ihres Retters anzustellen. Alle Mühe war jedoch nutzlos und obgleich der Polizeichef seine geschicktesten Agenten ausgeschickt hatte, so vermochte doch keine Hand den Schleier zu lüften, der auf diesem seltsamen Ereignisse ruhte. Der König schrieb am 15., daß er, da das Wetter sich wieder aufgeheitert habe, am 17. auf die Jagd gehen, und folglich erst den 18. zurückkommen werde.

Vom dem, was in Neapel oder dessen Umgebungen hätte geschehen können, erwähnte er kein Wort. Ihm selbst war kein Unglück zugestoßen, alles andere war ihm gleich.

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