Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
Schließen

Navigation:

63. Kapitel.

Wir wollen hier einige Worte über den Verbrecher oder vielmehr über den ersten Unschuldigen sagen, der so vielen Opfern den blutigen Weg zum Schafott und zum Galgen öffnete. Da die Königin sich in Neapel befand, um das Osterfest daselbst zu feiern, was sie niemals unterließ, so hörten wir erzählen, daß die Kirche del Carmine, eine der berühmtesten Kirchen Neapels, durch eine furchtbare Ruchlosigkeit geschändet worden sei. Ich muß jedoch erst etwas über die Kirche del Carmine selbst sagen. Die Kirche del Carmine war von der Königin Elisabeth, der Mutter des jungen Conradin, gegründet worden. Elisabeth kam mit einem goldbeladenen Schiff, um ihren Sohn aus den Händen des Herzogs von Anjou oder vielmehr aus denen des Königs von Neapel loszulaufen, allein sie kam zu spät. Das Gold, mit welchem sie das unglückliche Kind hatte loslaufen wollen, ward nun zum Bau einer Kapelle verwendet, in welcher man die irdischen Überreste Conradins und die des Herzogs von Österreich, seines Freundes, der, da er nicht ohne ihn leben konnte, mit ihm sterben wollte, beisetzte.

Im Jahre 1438 schoß René d'Anjou, als er Neapel belagerte, eine Kugel nach dem großen Kruzifix, welches oben auf dem Altar angebracht war, unter welchem Conradin begraben lag. Das Kruzifix neigte jedoch den Kopf auf die rechte Schulter, so daß die Kugel daran vorbeiflog, ohne es zu berühren; und in die Mauer hineinfuhr. Das Kruzifix stand bereits in dem Rufe großer Heiligkeit. Durch ein ganz eigentümliches Wunder des Himmels wachsen auf seinem Haupte Haare, wie auf einem lebendigen Haupt, und an jedem Ostertage schneidet der Syndikus von Neapel das Haar mit einer goldenen Schere ab. Nachdem er dem Könige, der Königin und den königlichen Prinzen einen Teil von diesen Haaren gegeben, verteilt er die übrigen unter die Gläubigen.

In dem Kreuzgange dieser Kirche ward auch Masaniello 1647 ermordet. So stand denn die Kirche del Carmine, welche an den Altmarkt, also an den bevölkertsten Teil von Neapel stößt, wegen dieser halb historischen, halb religiösen Traditionen, nicht nur bei den Lazzaroni, sondern auch bei den anderen Klassen der Gesellschaft in hohem Ansehen. Am Ostersonntag 1794 nun, gerade in dem Augenblicke, wo der Priester die Hostie emporhielt, ließen sich abscheuliche Gotteslästerungen hören und ein bleicher Mann mit emporgesträubtem Haar, schweißbedeckter Stirn und schäumendem Munde bahnte sich, indem er rechts und links um sich schlug, einen Weg durch die Menge, stürzte auf den Altar zu, schlug den Priester auf die Wange, riß ihm die Hostie aus den Händen und zertrat dieselbe mit den Füßen. Im Mittelalter würde man gesagt haben, dieser Mann sei vom Teufel besessen und man hätte ihm denselben ausgetrieben. Im achtzehnten Jahrhundert betrachtete man ihn wie einen Gotteslästerer und Tempelschänder, einen Verbreiter der schändlichen Prinzipien Frankreichs und man machte ihm den Prozeß. Dieser war nicht lang. Der Schuldige leugnete nicht nur nichts, entschuldigte nichts, sondern leugnete auch im Angesichte der Richter Gott, Jesum und die heilige Jungfrau. Er hieß Tommaso, war aus Messina, siebenunddreißig Jahre alt, hatte drei Brüder und eine Schwester, keine Eltern mehr und hatte nicht einmal, soviel man wußte, eine Wohnung. So sagte er wenigstens.

Die Geistlichkeit zog großen Vorteil aus diesem Vorfall. Sie sagte, daß dieser Mann die Ruchlosigkeit der Zeit repräsentierte und ein lebendiges Symbol der Verderbtheit wäre, in welche die revolutionären Prinzipien die Menschen gestürzt hätten. Was die Richter betraf, so glaubten sie den Abscheu, den ein solches Verbrechen in ihnen erweckte, nicht deutlich genug ausdrücken zu können. Sie verurteilten den Schuldigen nicht nur zum Tode am Galgen, sondern er sollte auch auf dem Wege zur Richtstätte einen Knebel im Munde tragen, weil man fürchtete, daß die Lästerungen, welche er in seiner letzten Stunde ausstoßen würde, den guten Christen ein Greuel sein könnten. Außerdem sollten drei Tage vor der Hinrichtung in allen Kirchen öffentliche Gebete gelesen werden, damit dieses Verbrechen gesühnt würde. Nur zwei Richter, der Präsident Cito und der Rat Potenza, waren gegen die Todesstrafe und verlangten, daß Tommaso Amato in ein Irrenhaus gebracht würde.

Der 17. Mai, ein Sonnabend, ward für die Hinrichtung bestimmt. Man führte den Verurteilten durch alle Straßen Neapels, nur mied man diejenigen, welche in der Nähe des königlichen Palastes lagen, weil man in einer derselben dem König hätte begegnen und eine solche Begegnung den Verurteilten hätte retten können. Die Geistlichkeit wollte ganz Neapel zeigen, was ein Gotteslästerer war. Endlich führte man den Verurteilten auf den Marktplatz, wo die Hinrichtung stattfinden sollte. Die Vianchi, das heißt die Glieder der Bruderschaft, welche das traurige Vorrecht genießen, die Verurteilten in ihrer letzten Stunde moralisch und physisch zu stützen, begleiteten ihn, wie auch zehn bis zwölf andere Bruderschaften von allen Farben, die in Neapel existieren. Trotz des langen und ermüdenden Weges, welchen der Verurteilte zurückgelegt, hielt ihn doch eine gewisse fieberhafte Aufregung aufrecht. Er stieg die Leiter mit so festem Tritt hinauf, als ob er nicht gewußt hätte, daß jede Stufe ihn dem Tode näherführte. Als die Hinrichtung vorüber war, warf man seine Leiche auf einen Scheiterhaufen, worauf man die Asche des Scheiterhaufens, mit der sich die seinige vermischt hatte, in alle vier Winde streute. Noch an dem Abend des Tages, an welchem diese Hinrichtung ganz Neapel mit Schrecken erfüllte, kam ein Brief des Generals Danero, Gouverneurs von Messina, welcher bat, daß man einen unglücklichen Wahnsinnigen, Namens Tommaso Amato, der aus dem Hospitale von Messina entflohen wäre, zurückschicken möchte. So geheim man diesen Brief auch zu halten versuchte, so ward derselbe dennoch bekannt, und ganz Neapel wußte, da die Jakobiner sich beeilten, die Nachricht zu verbreiten, daß die Richter die Aufregung eines Wahnsinnigen für die Ruchlosigkeit eines Atheisten gehalten hatten. Dieser Irrtum, welcher dem Eifer der Richter hätte Einhalt tun sollen, schien denselben im Gegenteil gerade zu verdoppeln. Sie bestimmten, daß die Tribunalsitzungen ohne Unterbrechung fortdauern sollten und daß nur zur Essens- und Schlafenszeit Ausnahmen stattfinden dürften.

Zu derselben Zeit ungefähr war es auch, daß England, welches die Niederlage von Toulon rächen wollte, beschloß, gegen Korsika zu Felde zu ziehen. Das Kabinett von St. James hatte schon seit langer Zeit die Kräfte Paolis erprobt und wußte, daß es auf diesen Mann den seine Landsleute für den Größten hielten, der je in ihrem Lande geboren worden, rechnen könnte.

Die Königin war von diesem Plane durch Sir William Hamilton oder vielmehr durch mich unterrichtet. Es handelte sich nämlich darum, sie dahin zu bringen – und das war nicht schwer – daß sie, dem Vertrage zwischen England und dem Königreiche beider Sizilien gemäß, ihre Truppen mit denen der Engländer vereinigte. Hierauf ließ der König das Gerücht verbreiten, daß er für diese Expedition zehn Millionen aus seiner Privatschatulle gegeben habe, die Königin zeigte sich auf den Promenaden und im Theater mit falschen Diamanten geschmückt und sagte, daß sie ihre echten Edelsteine den Bedürfnissen des Staates geopfert habe. Nelson ward mit der Belagerung von Calvi beauftragt. Eine Kugel, die einige Schritte von ihm in den Boden schlug, schleuderte einen Hagel von Kieseln in die Höhe. Einer dieser Kiesel traf Nelson am linken Auge und schlug es ihm aus. Wenn man wissen will, aus welchem Metalle das Herz dieses rauhen Seemanns bestand, welchem die Kugeln Frankreichs ein Glied nach dem andern abrissen, bis er es endlich, für zwei vernichtete Flotten, bei Trafalgar niederschmetterte, so muß man den Brief lesen, den er noch an demselben Tage, wo er die furchtbare Wunde erhielt, an den Admiral Hood schrieb:

»Mein lieber Lord!

Aus den Nachrichten, die Sie über die Schlacht erhalten haben, ist Ihnen wahrscheinlich nichts von einer allerdings an und für sich sehr unwichtigen Sache bekannt geworden. Es handelt sich nämlich um eine leichte Wunde, die ich heute Morgen erhalten habe, und die leicht sein muß, da ich Ihnen heute Abend noch schreiben kann.

Seien Sie meiner aufrichtigsten Hochachtung und Treue versichert. Horace Nelson

Sir William und ich, wir erhielten auch Nachricht von dieser leichten Wunde, ohne zu ahnen, daß damit der Verlust eines Auges gemeint war. Die Königin, die noch nicht voraussehen konnte, welche Dienste Nelson ihr einige Jahre später leisten würde, nahm dennoch ein gewisses Interesse an dem Vorfalle. Als der König erfuhr, daß Nelson ein Auge verloren hatte, fragte er: »Welches denn?«

»Das linke, Sire,« antwortete man.

»Gut,« sagte er, »das wird ihn also nicht hindern, auf die Jagd zu gehen.« – Schon lange hatte ich, seitdem ich in Neapel war, einen Ausbruch des Vesuvs zu sehen gewünscht und ich hatte Sir William lachend gebeten, daß er, da er so vertraut mit dem Vulkane wäre, diesem doch befehlen möchte, für mich ein tüchtiges Erdbeben hervorzurufen. Mein Wunsch war erfüllt. Am 12. Juni abends kam Sir William und da ich noch bei der Königin war, so holte er mich bei der letzteren ab. »Madame,« sagte er zu mir, nachdem er die beiden Majestäten begrüßt hatte, »ich komme soeben von dem Observatorium. Sie haben einen mit einem Erdbeben verbundenen Ausbruch des Vesuvs gewünscht, und wenn ich den Voranzeigen glauben darf, so werden Sie bald einen sehen und zwar einen sehr schönen.«

»Gut,« rief der König, »weiter fehlte uns nichts!«

»Mein Herr,« sagte die Königin, »es gibt Augenblicke, in denen die Natur an den Ereignissen des menschlichen Lebens teil zu nehmen und mit in den Zorn der Menschen auszubrechen scheint. Sie wissen doch, welche Anzeichen dem Tode Cäsars vorausgingen.« – »Meiner Treu, nein, Madame. Ich habe Sir William einmal von etwas wie von einem Kometen sprechen hören, allein die Kometen sind mir ziemlich gleichgültig, während mir die Erdbeben Furcht einflößen, erstens mir persönlich, wie alle Gefahren, deren Ursache ich nicht vollkommen begreife, und zweitens ruinieren sie mich durch die Wiederherstellungskosten ... Erinnern Sie sich noch, was mich das Erdbeben von 1783 gekostet hat?« – »Ich hoffe, daß Sie im vorkommenden Falle,« erwiderte die Königin, »nicht nach diesem Erdbeben wieder dieselben Torheiten begehen werden, denn wir können jetzt einen besseren Gebrauch von unserem Gelde machen, als es zum Wiederaufbau der Hütten Ihrer Calabreser verwenden.« – »Vielleicht wäre es aber dazu besser angewendet, als daß wir es in einem Krieg gegen Frankreich ausgeben. Frankreich ist ein furchtbarer Vulkan, Madame, der nicht nur die Hütten, sondern die Paläste umstürzt.«

»Fürchten Sie nicht, daß die Jakobiner von Paris Ihnen Caserta und Portici nehmen?« – »O, o!« – Die Königin zuckte die Achseln.

»Sagen Sie, was Sie wollen, Madame,« fuhr Ferdinand fort, »ich fürchte die Jakobiner von Paris mehr als die von Neapel. Zum Teufel! Ich kenne mein Neapel! Ich bin hier geboren und mit drei F mache ich, was ich will.« – »Und welche sind diese drei F?« fragte ich lachend den König. – »Wie, meine liebe Emma,« sagte die Königin, »du kennst nicht den beliebten Wahlspruch des Königs?« – »Nein, Madame.« – »Mit drei F regiert man ganz Neapel: »Forca, Festa, Farina.«. – »Ist dies auch Ihre Meinung, Madame?« fragte ich lachend. – »Meine Meinung ist die, daß zwei F zuviel sind und daß die ›Forca‹ allein genügt.« – »Es droht uns also ein Erdbeben; wenigstens meinen Sie es wohl, Sir William?« – »Ich fürchte es.« – Der König klingelte, ein Diener erschien an der Tür.

»Laß anspannen,« befahl der König.

»Wo wollen Sie denn hin?« fragte Karoline. – »Nach Caserta,« erwiderte Ferdinand. »Und Sie?« – »Ich bleibe hier.« – »Und Sie, Madame?« fragte mich der König. – »Wenn die Königin bleibt, so bleibe ich auch,« erwiderte ich. – »Und Sie, Sir William?«

»Sire, mir ist es gerade recht, dieses Phänomen in der Nähe studieren zu können.« – »Dann studieren Sie, mein Freund, studieren Sie! Zum Glück sind Sie weder korpulent, noch leiden Sie an Asthma wie jener römische Gelehrte, der in Stabia erstickte. ... Wie hieß er nur?« – »Plinius, Sire.« – »Ja Plinius, so hieß er. Nun sagen Sie einmal, ich wüßte nichts vom Altertum, Madame?« – »Ah, mein Herr, wer hat Ihnen denn je einen solchen Vorwurf machen können? Wenn man den Herzog von San-Nicandro zum Lehrer gehabt hat, so weiß man alles.« »Nun, Madame,« sagte der König, »man weiß schon sehr viel, wenn man weiß, daß man nichts weiß. Weil ich anstatt der Intelligenz Instinkt besitze, so ergreife ich die Flucht. Viel Vergnügen, meine Damen! Viel Vergnügen, Sir William!« – Und als der Diener wieder erschien, um zu melden, daß angespannt sei, rief der König: »Hier bin ich!« und eilte hinaus. Einen Augenblick darauf hörten wir das Rollen des Wagens, der Seine Majestät aus Neapel hinwegführte.

 << Kapitel 64  Kapitel 66 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.